Tagebuch Sonntag, 29. März 2020 –
„Der Osten“

„Die Stadt kriecht von allen Seiten heran. Im Haus ist es still und kühl wie früher, aber aus der Ferne nähert sich schon der Lärm. Auch sie hört ihn. Durch die Mauern, durch die Reste der Wäldchen, durch die Luft. Sie sucht die früheren, vereinzelten Geräusche, die sie noch in Erinnerung hat. Jedes deutete damals auf etwas Bekanntes hin. Die heutigen bedeuten nichts mehr. Deshalb schaltet sie gleich nach dem Aufwachen ihre Radios an. Eines hat sie am Bett, das zweite in der Küche. Radio Maria, Radio Joseph, Radio Alle Heiligen. Sie steht auf und trippelt zwischen ihren Sendern hin und her. Das ist besser als der nicht zu benennende Lärm der Welt. Auch zivile Programme hört sie. Ich komme zu Besuch, und sie sagt mir, wo was über mich gesendet wurde. Manchmal habe ich den Eindruck, sie hört alles. Sie erzählt mir, was die Linken sagen, was die Rechten. Darüber will ich nicht reden, und sie macht ein enttäuschtes Gesicht. Ich sage: Mama, bitte. Aber sie hat ein gutes Herz und lässt diese zwielichten Gestalten ins Haus. Einen Zigeuner würde sie nicht hereinlassen, einen Asiaten auch nicht, aber die lässt sie. Immer wenn sie davon anfängt, sage ich: Mama, bitte. Ich möchte, dass sie von früher erzählt. Mit der Gegenwart werde ich alleine fertig. […] Mama, du bist eine kluge Frau, erlaube deinem Sohn bitte, dorthin zu reisen, wo sein Instinkt und sein Herz ihn hinführen. Seine Welt hat keine Himmelsrichtungen. Weißt du noch, als ich sechs Jahre alt war, ging ich aufs Geratewohl aus dem Haus, ich irrte durch die Sümpfe und kam schmutzig und glücklich zurück. Überlass die Himmelsrichtungen den Zicken von den Zeitungen. Sie müssen in der Tyrannei der Himmelsrichtungen leben. In der Angst vor dem Osten und im Verlangen nach dem Westen. Sie wissen nur, was sie irgendwo gelesen haben, Mama, oder was ihnen jemand gesagt hat. Ich bin nur selten hier, und du kommst mir mit dem Westen. Der westlichste Ort, an dem du je gewesen bist, ist Płoty in Westpommern, weil ich dort im Gefängnis saß. Hast du nicht genug von diesem Westen? Bei deinem Besuch hast du selbst gesagt, dass alle Wächter wie Gestapomänner aussehen. Du hast gewusst, was du sagst. Aber ich möchte dich daran erinnern, dass die Gestapo aus dem Westen zu uns kam und deine Mutter, meine Großmutter, erschießen wollte, an der Holzwand des Hauses. Nur hat sie es sich gnädigerweise anders überlegt und die P38 aus unerfindlichen Gründen wieder weggesteckt. Aus dem Osten dagegen kamen russische Soldaten in gestreiften Unterhemden über den Bug und haben mit deinem Vater, meinem Großvater, Geschäfte gemacht, mit Zucker und Selbstgebranntem, und bei der Gelegenheit Hühner geklaut. So unterhalten wir uns, wenn ich wieder einmal unterwegs dort vorbeikomme, wenn ich umsteige, kurz Halt mache auf der Durchreise und ihr zuschaue, wie sie am Herd rumtrippelt, bei ihren Töpfen und Pfannen, in denen sie seit Jahren das Gleiche brutzelt; es genügt, dass ich einen Bissen schmecke und schon bin ich um Jahrzehnte zurückversetzt, versinke in der Erinnerung, kehre zu den Anfängen zurück, kehre in den Osten zurück, obwohl ich ihn nie verlassen habe, denn nur Dummköpfe können glauben, das wahre Leben sei anderswo.“

Andrzej Stasiuk (Renate Schmidgall, Übers.), Der Osten, Berlin 2016,
S. 53/54.

Ansonsten zwei Filme mit dem derzeitigen Schnucki des Tages geguckt (einer fürchterlich, der andere so naja), nichts an der Diss gemacht (war schließlich Sonntag), für Dienstag zu einem weinseligen Hangout mit den Hamburger Damen verabredet (yay!) und ein bisschen scharfen Tofu nach Ottolenghi zubereitet, der gerne eher miese Tage rettet.

Tat er dann auch.

F. schrieb, dass er sein Bücherregal gerade neu ordnete und ich war spontan erneut verknallt.

Abends beim Abtippen des obenstehenden Textes ein bisschen den Parsifal der Bayerischen Staatsoper laufen lassen, der seit vorgestern und noch bis zum 11. April abrufbar ist. Ich mag Jonas Kaufmann zwar nicht so wirklich in Wagner-Rollen, aber ich fand Inszenierung und Bühnenbild überraschend gut, als ich die Aufführung vor fast genau einem Jahr live sehen durfte (mit einem Ersatz-Parsifal). Missing Petrenko. Missing generell alle Konzerte und Kneipen und alles, was einem so normal und selbstverständlich vorkam. Ich kann mir noch gar nicht vorstellen, wie gut das erste Bier in der Stammkneipe um die Ecke wieder schmecken und wie irre der erste Stadionbesuch „danach“ sein wird.

Zum Tagesabschluss vor dem eigenen Sauerteigansatz zum Affen gemacht. Als ich zur Nacht die Küche aufräumte und Zeug in den Kühlschrank stellte, ging der Blick, wie seit einigen Tagen automatisch, zum Glas mit dem Sauerteig, der gestern wirklich ganz hervorragend aussah. Mir entfleuchte ein verliebtes „Ooooh, was hast du heute für tolle Blasen!“, bis mir klar wurde, dass ich mich jetzt nie wieder am Kühlschrank sehen lassen kann. Was soll bloß die Butter von mir denken.