Tagebuch Samstag, 24. November 2018 – Fuppesfrust

Morgens bei F. konnten wir nicht so lange rumlungern, wie zumindest ich es gerne gehabt hätte, weil der Herr einen Termin hatte. Also ging ich einkaufen, dann erst nach Hause, kochte Tee und las auf dem Sofa vor mich hin, bevor ich mich in den Zwiebellook fürs Stadion zwängte. Unter Shirt und Pulli kam das Thermooberteil, in dem ich walke, denn das speichert Wärme ganz ausgezeichnet, unter die Jeans kamen die Thermotights, bei denen „tight“ wirklich „tight“ meint. Falls ich jemals wieder eine lange Flugreise machen werde, gehen die bestimmt auch als Kompressionsstrumpf durch. Sind aber trotzdem top bequem. (Ich verlinke mal wieder Nike, die gute Sportbekleidung auch für dicke Menschen anbieten und dafür auch etwas kräftigere Damen als Models engagiert haben.)

Gestern fuhr ich ausnahmsweise ohne F. nach Augsburg ins Stadion, hatte also keinen Gesprächspartner für die 40-minütige Zugfahrt. In meine dicke Winterjacke passt zwar ein Taschenbuch in die Innentasche, ich lese aber nun mal gerade den dicken Feuchtwanger und hatte keine Lust auf alle meine eBooks, die ich auf dem Handy mit mir rumtrage. Also stopfte ich mir 800 Seiten große Literatur in die Seitentasche und in die andere meinen eingerollten FCA-Schal. Der bleibt bis Augsburg in der Jacke, seit ihn mir in München mal ein schlecht gelaunter Blauer wegreißen wollte. Ich war netterweise in breitschultriger Begleitung und habe daher meinen Schal noch. Aber ganz ehrlich: Wenn ich alleine gewesen wäre, hätte ich ihn locker hergegeben. Wenn dem Idioten dabei einer abgeht, ein Stück Textil zu klauen, dann bitte. Meine Verachtung für sein armseliges Leben ist ihm sicher, und ich kaufe mir einfach einen neuen Schal. (Fußballrituale können so erzdämlich sein.)

Auf der Fahrt selber saß ich dann quasi inkognito hinter einigen Herren, die sich teilweise als Eintracht-Frankfurt-Fans zu erkennen gaben (oder an ihren schwarzweißen Schals erkennbar waren), teilweise als Bayernfans, die die Karten fürs Spiel #FCASGE gewonnen hatten. Der Frankfurtfan meinte, sie hätten Augsburg in zehn Spielen nie schlagen können; wenn nicht heute, mit dieser Mannschaft, wann dann? Die Bayernfans beglückwünschten ihn bzw. seine Mannschaft nochmal zum Pokal, und alle waren nett zueinander. Ich kannte die Statistik der letzten zehn Spiele gar nicht und war von Augsburg beeindruckt.

Leider nicht sehr lange.


(Hinter meiner Hand oben links im Bild geht gerade die Sonne hinter dem Stadion unter. Ich habe die mal nicht weggeschnitten, damit ich mich selber daran erinnere, dass ich im Winter keine Sonnenbrille im Stadion brauche, weil die Sonne pünktlich zum Anpfiff nicht mehr blendet.)

Der Kids Club drehte vor dem Spiel seine übliche Ehrenrunde, wie immer auch mit Kindern der Gastmannschaft, was netterweise stets dazu führt, dass die sonst unerbittlich pfeifenden Gegnerfans mal drei Minuten Ruhe geben und kleinen Kindern winken, wie der Rest des Stadions auch. Ich mag das sehr.

Dann gab’s allerdings kaum noch was, was ich mochte. Der FCA kassierte nach 51 Sekunden das erste Gegentor, nach 46 Minuten das zweite, an das dritte kann ich mich nicht erinnern, und bis auf die zwei Minuten nach dem 1:3 in der 91. Minute hatte ich auch nie das Gefühl, dass Augsburg Herr auf dem eigenen Platz war. In der ersten Halbzeit ließ ich mich ab und zu zum Pöbeln hinreißen, weil ich so stinkig war, in der zweiten saß ich nur ergeben in unser Schicksal rum und wartete, bis endlich der Abpfiff kam. Nach dem 0:3 dachte ich ganz kurz darüber nach, schon zu gehen und einen früheren Zug zu nehmen, aber das macht man ja bekanntlich nicht. (Fußballrituale können so erzdämlich sein.) So sah ich immerhin noch ein Tor vom FCA, wollte aber nach dem Spiel wirklich dringend nach Hause. Das war extrem anstrengend beim Zugucken, weil der Mannschaft quasi alles fehlte, was sie beim Spiel gegen zum Beispiel Dortmund noch so aufregend gemacht hatte. Gefühlt kam ein Pass von zehn an, alle wollten es wieder irre kompliziert machen, und wenn es jemals eine Vereinsgeschichte geben sollte, müsste ihr Titel „JETZT LASST DOCH MAL DIE SCHEISS QUERPÄSSE!“ lauten. Die Statistik weist Augsburg leider als Kloppertruppe aus, aber nicht mal diese *hust* Stärke konnten sie gestern aus*hust*spielen, weil Frankfurt cleverer foulte und der Schiedsrichter für mein Gefühl irre viel durchgehen ließ (aber für beide Mannschaften – auch nur gefühlt).

Immerhin war ich schnell bei und in der Tram und schaffte es noch zum frühen Zug um 18.08 Uhr anstatt auf den um 18.42 warten zu müssen. Der Zug war leider ein kurzer und dementsprechend voll, aber netterweise bot mir ein FCA-Fan seinen Sitzplatz an. Sehe ich schwanger aus? Hat Dicksein ungeahnte Vorteile? Oder war der Kerl einfach nur nett? Egal, ich saß. Die ältere Dame neben mir meinte weise: „Wenn die Fans so leise in den Zug kommen, ahnt man immer schon, wie das Spiel war. Verloren?“ Ich berichtete und grinste innerlich darüber, dass die Dame anscheinend die Horde grölender Eintrachtfans zwei Wagen hinter uns nicht gehört hatte. Vor denen hatte ich auf dem Bahnsteig ein bisschen Angst gehabt. Ich mag größere Männergruppen generell nicht, noch weniger mag ich sie bei Fußballspielen (sorry, Jungs) und am allerwenigsten, wenn sie auch noch Bier intus haben. Ich verstehe nicht, dass beim FCA nicht nur alkoholfreies Bier ausgeschenkt wird. Klar tanken alle vorher schon, aber das wäre immerhin eine kleine Möglichkeit, Dinge etwas besser im Griff zu haben.

Neben mir im Zweiersitz hatte es sich ein Frankfurtfan mit seinem kleinen Sohn bequem gemacht, der den umstehenden FCA-Fans begeistert erzählte, dass er vier sei und heute zum ersten Mal im Stadion und wie toll alles gewesen wäre und so weiter und so fort. Die FCAler klönten gemütlich mit, und so fand dann doch eine kleine Fanverbrüderung statt und ich konnte einfach nicht mehr stinkig sein.

Das wurde ich dann in der U-Bahn vom Bahnhof nach Hause, als ernsthaft wieder jemand über den FCA-Schal lästerte, den ich vergessen hatte, wieder in die Tasche zu stecken. Irgendein Trottel textete erst mich und dann seine immerhin komplett unbeeindruckte Freundin voll, dass ich mich wohl verfahren hätte, Augsburg würde hier nicht spielen, was für eine Scheißstadt und er hätte mal einem FCA-Fan in München den Schal geklaut und yadayadayada und dann ging ich einfach weg, weil ich gerade wieder gute Laune gehabt hatte. Vollpfosten. Kein Wunder, dass so viele Leute Fußballfans scheiße finden. Ich finde uns manchmal auch scheiße.

Was schön war, Freitag, 23. November 2018 – Ungeplantes

Ich ließ mich um 7 vom Wecker wecken, um bloß nicht zu spät zu einem Termin zu kommen, anstatt wie in den letzten Tagen luxuriös einfach irgendwann zwischen 7 und 8 von alleine aufzuwachen. Der morgendliche Flat White war in Teilen hervorragend (Espressobohnen aus dem Wiener Caffé Couture) und in Teilen scheiße (Milch blieb auch nach liebevollstem Schäumen Milch und ließ sich nicht mal zu Fluff überreden). Ich korrigierte den am Abend vorformulierten Blogeintrag und war sehr damit zufrieden. Dann packte ich Exil von Feuchtwanger in meinen Rucksack, in dem ich gestern früh auf Seite 530 von 850 war. Ich bin jetzt in der Ecke des Buchs angekommen, bei der ich sehr deutlich ahne, dass, wenn ich jetzt aufhöre zu lesen, niemandem mehr noch Schlimmeres passiert als bisher passiert ist. Das ist wie mit der West Side Story – wenn ich 20 Minuten vor Schluss aufhöre zu schauen, muss niemand sterben und alles geht gut aus. Logisch.

Diese innere Milchmädchenrechnung erinnert mich immer an meinen Gesangsunterricht. Wenn ich wieder vor Rührung über Liedmelodie oder -text heulend am Notenständer stand und sich meinen Lehrerin freute, dass ich einen so tollen, unmittelbaren Zugang zu meinen Emotionen hätte und ich innerlich nur „FUCK THAT SHIT, ICH KOMME NIE DURCH CHRISTINA AGUILERAS BEAUTIFUL“ wimmerte.

Exil eingepackt und zur U-Bahn gegangen, weil ich zu einem Termin wollte. Schon an meiner Haltestelle zog ich das Buch wieder aus dem Rucksack, las drei Stationen, wartete an der nächsten Haltestelle, las, fuhr drei Stationen, las noch ein bisschen, weil ich zu früh war, und packte das Buch wieder ein, um die letzte Strecke zu Fuß zu gehen. Als ich dann vier Minuten vor der vereinbarten Zeit ankam, stellten meine Gesprächspartnerin und ich fest, dass wir uns verschiedene Uhrzeiten aufgeschrieben hatten. Ich bot an, noch einen Kaffee trinken zu gehen und in einer Stunde wiederzukommen, was gerne angenommen wurde.

So bummelte ich durchs Lehel, wo ich eigentlich nie bin außer wenn ich mir in der Versicherungskammer Ausstellungen anschauen möchte. Ich schlenderte über den St.-Anna-Platz – und blieb grinsend stehen, weil ich an einer Hauswand eine Gedenktafel entdeckte, ausgerechnet für Lion Feuchtwanger, der in einem dort stehenden Haus seine Kindheit verlebt hatte. Das fühlte sich seltsam an, aber auch sehr schön.

(Beim Googeln für diesen Blogeintrag die Wikipedia-Liste für Gedenktafeln in München gefunden.)

Foto gemacht, halbwegs entzerrt – die Tafel hängt recht weit oben –, instagramt, wie sich das halt gehört, dann in ein Café gesetzt, um einen sehr guten Milchkaffee zu genießen und, natürlich, Feuchtwanger zu lesen.

Mit warmem Kaffeebauch und äußerst entspannt ging ich dann wieder zum Termin, der ebenfalls sehr entspannt verlief.

Den Nachmittag verbrachte ich damit, innerlich die DHL-Hotline anzuschreien, Dinge zu kündigen und andere in Angriff zu nehmen. Und dann las ich weiter Exil und fand meine schlimmsten Ahnungen bestätigt, bis es endlich Abend war und ich F. mal wieder zu Gesicht bekam. Wusste schon gar nicht mehr, wie der Mann aussieht.

Zwei Gin Tonics, gemeinsam eingeschlafen.

Was irgendwie schön war, auch wenn das Thema fies ist, Donnerstag, 22. November 2018 – Rumlesen und rumgucken

Nach den ein, zwei langen Wien-Einträgen hatte ich keine Lust mehr auf den dritten, der ebenfalls so lang geworden wäre, weswegen euch leider die schöne, zweistündige Diskussion im Burgtheater entgangen ist, falls ihr vorletzte Woche nicht schon meinem Link auf Twitter gefolgt seid. Die Veranstaltung „Aufbruch in die Zukunft. 1918 und heute – Matinee zum Ende des Ersten Weltkriegs und zur Ausrufung der Republik“ wurde nämlich live auf Ö1 übertragen und ließ sich auch eine Woche lang nachhören. Jetzt ist der Link leider tot.

Ich fand es sehr spannend, das Ende des Weltkriegs aus österreichischer Perspektive besprochen zu hören. Zum einen musste ich danach erstmal Daten googeln, weil ständig vom 26. Oktober als Feiertag gesprochen wurde und ich schlicht nicht wusste, was da passiert war. (Jetzt weiß ich’s.) Peinlicherweise wusste ich nicht, dass auch Österreich von den Alliierten besetzt war, genau wie Deutschland. Überhaupt weiß ich viel zu wenig über unser Nachbarland, weswegen ich das Buch von Philipp Blom ja so spannend fand. Ich weiß, ich verlinke neuerdings dauernd zu meinem Blogeintrag zum Buch, aber das lohnt sich wirklich; hier halt der Absatz über Österreich bzw. das letzte eingerückte Zitat, in dem beschrieben wird, wie aus dem Riesenreich Österreich-Ungarn das kleine Ding wird, was es heute noch ist und was es vorher nie war. Während der Veranstaltung fiel die Bemerkung, dass für die 1918 ausgerufene Republik 22 Dynastien auf ihre Kronen verzichteten. Das ist doch mal schöner Partysmalltalk.

Zum anderen habe ich von dieser Veranstaltung außer dem gesprochenen Ohrwurm „Hoch die Republik“ noch die Würdigung der unglücklicherweise so bezeichneten Zwischenkriegszeit mitgenommen. So geht es mir selbst auch, vor allem im Hinblick auf meine Diss: Für mich sind die 20er Jahre nur ein Zwischenspiel oder eine böse Ouvertüre zum noch böseren Stück. Ich vergesse selbst gerne, wie unglaublich revolutionär (im wahrsten Sinne des Wortes) diese Zeit gewesen ist und welche Umwälzungen in sehr kurzer Zeit passierten. Errungenschaften wie die erste Republik (Volksgewalt statt Monarchie, kein Gott mehr in der Verfassung), die erste Demokratie auf deutschem Boden, das Frauenwahlrecht etc. werden auch in meinen inneren Zeitläuften verdrängt von Inflation, Wirtschaftskrise und drohendem Nationalsozialismus. Gleichzeitig ist mir bewusst, warum die 20er auch die Goldenen Zwanziger genannt werden: neue Musik, Film als Massenmedium, Bauhaus-Architektur, mehr Freizügigkeit, der Bubikopf (um mal ein Beispiel der neuen Mode zu nennen). Ich fand es spannend, diese Zeit gewürdigt zu sehen und versuche mich seitdem selbst immer wieder daran zu erinnern.

Die Diskussion drehte sich dann auch um die heutige Zeit; es wurde gefragt, warum nicht wieder der 12. November gefeiert werde, an dem 1918 die erste Republik Österreich ausgerufen wurde. Es wurde mehr Verfassungspatriotismus gefordert, mehr Stolz auf demokratische Errungenschaften und mehr Ächtung von Antidemokraten, von denen Österreich leider auch genug hat (der Seitenhieb auf die AfD blieb nicht aus). Es wurde auch betont, dass manche Dinge schlicht nicht verhandelbar seien (Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Kunstfreiheit, Individualrechte, die Versorgung Schwächerer), weswegen es auch nichts bringe, mit Rechten zu reden, die genau diese Dinge verhandeln wollten. Großer Applaus, auch von mir.

Neben der Diskussion gab es Ausschnitte aus Texten, die von Schauspieler*innen des Burgtheaters gelesen wurden. Einen der Herren sahen wir abends übrigens in der spannenden Inszenierung von Glaube Liebe Hoffnung von Ödön von Horváth wieder, und seitdem wir Karten für dieses Stück hatten, erzählte mir F. von einem dreiminütigen Ausschnitt aus einem alten Programm von Josef Hader, der in Paris den Ast trifft, der 1938 Horváth erschlagen hatte.

Einige der Texte las ich gestern in der Stabi nach. Besonders beeindruckt hatte mich K. u. K. Geflüster von Andrzej Stasiuk, eine Rede, die der Verfasser am Burgtheater 2008 (?) gehalten hatte und die in Lettre abgedruckt ist (leider online nicht vollständig). Das Magazin gibt es seltsamerweise auch in Unibibliotheken nicht online, weswegen ich gestern mit dem dicken Jahresband im Lesesaal saß. Der Erzähler besucht an Allerheiligen einen Friedhof, auf dem Gefallene des Ersten Weltkriegs liegen, die miteinander sprechen. Ich hatte mir von der Lesung den Begriff der „mineralischen Knochen“ gemerkt, die der Regen zerfrisst, genau wie „die Reste von Metall, die Schnallen, die Knöpfe mit den Regimentsnummern, die Plomben in den Zähnen, die Nägel in den Stiefeln. Wenn sie in Stiefeln bestattet wurden. Da bin ich nicht sicher.“

„„Wer spricht?“

„Der Gemeine Jussuf Kusturic, 4. Bosnisch-Herzegowinisches Infanterieregiment, Friedhof in Przyslup. Sammelgrab, das erste links vom Eingang.“

„Wann bist du gefallen?“

„Am 2. Mai in der Früh’. Am ersten Tag der Schlacht von Gorlice. Ich stieg aus dem Graben und war tot. Ich war aus der Gegend von Mostar. Ich bin hierhergekommen, um zu sterben.“

„Aber du hast vier Monate länger gelebt.“

„Ja. Aber im Mai zu sterben, das tut weh. Ich weiß nicht einmal, was es war. Ich war einfach plötzlich tot. Die Buchen trieben kleine grüne Blätter. Ich lag auf dem Rücken, bis schließlich alles still wurde und erlosch. Im Winter hört man hier keine Geräusche. Dann rufe ich mir in Erinnerung, wie Mostar im Dezember duftete, wie Travnik duftete und Sarajevo. Sie dufteten nach Eichenrauch.“

„Mein Dorf roch nach Kiefern- und Birkenrauch. Der Frost kam im Oktober, tausend Werst östlich von Moskau. Doch der Zar hat’s befohlen, deshalb kam ich hierher, um von einem Mannlicher Kaliber 8 zu sterben.“

„Und unser Kaiser ließ uns rote Feze tragen, darin gingen wir zum Angriff. Wir trugen rote Feze und waren durch die Bäume meilenweit zu erkennen, denn der Kaiser wollte in seinem Reich kaiserliche Türken haben, deshalb liefen wir mit diesem Rot auf den Köpfen herum wie die Hähne, wir brachen aus Mostar, Tuzla und Sarajevo auf, um auf den Hängen von Magura zu fallen. Wir trugen hellblaue Uniformen, und man sah sofort, wer sich in die Hosen geschissen hatte.“

„Süß und ehrenvoll ist es, sich für den Kaiser in die Hosen zu scheißen.“

„Wer spricht denn da?

„Schütze Mendel Brod. 4. Feldschützenbataillon. Friedhof in Magura. Grab 51. Auch am 2. Mai, so wie der muslimische Kollege. Vermutlich ein Schrapnell.“

„Woher?“

„Bircza bei Przemysl.“

„Garnison?“

„Braunau am Inn.“

„Mach keine Witze.“

(Andrzej Stasiuk (Olaf Kühl, Übers.): „K. u. K. Geflüster“, in: Lettre International 88 (2010), S. 94–97, hier S. 94.)

Ich hatte mir außerdem das Buch Menschen im Krieg (1918) von Andreas Latzko herauslegen lassen, das in der Stabi nur in alter deutscher Schrift zu finden war; ein Exemplar stammt von der Ordensburg Sonthofen, was mich etwas erstaunte, denn der kurze Ausschnitt, den wir hörten, beschrieb die Heimkehr eines kriegsversehrten Soldaten. Ich las die Geschichte gestern zuende und möchte nun das ganze Buch lesen, worauf ich gestern im Lesesaal aber keine Lust hatte.

Ausgeliehen habe ich mir den Sammelband Hungern – Hamstern – Heimkehren: Erinnerungen an die Jahre 1918 bis 1921 (Inhaltsverzeichnis), aus dem wir einen kleinen Ausschnitt von Lotte Pirker gehört hatten.

Mein Nachhauseweg führte mich am Bayerischen Hauptstaatsarchiv vorbei, wo ich ein Plakat für die Ausstellung Getroffen. Gerettet. Gezeichnet – Sanitätswesen im Ersten Weltkrieg sah, die thematisch natürlich hervorragend passte, weswegen ich gleich hineinging. Das könnt ihr auch noch bis zum 30. November tun, und ich empfehle das sehr. Ist nur ein Raum plus ein Vorraum. In dem steht als zentrales Ausstellungsstück ein durchschossener Stahlhelm, was äußerst plakativ klarmacht, worum es geht.

Ich fand es bemerkenswert, wieviele originale Stücke aus der Zeit ausgestellt waren: Verbandsmaterial, medizinisches Werkzeug, wobei mich ein dreistöckiger Koffer mit Operationsbesteck sehr beeindruckte; ein Morphium-Spritzbesteck, dessen Leihgeber „Privatbesitz“ mich auch kurz stutzen ließ – die meisten Stücke kamen aus militärhistorischen oder medizinischen Sammlungen. Wie im verlinkten Flyer zu sehen ist, ging es auch um die Nachkriegszeit und wie mit Versehrten umgegangen wurde. Ich lernte, dass die Deutschen als erste Giftgas einsetzten, dass es Gasmasken für Pferde gab und Hunde zur Rettung von Verwundeten genutzt wurden. Es gab Prothesen zu sehen und zerschossene Knochen, was alles nicht wirklich Spaß macht, aber ich fand es sehr eindringlich, ohne sensationsheischend zu sein.

Und seit den Fotos weiß ich auch, dass die Soldaten in ihren Stiefeln bestattet wurden.

Tagebuch Mittwoch, 21. November 2018 – Uni-Umfrage

Viel Orgazeug erledigt, mich über Kleinkram sinnlos geärgert, mich darüber geärgert, dass ich mich ärgere, versucht, das Ganze mit einem Spaziergang zu verscheuchen und mit diesem außerdem das Nette mit dem Nützlichen zu verbinden. Das sah dann so aus:

Im Briefkasten lag eine Art Mahnung – oder eher: eine weitere Aufforderung – der LMU, mich doch bitte echt jetzt mal an ihrer Absolvent*innenumfrage zu beteiligen. Den Brief hatte ich schon einmal im Oktober bekommen, mich aber entschieden, nicht an der Onlinebefragung teilzunehmen. Ich twitterte:

„Die LMU bittet mich zum wiederholten Mal, an den „Bayerischen Absolventenstudien“ teilzunehmen, um den weiteren Lebensweg von Mastern zu verfolgen. Ich bin mir nicht sicher, ob meine Antworten helfen werden. („Hab nen Job, hatte ich vorher schon, Studium war lustig, danke.“)“

Woraufhin die, Zitat von ihrer Homepage, „hochschuldidaktische Trainerin und Beraterin“ Cornelia Kenneweg eine sehr schlaue Antwort hatte, die mich sofort den Log-In-Code eintippen ließ:

„Das ist keine unwichtige Information, um dazu beizutragen, das Bild von Studium als Lebensphase zwischen Abi und Beruf aufzuweichen.“

Die Umfrage war dann doch etwas komplizierter als gedacht, denn dass ich Dinge wie Organisationsvermögen oder Kreativität im Studium vielleicht hätte lernen sollen, erfuhr ich erst dadurch. Was auch abgefragt wurde: Ob ich mündliches Präsentieren oder eine gute schriftliche Ausdrucksform gelernt hätte? Und da muss ich doch Kritik anbringen: Wenn ich das hätte lernen sollen, hätte das vielleicht mal jemand erwähnen müssen.

Das mag natürlich an meiner ausgezeichneten Schreibe liegen *hust*, dass ich meine Hausarbeiten immer mit einem Lob für sie zurückbekommen habe, aber wenn ich diese Schreibe nicht vorher schon gelernt hätte, hätte ich sie im Studium vermutlich nicht großartig verbessern können. In unseren Einführungsseminaren hatten wir dem kunsthistorischen Stoff genug zu tun und der Einweisung in unsere Hilfsmittel wie Bibliotheken, Zeitschriftenregale oder Datenbanken. Wie man ein hübsches Referat formuliert, eine Powerpoint-Seite ansprechend gestaltet oder eine Hausarbeit schreibt, wurde nicht groß erläutert. Einige Dozentinnen gaben immerhin eine Art Struktur für Referat und Hausarbeit vor, was für viele hoffentlich eine Hilfe war; ich fand es sehr sinnvoll, auch wenn ich es nicht mehr gebraucht habe nach den ersten beiden Versuchen. Aber wenn ich mir genau diese beiden Semesterarbeiten durchlese, sehe ich heute ganz genau, was fehlt – was ich aber erst erfahren habe, als ich sie von der Dozentin wieder zurückbekam.

Es kann natürlich sein, dass man diese Fähigkeiten heute in der Schule beigebracht bekommt, das kann ich nicht beurteilen. Als ich in den 80ern Abi gemacht habe, hatte noch niemand einen Laptop und musste sich mit PPT-Effekten abmühen (oder sie um Gottes Willen verhindern, Munch-Emoji). Ich habe mich aber trotzdem des Öfteren gewundert, dass ausgerechnet Kunstgeschichtsstudentinnen, denen ich ein gewisses Interesse an der Optik einer Sache unterstelle, Bilder in Thumbnailgröße in ihren Slides hatten oder gelbe Schrift auf pinkfarbenem Grund. Immerhin da wurde so ziemlich von allen Dozentinnen räuspernd angemerkt, dass man das noch optimieren könnte und auch wie.

Am Schluss der Umfrage gab es die Möglichkeit, persönliche Anmerkungen anzubringen, was ich natürlich tat (ich lebe für persönliche Anmerkungen, ich schreibe die seit 16 Jahren ins Internet). Wortwörtlich weiß ich es nicht mehr, aber sinngemäß schrieb ich, dass ich mich sehr darüber gefreut habe, in meinem irre hohen Alter (über 40) noch ein reguläres Studium beginnen zu können anstatt im Seniorenstudium zu landen, dessen Abschluss kein Äquivalent zum BA oder MA darstellt, wenn ich das richtig verstanden habe.

Eben beim Googeln zu diesem Thema entdeckte ich, dass man in Bayern nur mit Abitur seniorenstudieren kann. Andere Bundesländer sind da gnädiger, denn:

„Heutige Seniorenstudenten sind zu einer Zeit groß geworden, in der es nur sehr wenigen Menschen vergönnt war, das Abitur abzulegen und ein Studium aufzunehmen. Der Besuch eines Gymnasiums war einer – wie auch immer definierten – Elite vorbehalten, während dem überwiegenden Teil der Gesellschaft eine wissenschaftliche Bildung verwehrt blieb. Im Jahre 1950 etwa besaßen nur etwa 5 % der deutschen Bevölkerung eine Hochschulzugangsberechtigung, selbst 1960 durften nur 7 % des Jahrgangs ein Studium beginnen. Kein Wunder also, dass viele Senioren kein Abitur haben und sich deshalb fragen, ob sie überhaupt studieren dürften.“

(Quelle)

Ich meine mich daran zu erinnern, dass man an der LMU bis ungefähr Mitte 50 ein reguläres Studium aufnehmen kann, aber diese Info habe ich mir vor sechs Jahren ergoogelt, als sie für mich wichtig war und ich finde sie gerade nicht mehr wieder. Wenn ihr also noch mal in die Hörsäle wollt – was ich total empfehlen kann –, dann müsstet ihr bitte selbst nachschauen, was für eure Uni gilt. Und dann dürft ihr fünf Jahre danach eine lustige Umfrage ausfüllen, die als Goodie neben 4 Wochen digitaler Süddeutscher Zeitung auch Anti-Stress-Seminare verlost.

Tagebuch Dienstag, 20. November 2018 – Bürotag und Reality TV

Das hatte ich mir schon länger vorgenommen: das eigene Portfolio mal wieder überarbeiten und an ein paar Agenturen bzw. Menschen schicken, mit denen ich gerne wieder zusammenarbeiten möchte. So saß ich am Schreibtisch, schob PDFs und JPGS hin und her, mailte, rief Agenturen an, um die passende Ansprechpartnerin herauszufinden (klappte nicht immer), wühlte meine Xing-Kontakte durch, bekam zwischendurch das Okay, um eine Rechnung zu stellen, von einer anderen Stelle eine Entschuldigung, weil eine andere Rechnung noch nicht bezahlt wurde, nachmittags gab’s noch ein Briefing, und dann war der Tag schon rum.

Mittags: Pasta mit Walnusspesto und Radicchio, bei mir leider total unfotogen, aber äußerst wohlschmeckend. Auf das Rezept hatte ich gestern schon verlinkt, das mache ich gerne nochmal.

Abends: Nutellabrot und Spekulatius. Immer auf die ausgewogene Ernährung achten.

Auf Netflix lockte mich die kanadische Serie Consumed in das Kaninchenloch des Binge Watchings. Dabei rufen Familien, die in ihrem eigenen Zeug ersticken, eine sogenannte Aufräumexpertin und ihren Handwerker zu Hilfe. Sie müssen ihr gesamtes Haus einpacken – oder noch besser: dabei schon Dinge wegwerfen – und leben dann ein paar Wochen mit extrem wenigen Dingen, um, wie die Serie immer schön rumraunt, sich den wahren Problemen zu widmen, die vom angehäuften Kram überdeckt werden. Endlich streitet man sich nicht mehr darum, wie unordentlich es mal wieder ist oder dass man nicht mehr in die Garage kommt, weil dort alles vollsteht, sondern um Eheprobleme. Interessanter Ansatz, aber selbst ich als absolute Psycho-Laiin würde vermuten: Diese Diskussionsergebnisse sind nur temporär, weil das nur geborgte Zeit im Vakuum eines leeren Hauses ist.

Der Kracher kommt dann nach wenigen Wochen, wo die Familien ihr Zeug in einem Lagerhaus wiedersehen und die Ansage bekommen haben, sich von 75 Prozent von allem zu trennen. Das kriegen die meisten sogar hin, gerne mit den üblichen TV-tauglichen Sinnlosdiskussionen und Vorwürfen und vielen weinenden Kindern. Das wenige Zeug räumt die Sendung dann wieder ins etwas aufgehübschte Haus ein, wobei „aufgehübscht“ äußerst im Auge des Betrachters liegt; ich fand alle Wandfarben grauenhaft und bin sehr allergisch dagegen, dass kleine Jungs immer Abenteuer- und kleine Mädchen immer pinkfarbene Prinzessinnenzimmer kriegen, letztere gerne mit kleiner Küche drin (WTF?). Außerdem ist die Serie schon fünf Jahre alt, und damals fanden anscheindend alle lila toll. (Ich auch.)

Nach drei Monaten kommt das Fernsehteam nochmal vorbei und guckt, wie die Häuser jetzt aussehen und wie es den Familien geht. Bei den meisten kehrt, in einigen Zimmern oder Abstellkammern jedenfalls, der alte Alles-Aufheben-Instinkt wieder ein, andere haben die Kehrtwende anscheinend wirklich hingekriegt und leben nun in Wohnungen, bei denen man den Fußboden wieder sehen kann. Eine Familie hat sich getrennt, was sich aber schon während des Wegschmeißens angekündigt hatte. Und bei einer Kleinfamilie war ich etwas verstört, sowohl während des Aufräumens als auch nach drei Monaten. Das Ehepaar schien nichts lieber zu tun als einzukaufen, die Frau hortete Tupperware in Mengen, bei denen ich fast erschüttert vor dem Rechner saß. Während der Sendung kamen immer mehr Probleme zum Vorschein – die Mutter der Ehefrau dämmerte als Alzheimerpatientin vor sich hin, der Ehemann packte seine Einkäufe nicht mal aus, und statt der vereinbarten 75 Prozent von Zeug, das weggeschmissen werden sollte, waren es gerade mal 20. Nach den drei Monaten schaute das Team wieder vorbei: Das Zimmer der Tochter war makellos, sie hatte weiter ihre Ecke zum Malen und zum Geigeüben – aber der Rest des Hauses sah genauso aus wie vorher. Nicht verdreckt oder verstaubt wie bei anderen Beispielfamilien, sondern schlicht komplett überfüllt mit Zeug, das niemand braucht und von dem sich niemand trennen kann oder will und zu dem anscheinend jeden Tag neues kommt. Die Tupperwaresammlung füllt die Garage und die Garage der Schwiegereltern, aber die Ehefrau ist trotzdem gut gelaunt, weil sie jetzt wieder ins Fitnessstudio geht.

Ich weiß selbst nicht genau, warum ich das alles aufschreibe. Vielleicht weil es so einfach ist, von außen den Finger auf Probleme zu legen. Vielleicht auch, weil ich mal wieder wütend über Reality TV war, das Menschen, die offensichtlich ein paar tieferliegende Probleme haben als sich nicht zum Aufräumen aufraffen zu können, nach der Aufnahme wieder vergisst. Vielleicht auch, weil ich es gucke. Und weil ich mich unangenehm daran erinnert habe, selbst einmal nichts wegschmeißen zu können, bis eine Freundin mit ihrem VW-Bus und 40 Müllsäcken vorbeikam und mir geholfen hat, weil ich es alleine einfach nicht hingekriegt habe. Das ist jetzt 20 Jahre her und seitdem war meine Wohnung nie wieder unaufgeräumt. Es entwickelt sich manchmal irgendwo eine Ecke, in der Zeug liegt (gerne Bücher), aber so schlimm, dass ich schlicht nicht wusste, wo ich überhaupt anfangen sollte, ist es nie wieder geworden. Es hat mich erschreckt, dass die Tupperware-Frau anscheinend entweder nicht weiß, wo sie Hilfe findet oder glaubt, keine zu brauchen.

Dieser Eintrag hat keine Pointe.

Ich sollte mehr lesen.

In diesem Sinne: 100 Notable Books of 2018. Hübsch sortiert und animiert von der NYT. Gibt es etwas ähnliches für deutschsprachige Bücher?

Tagebuch Montag, 19. November 2018 – Lampenfrust

Morgens fügte ich noch die fehlenden Links zum Fehlfarben-Blogeintrag ein – bei mir und im offiziellen Blog –, die F. erst am späten Sonntagabend produzieren konnte. Florian übernimmt bei uns Aufnahme und Nachbereitung der Datei, F(elix) das Hochladen an relevante Stellen und ich schreibe den Blogeintrag, für den ich auf die Jungs warten muss, weil ich mir die komplette Aufnahme noch einmal anhöre für die Zeitmarkierungen (wann trinken wir welchen Wein, wann sprechen wir über welche Ausstellung). Das mache ich sehr gerne, aber Sonntag abend hatte ich keine Lust mehr aufs Internet und deswegen kam der Eintrag auch erst Montag früh anstatt Sonntag gegen 22 Uhr, wo eh niemand zuhört oder auf unsere Links auf Twitter reagiert.

Da vermutlich nicht viele von euch zuhören: Die Ausstellung Weltempfänger im Kunstbau des Lenbachhauses lege ich euch wirklich ans Herz, vor allem wegen Georgiana Houghton, die im viktorianischen England (!) abstrakt (!) gemalt hat. Sie hat ihre Werke dusseligerweise als Bilder angepriesen, die ihr Geister aus dem Jenseits in die Hände diktiert haben, und so werden sie heute auch noch ausgestellt (die Dame ist erst seit 2014, wenn ich mir das richtig gemerkt habe, der Kunstgeschichte ein Begriff). Ich stellte im Podcast die Vermutung an, dass dieser Umweg für sie vielleicht der einzige war, ihre Bilder überhaupt öffentlich zeigen zu können (was sie nur einmal auf eigene Kosten 1871 tat), denn, auch das erwähne ich: Wir waren noch nicht mal richtig im Impressionismus, und schon mit dem kam kaum jemand zurecht. Und da ist auf einmal eine Frau OMG EINE FRAU, die Formen malt, die man so nicht kennt.

Es ist ein bisschen schwierig, sich von dem Eso- und Geisterzeug freizumachen, aber meiner Meinung nach kann man die Bilder auch so würdigen. Die SZ beschreibt das ganz schön:

„Dass die Schau mit “Weltempfänger” betitelt ist, irritiert zunächst, geht es doch den Künstlerinnen darum, Botschaften aus einem Jenseits einzufangen. Der Begriff bildet andererseits durchaus den fast wissenschaftlichen Anspruch dieser Künstlerinnen ab, die nicht etwa auf der Reise ins Jenseits waren, sondern sich als Instrumente verstanden, um unsichtbare, aber durchaus reale Erscheinungen wahrzunehmen. Lange hat die Kunstgeschichte solche Werke als “Effekte” abgetan und sich mit der Diskussion, ob die Abstraktionen einer Hilma af Klint nun wirklich abstrakt gemeint waren, aufgehalten: Schließlich hätte man dann die Erfindung der Abstraktion einer Frau zuschreiben müssen.

Doch die Ausstellung blickt bereits zurück auf anderthalb Jahrzehnte der Debatte. Die Frage eines verbindlichen “Kanons” der Kunstgeschichte hat sich in den vergangenen Jahren ohnehin aufgelöst, in denen vor allem die zeitgenössische Kunst neugierig über die Peripherie ihrer eigenen Begrenzungen hinaus geschaut hat und in Folge viele bislang marginalisierte Werke international gewürdigt, aufgearbeitet und diskutiert werden.“

Mein erster Tagesordnungspunkt war: endlich mal zum Ikea nach Eching zu fahren, um die noch fehlenden drei bis fünf Lampen für meine Decken zu kaufen. Im Arbeitszimmer leuchtet bereits diese Viererschiene, wenn meine Schreibtischlampe nicht mehr reicht, und für Bad und Flur wollte ich nun Zweierschienen, für Schlafzimmer und Bibliothek auch, wenn noch welche da wären, sonst kommt da gar nichts hin, in den Zimmern stehen genug Steh- und Tischlampen rum. Bei meinem Stammikea in Brunnthal hatte man mir gesagt, die Zweierspots gebe es nur noch in Eching, und so machte ich mich gestern auf den beschwerlichen Weg. Beschwerlich, weil Eching quasi im Niemandsland liegt, jedenfalls wenn man sich den Plan für die Buslinie anschaut, die einen von der S-Bahn-Station in die Nähe des Möbelhauses bringen soll.

Ich vermisste für eine Sekunde ein Auto, stand so aber an der Bushaltestelle und las weiter Feuchtwangers Exil. Je länger das Buch dauert, desto anstrengender wird es, ich erwähnte es bereits, ich erwähne das auch weiterhin, denn das Buch ist fantastisch und ihr müsst das alle lesen.

Irgendwann war ich dann bei Ikea, wo ich, fast wie erwartet, feststellen musste, dass auch dort keine Zweiterspots mehr vorhanden waren. Ich hatte sie auch online schon seit Wochen nicht mehr gefunden, und nun stand ich vor Ort und ahnte, dass ich sie nirgends mehr finden würde. Das erzählte mir auch bedauernd eine Mitarbeiterin, und so kaufte ich eine Badematte, zwei Teller und zwei Packungen bunte Servietten und war frustriert. An der Kasse dann nicht mehr so, weil ich ausnahmsweise bei Ikea – BEI IKEA! – bar bezahlen konnte statt mit Karte, weil ich so wenig erstanden hatte.

Auf den Bus zur S-Bahn Eching hätte ich 40 Minuten warten müssen, aber der in die Gegenrichtung fuhr schon in zehn. Also nahm ich den und ließ mich zur S-Bahn Neufahrn chauffieren. Ich kam mir vor wie nach einer Weltumsegelung, als ich endlich wieder zuhause war und nun begann, im Internet nach weißen Deckenspots zu suchen, die möglichst unauffällig und nicht scheiße aussahen. Inzwischen weiß ich, dass es von Philips und von Prediger welche gibt, die fast genauso aussehen wie die von Ikea, aber natürlich das Vierfache kosten. Ich bewege das noch etwas in meinem Herzen und lebe weiterhin mit nackten Glühbirnen im Bad und im Flur.

Immerhin konnte mich mein Essen trösten, das ich, wie ich erst heute morgen beim Rüberkopieren vom iPhone feststellte, arg unscharf fotografierte.

Auf der langen Rückfahrt konnte ich nämlich schön über mein Essen nachdenken, und ich wusste, der Brokkoli musste weg, genau wie die Petersilienwurzeln. Mit letzteren wird bei Masterchef quasi dauernd gekocht, und meistens kommt Püree raus, aber auch gerne frittierte Chips, die man dekorativ auf alles legen kann. Eigentlich wollte ich dazu noch Hasselback-Kartoffeln machen, aber für den Brokkoli hatte ich mir schon die Zubereitung im Ofen ausgesucht und zwei Bleche im Ofen sind doof. Also machte ich Püree, was sowieso nach Gratin die tollste Zubereitungsart für Kartoffeln ist. Im Hinterkopf poppte noch ein Rezept herum, das ich vor wenigen Tagen bei Chestnut & Sage entdeckt hatte: Pasta mit Walnusspesto und Radicchio. Ich hatte nämlich auch noch einen Radicchio im Kühlschrank, und aus dem machte ich einfach mit einem winzigen Schuss Olivenöl eine Chiffonade. Der Brokkoli kam mit Öl und Zitronensaft in den Ofen, das Püree wurde mit Milch und Butter verfeinert, die dünn geschnittenen Petersilienwurzeln wurden einfach nur in Sonnenblumenöl frittiert und gesalzen und fertig war ein Festessen.

„Nach einer Weile fasste sich Riemann, lächelte verlegen, als wolle er seinen Ausbruch entschuldigen, und wurde wieder zum Staatsrat. Später begann er sachlich aufzuzählen, was alles er in Deutschland den Widerständen zum Trotz habe durchsetzen und wie viele verdiente Musiker er habe retten können. Doch Trautwein ließ nicht mit sich feilschen. Unerbittlich konstatierte er: ‚Vor der Musikgeschichte kommen Sie damit nicht durch. Es gibt keine unpolitische Musik. Wenn Sie heute als Musikdirektor des Dritten Reichs Musik machen, dann machen Sie schlechte Musik, und wenn sie noch so gut ist. Wer für gemeine Ohren Musik macht, macht gemeine Musik.‘“

Lion Feuchtwanger: Exil, Berlin 2012 (Erstausgabe 1940), S. 395.

Ersetze „Musik“ durch „Kunst“ und du hast ein Zitat, das du vorne auf deine Diss schreiben kannst.

Fehlfarben 18: Weltempfänger – Georgiana Houghton, Hilma af Klint und Emma Kunz; Magnum Manifesto

Zwei Ausstellungen, drei Meinungen – und heute mal kein Bild, weil wir es schlicht vergessen haben.

Podcast herunterladen (MP3-Direktlink, 69 MB, 86 min), abonnieren (RSS-Feed für den Podcatcher eurer Wahl), via iTunes anhören.

00.00:00. Begrüßung und Vorstellung.

00.01:40. Der erste Rotwein – wir trinken heute Lemberger.

00.04:00. Die erste Ausstellung: Weltempfänger – Georgiana Houghton, Hilma af Klint und Emma Kunz im Kunstbau des Lenbachhauses. Läuft noch bis zum 10. März 2019, und wir waren äußerst unterschiedlicher Meinung darüber. (Reingehen? Eher ja.)

00.34:45. Der zweite Wein.

00.52:45. Der dritte Wein.

00.55:45. Die zweite Ausstellung: Magnum Manifesto im Kunstfoyer der Versicherungskammer Bayern, eine Retrospektive zu 70 Jahren Magnum. Läuft noch bis zum 27. Januar 2019, und auch hier waren wir uns überhaupt nicht einig. (Reingehen? Eher nein.)

01.21:40. Wir lösen die Weine auf und fanden die Nummer 2 trotz des schlimmen Namens alle klar am besten:

Wein 1: Weingut Eberbach-Schäfer, Lemberger trocken „Triathlon“, 2016, 13,5%, bei Rindchens Weinkontor für 8,90 Euro.

Wein 2: Felsengartenkellerei Besigheim, Fas(s)zination Lemberger QbA, o. J., 14%, beim Winzer für 15,95 Euro.

Wein 3: Weingut Wachtstetter, Pfaffenhofen Felix Lemberger QbA trocken, 2016, 13%, über wirwinzer.de für 10,30 Euro.

Tagebuch Samstag, 17. November 2018 – Podcastaufnahme

Lange und fest geschlafen, nach acht Stunden sehr zufrieden aufgewacht. Überhaupt keine Lust auf Frühstück gehabt, nicht mal auf einen Kaffee, also ging ich nur mit ein bisschen Wasser im Magen in dieses Draußen da draußen.

Ich fuhr mit der U-Bahn zum Bahnhof, von dort ins Lehel, um zur zweiten Ausstellung zu kommen, die wir im Podcast besprechen wollten; die erste hatte ich am Donnerstag schon gesehen. Die hatte mir auch gut gefallen, durch diese stapfte ich arg missmutig und war nach nicht mal einer Stunde wieder draußen.

Nächster Tagesordnungspunkt: Wein kaufen. Der Podcastgastgeber oder die -gastgeberin nennen die Weinsorte oder Region oder was auch immer, wir anderen kaufen danach ein. Meine Bestellung war aber immer noch im Limbo zwischen Weingut und Packstation, niemand weiß, wo das Paket ist und ich hoffe, ich kriege wenigstens mein Geld wieder, wenn schon nicht den Wein. Ich brauchte also schnell noch ein Fläschchen zum Mitbringen. Ich hätte nun am Stachus in den Kaufhof oder am Bahnhof in den Karstadt gehen können, aber wenn ich Zeit habe, Tram zu fahren, fahre ich Tram. Also ließ ich mich in die Nähe des Nymphenburger Schlosses chauffieren und fuhr bewusst eine Station zu weit, um noch am Schloss vorbeigehen zu können. Also wenigstens über die Brücke über den kleinen Kanal, um das Schloss zu sehen. Auf mehr hatte ich dann doch keine Lust, das schöne Wetter trieb Tourist*innen und Münchner*innen in Horden zum Spaziergang.

Wein gekauft, Tram gefahren, U-Bahn gefahren. Beim Rumgefahrenwerden weiter Feuchtwangers Exil gelesen, das wirklich immer weniger Freude macht, weil man immer mehr mitbekommt, wie eng alles für die Protagonist*innen wird. Aber, ich wiederhole mich, diese Sprache! Wundervoll.

Zuhause eine Kanne Tee gekocht (derzeit immer noch Assam mit Milch und Zucker), Zeitung gelesen, Futurama geguckt, bei Futurama eingeschlafen. Dann langsam zum Podcast aufgerafft, noch ein bisschen was nachgegoogelt, die eigenen Notizen überflogen und in die U-Bahn zum Gastgeber gesetzt.

Dort wurden wir wie immer äußerst schmackhaft verköstigt, dann zog sich die Dame des Hauses zurück, während wir drei das Arbeitszimmer mit Weinflaschen und Notizbüchern vollballerten und knappe anderthalb Stunden sprachen. Wir hatten endlich mal wieder zwei Ausstellungen erwischt, über die wir uns nicht einig waren; manchmal sorgen wir uns, dass unsere Harmoniesauce keiner ertragen kann, weil wir immer alles toll finden. Gestern so gar nicht.

Nach dem Podcast wurden wie immer die Weinflaschen geleert, wir klönten noch bis nach Mitternacht. F. und ich fuhren zu mir und schliefen gemeinsam ein.

William Goldman ist gestorben. Ich habe von dem Mann mehrere Bücher übers Drehbuchschreiben und über die Hollywoodmaschinerie im Schrank, die ich euch alle ans Herz legen kann, weil sie sehr unterhaltsam geschrieben sind. Genau wie seine Drehbücher:

Aus dem Nachruf der NYT:

„Mr. Goldman was deeply disappointed with his experience writing “All the President’s Men,” based on the book by the Washington Post reporters Bob Woodward (played by Mr. Redford) and Carl Bernstein (Dustin Hoffman) about their role in exposing the Watergate scandal. It was a problematic project in which Mr. Goldman butted heads with Mr. Redford, who was the producer as well as the co-star, and who in later years played down Mr. Goldman’s participation.

Mr. Goldman’s screenplay — which included the famous line “Follow the money,” not found in the book — won him his second Academy Award, for best adapted screenplay. But he later wrote: “If you were to ask me, ‘What would you change if you had your movie life to live over?’ I’d tell you that I’d have written exactly the screenplays I’ve written. Only I wouldn’t have come near ‘All the President’s Men.’ ”

Mr. Goldman was also a sought-after script doctor, well known for his uncredited work. He was widely believed to have written the script for “Good Will Hunting,” the 1997 film that brought Matt Damon and Ben Affleck the Oscar for best original screenplay. He denied having a hand in it.“

Tagebuch Freitag, 16. November 2018 – Lesetag

Gestern war ein bisschen Urlaub-vom-Urlaub-Tag. Seit unserer Rückkehr hatte ich lauter Kleinkram zu erledigen, aber gestern war mal nichts. Niemand wollte was, ich wollte auch nichts, also las ich viel. Zum Beispiel den Newsletter von Austin Kleon, der mich auf einen alten Artikel (2014) von Rob Walker aufmerksam machte: How To Pay Attention: 20 Ways To Win The War Against Seeing.

Walker beschreibt eine Aufgabe, die er seinen Design-Student*innen stellte: Sie sollten in der Woche bis zur nächsten Sitzung üben, aufmerksam zu sein. Das war’s. Teil der Übung war zu sehen, wie genau nun Menschen versuchen, aufmerksam zu sein bzw. mit welchen Methoden sie Dinge fanden, die man normalerweise übersieht. Der Artikel fasst 20 Tipps zusammen, die ich alle spannend fand für einen neuen Blickwinkel für die eigene Umgebung oder als Ausgangspunkt für einen neuen Blogeintrag, ein Kunstprojekt, gegen die Langeweile auf dem Weg zur Arbeit usw.

Ein paar Tipps darunter bezogen sich auf Kunstbetrachtung. Der Slow Art Day (kannte ich auch noch nicht) findet jedes Jahr im April statt: Dabei trifft man sich in Museen, schaut sich fünf Werke für jeweils zehn Minuten an und spricht danach darüber. Es müssen anscheinend nicht die gleichen Werke sein, es geht, glaube ich, gar nicht darum zu vergleichen, wer jetzt was gesehen hat, sondern es geht darum, sich aufmerksam einem Werk zu widmen und wahrzunehmen, was man sieht, was man dabei vielleicht fühlt, welche Assoziationen man hat.

So ähnlich ist übrigens unser Podcast entstanden: Wir wollten alle den Cremaster-Cycle von Matthew Barney sehen, der 2014 netterweise umsonst an drei Abenden in der Hochschule für Film und Fernsehen gezeigt wurde. Nachdem alle fünf Filme durch waren, wollten wir natürlich dringend darüber sprechen, wobei wir spaßeshalber ein Smartphone mitlaufen ließen. Als wir uns unsere Diskussion – die alleine durch das offene Mikro etwas strukturierter und wohlformulierter ablief als die üblichen Klönabende – noch mal anhörten, fanden wir das gut genug, es auch anderen vorspielen zu wollen, und schon hatten wir einen Kulturpodcast. Aber auch ohne einen Podcast kann man sich mal im Museum verabreden und danach bewusst darüber reden. Wer das lieber alleine macht, kann sich nach fünf Werken ins Museumscafé setzen und aufschreiben, was er oder sie gesehen und gefühlt hat. (Zack, Blogeintrag fertig! Merke ich mir für Tage, an denen ich auf nichts Lust habe.)

Eine weitere Art des Kunstguckens ist das richtig lange Kunstgucken. Ich zitiere aus dem Artikel:

„Educator Jennifer L. Roberts has described an assignment she’s used in art history classes as making students regard a single work for “a painfully long time.” This seems to mean three hours, which does sound like a challenge (…). The task — “noting down his or her evolving observations as well as the questions and speculations that arise from those observations” — is meant to be the first step in a research process. But Roberts argues, persuasively, that it’s a highly useful step. Students resist, but eventually find that looking really slowly forces them to notice things they had initially missed. “What this exercise shows students,” Roberts writes, “is that just because you have looked at something doesn’t mean that you have seen it.”

Ich habe noch nie so lange vor einem Werk gesessen, aber es erschließt sich mir sofort, dass man immer mehr sieht, je länger man hinguckt. Das merke ich bei jedem Werk, über das ich bisher eine Hausarbeit geschrieben habe – man denkt immer, man hat es gesehen, aber es verändert sich bei jedem erneuten Draufschauen, eröffnet neue Perspektiven oder zwingt zu neuen Fragestellungen. Das merkte ich besonders bei meiner Masterarbeit, bei der sich meine ursprüngliche Forschungsfrage nicht mehr halten ließ, je länger ich auf Lüpertz guckte – aber gerade dieses Mehrfachschauen ließ mich dann andere Dinge fragen.

Was mich zur dritten Art des Sehens führt, die auch im Artikel beschrieben wird: mehrfach gucken. Walker verlinkt einen Artikel aus der New York Times, in dem der Autor Randy Kennedy beschreibt, dass er sich nun schon seit Jahren den selben Caravaggio im Met anschaut. Schon seinen Weg zum Bild fand ich lesenswert (vermutlich weil ich genau die gleichen Bilder mag oder nicht):

„Curators have long lamented how little time museum patrons spend in front of works; a 2001 study by the Met found the median viewing time to be only 17 seconds. And so I would love to say that I formed a conviction to make the Caravaggio my pilgrimage site in order to nobly embody the pre-Internet virtues of long looking, of allowing meaning to accrue over time. The truth is that my job as an art reporter takes me to the Met with great (and pleasing) regularity, and every time I make my way through the European galleries, I seem to end up passing the painting and stopping short in front of its pile of shadows.

Eventually I came to remember exactly where the painting was, and after an interview, before heading to the subway, I got into the habit of making a beeline for it, almost sheepishly, like somebody at a party snubbing all the guests except the one he really wants to talk to. I’d shoot painfully past Hans Memling, one of my favorites, past Bosch and past Bruegel’s stout harvesters, eternally eating their lunchtime porridge. I’d hang a left at van Dyck’s foppish blond duke, ignore Rubens altogether, and by the time I got to Guercino’s Samson and his gloriously torqued back, I’d know I was almost there.“

Der Bruegel hängt da übrigens immer noch, der ist leider gerade nicht in Wien bei seinen Kumpels vom Jahreszeiten-Zyklus, nur so nebenbei. Kennedy verweist auch auf das wunderbare Buch Alte Meister von Thomas Bernard, das ich euch ebenfalls empfehlen kann.

Ich begann den Artikel mit dem Hinweis auf Austin Kleons Newsletter. Daraus möchte ich noch schnell einen Eintrag vom Verfasser selbst zitieren: We are verbs, not nouns. Er beschreibt ein Interview mit Stephen Fry, in dem dieser die folgenden schlauen Sätze sagte:

„Oscar Wilde said that if you know what you want to be, then you inevitably become it – that is your punishment, but if you never know, then you can be anything. There is a truth to that. We are not nouns, we are verbs. I am not a thing – an actor, a writer – I am a person who does things – I write, I act – and I never know what I am going to do next. I think you can be imprisoned if you think of yourself as a noun.“

Das hat mich seltsam berührt, weil ich mich sofort über mein Schreiben definieren konnte, aber auch sofort wusste, wie oft sich dieses Schreiben geändert hat. Mir ist erst Mitte meiner Dreißiger aufgefallen, dass ich schon immer geschrieben habe. Ich habe als Kind bereits Tagebuch geführt, ohne es so zu nennen, ich habe halt immer irgendwo irgendwas hingeschrieben, bis ich mit 12 mein erstes Büchlein bekam, in das ich schrieb. Eine meiner deutlichsten Kindheitserinnerungen ist eine Szene, wie ich mit dem Fahrrad von Oma zurück nach Hause fahre und dabei über die Blumen am Weg nachdenke. Ich kann mich sehr genau daran erinnern, wie ich über sie nachdachte, weil ich wusste, dass ich genau diese Gedanken danach aufschreiben wollte – was ich auch tat.

Ich habe mir den Eintrag gerade durchgelesen, weil ich aus ihm zitieren wollte, aber den verschweige ich der Nachwelt besser. Ähem. Immerhin kommt direkt nach dem arg simplen Vergleich von schönen Blumen und schlichten Menschen noch eine knallharte Analyse zu Ingeborg Bachmanns Gedicht Herbstmanöver: „Es ist einfach irre!“

Mir ist beim Tagebuchlesen eben auch bewusst aufgefallen, dass ich recht früh damit begonnen habe, mir über Dinge klar zu werden, indem ich sie aufschreibe – so wie ich das heute noch mache. Ich erwähnte das im Blog vermutlich schon mal: Ich habe Schreiben nie als ein Talent oder sogar als eine Grundlage für einen Beruf gesehen, einfach weil ich es schon immer gemacht habe. Ich war also schon immer ein Verb – „schreibend“ statt „Schriftstellerin“, als was ich mich nie bezeichnet habe – , bevor ich eine Journalistin wurde, eine Bloggerin, eine Werbetexterin, eine Buchautorin, eine Kunsthistorikerin (wenigstens für zwei Kataloge).

Tagebuch Donnerstag, 15. November 2018 – Klassiker kochen

F. morgens zwei Stück Sachertorte in eine Tupperdose gepackt und sie ihm für den Nachhauseweg mitgegeben. Habe noch kein Geschmacksfeedback bekommen, gleich mal einfordern.

Die ersten zwei, drei Tassen Tee des Tages genossen und dabei gebloggt. Danach den restlichen Tee in meine Thermoskanne umgefüllt, damit er warm bleibt. Ich nutze kein Stövchen mehr; seit ich Tee nur noch aus Omis Teekanne mit ihren winziges Tässchen trinke, hat der gar keine Chance mehr, wirklich kalt zu werden, weil ich dauernd nachschenke. Gestern wollte ich aber mitten in der Kanne ins Museum, um eine Ausstellung für den neuen Fehlfarbenpod anzuschauen. Also wurde der Tee umgefüllt und als ich wieder nach Hause kam, konnte ich warm weitertrinken.

Die Ausstellung war übrigens toll. Ich bin etwas zweifelnd ob des Konzepts reingegangen, kam aber sehr gut gelaunt und begeistert wieder raus. Ein paar kleine Hühnchen habe ich zu rupfen, aber das erledige ich dann Samstag abend am Mikrofon. Und Sonntag könnt ihr dann hören, um welche Ausstellung es ging, yay, Teaser!

Abends gekocht, weil ich nachmittags eine neue Folge von Masterchef – The Professionals geguckt habe. Dort treten keine Laienköche gegeneinander an, sondern Profis, also Köche, die wirklich im Beruf stehen. Allerdings nicht unbedingt in der Sterneküche, sondern eher so das Format Gastropub. Bevor die Jungs und wenigen Mädels ihre eigenen Kreationen kochen dürfen, kommt immer der sogenannte Skills Test, erdacht entweder von Marcus Wareing oder Monica Galetti, die als Juroren in der Show arbeiten. Dort müssen die Kandidat*innen meist etwas aus der klassischen Küche zubereiten – also gerne Dinge, die man vermutlich in der Ausbildung mal gelernt hat, aber dann doch seltener macht, weswegen der Skills Test ziemlich fies ist beim Zugucken, wenn man Profis an Standards scheitern sieht. Was aber für uns Hobbyköche halt auch ganz hübsch ist.

Gestern wurde eine Beurre Blanc verlangt, die mir sogar ein Begriff war, die ich aber noch nie selbst zubereitet hatte. Genau das versuchte ich dann abends, und mir wurde wieder klar, wie hilfreich die vielgescholtenen Kochshows dann doch manchmal sein können. Die Kritik geht ja gerne „Die Leute gucken das nur, die kochen gar nicht selbst und essen auch weiter Schrott“, wozu ich immer sage: Ja und? Ich gucke auch Fußball und stell mich nicht selbst ins Tor, das wirft mir lustigerweise niemand vor. Gewisse Fernsehformate sind als Unterhaltung konzipiert und nicht als Doku oder Mitmachschlumpf, und ihnen genau das vorzuwerfen, finde ich arg albern.

Jedenfalls hatte ich bei Masterchef mitbekommen, dass a) die Schalotten keine Farbe annehmen dürfen, die Hitze also nicht zu hoch sein darf und b) dass man die sehr kalte Butter ständig rühren musste anstatt sie einfach in der Sauce schmelzen zu lassen, weil sich sonst Säure (Wein, Essig) und Fett (Butter) wieder trennen. Gleichzeitig war mir bewusst, wie haargenau dieses Rezept dem derzeitigen Hit Salt Fat Acid Heat entspricht; ich hatte also quasi einen zweifachen Lerneffekt. Und dazu wirklich schmackhaftes Essen: Die herrlich cremige, fein säuerliche und damit total unbemerkt irrwitzig gehaltvolle Sauce veredelte selbst meinen banalen Tiefkühlfisch.

Nebenbei habe ich festgestellt, dass mein warmes Licht über dem Küchentisch mich auch abends noch halbwegs gute Fotos machen lässt, wenn auch nicht ganz aufsichtig, weil dann der iPhone-Schatten auf dem Teller landet.

„So schlecht ist die Zeitung ja gar nicht geworden“

Den Artikel hatte ich gestern mehrfach in der Twitter-Timeline und obwohl mich kaum jemand weniger interessiert als Julian Reichelt, habe ich das Interview einer Schülerzeitung aus Hamburg mit ihm dann doch komplett gelesen. Wenn auch sehr augenrollend. Aber die Verfasser*innen hatten mich schon beim Einstieg:

„Im Mai 2018 erscheint ein Portrait über Julian Reichelt im „SPIEGEL“. „Seitdem Julian Reichelt bei „BILD“ das Kommando übernommen hat, ist das Blatt im Kampfmodus“, schreibt das Magazin über den 38-Jährigen. Das Portrait birgt eine Überraschung: Reichelt war Schüler am GO [Gymnasium Othmarschen]. Endlich mal ein namhafter Abgänger, auch wenn er dann zu „BILD“ gegangen ist. Bevor er „BILD“-Chef wurde, war er lange Zeit als Kriegsreporter für Springer im Nahen Osten.

Der Kontakt zu Reichelt ist schnell hergestellt. Kurze Zeit später kommt eine Antwort-Mail:

„Interview mach ich gern. Mein Büro koordiniert Termin. Best, j.“

Und tatsächlich: Sein Büro koordiniert Termin.“

Und mit derartigen Perlen – schöner Einstieg und dann Abdriften in die Bild-Parallelwelt – geht’s dann weiter:

Reichelt: „Qualitativ hochwertiger Journalismus ist ohne hohe Investitionen nicht möglich. Die Art und Weise der Berichterstattung, die wir machen, die Themen, die wir abdecken, ist ohne hohe Investitionen schlichtweg nicht möglich. Das ist mir auch ein ganz wichtiger Punkt, dass wir als Journalisten sagen müssen: Journalismus ist wertvoll, Journalismus ist etwas wert. Es hat einen Wert für die Gesellschaft. Journalismus gibt es nicht umsonst. Umsonst gibt es Social-Media. Viel Spaß damit! Journalismus, der sich auf gewisse Standards und Regeln verständigt, der es sich erlaubt, mit eigenen Leuten und kritischem Blick vor Ort an die Quelle zu gehen, der kostet Geld und dafür sollten die Leute bezahlen. Es sollte eine Bereitschaft geben, dafür zu bezahlen.

Ich glaube, wir haben in den letzten zwölf, 24 Monaten bei Social-Media gesehen, was das Alternativ-Modell zum Journalismus ist. Nämlich eine Welt, in der alles stimmt und nichts stimmt, in der jeder behaupten kann, was er möchte, in der sich Falschmeldungen besser verbreiten, als korrekte Meldungen, in der man es inzwischen mit einem hasserfüllten Diskussionsumfeld zu tun hat, was ich sehr abschreckend finde.“

Liebster Tweet der letzten Tage, weil es meine derzeitige Stimmung trifft:

Tagebuch Mittwoch, 14. November 2018 – Sachertorte

Nach den langen Nachträgen der letzten beiden Tage, die mich jeweils um die vier Stunden Zeit gekostet haben, gibt’s heute wieder was Kürzeres. Ein dicker Beitrag liegt noch in der Pipeline, die zwei Veranstaltungen am Burgheater müssen natürlich auch schriftlich festgehalten werden. Aber dafür hatte ich gestern keine Zeit, denn ich war den halben Tag lang damit beschäftigt, Sachertorte zu backen. Damn you, Wien-Urlaub!

Die ist noch nicht perfekt, deswegen gibt’s noch kein anständig von mir ausformuliertes Rezept und auch nur das Beweisfoto, das ich gestern abend aus dem Handgelenk für F. gemacht habe. Ich werde die nächste Torte fünf Minuten kürzer im Ofen lassen (ich verhandele immer noch mit meinem neuen Ofen, wann er denn wohl fertig ist im Unterschied zu der Zeitvorgabe in den Rezepten), mehr Aprikosenkonfitüre Marillenmarmelade (danke, @KerstinFest) benutzen und vor allem deutlich dunklere Schokolade für den Überzeug. Das war gestern Zartbitterkuvertüre, aber dadurch, dass man diese noch in einem fiesen Zuckersirup auflöst, wurde sie wieder eher vollmilchig-hell und süß, und ich hätte es gerne etwas herber, weswegen ich über die 85-prozentige Schokolade von Lindt nachdenke. Und natürlich ist der Überzug noch nicht so glatt wie er sein sollte; meine Kuvertüre war beim Drüberkippen vermutlich die gewissen ein bis zwei Grad zu kalt und damit schon ein winziges bisschen zu fest.

Aber der Geschmack war schon verdammt gut! Ich habe, glaube ich, noch nie so dermaßen fluffigen Biskuitteig in die Form gefüllt. Am liebsten hätte ich ihn einfach so gegessen. War fast wie Mousse au Chocolat.

Im Hintergrund steht mein Adventskalender voller Trüffel von Xocolat, auf den ich mich sehr freue. Die Verkäuferin so: „Der ist ohne Alkohol, den kann man also auch an Kinder verschenken.“ Ich so: „Ist für mich.“ Verkäuferin: „Ja, aber wenn Sie ihn verschenken wollten …“ Ich so: „IST FÜR MICH!“ (MEINS! ALLES MEINS!)

Ansonsten war ich gestern bei der Post, um ein Paket abzuholen, das in die Packstation hätte kommen sollen, von wo ich aber nicht mal eine Nachricht bekam, dass es dort nicht ist. Danke, Sendungsverlauf online. Ein weiteres – mit dem Wein für die nächste Fehlfarben-Ausgabe – liegt weiß der Geier wo, wir suchen gerade alle nach ihm. Notfalls bringe ich Samstag eine Flasche Schnaps mit.

Wie der Krieg die Erde formt

Lars Fischer schreibt bei Spektrum, warum die Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs noch heute die Landschaft so aussehen lässt wie sie eben aussieht. Und vor allem, warum das vermutlich so bleiben wird.

„Die US-Forscher kamen zu dem Ergebnis, dass die großflächigen Bodenveränderungen durch schweren Beschuss ein eigenständiges und in modernen Zeiten sehr verbreitetes Phänomen sei, das erhebliche Auswirkungen auf die Evolution von Böden hat. Sie nennen es Bombturbation.

Eine quasi jungfräuliche Bombturbation-Oberfläche ist sehr uneben und von einer Mischung aus Bodenschutt, zertrümmertem Grundgestein und zerfetzter Vegetation bedeckt, die von den Explosionen aus den Kratern herausgeschleudert wurde. Diese Art von Untergrund unterscheidet sich drastisch vom Zustand vor der Schlacht. Die verschiedenen Sedimentschichten sind gut durchmischt und enthalten oft einen beträchtlichen Anteil an Gesteinstrümmern. Das veränderte Relief sorgt dafür, dass Wasser schwerer abfließt und sich außerdem organische Materie in den Kratersenken ansammelt. Gleichzeitig kann Wasser durch neue Risse tief in das Grundgestein eindringen und beginnen, es zu verwittern. All diese Vorgänge führen dazu, dass auf alten Schlachtfeldern völlig andere Bodentypen entstehen, als es ohne die Schlacht der Fall gewesen wäre.“

(via @odenwaelderin)

Ich vertwitterte den Link gestern zusammen mit einem aus dem Atlantic, auf den Frau Nessy in ihrem Blog aufmerksam gemacht hatte: The Fading Battlefields of World War I. Die Bildunterschrift zu Bild 19 ließ mich kurz innehalten:

„An unexploded World War I shell sits in a field near Auchonvilliers, France, in November of 2013. The iron harvest is the annual “harvest” of unexploded ordnance, barbed wire, shrapnel, bullets, and shells collected by Belgian and French farmers after plowing their fields along the Western Front battlefield sites. It is estimated that, for every square meter of territory on the front from the coast to the Swiss border, a ton of explosives fell. One shell in every four did not detonate and buried itself on impact in the mud. Most of the iron harvest found by farmers in Belgium during the spring-planting and autumn-plowing seasons is collected and carefully placed around field edges, where it is regularly gathered by the Belgian army for disposal by controlled detonation.“

„A ton of explosives“ pro Quadratmeter. Herrgottnochmal. Mich erinnerte das an eine Schilderung von Philipp Blom, die mich in seinem Buch Die zerrissenen Jahre: 1918–1938 so beeindruckt hatte, ich zitiere meinen eigenen Blogeintrag zum Buch. Kann man ja ruhig nochmal wiederholen, jetzt wo viele Europäer*innen anscheinend nicht mehr zu schätzen wissen, wie toll Europa ist.

„Der technologische Fortschritt brachte es mit sich, dass Artilleriegeschütze ihre Geschosse, von denen einige mehr als hundert Kilo wogen, über viele Kilometer zielgenau feuern konnten und so Tod und Verstümmelung in Form von Bomben, Schrapnellen und Gas anonym und gesichtslos in die Schützengräben trugen. Für die Soldaten wurde jede Minute ein zermürbend monotones Warten auf den ferngesteuerten Tod. Auf deutscher Seite, in Schützengräben, die immer wieder den Neid der Soldaten auf der anderen Seite hervorriefen, starben zwei Drittel aller Soldaten durch Bombardierung und nicht bei Angriffen. Bei den britischen und französischen Einheiten waren es sogar drei Viertel.

Im Gegensatz dazu starben nur ein Prozent der Soldaten im Nahkampf mit Handfeuerwaffen und Bajonetten […] Die meisten Soldaten starben, ohne je einen Feind auch nur gesehen zu haben. […]

Die Soldaten auf beiden Seiten erfuhren diese mechanische Apokalypse als einen tiefen Verrat an ihrem Mut und ihrem Opferwillen. Ihr Einsatz, ihr Mut, war nichts im Vergleich zu dem industrialisierten Schlachten im Schlamm, in dem ihre Körper zum Rohstoff des Todes wurden, fast nicht zu unterscheiden von dem allgegenwärtigen graubraunen Dreck, der von Granaten und Bomben so oft aufgerührt und beschossen worden war, dass er sich in Schleim verwandelt hatte, der nach Verwesung und Exkrementen roch und Stiefel und sogar ganze Körper wie ein gärender Sumpf einfach verschluckte.“

(Philipp Blom: Die zerrissenen Jahre: 1918–1938, München 2016, S. 42/43.)

Wir waren wie Brüder

Der Artikel von Daniel Schulz aus der taz ist schon von Anfang Oktober und ging auch schon durch diverse Twitter-Timelines, aber ich las ihn erst gestern. Falls ihr ihn bis jetzt auch vor euch hergeschoben habt: lasst das mal und lest. Es geht um das Jungsein in den 1990ern in der ehemaligen DDR und es fällt mir schwer, irgendeinen Textteil zu zitieren, weil alle gut sind und in allen ein anderer Aspekt steht. Der Text wurde für den Reporterpreis 2018 in der Kategorie Essay nominiert.

„Woher wir unser [Juden-]Witze hatten, weiß ich nicht mehr. Es hätte sie gar nicht geben dürfen. In der Verfassung der DDR stand, der Faschismus sei besiegt. Und weil er nun einmal besiegt war, durfte er nicht existieren. Die Staatssicherheit, das lässt sich in dem Buch der Stiftung ebenso nachlesen wie in den Berichten des Geheimdienstes selbst, nannte Hakenkreuze auf jüdischen Friedhöfen und Neonazis, die andere Menschen zusammenschlugen, „Rowdytum“ und tat so, als gäbe es keinen politischen Hintergrund. Punks und alle, die anders aussahen als sich die sozialistische Elite ihre Bürger vorstellte, verfolgten Geheimdienst und Polizei dagegen hart als Auswüchse einer Dekadenz, die nur aus dem Westen kommen konnte.

Daran knüpft die AfD heute an. Die Partei setzt wie keine andere darauf, eine ostdeutsche Identität zu feiern und zu fördern. In Wahlkämpfen und Reden umwerben ihre Politiker die Menschen damit, wie fein deutsch und wenig verfremdet es in Ostdeutschland so zugehe. Und die Erzählung vom unpolitischen Rowdytum scheint bei vielen Polizisten ebenfalls heute noch zu funktionieren.

War das in der Bundesrepublik denn besser? Klassische Frage, die immer kommt, wenn man etwas über die DDR schreibt. Vielleicht ließe sich sagen, es gab in Westdeutschland wenigstens die Chance auf ein öffentliches Gespräch. In der DDR lief so eine Serie wie „Holocaust“ nicht im Fernsehen, die Leute konnten danach nicht darüber reden, sich aufregen oder weinen – zu Hause, in der Kneipe, im Bus. Und bei allem Verständnis für den Willen, sich von Westdeutschen nicht mehr das eigene Leben ausdeuten zu lassen: Ist es wichtiger, das Andenken an die DDR zu retten oder sich Gedanken darüber zu machen, warum die eigenen Kinder von Nazis gejagt werden oder selbst andere jagen?

Nach dem Überfall von Neonazis auf ein Punk-Konzert in der Ostberliner Zionskirche 1987 wollte das Zentralkomitee der SED dann doch einmal die neonazistischen Umtriebe untersuchen. Die Forscher registrierten 1988 bis zu 500 Taten aus dem rechtsextremen Milieu pro Monat. Die Ergebnisse verschreckten die Machthaber so sehr, dass sie sie gleich wieder wegschlossen. Der Oberstleutnant der Kriminalpolizei, der das Team geleitet hatte, wurde ab da von der Stasi beobachtet.“

Florine Stettheimer, eine großartige feministische Künstlerin des 20. Jahrhunderts

Annekathrin Kohout würdigt Florine Stettheimer, über die wir 2014 auch mal in einem Fehlfarben-Podcast sprachen. Ich mochte die Dame ausgesprochen gern.

„Der Reichtum erlaubte Florine Stettheimer eine Kunstausbildung, die in ihrem Umfang der Ausbildung ihrer männlichen Zeitgenossen entsprach. In den 1890er Jahren besuchte sie die „Art Students League of New York“, eine damals neue Verbindung von Studierenden, denen das akademische Arbeiten an klassischen Kunsthochschulen zuwider war. Viele Wegbereiter der Moderne und (später) Vertreter der Pop Art lehrten und studierten dort, etwa Man Ray, Jackson Pollock, Roy Lichtenstein, Robert Rauschenberg, Georgia O’Keeffe oder Louise Bourgeois; wegen ihrer liberalen Frauenpolitik galt diese Institution als radikal.

Das sehr frühe 20. Jahrhundert verbrachte Stettheimer in Europa, sie lebte in Deutschland (überwiegend in München) und reiste häufig nach Frankreich, Italien, Großbritannien und Spanien, wo sie Kunstmuseen, Galerien, Ateliers und Salons besuchte (in New York hat sie schließlich selbst einen Salon gegründet). Das erfährt man in den nicht mehr vollständigen Tagebüchern, in denen sie unter anderem Cézanne, Manet und Matisse kommentiert. Aber nur Wenig es dieser Künstler kann man im Werk Stettheimers wiederfinden. Wenn auch manche Farben und der pastose Auftrag an den Impressionismus oder die geschwungenen Körper an Chagall erinnern mögen: ihre Malerei ist völlig selbstständig, sowohl was die Malweise als auch was ihre Motive betrifft.

Besonders stark sind ihre Bilder, weil sie ein ungebrochenes Verhältnis zu ihren Sujets – der Welt der High Society – hat. Theater, Shopping, Ausflüge aufs Land, Picknick am Strand oder Cocktailpartys waren (wie sollte es für eine Vertreterin der Upper Class auch anders sein) für Stettheimer ganz und gar nicht verwerflich und nur manchmal, dann aber mit Augenzwinkern, kritikwürdig. Ihre Bildwelt zeigt oft auf eine feierliche Art die Vorzüge und die Schönheit von Wohlstand und Konsum, seltener aber auch die Tristesse. Oft tauchen dieselben Protagonisten immer wieder auf, was an Serien über Superreiche erinnert, zum Beispiel Gossip Girl. Hier wie dort macht sich bemerkbar: Reichtum bedeutet Schönheit und Macht.“

Nebenbei … nee, gar nicht nebenbei, Moment, ich komm noch mal rein:

Vielen Dank für eure ganzen Spenden! Echt jetzt. Dankeschön.

Nachtrag: Tagebuch Samstag, 10. November 2018 – Vier Ausstellungen und ein Todesfall (meine Füße)

Im mumok waren wir noch nie, daher suchten wir uns im Vorfeld eine Ausstellung raus, die wir anschauen wollten – und lungerten dann ungefähr fünf Stunden im Haus rum und besahen uns im Endeffekt jedes Stockwerk. So kann’s gehen, wenn Ausstellungen Spaß machen. (Oder man sie einfach recht schnell durchschreitet. Ähem.)

Eigentlich wollten wir zu Doppelleben, begannen aber einfach mal im Untergeschoss bei 55 Dates, denn das klang für mich spannend: „Die Ausstellung präsentiert eine Mischung aus Bekanntem und weniger Bekanntem, zeigt Künstler_innen, die in die Kunstgeschichte eingegangen sind, sowie andere, die es noch zu entdecken gilt. In der unkonventionellen Ausstellungsgestaltung des österreichischen Künstler Hans Schabus ermöglicht 55 Dates Lesarten jenseits konventioneller Erwartungshaltungen an eine lexikalische Überblickssammlung zum 20. und 21. Jahrhundert.“ Oder anders: Das mumok hat einfach mal 55 seiner Werke auf Bauzäune anstatt an edle Stellwände gehängt bzw. mitten in den Raum gestellt und lässt uns als Publikum ohne Absperrseile durchlaufen. Das hätte genauso beliebig werden können wie die olle Spitzmausmumie von Wes Anderson, über die ich gestern nörgelte, war aber stattdessen meiner Meinung nach eine schöne Punktlandung.

An den ersten Werken schlenderte ich noch etwas zweifelnd vorbei: Cosima von Bonins Stofftiere mochte ich zwar gerne, konnte aber nicht so recht etwas mit ihnen anfangen. Die Bilderserie Wiener Spaziergang von Günter Brus kannte ich teilweise schon, aber eigentlich guckte ich gar nicht so richtig hin, sondern im ganzen Raum herum, denn auch das fand ich spannend: Man konnte durch die Gitterwände eben fast die ganze Austellung sehen und schlängelte sich nicht unwissend von Raum zu Raum. Eine große Halle mit einer einzigen festen Stellwand in der Mitte, die von beiden Seiten behängt war, ansonsten nur Gitterzäune und halt viel Kunst. Ich mochte das sehr.

Nach den Stofftieren und den Fotos stand ich vor einem groben Podest aus Holzpaletten und Metall, auf dem vier Skulpturen, unter anderem von Dieter Roth standen. Am Bauzaun nebenan lehnte eine verkohlte Holztür von Beuys, auf der anderen Seite hingen lässig ein paar Warhols. Auf meiner jetzigen Seite hing allerdings eine Fotocollage von jemandem, den ich bisher noch nicht kannte. Bzw. die ich bisher noch nicht kannte, was mir aber auch erst F. in der Wikipedia vorlas. Friedl Dicker-Brandeis‘ Collage So sieht sie aus, mein Kind, diese Welt von 1933 ruiniert einem ziemlich den Tag, weckt aber auch gut auf. Der Text über der Collage ist auch auf der mumok-Seite (neben weiteren Beschreibungen) lesbar:

„So sieht sie aus, mein Kind, diese Welt,
Da wirst du hineingeboren,
Da gibt es welche, zum Scheren bestellt
Und welche, die werden geschoren.
So sieht es aus, mein Kind, in der Welt
In unsern und andern Ländern,
Und wenn dir, mein Kind, diese Welt nicht gefällt,
Dann musst du sie eben ändern.“

Das klingt jetzt vielleicht arg zusammenhangslos, obwohl beim Entstehungsdatum 1933 klar ist, worum’s geht, und die Bildbeschriftung auch schlicht erwähnt, dass Dicker-Brandeis 1944 in Auschwitz starb (ich übersetze mal: ermordet wurde), was dann endgültig jede gute Laune vertreibt. Ich erwähne das Werk nur deshalb so explizit, weil es gut in den restlichen Wien-Aufenthalt passte. Am Sonntag hörten F. und ich eine Lesung mit Texten zum Ende des Ersten Weltkriegs und was wir heute noch davon mitnehmen können. Seitdem trage ich den Satz „Hoch die Republik“ mit mir herum, und das mag man total albern finden, aber ich habe mich selten so in meinem bürgerlichen Verfassungspatriotismus bestätigt gefühlt wie in den letzten Tagen (und Monaten), in denen ich geistig ständig in irgendwelchen Nachkriegs- oder NS-Zeiten rumgehangen habe. Sich ab und zu mal zu vergewissern, wie großartig Demokratie und eine Republik sind, tat ganz gut. Ich kartoffeldrucke mir den Satz jetzt auf ein Shirt, ich kriege den echt nicht mehr aus dem Kopf.

(Kleiner Einschub: der New Yorker erklärt unter anderem Herrn Trump den Unterschied zwischen Nationalismus und Patriotismus.)

Der Bogen zur Kunst zurück: Ich fand es äußerst spannend, diese politische Kunst fast direkt neben Roths Quick-Wurst oder Geschichte zu sehen. Zu sehen, welche Art politische Kunst möglich ist oder möglich sein musste oder irgendwann aus politischen Gründen eben nicht mehr möglich war. Diese wenigen Meter Luftlinie zwischen einem Werk von 1933 und zweien von 1968 haben meinen Kopf schön aufgeschraubt.

Dann schlenderte ich an der mittigen Stellwand entlang, die im Bild 1 zum Ausstellungslink gut zu sehen ist, wobei bei unserem Besuch ein Bild fehlte, wenn ich mich richtig erinnere. Aber auch so: Was für eine Kombi! Ed Paschkes schrille Jeanine (1973) hängt neben Maria Lassnigs introspektivem Pfingstselbstporträt (1969), dann kommt ein Picasso, an dem ich einfach vorbeigegangen bin, kennste einen, kennste alle (ich übertreibe, sorry, Pablo), dann kam der abstrakte Rote Turm von Johannes Itten (1917/18), dazu passte ein futuristischer Balla von 1914, und schließlich hatte mich die Ausstellung total im Sack mit den beiden letzten Werken der Wand: zunächst Kupkas Nocturne (1910/11), das aus blauen Farbflächen besteht – und dann das Bild Tina im Kupkakleid und ich mit Pinsel (2017) von Ashley Hans Scheirl. Das Kupkakleid ist genau das, wonach es sich anhört: ein Kleid, das mit ähnlichen blauen Farbflächen gestaltet ist wie das Bild, das direkt neben diesem Bild hängt. So simpel, so toll.

Einschub: Freut ihr euch eigentlich auch so darüber, dass ihr die ganzen Bilder sehen könnt, weil das mumok sie tollerweise auf seiner Website hat? Ansonsten lege ich euch den kleinen Katalog ans Herz, der kostet nur 15 Euro und wiegt auch nix. Das freut den Touri. Einschub Ende.

Nach der langen Wand schlenderte ich an Konzeptkunst vorbei und freute mich über alles, weil einfach alles Spaß machte. Die Kombinationen ließen jedes Werk für sich leuchten, keins überstrahlte ein anderes, und alle ergänzten sich lustigerweise, auch wenn sie in ihrer Entstehungszeit 50 Jahre auseinanderlagen. Das fiel mir besonders auf der Rückseite der eben angesprochenen Wand auf. Dort hatte ich vorher nicht die ganze Seite überblickt, sondern brav mit dem ersten Bild links angefangen (Bild 3 zeigt die Raumsituation gut). Ich sah also einen Delaunay von 1936, den ich aber in seiner grafischen Schlichtheit im Kopf in die 60er Jahre packte, dann kam Niki de Saint-Phalle von 1961, passte, aber dann ein Bild, das mich an die klassische Moderne erinnerte, und mein Kopf fragte sich, ob da ein Künstler aus den 60ern einen bewussten Rückgriff gemacht hatte, wie lustig, oh, direkt daneben hängt ein Jasper Johns, Ende 60er, wer war denn der schlaue Rückgreifer? War natürlich keiner: Gerstls Porträt der Familie Schönberg ist von 1908, und ich bin fett in die kleine kunsthistorische Falle gelaufen, die ich mir selber aufgestellt hatte.

Das meinte ich gestern beim Meckern über Anderson: Er stellte in seinen großen Setzkästen nirgends solche Fallen auf, er brachte nie zum Stolpern oder Innehalten. Hier war ich dauernd damit beschäftigt, mein eigenes Wissen zu überprüfen oder neu zusammenzusetzen oder einfach beglückt festzustellen, dass man die ganze Kunstgeschichte auch anders präsentieren kann als nach Schulen, Ländern, Stilen oder Zeiten geordnet. Spontan möchte ich jetzt eine Ausstellung haben von Künstlerinnen, die mit F anfangen, denn ich ahne, dass selbst so eine komplett sinnfreie Katalogisierung Überraschungen bereithält bzw. Kunstgeschichte aus einem anderen Blickwinkel zeigt. Wobei die Hängung hier alles andere als sinnlos war. Die Depotsituation nimmt der Kunst nichts von ihrer Aura und sie erzeugt Kontext auf kleinstem Raum – man kapiert kunsthistorische Positionen, ohne durch 70 Ausstellungen rennen zu müssen. Tolles Ding.

Ich erspare euch den weiteren Rundgang, der Blogeintrag wird eh schon wieder zu lang, aber das wäre für meine Wiener Timeline ein dringender Ausstellungstipp. Man kann in einer Stunde durchhuschen, hat viel zu gucken, und das Ganze läuft netterweise noch bis Februar.

PS: Louise Lawler <3

Ein Stockwerk höher hängt ebenfalls bis Februar die Fotoausstellung Photo/Politics/Austria, deren Plakat uns schon draußen am modernen Gebäude angefixt hatte. Simple Idee: Für jedes Jahr von 1918 bis 2018 ein Foto aus der Nationalbibliothek oder einem der Archive, ein kurzer Text, vielleicht noch ein bisschen Kontext in Form von Plakaten, Büchern oder Zeug dazu, und das war’s. Die Bilder waren thematisch sehr breit gefächert, nicht nur politische Ereignisse, sondern auch kulturelle von Sissi bis Falco waren dabei, es gab Werbung oder Aufregung, und F. und ich mussten einiges aus der österreichischen Geschichte nachgoogeln, denn so bewandert waren wir dann doch nicht, wie wir etwas nölig feststellen. (Ich freute mich, dass ich mir aus Philipp Bloms Buch den Justizpalastbrand von 1927 gemerkt hatte.) Beim Googeln merkten wir immerhin, dass es im mumok WLAN gab, wie es sich gehört und wie sich das deutsche Museen bitte bitte bitte endlich auch einmal anschaffen mögen.

Ich mache diese Ausstellungsbesprechung ganz kurz und gehe nur auf ein Foto ein: Heimkehrer (1947) von Ernst Haas, auf dessen Site gleich das erste Bild der Vienna-Reihe. Wenn man im mumok die Bilderreihe chronologisch abschreitet, geht man logischerweise durch das ganze beknackte Jahrhundert, man gleitet so eklig in die NS-Zeit rein, plötzlich sind da die Hakenkreuze, ich sah einige Bilder, die mich an meine Dissertation erinnern, und dann ist es auf einmal 1947 und aus der großen Politik werden wieder kleine Menschen wie diese Mutter auf dem Bild, die einem vermutlich völlig Fremden das Bild ihres Sohnes (?) vor die Nase hält, ob er ihn vielleicht kennen würde. Ich habe eine leise Ahnung, warum dieses Bild mich komplett geschmissen hat; mir stiegen im Museum ernsthaft die Tränen in die Augen, und auch jetzt beim Bloggen, wofür ich mir das Bild nochmal angeschaut habe, muss ich mal kurz zum Taschentuch greifen. Ich spare mir jetzt jede brave kunsthistorisch sinnvolle Bildbeschreibung. Guckt euch einfach das Bild mit seinen vielen Ebenen an.

(Hoch die Republik.)

Das Bild von 2018 war übrigens ein iPhone, auf dem Instagram zu sehen war, das fand ich einen cleveren Rausschmeißer, so nach dem Motto, jetzt macht ihr doch mal Bilder. Kennengelernt: die Pressofotografin Barbara Pflaum, die quasi die halbe Fotoleiste von den 50ern bis in die 70er bestritt.

Nach den zwei intensiven Ausstellungen brauchten wir ein bisschen Pause und setzten uns ins winzige Museumscafé, wo ich, wie immer in den Tagen in Wien, Sachertorte aß. Danach versuchte ich ein zweites Mal nach dem Stockwerk mit den Schließfächern, ins Damenklo zu kommen, aber auch auf diesem Stockwerk gab es gerade eine Kabine und die war besetzt. Auf dem Schild am Fahrstuhl hatte ich aber gesehen, dass im Stockwerk bei der Ausstellung von Ute Müller ein Kloschild war, weswegen wir uns dorthin tragen ließen. Im gläsernen Aufzug, bei dem ich mich die ganze Zeit festhielt und mir einen Katalog vor die Augen hielt. Dazu passen auch die Übergänge vom mittig platzierten Fahrstuhl nach rechts und links in die Ausstellungsräume bzw. die Treppenhäuser: ein milchig-halbtransparenter Gitterboden, auf dem ich meine Schritte sehr beschleunigte, um wieder von ihm runterzukommen. Architektur, die Menschen hasst. Jedenfalls die mit wackeligen Füßen oder Höhenangst.

Im Müller-Stockwerk (das zweite von unten) scheint das Hauptklo zu sein (Tipp für alle Touris), da war Platz und Ruhe und ich konnte die Melange loswerden, die ich zur Sachertorte genossen hatte. Und wenn man schon mal da ist, guckt man sich halt auch an, was Frau Müller so gemacht hat. Gefiel mir gut. Ich habe nicht wirklich über ihre raumfüllende Installation nachgedacht, fand sie aber schön. Kopf war noch in der Pause. Sachertorteundmelange-Speicher gingen schon wieder zur Neige.

In den beiden obersten Stockwerken blieben wir ähnlich kurz, denn in der Ausstellung Klassentreffen standen und hingen diverse Werke aus einer Privatsammlung herum, die uns nicht ganz so begeistern konnten. Ich entdeckte allerdings Silke Otto-Knapp für mich und lachte sehr über das Real Painting (for Aunt Cora), 2013, von John Baldessari und Meg Cranston.

Und dann kam die Ausstellung, wegen der wir eigentlich hier waren: Doppelleben. Ich zitiere von der Website: „Die Ausstellung Doppelleben rückt bildende Künstler_innen in den Fokus, die Musik geschrieben, produziert oder öffentlich aufgeführt haben beziehungsweise Mitglieder von Künstler_innenbands waren oder sind.“ Das sah dann so aus:

In insgesamt drei großen Räumen auf zwei Stockwerken hingen in verschiedener Höhe Leinwände, auf die Videos projiziert wurden. Vor jedem Video hingen zwei Kopfhörer von der Decke, netterweise mit einem Pfeil auf dem Fußboden, der in die Richtung des jeweiligen Videos zeigte. Das war manchmal wirklich nötig, weil alles kreuz und quer ausgerichtet war, was aber für ein spannendes Raumgefühl sorgte. Es fühlte sich schlicht nicht ganz so kreuzbrav museal an. Ich hätte allerdings gerne ein paar kreuzbrave Bänke oder Sitzgelegenheiten gehabt (die Faltstühle an der Wand entdeckte ich deutlich zu spät). Ich hatte kein Programm oder ein bestimmtes Video, was ich sehen wollte, ich guckte einfach das, was da war. Vielleicht war Laibach nicht unbedingt der beste Einstieg, gerade wenn man an mein Geheule beim Foto denkt, aber nun gut. Laibach halt.

Als ich vor Laibach stand, musste ich immer auf eine Leinwand gucken, die weiter weg war, weil mir die Laibach-Bilder so auf den Zeiger gingen. Deswegen hörte ich danach auch das lustige Lied von Trabant gerne an, dessen Bilder ich durch den ganzen Raum gesehen hatte. Link geht zur Ausstellungswebsite, die auch auf den gefühlt hundertfach ausliegenden iPads voreingestellt war.

Viele längere Videos guckte ich nur in Ausschnitten, klassische Musik, Jazz, Die tödliche Doris, Laurie Anderson, und bei dem 47-minütigen von Alva Noto notierte ich mir beim Zuhören den Künstlernamen und hörte dessen faszinierende, elektronische Musik im Zug auf der Rückfahrt nach München.

Bei den 80 Minuten von Hanne Darboven hätte ich wirklich gerne eine Sitzgelegenheit gehabt, denn das Ding war total hypnotisch. Ich glaube, ich hörte zehn Minuten zu, aber dann musste ich mich dringend bewegen. (File under: warum Stehplätze in der Oper nix für mich sind und wie ich Leute bewundere, die Wagner stehend gucken.) Was ich faszinierend fand: Die Komposition hört sich wirklich an wie das Bildwerk von Darboven. Toll. Und seltsam. Toll seltsam.

Mein persönlicher Rausschmeißer war John Cage, mit dessen Water Walk (1960) das Publikum anscheinend noch nicht so recht etwas anzufangen wusste. Die Quietscheente!

Ich schaffte es so gerade noch ins Hotel zurück, wo ich dringend meine Museumsfüßchen ausruhen musste. Abends rafften wir uns noch zu einem Schnitzel auf (was sonst) und bestaunten dann beim Verdauungsspaziergang die Ankeruhr, von der ich vorher noch nie gehört hatte, nun aber dringend stehenbleiben musste (schon wieder stehen!), um den Figuren beim Weiterrücken zuzugucken.

Die Uhr ist übrigens direkt am Vermählungsbrunnen, den gerade ein interessantes Graffiti ziert.

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(Kann man auf zwei Arten lesen, glaub ich.)

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Nachtrag: Tagebuch Freitag, 9. November 2018 – Bruegel, Spitzmaus, Merchandise

Wir logierten in Wien für ein paar Tage im gleichen Hotel wie vor gut zwei Jahren, als die Albertina mich eingeladen hatte. Ich hatte mir gemerkt, dass es recht zentral lag, man zu Fuß zu den wichtigen Museen kommt und dass das Frühstücksbuffett keinen Wunsch offen ließ. Ich hatte allerdings vergessen, wie warm die Bettdecken sind und dass es in einem sehr alten Bauwerk nie Steckdosen am Nachttisch gibt. Da ich Matschbirne aber mein iPhone-Ladedings eh vergessen hatte, brauchten wir nur die eine (!) Steckdose, die am Schreibtisch frei war. Für weitere Stecker wie zum Beispiel fürs Macbook stöpselte ich die Schreibtisch- oder die Stehlampe am anderen Ende des Zimmers aus. F. bestaunte die Deckenhöhe und bedauerte, sein Lasermessgerät nicht mitgebracht zu haben. So mussten wir schätzen und einigten uns auf „auf jeden Fall höher als vier Meter“.

Im Kunsthistorischen Museum läuft noch bis Januar eine Bruegel-Ausstellung, die anscheinend eine kleine Sensation ist, ich zitiere aus dem Link:

„Because Bruegel was only in his forties at the time of his death, there are only about 40 paintings, 60 drawings, and 80 prints known to be by his hand. His works on panel are the most rare and the most celebrated, so museums lucky enough to own one are loathe to part with them. […]

Believe it or not, this is the first time a museum has managed to organize a monographic exhibition of the Dutch artist—and the show also marks the 450th anniversary of the Old Master’s death! It’s not that no one has tried, either: A half century ago, a planned exhibition marking 400 years since Bruegel’s death was cancelled when the necessary loans could not be secured. […]

Remarkably, the Kunsthistorisches has brought together almost three quarters of the artist’s extant works, with about 90 in total spanning the full length of his career. Some of the pieces on loan for the occasion have never left their home institutions, so it’s easy to understand why no one has been able to pull off a major Bruegel show before.“

Ich hatte beim letzten Besuch die drei Bruegels bestaunt, die an den Wänden hingen, durfte aber am vergangenen Freitag feststellen, dass das KHM noch deutlich mehr als die drei in seinem Besitz hat; der zitierte Artikel nennt zwölf Bilder von Pieter Bruegel dem Älteren, womit das KHM die meisten Ölbilder dieses Malers weltweit besitzt. Vor einem stand ich ewig, nachdem ich ebenso ewig warten musste, bis ich endlich in der ersten Reihe angekommen war. Die Ausstellung hat festgelegte Einlasszeiten, damit es nicht so irre überlaufen ist, aber es ist natürlich trotzdem sehr voll. Und es passiert das, was bei allen Blockbustern passiert: Man steht hinter Leuten, die gleichzeitig dem Audioguide zuhören und versuchen, ein sinnloses Foto vom Bild zu machen. Ich möchte ihnen immer zuraunen, dass die Dinger 400 Jahre alt und damit total gemeinfrei sind und dass man alle Werke per Google vermutlich in deutlich besserer Qualität findet als sie das wackelige Digifoto hergibt, das sie gerade versuchen zu machen. Mein liebster Hasskunde, der sich auch genau vor dem Bild befand, das ich so lange bestaunte, guckte sich das Werk nicht mal an, sondern hörte dem Audioguide zu, während er sich im ganzen Raum umschaute und in der ersten Reihe mit dem Rücken zum Bild stand.

Aber irgendwann war der Typ dann weg und auch der alte Rollstuhlfahrer, der einem einfach über die Füße fuhr, um nach vorne zu kommen, war weitergezogen, und ich stand endlich mittig vor der Kreuztragung Christi (1564), die ich seit Minuten von der rechten Seite aus schräg bewundert hatte. Dort war mir die trauernde Maria als erstes aufgefallen, ich bestaunte die Kleidermassen der Dame im roten Umhang, wunderte mich über den Tierschädel, dachte dann aber, ach, beim Bruegel liegt ja immer viel rum, und guckte dann erst weiter. Als nächstes fiel mir die Windmühle in der Bildmitte auf, die sinnlos auf einer schmalen Felsnadel hockte, und zu der mein Blick immer wieder zurückging, weil es so irrwitzig aussah. Erst dann fiel mir der kreuztragende Christus inmitten einer Menschenmenge auf. Ich hatte den Bildtitel nicht lesen können und kannte das Bild auch nicht, daher wusste ich überhaupt nicht, auf was ich schaue, aber jetzt ahnte ich, worum es ging, nachdem ich zunächst davon ausgegangen war, dass ich eine Szene betrachte, die nach der Kreuzigung stattfand, daher die trauernde Maria. Wie ich nachher aus dem Katalog erfuhr, trauerte die Mutter aber schon während des Kreuzwegs: „[A]ußerbiblische Quellen“ berichten, dass Maria „beim Anblick ihres Sohnens bewusstlos geworden“ sei. (Quelle: Bruegel – Die Hand des Meisters. Kunsthistorisches Museum Wien, Oktober 2018 bis Januar 2019, Brügge 2018, S. 197.)

Ich begann den Rest des Bildes nach Hinweisen abzusuchen: Ah, da rechts sind die aufgerichteten Kreuze, ganz hinten im Bild steht auch noch ein Galgen, und was sind diese Räder auf Stangen? Sind das auch Folterinstrumente? (Natürlich.) Ich verlor mich wie immer bei Bruegel in den vielen Details, der dunstigen Stadt, den Menschen, die Jesus begleiten, verspotten oder ihm helfen, bewunderte die Pflanzen im Vordergrund und die Wolken im Hintergrund und konnte mich überhaupt nicht von diesem Bild trennen. Das KHM instagrammte eine Raumansicht und die vermittelt ganz gut, warum ich mich nicht davon trennen konnte. Das dunkle Raumlicht ließ das Bild geradezu strahlen.

Neben mir war übrigens der einzige Mensch in der ganzen Ausstellung, der genauso still vor dem Bild stand wie ich. Keine Ahnung, ob der Herr vom Fach war oder einfach ein Riesen-Bruegel-Fan, aber er schaute einfach nur, minutenlang, konzentriert, ging vermutlich wie ich das Bild mit den Augen in Abschnitten ab, beugte sich leicht vor, um genauer hinschauen zu können. So ungefähr gucke ich auch, wenn mir ein Bild gefällt bzw. es mich interessiert. Wenn ich auch vermutlich in den nächsten Jahren alles vergessen werde, was ich im Studium gelernt habe – wie man guckt, merke ich mir, denn das mache ich inzwischen automatisch. Das hört sich vielleicht blöd an, aber manchmal ist man ja gerne überfordert, gerade bei so detailreichen Bildern wie die von Bruegel.

Also fängt man einfach in einer Ecke an zu gucken und beschreibt sich ganz simpel selbst, was man sieht. So wie ich hier eben mit der trauernden Frau in der unteren Ecke angefangen habe. Das weiß ich inzwischen, dass das Maria ist, aber selbst wenn man das nicht weiß, kann man damit weiterstöbern: Warum weint die Frau? Was könnte passiert sein? Sehe ich das irgendwo im Bild? So kann man übrigens auch abstrakte Bilder anschauen: einfach in irgendeiner Ecke anfangen. Linien folgen, Formen oder Farben suchen, was auch immer. Ich brauche immer irgendetwas zum Festhalten; bei gegenständlicher Darstellung sind das gerne Personen, bei abstrakten Bildern ein Detail, von dem ich mich weiter vorwage.

Zurück zum Bruegel. Ich kann euch gar nicht alle Bilder aufzählen, die mich so begeistert haben. Es war großartig, beide Darstellungen des Turmbau zu Babel in einem Raum zu sehen; den Wiener Turm kannte ich ja bereits vom letzten Besuch, den Rotterdamer nur von Bildern. Alleine für den lohnt sich die Ausstellung. Er ist im Original deutlich bedrohlicher und düsterer als in den lustig-bunten Abbildungen. Und wie einem der Katalog verrät und was mir wirklich nicht aufgefallen ist: Er ist komplett von Menschenhand gebaut, während der Wiener Turm aus einem riesigen Felsen herausgeschlagen wird. So oberflächlich kann ich nämlich auch gucken, dass mir ein derartig wichtiges und eigentlich offensichtliches Detail entgeht.

Bei einigen Bildern konnte ich an Dinge anlegen, die ich im Lieblingsmuseum, dem Prado, gelernt hatte. Bei der Anbetung der Könige (1564) entdeckte ich nämlich Kleidungsdetails am schwarzen König, die ich schon bei einer Bosch-Darstellung in Madrid gesehen hatte. Auch bei der Dulle Griet findet man diverse Bosch-Zitate. Die Anbetung der Könige fand ich auch noch aus anderen Gründen spannend: Die Könige sehen alle ziemlich runtergerockt aus anstatt majestätisch, und im Hintergrund stehen nicht die üblichen Bauern oder Hirten, sondern Soldaten mit Lanzen und Hellebarden. Der Katalog fasst das Gefühl gut zusammen, was man vor diesem Bild hat: „In ihrer Gesamtheit verleihen all diese Details dem Werk etwas zutiefst Verstörendes, ein bis dato in der niederländischen Kunst bei der Darstellung der Anbetung der Könige nicht gekanntes Gefühl von Bedrohung.“ (Kat. Ausst. Wien 2018, S. 191.)

Direkt neben dieser Darstellung hing übrigens eine weitere, Die Anbetung der drei Könige im Schnee (1563, nicht 1567, wie die Wikipedia behauptet; das Bild wurde von Bruegel datiert, was aber, laut Katalog, erst vor Kurzem entziffert wurde). Wieder war die Szene nach Flandern verlegt worden, und auch hier musste man die titelgebenden Menschen erstmal suchen. Sie kauern sich links unten an den Bildrand und sind kaum zu sehen durch die dicken Schneeflocken. Der kleine Ausstellungsführer, den ich im obenstehenden Tweet erwähnte, meint, dieses Bild könne eine der ersten Darstellungen von fallendem Schnee gewesen sein.

Etwas ganz Besonderes waren die vier Tafeln zu den Jahreszeiten. Der einzige gesicherte Gemäldezyklus Bruegels entstand 1565 und besteht aus sechs Bildern (darunter Vorfrühling, Frühling, Frühsommer und Hochsommer). Der Frühling ist seit längerer Zeit verschollen und wir wissen nicht, was abgebildet war. Im Katalog lernte ich, dass dieser Zyklus vermutlich mal ein größeres Zimmer geziert hatte – allerdings nur für fünf Jahre, dann wurde er schon wieder auseinandergerissen. Wir sehen diese Bilder zum ersten Mal seit 350 Jahren im Zusammenhang, wie die Website erklärt.

Ein bisschen stinkig bin ich auf die Alte Pinakothek, denn die hat das bekannte Schlaraffenland nicht für die Ausstellung rausgerückt, dabei hätte es so schön in den letzten Saal gepasst, wo auch die Bauernhochzeit hängt. Und: der Bauerntanz, den ich noch nicht kannte und den ich großartig fand. Die Bewegungungen des Paares vorne rechts, das flatternde Kleid der Frau, der Gesichtsausdruck der beiden! Die Kinder vorne links, die trinkenden Menschen. Es sieht auf den ersten Blick – gerade im viel zu dunklen Link – alles sehr grobschlächtig aus, aber wenn man länger hinschaut, fällt einem die schlichte Freude auf, die das Bild trägt. Ich fand es generell spannend, dass Bruegel diesen einfachen Darstellungen ein ordentliches Großformat gönnte; der Bauerntanz ist 114 x 164 cm groß. Dass ein einfaches Volksvergnügen im gleichen Format dargestellt wird wie die Anbetung des Jesuskinds, fand ich bemerkenswert.

An den Grafiken und Stichen bin ich eher vorbeigegangen, ich wollte nur die Gemälde sehen, Druckgrafik ist so gar nicht meins. Ja, ich habe bestimmt was versäumt, aber ich kann eh nie alles gucken, also gucke ich das, was ich wirklich anschauen möchte und nicht das, was ich irgendwie anschauen sollte, weil es halt da ist. Und genau das habe ich dann auch gemacht. Man kommt mit einem sehr satten, zufriedenen Gefühl wieder aus den vielen Räumen – und landet natürlich sofort im Museumsshop, den ich dort noch eilig durchschritt. Unten im regulären Shop war ich länger, ich komme gleich darauf zurück.

Denn wir hatten ja noch eine Ausstellung vor uns. Die war eher ein Goodie, weil die Eintrittskarte fürs ganze Haus galt und nicht nur für den Blockbuster. Nach Bruegel gingen wir relativ zügig durch den Rest des Museums, das ich ja schon kannte, aber hey, gerade Lorenzo Lotto kann man sich ja immer angucken. Dann schritten wir die breite Prachttreppe hinab zu Spitzmaus Mummy in a Coffin and Other Treasures, eine kleine Ausstellung, die von Wes Anderson und seiner Partnerin, der Autorin und Illustratorin Juman Malouf, kuratiert wurde.

Mir war das Ding von Anfang an egal, weil mir auch die meisten Filme Andersons egal sind – der einzige, den ich durchgehalten habe, war Grand Budapest Hotel. Das Publikum war ein sehr anderes als das bei Bruegel – deutlich jünger, mehr Wollmützen – und ich ahne, dass auch das ein Grund dafür gewesen war, den beiden die Schlüssel für die Depots in die Hände zu drücken. Das macht das Endergebnis aber nicht besser.

Anderson und Malouf haben meiner Meinung nach rein auf Ästhetik hin kuratiert. Sie werfen wild Objekte aus allen Sammlungen des KHM sowie des Naturhistorischen Museum durcheinander und nichts ist beschriftet. Die acht Räume haben meist ein leicht erkennbares Thema (Kinder als Erwachsene; Tierdarstellungen; Menschenfiguren; die Farbe Grün usw.), sind aber in sich eine sinnlose Wunderkammer. Nein, nicht mal das: Die Wunderkammern des Barock – mit einem Bild einer solchen beginnt die Ausstellung – hatten als Ziel einen Erkenntnisgewinn und waren zudem meist thematisch geordnet bzw. beschränkten sich in Bereichen auf Exponate eines Typs; sie warfen nicht wild bildende Kunst, Kunsthandwerk, ausgestopfte Tiere und Kleidungsstücke durcheinander. Genau das machen Anderson und Malouf und verlieren damit jeden Kontext, den die ausgestellten Dinge haben. Die Ausstellung wird dadurch total beliebig und verkommt zur reinen Oberfläche. Das ist alles hübsch, was da rumsteht und das ist auch ebenso hübsch kombiniert und ergibt ein schönes Gesamtbild, aber eben nichts weiter als das. Es kommt keinerlei Spannung auf, es gibt keine Brüche, es macht nichts neugierig. Man läuft mit einem Folder durch die Gegend, auf dem die einzelnen Exponate immerhin namentlich genannt werden (plus Herkunft und Alter), aber nach dreimaligem Nachschauen hatte ich schon keine Lust mehr. Man konnte nirgends weiterdenken, weil alles so hübsch zusammengesetzt wurde und irgendwie fertig aussah. Man konnte sich an nichts reiben, nichts hinterfragen, man stand rum und fand’s niedlich, aber den Effekt kriegt man auch mit einem Teddybär und einem warmen Kakao hin. Die Ausstellung könnt ihr euch meiner Meinung nach getrost schenken.

Die NYT fand’s auch doof, aber im Artikel könnt ihr ein paar Bilder sehen. Und wenn ihr euch bis morgen geduldet, wo (hoffentlich) ein Blogeintrag zu einer anderen Ausstellung kommt, die ebenso wild durcheinanderwürfelt, aber so, dass man was davon hat, werdet ihr Andersons und Maloufs Versuch noch alberner finden.

Eher unbeeindruckt verließen wir die Ausstellung, die keine war, und gingen zum Museumsshop. Nach längerem Nachdenken wollte ich nämlich doch den Bruegel-Katalog erstehen, den ich oben nicht gekauft hatte. Im Shop stellte ich fest, dass die Merchandise-Menschen wirklich ganze Arbeit geleistet und so ziemlich alles mit Wimmelbildern oder ähnlichem bedruckt oder ausgestattet hatten, was nicht weglaufen konnte. Manchmal war das ziemlich klasse: So gab es Servietten, auf denen der Bildausschnitt aus der Bauernhochzeit abgedruckt war, in dem zwei Männer die vielen Suppenschüsseln tragen. Leider zu klein, sonst hätte ich sie gekauft, einfach weil es so clever war: eine Schneekugel, in der ein Bilddetail aus Jäger im Schnee den Unter- und Hintergrund bildete. Die üblichen Bleistifte, Taschen, Tassen, Kissenhüllen. Und dann etwas, bei dem mir fast ein Entsetzensschrei entfuhr: zwei Bruegel-Bären, die mit Motiven Jäger im Schnee und Kinderspiele bedruckt waren.


Mal abgesehen davon, dass die Bären bescheuert aussehen, weil es scheint, als hätte man einfach eine Farbwalze über sie rollen lassen, ohne darauf zu achten, wo jetzt Farbe oder Motiv landen – der Bär ist der gleiche, den ich als Van-Gogh-Bär im Schlafzimmer sitzen habe! (Hier das zweite Bild von oben.) Mein toller Mandelblütenbär ist nur ein variables Massenprodukt! Waaaahh!

Ich musste mich einen halben Tag lang beruhigen und viel Backhendl essen und Bier trinken, aber jetzt im Nachhinein bedauere ich es, nicht doch einen Bären mitgenommen zu haben. Ich könnte eine Sammlung von Museumsbärchen starten, die mit völlig beliebigen Werken bedruckt sind. Und dann kommt irgendwann ein lustiger Regisseur und stellt sie in neue Zusammenhänge. Okay, vielleicht nicht.

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Was schön war, Donnerstag, 8. November 2018 – Konstantin Filippou

Wir sind gerade in Wien und ich bin schreibfaul, wie schon seit ein paar Tagen. Aber ich kann euch natürlich nicht verschweigen, wie herrlich man bei Konstantin Filippou essen kann.

Das Lokal ist recht klein, nur um die 20 Plätze, und wir waren gestern um 19.30 Uhr auch schon fast die letzten; ein Vierertisch kam noch nach uns, und zwei Plätze an einer Art Theke, die einigen Köch*innen direkt bei der Arbeit zuschauen konnten, wurden auch noch besetzt. Wir waren dann allerdings die letzten, und während ich alte Kellnerin irgendwann drängelte, schien das Personal deutlich entspannter zu sein. Allerdings wurde neben uns schon abgeräumt und man konnte auch sehen, dass die Küche ihre Arbeit eingestellt hatte, was das einzige war, was mich ein winziges bisschen gestört hat gestern. Ich will nicht sehen, dass alle Feierabend machen wollen. Wobei wir schon kurz nach 22 Uhr gingen und damit noch locker in den Öffnungszeiten waren. Trotzdem.

Beim Menü war ich vorher zugegebenermaßen etwas misstraurisch: Es war alles, bis aufs Dessert, mit Fisch, kein klassischer Aufbau mit Fisch- und Fleischgängen und der Schokobombe zum Schluss, aber um die Pointe schon mal vorwegzunehmen: Ich habe mich selten so gut unterhalten gefühlt in einem Sterne-Restaurant. Damit meine ich nicht, dass die Kellner*innen Konfetti geschmissen haben, sondern: Das Essen war fein, aber trotzdem spannend, die Weine dazu eigenwillig, aber hervorragend abgestimmt, und alles zusammen ergab ganz schlicht einen wirklich schönen Abend. Dass es in Sternerestaurants längst nicht mehr so förmlich zugeht wie früher, dürfte sich allmählich rumgesprochen haben, aber ich hatte das Gefühl, dass es eben immer noch gewisse Standards gibt, an denen man sich langhangelt (wie den klassischen Menüaufbau). Das kann man anscheinend heute auch knicken und ich persönlich fand das sehr gut. Aber das wusste ich eben erst, nachdem ich dort essen war.

Was gleichzeitig fies und gut war: Das Lokal ist recht dunkel. Schwarze Möbel, schwarzer Teppich (schwarze Klos, wie ich irgendwann grinsend feststellte), graue Wände und nur punktuelle Beleuchtung. Gut, weil: schöne Atmo, fies, weil: keine vernünftigen Fressfotos möglich. Das ist jetzt doof für euch, weil ihr mir einfach glauben müsste, dass alles, wirklich alles toll aussah und (bis auf einen Gang) noch toller schmeckte, aber nach einem Foto habe ich es sofort gelassen, noch ein weiteres zu machen, das war alles eher mies ausgeleuchtete, kontrastarme Grütze.

Die Grüße aus der Küche waren zunächst Bonito mit kleinen Kohlrabikügelchen und knackigen Röstbröseln drauf, danach kam ein winziger Pie (ungefähr so groß wie ein Reese’s Peanut Butter Cup), der mit einem Schaum bedeckt war. Wir wurden angewiesen, alles auf einmal zu essen, weil der Inhalt flüssig war: heißer Dotter, frisch und würzig, nicht ganz so würzig wie der Bonito, herrlich. Danach gab’s noch ein Stückchen Sardine unter kalter, fermentierter gelber Rübe, die so wunderschön schuppenförmig aufgeschichtet war, dass ich sie kaum essen wollte. Also für fünf Sekunden.

Erster Gang: Artischockenblättchen, die eingerollt den Rand einer runden Form bildeten, darin weiche Miesmuschel, knuspriger Roggen und deftiges Txogitxu. Ich bewunderte wie immer die viele Filigranarbeit, die in der Sterneküche zum Einsatz kommt. (Die Artischockenblättchen!)

Beim zweiten Gang musste ich etwas kämpfen: Die Website sagt „Enten Royale, Rote Garnele, Backerbsen“, ich dachte an Muschelschleim, der mir die feste Garnele etwas ruinierte. So ganz der Fischesser bin ich immer noch nicht, weswegen ich halt etwas misstrauisch war, wie ich schon sagte.

Aber egal, denn dann kam der Gang des Abends und von mir aus hätten wir hier Schluss machen können (dann hätte ich aber noch viel versäumt): Brandade aus Amurkarpfen und Kaviar vom Saibling. Anders ausgedrückt: ein hohes Schälchen, auf dessen Boden sich die weißgelbliche, cremig-feste Brandade befand, darauf eine Nocke aus Kaviar. Mehr nicht. Reichte aber. Der Gang wurde uns serviert mit der Anmerkung, dass er der Signature Dish des Hauses war, und nach einem Bissen wusste ich auch, warum. Es hört sich total bescheuert an, aber dieser Gang hat nicht nur hervorragend geschmeckt (ach was), sondern irre gute Laune gemacht. Der Kaviar platzte im Mund nicht nur einfach auf, wie er das halt macht, sondern er kitzelte im wahrsten Sinne des Wortes den Gaumen – ich musste dauernd grinsen, als ob mich wirklich jemand kitzelt! Es schmeckte so unglaublich ausbalanciert, fein, stimmig, herzhaft, nicht deftig, gleichzeitig frisch und modern und total traditionell – ein kleines Wunderwerk. Ich war kurz davor, mit dem Finger das Schälchen auszukratzen, so ungern wollte ich es wieder hergeben. Und dazu gab es den Wein des Abends, obwohl es kaum möglich ist, hier einen besonders hervorzuheben, denn jeder einzelne konnte überraschen. Aber der Sol von Michael Gindl, ein natural wine, war der Kracher. Überhaupt hatten wir derartig viele nicht-klassische Weine – ich glaube, wir hatten nur Bio-Weine, aber das muss ich nochmal nachgoogeln. Ich bin gerade zu satt und müde dafür. Wir konnten uns übrigens zwischen einer Weinbegleitung nur aus Österreich oder aus ganz Europa entschieden, und wir nahmen die aus Österreich.

Wir sprachen danach noch lange über diesen Signature Dish, denn er verkörperte für uns die Faszination von hoher Küche: Es braucht keine 50 Zutaten, um einen Gang zu produzieren, der einen umhaut bzw. einen starken und langanhaltenden Eindruck hinterlässt. Man muss es sich nur gönnen können, eben nicht zum Schnitzelmann um die Ecke zu gehen. Mir ist klar – das schreibe ich quasi dauernd bei den Sterneberichten –, dass diese Art Küche nicht für alle erschwinglich ist, was verdammt schade ist. Denn ich glaube, es würde weniger Vorurteile über sie geben, wenn man auch ein Einsteigermenü präsentieren würde. Und ich glaube, es würden mehr Menschen feststellen können, wie toll Essen sein kann. Das musste ich ja auch erst lernen, und es gibt wirklich nichts, was mein Leben mehr verbessert hat als zu wissen, wie glücklich Essen machen kann. Denn das war genau das Gefühl, mit dem wir irgendwann den Laden verließen: Wir waren glücklich.

Aber noch waren wir hungrig. Beim vierten Gang – Lachsforelle mit Senfgürkchen und Dillsauce – war letztere begeisternd mit ihrer vollmundigen Frische. Und ich fand den Teller toll: eine runde Holzscheibe, aus der ein Rechteck gesägt war, in dem sich die Speisen befanden.

Der fünfte Gang war der einzige, von dem ich etwas enttäuscht war: irre viele Zutaten, der Kellner brauchte gefühlt zwei Minuten, bis er alle aufgezählt bzw. uns gesagt hatte, wo sich jetzt was in welcher Konsistenz auf dem Teller befand (Neusiedlersee Zander, Haselnuss, Pilz, Trüffel, Mark), aber geschmeckt hat’s nur nach Pilz. Dafür war der sechste Gang (Unagi, Ibéricoschweinsauce, Senf, Fenchel) wieder herrlich würzig, ohne sich in den Vordergrund zu drängeln. Auch darüber waren wir uns einig: Es stimmte einfach alles am Menü, es war ein guter Flow, zwischendurch ein etwas höheres Hoch als sonst, aber man hatte nie das Gefühl, irgendwie aus einer roten Linie rausgeworfen zu werden. Mein zweitliebster Gang kam zum Schluss: Kroatischer Langostino, Kalbszunge, Cochayuyo-Seetang, Zitrus. Oder anders: ein Langostino, der im Mund dahinschmolz, mit einer Kalbszungenwürze, die stützte, aber nicht überhand nahm. Und die kleinen Zitrusspitzen, die den Mund aufweckten, ließen mich wieder dümmlich-glücklich vor mich hingrinsen, weil sie gute Laune machten, wo ich sie gar nicht erwartet hatte.

Danach gönnten wir uns jeweils fünf Stückchen Käse vom Käsewagen, der schon den ganzen Abend verführerisch an uns vorbeirollte, und dazu einen Pseudo-Sherry (war ein Wein). Das erste von drei Desserts kam ohne Weinbegleitung, aber knackte wieder schön vor sich hin, wie so viele der Gänge. Und: Mich konnte hier der Teller sehr glücklich machen. Oberflächlich gesehen lag eine Schicht gepuffter Wildreis auf dem Teller, aber darunter verbargen sich im Teller drei Mulden, die mit Mascarponecreme und Johannisbeeren gefüllt waren. Dazu Salzmandeleis. Because they can.

Zum vorletzten Dessert gab’s dann ein Getränk, von dem F. seitdem nicht mehr aufhört zu schwärmen: Apfelbier. Ich war mehr vom Dessert verzückt, denn Meerretticheis kannte ich noch nicht, und ich bewunderte die hauchdünne Schokoscheibe, die alles abdeckte. Zum Schluss noch irgendwas Jogurtiges mit Estragongelee, was mir sehr gefiel, weil es eben nicht die Schokobombe war, die einen erledigte, sondern einen fast erfrischt vor die Tür kugelte. (Okay, ein paar Pralinen gab’s noch.) Espresso für mich, Schnaps für F., dann drückte uns der Sommelier (?) noch die von ihm schnell handgeschriebene Weinliste in die Hand, um die ich gebeten hatte, damit ich mir vom dem Orange Wine und vom Wein, der den ersten Gang begleitete, jeweils eine Kiste kaufen konnte. Und dann schlenderten F. und ich äußerst zufrieden wieder ins Hotel, weil wir einen sehr runden, sehr schönen, sehr unaufgeregten und gleichzeitig sehr spannenden Abend hatten. Und sehr satt geworden waren.

Tagebuch Montag, 5. November 2018 – Kleinkramtag

Gearbeitet, Steuer gemacht, staubgesaugt, an ausgewählten Stellen der Wohnung Staub gewischt, keine Lust auf weitere Putzarbeit gehabt, auf Feedback gewartet, gelesen. Eigentlich wollte ich auch mal wieder in meine Diss-Dokumente gucken, aber das verschiebe ich aus Gründen auf nächste Woche. Wein für die nächste Fehlfarben-Ausgabe bestellt.

Einen Artikel über Adam Driver in der Timeline gehabt, nur überflogen, aber dafür ewig das Foto angestarrt.

Die neue Folge Outlander gesehen (Start der vierten Staffel) und schon genervt gewesen: Können die beiden nicht mal eine Staffel lang einfach nur glücklich sein, uns hübsch anzusehende Sexszenen spendieren, ein Häuschen bauen und sich meinetwegen einen Hund anschaffen? Dieser ständige seelische Ausnahmezustand ist mir gerade zu anstrengend. Gilt auch für dich, This is Us: Stop trying so hard to make us cry.

The importance of stupidity in scientific research

Die Pointe dieses Essays von 2008 hatte mir F. im Laufe meines Studiums mehrfach eingebleut, weil ich sie immer wieder gerne vergessen habe – und sie auch immer wieder vergesse, wenn ich in Archiven verzweifle: „If you know what you’re doing more than half of the time, it’s not research.“ Der Meteorologe Paul Williams twitterte den Link gestern mit dem Satz: „I show this brilliant essay to all my new PhD students. It contains some excellent advice on how to handle – and even learn to love – the feeling of being constantly immersed in the unknown.“

Der Essay erwähnt, dass man sich als Studi während des BA oder MA meist halbwegs sicher fühlt – man lernt ja brav für die Tests und Klausuren, also weiß man Zeug. Erst bei den längeren Arbeiten fällt einem manchmal auf, welche Lücken man noch hat – und wie irrwitzig und unüberwindlich groß diese Lücken sind. Der Essay sagt aber auch: Genau so ist das richtig.

„My Ph.D. project was somewhat interdisciplinary and, for a while, whenever I ran into a problem, I pestered the faculty in my department who were experts in the various disciplines that I needed. I remember the day when Henry Taube (who won the Nobel Prize two years later) told me he didn’t know how to solve the problem I was having in his area. I was a third-year graduate student and I figured that Taube knew about 1000 times more than I did (conservative estimate). If he didn’t have the answer, nobody did.

That’s when it hit me: nobody did. That’s why it was a research problem. And being my research problem, it was up to me to solve. Once I faced that fact, I solved the problem in a couple of days. (It wasn’t really very hard; I just had to try a few things.) The crucial lesson was that the scope of things I didn’t know wasn’t merely vast; it was, for all practical purposes, infinite. That realization, instead of being discouraging, was liberating. If our ignorance is infinite, the only possible course of action is to muddle through as best we can. […]

One of the beautiful things about science is that it allows us to bumble along, getting it wrong time after time, and feel perfectly fine as long as we learn something each time. No doubt, this can be difficult for students who are accustomed to getting the answers right. No doubt, reasonable levels of confidence and emotional resilience help, but I think scientific education might do more to ease what is a very big transition: from learning what other people once discovered to making your own discoveries. The more comfortable we become with being stupid, the deeper we will wade into the unknown and the more likely we are to make big discoveries.“

Das sicherste Kernkraftwerk der Welt

Die FAZ schrieb gestern über das einzige Atomkraftwerk Österreichs, das nie ans Netz ging und das heute Strom durch Solarpanels erzeugt. Fand ich äußerst interessant zu lesen. Ich vertwitterte gestern die abfotografierte Zeitungsseite, @berlinschochise machte mich auf die Online-Version aufmerksam, die ich nicht gefunden hatte.

„In der Schaltzentrale, die mit ihren Kontrollpulten, Wählscheibentelefonen und Röhrenmonitoren aussieht wie ein Technikmuseum, liegen bis heute die handschriftlichen Protokollbücher aus dieser Zeit aus. „Werkzeug und Schlüsselkasten übernommen“, steht in diesen Zeugnissen der Monotonie, oder: „Rundgang durchgeführt“. Die gut bezahlte Langeweile hatte ihren Preis. Insgesamt sind in Österreichs größte Industrieruine 14 Milliarden Schilling geflossen, etwa eine Milliarde Euro.

Nach dem endgültigen Aus diente „Zwentendorf“ zunächst als Ersatzteillager für Siedewasserreaktoren im Ausland. Ein Investor wollte später in dem fensterlosen Gemäuer mit seinen 1000 Räumen ein Abenteuerland einrichten, ein anderer einen „Friedhof für Senkrechtbestattungen“. Am treffsichersten zeigte sich der Künstler Friedensreich Hundertwasser. Er schlug ein „Museum der fehlgeleiteten Technologien“ vor. Doch alle Vorstöße scheiterten.

Die EVN macht heute das Beste aus dem Fiasko und vermietet die Anlage. Im Kraftwerksinneren finden Betriebsfeiern, Konzerte, Modenschauen oder Messen statt. Die Turbinenhalle ist so groß, dass Autohersteller ihre neuesten Modelle umherfahren lassen. Auch als Filmkulisse haben der kirchenhohe Reaktor und das Gewirr aus Gängen, Hallen, Stiegen und Rohrleitungen schon gedient, etwa für den Katastrophenfilm „Restrisiko“ oder für die Kinoromanze „Grand Central“.