Tagebuch Montag/Dienstag, 27./28. Mai 2019 – Wissenschaft vor Datenschutz?

Montag sollten mal wieder Kundenkorrekturen kommen, die aber nicht kamen. Ins ZI war ich deshalb vorsorglich nicht gefahren, denn da lese ich mich ja bekanntlich immer stundenlang fest. Daher saß ich eh am Schreibtisch und beschäftigte mich einfach mal mit dem ganzen Papierkram, den ich von meinen Eltern mitbekommen habe, der jetzt mein Job ist und nicht mehr ihrer. Ich konnte es verhindern, mit Menschen zu telefonieren, sondern schrieb Mails, die zügig beantwortet wurden. So kann ich arbeiten.

Auch am Dienstag kamen keine Korrekturen, und so guckte ich einfach mal auf der Seite der Stadtverwaltung nach, wie das denn neuerdings mit der Online-Terminvereinbarung bei Behörden läuft.

Vom Herrn Protzen besitze ich, wie bereits mal erwähnt, ein selbst angelegtes Werkverzeichnis – aber nur als Scan einer 40 Jahre alten Kopie. Die Kopie liegt entweder bei den Pinakotheken oder im Bayerischen Hauptstaatsarchiv, wo die Bayerische Staatsgemäldesammlung 2017 einen Teil ihres Archivs hingeschafft hat, damit es öffentlich zugänglich ist. Dafür danke! Mich interessieren aus dem Bestand natürlich vor allem die Unterlagen zu den Überweisungen aus Staatsbesitz, denn da dürfte auch noch was über Protzen zu finden sein.

Ob da auch die Werkverzeichniskopie liegt, weiß ich noch nicht; die gehört zu einem Aktenbestand zur Gedächtnisausstellung für den Herrn und seine Frau Henny Kundmüller-Protzen, die beide 1976 von der Staatsgemäldesammlung und der Städtischen Galerie im Lenbachhaus ausgerichtet bekommen haben als Gegenleistung für den Erhalt des Nachlasses, der direkt nach der Ausstellung zackig ins Kunstarchiv abgeschoben wurde. Im Archiv des Lenbachhauses war ich schon und fand schöne interne Korrespondenz darüber, wie wenig beide Häuser Lust auf diese Ausstellung hatten. Entweder liegt dazu auch noch Kram bei den Pinakothen (habe ich noch nicht explizit angefragt) oder es ist alles im Hauptstaatsarchiv.

Das Werkverzeichnis im Original dürfte da aber auch nicht zu finden sein. Aus dem Lenbachhaus-Archiv weiß ich, dass es zur Zeit der Ausstellung im Besitz von Albert Bormann war, der interessanterweise auch zu der Zeit das Haus des Malerpaars in München-Gern bewohnte. Daher gehe ich von mindestens einer gewissen freundschaftlichen Verbindung aus. Oder von einem irren Zufall, aber daran glaube ich nicht. Im Nachlass der Protzens liegt auch ein Gästebuch, das zwischen 1926 (dem Bau des Hauses) und den 1950er Jahren geführt wurde, da werde ich seinen Namen noch suchen als Beleg.

Aber erstmal würde mich interessieren, ob der Mann Erben hat, die eventuell nun das Werkverzeichnis besitzen. Denn wie Scans von Kopien halt sind: So irre leserlich sind sie nicht. Die meisten Werktitel kann ich entziffern, weil ich die Fotoalben der Gemälde habe, die ebenfalls mit Titeln beschriftet sind, aber viele Anmerkungen, Kürzel oder Ziffern sind teilweise schwer lesbar oder zuzuordnen. Manchmal ergeben sie sich aus dem Zusammenhang: So basteltete ich letzte Woche an einigen Ausstellungen rum und konnte nun Bilder einem Ort und einer Zeit zuordnen. Und wenn ein Bild mit „Gr. Mü“ bezeichnet wurde, weiß ich jetzt, dass das die „Große Münchner Kunstausstellung“ ist und das „Glp“ mir zeigt, dass dieses Bild im Glaspalast gehangen hat. Beim Brand 1931 verlor Protzen acht Bilder, auch diese Werke sind gekennzeichnet: „verbrannt Glaspalast 1931“.

Aber wo das Originalheft ist, weiß ich eben nicht, und daher hoffe ich auf Erben. Ich hatte im Internet schon rausgefunden, dass man eine „erweiterte Melderegisterauskunft“ beantragen kann, auch online. Aber da würde ich nicht mehr erfahren als das, was ich schon weiß. Also dachte ich mir, fährste doch einfach im Bürgerbüro vorbei und fragst nach, wo du die Infos herkriegst, die eine Melderegisterauskunft übertreffen. Dazu machte ich, wie vor fünf Absätzen angedeutet, um halb neun einen Termin für zehn Uhr, frühstückte entspannt und setzte mich in die U-Bahn. Ich wusste durch die Rückmeldung der Stadt auch gleich, wo ich warten musste, suchte die entsprechende Wartezone, die gut ausgeschildert war und guckte auf den Monitor, auf dem die Wartenummern aufgerufen wurden. Ich hatte 305, auf dem Bildschirm erschien gerade, um zehn vor zehn, die 130, was mich etwas verwirrte. Erst nachdem ich länger den lustigen Zahlen zugeschaut hatte, merkte ich, dass die Nummer nicht in aufsteigender Reihenfolge angezeigt wurden, sondern vermutlich so, wie sie vergeben wurden: manche online, manche hier vor Ort. Das verwirrte etwas, weil ich nicht mehr abschätzen konnte, wie lange denn die Wartezeit betragen würde, weil ich nie wusste, welche Zahl als nächstes kam, aber: Um fünf nach zehn leuchtete mein Nümmerchen auf. Gutes Zeitmanagement.

Die freundliche Dame sagte mir, sie dürfe mir nicht mehr sagen als vorgesehen, aber vielleicht wüsste die Auskunftsgruppe mehr? Ich wusste nicht, was das war, ließ mir aber den Weg beschreiben, bedankte mich und suchte. Nachdem ich schon in der Nebenstraße war und es stärker zu regnen begann, knickte ich ein und ging wieder ins Hauptgebäude zum Informationsschalter. Die zwei Angestellten konnten mit dem Namen „Auskunftsgruppe“ auch nichts anfangen, fragten aber, worum es denn ging, ich erzählte von Herrn Bormann, woraufhin sie mich ins Standesamt schickten, immerhin schon mit der Ansage, sie wüssten nicht, ob ich auskunftsberechtigt wäre. Im Standesamt fragte ich wieder an der Information, welcher Raum denn für mich zuständig sein könnte, wurde irgendwo hingeschickt, wo mir wiederum zwei Menschen sagten, dass sie mir diese Info leider nicht geben könnten, nur das, was als erweiterte Melderegisterauskunft da wäre. Weil Datenschutz. Aber wissen Sie was, fragen Sie doch mal oben bei der Urkundenausstellung, vielleicht können die was machen. Also drei Stockwerke hoch, Wartenummer ziehen, und dann stand ich vor der einsilbigsten städtischen Angestellten ever, die mir im Prinzip sagte, dass ich Angehörige sein müsste, um rauszufinden, ob der Herr Bormann Angehörige habe. Äh. Nun. Ich hatte gehofft, dass berechtigtes wissenschaftliches Interesse den Datenschutz aushebeln würde, aber nö. Auch mein Angebot, mit einem Schreiben der Uni wiederzukommen, wo bestätigt würde, dass ich keine verwirrte Nazistalkerin wäre, sondern eine reizende, neugierige Doktorandin, wurde schmallippig abgelehnt. Mist.

Wie gut, dass es Twitter gibt, wo einem noch sinnvolle Tipps gegeben werden. Denn bevor ich ernsthaft selbst zur Adresse der Protzens fahre, gucke, wer heute in diesem Haus wohnt und einen höflichen Brief in den Kasten schmeiße, in dem die Frage steht, ob die jetzigen Bewohner vielleicht einen der früheren kennen würden oder wüssten, wo sich sein Erbe befindet, frage ich erstmal Twitter. Deswegen werde ich (vermutlich) heute in der Stabi sitzen und alte Adressbücher durchblättern, die dort rumstehen, wie ich seit gestern weiß, und in ein paar Tagen ein paar Bücher über den Bruder Martin Bormann abholen.

Zum Spaß wühlte ich online noch im Bundesarchiv in Berlin rum, aber dort fand sich nichts Persönliches zu Bormann, sondern nur Berufliches. Aber das wäre auch ne schöne Doktorarbeit!

Ganz nach vorn

Der Spielbeobachter hat sich angeguckt, wie Union Berlin den Aufstieg in die erste Bundesliga schaffte. Also mehr oder weniger angeguckt.

„Beste Heimmannschaft der zweiten Liga. Beste Defensive der zweiten Liga. Nur elf popelige Tore kassiert zu Hause, da muss der Gomez Mario erst mal dran vorbei. Und wir haben Rafał. Der kann allen Gegnern den Ball vom Fuß zaubern, nur mit der Kraft seiner Augen. Und seinen Mitspielern brennt er die Angst weg, auch mit seinem Blick.

Die Gedanken in den Köpfen sind ein wild zuckendes Hin und Her, zu flüchtig um sie zu artikulieren, eben noch bei der Packung, die gleich kommen wird, jetzt schon beim gloriosen Triumph, der auf uns wartet, als wir das Stadion betreten. Früher als sonst, wir können es nicht abwarten, wir wollen da jetzt hin, lasst das Spiel endlich beginnen, wir platzen sonst. Es ist nicht weniger als ein medizinischer Notfall, dass dieses verdammte Spiel sofort beginnt und sofort beendet wird, wie auch immer.“