Fehlfarben 21 – El Anatsui/Saul Leiter

Mal wieder vergessen, unser traditionelles Foto vom Tisch mit unseren Notizen und den Weingläsern zu machen. Wir lernen das noch!

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00.00:00. Begrüßung und Vorstellung.

00.00:50. Der erste Wein. Wir trinken heute Gewürztraminer.

00.02:22. Wir beginnen mit der ersten Ausstellung: El AnatsuiTriumphant Scale im Haus der Kunst. Die Ausstellung läuft noch bis zum 28. Juli und wir verbringen die nächsten 45 Minuten damit, euch zu erklären, warum ihr da unbedingt reingehen müsst. Ich glaube, der beste Grund, und wenn ich mich richtig erinnere, sagen wir das in irgendeiner Form auch alle mal während des Podcasts, ist: Sowas habe ich noch nie gesehen.

Ein Großteil der Werke von Anatsui besteht aus Flaschenverschlüssen bzw. den Banderolen aus Aluminium um den Flaschenhals. Dieses Ausgangsmaterial bearbeitet er: Er nutzt nur die kleine runde Fläche ganz oben am Korken, er walzt die Banderole platt zu glatten, schimmernden Rechtecken, die er wie Stoffstücke aneinanderfügt, er zerschneidet die Banderolen zu dünnen Ringen und verknüpft diese mit Kupferdraht zu Vorhängen, die uns an Kettenhemden und Zauberwälder erinnerten, vor allem, weil sie zehn Meter hoch von der Decke des Hauses der Kunst um uns herum hingen. Dieses so armselig scheinende Material verwandelt Ausstellungsräume in Landkarten, Zeittafeln, Festgewänder und Blumenmeere und hat uns über alle Maßen fasziniert.

Mein persönlicher Liebling, vor dem ich gefühlt ewig stand und zu dem ich nach einem Rundgang auch wieder zurückkehrte, war The Beginning and The End (2015), und man kann es auf Anatsuis Website erahnen (ich spreche im Podcast ab 20:20 min darüber). Wirklich erfassen kann man seine Werke allerdings nur, wenn man vor ihnen steht. Daher nochmal der dringende Tipp: hingehen.

Viele der Ausstellungsstücke erinnerten mich an eine uralte Kollegin, mit der ich vor nun fast 30 Jahren im Kino in Hannover zusammengearbeitet hatte. Sie hatte damals ein halbes Jahr Entwicklungshilfe in Ghana gemacht, und durch sie kannte ich einige Stoffmuster sowie das Spiel Oware, an das mich einige der Stücke Anatsuis erinnerten. Das letzte Mal, als ich von Sabine hörte, saß ich als Juniortexterin in einer Werbeagentur in Hamburg. Sie rief mich auf meinem Handy an – keine Ahnung, wie sie an die Nummer gekommen war, vielleicht über meine Eltern? – und wollte nur mal fünf Minuten mit mir reden. „Ich gucke gerade meinen Rolodex durch mit allen Namen und Nummern und überlege, wen ich weiter behalte.“ Wir klönten kurz miteinander, erinnerten uns an Dinge, die wir zusammen gesehen und gemacht hatten, stellten dabei fest, dass wir uns nicht mehr so irre viel zu sagen hatten, verabschiedeten uns voneinander, indem wir uns gegenseitig ein tolles Leben wünschten und das war’s.

Eins meiner lustigsten Geburtstagsgeschenke bis dahin war von Sabine gekommen: Sie hatte alle Nachrichten, die ich auf ihrem Anrufbeantworter hinterlassen hatte, auf eine Kassette überspielt. Hauptsächlich um mich daran zu erinnern, dass ich mal gesagt hatte, dass es endlich Sommer sei, wie geil. (Ich fand Sommer schon damals scheiße.) Die Nachricht hatte sie gleich dreimal hintereinander geschnitten.

Im Laufe unseres Daseins laufen wir irrwitzig vielen Menschen über den Weg, und Sabine ist einer von denen, die einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen haben. Ich denke oft an sie, kann sie aber nicht ergoogeln, weil mir ihr Nachname nicht mehr einfällt (ich meine, sie hatte bei der Heirat auch einen anderen angenommen, den ich erst recht nicht weiß). Egal, falls du das liest, Sabine aus Hannover, die ungefähr um 1992 rum in Ghana gewesen sein müsstest: Du warst etwas ganz Besonderes. Und bist es hoffentlich heute noch.

00.10.00. Die Dame, deren Name mir nicht einfällt, ist natürlich Chimamanda Ngozi Adichie. Ich erwähne, immerhin das Wort fiel mir noch ein, wax prints.

00.11:50. Felix spricht das Werk Logolili Logarithm (2019) an, das speziell für die Räume im Haus der Kunst gefertigt wurde. Das kann man im Flyer zur Ausstellung in der Gallery 2 sehen.

00.25:50. Der zweite Wein.

00.38:00. Der dritte Wein.

00.42:10. Wir sprechen auch noch über Anatsuis Holzarbeiten sowie seine völlig irre Keramik (mit Star-Wars-Referenz!). Ich zitiere einen Teil des Wandtextes, der von der „Ästhetik der Fragmentierung“ spricht und meiner Meinung nach die ganze Ausstellung sehr schön zusammenfasst. Aber gerade die Keramik. Felix erwähnt Anatsuis „innere Logik“, was ich auch für eine gute Beschreibung halte.

00.49:40. Eine letzte Verbeugung vor Okwui Enwezor, dessen letzte mitkuratierte Ausstellung das war (und der mit dem weiteren Kurator Chika Okeke-Agulu auch den Katalog noch mit herausgegeben hat); Felix nannte uns intern schon einen Enwezor-Fan-Podcast. Das mündet dann gleich in unser Fazit, das natürlich lautet: reingehen.

00.54:40. Die zweite Ausstellung: eine Retrospektive von Saul Leiter, der heute, nach seiner Wiederentdeckung 1997, als Pionier der Farbfotografie gilt. Die Ausstellung läuft im Kunstfoyer der Versicherungskammer in der Maximilianstraße noch bis zum 15. September, ist täglich geöffnet und koschdet nichts.

Leiter war in den 1950er Jahren schon an zwei kleinen Ausstellungen im MoMA beteiligt, allerdings mit Werken in Schwarzweiß. Farbe galt damals noch als Gestaltungsmittel für Werbung und ähnlichen low-brow-Kram, aber nicht für die hehre Kunst. Was man heute kaum noch fassen kann, gerade wenn man sich seine Bilder anschaut. Die Kunstwelt fand Farbe erst ab William Eggleston 1976 toll. Danke, Kunstwelt, du Quatschnase. Du bist schuld daran, dass der gute Herr Leiter sich sein Geld mit Werbung bzw. Modefotografie für unter anderem Harper’s Bazaar verdienen musste.

Über den Raum mit der Werbung rege ich mich dann wieder auf, weil er so fies vor Augen führt, wie sehr sein einzigartiger Blick verbogen wird für blöde Klischees und artifizielle Posen, die Frauen zu Dekostücken werden lässt – was in seinen Straßenaufnahmen nicht so ist. Selbst seine Akte sind eher auf Augenhöhe mit dem Fotografen als die in weite Wollmäntel gehüllten Models.

Wir sprechen wie immer über einzelne Werke, hängen aber für mich überraschend sehr an einem 15-minütigen Filmausschnitt fest, in dem der Mann druckreife Aphorismen von sich gibt. Einige stehen auch als Wandtext neben den Fotos, und jeder von uns hat sich seinen Liebling notiert. Meiner war: „Photographs are often treated as important moments but really they are little fragments of an unfinished world.“ Im Film meinte er auch noch, dass Fotografie uns das Sehen lernt, denn als (Street-)Fotograf*in geht man los, ohne zu wissen, mit was man heimkommt, während man als Maler*in oder Bildhauer*in vor einer leeren Leinwand oder einem Block Material hockt und selbst etwas beginnen muss. Fotografie sei eigentlich eher eine Reaktion statt einer Aktion. „It teaches you to appreciate all kinds of things.“ Womit ich wieder eine Lanze für Instagram und ähnliche Apps brechen will, auf denen ich eben nicht nur durch 17 Filter gejagte perfekte Bilder sehen möchte, sondern auch Schrott, Mittelschrott und Bilder, von denen ich vielleicht zuerst denke, bah, Schrott, aber dann ihre Schönheit würdigen kann.

00.58:00. Ich spreche darüber, dass ich Leiters Straßenfotografie so mag, weil sie eher die Stadt als die Menschen zeigt: die Muster, die Atmosphäre, die Bewegungen einer Stadt, und beschreibe zwei Bilder. Dann ballern wir uns mit den Lieblingszitaten zu, und ab 01.08:00 rege ich mich über die doofe Modefotografie auf – im Vergleich zu Leiters Street Photography. Es gibt tolle Modefotografie und seine ist natürlich auch toll, aber sie kackt halt so ab im Vergleich zum Rest seines Werks.

01.22:00. Wir sprechen über ein Selbstporträt und grüßen Collinas Erben.

1.31:00. Flo erinnert daran, dass der Film In No Great Hurry. 13 Lessons in Life with Saul Leiter, aus dem wir dauernd zitieren, auch in Gänze gesehen werden kann: Mittwoch, 17. Juli, 19:00 Uhr und Sonntag, 15. September, 17:00 Uhr im Jüdischen Gemeindezentrum am St.-Jakobs-Platz. Bitte anmelden.

01.33:00. Wir lösen die Weine auf: Wein 1 gefiel uns allen am besten.

Wein 1: Kuhlmann Platz Gewürztraminer Rosacker, Alsace AOP, Grand Cru, 2016, 13%, bei Hawesko für 20 Euro.

Wein 2: Weingut Kesselring Gewürztraminer trocken, Pfalz, 2018, 13%, bio und vegan, bei Wir Winzer für 8,50 Euro.

Wein 3: Domaine Dusenbach Gewürztraminer, Terroir Lieu-Dit Altenbourg, 2016, 13%, bei vinexus.de für 17 Euro.