Tagebuch KW 26 – Vom Norden in den Süden

Ich war über eine Woche im Norden, wo ich meine Mutter antrieb, ihre Koffer für die Reha zu packen, wofür sie sechs Monate Zeit hatte, aber mei, dann machen wir das halt am Tag der Abreise. Schwester und Schwager luden schließlich vier halbvoll gepackte Koffer und ein sehr schlecht gelauntes Mütterchen ein und brachten sie persönlich nach Sachsen. Ich hatte erwartet, enterbt zu werden, aber Schwesterchen meinte, das ging nach wenigen Kilometern wieder. Gut, dass ich sehr viel Schokolade und Kekse eingepackt hatte.

Dann genoss ich eine Fahrt im mütterlichen Auto zum Dorfsupermarkt; ich hatte sie tagelang daran erinnert, mir die Fahrzeugpapiere da zu lassen, legst du mir die Fahrzeugpapiere raus, denkst du bitte an die Fahrzeugpapiere. Ratet, was ich im Rucksack nach München getragen habe. Gut, dass Schwester und Schwager eigene Autos haben. Ich schreibe mir jetzt ein Post-it, mit dem ich mich selbst für den nächsten Termin daran erinnere, die Fahrzeugpapiere rauszulegen, denkst du bitte an die Fahrzeugpapiere, um sie dieses Mal da zu lassen, wo sie hingehören.

Im Supermarkt warteten alle brav, bis andere ihre Einkaufswägen hatten, ließen einander vor, winkten sich gegenseitig in Parklücken; eine Mitarbeiterin mit einem Riesentrolley ließ mich vor: „Kunde hat immer Vorfahrt.“ Der Nachbar kam schon wenige Stunden nach Abreise des Mütterchens rüber, um zu fragen, ob alles in Ordnung ist und kümmerte sich um Rasenmähen und Sprenger; das Ehepaar, von dem Mama einmal in der Woche Eier holt, was ich schmählich vergaß, richtete meiner Schwester aus, dass das doch überhaupt kein Problem sei. Das Dorf war sehr gut zu mir. Vielleicht war das Dorf schon immer gut zu mir, aber ich habe es nicht mitbekommen, weil ich bloß schnell in die Stadt wollte.

Sich alleine um jemanden mit Pflegegrad 5 zu kümmern, ist deutlich anstrengender als wenn das Mütterchen als Puffer dazwischen ist. Ich habe jeden zweiten Tag geweint und die Wände angebrüllt, aber sonst ging’s. Es war zu 90 Prozent fürchterlich und ich möchte das nie wieder machen müssen. Ich dachte, ich wäre vorbereitet, weil ich es ja schon mehrfach (zu zweit) mitgemacht hatte, aber einen Scheiß war ich.

Meine Schwester war die ersten zwei Tage ebenfalls alleine mit Vaddern, bevor ihr Mann wiederkam, und ihr ging es ähnlich. Sie führt Strichliste über verbale und körperliche Ausfälle, und diese sieht besorgniserregend aus.

Nach den wenigen Mund-Nase-Schutzen, die ich aus Stoff im letzten Jahr hingestümpert hatte, habe ich kaum noch genäht. Ein bisschen ist aber doch hängengeblieben, wie ich freudig feststellte: Ich konnte einige von Papas Shirts ausbessern. Ich ahne aber, dass die Arbeit nicht lange halten wird, denn wie ich inzwischen weiß, sind die Kräfte, die auf ein Stoffstück einwirken, das dir jemand anders anzieht, sehr andere als die beim Selbsteinkleiden. Vor allem, wenn der Patient sich wehrt.

Mein faustgroßes Hämatom am Oberarm heilt sehr langsam ab.

Immerhin konnte ich wochentags tagsüber ein bisschen arbeiten, weil Vaddern dann in der Tagespflege ist. Der allerletzte Korrekturgang für meinen Diss-Text steht an, ich bin seit gestern zur Hälfte durch. Die Bilder, die mir vorliegen, sind bearbeitet und haben finale Namen, die sich der Verlag gewünscht hat und die mich irre machen (allesineinemwort). Die Bilder, die mir noch nicht vorliegen, machen mich weiterhin nervös, aber es ist alles bestellt und kommt hoffentlich irgendwann. Die darf ich auch nachreichen, die müssen nicht mit dem textdissfinal.docx am 29. Juli zum Verlag. Und dann kann ich Protzen endlich loslassen.

Wie ich gestern beim Textvergleich festgestellt habe, habe ich mir eine Fußnote in der Wikipedia verdient. Ja, ich zitiere die Wikipedia in der Diss, fight me. (Bite me.)

Ich habe beim gemeinsamen Fernsehen mit Papa viel kennengelernt, zum Beispiel durch „Terra X“ die Botanistin Jeanne Baret. Die Sendung ordnet immerhin halbwegs den westlichen Blick auf Tahiti ein, nicht vom Vorschaubild auf der ZDF-Seite abschrecken lassen.

Außerdem werde ich nie wieder (oder nur in begründeten Ausnahmefällen) über Fußballkommentatoren lästern. Das Spiel Deutschland-England sahen wir auch gemeinsam, aber ohne Ton, von dem war Papa genervt. Also erzählte ich ihm die ganze Zeit über, was passiert, was gar nicht so einfach ist, wenn man von nur acht der elf deutschen Spieler die Vereinszugehörigkeit und keinen Deut mehr weiß und von den Engländern noch weniger. Meist beschränkte ich mich darauf, „Der spielt bei Bayern“ zu sagen oder ihm zu erklären, was die Firmen herstellen, deren Namen er von den Banden ablas. (Danke, Google.) Dass die Deutschen „die Schwarzen“ waren, musste ich fünfmal in einer Halbzeit sagen, dann kam die Abendpflege und er verschlief den Schluss. Er fragte am nächsten Tag auch nicht nach, wie das Spiel ausgegangen war, weil er schon vergessen hatte, dass wir es angesehen haben.

Ich habe Papa jeden Morgen vor der Pflege geweckt, damit er nicht aus dem Tiefschlaf gerissen wird, habe ihm zu trinken gegeben, gelüftet, nochmal geguckt, ob alle Klamotten für ihn rausgelegt sind – das hatte ich einmal vergessen, jetzt hängt ein Post-it an seiner Zimmertür. Da hat man schon eine zehnseitige Liste mit Dingen, die gemacht werden müssen, und vergisst doch was, komisch.

Nachdem er wach war, ging ich immer in die Küche, ließ dort das Licht ausgeschaltet, öffnete die Terrassentür weit und kochte Kaffee. Der Rechner stand immer brav auf dem Tisch, ein Buch daneben, ich hätte theoretisch arbeiten können, während Papa nebenan für den Tag fertig gemacht wird. Stattdessen habe ich immer eine Stunde lang mit dem Kaffee in der Hand stumm und still über die Terrasse und den Rasen auf die Nachbargrundstücke geguckt, über die Rosenbüsche und Kirschbäume und Kastanien bis zu den Riesenbäumen da hinten, von denen ich keine Ahnung habe, was sie sind. Das war die beste Zeit des Tages, kurz nach Sonnenaufgang, es war noch alles ruhig, ich hatte Kaffee und guckte ins Grüne.

Abends gegen 20.30 Uhr, wenn Papa im Bett war, habe ich das gleiche gemacht, nur mit Sekt. Jeden Abend ein Glas und damit ins Grüne gucken. Das war schön. Und der Moment, auf den ich mich 14 Stunden lang gefreut habe.

Sag mir, was in deinem Einkaufskörbchen liegt, und ich sage dir, in welcher Stadt du gerade bist.

Am Mittwochnachmittag war ich wieder in München, Donnerstag genoss ich Udon-Nudeln und Tofu, Freitagabend gab’s Adobo für F. und mich, genauer gesagt, Adobo Manok at Baboy, also mit Huhn und Schwein, und als Nachtisch wollte ich eigentlich Ube-Eis machen, aber mein Stamm-Asiamarkt hat diese Yams-Art nie, wie ich jetzt weiß, nein, leider auch nicht in irgendeiner tiefgefrorenen oder eingekochten Variante. Stattdessen wurden mir Eddoes empfohlen, die ich genau so verarbeitete wie ich es mit Ube gemacht hätte: Abschrubben, vierteln, ein halbes Stündchen dämpfen. Das Fruchtfleisch aus der Schale kratzen und zu Püree stampfen (dann hat man halaya). Mit Kokosmilch und Kondensmilch köcheln lassen, dabei rühren, bis es eindickt. Ich hatte übersehen, dass die Rührzeit im philippinischen Kochbuch mit „20 bis 30 Minuten“ angegeben wurde; also hörte ich nebenbei eine Vorlesung per Macbook und rührte und rührte und rührte.

Ich wartete die ganze Zeit darauf, dass sich alles leicht violett einfärben würde; die Dame im Asiamarkt hatte mir neben den Knollen noch fertige Süßigkeiten daraus gezeigt, die fliederfarben waren. Es blieb aber alles beige, auch nachdem ich aus der nach 25 Minuten Rühren enstandenen Paste eine Eismasse gemacht hatte; dazu Eier und Zucker aufschlagen, mit warmer Milch aufrühren, alles zusammen erhitzen, bis es eindickt, dann mit Sahne und eben dem Püree verbinden, stundenlang in den Kühlschrank stellen, dann in die Eismaschine. Das freute mich sehr, dass ich die mal wieder verwenden konnte; die stand jahrelang rum, zum Schluss in einer Hamburger Umzugskiste auf dem Dachboden meiner Eltern, bis ich sie im letzten Jahr in einer blauen Ikeatasche nach München trug. Läuft wie am ersten Tag.

Das Eis färbte ich schließlich mit Speisefarbe ein, damit F. raten konnte, was es (theoretisch) war. Gut war’s.

Vor dem Einkauf ging ich mit den Ausdrucken aus dem Impfzentrum und dem Perso in eine Apotheke und muss nun nicht mehr meinen Impfpass mit mir rumtragen, ich bin jetzt zertifiziert geimpft und habe die Corona-App damit (hoffentlich) durchgespielt.

Am Donnerstag war ich nach sieben Monaten wieder im ZI OMG SIEBEN MONATE? und arbeitete die letzten gelb markierten Stellen im Dokument ab. Das war noch schöner als mit Sekt auf der Terrasse zu sitzen.

Noch sieben herrliche Tage im Süden und viel herrliche Schreibtischarbeit, bevor ich wieder in den Norden muss. Ich werde jetzt viel Zeug mit Fischsauce, Limetten und Chili essen und schlafe jetzt schon schlecht, weil ich weiß, dass es nochmal fürchterlich werden wird.

Bitte keine Ratschläge, es ist alles schon anstrengend genug.