Mittwoch, 18. Februar 2026 – Studis nicht mehr abholen

Englisch-Professor Walt Hunter schreibt im Atlantic darüber, dass es Unsinn ist, auf herausfordernde Lektüre (oder überhaupt Lektüre) im Studienalltag zu verzichten, weil angeblich niemand mehr lesen kann oder will: Stop Meeting Students Where They Are (Geschenk-Link).

„The image of a college literature class hasn’t changed much in the past 50 years. A group of students are sitting around a table, or maybe they’re perched in a lecture hall, looking down at a passage by Melville, reading a sentence out loud, puzzling over a metaphor, feeling the jolt of possibility that comes when their world is reimagined in startling language.“

Ich mochte Hunters Beschreibung, wie Lesen die Lesende verändert: „feeling the jolt of possibility that comes when their world is reimagined in startling language.“ Diese Möglichkeit, einen Satz, einen Absatz zu lesen, der plötzlich eine neue Welt öffnet oder die vorhandene signifikant verändert, ist weiterhin gegeben. Ganz egal, wie sehr Studierende sich inzwischen an Smartphones und ChatGPT gewöhnt haben.

Hunter war besorgt um die Konzentrationsfähigkeit seiner Studierenden; schließlich sagen diverse Studien, die er am Beginn des Artikels zitiert, dass 2024 ein Drittel aller High-School-Seniors „no basic reading skills“ gehabt hätte. Er musste sich auch selbst eingestehen, einen „rattled attention span“ zu haben; auch für ihn bedeutet es in der Zeit des Internets mehr Mühe, sich auf lange und ganz lange Texte zu konzentrieren. Er stellte aber nach der Vergabe seiner durchaus fordernden Lehrpläne fest: Die Studierenden lesen. Und auch hier mochte ich wieder eine Beschreibung, warum Lesen so schön sein kann:

„Two things became clear in the early weeks of class. First, the students were reading. They were reading everything, or most of it. I know this because I had them identify obscure passages, without notes, devices, or books at hand. Second, they were experiencing life in a way that was not easy outside the class and its assignments. They were expected—required—to give huge chunks of time to an activity, reading, that was not monetizing their attention in real time. They had, in effect, taken back their lives, for an hour or two each day. It turned out that American literature, which so often flirts with utopian fantasies of regaining control—hello, Walden!—could do precisely that.“

Warum es auf einmal funktioniert hat, dass Studis lesen können: weil der Autor auf die zweite Beschäftigung des universitären Studiums verzichtete: die ewigen Essays und Hausarbeiten, für die man noch zehn weitere Bücher lesen muss, um das erste wissenschaftlich würdigen zu können. Beim folgenden Zitat habe ich mich sehr an die eigene Nase fassen müssen: „Long, research-based essay assigments had always worked well for the top students in the class, the ones who were already trained to write.“ Damit meine ich nicht den „top student“, sondern „trained to write“.

Ja, für die Werbung zu schreiben, ist etwas anderes als für die Uni. Ja, für ein Blog oder einen launigen Social-Media-Account zu schreiben, ist etwas anderes als für die Uni. Aber jeder geschriebene Satz schult. Ich habe journalistisch gearbeitet, bevor ich Werbung gemacht habe, ich hatte schon zehn Jahre lang fast täglich gebloggt, bevor ich mich immatrikulierte. Natürlich wusste ich, wie Schreiben geht, weil ich es gelernt hatte, und was fast noch wichtiger ist, ich wusste, wie ich das bisher Gelernte anpassen musste, um nun sinnvollen Text für die Uni zu produzieren. Ich war vermutlich eine der wenigen Studentinnen, die sich das ganze Semester auf die Hausarbeit gefreut hat, weil ich endlich schreiben und nicht nur olle Powerpoint-Folien basteln durfte. Und wie ich selbst überrascht und fasziniert feststellen durfte, mochte ich das sehr, zehn Bücher zu einem Kunstwerk zu lesen, um darüber schreiben zu können. Aber mir ist auch klar geworden, dass anderen das nicht so geht. Vor allem, weil es irrsinnig viel Zeit kostet.

Hunter überdachte daher nicht seinen Kanon, jedenfalls nicht grundsätzlich, oder zweifelte an, dass Menschen Moby Dick lesen könnten. Aber er veränderte die Art, über diese Werke zu reflektieren, zum Beispiel durch „flash essays“: Fragen oder Prompts, die schnell bzw. in einem kurzen Zeitraum spontan beantwortet werden sollten. Ohne die üblichen universitären Hilfsmittel.

„I wanted my students to have a taste of the adrenaline and, yes, stress that came from writing when faced with real time constraints. I wanted edge-of-the-seat writing that opened itself up to failure. They would confront their fear without guardrails, without bumpers, without AI-drafted support, without a plan or even a thesis. One student came up to me after the first flash essay, a little frustrated and worried that he wasn’t meeting the mark. He felt like he was writing into the complete unknown, rather than with a plan in mind. I said that was exactly the point.“

Ich kann den Studi verstehen, mich würde diese Art zu schreiben auch wahnsinnig machen. Jemand von der LMU-Schreibberatung verriet mir mal auf Twitter, dass mein Schreibstil „Architektin“ genannt wird: Ich weiß genau, wo ich hin will, bevor ich den ersten Satz tippe. „Into the complete unknown“ zu schreiben, ist für mich eine unangenehme Vorstellung, denn dann habe ich kein Ziel. Wozu soll ich dann Text produzieren?

Diese Art zu schreiben, kommt natürlich aus der Werbung. Wenn du nur 30 Sekunden Zeit für eine Story in einem Fernsehspot hast oder, noch schwieriger, genau eine Headline, damit Leute die Anzeige lesen, solltest du sehr genau wissen, was du sagen willst, bevor du tippst. Wie du es dann im Endeffekt sagst, lässt sich in 100 Korrekturschleifen verfeinern. Das habe ich zumindest meinen Studis in meinen Schreibseminaren vermittelt, aber das hinterfrage ich gerade. Denn: einfach loszuschreiben, kann befreiend sein, wie auch Hunter sagt:

„So I devised simple essay topics that asked students to write about their own difficulties as readers. One was: “Write about a moment in an Emily Dickinson poem that you don’t understand.” Another was: “Write about your morning routine, but in the style of Faulkner.” I didn’t want to create 32 new Faulkners. I wanted the students to experience the moment when their own style broke through the imitation, when the attempt to write like Faulkner failed and revealed, as a kind of photonegative, their own emergent voices.“

Wie großartig ist das denn. Keine pseudokluge, weil angelesene Wiedergabe von fremden Positionen, sondern das Abarbeiten am eigenen Unverständnis. Die Konfrontation mit Fragen anstatt die Suche nach der einen Antwort, die es eh nicht gibt. Und: das Gequatsche, was ein gewisser Bundeskanzler sich mal wieder nicht verkneifen konnte von wegen Forschung, Wertschöpfung: natürlich Unsinn. Die Geisteswissenschaften müssen sich leider seit jeher dafür verteidigen, dass sie Menschen grundsätzlich erst einmal beibringen, als Fragen zu stellen, was meiner Meinung nach der Sinn jeder Forschung sein sollte, aber das sieht Herr Merz anscheinend anders. Launig rausgerotzte Quatsch-Positionen sind auch einfacher.

Abschließend erinnert Hunter daran, dass Lesen eben immer mehr ist als Lesen: Fragen stellen, nachdenken, Positionen überdenken. Und noch mehr:

„But the whole notion of having to defend literature or the humanities in the first place may have us wrong-footed. It’s not only what you learn from reading Moby-Dick—notwithstanding Melville’s extensive knowledge of 19th-century whaling—but what you are doing when you are reading Moby-Dick. You are neither learning a transferable skill nor escaping from the world’s demands that you do. You are not word-maxxing or optimizing information for efficiency. You are engaged in a singular practice, one with its own primary justification.

The students I taught last semester turned enthusiastically to Faulkner and spent their time reading about the journey of the Bundren family to bury their mother’s body. Why did they do this? Because I asked them to, and told them it was worth it. I said that time was precious, and that we needed to take some of it back for ourselves. So we did.“

Dienstag, 17. Februar 2026 – Wahlunterlagen

Im März sind in Bayern Kommunalwahlen. Als städtische Angestellte muss ich Wahldienst machen; bei der letzten Bundestagswahl gab es genug Leute, die eingeteilt wurden, das heißt, ich konnte in München ins Wahllokal gehen, was ich sehr mag. Ja, Briefwahl ist super, aber ich persönlich gehe lieber irgendwo hin, mache mein Kreuz am Wahltag und, ganz wichtig, werfe meinen Stimmzettel in eine Urne. Ich mag diesen Akt sehr gerne, und deswegen schrieb ich auf die Liste, auf der man sich in Passau am Arbeitsplatz für den Wahldienst eintragen sollte, erneut als Verhinderungsgrund, dass Passau nur mein Zweitwohnsitz sei und ich woanders wählte. Bei der Bundestagswahl ging das als Grund durch, obwohl es nicht wirklich einer ist, aber dieses Mal nicht. Bei der Kommunalwahl wird jede Hand und jedes Auge gebraucht, um die riesigen Zettel mit den 85 Einzelstimmen auszuzählen. Ächz.

Gestern lagen meine Wahlunterlagen im Münchner Briefkasten, die ich mit nach Passau nahm, denn ich fuhr erst gestern wieder gen Osten, nicht schon Sonntag. Gestern war Faschingsdienstag, und die Stadt schenkte uns einen halben freien Tag. Die andere Hälfte konnten wir Überstunden abbummeln und hatten damit frei, um kostümiert durch die Gegend zu laufen und Krapfen zu essen. Oder um zwei Stunden hinter gestern unglaublichen vielen LKW auf der Autobahn zu hängen und anschließend Krapfen zu essen. Und da ich eine effiziente Arbeiterin bin, deren Feierabend heilig ist, hatte ich nur eine Überstunde und muss daher ab heute drei Stunden wieder reinholen. Da kommt mir der Wahldienst sehr recht, denn zack! acht Überstunden. Vermutlich. Jede:r, der:die den Wahlzettel für Kommunalwahlen kennt, ahnt, dass das länger dauernd wird.

In München durfte ich den Bürgermeister wählen (leider kein Gendern nötig bei den Kandidaten, die Aussicht auf Erfolg haben), den Bezirksausschuss meines Wohnviertels und die neuen Stadträt:innen. Da sind die 85 Stimmen, die man lustig kumulieren und panaschieren kann, und ja, ich musste das nochmal ergoogeln. Der letzte Stimmzettel ist ungefähr 150 cm breit, ich fotografierte ihn gestern für einen kleinen Bluesky-Post. Wie ich auch dort schon schrieb: Demokratie ist anstrengend, aber super. Und alternativlos, hint, hint.

Dann werfe ich heute mal meinen Wahlbrief ein und bereite mich seelisch auf das Auszählen von Passauer Stimmen vor. Meine Kollegin, die bei der Bundestagswahl in meinem Wahllokal Dienst hatte, meinte, ich solle mir dicke Socken und notfalls eine Decke mitnehmen, in der Schulaula ziehe es ganz fies.

Montag, 16. Februar 2026 – Samstag

Das Wochenende war aus unterschiedlichen Gründen nicht ganz so, wie F. und ich es geplant hatten, daher holten wir gestern abend, am Montag, den Samstagabend nach. Wir erwischten noch einen Tisch im Waltz, kamen latent gestresst an, und sobald wir durch die Tür waren, uns jemand die Mäntel abgenommen hatte und wir saßen, war die Welt wieder in Ordnung. Es ist wirklich Zauberei, wie das Waltz das immer hinkriegt.

Es gab unsere Lieblinge Lafarge und Fenocchio, wir wollten mal keine Experimente und was Neues trinken, sondern das, von dem wir wissen: schmeckt immer. Und so war’s dann auch.

Sonntag, 15. Februar 2026 – Henrike Naumann

Gestern abend erreichte mich auf Bluesky die Nachricht, dass die Künstlerin Henrike Naumann gestorben sei. Das nahm mich etwas mehr mit als erwartet, denn Naumann gehört zu den zeitgenössischen Künstler:innen, die ich sehr schätze und deren Werk ich für wichtig halte. Die Arbeiten, die mich von Naumann am meisten faszinierten, waren Installationen mit Möbeln, in denen sie den Nationalsozialismus und die Neue Rechte verknüpfte, und das meiner Meinung nach überzeugend, stimmig und zukunftsweisend.

Ich bloggte mehrfach über sie. F. und ich sahen 2019 ihre Arbeit „Das Reich“ im Wiener Belvedere. Gleichzeitig lief im Haus der Kunst in München eine Gemeinschaftsausstellung, in der sie vertreten war. Wir sprachen im Podcast vom Januar 2020 über ihre Arbeit „Ruinenwert“ und wie sie in einem NS-Bau einen anderen nachstellte: Im ehemaligen Haus der Deutschen Kunst entstand ein Raum des Berghofs in Obersalzberg. Im März 2020 hätte Naumann uns eigentlich durch die Ausstellung führen sollen, aber März 2020 happened. F. hat die Tickets bis heute aufgehoben.

Ich erwähnte Naumann im Januar 2021 und verlinkte einen Instagram-Beitrag von ihr, in dem sie sich mit der Optik der Neuen Rechten, auch in den USA, befasste. Der letzte Beitrag auf ihrem Kanal stammt vom Mai 2025, in dem sie schreibt, dass sie gemeinsam mit Sung Tieu den Deutschen Pavillon auf der Biennale 2026 gestalten wird. Erneut ein – teilweise – Bau der NS-Zeit; er wurde 1938 großflächig umgebaut. Im Beitrag der Monopol steht über den heutigen Pavillon:

„Henrike Naumann ist am 14. Februar in Berlin verstorben, nach einer viel zu spät diagnostizierten Krebserkrankung. “Bis zuletzt hat sie Objekte arrangiert, um ihr Herzensprojekt, den Deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig, zu produzieren und umzusetzen. Die Ausstellung in Venedig wurde und wird so umgesetzt, wie ihre Laufbahn begonnen hat: als Gemeinschaftsprojekt, angeleitet durch Henrikes künstlerische Vision”, so heißt es in der von der Familie unterschriebenen Mail.“

Ein weiterer Eintrag zu ihr stammt vom März 2021, wo ich schön im Lockdown per Zoom einen Vortrag von ihr aus Hannover hören konnte. Im August 2021 erwähnte ich die Publikation „Einstürzende Reichsbauten“ von ihr, die hinter mir im Regal steht.

Jetzt bin ich wieder traurig. Ich hätte sehr gerne noch weitere Werke von Henrike Naumann gesehen. Krebs bleibt weiterhin ein Arschloch.

Samstag, 14. Februar 2026 – Dreimal neu

Um halb sechs aufgewacht, mich flugs tagesfertig frischgemacht, Kaffee gekocht, das natürlich abends vorbildlich gepackte Köfferchen verschlossen und zum Auto gerollt. Knapp zwei Stunden entspannt Autobahn gefahren, gute, alte A 92, noch nie im Stau gestanden, sehr schön. Gleich zum Bäcker weitergefahren anstatt die Karre vor der Münchner Haustür abzustellen, wo Samstagvormittags gerne noch was frei ist im Gegensatz zu Freitagabend. Sogar beim Bäcker einen Parkplatz bekommen, genau wie zehn Minuten später vor der Haustür. Für mich immer noch ungewohnt, in München Dinge mit dem Auto zu erledigen; seit ich 2012 hierher gezogen bin, hatte ich noch nie ein Auto, und auch, seit ich für Passau eins habe, mache ich in München eigentlich nichts anderes als von der Autobahn direkt zu F. in die Tiefgarage zu fahren, nachdem ich meist erfolglos eine Runde vor meiner Tür einen Parkplatz gesucht habe. Nun also erstmals die Fahrt zum Bäcker erledigt, alles sehr aufregend.

Als ich mit dem Koffer in den Fahrstuhl steigen wollte, kam mir dort eine Nachbarin entgegen, die mich mit „Ich hab Sie im Fernsehen gesehen!“ begrüßte. Das war auch neu. (Die arte-Doku über das angebliche Wirtschaftswunder aus dem Oktober 2025, ist nicht mehr online.)

Letztes Neu von gestern gehört nicht ins Blog, erinnerte mich aber mal wieder daran, dass ich ernsthaft die Handynummer von F. nicht auswendig kann, nur seine Mail-Adresse. Erstere habe ich mir jetzt brav mal notiert und nicht nur im Handy gespeichert (das war Teil des Problems).

Freitag, 13. Februar 2026 – Benzin im Koppe

Ich bin jetzt wieder in der Gilde der bescheuerten Rumfahrer:innen angekommen, wie ich gestern entsetzt, aber gleichzeitig wochenendfaul feststellen musste.

Ich habe ja einen Dauerparkplatz in einem Parkhaus, zu dem ich jeden Morgen zehn Minuten hinstapfen muss. Das habe ich jetzt anderthalb Jahre ertragen, aber gerade jetzt scheint der Punkt gekommen zu sein, an dem ich zeitweilig nicht mehr mag. Ich bin in Passau Autofahrerin, ich will, dass mein Auto vor meiner Haustür steht und ich gefühlt drei Meter gehen muss, bis ich einsteigen kann. Jaja, ich weiß. Aber wozu hat man denn ein Auto, wenn man da erst hingehen muss? Jeden Morgen kommt die krückstockfuchtelnde Oma Gröner durch, die nie wieder auf dem Land wohnen will, aber es total vermisst, dass da überall genug Platz ist, um drei Autos pro Haushalt hinzustellen.

Die letzten drei Tage gönnte ich mir gnadenlos nach Feierabend einen kostenpflichtigen Parkplatz in der Nähe meiner Wohnung. Gestern waren die Parkplatzgöttinnen aber nicht auf meiner Seite, ich fuhr dreimal im Kreis, fand nur Plätze, die quasi 100 Meter von meiner Parkgarage weg waren anstatt 100 von der Haustür, war nölig und wollte partout nicht ins Parkhaus. Im Kofferraum lag noch eine Runde Leergut, bei dem ich mich auch seit Tagen weigere, es wegzubringen, diese Woche war ich anscheinend grundbockig, außer bei der Arbeit, da bin ich diszipliniert und eifrig und kriege things done. Nur der Rest des Tages hat mich diese Woche anscheinend überfordert.

Ich seufzte also, dachte mir, fährste halt Leergut weg, wenn du eh keinen Parkplatz findest, ich gondelte also ans andere Ende der Stadt zum Lidl, fuhr auf den Parkplatz – und stellte fest, dass er sehr voll war, worauf ich, wer hätte es gedacht, bockig keine Lust hatte, ich hatte JE EH KEINE LUST, also drehte ich total sinnlos um, kam an der Parkgarage an, WAR IMMER NOCH BOCKIG, fuhr an ihr vorbei auf den bereits mehrfach umrundeten Parkplatz, und nun hatten die Göttinnen mein Opfer von 20 Minuten sinnloser Benzin- und Zeitverschwendung sowie Luftverpestung dankend angenommen, es war ein Parkplatz frei, wie er näher kaum bei mir sein konnte, ich parkte und fühlte mich gleichzeitig super und wie ein kompletter Idiot.

Zum Tagesabschluss gönnte ich mir endlich einen von den Krapfen, die ich seit Wochen rieche und kann nun bestätigen: schmecken so gut wie sie duften.

Donnerstag, 12. Februar 2026 – Meetings, Meetings, Meetings

Ich musste vorgestern ja unbedingt Eiskunstlaufen schauen, kam dementsprechend viel später als sonst ins Bett und war einen Hauch müde, als mich der Wecker aus dem mummeligen Tiefschlaf riss.

Ausgerechnet gestern war der erste Tag auf der Burg, an dem dauernd jemand was von mir wollte. Ansonsten lässt man mich hier nämlich einfach machen. Das ist großartig, das ist genau die Art, wie ich gerne arbeite: Lass mich einfach machen, ich melde mich, wenn ich Ergebnisse habe. Aber gestern standen gleich zwei Meetings im Kalender und ein drittes kam im Laufe des Tages dazu. Das wäre in der Werbeagentur die Tagesagenda zwischen Raucherpause und Käffchen, aber auf der Burg, wo ich schön vor mich hinwissenschafte, hatte ich ernsthaft noch nie drei Meetings an einem Tag.

Daher sahen meine gut acht Stunden so aus: Geschrieben, Geschriebenes korrigiert, Meeting vorbereitet, Meeting gehabt, über Dinge diskutiert, beim Mittagessen mit den Kolleginnen gelacht, Meeting gehabt, Texte geschrieben, Texte korrigiert, telefonisches Meeting gehabt, geschrieben, korrigiert.

Ewig auf dem Nachhauseweg überlegt, ob ich jetzt tanken fahren sollte oder erst Freitagabend, wenn ich eventuell nach München fahre oder erst Samstagmorgen, wenn ich dann aber wirklich nach München fahre, bis ich quasi vor der Tankstelle stand und dachte, ja, gut, wenn ich jetzt schon mal da bin, dann tanke ich halt.

Beim Biomarkt eingekauft, denn der hat gute Schokolade.

Zuhause hat es nur noch für ein Avocadobrot mit Rührei gereicht, nicht mal für Netflix oder ähnliches. Brav Französisch mit der grünen Eule geübt, gelesen und sehr früh ins Bett gekippt. Dafür um 3 wieder hellwach gewesen und erst irgendwann wieder eingeschlafen, weswegen ich heute ähnlich tranig bin wie gestern. Hmpf.

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Über dieses Video auf Insta (via @suereindke) lache ich seit vorgestern abend. Der Mann fasst gut zusammen, was mir in diesem Jahr zum ersten Mal bei den Olympischen Winterspielen aufgefallen ist. Bei den Sommerspielen denke ich dauernd, oh hey, kannst du schnell laufen, hoch springen, Dinge total weit weg werfen, das ist supi, ich freu mich für dich.

Bei Wintersportarten denke ich: You are all fucking mad. Ihr Wahnsinnigen, die ihr euch kopfüber in Eisbahnen, blitzschnell auf Sprungschanzen oder quasi senkrecht auf Abfahrtstrecken stürzt: You are all fucking mad. Aber supi, ich freu mich für euch. (Still fucking mad.)

Eben beim Verlinken gesehen: Es gibt noch einen zweiten Teil. Der spricht dann auch die seltsame Sportart an, die als Kommentar zum ersten Teil angelegt wurde: „Skiing – but with GUNS.“

Mittwoch, 11. Februar 2026 – Krapfen

Ich wohne in Passau über einer Konditorei, was sonntags super ist, weil immer Kuchen in der Nähe ist. Sonst ist es eher anstrengend, weil ab 2 Uhr morgens gearbeitet wird: Die Backstube ist auch im Haus, und wenn im Sommer – oder wie ich es gerne nenne: ab März – die Fenster geöffnet sind, weil ich es sonst nicht in meiner Saunawohnung aushalte, habe ich ab 2 Uhr morgens Geräuschkulisse. Daran habe ich mich aber im Prinzip gewöhnt, genau wie an die Partypeople, die bis 2 Uhr morgens um die Häuser ziehen und dann den Geräuschestaffelstab an die Bäckerinnung übergeben. Irgendwann bin ich eben müde genug.

Was aber richtig fies ist: Ich habe derzeit auch noch Geruchskulisse. Jetzt gerade zur Faschingszeit wirbt der Laden mit „pfannengebackenen Krapfen”. Sobald ich die Fenster öffne: Duft. Sobald ich morgens in den Fahrstuhl steige: noch mehr Duft, denn aus der Backstube im ersten Stock werden die ganzen Köstlichkeiten ein Stockwerk runter in den Verkaufsraum gefahren. Zu Dutzenden. Zu Hunderten! Und ich stehe im pfannengebackenen Aroma und will die ganze Welt aufessen, obwohl ich gerade gefrühstückt habe.

Gut, dass der Laden nur dann geöffnet hat, wenn ich auf der Burg sitze. Ich bestünde sonst vermutlich inzwischen zu 80 Prozent aus Hefeteig. Mit Hagebuttenfüllung.

Dienstag, 10. Februar 2026 – Fußnoten feiern

Vorgestern wartete im Archiv die dickste Spruchkammerakte, die ich je in der Hand hatte. Es ging um einen Hauptschuldigen, genauer gesagt, Max Moosbauer, Oberbürgermeister Passaus von 1933 bis 1945. Mehr hauptschuldig geht ja kaum. Aber wie so oft in den Verfahren wurde auch sein erstes Urteil abgemildert, er musste seine zehn Jahre Lagerhaft, zu denen er zunächst verurteilt wurde, nicht komplett absitzen.

Vorgestern hatte ich „nur” die erste Akte vor mir, also das erste Verfahren, noch nicht das Berufungsverfahren; die Akte liegt nämlich in München, während ich im Staatsarchiv Landshut war, wo sich die Akten der Spruchkammer Passau befinden. Aber auch diese Akte bestand schon aus fünf einzelnen Bergen an Papier, durch die ich mich wühlte, auf der Suche nach ganz bestimmten Informationen. Nebenbei fiel natürlich auch noch etwas anderes ab, was ich verwerten konnte, wie immer bei dieser Art Schriftstück, aber worüber ich seit der Lektüre nachdenke, ist das unterschiedliche Verhalten von Zeugen. Während 1946/47 noch genügend Menschen bereit waren, gegen Moosbauer auszusagen – auch schriftlich, die vielen Belege im der Akte zeigen es –, waren es 1949, als sein Berufungsverfahren eingeleitet wurde, weitaus weniger. Die öffentliche Meinung zu den Spruchkammern hatte sich geändert; soweit ich das ganz unwissenschaftlich beurteilen kann, wollten einfach alle nur noch ihre Ruhe haben, die NS-Zeit war ewig lange her, ist gut jetzt. Wenn ich mich an die Lektüre zur Diss erinnere, war 1948 das erste Mal davon die Rede, einen Schlussstrich zu ziehen.

Ich verlinkte oben den Wikipedia-Artikel, in dem Moosbauers angebliche SPD-Mitgliedschaft erwähnt wird; das „angeblich“ habe ich gestern selbst eingefügt. Die wird in der sehr wenigen Literatur, die es zu dem Mann gibt, erwähnt, aber ohne eine Quellenangabe. Ich konnte sie bisher noch nicht nachweisen, und ich glaube auch nicht, dass sie existiert.

In seinem ersten, 1946 ausgefüllten Spruchkammerbogen erwähnt Moosbauer diese Mitgliedschaft nicht,1 obwohl gerade der Spruchkammerbogen perfekt dazu geeignet gewesen wäre, um sich besser darzustellen, als man vielleicht war. Ich empfehle zu diesem Thema immer gerne folgendes Buch, das netterweise schon in der Wikipedia steht, sonst hätte ich es nachgetragen: Hanne Leßau: Entnazifizierungsgeschichten. Die Auseinandersetzung mit der eigenen NS-Vergangenheit in der frühen Nachkriegszeit. Wallstein, Göttingen 2020, hier eine Rezension.

Erst 1948, in einem im Internierungslager Regensburg verfassten Lebenslauf, behauptete Moosbauer, kurz vor dem Ersten Weltkrieg in die Partei eingetreten zu sein.2 In einer weiteren Aussage einen Monat später nennt er die Zeit direkt nach dem Ersten Weltkrieg.3 Ich stolpere nicht über die unterschiedlichen Zeiten; doofer Vergleich, aber: Auch ich war mal Mitglied einer Partei und könnte gerade noch das Jahrzehnt nennen, nicht das genaue Jahr meines Ein- oder Austritts. Ich stolpere aber darüber, dass ihm diese Mitgliedschaft erst 1948 ganz plötzlich eingefallen ist.

Nachdem ich partout keine Quelle finden konnte außer Selbstzeugnissen, fragte ich beim Archiv der Friedrich-Ebert-Stiftung nach, die mir aber auch nur das sagen konnte, was ich schon in der Literatur gelernt hatte: Es ist kaum möglich, eine SPD-Mitgliedschaft vor 1933 zweifelsfrei nachzuweisen, wenn es sich nicht gerade um bekannte Persönlichkeiten handelt. Viele, gerade kleinere Ortsvereine, vernichteten ihre Unterlagen zu Parteimitgliedern nach der Machtübernahme der NSDAP selbst, um die Genoss:innen nicht zu gefährden. Viele andere Unterlagen wurden vom NS-Regime vernichtet.

In der Literatur heißt es, Moosbauer seit bis 1923 SPD-Mitglied gewesen – das wäre gleichzeitig mit seiner Mitgliedschaft im Freikorps Oberland, was mir doch sehr unwahrscheinlich scheint. Die bestand seit eigener Aussage bereits seit 1922.4 Gerade gestern las ich in der von Moosbauer selbst verfassten Chronik der Passauer NSDAP (1933), dass er schon im Februar 1923 in die Partei eingetreten sein will.5 (Auch hier die etwas vage Formulierung, weil Selbstzeugnis.) Ich kann daher leider kein abschließendes Urteil fällen, aber ich neige sehr stark dazu, Moosbauer eine SPD-Mitgliedschaft abzusprechen.

Leider kann ich das alles nicht in der Wikipedia anlegen, denn die Wikipedia bildet veröffentlichte Literatur ab und soll kein Sammelbecken für Forschungsdesiderate sein. Meinen Abschlussbericht für mein Passauer Projekt reiche ich im Juli diesen Jahres ein, aber bis der veröffentlicht ist, wird noch eine gewisse Zeit vergehen; momentan ist noch nicht mal der Zwischenbericht online, den ich im letzten Juli eingereicht habe. Jetzt habe ich es immerhin schon mal hier öffentlich gemacht.

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Vielleicht ist Ihnen was aufgefallen: Ich habe jetzt Fußnoten im Blog! Gleich hier unten! Es ist so toll! Aber der Text hat jetzt so komische Zeilenabstände, daran knabbere ich noch. Ist es aber total wert!

  1. Staatsarchiv Landshut, Spruchkammer Passau (Rep. 241/14), 3877, Max Moosbauer 1/5: Military Government of Germany, Fragebogen, ausgefüllt am 19.10.1946. ↩︎
  2. Staatsarchiv Landshut, Spruchkammer Passau (Rep. 241/14), 3877, Max Moosbauer, 2/5: selbst verfasster Lebenslauf, 21.6.1948. ↩︎
  3. Staatsarchiv Landshut, Spruchkammer Passau (Rep. 241/14), 3877, Max Moosbauer, 3/5: Protokoll der öffentlichen Sitzung am 19. bis 23. Juli 1948. ↩︎
  4. Bundesarchiv Berlin, R 9361-III/544057, Sammlung Berlin Document Center (BDC), Personenbezogene Unterlagen der SS und SA: Max Moosbauer, Fragebogen zur Ergänzung bzw. Berichtigung der Führerkartei und der Dienstaltersliste, 6.8.1937. ↩︎
  5. Stadtarchiv Passau, C 197: Max Moosbauer: Die nationalsozialistische Bewegung in Passau 1920–1933, undatiert, S. 9. ↩︎

Montag, 9. Februar 2026 – Archivtag

Guter Tag. Abends Blumenkohlcurry zubereitet und damit das Mittagessen für mindestens zwei Tage.

Sonntag, 8. Februar 2026 – Any given sunday

Traurig gewesen, weil ich wieder nach Passau musste. Nicht wegen Passau, sondern wegen des Wegmüssens. Jeden verdammten Sonntag.

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Und weil die Headline so schön zum Superbowl passt: hier ein Thread, der die ganzen Details der Bad-Bunny-Halftime-Show erläutert. (Via @cfahrenbach.)

Samstag, 7. Februar 2026 – Furmint und Blaufränkisch

F. und ich feiern unseren Jahrestag traditionsgemäß im schönen Broeding, wo gefühlt jeder Besuch immer ein bisschen besser ist als der letzte. Gestern hatten wir uns im Vorfeld auf Furmint und Blaufränkisch als Weinbegleitung geeinigt und ließen uns dann vor Ort nach einem erneuten Blick in die Weinkarte beraten. Es wurden die beiden Schätzeken im Foto und beide waren großartig.

Beim Furmint schlug der Sommelier zwei Varianten des Homonna vor, eine eher mineralisch, eine eher cremige, und wir entschieden uns für die cremige. So war das gute Stück dann auch: schon die Nase floral-mineralisch, aber gleichzeitig weich, und am Gaumen wurde der Wein dann noch besser. Es gibt Flaschen, bei denen freut man sich auf jeden Schluck, und diese Vorfreude wird dann sogar eingelöst. So ein Wein war das. Er blieb die ganze Zeit lang weich, aber klar und kräftig, ohne zu viel und zu laut zu sein.

Der Blaufränkisch war von Moric, einem unserer liebsten Weingüter, wenn es um Blaufränkisch geht. Der erste Wein, dessen Rebe ich mir vor 100 Jahren mal gemerkt hatte, war ein Blaufränkisch, damals noch von Heinrich oder Kollwentz, über die mein Gaumen inzwischen meist hinausgewachsen ist. Ich trank jahrelang einfach jeden Blaufränkisch, der mich auf einer Weinkarte anlachte, aber dann kamen unsere ersten Ausflüge ins Burgund und schließlich ins Piemont, so dass der Blaufränkisch irgendwann nicht mehr ganz oben auf meiner Liste war. Gut, dass es Läden wie das Broeding oder das Waltz gibt, wo auch etwas ausgefallenere Weine dieser Rebsorte zu haben sind. So fingen wir langsam wieder an, Blaufränkisch zu trinken, dieses Mal eher aus der reifen Ecke. So einer war der gestrige Moric: Ihm fehlten quasi alle Charakterzüge, die ich vor 15 Jahren mit Blaufränkisch verbunden hatte und die ich nicht mehr ganz so mag: das Marmeladige, die relativ süße rote Frucht, das Satte. Der Neckenmarkt Alte Reben war trocken, aber nicht staubig, fruchtig, aber eben nicht wie eine Konfitüre, sondern quasi wie ein Hauch Aufstrich auf einem kühlen Teller, von dem man nur die Nase mitnimmt, aber nicht den Geschmack. Ich fand den Wein sehr komplex und spannend, hätte ihn blind aber vermutlich nie für einen Blaufränkisch gehalten.

Das Essen war, wie im Broeding gewohnt, sehr gut. Für mich war gleich der zweite Gang der Star des Abends: gegrillter Chicoree mit einer herrlichen Bitterkeit, die durch das Röstaroma aber gemildert wurde bzw. eine andere Nuance bekam. Darauf eine schlotzig-fette Lauchmayonnaise, mit Lauch kriegt man mich ja immer, ganz egal, in welcher Form, aber als Majo kannte ich ihn noch nicht, gleich schockverliebt. Dazu ein kühles Buttermilchsößchen mit Lauchöl, wenn ich mich richtig erinnere, und oben drüber wurde ein Käse gerieben, von dem ich Angst hatte, dass er alles zuballern würde, aber stattdessen war er – natürlich – eine cremig-kräftige Würze zum weichwarmen Bitterröstfett. Großartig.

Und dann mussten wir, latent angeheitert und sehr gut gelaunt, nach dem Festmahl nur zwei Minuten auf die Tram warten und die U-Bahn fuhr genau ein, als wir am Bahnsteig ankamen. Perfekter Abend, perfekter Abschluss.

Freitag, 6. Februar 2026 – Knoten und Quatschi

Ich musste mir irgendwann im Laufe meines Kleidungslebens eingestehen, dass ich mit Ketten meist seltsam und mit Tüchern um den Hals immer beknackt aussehe. Einige wenige Stücke trage ich, aber auch nur, wenn ich der Meinung bin, es ist irgendwie okay. Was keine gute Idee ist, wie ich inzwischen gelernt habe, wenn irgendwas nur irgendwie okay ist. Entweder es gefällt mir oder nicht, das kriege ich bei Essen oder Kunst doch auch hin. Nur bei Kleidung ist es oft ein Hingewürge und an-sich-Rumzupfen den ganzen Tag. Deswegen mag ich ja meine Büro-Uniform, ich schrieb darüber.

Durch gewisse Umstände habe ich mich in den letzten Monaten mehr mit Kleidung beschäftigt als vorher und auch mit der rigorosen Frage: Was gefällt mir denn eigentlich an mir? Und so entdeckte ich neue Farben und Formen, die ich bisher als „kann ich nicht tragen“ abgetan hatte, was ja meist bedeutet „das sagt irgendwer anders, dass ich das nicht tragen kann“. Was sage ich denn aber eigentlich?

Neulich erwarb ich eine Bluse, die einen Stoffgürtel hat; ich probierte sie an und warf dabei die lange Textilbahn einfach um den Hals, damit sie mir nicht im Weg ist, wenn ich gucke, ob ich die Bluse (wie die letzten 30 Jahre) über den Hosenbund lappen lasse oder (wie ganz selten neuerdings, weil es immer noch mit „kann ich nicht tragen“ verbunden ist) total mutig in den Bund stecke, so dass mein Bauch sichtbarer ist. Und als ich mich im Spiegel dabei anschaute, mich mit der Bluse zu beschäftigen, sah ich, dass der Gürtel, den ich locker verknotet hatte, wie eine Krawatte aussah. Und dass mir Krawatten ganz außerordentlich gut an mir gefallen.

Seitdem erwarb ich eine Nadelstreifenweste und schließlich auch eine Krawatte. Zur grauen Weste trug ich dazu eine meiner geliebten hellblauen Tunikas, die hinten unter der Weste hervorschaut, aber vorne im Bund steckt. Wie wir alle aus Queer Eye gelernt haben: the French tuck. Dazu plante ich eine total auffällige Krawatte, weil wenn schon, denn schon, ich dachte an pink oder mindestens rosé, womöglich gelb oder orange? Farben, die mir angeblich überhaupt nicht stehen, die ich aber total mag? Einfach mal gucken.

Das zuerst angesteuerte Geschäft hatte nur eine kleine Auswahl, von denen mich auch keine so richtig ansprach. Eher klassisch Businesskasper, aber das wollte ich ja nicht, auch wenn hellblau und grauer Nadelstreifen sehr in diese Richtung gehen. Ich ging also zum nächsten, dieses Mal reinen Herrenmodengeschäft, aber auf dem Weg dorthin kam ich an der guten, alten Galeria Kaufhof vorbei und dachte, ach, verschaffst du dir doch einfach mal einen kleinen Überblick, die Masse dürfte ja hier sein, die Klasse kaufe ich woanders. (Ich Großkotz.)

Ich musste erstmal schauen, auf welchem Stockwerk überhaupt die Herrenabteilung ist, dort hatte ich noch nie was erworben, aber bei den ganzen Gürteln, die dort hingen, werde ich vermutlich nochmal vorbeischauen. So ein Gürtel aus schlichtem Leder mit schlichter Schnalle, ohne Strass und Scheiß und femininen Formen in der Metallgestaltung, geh weg, das wär’s doch mal. Ich besitze genau einen Gürtel, der so aussieht und mir passt. Soviel zur Wichtigkeit, die Kleidung in meinem Alltag einnimmt. Ich hätte nie mit dem Handtaschenkaufen anfangen sollen, da bricht gerade richtig was durch.

Dafür, dass ich die gestern getragene Handtasche aus dem oberen Preissegment dann auch einfach auf dem Boden abstellen wollte, als ich der äußerst freundlichen Verkäuferin mein Outfit unter der Winterjacke zeigen wollte, bekam ich auch einen kleinen Rüffel: „Nicht die gute Tasche auf den Boden stellen. Da ist es doch staubig.“ Sprach’s und wies auf den Glastisch mit der Krawattenbox, wo ich mich niemals getraut hätte, einfach was hinzustellen.

Ich schilderte der Dame meinen Einkaufsplan mit der quietschbunten Krawatte – und sie zog eine aus der Box, die genau das Gegenteil davon war. Sie war dezent hellblau und grün mit einem floralen Muster bestickt, floral ist immer gut, aber die Farben kamen mir doch sehr brav vor. Ich besah mich im Spiegel und fand sie sehr schön, aber eben: zu brav. Ich besah mich danach noch mit wenigen weiteren, bunteren Exemplaren, aber erst, als die Verkäuferin mir erneut die grünblaue hinhielt und meinte, diese sähe so gut zu meiner schönen Haut (aww) und den blauen Augen aus, merkte ich, dass ich mich nie ganz angesehen hatte, sondern nur auf den Oberkörper geschaut hatte, auf grau, hellblau, blaugrün. Erst als ich mich ganz ansah, merkte ich, wie stimmig und gut das alles war. Nicht wenn schon, denn schon, sondern abgerundet und gut, und daher ist es dann auch diese Krawatte geworden.

Die YouTube-Universität hat mir dann gestern endlich beigebracht, einen Windsor zu binden. Ich wäre dann ausgehfein. Oder bürofein. Oder konzertfein. Krawatten sind super.

Die innere Stimme, die immer „Nein“ oder „Lieber nicht“ oder „SO WILLST DU VOR DIE TÜR GEHEN?“ quengelt, nenne ich seit gestern Quatschi. So nannte sie ein Coach in einem Interview mit der SZ (evtl Bezahlschranke?), von dem ich nicht alles zitierenswert oder nachvollziehbar oder für mich stimmig finde, aber Quatschi fand ich gut.

„Quatschi ist ein Gewohnheitstier, was auch okay ist für das Überleben – keine Experimente! Sag lieber Nein, es könnte böse enden! Es geht um Harmonie – und das ist ja völlig okay, ich verbiete niemandem, keine Experimente zu wagen. Ich will nur, dass er sich bewusst wird, was es ihn kostet. Viele beschweren sich, dass sie nichts erleben. Das ist so, weil sie im Bann ihres neuronalen Gitterbettes hängenbleiben, im Bann von Quatschi. […]

Bestimmte moralische Normen sind wichtig, aber Quatschi ist eben auch ein Freudeverhinderer. Ein Satz, den ich mir von Picasso geborgt habe, lautet: »Sich geborgen fühlen in der Ungewissheit.« Das ist das Gegenteil vom Quatschi-Diktat. […] Loslassen bedeutet, das Gehirn auf neue Gewohnheiten zu trainieren. Eine alte Gewohnheit durch eine neue zu ersetzen, in kleinen Schritten. Man ersetzt das automatische Festhalten an Gewohnheiten, hält aber selbstbestimmt an moralischen Normen fest.“

Donnerstag, 5. Februar 2026 – Kriegsarchiv, Hauptstaatsarchiv, Salami

In der Literatur fand ich eine Signatur, die mir lustige Dinge zum ehemaligen Ostmarkmuseum verriet, aber ich hatte keine Ahnung, um welchen Bestand es sich handelte oder wie alt er ist. Bei meiner derzeitigen Arbeit ist es aber nicht ganz unwichtig, ob eine Aussage oder eine Information von 1928 oder 1938 stammt, daher will ich das immer genau wissen, bevor ich es zitiere.

Also stöberte ich in der Findmitteldatenbank des Bayerischen Hauptstaatsarchivs, fand die Signatur aber nicht und schrieb daher meine übliche Mail, dass ich folgende Bestände gerne einsehen würde [hier Signaturen einfügen] und zwar dann und dann, wer ich bin und warum ich das überhaupt möchte. Das Archiv wies mich darauf hin, dass ich eine der fünf Archivalien sogar online einsehen könne, das erledigte ich natürlich sofort. Die anderen drei legten sie raus, aber für die fünfte – die mit der seltsamen Signatur – verwiesen sie mich an die Kolleg:innen des Kriegsarchivs.

Dort war ich gestern als erstes und bekam ein schmales, gebundenes Bändchen vorgelegt, das laut Titel die Geschichte der Garnison Passaus zwischen 1933 und 1939 erzählte. Jetzt wusste ich immerhin schon mal, worum es ging. Aber: Es war nirgends ein Verfassername zu finden und auch beim Erstellungsdatum war ich unsicher: Klar, mindestens 1939, aber das war ein bisschen dünn. Irgendwann beim Lesen fand ich das Anfangsdatum des, Zitat, „Polenfeldzugs“, das mit dem 26. August 1939 angegeben wurde. Hm.

Also fragte ich den freundlichen Herrn, der mir beim Reinkommen erstmal den Benutzerausweis verlängert hatte, ob er mir sagen könne, von wem dieses Büchlein stammt und von wann. Seine Findmittel gaben auch nicht mehr her als die, die ich schon eingesehen hatte, aber wenn irgendwas digital nicht da ist, löst ja meist was Analoges das Rätsel. So auch hier: In den alten Findbüchern stand der Name des Verfassers, ein Generalmajor a. D. Der freundliche Herr hob mir auch einfach spontan noch weitere Archivalien aus, die aus den Handschriften des Majors stammen, und dort fand sich ein handgeschriebener Brief, der mir sagte, dass er von der Heeresstandortverwaltung am 2. Dezember 1941 „ersucht wurde“, diese Chronik zu schreiben und er sie am 20. Dezember abgegeben hätte (Respekt). Der Brief selbst war vom Juni 1942.

Damit konnte ich die Quelle vernünftig einordnen und sie nun auch zitieren. Erfolg!

Im Hauptstaatsarchiv selbst war dann nur so mittelprächtig was von dem da, was ich gesucht hatte, aber mei. Ich nehme, was ich kriegen (finden) kann.

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Abendbrot war mein Lieblings-Brantner-Brot, das F. für mich besorgt hatte, bevor ich Mittwoch schön lässig nach München geshuttelt kam, zu kalt für den Arm aus dem Autofenster, aber das war vorgestern eine größtenteils angenehme Autobahnfahrt, mal wieder mit guter Musik statt Podcast.

Zum Brot gab’s Salami und einen Berg an Romana-Salat mit diesem Dressing (Geschenklink), das zufällig in meiner Timeline gelandet war und das ich sofort ausprobieren wollte. Es schmeckt null wie ein Sour-Cream-and-Onion-Dip, wie das Rezept behauptet, aber alles mit Schnittlauch und Knoblauch drin ist genau meins. (Ahornsirup statt Honig und nur die Hälfte der Menge, lasse ich nächstes Mal weg, Worcestersauce gleich weggelassen.)

Mittwoch, 4. Februar 2026 – Wiwawuschelweich

Ich hätte nicht gedacht, dass ich einmal … äh … alt genug? Geistig abwesend genug? Keine Ahnung, was für ein Adjektiv noch passen könnte genug? wäre, um mich ernsthaft darauf zu freuen, mit meinem Auto in die Waschanlage zu fahren, dort einfach sitzenzubleiben, während es um mich herum schäumt und wachst und wedelt und bläst, und dann entspannt und im wohligen Gefühl, ein herrlich blitzblankes Auto unterm Hintern zu haben, nach Hause zu fahren. Beziehungsweise in die Parkgarage, ich wohne ja in der Altstadt, wo ich nirgends parken darf, völlig zu recht, dass man da überhaupt fahren darf, ist mir ja auch ein Rätsel. Egal. Mein Auto hat den harten Winter überstanden, das ganze fiese Salz, das schlimme Wetter, den Dreck der Vorausfahrenden und unseren verschneiten Parkplatz. Es sieht wieder wunderschön aus und ich freue mich jetzt schon darauf, es wieder dreckig zu fahren, um es dann wieder sauberwuscheln zu lassen.

(Holt mich hier raus! Steckt mich wieder in die Großstadt, wo ich U-Bahn-Ultra bin!)