Mittwoch, 18. Februar 2026 – Studis nicht mehr abholen
Englisch-Professor Walt Hunter schreibt im Atlantic darüber, dass es Unsinn ist, auf herausfordernde Lektüre (oder überhaupt Lektüre) im Studienalltag zu verzichten, weil angeblich niemand mehr lesen kann oder will: Stop Meeting Students Where They Are (Geschenk-Link).
„The image of a college literature class hasn’t changed much in the past 50 years. A group of students are sitting around a table, or maybe they’re perched in a lecture hall, looking down at a passage by Melville, reading a sentence out loud, puzzling over a metaphor, feeling the jolt of possibility that comes when their world is reimagined in startling language.“
Ich mochte Hunters Beschreibung, wie Lesen die Lesende verändert: „feeling the jolt of possibility that comes when their world is reimagined in startling language.“ Diese Möglichkeit, einen Satz, einen Absatz zu lesen, der plötzlich eine neue Welt öffnet oder die vorhandene signifikant verändert, ist weiterhin gegeben. Ganz egal, wie sehr Studierende sich inzwischen an Smartphones und ChatGPT gewöhnt haben.
Hunter war besorgt um die Konzentrationsfähigkeit seiner Studierenden; schließlich sagen diverse Studien, die er am Beginn des Artikels zitiert, dass 2024 ein Drittel aller High-School-Seniors „no basic reading skills“ gehabt hätte. Er musste sich auch selbst eingestehen, einen „rattled attention span“ zu haben; auch für ihn bedeutet es in der Zeit des Internets mehr Mühe, sich auf lange und ganz lange Texte zu konzentrieren. Er stellte aber nach der Vergabe seiner durchaus fordernden Lehrpläne fest: Die Studierenden lesen. Und auch hier mochte ich wieder eine Beschreibung, warum Lesen so schön sein kann:
„Two things became clear in the early weeks of class. First, the students were reading. They were reading everything, or most of it. I know this because I had them identify obscure passages, without notes, devices, or books at hand. Second, they were experiencing life in a way that was not easy outside the class and its assignments. They were expected—required—to give huge chunks of time to an activity, reading, that was not monetizing their attention in real time. They had, in effect, taken back their lives, for an hour or two each day. It turned out that American literature, which so often flirts with utopian fantasies of regaining control—hello, Walden!—could do precisely that.“
Warum es auf einmal funktioniert hat, dass Studis lesen können: weil der Autor auf die zweite Beschäftigung des universitären Studiums verzichtete: die ewigen Essays und Hausarbeiten, für die man noch zehn weitere Bücher lesen muss, um das erste wissenschaftlich würdigen zu können. Beim folgenden Zitat habe ich mich sehr an die eigene Nase fassen müssen: „Long, research-based essay assigments had always worked well for the top students in the class, the ones who were already trained to write.“ Damit meine ich nicht den „top student“, sondern „trained to write“.
Ja, für die Werbung zu schreiben, ist etwas anderes als für die Uni. Ja, für ein Blog oder einen launigen Social-Media-Account zu schreiben, ist etwas anderes als für die Uni. Aber jeder geschriebene Satz schult. Ich habe journalistisch gearbeitet, bevor ich Werbung gemacht habe, ich hatte schon zehn Jahre lang fast täglich gebloggt, bevor ich mich immatrikulierte. Natürlich wusste ich, wie Schreiben geht, weil ich es gelernt hatte, und was fast noch wichtiger ist, ich wusste, wie ich das bisher Gelernte anpassen musste, um nun sinnvollen Text für die Uni zu produzieren. Ich war vermutlich eine der wenigen Studentinnen, die sich das ganze Semester auf die Hausarbeit gefreut hat, weil ich endlich schreiben und nicht nur olle Powerpoint-Folien basteln durfte. Und wie ich selbst überrascht und fasziniert feststellen durfte, mochte ich das sehr, zehn Bücher zu einem Kunstwerk zu lesen, um darüber schreiben zu können. Aber mir ist auch klar geworden, dass anderen das nicht so geht. Vor allem, weil es irrsinnig viel Zeit kostet.
Hunter überdachte daher nicht seinen Kanon, jedenfalls nicht grundsätzlich, oder zweifelte an, dass Menschen Moby Dick lesen könnten. Aber er veränderte die Art, über diese Werke zu reflektieren, zum Beispiel durch „flash essays“: Fragen oder Prompts, die schnell bzw. in einem kurzen Zeitraum spontan beantwortet werden sollten. Ohne die üblichen universitären Hilfsmittel.
„I wanted my students to have a taste of the adrenaline and, yes, stress that came from writing when faced with real time constraints. I wanted edge-of-the-seat writing that opened itself up to failure. They would confront their fear without guardrails, without bumpers, without AI-drafted support, without a plan or even a thesis. One student came up to me after the first flash essay, a little frustrated and worried that he wasn’t meeting the mark. He felt like he was writing into the complete unknown, rather than with a plan in mind. I said that was exactly the point.“
Ich kann den Studi verstehen, mich würde diese Art zu schreiben auch wahnsinnig machen. Jemand von der LMU-Schreibberatung verriet mir mal auf Twitter, dass mein Schreibstil „Architektin“ genannt wird: Ich weiß genau, wo ich hin will, bevor ich den ersten Satz tippe. „Into the complete unknown“ zu schreiben, ist für mich eine unangenehme Vorstellung, denn dann habe ich kein Ziel. Wozu soll ich dann Text produzieren?
Diese Art zu schreiben, kommt natürlich aus der Werbung. Wenn du nur 30 Sekunden Zeit für eine Story in einem Fernsehspot hast oder, noch schwieriger, genau eine Headline, damit Leute die Anzeige lesen, solltest du sehr genau wissen, was du sagen willst, bevor du tippst. Wie du es dann im Endeffekt sagst, lässt sich in 100 Korrekturschleifen verfeinern. Das habe ich zumindest meinen Studis in meinen Schreibseminaren vermittelt, aber das hinterfrage ich gerade. Denn: einfach loszuschreiben, kann befreiend sein, wie auch Hunter sagt:
„So I devised simple essay topics that asked students to write about their own difficulties as readers. One was: “Write about a moment in an Emily Dickinson poem that you don’t understand.” Another was: “Write about your morning routine, but in the style of Faulkner.” I didn’t want to create 32 new Faulkners. I wanted the students to experience the moment when their own style broke through the imitation, when the attempt to write like Faulkner failed and revealed, as a kind of photonegative, their own emergent voices.“
Wie großartig ist das denn. Keine pseudokluge, weil angelesene Wiedergabe von fremden Positionen, sondern das Abarbeiten am eigenen Unverständnis. Die Konfrontation mit Fragen anstatt die Suche nach der einen Antwort, die es eh nicht gibt. Und: das Gequatsche, was ein gewisser Bundeskanzler sich mal wieder nicht verkneifen konnte von wegen Forschung, Wertschöpfung: natürlich Unsinn. Die Geisteswissenschaften müssen sich leider seit jeher dafür verteidigen, dass sie Menschen grundsätzlich erst einmal beibringen, als Fragen zu stellen, was meiner Meinung nach der Sinn jeder Forschung sein sollte, aber das sieht Herr Merz anscheinend anders. Launig rausgerotzte Quatsch-Positionen sind auch einfacher.
Abschließend erinnert Hunter daran, dass Lesen eben immer mehr ist als Lesen: Fragen stellen, nachdenken, Positionen überdenken. Und noch mehr:
„But the whole notion of having to defend literature or the humanities in the first place may have us wrong-footed. It’s not only what you learn from reading Moby-Dick—notwithstanding Melville’s extensive knowledge of 19th-century whaling—but what you are doing when you are reading Moby-Dick. You are neither learning a transferable skill nor escaping from the world’s demands that you do. You are not word-maxxing or optimizing information for efficiency. You are engaged in a singular practice, one with its own primary justification.
The students I taught last semester turned enthusiastically to Faulkner and spent their time reading about the journey of the Bundren family to bury their mother’s body. Why did they do this? Because I asked them to, and told them it was worth it. I said that time was precious, and that we needed to take some of it back for ourselves. So we did.“


