Tagebuch, Donnerstag, 26. Mai 2016 – Grummelig

Feiertag in Bayern. Das kriege ich ja nur mit, weil die Bibliotheken geschlossen haben. *quengel*

Grummelte immer noch über die Note fürs Geschichtsreferat. Fucking 2,0. Das ist die mieseste Note im ganzen Studium; die hatte ich bisher nur einmal in einer Hausarbeit, auch Geschichte, im fünften Semester, sonst alles besser. Fucking 2,0. Habe versucht, es durch bockige Produktivität wieder wettzumachen („Dann werden die anderen drei Referate halt super!“). Hat einigermaßen gut geklappt, ich habe viel geschafft. War abends trotzdem weiterhin grummelig.

Sehr, sehr viel Ostfriesentee getrunken. In den kippe ich grundsätzlich Milch, aber gestern gönnte (Scheißwort, ich komme gleich noch mal darauf zurück) ich mir auch noch Zucker in die Tasse. Ich bin bereits als Kind darauf gedrillt worden, dass Zucker DAS BÖSE ist, weswegen ich jahrelang bitteren Süßstoff in alles gekippt habe. Und auch heute zucke (haha) ich zusammen, wenn ich es wage, in den Milchkaffee noch Zucker zu kippen, der ist ja schließlich schon durch die Milch etwas lieblicher, und muss das denn sein, und braucht’s das denn, und reiß dich mal zusammen, und zack! ist die ganze Scheiße wieder da, übers Essen nachzudenken, wenn man doch einfach nur einen Kaffee trinken will. Das geht anscheinend nicht mehr weg. Ich fühlte mich gestern jedenfalls total rebellisch, als ich ein winziges Löffelchen Zucker in die große Tasse löffelte. Es schmeckte natürlich ganz wunderbar, aber so richtig genießen konnte ich es nicht.

Ich hasse das alles so sehr.

Auch heute morgen grummelig gewesen, aber eher traurig-grummelig als bockig-grummelig. Einen gefühlt ewig langen Traum gehabt, in dem ich drei Beziehungen gleichzeitig verarbeitete und wo ich zum Schluss zwei Rucksäcke und mehrere Plastiktüten mit Erinnerungen in meinen Fahrradkorb packte und wieder zu meinen Eltern zog. Über eine Stunde nach dem Aufwachen im Bett liegen geblieben und darüber nachgedacht.

Tagebuch, Mittwoch, 25. Mai 2016 – Kindheitsreferat

Mpf. 2,0 für die bürgerlichen Familienfeste im 19. Jahrhundert. Ich war selbst auch nicht so recht zufrieden, aber aus anderen Gründen als der Dozent. Was ihm hauptsächlich nicht gefallen hat, war die Einbindung meiner Quellen ins Referat, was schließlich den Ausschlag zur 2,0 gegeben hat; er hatte kurz zur 1,7 rübergeschwankt, wie er meinte.

Mein Thema im Seminar „Kindheit und Jugend im 19. Jahrhundert“ lautete „Familienfeste von der Wiege bis zur Bahre“. Ich beschränkte mich hauptsächlich aus Zeitgründen auf das Bürgertum, aber auch, weil das etwas exaltierter feierte als die eher mittellose Arbeiterschaft oder Bauern und Bäuerinnen. Als ich mit der Arbeit begann, musste ich mir erstmal klar darüber werden, über welche Feste ich schlussendlich referieren wollte und wie meine Leitfrage lautete. Nach dem üblichen wochenlangen Rumlesen landete ich bei „Inwiefern spiegeln Familienfeste im 19. Jahrhundert die neue Selbstwahrnehmung des Bürgertums wider?“. Dementsprechend dröselte ich erstmal auf, wie sich das Bürgertum denn neuerdings so wahrnimmt, um dann diese einzelnen Punkte anhand der Feste abzuklopfen.

Meine Stichworte waren Individualität, Stolz auf eigene Bildung und Besitz (daher die Begriffe Bildungs- und Besitzbürgertum), Religion als Privatangelegenheit, Rückzug ins Private, Familie als Gemeinschaft, Emotionalität sowie eine neue Eltern-Kind-Beziehung.

Schon während der Aufklärungszeit begannen sich Menschen als Individuum wahrzunehmen und nicht mehr nur als Teil einer Schicht oder Klasse. Individuelle Eigenschaften wurden gefördert, im 19. Jahrhundert dann auch bei Kindern, was einen Wechsel im Erziehungsstil nach sich zog, eher fördernd-verständnisvoll als strafend (Achtung, ich verallgemeinere in diesem Blogeintrag sehr, sonst wird eine Dissertation daraus). Die Erziehungsratgeber wandten sich interessanterweise nun vermehrt an (bürgerliche) Frauen anstatt an Männer, die bisher die Zielgruppe waren.

Das Bürgertum grenzte sich als Gruppe nach oben vom Adel und nach unten von Arbeiter*innen und Bäuer*innen ab; man war stolz auf den selbst erarbeiteten Besitz in Abgrenzung zum Adel, der qua Geburt vermögend war, und man war stolz auf die Bildung, die man sich dadurch leisten konnte (Schulgeld, Privatlehrer*innen etc.). Bildung war dann auch eher der Kompass im Leben, wodurch die Religion etwas zurückgedrängt wurde. Im 19. Jahrhundert festigte sich die eher säkulär geprägte Gesellschaft; die Entkirchlichung hatte zwischen 1845 und 1875 ihren Tiefpunkt erreicht, wenn man Abendmahls- oder Kommunionshäufigkeit als Maßstab ansetzt. Das Bürgertum sah Religion eher als eine Art moralische Verpflichtung an, die sich zum Beispiel in Mitgliedschaften in wohltätigen Vereinen oder Stiftungen für Arme und Waisen zeigte. Generell entzog sich das Bürgertum mehr und mehr dem Staat und der Kirche und legte großen Wert auf die neu entstandene – und neu geschätzte – Privatsphäre. Das eigene Heim, die eigene Familie waren der soziale Mittelpunkt. Familie war nun mehr als die seit Jahrhunderten bestehende Versorgungsgemeinschaft, in der jedes Familienmitglied frühestmöglich zum gemeinsamen Überleben beitragen musste. Familie zeigte sich nun eher durch emotionale Bindungen.

Wobei Rebekka Habermas für mich sehr nachvollziehbar anmerkt, dass wir diese neuen Familienstrukturen nur durch Schriftzeugnisse oder Bildnisse kennen. Diese entstanden vielleicht unbemerkt in der Absicht, genau diese Emotionen zu transportieren, weil man als Bürger oder Bürgerin wusste, dass sie von einem erwartet wurden. Auch die angeblich neue Eltern-Kind-Beziehung zweifelt Habermas an; sie spricht eher von einer veränderten Qualität. Während im Mittelalter und der frühen Neuzeit Eltern und Kinder aufeinander angewiesen waren, konnten sich bürgerliche Eltern nun „bedürfnislos“ an ihre Kinder wenden; diese mussten nicht mehr arbeiten, um zum Familienunterhalt beizutragen und wurden nicht mehr aufgezogen, um die Eltern im Alter zu pflegen. Kindern wurde eine eigene Persönlichkeit und ein eigener Lebensweg zugestanden; man sah sie nicht mehr als unfertige Erwachsene an, sondern erkannte Kindheit als einen ganz speziellen Lebensabschnitt, der anders zu gestalten war als die Jugend oder das Erwachsensein. (Ich wiederhole mich: Ich rede über den winzigen Bevölkerungsausschnitt des Bürgertums. In den eher mittellosen Schichten sah das bis in das 20. Jahrhundert hinein anders aus.)

Im Referat wollte ich nun diese bürgerlichen Eigenschaften daraufhin abklopfen, ob sie sich in den Familienfesten widerspiegeln. Dazu besprach ich kurz den Forschungsstand der Festforschung (things I learned: Es gibt Festforschung) und ging dann auf fünf Etappen aus Kindheit und Jugend ein, die festlich begangen wurden: Geburtstag/Namenstag (ev./kath.), Konfirmation/Kommunion, Hochzeit als letzte Etappe der Jugend, bevor man offiziell als erwachsen galt, Beerdigung sowie als Exkurs Weihnachten als das zentrale Familienfest des 19. Jahrhunderts.

Den eigenen Geburtstag feierte man im Bürgertum bereits um 1800 herum; davor feierte ihn eher der Adel und nutzte ihn zu Loyalitätsbekundungen der Untergebenen. Viele Schichten feierten ihn nicht, schlicht aus dem Grund, weil man das eigene Geburtsdatum nicht kannte. Dass Kindergeburtstage gefeiert wurden, war neu; die Kindersterblichkeit ging erst um 1870 signifikant zurück, davor war vor allem das erste Lebensjahr eins der gefährlichsten; wenn Kinder vor ihrem 18. Geburtstag starben, dann zum allergrößten Teil bereits im ersten Lebensjahr. Deswegen nannte man die Geburtstagsgeschenke zum 1. Geburtstag auch Pockengeschenke. Dieser Begriff bestand bereits zwischen Erwachsenen, die sich zu einer überstandenen schweren Krankheit beglückwünschten. Beschenkt wurden Kinder gerne mit pädagogisch Wertvollem; das Bürgertum schenkte oft Bücher, auch um auf den Bildungsstand des Schenkenden hinzuweisen. Für Geschenke bedankte man sich meist schriftlich; Susan Baumert nennt dies ein „Ratifizierungsritual“, das auf die Verbindung (familiär, emotional) zwischen Schenkendem und Beschenktem hinweist. Geschenke waren geschlechtercodiert; es entstand Kinderliteratur, die sich an Jungen oder Mädchen wandte, Mädchen bekamen Puppen, Jungs eher Zinnsoldaten. Für mich persönlich interessant: Den Geburtstagskuchen gibt es auch seit ungefähr 1800.

Beim Komplex Kommunion/Konfirmation ging ich vor allem auf die Kleidung ein. Zu diesem Fest trugen bürgerliche Kinder meist neue Kleidung, die ihnen oft von den Paten geschenkt wurden – ein nicht unbeträchtlicher finanzieller Aufwand, den sich viele weniger gut gestellte Familien nicht leisten konnten. In Autobiografien aus der Zeit wird gerne über Pannen im Gottesdient geschrieben, aber vor allem über die Kleidung, entweder über den Stolz auf das neue Tuch oder den Schmerz und die Scham darüber, dass man in geliehenen oder geflickten Stücken vor dem Altar stehen musste. Was mir auffiel, war die neue Mode des weißen Kleidchens für Mädchen, das gerne mit einem Schleier kombiniert wurde. Im 19. Jahrhundert setzte sich das weiße Brautkleid durch, das davor dem Adel vorbehalten gewesen war. Ich fand es auffällig, dass sich die Kommunionskleidung plötzlich an der Hochzeitskleidung orientierte und frage mich seitdem, ob das schon ein Vorgeschmack auf die erwartete Rolle als Ehefrau und Mutter für das bürgerliche Mädchen war. Zur Erinnerung: Erst im 19. Jahrhundert und eben im Bürgertum setzte sich diese Trennung zwischen Männern, die aus dem Haus gehen, um für Geld zu arbeiten, und Frauen, die nun zuhause blieben und sich um Heim und Familie kümmerten, durch. Davor war der eigene Wohnraum, der meist aus nicht mehr als aus einem Raum bestand, sowohl Arbeitsplatz als auch Wohnstätte, und beide Geschlechter kümmerten sich um das finanzielle Überleben und die Erziehung der Kinder (daher mein Hinweis oben, dass nun fast ausschließlich Frauen die Zielgruppe der Ratschlagenden waren).

Beim Komplex Beerdigungen und Trauerfeier fand ich es aus kunsthistorischer Sicht spannend, auf neu gestaltete Grabsteine hinzuweisen. Erstens entstanden üppige Familiengräber, die wir heute noch in ihrer massigen Anlage bestaunen können. Dabei wurden gerne Porträtbüsten oder Medaillons eingesetzt, was die Individualität der Verstorbenen nochmals heraushebt. Auch künstlerisch wurde sich erst im 19. Jahrhundert mit dem Kindstod auseinandergesetzt; es kam in Mode, Trauerkleidung auch für gestorbene Kinder anzulegen, sie also auch öffentlich und emotional zu betrauern. Das neue Medium der Fotografie wurde nicht nur dafür genutzt, ein Kommunionsbild zu erstellen, sondern auch, um gestorbene Kinder zu fotografieren, um ein Andenken zu behalten.

Weihnachten war das Familienfest schlechthin. Aus einem Fest für ein Kind wurde nun das Fest der Kinder. Im ersten Drittel des Jahrhunderts kam der Weihnachtsbaum in Mode, ab 1871 stand er auch in kleinbürgerlichen Familien, nachdem offiziell angeordnet worden war, ihn in Lazaretten und Kasernen aufzustellen. Der religiöse Hintergrund war genau das: ein Hintergrund; man ging zum Gottesdienst, aber das war nur ein Teil eines aufwendigen Drehbuchs, das die ganze Feier zu einem Ritual familiärer Festlichkeit werden ließ. Diese Rituale feiern wir heute noch (da kann jetzt jede/r von euch mal kurz in sich gehen und das überprüfen): Baumschmuck und Krippe wurden vererbt und bewusst weitergenutzt, es gab klare Ansagen, wer schmückt den Baum, wer entzündet die Kerzen, was wird gegessen, wann wird es gegessen, wann gibt es Geschenke etc.

Als kleinen Exkurs im Exkurs sprach ich über „Weihnukka“, also die Verbindung von Weihnachten und Chanukka. Viele deutsche Juden und Jüdinnen waren Teil des Bürgertums, und da sich Weihnachten immer mehr von seinem religiösen Fundament löste, stellten schließlich auch jüdische Bürger*innen Weihnachtsbäume auf und beschenkten ihre Familien. Bereits 1859 sah sich das Jüdische Volksblatt genötigt, das Aufstellen von Weihnachtsbäumen zu rügen und versuchte, Chanukka wieder stärker ins Bewusstsein zu rufen. Ich fand es spannend zu sehen, dass vielen Jüd*innen die offensichtliche Zugehörigkeit zum Bürgertum wichtiger war als die Religion. Manche feierten jüdische Feste auch deshalb nicht mehr, weil sie ihnen ihre „Andersartigkeit“ (ich benutzte das Wort sehr vorsichtig) bewusst machte.

Zum Schluss zog ich natürlich das Fazit, dass sich alle bürgerlichen Merkmale in unterschiedlicher Ausprägung in den Festen wiederfinden, vor allem die zelebrierte, emotionale Gemeinschaft. Meine Quellen waren Ausschnitte aus zwei Biografien sowie eine Karikatur aus dem Schlemiel, wo ein jüdischer Junge unter dem Weihnachtsbaum eine Menorah als Geschenk vorfindet. Ich nutzte diese Quellen als Beleg für meine Argumentation, legte aber mehr Wert auf viele weitere Details, die ich hier nicht aufgeschrieben habe, um meine These zu belegen. Der Dozent wünschte sich eine bessere Kontextualisierung und eine eher umgekehrte Vorgehensweise: also mit der Quelle beginnen und daran das Argument entwickeln anstatt umgekehrt.

Das hat jetzt echt bis zum zweiten Mastersemester gedauert, bis mir klar geworden ist, was ich in Geschichte eigentlich machen soll. Nämlich genau das, was ich auch in Kunstgeschichte mache: vom Werk ausgehen und daraus eine Theorie entwickeln. Herrgottnochmal. Ich setze mich in KuGi doch auch nicht vor einen Berg Sekundärliteratur, denke mir ein hübsches Argument aus und suche dann nach Bildern, die in dieses Argument passen! Nee, ich mache das natürlich genau andersherum.

Für meine Hausarbeit werde ich jetzt also ein paar (Dutzend) Frauenbiografien querlesen und hoffentlich eine finden, an der ich den ganzen Sermon da oben schön nachweisen kann. Das ist zwar in diesem Fall immer noch die verkehrte Reihenfolge, aber der Dozent war mit meiner Frage und der Antwort darauf zufrieden und empfahl mir, das auch für die Hausarbeit beizubehalten.

Literatur (Auswahl):

Baumert, Susan: Bürgerliche Familienfeste im Wandel. Spielarten privater Festkultur in Weimar und Jena um 1800, Frankfurt am Main 2014.
Budde, Gunilla: Auf dem Weg ins Bürgerleben. Kindheit und Erziehung in deutschen und englischen Bürgerfamilien 1840–1914, Göttingen 1994.
Gestrich, Andreas: Geschichte der Familie im 19. und 20. Jahrhundert, München 1999.
Habermas, Rebekka: Frauen und Männer des Bürgertums. Eine Familiengeschichte (1750–1850), Göttingen 2000.
Hölscher, Lucian: „Die Religion des Bürgers. Bürgerliche Frömmigkeit und protestantische Kirche im 19. Jahrhundert“, in: Historische Zeitschrift 250 (1990), S. 595–630.
Kocka, Jürgen: „Obrigkeitsstaat und Bürgerlichkeit. Zur Geschichte des deutschen Bürgertums im 19. Jahrhundert“, in: Hardtwig, Wolfgang/ Brandt, Harm-Hinrich (Hrsg.): Deutschlands Weg in die Moderne. Politik, Gesellschaft und Kultur im 19. Jahrhundert, München 1993, S. 107–121.
Martin-Fugier, Anne: „Riten der Bürgerlichkeit“, in: Perrot, Michelle (Hrsg.): Geschichte des privaten Lebens, Band 4: Von der Revolution zum Großen Krieg, Frankfurt/Main 1992, S. 201–266.
Maurer, Michael: „Feste in Geschichte und Gegenwart. Aspekte, Beispiele, Perspektiven“, in: Erwägen, Wissen, Ethik 19 (2008), S. 210–222.
Richarz, Monika: „Weihnukka. Das Weihnachtsfest im jüdischen Bürgertum“, in: Kat. Ausst. Weihnukka. Geschichten von Weihnachten und Chanukka, Jüdisches Museum Berlin, 28.10.2005–29.01.2006,
Berlin 2005, S. 86–99.
Schulz, Andreas: Lebenswelt und Kultur des Bürgertums im 19. und 20. Jahrhundert, 2., um einen Nachtrag erw. Aufl., Berlin/München/Boston 2014.
Soénius, Ulrich S.: Wirtschaftsbürgertum im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Die Familie Scheidt in Kettwig 1848–1925, Köln 2000.
Ungermann, Silvia: Kindheit und Schulzeit von 1750–1850. Eine vergleichende Analyse anhand ausgewählter Autobiographien von Bauern, Bürgern und Aristokraten, Frankfurt am Main 1997.
Weber-Kellermann, Ingeborg: Die deutsche Familie. Versuch einer Sozialgeschichte, Frankfurt am Main 1996.

Ein spielerisches Dankeschön …

… an Dominic, der mich mit Stephan Thomes Gegenspiel überraschte. Den Vorgänger Fliehkräfte habe ich ausnehmend gern gelesen – und das Spannende an Gegenspiel ist jetzt, dass es die gleiche Geschichte noch mal erzählt, nur aus einer anderen Perspektive. Vielen Dank für das Geschenk, ich habe mich sehr gefreut.

Tagebuch, Montag, 23. Mai 2016 – Archivarbeit und Alles wird gut

Ich war am vergangenen Freitag im Stadtarchiv Rosenheim, dessen Bestände man teilweise online durchsuchen kann. Wie toll das ist, merkte ich, als ich am Wochenende versuchte, die Münchner Bestände zu durchsuchen, denn das ist leider nicht möglich.

In Rosenheim ließ ich mir eine Sammelmappe herauslegen (Archivsprech: ausheben), in der Zeitungsausschnitte zu Leo von Welden gesammelt wurden. Ein Fest, denn darauf war ich noch gar nicht gekommen, mal strunzdumm zu gucken, ob Ausstellungen von ihm irgendwo besprochen worden waren – manchmal wurden dort nämlich Werke abgebildet, die ich in keinem Katalog gefunden hatte. In den diversen Zeitungsausschnitten fand ich sogar Berichte zu Ausstellungen, die in der einzigen Monografie über ihn (2008) nicht verzeichnet sind. Dazu lag in der Mappe ein Redemanuskript zu einer Ausstellungseröffnung (leider undatiert, aber das konnte ich halbwegs zweifelsfrei zuordnen), in dem einige moderne Werke von Weldens positiv angesprochen wurden – also genau die Werke, die ich immer noch nicht kenne. Eine Preisliste war ebenfalls undatiert, und ich weiß auch nicht, vom wem sie stammt (der Ehefrau? der Tochter? der Galerie Rosenheim?), aber da sich fast alle Artikel in den 1960er Jahren abspielen, tippe ich auch hier auf diese Zeit.

Generell fand ich meine erste Archivarbeit sehr spannend, weil ich es toll fand, in alten Originaldokumenten rumzuwühlen, auch wenn es fast ausschließlich aufgeklebte Zeitungsausschnitte waren. Ich durfte leider nichts fotografieren, aber immerhin konnte ich ein paar Blätter kopieren. In einem Artikel von 1995 fand ich eine als Zitat gekennzeichte Phrase wieder, deren Ursprung mir immer noch nicht klar ist, die aber auch zur Legende des „entarteten“ Künstlers passte: Angeblich wurde ihm in Freiburg mal bescheinigt, sich künstlerisch eher mit „Untermenschen“ zu befassen, daher wolle man ihn nicht ausstellen. Dass er zeitgleich in Köln, Stuttgart, Berlin und München hing, reichte anscheinend nicht als Gegenbeleg. Ich frage mich, ob diese Hinweise bewusst ausgelassen wurden bei seiner Heldenerzählung oder ob sie schlicht nicht bekannt waren. Letzteres kann ich mir kaum vorstellen, denn mich als absoluten Newbie auf diesem Gebiet hat es ungefähr drei Wochen gekostet, um an diese Infos zu kommen; dass die Leute, die sich schon viel länger mit ihm befassen, das nicht mitkriegen, scheint mir unwahrscheinlich.

Ich verstehe diese Intention des Verschweigens nicht. Dass direkt nach 45 angeblich alle im Widerstand waren und nicht wussten, was da zwölf Jahre mit ihnen passiert ist, kann ich ja sogar nachvollziehen, auch wenn’s eklig ist. Aber dass Mitte der 1990er und eben in der Monografie von 2008 immer noch ein offensichtlich falsches Bild gezeichnet wird, macht mich irre. Ich frage mich, ob diese Autor*innen glauben, die Kunst von Weldens nach 1945 würde durch das geschmälert, was er vor 1945 gemacht hat, was ich für falsch halte. Kleiner Schwenk zu meinem gestrigen Biografieforschungsseminar: Dort besprachen wir zwei Biografien über Max Weber, die von Dirk Kaesler, der sehr werkimmanent arbeitete und vieles von Webers Wesen anhand seiner Texte herausarbeitete; und die von Joachim Radkau, der sich auf neues Quellenmaterial stützte, unter anderem intime Briefe zwischen Weber und seiner Geliebten Else Jaffé, in denen Webers masochistische Neigung sehr deutlich wird. Die wissenschaftliche Kritik hat Radkaus Biografie mehrheitlich verrissen; ein Kritikpunkt war, dass diese offenherzige Darstellung das Werk Webers schmälern würde. Das sahen wir im Kurs anders: Das Werk Webers wird doch nicht weniger gut, wenn wir wissen, dass es nicht nur beim einsamen Studium entstanden ist, sondern auch beim, ich erfinde frei, lustvollen Stiefellecken.

Zurück nach Rosenheim: Nach der Archivarbeit ließ ich mich wieder mit der Bahn nach München chauffieren und nahm mir vor, die Zeitungsbestände im Müncher Archiv genauso durchzuwühlen, denn von Welden hatte dort bis 1943 gelebt. Gestern stand ich also um kurz nach Öffnungszeit das erste Mal im Lesesaal des Münchner Stadtarchivs und bat eine Angestellte um Hilfe. Da ich online nichts hatte einsehen können, wusste ich nicht, was alles kommt. Leider kam gar nichts. Das Archiv hatte zu von Welden keine Mappe angelegt, aber: Es fanden sich ein paar Fotos, die allerdings bestellt werden mussten. Normalerweise hebt das Archiv an mehreren Tagen in der Woche zu drei Tageszeiten aus; ich muss aber leider am Dienstag wiederkommen und gucken, was das überhaupt für Fotos sind. Mir wurde außerdem eine Mailadresse gegeben, bei der ich eine Kollegin fragen könnte, ob sie für die Chronik Infos zu von Welden hätte. Ich habe keine Ahnung, was diese Chronik ist, aber ich nehme an, das werde ich dann auch per Mail erfahren.

Nachmittags setzte ich mich in ein LMU-Seminar, das für uns KuGi-Studis offen steht, ohne dass wir angemeldet sein müssen: Berufsperspektiven für Kunsthistoriker. Gestern ging es um den Bereich Museum, und weiterhin anschauen will ich mir noch Journalismus (hauptsächlich, um Kia Vahland anzuhimmeln), Denkmalpflege und Universität, auch wenn ich mir letzteres eigentlich schon abgeschminkt habe.

Die Runde gestern war äußerst unterhaltsam und zudem sehr informativ. Dass es nicht den einzig wahren Lebensweg gibt, um dort zu landen, wo man hin will, muss man mir zwar nicht mehr erzählen, aber für 22Jährige ohne Berufserfahrung ist es vermutlich ganz schön, das mal zu hören. Für mich neu war das Arbeitsfeld Kulturstiftungen, bei denen ich immer BWLer*innen vermutet hatte. Der Referent erzählte auch freimütig, dass er alles tut, um genau diese Nasen rauszuhalten und stattdessen Kunsthistoriker*innen einzustellen, denn es ginge schließlich erstmal um Kunst und dann erst um Geld. Sehr sympathisch. Außerdem meinten alle, dass Geschichte die perfekte Ergänzung zu Kunstgeschichte sei; nur eine von den dreien hatte das als Nebenfach, die anderen beiden meinten, sie hätten sich die Fähigkeiten selber reinprügeln müssen. „Alleine die Hilfswissenschaften! Alte Schriften lesen können! Das ist Gold wert, ganz egal, worauf Sie sich spezialisieren.“ Frau Gröner dachte versonnen an ihre Urkundenlesekünste und freute sich: Endlich mal was richtig gemacht. (Frau Gröner denkt aber neuerdings auch sehr oft daran, endlich mal Kurrent und Sütterlin zu lernen; das ist für die Beschäftigung mit der NS-Zeit recht sinnvoll.)

Im weinseligen Gespräch nach der Veranstaltung fragte ich dann konkret nach: Habe ich in meinem Alter überhaupt noch eine Chance, was alle bejahten. Sie gaben mir allerdings den dringenden Rat, es vor allem an kleineren Häusern zu versuchen – „nach Berlin und München wollen alle, da wächst dauernd junges Volk nach, das für sehr wenig Geld sehr viel tut.“ Auch für die Stipendiensuche während der Promotion hatten sie einen guten Rat; angeblich gebe es viele Stipendien für „Frauen mit gebrochenenen Lebensläufen“, die oft gar nicht ausgeschöpft würden, weil genau wir Damen gar nicht damit rechnen, ein Stipendium zu bekommen.

Das tat sehr gut, all das zu hören, auch wenn ich natürlich weiß, dass ich mehr Glück als Können brauche, um wirklich irgendwo als irgendwas Kunsthistorisches in meine gefühlt fünfte Karriere zu starten (ich habe immer die Moritat der Kaltmamsell im Hinterkopf). Was mir aber auch gut getan hat, war eine Aussage einer der Referentinnen, die zusätzlich zu ihrem Hauptjob noch an der Uni unterrichtet: „Das merkt man bei den Studierenden sofort, wer da wirklich was wissen will und wer nur seine Zeit absitzt.“ Na immerhin.

Was schön war, Samstag/Sonntag, 21./22. Mai 2016

Zeit zum Kochen zu haben, neue Rezepte ausprobieren, ein Süppchen abschmecken, Kürbiskerne rösten, rohen Blumenkohl essen. Ich werde um einen Gemüsehobel oder eine Mandoline nicht mehr herumkommen; diese dicken Scheibchen sind doof, ich will hauchdünnes Gemüse.

Urplötzlich sehr warme Außentemperaturen, weswegen ich sowohl am Samstag als auch am Sonntag eine Wäscheladung bei weit offenem Fenster trocknen konnte. Sie war nach wenigen Stunden schrankfertig, und ich behaupte, sie duftet besser als wenn sie zwei Tage bei gekipptem Fenster vor sich hindörrt.

Endlich konzentriert und nicht so wischiwaschi an einem Job gesessen, über den ich mich sehr freue, aber für den ich bisher kaum Zeit hatte außer hier mal zu googeln und da mal im Zentralinstitut für Kunstgeschichte etwas zu überfliegen. Meine Zeit gehörte bisher meinen ersten beiden großen Referaten. Eins davon habe ich am Donnerstag gehalten und ich bin leider nicht zufrieden. Mal sehen, was das Feedback am Mittwoch sagt. Mpf.

Grundsätzliche Freude über meine Leser*innen, die letzte Woche arg freigiebig waren, was Buchgeschenke und schöne Mails anging.

Ein frisch bezogenes Bett.

Bohnen-Lauch-Suppe mit Chiliöl

Gleich mal das neue Kochbuch angetestet – und das Gericht für gut befunden. Was soll bei Lieblingszutaten wie Lauch und Bohnen auch schon schiefgehen? (Hier, die Bohnen-Lauch-Puffer sind auch super! Falls Reste von diesem Rezept übrig bleiben.)

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Für vier Personen.

Erstmal das Chiliöl basteln. Dafür
4 rote Chilischoten, entkernt und in Ringe geschnitten,
1 ungeschälte, angedrückte Knoblauchzehe und
einige Zweige Thymian, die Blättchen abgezupft, in
200 ml Olivenöl langsam zum Köcheln bringen. Auf kleiner Flamme 20 Minuten rumköcheln lassen, vom Herd nehmen, abkühlen lassen. Danach durch ein Sieb in ein Gefäß deiner Wahl abgießen.

Für die Suppe
4 Stangen Lauch, nur der weiße Teil, in Ringe geschnitten, in
1 EL Butter und
1 El Olivenöl bei schwacher bis mittlerer Hitze circa 15 Minuten lang andünsten, bis der Lauch weich ist. In den Topf gehören auch noch
1 Lorbeerblatt und
einige Zweige Thymian. Ich bin fürchterlich zupffaul bei den winzigen Thymianblättchen, daher habe ich die Zweige komplett in den Lauch geworfen und sie nachher, zusammen mit dem Lorbeerblatt, entfernt. Beim Umrühren und Aufkochen lösen sich die Blättchen meist eh fast vollständig von den Zweigen.

Nach 15 Minuten
800 g weiße Bohnen (bei mir aus dem Glas), abgespült,
3 Knoblauchzehen, fein gehackt (ich Unfoodbloggerin nehme gnadenlos eine Knoblauchpresse),
1 Handvoll frischen Oregano, fein gehackt (hatte ich nicht, weggelassen),
1 Bund Petersilie, fein gehackt, sowie
1300 ml Gemüsebrühe in den Topf geben. Alles 20 Minuten leise kochen lassen.

Nach der Kochzeit Lorbeerblatt und Thymianmüll entfernen, alles mit Salz und viel Pfeffer abschmecken und mit Petersilie und dem Chiliöl zusammen servieren.

Ich bin die totale Scharfmemme, deswegen hatte ich ein bisschen Respekt vor dem Öl, muss aber zugeben, dass es genau den richtigen, eher winzigen Würzkick gibt; die restliche Suppe ist von sehr kuscheliger Harmonie, die braucht so einen kleinen Tritt, sonst würde man beim Essen einschlafen. Wenn’s nicht vegetarisch sein muss, stelle ich mir angebratene Speckwürfel oder ein Scheibchen Bacon dazu ganz hervorragend vor. Und ein bisschen Knoblauchbaguette.

Ein verfressenes Dankeschön …

… an Friederike, die mich mit Hugh Fearnley-Whittingstalls Täglich vegetarisch – Die schönsten Rezepte aus dem River Cottage überraschte. Als F. das Buch gestern bei mir liegen sah, in dem natürlich schon diverse Klebezettel stecken, meinte er: „Manche Namen gibt’s aber auch nur in England“, woraufhin ich Herrn Fearnley-Dings erstmal verteidigen musste. Ich gucke ihm sehr gerne dabei zu, wie er in Gemüsebeeten wühlt, Brotteige knetet und grundsätzlich biolesk abschmeckt: „Hmmm!“ Ich besitze nur ein weiteres Kochbuch von ihm, aber daraus stammt zum Beispiel mein allerliebster Couscoussalat oder das tolle Bohnenpüree. Ich mag an seinen Rezepten, das sie genau das Gegenteil von Ottolenghi sind: drei Zutaten, ein bisschen Zitrone, immer Öl und Meersalz und fertig. Darauf müsste ich inzwischen eigentlich auch selbst kommen, aber ich fühle mich wohler, wenn Hugh mich an sein erdiges Händchen nimmt. Vielen Dank für das Geschenk, ich habe mich sehr gefreut.

Ein theoretisches Dankeschön …

… an Hanna, die mich mit Philipp Felschs Der lange Sommer der Theorie: Geschichte einer Revolte überraschte. Beim Perlentaucher könnt ihr euch davon überzeugen, dass es sich vermutlich lohnt, dieses Buch zu lesen. Ich meine mich zu erinnern, dass es mir an der Uni empfohlen wurde und ich schreibe mir ja brav Dozierendenempfehlungen auf, die mich neugierig machen. Vielen Dank für das Geschenk, ich habe mich sehr gefreut.

Tagebuch, Mittwoch, 18. Mai 2016 – Weiter mit von Welden

Letzte Woche legte einer meiner geschätzten Twitter-Verfolger einen Wikipedia-Eintrag zu Leo von Welden an, und am Dienstag abend habe ich mich getraut, ein winziges bisschen daran rumzueditieren. Mein erster Wikipedia-Edit! Das war großartig, das machen wir noch mal.

Gestern und vorgestern saß ich außerdem mal wieder im Zentralinstitut für Kunstgeschichte, um weiteres über den Mann und seine Kunst rauszufinden. Dienstag las ich viel über die Kunst, die zur NS-Zeit geduldet oder gefordert war. Wie genau sie aussah, darüber scheint sich die Literatur nicht ganz einig zu sein, genauso wenig wie die Nationalsozialisten selbst sich darüber einig waren. Was sie schon in den 20er Jahren in mehreren ekligen Pamphleten und Schriften sagten: Alles Jüdische und alles Kommunistische sei keine deutsche Kunst. Was aber jetzt genau deutsche Kunst werden sollte, darüber gingen die Meinungen stark auseinandern.

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Von circa 1933 bis 1935 war der Expressionismus noch im Gepräch, als „nordische“ Ausprägung dieser Kunstrichtung deutsch zu sein. Spätestens ab 1935/36 setzte sich aber immer mehr die Kunst des 19. Jahrhunderts durch, also alles, was an die Romantik erinnerte, das Biedermeier, den Naturalismus: Landschaften, Genrebilder (hier vor allem bäuerliche Szenen, was mich immer wieder irritiert – Deutschland zur NS-Zeit war hochtechnisiert, glorifizierte aber die olle Scholle), Porträts, Stillleben, Tierbilder. Dazu kam das Heldisch-Kämpferische, und gegen die allgegenwärtigen Funktionärsbüsten hatte auch niemand was.

Ich fand hier eine interessante Statistik zur Großen Deutschen Kunstausstellung; im ersten Jahr ihres Bestehens (1937) waren 40% der Bilder Landschaftsmalerei, 35% Porträts und bäuerliche Genreszenen, 10% Stillleben und Tierbilder und nur 5% nazifaschistische Thematik, also die nervigen Herrenmenschen eines Arno Breker und ähnliches – oder eben ein Bild wie ein von Welden: Der Aufmarsch am 9. November, das 1938 im Haus der Kunst gezeigt wurde.

Der Forschungsstand zu von Welden ist, ich erwähnte es vermutlich schon, äußerst bescheiden. Da ich die wenigen dünnen Kataloge, die mir vorliegen, schon auswendig kann und in ihnen nicht mit einem Wort erwähnt wird, dass von Welden zu NS-Zeiten irgendwie linientreu produktiv war, wühlte ich gestern mal auf gut Glück in alten Lexika. Zunächst im Lexikon der Müncher Kunst von 1994. Und siehe da, der Herr steht drin und zwar mit weiterführenden Literaturangaben, die ich zwar so gut wie alle schon kannte, aber: Das Allgemeine Lexikon der bildenden Künstler von der Antike bis zur Gegenwart von 1942 kannte ich noch nicht. Netterweise steht im ZI ja alles direkt vor meiner Nase, ich ging also die acht Meter vom Lesesaalsitzplatz zum Regal, zog das Lexikon raus – und stellte erstens fest, dass von Welden verzeichnet war und dass zweitens eines der Bilder aus der GdK – Heimkehr der Wolhyniendeutschen von 1940 – zur Zeit der Drucklegung des Lexikons in der Alten Reichskanzlei in Berlin hing. Damit können wir diesen Quatsch von „entartet“ wohl endgültig abhaken.

Der stand aber noch 1979 bräsig in einem Katalog, der allerdings von einem guten Freund von Weldens geschrieben wurde: „Die Zeit spielte von Welden übel mit. In den Jahren öder Gleichschaltung wurde er als „Entarteter“ empfunden. Man verweigerte ihm sogar die Mitgliedschaft der Kulturkammer, die doch für jeden, der künstlerisch tätig sein wollte, obligatorisch war.“ (Kat. Ausst. Leo von Welden 1899–1967, Pavillon Alter Botanischer Garten, München, 3. bis 26. Oktober 1979, Rosenheim 1979, o. S.)

Mein Dozent erzählte mir, dass nicht jede/r, der*die in der GdK ausstellte, auch Mitglied der Reichskulturkammer war. Ich weiß inzwischen auch, an welches Archiv in Berlin ich eine Mail schreiben muss, um nachzuprüfen, ob der Mann sich überhaupt um eine Aufnahme bemüht hat und/oder er abgelehnt wurde. Aber das ist ein Nebenschauplatz.

Ich suche immer noch bessere Bilder des Herrn, denn in den wenigen Katalogen sind meist die gleichen abgebildet. Die reichen zwar für ein anständiges Referat, dafür, die Kontinuität des von Welden’schen Schaffens aufzuzeigen und den Wechsel in seinen Stilarten, aber einen wirklich vollständigen Überblick – oder auch nur einen annähernd ordentlichen – habe ich schlicht nicht.

Weitersuchen.

Was schön war, Montag, 16. Mai 2016

Ausgeschlafen.

Mein Referat auf 29 Minuten gekürzt. Da gehen noch ein, zwei Minuten, und dann lasse ich es in Ruhe. Donnerstag wird es gehalten.

Birnen und Erdbeeren auf meinen Cornflakes. Vollmilch, geliebte Vollmilch!

Die Blogeinträge von Maike, die gerade sechs Monate in Tokio ist, um Japanisch zu lernen.

Die Master-Arbeit von Charlotte, wenn auch nur in winzigen Häppchen. (Full Text PDF, please!)

Nicht schön, aber interessant: Zwei Studierende sprechen darüber, dass sie Arbeiten von Ghostwritern haben anfertigen lassen.

Auch nicht schön, aber auch interessant: Prekäre Wissenschaft im akademischen Kapitalismus. Teil 1, Teil 2, Teil 3. (via @yvgrossmann.) Ohne das Uni-System von der anderen Seite zu kennen, ahne ich, dass es genauso doof ist wie die Werbung, nur mit sehr viel weniger Geld. Na toll.

Tagebuch, Sonntag, 15. Mai 2016 – Eine Liebeserklärung an Masterchef Australia

Letztes Jahr um diese Zeit war fürchterlich. Eigentlich lief gerade mein letztes Bachelor-Semester, auf das ich mich fünf Semester lang gefreut hatte, weil ich endlich eine lange Arbeit schreiben durfte mit einem selbst ausgewählten Thema. Außerdem sollte es das letzte Semester in München sein; dann wäre das Studium vorbei gewesen, ich wäre nach Hamburg geflogen, hätte hier in München alles bei eBay vertickt und weiter im Norden Werbung gemacht.

Stattdessen stellte ich schon während des zweiten Semesters fest, dass mich die Werbung langsam, aber sicher mal kreuzweise konnte und ich Wissenschaft und Forschung viel toller, befriedigender, erfüllender und sinnvoller fand. Es stellte sich auch heraus, dass ich mich in München wohler fühlte als in Hamburg, was dazu führte, dass meine Beziehung immer spröder wurde, bis wir beide der Meinung waren, wir sollten uns trennen. Das passierte zwei Tage vor meinem 46. Geburtstag und damit zwei Wochen vor dem Beginn des Semesters, in dem ich meine sehnlichst erwartete BA-Arbeit schreiben wollte. Die entpuppte sich dann als ziemliche Nervscheiße, weil mein selbstgewähltes Thema kompletter Quatsch war, wie ich beim ersten richtigen Bearbeiten merkte. Auch der zweite Entwurf landete in der Tonne, und erst beim dritten, den ich ungefähr vor einem Jahr begann, war klar, der isses jetzt, denn schreibe ich jetzt besinnungslos zu Ende, bis ich ihn am 17. Juni abgeben werde.

Ich war vor einem Jahr also alles andere als eine in sich gefestigte, ruhige, besonnene Person – ich war stattdessen ein Hühnerhaufen an Emotionen, und wenn ich nicht hätte lesen und tippen müssen, wäre ich nur noch schreiend im Kreis gelaufen. Stattdessen schoss ich mich tagsüber mit Büchern im Zentralinstitut für Kunstgeschichte ab und verbrachte die Abende leergedacht im Bett, wo immer die gleiche Sendung auf dem MacBook lief: Masterchef Australia.

Masterchef lernte ich vor Jahren in der britischen Fassung kennen, die in einer kleineren Küche begann, mit anderen Regeln und mit so gut wie keinem Hintergrunddramaschnickschnack wie bei anderen Reality-Formaten. Es ging ums Kochen und fertig. Die Gerichte der Kandidatinnen wurden zunächst von einem Koch und einem Food Critic beurteilt, in weiteren Runden von anderen Kritikerinnen und Köchinnen; es wurde in Restaurants gekocht, für kleine und große Runden an Gästen, und zum Schluss gewann irgendwer, der oder die dann meistens einen eigenen Laden eröffnete (sogar erfolgreich). Die Serie hatte von Anfang an eine andere Qualität als die üblichen menschenverheizenden Shows, weswegen ich sie sehr gerne sah. Und: Sie kam nicht nur einmal pro Woche, sondern, wenn ich mich richtig erinnere, gleich viermal, meist 30 Minuten lang.

Irgendwann änderte sich das Format, die Küche wurde größer, es gab mehr Geschmalze drumrum, und ich guckte lieber was anderes. Im letzten Jahr, als ich abends einfach nicht mehr nachdenken wollte, stieß ich wieder auf Kochsendungen. Ich gucke zwar auch sehr gerne Serien, nehme von ihnen aber nichts mit außer einer vergnüglichen Stunde. Bei Kochsendungen lerne ich Zutaten kennen, Zubereitungsmethoden, Anrichtestile – ich musste sehr lachen, dass Vinoroma sich mal auf Instagram über den Trend beschwerte, Essen auf dem Teller halbmondförmig am Rand lang anzurichten; ich hatte diese Art gerade auf Masterchef gesehen und fand sie todschick.

Ich klickte in die US-Ausgabe der Serie rein. Kurze Zusammenfassung: fürchterlich (Stichwort Gordon Ramsay, der Unsympath aller Unsympathen). Die kanadische: nette Judges, aber dafür Product Placement galore und Gerichte, für die die Kandidat*innen in GB nicht mal in die Vorrunde gekommen wären. Ein letzter Versuch: Masterchef Australia. Dort war gerade eine Staffel gestartet, ich schaute erwartungslos rein – und war verliebt. In alles.

Die drei Juroren scheinen jede*n Kandidaten*in zu mögen und wollen nur das Beste. Es gibt keine Häme, keine doofen Sprüche, aber auch keinen blöden Pep Talk. Die Küche ist groß, aber gleichzeitig heimelig, die Kandidat*innen motiviert, aber nicht so hysterisch wie in der US- bzw. der kanadischen Ausgabe. Klar wollen sie gewinnen, aber das tun sie deutlich unaufgeregter als die Menschen auf der anderen Seite des Pazifiks. Und dann das Essen! Ich habe keine Ahnung von australischer Küche und Essgewohnheiten, aber anscheinend wächst man dort mit Meeresfrüchten auf, weiß, wie man mit Obst und Gemüse umgeht und fertigt dazu auch noch irrwitzig komplexe Desserts. Gerade ist die diesjährige Masterchef-UK-Staffel zuende gegangen und die habe ich nur noch nebenbei laufen lassen, weil ich nicht die zehnte Variante von Lamm plus zwei Gemüsesorten auf dem Teller sehen wollte. Bei Masterchef AUS lerne ich Zutaten kennen, von denen ich nicht mal wusste, dass es sie gibt, aber ich will sie jetzt alle essen.

Was mir an der Sendung am besten gefällt, ist der Spielmodus. Es gibt gewisse Grundformen der Wettkämpfe, aber die sind so clever variiert, dass sie nie langweilig werden. Mein Liebling ist die Mystery Box, die in GB überhaupt nicht vorkommt, was ich stark anprangere. In der Mystery Box liegen sechs bis acht Zutaten, aus denen die Kandidat*innen mindestens eine verwenden müssen, um in einer vorgegebenen Zeit ein Gericht zu zaubern. (Standards wie Mehl, Milch, Eier, Öl, Gewürze stehen immer zur Verfügung.) Meist haben die Kandidat*innen 75 Minuten Zeit, das heißt, Eiscreme hat die Chance, fest zu werden und Bratensaucen haben die Chance, Aromen zu bekommen. In Kanada hat fast jede Runde nur 60 Minuten, weswegen ich den Kanditat*innen sehr oft nur beim hektischen Schwitzen und Scheitern zusehe – oder eben bei Gerichten, die so unkomplex sind, dass sie mir egal sind.

Ich mag es, dass man verschiedene Zubereitungsarten ein und desselben Produkts sieht. Gestern war es mein gelieber Blumenkohl, den ich immer als Suppe oder frittiert esse, aber in nicht allzu ferner Zukunft werden ich ihn einlegen, zu einer Kruste verarbeiten oder einen Salat mit weiteren Texturen aus ihm zaubern. Aus der Mystery-Box-Runde wird das beste Gericht ausgewählt und die Köchin desselben darf dann die Hauptzutat für die nächste Runde aussuchen. Das mag ich noch lieber, denn jetzt haben wirklich alle das gleiche vor sich und müssen daraus etwas zaubern. Gestern war das Orangenmarmelade (ausgewählt aus den Möglichkeiten Erdnussbutter, Marmite oder eben Marmelade), und daraus wurden nicht nur wunderschöne Desserts, sondern zum Beispiel auch eine gegrillte Wachtel mit bergeweise Orangenfenchelzeug drumrum.

Die drei schlechtesten Köch*innen treten am nächsten Tag gegeneinander in der sogenannten Elimination Challenge an. Dort kommt meist ein*e Große*r des Fachs in die Küche (im letzten Finale war das Heston Blumenthal) und präsentiert ein irrwitzig kompliziertes Gericht, das die Armen dann nachbasteln müssen. Meist natürlich mit Rezept und Anleitung, aber bei einer Challenge hieß es auch schon mal ohne alles weitere: Ihr habt drei Stunden Zeit – baut uns eine Croquembouche. Ihr wisst ja, wie Windbeutel gehen und wie man Zucker spinnt. (Seit dieser Challenge weiß ich, dass es riesige Blechtröten gibt, in die man die Windbeutel stapeln kann.)

Die drei besten Köch*innen der Mystery Box spielen um die Immunity Pin. Falls sie die Pin gewinnen, können sie sich damit aus einer Elimination Challenge freikaufen, denn am Ende dieser Challenge geht immer eine*r der Kandidat*innen nach Hause. Beim Kampf um die Immunity Pin tritt eine*r der drei ebenfalls gegen einen Starkoch oder eine -köchin an. Die Kandidatin wählt die Hauptzutat oder die Art der Küche (italienisch, französisch, indonesisch …) oder auch nur süß/salzig, je nachdem, was die Judges vorgeben. Sie hat 75 Minuten Zeit für ihr Gericht, der Profi 60. Und: Die Judges probieren blind, das heißt, sie wissen nicht, wer was gekocht hat, und vergeben danach Punkte. Es passiert durchaus, dass eine kleine Laienköchin einen Star schlägt, aber meistens klappt das nicht. Total egal, denn es ist immer spannend, dabei zuzuschauen. Die restlichen Kandidat*innen (die Show fängt mit 24 an) stehen auf einer Galerie oberhalb der Küche, gucken zu und applaudieren. Und die Starköche plaudern gerne und verraten, was sie da gerade machen und warum.

Es gibt noch weitere Formate, die innerhalb der Sendung stattfinden – zum Beispiel die üblichen Challenges in Restaurants, wo man plötzlich nicht mehr eine Portion kochen muss, sondern 200 –, aber die Mystery Box bleibt mein Liebling. Und eben die Judges, die nicht zu viel und nicht zu wenig zum Gericht sagen, stets positiv sind und anfeuern und vor allem sehr wenige der blöden Reality-Platitüten drauf haben à la „Glaub an dich blablabla.“

Die Sendung läuft fünfmal die Woche und dauert jeweils fast eine Stunde. Das heißt, die Gerichte kriegen genug Platz, man bekommt ein paar Hintergrundinfos über die Kandidat*innen, aber nicht zu viel, und das Erzähltempo ist sehr angenehm. Das einzige, was nervt, ist die Hintergrundmusik, die so gut wie nie eine Pause macht.

Vor einem Jahr zappte ich in die siebte Staffel rein und war sofort süchtig. Und weil das Internet so nett zu mir ist, konnte ich auch die anderen sechs Staffeln anschauen und so abends vergessen, wie anstrengend gerade mein Tag ist. Nach 62 Folgen gewann Billie McKay, die seitdem bei Blumenthal in The Fat Duck arbeitet. Und seit ihrem Sieg habe ich mich auf die neue Staffel gefreut, die mich seit einer Woche schon wieder sehr glücklich macht. Auch wenn ich gerade kein emotionaler Hühnerhaufen bin. (Na gut, ein kleiner.)

Was schön war, Samstag, 14. Mai 2016

Im nicht-eigenen Bett geschlafen, mehrfach nachts aufgewacht und den Regen auf den Dachfenstern gehört. Regen ist das schönste Geräusch der Welt, weswegen ich gleich wieder lächelnd eingeschlafen bin. Allerdings bis nach 9, was für mich viel zu lange ist.

Ein Buchpaket vom Lieblingsverlag von der Post abgeholt. Auf dem Weg zur Post mein liebstes Verkehrsmittel, die Tram, genutzt und mich darüber gefreut. Mich über die kurze Schlange in der Post gefreut. Mich über das kühle, aber nicht kalte Wetter gefreut und das viele Grün der Bäume. Zu Fuß von der Post zum Supermarkt geschlendert, mich darüber gefreut, dass ich die Zeit habe zu schlendern, und einen Körper, der mich das schmerzfrei machen lässt. Überhaupt den ganzen Morgen dümmlich vor mich hingegrinst, warum auch immer. Es passte gerade alles.

Das Thesen- und Quellenpapier für meinen Kurs zu Kindheit und Jugend im 19. Jahrhundert hochgeladen, damit die Gang sich auf mein Referat am Donnerstag adäquat vorbereiten kann. Dann den Schreibtisch leergeräumt und bewusst einen Tag Uni-Pause eingelegt.

Hamburger gebastelt und mit Genuss verspeist.

Abends den Eurovision Song Contest mit der besten, unterhaltsamsten und beschwipstesten Timeline der Welt geguckt.

Vor dem Termin hatte ich ein bisschen Angst, denn der Abend des letzten ESC war der, an dem ich merkte, dass die Situation zwischen Kai und mir sich nicht bessern wird, jedenfalls nicht in näherer Zukunft. Ich merkte, dass meine Zeit in Hamburg vorbei war, ich merkte, dass unsere gemeinsame Zukunft vorbei war, ich merkte, dass sich vieles verändern würde, ohne zu wissen, in welche Richtung. Der Abend war fürchterlich, und im Flugzeug am nächsten Morgen twitterte ich erstmals über unsere Trennung.

Daran musste ich gestern oft denken, aber bei all dem bunt-glitzernden Firlefanz aus Stockholm kam ich nicht mehr dazu, traurig zu sein.

Ein stilles Dankeschön …

… an Silke, die mich mit Annett Gröschners Walpurgistag überraschte. Das Päckchen kam schön von Amazon eingepackt an und eine Grußkarte klebte auch drauf, aber: In ihr stand leider nichts. Ich weiß nicht, ob Amazon da kurz mal weggenickt ist oder das ganze ein Versehen der freundlichen Spenderin war, aber ich nehme das einfach mal als stille Zustimmung zu meinem Online-Treiben. Vielen Dank für das Geschenk, ich habe mich sehr gefreut.

#12von12 im Mai 2016

Die anderen 12von12er gibt’s wie immer bei Caro.

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Eigentlich soll der Wecker um 6.30 Uhr klingeln, aber dazu kommt der nervige Racker nicht, denn ich bin schon vorher wach. Das liegt vermutlich an meiner Aufregung, denn heute ist: Exkursionstag, wo-hoo!

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Mein übliches Frühstücksbild mit Cappuccino und Grapefruitsaft müsst ihr euch heute denken. Als total tolle Alternative hätte ich meine frisch gepackte Lunchbox im Angebot, denn nach den ersten zwei Häusern, die wir uns in Rosenheim anschauen, gibt es laut Plan eine Mittagspause. Ich bin vorbereitet.

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Bloggen muss natürlich auch sein.

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Um 8.44 verlässt unser Züglein den Münchner Hauptbahnhof und der Dozent verteilt analoges Infomaterial. Netterweise verteilt er auch Stadtpläne, auf die natürlich niemand gucken wird, weil wir alle Smartphones mit Google Maps haben. Aber die brauchen wir eh nicht, weil wir ihm zunächst bräsig hinterherlaufen, als es vom Rosenheimer Bahnhof zum Stadtarchiv geht.

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Ich hätte gerne das ganze Gebäude fotografiert, aber es stehen knapp 20 charmante Kommiliton*innen davor, und ich war mir nicht sicher, ob die Damen und der eine Herr das geschätzt hätten, wenn ich sie verinstagramt hätte. Also gibt’s nur diesen doofen Ausschnitt. Über dem Eingang steht übrigens „Zeugen der Vergangenheit / Quellen der Zukunft“, was ganz hübsch klingt, aber wenn man sich überlegt, dass das Gebäude 1937 eröffnet wurde, kriegt es einen komischen Unterton.

Das Gebäude ist winzig und gehört zum Komplex der Städtischen Galerie, das stilistisch sehr ähnlich ist, wobei die Galerie (Bauzeit 1935–37) sich am Haus der (Deutschen) Kunst in München orientiert. Das wird beim nächsten Bild sehr klar: Die neoklassizistische Säulenfront sieht dem großen Vorbild sehr ähnlich, wirkt aber total putzig statt mächtig. Der Stein ist übrigens Nagelfluh, ein sehr grobporiges Gestein, das typisch für das Voralpenland ist. Ich mag lokale Bezüge.

Nochmal zum Archiv: Das Rosenheimer Stadtarchiv hat seine Bestände schon digitalisiert und online durchsuchbar gemacht, als der Rest von Bayern noch mit Abakussen arbeitete. (So ungefähr jedenfalls.) Ich bin zuhause auch fündig geworden, komme aber natürlich nicht dazu, mir die Bestände anzuschauen. Aber immerhin kenne ich für den nächsten Besuch schon den Weg vom Bahnhof zum Archiv.

Im Archiv werden wir von einer Bibliothekarin herumgeführt und dürfen auch in die Räume, in die das Publikum sonst nicht darf. Wir schauen uns Entwurfspläne für die Städtische Galerie von German Bestelmayer an und ich will sie alle mitnehmen. (So pretty!) Im Keller lernen wir, dass es feuer- und wasserfeste Archivkartons gibt und bewundern die Gründungsurkunde der Stadt Rosenheim. Mit Urkunden kriegt man mich seit zwei Geschichtskursen, in denen wir Urkunden lesen gelernt haben, ja immer.

Ich darf nicht fotografieren.

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Das ist die Städtische Galerie (Nagelfluh!), in der offensichtlich gerade eine Andy-Warhol-Ausstellung läuft. Das Gebäude ist von innen ähnlich symmetrisch aufgebaut wie das Haus der Kunst und hat auch die gleichen schönen Oberlichter. Im Haus der Kunst habe ich mir bei der Gebäudebegehung fieserweise die Begriffe Blutwurstmarmor und Schlenderfliese gemerkt, aber ich finde beides leider nicht in der Galerie wieder. Wobei das kleine Häuschen auch einen Bombentreffer hinter sich hat und daher eh nicht mehr ganz so aussieht wie 1937.

Wir sind in Rosenheim, weil wir über eine Ausstellung vor Ort nachdenken. Damit wir ein Gefühl dafür bekommen, was überhaupt alles so da ist, gehen wir nach dem kurzen Gebäuderundgang ins Depot, das sich im Keller befindet. Die Museumsleiterin führt uns rum, eine freie Kunsthistorikerin und eine Dame, die sich anscheinend top mit der hauseigenen Datenbank auskennt, begleiten uns.

Das Depot ist beim Tag der offenen Tür auch für das Publikum zugänglich, was ich ziemlich klasse finde. Nach dem Vorraum, in dem sich hauptsächlich große Grafikschränke befinden – das sind diese tiefen Klötze mit ganz flachen Schubladen, in die man Papiere legen kann –, kommt das eigentliche Depot, wo ich mich mit leuchtenden Augen wie eine Kunsthistorikerin fühlen darf.

Auf diversen Schienen laufen Gitterwände, an denen ein Bild neben dem anderen hängt, alle gerahmt. Und, ta-daa: Ganz vorne hängen vier Bilder von Leo von Welden. Das ist das erste Mal, dass ich Werke von ihm vor Augen habe und nicht nur im Katalog. Ich habe den Benjamin’schen Kram von der Aura des Originals leider sehr verinnerlicht, und so bin ich ein winziges bisschen ergriffen, obwohl ich die Bilder immer noch nicht so recht mag.

Um uns herum hängen diverse Bilder von Malern, die zu den meistverkauften der Großen Deutschen Kunstausstellung gehören, zum Beispiel Hans Müller-Schnuttenbach. Ich muss gestehen, dass mir seine Bilder irgendwie gefallen. Außerdem hängt an einer Wand ein Leibl, der allerdings nicht zu seinen besten Werken gehört, meint jedenfalls die begleitende Kunsthistorikerin. Stimmt leider, aber es ist ein Leibl und ich mag Leibl.

Ich darf nicht fotografieren.

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Bevor wir ins Städtische Museum gehen, gibt’s eine kurze Mittagspause. Ein uns begleitender ortskundiger Doktorand meint auf dem Max-Josephs-Platz: „Zu den Fischbrötchen geht’s da links, zur Leberkassemmel geradeaus, und einen guten Kaffee gibt’s hier.“ Ich entscheide mich für Kaffee.

Endlich habe ich Zeit, auf Twitter nachzulesen, was ihr so alle den ganzen Tag macht. Mir wird nahegelegt, über Leo von Welden einen Wikipedia-Eintrag anzulegen, und der Nahelegende macht den Anfang gleich mal selbst. Ich hätte ein paar Sätze anders formuliert, aber bevor das Referat nicht steht (und ich auf der Wikipedia-Spielwiese Editieren geübt habe), mach ich nix. Mir stoßen die Sätze „In der Zeit des Nationalsozialismus schuf Welden partei- und kriegsverherrlichende Gemälde. In der repräsentativen Großen Deutsche Kunstausstellung war er mit mehreren Werken vertreten […]“ allerdings schon auf; soweit ich das bisher beurteilen kann, schuf er auch weiterhin Bilder in seinem üblichen verspielten Naturalismus, zum Beispiel Landschaften und ähnliche Genrebilder.

Die GdK war eine Verkaufsausstellung, wer dort vertreten war, konnte mit einem gewissen finanziellen Erfolg sowie möglichen Folgeaufträgen rechnen. Daher würde ich von Welden unterstellen, bewusst Bilder für die GdK angefertigt zu haben, parteikonform mit Hakenkreuzen und allem, aber trotzdem größtenteils weiterhin Werke produziert zu haben, die nicht ganz so offensichtlich auf GdK-Aufnahme getrimmt waren. Die Bilder, die zwischen 1933 und 1945 entstanden sind, die ich bisher sichten konnte (nur als Abbildung), unterstützen meine These jedenfalls ganz gut. Ich neige inzwischen dazu, ihn als schlicht profitorientierten Künstler einzuschätzen: Er malte das, was sich verkaufte, und das kann ich ihm aus kunsthistorischer Sicht nicht mal vorwerfen. Ob er sich nun durch fünf Bilder mit einem menschenverachtenden System gemein gemacht hat, vermag ich nicht zu sagen.

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Bevor ich im Städtischen Museum auch wieder nicht fotografieren darf und ich nie meine zwölf Bilder vollkriege, knipse ich eine Rose aus Nägeln, die – seit 2005 restauriert – im Mittertor hängt. Für 50 Pfennig konnten Freiwillige 1916 einen Nagel ins Stadtwappen schlagen; der Erlös von 8.000 Mark kam den Familien gefallener Soldaten zugute.

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Im Museum darf ich fotografieren! Aber: Ich komme zu nix, weil wir im Eiltempo durch die Räume schreiten, bevor wir auch hier ins Depot gucken können, wo ich ein ganzes Regal von Pickelhauben bewundere, mit Puscheln und allem. Das Melittabild musste sein, weil ich die Melittakanne so liebe. Die besaß ich mal in Nicht-Kindergröße in zartem Rosa, bis ich sie fallen ließ und sie zersprang, worüber ich bis heute traurig bin.

Der Leiter des Museums und wieder eine Dame, die auf Du und Du mit der Datenbank ist, erzählen uns von Provenienzforschung, Erbschaftsstreitigkeiten – und dass die Putzkraft den besten Überblick über die Sammlung habe. „Die hebt dauernd jedes einzelne Stück an und kümmert sich um die Räume. In den letzten (x) Jahren kam sie genau zweimal in mein Büro, um entsetzt zu berichten, dass etwas fehlt. Das waren zwei Stücke, die ausgeliehen waren bzw. gerade restauriert wurden.“

Der Leiter erzählt uns dann eine Geschichte, die wir auch auf den beiden anderen Führungen gehört hatten, was mich sehr grinsen lässt. Erstens erzählten alle, dass Hermann Göring in Rosenheim geboren wurde („Er war aber kein Rosenheimer! Er ist schon mit drei Monaten hier weggezogen.”) und dass er nicht zur Eröffnung der Städtischen Galerie 1937 kam. Das war ihm angeblich zu piefig in der Provinz.

Um halb fünf stehen wir sehr fußlahm und mit dicken Köpfen wieder am Bahnhof und lassen uns nach Hause chauffieren.

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Auf die Bildunterschrift „Out of Rosenheim“ habe ich mich seit dem Aufstehen gefreut.

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Meine schöne Lunchbox wird mit einer kleinen Erweiterung durch Hummus und Wein zum Abendbrot. Auch die Breze vom Bäcker vor meiner Haustür habe ich sinnlos den ganzen Tag mit mir rumgetragen.

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Feierabend. Füße hoch und Hirn aus. Viel gelernt, sehr zufrieden, sehr beflügelt.

Links am Donnerstag, 12. Mai 2015

#rpTEN-Video

Zwei republica-Vorträge, die sich mit Dicksein und der Sichtbarkeit nicht normgerechter Körper beschäftigen von Journelle und @josefine:

#rpTEN-Skript

„Meine Oma ist kein Mythos“ – Warum die Facebook-Kommentarspalte die Geisteswissenschaften rettet – der Vortrag von Moritz Hoffmann und Charlotte Jahnz wurde nicht aufgezeichnet, ist aber bei Hoffmann im Blog nachzulesen.

Es geht um FB-Kommentare zu den Themen Bombardierung von Dresden sowie Trümmerfrauen, bei denen lustig Fakten und Rummeinen durcheinandergeraten.

„Wir haben für unseren Vortrag diese vorgenannten Beispiele etwas unscharf als „Historical Hate Speech“ klassifiziert – sicher gehören nicht alle dazu, aber doch die meisten. Und wo man Hate Speech sagt, muss man eigentlich auch Counter Speech sagen. Denn in diesen Kommentarspalten tummeln sich eben nicht nur jene mit einem gefestigt rechtsextremen Geschichtsbild, sondern sehr viel mehr von jenen, die offenbar ein rudimentäres Interesse an Geschichte mitbringen, aber keine zu ihnen passenden seriösen Deutungs- und Inhaltsangebote erhalten. Um es deutlicher auszudrücken: im Moment geben wir den Publikationsraum „Facebook-Kommentare“ widerstandslos an die Rechtsextremen, an die Fälscher, an die Neonazis ab.“

How Literature Became Word Perfect

Als Literat*innen anfingen, nicht mehr mit der Hand zu schreiben. Via @textundblog.

„Genre writers were among the earliest adopters of new word processing technologies—experimenting with them as early as the 1970s—since they were often more adventurous and less precious than their hyper-literary colleagues. Many of the highest-browed in the literary world resisted word processing for decades. Indeed, some writers would conceal the fact that they used a word processor for fear of being tarnished by an association with automation or inauthenticity. In a 2011 New York Times article, Gish Jen recalled colleagues at the Iowa Writers’ Workshop in the 1980s doctoring their printouts, adding unnecessary pencil annotations in order to make their manuscripts seem more “real,” less perfect. Perfect copy, after all, was for the typist, not the genius.“

Culotées

Pénélope Bagieu zeichnet bei Le Monde ein Weblog über berühmte Frauen, das ich natürlich nur mit dem Wörterbuch lesen kann. Aber immerhin.