Tagebuch Mittwoch, 29. Mai 2019 – Wieder was gelernt

Es regnete zwar ein bisschen, aber ich hatte mir in den Kopf gesetzt, endlich mal wieder mit dem Rad ins ZI zu fahren und nicht die U-Bahn zu nehmen. Ich glaube, mein Po ist über den Winter vollkommen verweichlicht – mein Sattel kam mir noch nie so hart vor! Und Kopfsteinpflaster ist die Hölle! Aber: OMG RADFAHREN SO AWESOME! Hatte ich ganz vergessen, wie schnell man überall hinkommt. Und wie fies aufmerksam man sein muss, um überall hinzukommen. Zuviele Autotüren, zu viele Fußgänger, die nicht kapieren, dass dieses huckelige Handtuch da links von ihnen ein Radweg ist. *hust*

Den Vormittag verbrachte ich dann mit den Jahren 1935 bis 1937 und den Werken, die Protzen in diesen drei Jahren ausstellte. Neben diversen Münchner Katalogen fand ich noch einen aus Berlin (wir haben ja quasi ALLES!), aber einen weiteren Berliner fand ich so gar nicht, auch nicht in anderen Bibliotheken oder in der Fachliteratur, was mich sehr stutzig machte. Soweit zu gehen zu behaupten, dass diese sehr bekannte Ausstellung gar nicht stattgefunden hat, will ich natürlich nicht, aber das verwirrt mich jetzt doch sehr. Freitag wird weitergesucht, heute geht ja feiertagsmäßig nichts.

Einschub. F. so vor ein paar Tagen: „Donnerstag ist Feiertag.“ Ich so: „Den haben wir im Norden auch!“ F. so: „Ich sag’s dir lieber einmal zu oft.“ Isser nicht goldig? Einschub Ende.

Und weil er so goldig ist, schicke ich ihm immer Bilder von der Irschenberg-Auffahrt, der meiner Meinung nach meistgemalten und meistfotografierten Ansicht der Reichsautobahn (hier von Wolf Panizza). Ich finde das Ding todschick, in jeder Perspektive, in jeder Ausführung, aber F. ist nur genervt: „DA STEHT MAN IMMER IM STAU! DU UND DEIN SCHEISS-IRSCHENBERG, WIR FAHREN DA JETZT HIN, DANN HAT DAS EIN ENDE!“ Gnihi.

Nach fast fünf Stunden war ich noch nicht mal mit 1937 fertig, denn um den größten Brocken, die Große Deutsche Kunstausstellung, drückte ich mich, obwohl da nur zwei Bilder von ihm hingen. Aber mein Kopf hatte keine Lust mehr, ich setzte mich wieder aufs Fahrrad. (Aua!)

Ich radelte zur Stabi, wo noch ein Buch im Lesesaal auf mich wartete, das ich völlig vergessen hatte. Netterweise schreibt die Stabi einem Mails, wenn man Bücher zurückgeben muss, und so erfuhr ich, dass dort seit Wochen was für mich lag. Natürlich ein Buch für das Autobahnkapitel, das ich brav und diszipliniert hintenan gestellt hatte, weil ich erstmal Biografie und Ausstellungen fertig kriegen will.

Ich zückte meinen neuen Bibliotheksausweis und ging zu Regal 40 im Lesesaal. Im Regal 40 hatte ich unten bei der Abholung für Bücher außer Haus schon einiges für mich gefunden, musste hier nun aber feststellen, dass nichts für mich da war. Ich guckte verwirrt nochmal in mein altes Regal (miss you, 32!), weil ich dachte, vielleicht hatte ich das noch auf die alte Karte ausgeliehen, aber da lag auch nichts. Wie ein Erstsemester schlich ich zur Information, wo man mir, wie wahrscheinlich schon 20.000 anderen erklärte: Nee, für den Lesesaal gilt diese Nummer hier auf dem Ausweis, das ist das gleiche Regal wie in der Unibibliothek, ja, Sie haben jetzt in der Stabi zwei Regalnummern. Auf diese sinnlose Idee war ich nicht gekommen, aber nun gut: Regal 19 it is. … Wo zum Teufel ist Regal 19? … Ach, da hinten geht das noch weiter? … Hallooooo? … Ein Lämpchen flackerte über mir auf, als ich in den Tiefen des Magazins verschwand und endlich vor Regal 19 stand, wo auch das Buch mit meinem Ausleihzettel lag.

Ich las ein bisschen NS-Propaganda, was man halt so macht, fand ein paar schöne Zitate, klappte das Buch zu und gab es zurück.

Dann ging ich in den Lesesaal für Karten, Musik und noch irgendwas, in dem bin ich auch äußerst selten und muss auf den Hinweisschildern im ersten Stock immer gucken, ob ich nach links oder rechts muss, weil auf beiden Seiten Lesesäle sind, in denen ich äußerst selten bin. Hier suchte ich erst gar nicht nach der Signatur, die ich mir notiert hatte, sondern fragte gleich die Information, wo ich denn alte Adressbücher aus München finden könnte. Denn den Tipp hatte ich gestern auf Twitter erhalten, um die Bormanns vielleicht ausfindig zu machen: In alten Adressbüchern standen immer alle Bewohner*innen eines Hauses im Straßenverzeichnis – vielleicht wäre da was zu finden? Der freundliche Herr an der Infotheke schickte mich ganz nach oben unter die Decke des hohen Raums; ich kletterte mutig zwei schmale Treppen hoch und bemühte mich, bloß nicht nach unten zu gucken. Aber der Aufstieg lohnte sich. Protzens Frau Henny (Henriette) lebte bis 1967 (er starb schon 1956), und im Adressbuch für 1969 fand ich unter ihrer Adresse die Bewohner „Henr. Protzen Erben“, keine Namen. Aber: 1970 dann. „Albert Bormann, kaufm. Angestellter (Henr. Protzen Erben)“. Und 1978 dann noch weitere Namen, die vermutlich Ehefrau und Sohn sind, während ich einen weiteren weiblichen Namen noch nicht zuordnen kann (Mutter der Ehefrau? Verlobte des Sohns?). Egal. 1979 war übrigens aus Henr. Henrik geworden, was ich total anprangere. Geschichtsverfälschung in Adressbüchern! Ein Riesending!

Ich habe jetzt also die ziemliche Gewissheit, dass der Herr Bormann a) das Haus von Henny geerbt und nicht gekauft hat und b) dass er Nachkommen hatte. Die vielleicht inzwischen weitere Nachkommen haben und wenn ich richtig Glück habe, wohnen die da sogar noch. Ich formuliere mal einen Brief mit einem Anliegen und fahre nach München-Gern.

Nach Hause geradelt (aua!), eingekauft und dann ein bisschen spazierengegangen. Ich habe in den letzten Tagen anscheinend wieder dauernd doof und unaufmerksam gesessen, dann tun mir die Knie weh, und ich muss gehen, denn wenn ich gehe, tun mir netterweise die Knie nicht weh. Mir wäre es lieber, wenn mir die Knie nicht weh tun, indem ich auf der Couch rumliege, aber man kann ja nicht alles haben.

Dem Lieblingsgrab auf dem Alten Nordfriedhof mal wieder einen Besuch abgestattet.

Und dann wieder was gelernt, was ich natürlich total uneigennützig weitergebe. Ein paar Meter neben diesem Grab ist folgendes, wo Münchner Künstler anderen Malern anscheinend eine Gedenktafel gestiftet haben:

Die linke Figur trägt einen Schild mit drei weiteren Schilden drauf:

Und genau die hatte ich in den letzten Monaten dauernd gesehen. Hier zum Beispiel:

Oder hier:

Der Profi erkennt natürlich sofort die braunen Unterlagen des Kunstarchivs Nürnberg, wo ich diese Fotos gemacht habe. Das Titelbild des letzten Katalogs hat übrigens der ausgebildete Gebrauchsgrafiker Protzen gestaltet.

Erst gestern, als ich die Gedenktafel sah, fiel mir das Motiv auf. Ich googelte nach dem Spaziergang zuhause nach, weil ich dachte, vielleicht wäre das so ein München-Ding, aber nein: Die drei Schilde sind ein uraltes Wappen für die Malerzunft. Und schon habt ihr wieder ein bisschen Smalltalkfutter für die nächste Party.

Nebenbei mag ich es sehr gern, dass die kleine Figur nicht ganz zentral auf ihrem Podest steht, sondern leicht nach links verschoben, damit der Schild theoretisch noch in den vorhandenen Raum passt – was er aber dann doch nicht tut und den Rahmen leicht überragt.

Den Feierabend mit einem Kilo Kirschen verbracht und den ersten Folgen Six Feet Under. Das Ding ist schon von 2001? Jessas. Aber: sehr gut gealtert! Kann man noch hervorragend gucken.