Ein doppeltes Dankeschön …

an eine unbekannte Spenderin oder einen unbekannten Spender, die oder der mich gleich mit zwei Büchern überrraschte, die nicht auf meinem Wunschzettel standen.

Das erste Buch ist ein schmales Überblicksbändchen von Hilja Droste und Ines Lauffer, Kleine Kunstgeschichte Deutschlands. Es beschränkt sich nicht auf Malerei, sondern schaut auch auf Skulptur und Architektur, sofern es auf 200 Seiten überhaupt möglich ist, 1200 Jahre anzuschauen. Ich finde es natürlich spannend zu sehen, wie man auf so wenig Platz die Zeit zwischen 1933 und 1945 erwähnt; hier gibt es immerhin zwei Seiten zur neoklassizistischen NS-Architektur, der Schwabinger Kunstfund wird erwähnt, und die Aktion „Entartete Kunst“ bekommt einen einzigen Satz. Hm. Naja. Das ist ein sehr persönliches Interesse, schon klar. Trotzdem. Ich bin mir nicht sicher, ob die generelle Idee hinter dem Buch eine gute ist, vor allem, weil die Autorinnen selbst schon im Vorwort sagen, dass es kaum eine „deutsche“ Kunstgeschichte sein kann, wenn man bei den Karolingern anfängt, die sich vermutlich noch recht undeutsch gefühlt haben. Aber als allererster Überblick ist das Büchlein gut; mir hat auch der Schreibstil gefallen. Und Italia und Germania ist unter anderem auf dem Titel abgebildet, und da ich das Bild sehr mag, gibt’s noch einen Sympathiepunkt.

Das zweite Buch, Stephen Farthings Kunst. Die ganze Geschichte, macht schon mit dem Titel ein noch größeres Fass auf. Darüber habe ich zuerst sehr gegrinst, dann das Buch aber doch interessiert durchgeblättert. Farthing beginnt mit Höhlenmalereien und der, wie er es in Anführungsstrichen nennt, „Land Art“ der Nazca-Linien. „Land Art“ wird in der Kunstgeschichte eigentlich erst für Performances oder Skulpturen ab den 1960er- und 1970er Jahren verwendet – ich fand seine Idee aber recht clever, denn was sind diese Linien sonst?

Sein dickes erstes Kapitel heißt „Urgeschichte bis ins 15. Jahrhundert“ und beschränkt sich nicht nur auf die üblichen Verdächtigen Ägypten, Griechenland, Rom, sondern ergänzt diese Reiche um westafrikanische, buddhistische und frühe islamische Kunst. Auf eine ähnliche Idee ist Altmeister Ernst Gombrich in seinem Standardwerk Die Geschichte der Kunst auch schon gekommen, aber er verweist eben noch auf den gelernten Kanon – wobei er immerhin einen kurzen Blick auf China und Japan wirft, aber ich glaube, Afrika kommt bei ihm überhaupt nicht vor. Was ich noch überhaupt nicht kannte, aber jetzt dank Farthing schon: präkolumbianische Kunst wie diesen olmekischen Kolossalkopf.

Im Kapitel über das 17. bis 18. Jahrhundert spricht er eben nicht nur über den Barock oder das Goldene Zeitalter der Niederlande, sondern auch über die Rajputen-Malerei (nie gehört) oder die Volkskunst Ozeaniens. Das macht Farthing also eindeutig besser als Gombrich, was die Gleichzeitigkeit von verschiedenen Kunststilen weltweit angeht, aber generell bleibt er, sofern ich das nach dem gestrigen Überfliegen beurteilen kann, eher an der Oberfläche. Die gezeigten bzw. erläuterten Werke des westlichen Kanons sind die, die in jedem Überblickswerk drin sind, da gibt’s also keine Überraschungen. Das Buch ist mir manchmal auch ein bisschen zu besserwisserisch; ich habe mir unter anderem die Arnolfini-Hochzeit und natürlich die Kreuzabnahme von van der Weyden durchgelesen, und da wird mir manchmal ein bisschen dick aufgetragen anstatt wie bei Gombrich mitreißend beschrieben. Aber auch das ist Geschmackssache.

Immerhin hatte ich nach dem kompletten Durchblättern das Gefühl, im Studium wirklich alles Wesentliche (der westlichen Kunst) mitbekommen zu haben; das war auch mal ganz nett, das so vorgeführt zu bekommen. Daher: Vielen Dank für das Geschenk, von wem es auch immer kommen mag – ich habe mich sehr gefreut.

„Alles klappt“ (Uraufführung), 6. Juni 2018

F. und ich hatten bei einem Konzertbesuch festgestellt, dass wir öfter zeitgenössische Musik hören möchten. Daher schauten wir schon vor längerer Zeit ins Biennale-Programm und entschieden uns für eine Uraufführung eines kurzen Musiktheaterstücks von Ondřej Adámek, „Alles klappt“, im Marstall des Residenztheaters. Der Ankündigungstext sprach von Archivalien, die durch die Archivar*innen plötzlich zu sprechen beginnen, wenn ich mich richtig erinnere (ich finde ihn nicht mehr online), aber um welche Archivstücke aus welcher Zeit es sich handelte, stand dort meiner Meinung nach nicht.

Das erfuhren wir erst Mittwochabend vor Ort aus dem Programm und mir wurde ein bisschen mulmig: Der Komponist verarbeitete unter anderem Stücke aus seinem Familiennachlass, genauer gesagt, Postkarten aus Theresienstadt und Auschwitz-Birkenau. Dem Programm beigelegt waren eine undatierte Karte aus Theresienstadt und zwei aus Auschwitz, letztere von Januar und April 1944, auf denen eine Mutter an ihren Sohn in Prag schrieb. Auf diesen befindet sich auch der Stempel mit dem Hinweis, dass eine „Rückantwort nur auf Postkarten in deutscher Sprache über die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland“ zu geschehen habe. Eine Karte ist erkennbar in Charlottenburg abgestempelt worden, bei der anderen fehlen Briefmarke und Stempel.

Das Stück begann damit, dass der Komponist und Dirigent mit einem Metalldetektor den Bühnenboden absuchte, aber nichts fand. Danach traten nacheinander sechs Sänger*innen und zwei Percussionist*innen auf; einige schoben hölzerne Kisten, andere Schlaginstrumente, die nach und nach von den Musiker*innen bearbeitet wurden. Der Sprechgesang der sechs begann mit – ich hoffe, ich erinnere mich halbwegs korrekt – Beschreibungen von Werterhaltung und Wertzuwachs. Es wurden Möbelstücke und ihre Anzahl aufgezählt, wobei der Sprechgesang stets rhythmisch blieb. Mir fiel erst nach gefühlt zehn Minuten auf, dass der Rhythmus mich an Eisenbahnen und ihr Rollen über Schwellen erinnerte. Es wurde von Menschen auf Transporten gesprochen, immer mehr Instrumente kamen auf die Bühne, Text und Bühnengestaltung ergänzten sich hier sehr intuitiv. Es wurde voller und enger auf der Spielfläche und die gesprochen-gesungenen Zahlen immer höher.

Die sechs Archivar*innen nahmen Gegenstände aus den Holzkisten und wickelten sie in durchsichtige Folie ein, während im Hintergrund Luftpumpen, Blasebälge und eine Sprühdose bearbeitet wurden, mit der man per Druckluft Computerkeyboards reinigen kann. Für mich waren das alles Anspielungen darauf, dass viele der Menschen auf den Transporten keine Luft bekamen – und ein Hinweis auf ihr gewaltsames Ersticken in den Gaskammern.

Die Nennung von Möbelstücken und Orten, aus denen sie kamen, erinnerte mich an die Listen, die ich aus Auktionskatalogen kannte, wo eben nicht nur Bilder und Wertgegenstände der deportierten oder vertriebenen Menschen versteigert wurden, sondern auch Tische, Stühle, Blumenvasen und Kleidung. Die Gegenstände, die unter anderem aus den Kisten geholt wurden, waren einmal, wenn ich das richtig erkannt habe, ein Radio (das jüdische Bürger*innen seit 1939 nicht mehr besitzen durften) und ein Koffer (bei dem ich sofort die Sammlung von Koffern in Auschwitz vor Augen hatte).

Dann trat aber eine Archivarin an eine Kiste und holte eine Brille hervor (auch bei ihr musste ich an die Sammlung in Auschwitz denken). Sie packte sie allerdings nicht in Folie ein, sondern setzte sie auf – und die Besitzerin der Brille sang nun durch sie. Sie sang sinngemäß oder teilweise wortwörtlich die Texte, die wir vorher auf den Postkarten schon hatten lesen können: „Wir sind alle gesund. Seid ihr? Alle danken wir herzlichst für die Postpakete, kamen in Ordnung an. […] Dürfen nur selten schreiben, seid daher unbesorgt, wenn wenig Berichte. Haben uns gut eingewöhnt. Wohne in großem Zimmer gemeinschaftlich. In Gedanken stets bei euch. Wir sehen einander täglich in freier Zeit, arbeiten fleißig.“ (undatierte Karte aus Theresienstadt)

Ein anderer Archivar nahm nun ein Gemälde aus einer Kiste und sang auf tschechisch. Es gab deutsche und englische Übertitel, für die ich recht dankbar war, denn der Klang setzte sich aus Percussion und mehrstimmigem Gesang, der meist eher eine geräuschvolle Wortproduktion war, zusammen. F. meinte nach dem Stück, er habe sehr auf die Percussionist*innen geachtet, während ich die irgendwann völlig vergaß, weil ich so mit den Worten beschäftigt war. Ich versuchte bei jedem Satz zu ergründen, woher er wohl stammte: von einem Reichsgesetzblatt oder der letzten Postkarte, die ein Häftling aus einem Konzentrationslager schrieb? Das war alles andere als ein entspannter Theaterabend, aber ich war gleichzeitig fasziniert, verstört, begeistert und traurig und klatschte danach auch sehr lange.

Aber soweit waren wir noch nicht. Nach dem Gemälde, bei dem ich wirklich kurz davor war zu heulen, weil es so nah an dem ist, was ich tagtäglich mache und bei dem ich immer noch hadere, ob ich meine Kraft nicht lieber für Provenienzforschung einsetzten sollte anstatt einem anscheinend eher unbedeutenden, systemkonformen Maler der NS-Zeit nachzuspüren, kamen Gegenstände, über die ich erst nachdenken musste. Eine Archivarin entnahm der Kiste eine Pflanze, ein Archivar eine Peitsche. Bei der Pflanze dachte ich mir, dass sie vielleicht auf den Stellen wächst, an denen früher Lagerbaracken standen, bei der Peitsche dachte ich daran, dass viele Häftlinge gezwungen wurden, sich gegen ihre Mithäftlinge zu stellen. Die vorletzte Archivarin nahm eine große Flasche Kölnisch Wasser und übergoss sich damit, was ich einerseits mit Reinwaschen und andererseits mit Erinnerungen wegwaschen verband – und was den Weg ebnete für den letzten Archivar.

Dieser trug einen grauen Anzug, dessen Jackett er ablegte, bevor er die letzte Kiste öffnete. In ihr befand sich schwere, schwarze Erde, die er nun mühevoll mit beiden Händen und ausgebreiteten Armen auf dem Bühnenboden verteilte. Dann nahm er seinen Kolleg*innen ihre jeweiligen Gegenstände ab und vergrub sie, während alle weiterhin Postkartentexte, Vorschriften oder Sätze über Werterhalt und Besitz sprachsangen. Für mich war das Ablegen des Jacketts ein Bezug auf die vielen Deutschen, die nach 1945 ihre Uniformen vergruben oder verbrannten, die Orden vernichteten und ihre Identität neu aufstellten – oder auf Schreibtischtäter wie Eichmann in grauen Anzügen, die sich eben nicht die Hände schmutzig machten, aber natürlich genau die gleiche Verantwortung trugen.

Schließlich war alles vergraben, der Archivar verdreckt und verschwitzt, die anderen sangen „Schreibt bald“, wobei aus dem ersten Wortteil ein lautes SCHREI- wurde, bevor daran noch ein leistes -bt gesetzt wurde. Die Percussion wurde immer lauter und lauter – und dann war es still. Ich dachte noch, nee, das ist ein doofes Ende, als ein neuer Sprechgesang begann. Den Text konnte ich zunächst nicht zuordnen, er ging ungefähr so: „Ich vermisse meine Gegenstände. Ich wollte nur ein stilles Leben mit meinen Gegenständen.“ Und ich dachte, das ist ja ein noch blöderes Ende, wieso reden wir jetzt über Dinge, wo wir eben so zutiefst menschliche Texte gehört hatten? Bis mir auffiel, dass eben diese Dinge das einzige sind, was noch von ihren Besitzer*innen übrig ist. Ein Koffer. Ein Bild. Eine Brille. Und wir Historiker*innen suchen mit Metalldetektoren oder Archivfindmitteln nach diesen Dingen und nach irgendjemandem, dem wir Schmuck oder Bilder oder Bücher in die Hand drücken können, als ob damit irgendwas wieder gut werden würde.

Gestern, nachdem ich alles ein bisschen hatte sacken lassen können, gab ich den Namen der Absenderin der Postkarten in die Datenbank für die Opfer der Shoah in Yad Vashem ein. Ich hatte sinnloserweise die winzige Hoffnung, dass die Schreiberin den Holocaust überlebt haben könnte. Hat sie nicht. Malvine Pokorny, geboren am 3. Mai 1873, wurde am 15. Dezember 1943 von Theresienstadt nach Auschwitz transportiert, wo sie zu einem unbekannten Zeitpunkt verstarb. Ihre Postkarte vom 15. April 1944 an ihren Sohn Alfred lautete:

„Geliebter Sohn,
bin gesund. Karte 26.1. 16.3 erhalten, sehr erfreut. Alles in bester Ordnung nach meiner [?] und Eurerem Wunsche. Innigste Grüße allerseits. In größter Dankschuld und Liebe
Mutter.“

Das Stück ist heute und morgen noch im Marstall um 20 Uhr zu sehen, am Sonntag um 17 Uhr. Am 14. Juli wird die Aufführung, die wir gesehen haben und die aufgezeichnet wurde, bei BR Klassik um 20.05 Uhr zu sehen sein. Ich werde euch definitiv daran erinnern.

Was schön war, Mittwoch, 6. Juni 2018 – Rakel

Mittwoch ist Eichhörnchenvorlesungstag. In der letzten Sitzung, die ich zu faul war zu verbloggen, sprachen wir über die „Handschrift“ von Künstler*innen – also ihre visuellen Eigenarten, der bestimmte Pinselstrich oder ähnliches; van Gogh drängt sich hier geradezu als Beispiel auf. Jahrhundertelang war eben diese Handschrift vernachlässigt worden – ich schrieb bereits darüber, dass das geistige Konzept hinter einem Werk als wichtiger angesehen wurde als dessen Ausführung. In der Akademiemalerei im Frankreich des 19. Jahrhunderts erreichte diese Idee seinen Höhepunkt, indem per Blaireautage, der Nachbearbeitung mit dem Dachshaarpinsel, jede vorherige Pinselschraffur geglättet oder ganz getilgt wurde, so dass keine Spur mehr davon zu sehen war, dass dieses Kunst-Werk ein Hand-Werk war.

Interessanterweise sorgte auch die Fotografie dafür, dass diese Haltung überdacht wurde. 1856 fotografierte das Studio Mayer & Pierson in Paris den Comte Cavour. 1862 verfremdete ein anderes Fotostudio diese Aufnahme, woraufhin Mayer & Pierson die erste Copyrightklage der Fotografiegeschichte einreichten. (Auf gemalte Werke gab es seit 1793 ein Copyright.) Daraufhin wurde erstmal diskutiert, ob die Fotografie überhaupt eine Kunst sei, denn ein Fotograf sei praktisch nur ein operateur einer Maschine. Trotzdem kam man nicht ganz darum herum, sich auch über das Konzept, die geistige Idee hinter einem Werk zu unterhalten, die hier offensichtlich kopiert wurde, auch wenn es in diesem Fall noch nicht zu einer Verurteilung wegen Copyrightsbruch reichte.

Wir begannen die letzte Sitzung mit dem Hinweis von Meyer Shapiro, der in den 1960er Jahren, wenn ich mich richtig erinnere, etwas überspitzt meinte, Kunst, auch bzw. gerade die abstrakte, sei zutiefst human, denn Gemälde und Skulpturen seien die letzten wirklich handgemachten Gegenstände der Moderne. Gestern sprachen wir dann über Gerhard Richter und seine Rakel, mit der er quasi jede eigene Handschrift negiert und nur (?) sein Werkzeug Spuren hinterlassen lässt.

Der Dozent verwies hierbei natürlich auch auf den Film Gerhard Richter Painting, aus dem wir viele Stills zu sehen bekamen, in dem er, soweit ich mich erinnere, fast dauernd mit der Rakel in der Hand an seinen Bilder vorbeischreitet, sie gerne noch ein bisschen hängen lässt und dann wieder an ihnen arbeitet. Ganz eventuell bezieht sich dieser hübsche Cartoon von 2013 darauf; der Film kam 2012 in die US-amerikanischen Kinos.

Der Dozent meinte, dass sich die Kunstgeschichte bisher noch nicht mit der Rakel Richters auseinandergesetzt habe und trug uns daher seinen eigenen Katalogbeitrag vor, der demnächst zu einer Richter-Ausstellung im Museum Barberini erscheinen wird. Den Katalog empfehle ich euch einfach mal, denn das war eine äußerst spannende Sitzung, auch wenn ich Richters Spätwerk immer noch etwas misstrauisch gegenüberstehe.

Für mich interessant: die Rakel, wie der Duden sie nennt, wird in vielen deutschen Publikationen zu dem Rakel, warum auch immer (hier bitte die üblichen geistigen Abrisse zu Männer = Kunst, Frauen = Frauenkunst einfügen). Im Englischen wird aus diesem Werkzeug gerne squeegee anstatt wie vorbildlich in der Wikipedia beim Spracheumschalten doctor blade, wobei letzteres ein Werkzeug aus dem Druckverfahren bezeichnet, ersteres aber das Gummiding zum Fensterputzen. Daher finden sich in der englischen Literatur zu Richters Rakelwerken auch gerne Vergleiche zu Seifenspuren wie nach dem Fensterputzen, generell der Hinweis auf Leinwände als Fenster zu irgendwas oder eben das Versperren desselben durch Farbe. In der deutschen Literatur fehlen diese Assoziationen völlig. (Hier bitte die üblichen geistigen Abrisse zu „Aber Sprache ist doch egal, die formt unser Denken doch nicht und Frauen sind halt mitgemeint“ einfügen.)

Nochmal zur Handschrift: Richter meint selbst zu seinen Rakelwerken, dass er bei ihnen eher etwas entstehen lasse anstatt etwas zu kreieren. Vermutlich ist das genau mein Problem mit den Dingern; anscheinend hänge ich auch noch an dem ollen Renaissancekonzept, dass die Idee hinter einem Werk wichtig ist, und ich habe Probleme mit Werken, die einfach irgendwie da sind. Obwohl ich sie schon gerne anschaue. Ja, auch die Rakeldinger (hier ein winziger Ausschnitt).

Richter selbst nennt sein Werkzeug übrigens Spachtel, jedenfalls in diesem Monsterwerk, indem er sich genau zweimal darauf bezieht, und beide Male sagt er nicht Rakel. Vermutlich bezieht er sich auf Courbet; auch über ihn und seine Palettmesser schrieb ich bereits. Zwei seiner Bilder rekurrieren sogar bewusst auf diesen Maler.

Dann ging es um August Strindberg, von dem ich bisher nicht wusste, dass er auch gemalt hatte. Hat er aber, und angeblich stammt von ihm die Idee der Farbresteverwertung auf Paletten (ich hoffe, ich habe mir das richtig notiert). In der Sitzung über Paletten hatten wir bereits erfahren, dass einige Maler*innen aus den Farbresten auf der Palette noch ein Bild schufen – eben auf der Palette. Strindberg nutzte diese Reste aber nun und malte aus ihnen ein neues Bild; er zwang sich selbst quasi dazu, aus einer vorgegebenen Farbauswahl ein Motiv zu schaffen. Richter machte mit seinen Rakelbildern etwas ähnliches: Nachdem ein Bild fertig war, streifte er die noch farbige Rakel auf bereitliegenden, meist belanglosen Urlaubsfotos ab (Beispiel „Firenze“). Keine Ahnung, ob das ein bewusster Bezug ist oder ein simpler Zufall, aber sowas mag ich. (Dass Richter sich fast von Anfang an mit Fotografie und ihre Verwendung in der Malerei interessierte, dürfte Dauerleser*innen dieses Blogs bekannt sein; in meiner MA-Arbeit bezog ich mich auf frühe Gemälde, für die er per Episkop Fotos auf die Leinwand projizierte und sie nachmalte. Mein übliches Beispiel: Onkel Rudi.)

Wir sprachen auch über andere Bezüge von Künstlern auf Künstler. Richters Rakel waren auch hierfür der Ausgangspunkt, denn der Fotograf Timo Schmidt baut sie nach und fotografiert sie. Ein anderes Werk in diese Richtung wäre Rauschenbergs Erased de Kooning: Hierfür hatte Rauschenberg de Kooning um ein Bild gebeten, das er ausradieren wollte. Nach anfänglichem Zögern überließ de Kooning Rauschenberg ernsthaft ein Bild, das dieser, wie angekündigt, ausradierte. Über 50 Jahre später schuf J. Newton das Werk Not Rauschenberg’s Eraser, eine Plastikbox mit Radiergummis darin.

Richter verarbeitete Palettenreste noch anders. Für seine Serie Ausschnitt fotografierte er winzige Details seiner farbbeschmierten Palette und malte diese Fotos dann übergroß nach. Ein Ausschnitt-Bild trägt den Zusatz Makart. Es bezieht sich auf den Maler Hans Makart, der ebenfalls gerne auf seinen Paletten malte. Der Dozent erzählte die Geschichte von Makarts riesigem Schinken (seine Worte) „Der Einzug Karls V. in Antwerpen“, das ich aus der Hamburger Kunsthalle kenne. Das Ding kostete damals so viel wie ein Viertel des gerade neu errichteten Gebäudes – oder wie der Dozent es ausdrückte: so viel, wie heute ein Richter kostet. Angeblich erhoffte sich die Kunsthalle von dem damals sehr angesagten Maler einen ähnlichen Coup wie der Louvre mit seiner Mona Lisa, die schon damals die Massen anzog. Dummerweise war Makart recht schnell den meisten Leuten egal – so wie übrigens heute auch der Kunsthalle. Das Bild ist zu groß, um es umzuhängen, weshalb es seit dem Umbau vor kurzer Zeit nun fieserweise für die Besucher*innen unsichtbar hinter einer eigens errichteten Gipswand hängt. Von mir aus könnte die Neue Pinakothek das mit den ganzen Pilotys auch so machen. Wobei ich Makarts Falknerin dort gerne anschaue. Und ich vermisse ein bisschen den großformatigen Richter am Aufgang der Pinakothek der Moderne. Wo hängt der eigentlich gerade?

Links von Mittwoch, 6. Juni 2018

Children of ‘The Cloud’ and Major Tom: Growing Up in the ’80s Under the German Sky

Adrian Daub schreibt über seine Jugend in den 80er Jahren in Kaiserslautern, in dessen Himmel amerikanische Militärflugzeuge flogen.

„During those years, even the cheeriest pop songs were about potential horrors. One result of the English version of Nena’s “99 Luftballoons” becoming a hit is that few Americans realize the song is actually about a scenario not unlike one of Pausewang’s cautionary tales. The titular balloons drift across the sky, are mistaken for a Soviet incursion, and trigger “99 years of war.” And in the end, the singer, surveying a world of rubble, lets fly another balloon—and this time, because the world has ended, because there are no more fighter wings, no more Pershing missiles, no more generals, she can let it go without anyone mistaking its meaning. It’s a wild song precisely because it seems to be about so little and is about so much.

*

The German sky I knew was a shared sky—shared with the Communist East and the Western Allies, with radioactive clouds and acid rain, with Major Tom and Mathias Rust. It was also somewhere we encountered, right above our homes, something far less certain and far more exciting than the heavy exposed-concrete buildings on the ground. Even in K-Town, where only America loomed overhead, the sky contained multitudes: twinkling distant AWACS, protective Pershings, A-10s with their uranium-covered payload, rumbling Galaxies, Miles Davis flying in for his concerts, wounded soldiers airlifting in, burn victims airlifting out. Was it crazy to imagine Major Tom somewhere in between them?“

(via @hanshuett)

Maybe She Had So Much Money She Just Lost Track of It

Jessica Pressler über eine junge Frau, von der keiner so genau weiß, wer sie ist und was sie tut. Spoiler: Inzwischen sitzt sie im Gefängnis. Wie sie dorthin gekommen ist, liest sich sehr aufschlussreich.

„Despite her seemingly nomadic living situation, Anna had long been a figure on the New York social scene. “She was at all the best parties,” said marketing director Tommy Saleh, who met her in 2013 at Le Baron in Paris during Fashion Week. Delvey had been an intern at European scenester magazine Purple and appeared to be tight with the magazine’s editor-in-chief, Olivier Zahm, and its man-about-town, André Saraiva, an owner of Le Baron — two of “the 200 or so people you see everywhere,” as Saleh put it: Chilterns and Loulou’s in London; the Crow’s Nest in Montauk; Paul’s Baby Grand and the Bowery Hotel; Frieze, Coachella, Art Basel. “She introduced herself, and she was a sweet girl, very polite,” said Saleh. “Then we’re just hanging with my friends all of a sudden.”

Soon, Anna was everywhere too. “She managed to be in all the sort of right places,” recalled one acquaintance who met Anna in 2015 at a party thrown by a start-up mogul in Berlin. “She was wearing really fancy clothing” — Balenciaga, or maybe Alaïa — “and someone mentioned that she flew in on a private jet.” It was unclear where exactly Anna came from — she told people she was from Cologne, but her German wasn’t very good — or what the source of her wealth was. But that wasn’t unusual. “There are so many trust-fund kids running around,” said Saleh. “Everyone is your best friend, and you don’t know a thing about anyone.”

(via Julians Schmidlis Newsletter, den ich sehr mag)

Translating “The Americans,” and Seeing a Mirror of My Own American Experience

Masha Gessen, die als Kind 1981 aus der Sowjetunion in die USA kam, übersetzte drei Staffeln lang die russischen Dialoge in The Americans, einer Show, der ich seit letztem Mittwoch nachtrauere.

„It wasn’t just any Russian, either. The show begins in 1981 and ends in 1987, just before the language began to follow, and to facilitate, the country’s transformation by absorbing hundreds of words from foreign languages — office, bucks, management, and so many others that capitalism brought with it, but also electoral’niy, exit poll, and more to describe the mechanics of democracy — and by creating brand-new slang. When I went back to the Soviet Union, in 1991, after a ten-year absence, I had to learn a slate of slang terms, get comfortable with the use of newly absorbed foreign terms, and, more subtly, note that cognates had migrated to include meanings that they had in other languages. (For example, the Russian detali now meant not only small parts of a physical structure but also details of an event, or of anything else.)

This experience meant I was perfectly situated to translate into a Russian of the early nineteen-eighties. My language wasn’t exactly frozen in time — I ended up living and working in Moscow for more than twenty years after my 1991 return — but I did remember the words and expressions I had to learn anew. I tried to make the Russian dialogue free of such anachronisms. Beautifully and strangely, the creators of “The Americans” indulged and even encouraged this quest for quality in a near-vacuum: only a tiny fraction of viewers could understand Russian at all, and a disappearingly small portion of this fraction would notice the Soviet-era purity of the Russian-language dialogue.“

Schokoladentarte mit Erdbeeren

Schon klar, bei diesen Temperaturen ist das eine eher seltsame Kuchen- oder Nachtischidee, aber diese kleine Tarte gab’s bei den charmanten Gastgeber*innen des letzten Podcasts, und sie hat mir so gut geschmeckt, dass ich sie gleich nachbauen wollte.

Die untenstehenden Mengen reichen für eine rechteckige Tarteform mit Hebeboden, circa 11 x 35 Zentimeter, oder eine runde Form mit einem Durchmesser von 22 Zentimetern. Ich habe nur eine runde Form mit 18 Zentimeter Durchmesser, wofür ich von allem ungefähr Dreiviertel genommen habe. Kam perfekt hin.

75 g Butter schmelzen.
225 g Oreo-Kekse oder andere dunkle Kekse mit Cremefüllung zu grobem Sand zerkleinern – Gefrierbeutel plus Nudelholz oder ein paar Sekunden im Zerkleinerer. Kekssand mit Butter mischen und in der Form gleichmäßig auf dem Boden verteilen. Gut festdrücken. Wenn’s geht, einen kleinen Rand bauen; ich habe mir das eher geschenkt. Eine halbe Stunde im Kühlschrank parken.

50 g Vollmilchkuvertüre (bei mir Lindt Vollmilch 30%) und
200 g Zartbitterkuvertüre (bei mir Lindt Zartbitter 70%) grob hacken.
In einem Topf
250 ml ungesüßte Kokosmilch erwärmen. Nicht kochen! Vom Herd nehmen und die Kuvertüre bzw. Schokolade in der Kokosmilch unter Rühren schmelzen. (Ich habe die Schokolade gleich in die Milch geworfen und alles auf dem Herd erwärmt.) Auf 36 Grad abkühlen lassen. Ich habe ein Thermometer, ansonsten geht auch die Fingerprobe: Der Unterschied zur eigenen Haut sollte nicht mehr spürbar sein, wenn man schleckermäulig einen Finger in die Schokolade taucht. Wenn es sich zu warm anfühlt, ist es noch zu warm, ganz einfach.

Sobald die Schokolade die richtige Temperatur hat, in die Tarte- oder Kuchenform gießen und für mindestens zwei Stunden kalt stellen.

Ganz fertig sind wir noch nicht: Während die Tarte kühlt,
125 g Erdbeeren waschen, vom Grün befreien und nach circa 30 Minuten Kühlzeit auf der Tarte verteilen. Die Schokomasse gibt noch etwas nach, aber dafür sitzen die Erdbeeren nach der Kühlung schön fest auf bzw. in der Schokolade. Man kann die Früchte gerne etwas enger auf der Tarte platzieren als ich das gemacht habe; ich war mir nicht sicher, wieviel die Schokomasse tragen kann, aber das hätte funktioniert, denke ich. Dann hat man auch keine so lustigen Wellentäler wie ich auf dem unteren Bild produziert habe.

Wer mag, röstet noch
2 EL gehackte Haselnüsse in der Pfanne und streut sie zum Servieren über die Tarte. Ich habe mir das geschenkt, ich wollte gar kein Geknusper, sondern nur die samtigkühle Mousse mit den frischen Früchten. Mit Himbeeren und Pistazien stelle ich mir das auch ziemlich super vor. Vielleicht auch ganz ohne Vollmilchschokolade drin. Hey, ich hab noch Kokosmilch! *ab in die Küche*

Fehlfarben 15: Generations – Künstlerinnen im Dialog // Jutta Koether – Tour de Madame

Wein, Weib und Gesang! Echt jetzt! Wir kommen mit unserem unnachahmlichen, immer live eingesungen Jingle rein, dann reden wir über zwei Ausstellungen, die von Künstlerinnen bestritten werden, und dazu trinken wir Rieslinge, die von Winzerinnen angebaut wurden. Über dieses Programm habe ich mich so gefreut, dass ich vergaß, ein schönes Foto zu machen. Daher hier ein weniger schönes, auf dem nur noch die Nachwehen der Aufnahme zu sehen sind.

Podcast herunterladen (MP3-Direktlink, 82 MB, 103 min), abonnieren (RSS-Feed für den Podcatcher eurer Wahl), via iTunes anhören.

00.00:00. Begrüßung und Vorstellung.

00.00:49. Der erste Riesling. Wir plappern zunächst etwas durcheinander, wir müssen uns erst wieder daran gewöhnen, dass wir in ein Mikro reden. Das wird besser!

00.03:40: Die erste Ausstellung: Generations – Künstlerinnen im Dialog, Teil 1. Läuft noch bis zum 13. Juli in der Sammlung Goetz. Der zweite Teil kommt im Juni ins Haus der Kunst, der dritte ist wieder bei Frau Goetz. Und ich ahne, dass wir sie uns alle anschauen, denn, Fazit vorweg: große Empfehlung.

00.18:30: Der zweite Wein – und der dritte gleich hinterher, denn es ist sehr warm. Eh das gute Zeug umfällt, müssen wir das quasi trinken.

00.22:30: Weiter mit Generations, wo wir recht lange über Yayoi Kusama reden. Unser äußerst wohwollendes Fazit gibt’s ab 00.57:35; das dauert dieses Mal etwas länger, denn wir konnten uns nicht von dieser Ausstellung trennen.

01.03:30: Wir trinken zwischendurch mal was.

01.04:40: Die zweite Ausstellung: Jutta Koether – Tour de Madame. Die erste große Retrospektive dieser Künstlerin läuft noch bis zum 21. Oktober im Museum Brandhorst. Wir waren etwas gespalten, aber wir empfehlen ja grundsätzlich, sich alles anzugucken. Ich persönlich wäre nach vier Räumen rausgegangen, wenn ich nicht hätte darüber reden müssen.

01.20:20: Ein winziger Shoutout an den Rasenfunk-Podcast. Der hat unsere Aufmerksamkeit zwar gar nicht nötig, aber ich las gerade vor ein paar Tagen, dass man bitte andere Podcasts empfehlen sollte. Ein guter Plan.

01.33:40: Unser Fazit, deutlich kürzer als bei Generations.

01.36:15: Wir lösen die Weine auf. Wein 3 war unser aller Liebling und natürlich von Felix. Wir würden aber alle drei gerne nochmal trinken.

Wein 1: Weingut Wechsler, Rheinhessen, Riesling Monopollage Benn 2015, 13,5%, bei wirwinzer.de für 20 Euro.

Wein 2: Anette Closheim, Nahe, Riesling Löhrer Berg 2016, 12,5%, 12,50 Euro.

Wein 3: Noch mal Anette Closheim, Nahe, Riesling Mont Solis 2015, 12,5%, 16,50 Euro bei genussland.de.

Tagebuch, Mittwoch bis Freitag, 30. Mai bis 1. Juni 2018 – Kombiniere, kombiniere

Mittwoch – Archivarbeit und Biergarten (beste Kombi EVER!)

Nachmittags hatte ich einen Termin im Lenbachhaus, das einen Teil des bildlichen Nachlassen von Carl Theodor Protzen verwaltet. Dem Lenbachhaus und den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen wurden 1967 Bilder und Dokumente hinterlassen mit der Auflage, eine Gedächtnisausstellung zu machen. Die fand 1976 statt, und ich hoffte, in den beiden Häusern noch ein bisschen mehr zu finden als „nur“ Korrespondenz oder Unterlagen zur Ausstellung, wobei ich über die auch schon froh gewesen wäre.

Nach Sichtung des schriftlichen Nachlasses in Nürnberg kann ich Protzen immer noch nicht so recht fassen. Im Nachhinein merke ich, wie wenig Material zu Leo von Welden gereicht hat, um eine gute wissenschaftliche Fragestellung zu formulieren bzw. neue Dinge über ihn herauszufinden und alte zu versammeln, in einen Zusammenhang zu bringen und ein hoffentlich rundes Bild über seine künstlerische Tätigkeit zu verfassen. Ich hatte einen schmalen Ordner mit beruflicher Korrespondenz, einen etwas dickeren mit privater (darunter bergeweise Urlaubspostkarten, aber auch auf denen hat er gerne über seine Malerei geschrieben), habe diverse Archive durchwühlt und konnte mit seiner Tochter sprechen, die mich auf Fotos, Geschehnisse oder Personen aufmerksam machte.

Bei Protzen habe ich, wie gesagt, bisher nur den schriftlichen Nachlass in Nürnberg, der leider immer dünner scheint, je länger ich über den Herrn Kunstmaler (Eigenbezeichnung) nachdenke. Ich habe Abbildungen seiner fast 700 Ölgemälde (vermutlich halbwegs ungeschönt, zumindest sind alle Bilder, die auf der GdK waren, da, aber ob er 100 Kohlezeichnungen von Gauleiter Wagner gemacht hat, weiß ich schlicht nicht), Fotos seiner grafischen Arbeiten, zum Beispiel für Weihenstephan von vor 1933 und nach 1945, was mich vermuten lässt, dass er auch dazwischen für das Unternehmen tätig war; da werde ich auf jeden Fall noch wühlen aka die Firma anmailen, ob sie ein Archiv haben. Im bayerischen Wirtschaftsarchiv habe leider nichts Relevantes gefunden. Dann habe ich bergeweise private Fotoalben, wenige Zeitungsausschnitte und ebenso wenig Korrespondenz; Briefe von ihm selbst nur drei oder vier, habe ich gerade nicht im Kopf, aber die waren recht unaussagekräftig.

Eigentlich habe ich nur zwei Stellen, die mir ein bisschen was erzählen; einmal einen Brief von Protzen an seinen Vater vom 19.2.1929, der immerhin klar macht, dass er bisher noch nicht von seiner Malerei leben konnte (daher wohl auch die Auftragsillustrationen für die Milchwirtschaft):

„Erst haben wir für eine Ausstelung (sic) in Essen gearbeitet. Dann habe ich eine solche hier beschickt[,] die noch hängt. Ein dritte steht uns bevor[,] ohne dass etwas neues dafür da ist, ohne das (sic) man dazu kommt und fehlen sollte man nicht, denn genug andere warten auf den Platz. Es ist das stets eine Jagd. Und der Erfolg – Nichts bisher. – Als einige Kritiken die ermuntern. – Aus all der anderen Arbeit ist nicht so viel entstanden[,] dass es zu dem reicht[,] was man in der Zwischenzeit zum Leben brauchte. – Also ein halbes Jahr ohne eigentlich ein Verdienst.“

Dann fand ich noch eine Stelle interessant, die in einem Brief seiner Schwester an ihn steht, 16.10.1933:

„Liebes Brüderlein, zu Deinem Geburtstage möchte ich Dir recht von Herzen alles Gute wünschen. Vor allem Gesundheit und dann aber gleich Erfolg im Schaffen. – In diesen Tagen wurde der Grundstein zum neuen Glaspalast gelegt [–] möge er im reichen Masse (sic) gut machen, was der Alte (sic) an Verlusten brachte. Ganz München feiert ja jetzt die Kunst u. den Künstler, ich sehe es als ein gutes Omen für Dein neues Lebensjahr!“

Aber das reicht natürlich nicht, um wirklich etwas über den Maler Protzen und seine Kunstauffassung sagen zu können. Ich fand es aber spannend zu sehen, dass die neue Stellung Münchens als „Stadt der deutschen Kunst“ anscheinend sehr schnell im Bewusstsein angekommen war. Der „Grundstein zum neuen Glaspalast“ war natürlich der Grundstein für das Haus der deutschen Kunst.

Worüber ich gestern abend im Gespräch mit F. gestolpert bin: Jemandem, der eher mieses Deutsch schreibt, traue ich nicht so recht zu, den Satz formuliert zu haben, der den Rahmen seines vermutlich bekanntesten Werks ziert: „Rodet den Forst – Sprengt den Fels – Überwindet das Tal – Zwinget die Ferne – Ziehet die Bahn durch Deutsches Land“. Es ist die einzige „Textstelle“, die seine Bilder ziert; ich vermute stark, dass der Satz von jemandem anders stammt, aber ich kann das noch überhaupt nicht belegen. Er erinnerte mich nur an schwärmerische bzw. programmatische Publikationen über die Reichsautobahn, die ich schon gelesen hatte. So schrieb zum Beispiel Emil Maier zu Erna Lendvai-Dircksens Fotografien der RAB: „Wie ein wogender Wal auf weitgedehnter Dünung / Tauchen und steigen die ewigen Straßen.“ (Lendvai-Dircksen, Erna: Reichsautobahn. Mensch und Werk, Berlin 1937, o. S.) Oder Herybert Menzel:

„Es ist der bildhaft gewordene Triumph menschlich-göttlicher Gemeinschaftsschöpfung; der Funke, der Gedanke, der Einfall selbst ist hier versteint und wir brausen auf ihm dahin, grüßen euch, Hügel, grüßen dich, türmige Stadt, euch, Dörfer im Grünen, dich, Strom, und dich, Himmel darüber! Deutschland, hier liegt es uns herrlich ausgebreitet, ein Stück nur von ihm, weiter, weiter, wir wollen es heut nicht im Kleinen, Verwinkelten geießen, immer größer, immer vielgestaltiger soll es uns ans Herz fliegen, daß wir es wissen, wie reich wir sind und wieviel von ihm wir uns noch zu erobern haben.“

(Menzel, Herybert: „Ohne Titel (Einleitung)“, in: Harz, Hermann: Das Erlebnis der Reichsautobahn – ein Bildwerk. Dem Schöpfer der Reichsautobahnen Reichsminister Dr. Ing. Fritz Todt zum Gedächtnis, München 1943, o. S.)

Aber zurück ins Lenbachhaus. Ich hatte mit der Bibliothek gemailt, weil ich den Ausstellungskatalog von 1976 sehen wollte, und dem hauseigenen Archiv, bei dem ich schlicht nicht wusste, was es alles gab. Außerdem bat ich um eine Bilderliste, möglichst mit Abbildungen, damit ich diese vergleichen kann mit den Fotos im Nachlass. Die Bilderliste habe ich jetzt; der Katalog war nur eine geheftete Blattsammlung, die schon dem Nachlass in Nürnberg beilag. Die kurze Korrespondenz zur Ausstellung habe ich sehr amüsiert gelesen, und ich habe immerhin noch ein paar Werke und Leihgeber gefunden, die ich noch nicht kannte. Die bzw. deren Nachkommen werde ich hoffentlich ausfindig machen können, um sie mit Fragen zu Protzen zu belästigen bzw. um eventuell doch noch Briefe von ihm zu finden. Aber generell war ich etwas ernüchtert nach den drei Stunden in der Lenbachhaus-Bibliothek. Im Laufe des Vormittags hatten sich auch die Pinakotheken gemeldet, die anscheinend noch weniger zu ihm haben – vermutlich die gleiche Ausstellungskorrespondenz und sonst nichts. Gucke ich mir natürlich auch noch an, aber: hm. So richtig glücklich war ich nicht, dass ich so schnell in so viele Sackgassen rannte. Vor allem, weil diese beiden Institutionen diejenigen sind, die seine ganzen Bilder verwalten (das Historische Museum in Berlin hat auch noch ein paar Bilder, aber vermutlich nichts Schriftliches). Daher war ich davon ausgegangen, dass mindestens hier noch etwas Spannendes zu finden wäre. Leider nein.

Dafür war der Abend umso netter: Ein Bekannter aus Fußballkreisen feierte im Biergarten seinen Geburtstag, ich bekam nicht nur ein, sondern gleich zwei Radlermaß ausgegeben, weswegen eine dritte noch locker drin war, und ging dann sehr beschwingt mit F. nach Hause.

Ich geh mit meiner Laterne 😬

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(Nein, das ist nicht mein iPhone, das da unter dem Maßkrug liegt. Aber ein tolles Licht geben diese Handytaschenlampen!)

Donnerstag – Kunst gucken und Eis essen (beste Kombi EVER!)

F. und ich mussten sehr lange schlafen, weil wir sehr viel Bier getrunken hatten. Glücklicherweise war Donnerstag Feiertag, wie hier in Bayern ja dauernd irgendwie Feiertag ist. Alles richtig gemacht.

Erst gegen 11 konnte ich mich dazu aufraffen, aufzustehen und mich ausgehfein zu machen. Mein Ziel war die erste Location, über die wir im neuen Fehlfarben-Podcast sprechen, den wir heute aufnehmen, falls wir nicht vorher geschmolzen sind. Ich war länger in der Ausstellung als ich dachte und hatte mir danach total ein Eis verdient. Anscheinend hatten aber alle Münchner*innen sich total ein Eis verdient: Beim Ballabeni standen doch recht viele Menschen in der Schlange, was für einen Tag bei 28 Grad normal ist, mich aber trotzdem recht mürbe machte. Aber was tut man nicht alles für ein richtig gutes Eis.


Himbeer und Haselnuss, der Probierlöffel Vanille-Tonkabohne war schon weg, bevor ich ans Fotografieren dachte.

Nachmittags wie immer Masterchef Australia geguckt, dazu Brezn mit Brie. Auf der Suche nach einer neuen Serie begann ich mit Suits – ich bin sehr spät auf der Party, aber bis jetzt finde ich diesen Kram recht unterhaltsam, auch wenn mir die üblichen grinsenden Anwaltskerle ein bisschen auf den Zeiger gehen und Frauen in der Serie anscheinend nicht auf Schuhen unter zehn Zentimeter Absatz gehen können.

Zwischendurch genoss ich den irren Regen, der plötzlich runterkam und fürchtete mich ein bisschen vor dem sehr lauten Donner, der sehr hellen Blitzen folgte. Dafür war die Wohnung danach ein bisschen kühler und man konnte abends kuscheln, ohne zu kleben.

Freitag – Bibliothek und Kundenlob (beste Kombi EVER!)

Den Vormittag verbrachte ich in der Stabi, um werbezutexten. Das ging ganz gut, aber so richtig glücklich bin ich mit den Texten noch nicht. Rumliegen lassen, Montag nochmal rübergehen, wird schon passen. Zusätzlich erledigte ich Kundenkorrekturen an anderen Texten.

Danach ging ich einkaufen, las Zeitung und wartete dann auf ein Kundentelefonat, für das wir uns per Mail verabredet hatten. Die Kundin hatte mir schon per Mail mitgeteilt, dass sie die Texte „super“ fand, daher erwartete ich nur geringe Korrekturen. Es kamen aber gar keine – die Kundin wollte mir nur noch mal persönlich sagen, dass das eine, Zitat, „Punktlandung“ gewesen war, sie hätte nichts zu beanstanden, bitte abrechnen, gerne wieder. Das hätte sie noch nie gehabt, dass Texte gleich beim ersten Versuch so perfekt waren. Das hat mich sehr gefreut und ich konnte im Gegenzug sagen, dass ich das auch noch nie hatte.

Dafür waren die Nachrichten aus dem Bundesarchiv, das ich vor einigen Wochen angemailt hatte, weniger gut: Es gibt zu Protzen nichts. Also nichts außer die übliche Nachfrage der Partei, ob der Künstler irgendwie bedenklich wäre, bevor man ihn in die Reichskammer der bildenden Künste lässt. Das Ding kannte ich schon von Leo, und zu Protzen stand noch weniger auf dem Auskunftsbogen. Ansonsten: nichts. Keine Parteimitgliedschaft (immerhin), aber eben auch sonst nichts. Bisher hatte ich Protzen als eindeutig präsenter in der Kunstlandschaft eingeschätzt als von Welden, aber vielleicht war das gar nicht so.

Ich ahne, dass meine Dissertation nun in eine Richtung geht, die ich noch nicht einschätzen kann. Meine ursprüngliche Idee scheint sich aber gerade aufzulösen, weil ich schlicht kein Material für sie finde. Ganz aufgegeben habe ich aber noch nicht; ich wühle noch ein bisschen weiter, damit ich irgendwann wenigstens für mich sagen kann, dass ich alles versucht habe, um an alle noch auffindbaren Quellen zu kommen. Wenn ich das eh alles nur noch zum Spaß mache, kann ich mir auch noch ein bisschen Zeit geben. Und der Diss eine andere Fragestellung.

Was schön war, Montag/Dienstag, 28./29. Mai 2018 – Ein, zwei gute Tassen Tee. Oder sechsundzwanzig

Nachdem ich bei Dallmayr schon mal Kaffee bzw. Espresso kosten durfte, kam jetzt Tee dran. Dieses Mal war ich gewarnt: nicht alles trinken, was man dir hinstellt, sonst hörst du dein Herz wieder so laut schlagen! Aber dazu kam ich gar nicht. Auch wenn ich sofort zugegriffen hätte, so hübsch sahen die 26 Sorten aus, die da akkurat aufgebaut waren. Das sind übrigens längst nicht alle Teesorten, die das Haus vertreibt; momentan sind es ungefähr 120.


Im oberen Bild stehen ein weißer Tee, ein paar Grüntees und dann folgen die Schwarztees. Auf der anderen Seite des Tisches standen zunächst einige aromatisierte Schwarztees (wie Jasmintee, Earl Grey oder Chai) und dann Getränke, die im strengen Sinn kein Tee mehr sind, weil sie nicht vom Teestrauch stammen, sondern stattdessen Aufgüsse aus getrockneten Pflanzenteilen sind (Rooibos, Kräutertee, Früchtetee).

Der Leiter der Tee-Abteilung erklärte mir zunächst, wie und wo Teeanbau und Verarbeitung stattfindet. Was mich überraschte: Nicht China oder Indien sind die weltweit größten Exporteure, sondern Kenia. In China und Indien wird zwar mit weitem Abstand am meisten angebaut, aber eben auch das meiste bereits im Land getrunken. Die meisten der 10 Milliarden (kein Tippfehler) Tassen Tee, die täglich (auch kein Tippfehler) getrunken werden, werden in diesen beiden Ländern aufgebrüht. In Deutschland sind übrigens die Ostfriesen ganz weit vorne im Verbrauch. Das war zu erwarten, aber den Abstand fand ich dann doch beeindruckend: 300 Liter Schwarztee pro Jahr im Vergleich zu lausigen 29 (plus 35 Liter Kräuter- und Früchtetee) im Rest der Republik . Ostfriesland süppelt sogar mehr weg als England, das sich mit 205 Litern pro Jahr noch ein bisschen lang machen muss.

Ich erfuhr außerdem, wie genau aus den jungen Trieben eines Teebusches die lustigen Kringel werden, die in meiner Teepackung landen. Gepflückt werden am besten two leaves and a bud, also der oberste Trieb des Busches, der aus zwei Blättern herauswächst. In losem Tee kann man die Triebe mit bloßem Auge von den schmalen Blättern unterscheiden; sie sehen aus wie eingerollte Blätter und sind manchmal heller. Nach dem Pflücken dauert es nur wenige Tage, bis die nächsten Triebe nachgewachsen sind, die dann wiederum gepflückt werden. In Indien und China ist das Pflücken Frauenarbeit, während die Verarbeitung von Männern erledigt wird, in Kenia geschieht es genau andersherum.

Nach dem Pflücken werden die Blätter und Triebe sofort verarbeitet. Zunächst werden sie gewelkt, das heißt, sie liegen auf langen Sieben, durch die kalte Luft geleitet wird. Dadurch verlieren die Blätter und Triebe circa 30 Prozent ihrer natürlichen Feuchtigkeit. Danach folgt das Rollen, bei dem sie quasi zwischen zwei sich bewegenden Scheiben grob zerrieben werden. Der austretenden Zellsaft reagiert mit dem Sauerstoff – jetzt beginnt die Fermentation, die für die charakteristischen Aromen von Darjeeling, Assam oder anderen Sorten sorgt. Während der Fermentation verändert sich auch die Farbe der Teeblätter von grün zu rot, braun, kupferfarben etc. Ein Trockenvorgang stoppt die Oxidation. Danach laufen die Blätter über eine Art Förderband, die sie nach Größen aussiebt. Die größten Blätter und Triebe landen in den Lose-Blatt-Teepackungen, die kleineren eher in Tassenportionen wie Beutel. Ich musste mich hier von einem meiner Vorurteile über Tee verabschieden: Ich dachte bisher immer, in den Beuteln lande irgendwie weniger guter Tee als in den Packungen mit den losen Blättern. Jetzt weiß ich: Es stammt alles aus der gleichen Produktion, ist halt nur kleiner.

Jetzt wollte ich aber endlich was trinken. Teeverkostungen sind genormt, das heißt, die Menge von Tee und Wasser wird weltweit gleich eingesetzt. Abgewogen wird hier stilecht mit einer Waage, die genau 2,86 Gramm Tee abwiegt, das Gewicht einer alten englischen Sixpence-Münze. Danach wird das kleine Tassenkännchen mit 150 Milliliter Wasser gefüllt, und der Tee zieht genau fünf Minuten. Das Kännchen wird umgedreht, damit der Tee in die Schale laufen kann. Das sieht dann in Reihung sehr putzig aus, und jetzt weiß ich auch, wofür die Dinger Zacken haben.



Die Schalen stehen da übrigens nicht nur, weil sie hübscher aussehen als Tassen. Generell gilt für Tee: je dünnwandiger das Porzellan oder das Glas, desto besser. Kanne vorwärmen, kennen wir alle, den Tee am besten lose schwimmen lassen, damit er Platz hat (Teeeier sind böse!), und dann möglichst in eine Thermoskanne umfüllen, damit das ebenso böse Stövchen nicht zum Einsatz kommt. Ich gebe zu, ich benutze das Ding bei Assamtees, aber ich glaube, da ist es okay. Darjeeling verbrennt man damit allerdings ganz prima.

Diese Farben! Das kriegt Kaffee nicht hin, der braune Langweiler.

Weiter mit der Verkostung. Nach dem Ausgießen des Tees landen die Blätter auf dem Deckel des Kännchens, denn hier bekommt man schon den ersten Eindruck. Man prüft das Aussehen, aber vor allem den Duft. Ich zuckte sehr bei einem Sencha zurück, dessen Geruch ich in Richtung Fleischbrühe verortete, bis der Teeexperte meinte: „Spinat.“ Genau. Spinat. Muss ich nicht morgens zum Müsli haben, stelle ich mir aber zu Spiegeleiern super vor. Generell ist Tee ein guter Essensbegleiter, man sollte nur die richtige Sorte wählen. In chinesischen Restaurants zum Essen parfümierten Jasmintee zu bestellen, ist eher eine blöde Idee, und wenn ich mich richtig erinnere, trinkt man in China eh keinen Tee zum Essen, sondern davor und danach. Bestimmt top zum Schinkenbrot: der Lapsang Souchong, ein geräucherter Tee, der mich daran erinnerte, dass ich auch keine rauchigen Whiskys mag.

Genug an den Blättern gerochen, jetzt wurde Tee getrunken. Beziehungsweise nicht, denn bei einer Teeverkostung trinkt man nicht, sondern schlürft wie irre und benimmt sich wie auf einer Weinprobe, bei der man alles wieder ausspuckt.

Man nimmt mit einem großen, flachen Löffel Tee aus der Schale und schlürft, als ob er zu heiß wäre (ist er nicht). Dann zieht man wie beim Weintrinken Luft in den Mundraum, um die Aromen besser schmecken zu können, und schon spuckt man das schöne Zeug wieder aus. Bei den ersten Tees habe ich das sehr bedauert, beim sechsundzwanzigsten wusste ich, warum man nichts trinkt; ich blubberte auch so schon vor mich hin. Tee enthält übrigens mehr Koffein als Kaffee, gibt es aber nicht so brachial ab wie letzterer. Bei Tee ist das Koffein an die Gerbstoffe gebunden; es löst sich erst im Magen und hält dann den Koffeinspiegel über Stunden konstant, während Kaffee eher der schnelle Fix für eine gute halbe Stunde ist. Seitdem ich das weiß, überlege ich, ob der klassische Fünf-Uhr-Tee so eine clevere Idee ist. Ich schiebe den Brexit jetzt auf sehr unausgeschlafene und dementsprechend schlecht gelaunte Briten.

Ich fand es sehr spannend, die verschiedenen Aromen zu riechen und zu schmecken: die edle, florale Note im Darjeeling, der ganz milde Heuduft im Grüntee, die Zitrusnote im Ceylon, das Karamell im Rooibos. Oder eben auch nicht: Die Aromen verstecken sich gefühlt mehr als die im Wein, aber es kann sein, dass ich mich auf sie einfach schon länger konzentriere.

Ich trinke Tee gerne beim Arbeiten und Studieren und beschränkte mich bisher auf Assam als Ostfriesenteemischung (mit Milch), Darjeeling (pur) und Earl Grey (meistens pur, manchmal mit Milch). Vorgestern entdeckte ich den zarten Nilgiri-Schwarztee für mich und trank den ersten Chai, der nicht fies nach Zimt und Nelken im Rachen brennt. Ich mochte selbst den fiesen Jasmintee, der eigentlich alles erschlägt, und war überrascht von einem sehr frischen Kräutertee. Netterweise bekam ich eine Tüte Teepackungen mit und kann jetzt zuhause weiterüben.

Am Dienstag trank ich dann auch allen Ernstes Tee zum Frühstück anstatt Cappuccino. Und dann über den Tag verteilt noch weitere fünf Tassen. Ostfriesland, nimm dich in Acht!

Ein remigriertes Dankeschön …

… an Jakob, der mich mit Anat Feinbergs Wieder im Rampenlicht: Jüdische Rückkehrer in deutschen Theatern nach 1945 überraschte. Auf das Buch hatte mich F. aufmerksam gemacht, der dazu letzte Woche eine Lesung in den Kammerspielen besucht hatte. Wenn mein Kopf nicht so matschig von unseren vier Tagen unterwegs gewesen wäre, wäre ich mitgekommen, weil mich das Thema auch interessierte, und seiner Erzählung nach lohnt sich das Buch.

Über die Remigration von Künstler*innen nach 1945 hatte ich schon an der Uni gehört und natürlich spielt generell das Kulturleben dieser Zeit auch für meine Dissertation eine gewisse Rolle, auch wenn ich bis jetzt noch keine Bezüge zum Theater bei Protzen gefunden habe. Ich glaube aber, es kann nie schaden, auch über den Tellerrand der bildenden Kunst hinaus zu schauen, um generelle Strömungen in der Kultur ausmachen zu können. Vielen Dank für das Geschenk, ich habe mich sehr gefreut.

(Ich muss das Buch erstmal an F. verleihen, ich hoffe, das ist in Ordnung.)

Tagebuch, Sonntag, 27. Mai 2018 – „Long ago I was a king / Now I do this kind of thing“

Lange gemeinsam ausgeschlafen, rumgelegen, die Handys leergelesen. Irgendwann ging ich nach Hause und besorgte auf dem Weg noch zwei Schokocroissants für mein Sonntagsfrühstück, die ich mit Aeropress-Kaffee und Himbeermarmelade kombinierte.

Ein bisschen gearbeitet. Die Texte, die ich Freitag erstellt hatte, lagen lange genug rum. Jetzt las ich noch einmal drüber, änderte an ein paar Stellen etwas, war aber insgesamt zufrieden. Die gehen heute zum Kunden.

Eine andere Kundin meldete sich per Mail, dass ihr meine Texte sehr gut gefallen hatten. Das freute mich, denn das ist eine Neukundin, und beim ersten Schwung weiß man nie so recht, ob man den geforderten Ton getroffen hat bzw. alle Inhalte stimmen. Wir sprechen morgen dazu.

Ansonsten widmete ich mich dem riesigen Circe-Kapitel im Ulysses, das ich allerdings nicht durchbekam; irgendwie geriet mir ein Schläfchen dazwischen. Mein Plan ist es, das Buch bis zum 15. Juni durchgelesen zu haben, denn am 16. ist bekanntlich Bloomsday, und den könnte ich dann in diesem Jahr erstmals mitfeiern. Zumindest im Geist, nach Dublin fahren werde ich dazu nicht. Aber ich könnte eine schöne Zitronenseife kaufen.

Vorher muss ich aber noch ein bisschen lesen. Circe ist in Form eines Theaterstücks geschrieben. Die Regieanweisungen sind genauso surreal wie die theoretisch gesprochenen Texte, und was mir in diesem Kapitel zum ersten Mal im Buch passierte, ist, dass sich das Gefühl beim Lesen dauernd ändert. Klar gibt es auch in den anderen Kapiteln Spannungsbögen – oder eben nicht –, aber gestern stellte ich quasi alle fünf Minuten fest, dass ich mich anders fühlte als eben noch.

Es gibt Stellen, bei denen ich keine Ahnung habe, worum es gerade geht, aber auch das kenne ich schon, und ich glaube inzwischen, das muss so sein. Ich lasse mich von den Worten und Beschreibungen mittragen, ohne dass ich weiß, was sie von mir wollen; es ist ein bisschen wie Touristin in einem fremden Land zu sein, dessen Sprache man nicht spricht. Man wird zu irgendeiner Feier eingeladen, es gibt Dinge zu essen und zu trinken, die man nicht kennt, und man macht halt mit und es ist irgendwie okay. Wenige Seiten später merkte ich, dass ich traurig war und nicht einmal sagen konnte, warum eigentlich. Bloom muss sich verteidigen, er stottert Wortbrocken vor sich hin, beschreibt die Beerdigung, von der er kommt, bis sogar der Leichnam persönlich seine Aussage bestätigt. Wieder einige Seiten später scheint Bloom erst zum Bürgermeister Dublins zu werden und dann gottähnlich, es folgen Beschreibungen von üppigen Festivitäten mit riesigen Aufbauten und Menschenmengen, und ich wurde ehrfürchtig (und mochte die Beschreibungen gern).

„BLOOM My beloved subjects, a new era is about to dawn. I, Bloom, tell you verily it is even now at hand. Yea, on the word of a Bloom, ye shall ere long enter into the golden city which is to be, the new Bloomusalem in the Nova Hibernia of the future.

(Thirtytwo workmen wearing rosettes, from all the counties of Ireland, under the guidance of Derwan the builder construct the new Bloomusalem. It is a colossal edifice, with crystal roof built in the shape of a huge pork kidney, containing forty thousand rooms. In the course of its extension several buildings and monuments are demolished. Government offices are temporarily transferred to railway sheds. Numerous houses are razed to the ground. The inhabitants are lodged in barrels and boxes, all marked in red with the letters: L. B. Several paupers fall from a ladder. A part of the walls of Dublin, crowded with loyal sightseers, collapses.)

THE SIGHTSEERS (Dying) Morituri te salutant. (They die.)“

(Gabler-Edition, Kapitel 15, Zeilen 1541–1557)

Ein paar Seiten später musste ich sehr über die neuen Musen dieser neuen Zeit lachen:

„Bloom explains to those near him his schemes for social regeneration. All agree with him. The keeper of the Kildare Street Museum appears, dragging a lorry on which are the shaking statues of several naked goddesses, Venus Callipyge, Venus Pandemos Venus Metempsychosis, and plaster figures, also naked, representing the new nine muses, Commerce, Operatic Music, Amor Publicity, Manufacture, liberty of Speech, Plural Voting, Gastronomy, Private Hygiene, Seaside Concert Entertainments, Painless Obstetrics and Astronomy for the People.“ (1702–1710)

Dann wird Bloom plötzlich zu einer Frau und gebiert Kinder und ich las vermutlich mit offenem Mund und simpler Begeisterung.

„DR DIXON (Reads a bill of health) Professor Bloom is a finished example of the new womanly man. His moral nature is simple and lovable. Many have found him a dear man, a dear person. He is a rather quaint fellow on the whole, coy though not feeble-minded in the medical sense. He has written a really beautiful letter, a poem in itself, to the court missionary of the Reformed Priests’ Protection Society which clears up everything. He is practically a total abstainer and I can affirm that he sleeps on a straw litter and eats the most Spartan food, cold dried grocer’s peas. He wears a hairshirt winter and summer and scourges himself every Saturday. He was, I understand, at one time a firstclass misdemeanant in Glencree reformatory. Another report states that he was a very posthumous child. I appeal for clemency in the name of the most sacred word our vocal organs have ever been called upon to speak. He is about to have a baby.

(General commotion and compassion. Women faint. A wealthy American makes a street collection for Bloom. Gold and silver coins, bank cheques, banknotes, jewels, treasury bonds, maturing bills of exchange, I.O.U.s, wedding rings’ watch-chains, lockets, necklaces and bracelets are rapidly collected.)

BLOOM O, I so want to be a mother.

MRS THORNTON (In nursetender’s gown) Embrace me tight, dear. You’ll be soon over it. Tight, dear.

(Bloom embraces her tightly and bears eight male yellow and white children. They appear on a redcarpeted staircase adorned with expensive plants. All are handsome, with valuable metallic faces, wellmade, respectably dressed and wellconducted, speaking five modern languages fluently and interested in various arts and sciences. Each has his name printed in legible letters on his shirtfront: Nasodoro, Goldfinger, Chrysostomos, Maindorée, Silversmile, Silberselber, Vifargent, Panargros. They are immediately appointed to positions of high public trust in several different countries as managing directors of banks, traffic managers of railways, chairmen of limited liability companies, vice chairmen of hotel syndicates.)“ (1798–1832)

Dann sind wir wieder im Bordell, wo das ganze Kapitel spielt, die anwesenden Damen und ihre körperlichen Vorzüge werden beschrieben, was mich genervt hat, aber immerhin ist Stephen wieder da, dem ich so gerne folge. Und dann singt eine Motte ein Lied, das mich rührte, warum auch immer:

„I’m a tiny tiny thing
Ever flying in the spring
Round and round a ringaring.
Long ago I was a king,
Now I do this kind of thing
On the wing, on the wing!
Bing!“ (2469–2475)

„Long ago I was a king / Now I do this kind of thing“ fand ich sehr schön und gleichzeitig sehr traurig. (Ja, es ist eine Motte, schon gut. Trotzdem.)

Ich beendete das Kapitel bei circa Zeile 2700; auf mich warten noch ungefähr 2300. Die Drogen, die Joyce bei diesem Kapitel eingenommen hat, will ich auch.

Tagebuch, Samstag, 26. Mai 2018 – Och nö

Die Überschrift bezieht sich nur auf zwei Dinge von gestern, der Rest des Tages war okay. Was soll auch nicht daran okay sein, morgens ein bisschen Tram zu fahren und dann nach Hause zu spazieren (immer schön im Schatten), Kirschen zu essen, auf dem Sofa zu liegen, zu lesen und Serien zu gucken. Samstag halt. Vor dem Rumliegen kam noch ein bisschen Einkaufen, denn abends lief das Champions-League-Finale, leider ohne die Bayern, aber mei.

Zu einem Finale gehören zwingend Chips, Fingerfood und gute Getränke. Für die Getränke sorgte F., in dessen Wohnzimmer wir guckten, für Chips musste ich eben einkaufen gehen und wo ich schon mal da war, besorgte ich gleich ein bisschen Hackfleisch, denn das einzig wahre Fingerfood sind bekanntlich kleine Frikadellchen. (Ich klinge übrigens nie peinlicher, als wenn ich „Fleischpflanzerl“ bestelle, weswegen ich das nie mache, obwohl ich sie immer essen will.)

Um mich von den Hackbällchen abzulenken – von denen ich übrigens brav nur drei verspeiste und den Rest abends durch die Gegend trug –, kochte ich mir einen Kaffee mit einer neuen Kaffeesorte. Die hatte F. mir von seinem Sheffield-Besuch mitgebracht und beim Überreichen behauptet, sie schmecke nach Kirsche. Ist klar, Junge. Kirsche. Ha!

Der Laden, in dem F. den Kaffee erwarb, scheint von einem dieser neuerdings überall vorkommenden Kaffeenerds betrieben zu werden, die einem bereitwillig erzählen, woher sie ihre Ware bekommen und wie sie sie verarbeiten. Sehr löblich! Er berichtete, dass sie diese Sorte nur für die Aeropress benutzen, und als F. erwähnte, dass his girlfriend gerade lustig mit diesem Gerät rumexperimentiere, gab der Herr ihm gleich mal Mahlgrad und Ziehzeit mit, damit ich das ausprobieren könne. Kaffeemehl- und Wassermenge nannte er nicht, aber ich verließ mich wie immer auf das gute alte Brühchart vom Coffeecircle.

Zunächst öffnete ich aber die Verpackung und roch an den Bohnen. Mir kam ein Duft entgegen, der mich sofort an Campino Himbeer denken; ein cremiger, weicher Geruch mit ganz klaren Fruchtnoten. Dann bereitete ich mir einen Kaffee zu, denn jetzt war ich doch sehr gespannt. In meine Aeropress passen eh nur 200 ml Wasser, daher war die Variable schon mal weg. Ansonsten benutzte ich 14 Gramm halbfein gemahlenes Kaffeemehl und ließ es wie beschrieben drei Minuten ziehen. Der Kaffee duftete deutlich nach heller, fast unreifer Kirsche, schmeckte kaum nach Röstaromen, sondern frisch und fruchtig und ja, nach Kirsche bzw. nach Cranberrys. Die blieben als Abgang im Mund. Mir war es fast ein bisschen zu wenig Kaffee, denn eigentlich mag ich ja die kräftigen, holzigen Sorten lieber als die fruchtigen. Aber sowas hatte ich noch nie getrunken und war sehr verzückt. Jetzt gerade beim Tippen steht die nächste Tasse neben mir, dieses Mal mit gut 80 Grad heißem Wasser statt wie gestern mit 90 Grad heißem zubereitet. Hier verfliegt die Frucht deutlich schneller. Memo to me: ruhig das heißere Wasser nehmen.

Bis hierhin war ich noch gut gelaunt. Dann erfuhr ich allerdings per Mail, dass mein Lieblingsrestaurant in Hamburg zu Ende Mai seine Pforten schließt. Gut, dass ich noch einmal da war. Auch irgendwie passend, dass das ausgerechnet mit Kai war. Fühlt sich gerade wie noch ein Haken hinter Hamburg an.

Und dann gab’s Fußball. Ich bin ja grundsätzlich über Leute verspannt, die nie Fußball gucken, aber wenn, dann sollen die blöden Bayern bitte verlieren. Gestern war ich genauso drauf: Mir ist Liverpool herzlich egal, aber sie sollen bitte das blöde Real schlagen. Taten sie leider nicht. Aber hey, wir hatten Hackbällchen, Chips und Gin Tonic. Und das erste Tor von Bale war großartig.

Blätter, die die Welt bedeuten

Über die Blümchen, die auf Bühnen überreicht werden. Auch noch nie drüber nachgedacht, aber gerne gelesen:

„Es gibt jedenfalls auf dem Konzertpodium kaum ein effektiveres Mittel, einen Geiger, Pianisten oder Dirigenten gewaltlos auszuschalten, als ihm einen Blumenstrauß in die Hand zu drücken. Jetzt noch eine Zugabe spielen: unmöglich. Den Strauß weglegen: Ja, aber wohin? Auf dem Notenpult drohen Flecken auf der Partitur. Auf den Boden legen ist als Geste schwierig – Geschenk ist Geschenk. Zumal ein Blumenbouquet im Liegen auch nicht gut aussieht. Ansehnlich, rutschfest und quetsch­sicher ließe sich ein Strauß höchstens im Schalltrichter der Tuba verstauen. Am besten wäre es, dem Blumenboten den Strauß gleich wieder mitzugeben (an manchen Abenden bemerkt der Künstler im Rausch des Applauses ohnehin erst nach langen Sekunden, dass da jemand steht und in den Blumenstrauß lächelt). […]

Der mit Abstand schlechteste Platz zum Deponieren des Straußes ist der Konzertflügel. Es gibt zwar neben dem Notenpult eine kleine Fläche, die wie dafür gemacht scheint, aber Klavierbauer raten dringend davon ab: Ein auf den Flügel fallender Kronleuchter könnte vermutlich auch nicht mehr Schaden anrichten als ein noch blumenwasserfeuchter Rosenstrauß, den der Pianist beim Verbeugen mit einer ungeschickten Armbewegung in die Filzhämmerchen-Mechanik über dem Resonanzboden stößt (wenn Sie glauben, dies wäre an den Haaren herbeigezogen, irren Sie sich leider).“

Brabbelbrabbel HeimatNation brabbel

Über die Taktik von rechter Sprache: „Provozieren, relativieren, immer wieder die gleichen Begriffe platzieren: Der rechtsextreme Sprech ist als Grundrauschen in den Alltag eingesickert.“

„Die Frage „Kann man mit Rechten sprechen?“ ist daher falsch gestellt. Rechts-Sprech ist weder auf Dialog noch auf einen argumentativen „Sieg“ hin ausgerichtet, sondern funktioniert vor allem als semantisches Obstruktionsmittel. Wie im Fall Weidel wird das Sprechen zum Angriff auf Sprache und Logik selbst: In George Orwells Neu-Sprech aus „1984“ geht es darum, die Sprache so zu reduzieren, dass Zweifel und Kritik nicht mehr möglich sind. Der Rechts-Sprech funktioniert in derselben Weise: Die Reduktion macht eine kritische Auseinandersetzung ebenso unmöglich wie das taktische Nichtverstehen, die Besetzung der Diskurse durch vorrationale und nicht verhandelbare Begriffe (Heimat, Volk, Nation, Wert und Rasse beschreiben keinen Umstand, keine Erscheinung, keine Form, sondern ausschließlich den emotionalen Kern einer Ermächtigung) und schließlich die Wiederkehr der immer gleichen semantischen Floskeln. Es handelt sich um nichts anderes als um einen semantischen Krieg.“

The first cut is the deepest

Nele Heise schreibt darüber, dass durch die DSVGO Stimmen von Kindern und Jugendlichen im Internet kein Gehör mehr finden, weil sie keinen Zugang mehr zu sozialen Netzen haben.

„Es war Dienstag. Irgendwann am Abend. Ich höre ein Klappern der Kinderzimmertür, verwundert war ich natürlich, so spät noch, morgen Schule. Als ich das Zimmer betrete, liegt dort ein schluchzendes Kind, zusammengerollt auf seinem Bett. Was passiert sei, frage ich besorgt. Es habe nochmal auf sein Telefon geschaut. Und da habe gestanden, dass sein Instagram-Profil gelöscht sei. Und dann habe es versucht, das irgendwie zu ändern. Und jetzt wisse es nicht, was es tun soll. Und alles sei furchtbar. Und …

Mir blieb dann nichts weiter, als zu versprechen, dass wir helfen. Uns gleich am nächsten Morgen darum kümmern. Dass bestimmt alles wieder wird. Heute, eine Woche später, ist der Account immer noch gelöscht. […]

Da wird einem nicht nur ein Fixpunkt entzogen, um den sich die eigene kleine Welt gedreht, und der fraglos einen wichtigen Teil des adoleszenten Ichs ausgemacht hat. Denn: Mit dem hier wird Aufwachsenden nicht nur eine eigene (mit anderen Fans geteilte, identitätsstiftende, vor allem auch emotional so bedeutsame) Welt entzogen. Sondern auch die Möglichkeit, in die große, andere Welt da draußen zu blicken, gar in ihr selbst zu wirken. Durch eigene Postings, Kommentare, der Kommunikation mit anderen (direkt, öffentlich oder privat). Digital teilzuhaben, wenn man so möchte. Ein Anspruch – ein Recht vielleicht sogar -, das auch Kindern zusteht, zustehen sollte.“

(via Señor Rolando)

Tagebuch, Freitag, 25. Mai 2018 – Wechselbad

Der Morgen war furchtbar. Die alten Dämonen waren wieder da, nicht meine, aber über Umwege dann jetzt doch auch meine, und ich weiß, kein Mensch braucht diese kryptischen Blogeinträge, wir haben schließlich 2018 und nicht mehr 2002, aber der Morgen war furchtbar und ich weiß gerade selber nicht, warum ich das aufschreiben möchte, aber meistens kriege ich im Kopf irgendwas klar, wenn ich es aufschreibe. Wegschreibe.

Dementsprechend verheult und unkonzentriert radelte ich später in die Unibibliothek (ein Buch zurück, eins ausgeliehen) und danach in die Stabi (zwei ausgeliehen). Dort setzte ich mich in den Lesesaal, holte meinen Stapel Bücher aus der Ablage, zog noch ein weiteres aus dem Regal und begann zu lesen. Dabei merkte ich, wie gut das tat, den Kopf ganz weit von mir wegzukriegen und in ein Thema, das ich gerade für einen Kunden recherchiere. Ich fühle mich zwar immer, als ob ich meine Diss hintergehe, wenn ich nicht für sie, sondern für Geld in meinen geliebten heiligen Lesehallen sitze, aber eigentlich ist das ziemlich prima. Vier Stunden lang las und schrieb ich konzentriert und war recht schnell in meinem üblichen Modus: „Ach was? Das wusste ich nicht, gleich mal aufschreiben. Oh, hier ist noch was Schönes, gleich mal aufschreiben. Moment, das Buch eben hatte was anderes gesagt – aber ich hab hier ja noch fünf weitere rumliegen, da gucke ich auch noch rein. Und dann schreib ich es auf.“

Etwas besser gelaunt, aber immer noch fies am Wasser radelte ich nach getaner Arbeit nach Hause, aß mein derzeitiges Spätstück aus Erdbeeren, Blaubeeren und Vanillejogurt, las Zeitung, guckte eine Serienfolge und machte irgendwann abends Brotzeit. Zu warm zum Kochen.

Den Abend verbrachte ich damit, den Morgen aufzuarbeiten. Wir redeten lange und noch länger und noch länger und irgendwann war es Zeit für Whisky, denn irgendwann ist es halt immer Zeit für Whisky. Der tat sehr gut. Tief und fest geschlafen und deutlich erleichteter aufgewacht als gestern.

Tagebuch, Donnerstag, 24. Mai 2018 – Gelee

Motiviert in den Tag gestartet, um dann am Schreibtisch festzustellen, dass es ein Geleetag wird – einer dieser Tage, wo jeder Gedanke sich durch Glibber kämpft, bis irgendein Funke in den Tippfingern ankommt. Über eine Stunde an einem Absatz für einen Kundentext gefeilt, dann wenigstens noch ein Stündchen Recherche gemacht, aber auch hier: nur Gelee im Kopf.

Erstmal Kaffeepause. Vielleicht hilft das.

Half nicht. Aber immerhin hatte ich guten Kaffee und heute habe ich schönen Cold Brew. Arbeitsordner auf dem Rechner verlassen und ein bisschen im Dissertationsordner rumgewühlt, aber auch hier war nichts zu holen. Das Gute an der Selbständigkeit im Home Office: Ich muss jetzt nicht noch einen Nachmittag am Rechner totschlagen, damit meine Kolleg*innen und die Chefs denken, ich würde arbeiten. Stattdessen kann ich aufs Sofa gehen und meine Arbeit in die Zeit verschieben, in der der Kopf wieder mitmachen will.

Eine Folge Bob’s Burger, eine For the People, dann Ulysses gelesen. Ich bin endlich im Circe-Kapitel angekommen, dem Everest des ganzen Buchs, und ich ahne, dass ich darin ein bisschen versacken werde.

Brotzeit gemacht: Kürbiskernbrot, Brie, Schinken, Tomaten, Radi. Beim Hobeln von letztem ein Stück des Fingernagels des kleinen Fingers bis knapp vors Blut eingebüßt, weswegen ich gerade froh bin, nicht allzu oft das Ö tippen zu müssen, weil mein kleiner Finger momentan keinen geraden Abschluss hat; das fühlt sich sehr seltsam an auf der Tastatur. Eis als Nachtisch.

Immer noch den fiesen Ohrwurm von Christoph & Lollo, den ich seit Tagen loszuwerden versuche, aber immer, wenn ich nicht an etwas anderes denke, poppt eine Songzeile vor mir auf: „Keine Gage, keine Groupies, kein Applaus, kein Alkohol – das ist kein Vergnügen, das ist Rock’n’Roll.“

Was schön war, Sonntag bis Mittwoch, 20. bis 23. Mai 2018 – Wennebostel, Hannover, Halle, München

Sonntag: Wennebostel

Am Sonntag feierte mein Papa seinen 80. Geburtstag. Er hatte dazu die übliche Rotte an Verwandtschaft und Bekanntschaft eingeladen; der Landgasthof, in dem meine Familie quasi alles feiert von Hochzeiten bis zu Goldenen Hochzeiten, tischte wie immer bergeweise rustikale Köstlichkeiten auf, und wir ließen es uns von 11 Uhr morgens bis kurz vor 19 Uhr abends rundum gutgehen. Mich persönlich interessierte natürlich die Welfenspeise am meisten, mein allerliebster Nachtisch, von dem nie etwas übrigbleibt, was ich jedesmal anprangere. Ansonsten griff ich zum Huhn statt zum Wildschwein, genoss fiese Fertigkroketten, die ich genau deshalb nie kaufe, weil sie fies und fertig sind, aber auf einem Buffet findet ich sie super, nachmittags schmeckte eine Mascarpone-Himbeer-Torte ganz ausgezeichnet, und ich alleine vernichtete vermutlich ein bis zwei Flaschen herrlichen Kerner. Was man halt so in Landgasthöfen macht.

Mir gefiel auch der gebuchte Alleinunterhalter gut. Ich würde den Mann nie anheuern, weil er schlicht nicht zu meiner Altersklasse passt, aber ich mochte seine Professionalität sehr gerne. Er begrüßte uns alle, als wir draußen beim Empfangsschlückchen Sekt herumstanden, mit einem Lied auf dem Akkordeon und brachte fast alle dazu, Papa ein Geburtstagsständchen zu schmettern, wobei die ältere Generation weitaus textsicherer war als wir und die Generation nach uns. Danach hielt er sich wieder zurück und dudelte unaufdringliche Schlager im Hintergrund, teilweise am Keyboard selbst gespielt und gesungen, teilweise vom Band, während wir aßen und uns unterhielten. Nach Absprache mit meinen Eltern wurde dann zum Tanz aufgespielt. Irgendwann am Nachmittag verteilte er Textbücher, und wer wollte, konnte Volkslieder mit ihm singen. Ab und zu wurden Gäste mit in die Performance einbezogen, wenn sie wollten, keiner musste, alles ging. Das fand ich wirklich bemerkenswert, diese Grenze zwischen „ich muss für Stimmung sorgen“, „ich lasse alles einfach mal laufen, sorge aber für einen angenehmen Musikteppich“ und „ich unterstütze die gut gelaunte Feierlichkeit, ohne dass es peinlich oder penetrant wird“. Profi halt.

Worüber ich mich auch freute: dass meine Idee mit den ausgedruckten Fotokarten gut ankam. Meine Schwester hatte in den letzten Jahren nach und nach unsere ganzen Familienalben eingescannt und mir einen Berg an Zeug gemailt, aus dem ich Motive auswählte, die meiner Meinung nach Papas 80 Lebensjahre wenigstens punktuell abbildeten: mit seinen Eltern, mit Mama, die vor über 50 Jahren noch seine schicke, junge Verlobte war, dann mit meiner Schwester und mir, Hausbau, Urlaub, Feiern mit der Verwandtschaft, Nachbarschaftshilfe, Familienkram. Wir stellten einige Karten auf die Tische, andere aufs Buffet und es passierte genau das, was ich mir erhofft hatte: Die Menschen an den jeweiligen Tischen unterhielten sich über die Bilder bzw. die Abgebildeten, tauschten die Karten miteinander und guckten auch nach, was auf den anderen Tischen so stand. Simple Idee, prima Konversationsstarter. Profi halt. (SCNR.)

#papawird80

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Abends war ich eigentlich platt, aber ich sehe meine Schwester und ihren Mann recht selten, weswegen F. und ich den Restabend bei den beiden auf der Terrasse verbrachten. Es wurde Rotwein gereicht und Pastis (Haselnussgeist für die Anti-Anis-Fraktion wie mich), wir vernichteten ein Kilo Nüsschen und ich stellte erstaunt fest, dass bestimmte Räucherstäbchen wirklich gegen Mücken halfen. Eigentlich stellte ich das erst einen Abends später bei meinen Eltern auf der Terrasse fest, wo ich ohne Räucherstäbchen fies gestochen wurde.

Spät und müde ins Bett.

Montag: Hannover

Früh und müde wieder wach. Keine Ahnung warum, aber F. und ich waren beide gefühlt vor 6 wach (ich auf jeden Fall). Wir hatten das Sprengelmuseum in Hannover geplant, das um 10 öffnete. Pfingstmontag war kein richtiger Montag, wo die meisten Museen geschlossen haben, aber der S-Bahn Hannover war das egal. Aus unserem kleinen Dörfchen fuhr nur jede Stunde eine Bahn, weswegen wir aber immerhin eine gute Ausrede hatten, um nicht noch stundenlang mit der Familie und der Verwandtschaft zu frühstücken – „wir müssen los, die S-Bahn, Feiertag und so“.

Auf dem Weg zum Bahnhof zeigte ich F. noch meinen Lieblingsjesus, der in der Kirche hängt, in der ich getauft und konfirmiert wurde und in der man mich meistens am Heiligen Abend antrifft, wo ich bei Weihnachtsliedern heule. Hier sieht man den Jesus im Header und auf dem Bild zum Abschnitt Gründonnerstag; ich selbst habe ernsthaft kein Foto von der Skulptur. (Memo to me: machen.) Ich mag an dieser Jesus-Darstellung die Gradlinigkeit, die Schlichtheit und dass die Figur nicht als Mensch an einem Kreuz hängt oder steht, sondern selbst das Kreuz bildet. Es sieht dabei aber nicht nach Leiden und Tod aus, sondern nach ausgebreiteten, empfangenden Armen. Er trägt keine Dornenkrone, und ich meine, selbst die Stigmata sind nicht zu sehen.

Ich mag voreingenommen sein, weil ich auf diesen Jesus seit über 40 Jahren gucke, aber ich kenne keine weitere Darstellung, die mir ähnlich gut gefällt, und ich habe gerade in den letzten Jahren des Studiums wirklich bergeweise gesehen. Das Gerokreuz im Kölner Dom kommt ihm in meiner Zuneigung recht nahe, wohl auch, weil es Jesus ebenfalls eher als Mensch denn als Gott zeigt.

Ich kannte das Sprengelmuseum größtenteils, aber F. noch nicht, und so ließ ich ihn bestimmen, wo er hinwollte. Okay, fast: Zuerst zerrte ich ihn in die Lichträume von James Turrell, die ich sehr liebe. Vor allem den, in dem man in absoluter Finsternis sitzt, bis sich nach sechs, sieben Minuten die Augen an das Fehlen von fast allem Licht gewöhnt haben und man ein Rechteck? einen schmalen Streifen? ein Kreissegment? aus Licht wahrnimmt, das vor einem in nicht bestimmbarer Entfernung auftaucht.

Wir gingen recht schnell durch die Kunst nach 45, die äußerst luftig hängt, das hatte ich etwas enger in Erinnerung. Aber: Das Museum hat seit Kurzem einen neuen, großen Anbau, und in dem hing dann auch all das, an was ich mich erinnerte, vor allem die Neue Sachlichkeit, die ich besonders sehen wollte. (Mein Liebling: das Mädchen im Café von Ernst Thoms. Darauf freute ich mich genau wie auf die Lichtspiele Turrells.) Was mir auch auffiel: Allmählich scheint sich der Umgang mit systemkonformer Kunst zwischen 1933 und 1945 zu ändern. Anstatt diese Zeit still zu übergehen, hängen wenigstens ein paar Exponate, zum Beispiel von Adolf Wissel oder Georg Schrimpf, an denen bzw. deren Begleittexten die gebrochenen oder konstanten Biografien ganz gut sichtbar werden.

Was der Anbau übrigens auch hat: ein großes Panoramafenster, von dem man auf den Maschsee gucken kann, bequem auf zwei Sofas. Man kann dabei auch einen Film über Arno Breker gucken, aber wir sahen lieber dem Regattastart der Drachenboote zu. Aber später bei einem Eiskaffee im Museumscafé guckten wir dann brav auf ein NS-Kunstwerk am See.

Im Untergeschoss waren wir schon recht müdegesehen, aber natürlich musste der Merzbau sein. Ich konnte mich nicht daran erinnern, schon einmal im El-Lissitzky-Kabinett gewesen zu sein, aber das machte uns wirklich wieder wach, was der Sinn der ganzen Raumgestaltung war. Man konnte Schaukästen kippen und Bilderleisten verschieben, und mit sowas kriegt man mich ja immer. Mal eben eine Wand vor einen Mondrian ziehen, warum nicht?

Ganz zum Schluss huschten wir noch in eine kleine Ausstellung mit Werken von Hans Uhlmann und Günter Haese, von denen mich letzterer total begeisterte. Er stellte aus dünnstem Draht, Uhrenfedern und ähnlich winzig-fragilen Metallgegenständen abstrakte Skulpturen her, die mich schlicht faszinierten. Hier sieht man ein paar von ihnen. Gerade die goldfarbenen Objekte erinnerten mich an die Eldorado-Ausstellung, die ich als Kind gesehen hatte: ein Überfluss an Reichtum und Schätzen. Hier ist es deutlich billigeres Material, aber der Gesamteindruck war der gleiche: ein Geschenk an Farbe, Material und Raumgestaltung. Leider waren wir beide doch recht platt, weswegen wir diesen Ausstellungen nicht mehr genügend Zeit ließen.


Die von Niki de Saint-Phalle gestaltete Grotte in den Herrenhäuser Gärten. Künstlerische Darstellungen von dicken Frauen haben bei mir immer gewonnen.

Nach einer Stärkung im Café ging es in die Herrenhäuser Gärten. Erstens, weil man in die halt reingeht, wenn man als Touri in Hannover ist, und zweitens, weil die Performance This here and that there von Vlatka Horvat angekündigt war, die spannend klang. Die Künstlerin und ihre drei Mitstreiterinnen bespielten die sogenannten Schwanenbecken, vier quadratische, flache Wasserbecken. Dort stellten sie Stühle in gewisse Formationen, lösten diese wieder auf und schufen neue Anordnungen. Das ganze lief an drei Tagen für jeweils acht Stunden, wofür ich die Damen sehr bewundere. Wir erwarteten nicht viel, saßen aber gebannt über eine halbe Stunde zwischen zwei Becken, und wenn meine Eltern uns nicht zum Abendessen erwartet hätten, wären wir bis zum Ende um 19 Uhr gelieben.

Es hört sich so simpel an – da stellen halt Leute Muster aus Stühlen ins Wasser –, aber genau diese Muster, die entstanden und wieder zerstört wurden, entwickelten eine spannende Dynamik, auf die ich gar nicht vorbereitet war. Ich wollte da eigentlich nur sitzen und nicht mehr rumlaufen müssen, es war schattig, ein leichter Wind ging, wir hatten eine bequeme Bank und Wasser, wir hätten einfach rumlungern können. Ich konnte mich aber nur kurz entspannen, denn erstaunlicherweise guckte ich den entstehenden Mustern und Formationen doch atemloser zu als erwartet. Im Becken rechts von uns entstanden aus den Stühlen gerade zwei Viertelkreise, und ich empfand es als unglaublich befriedigend, als aus den einzelnen, teilweise schräg gestellten Stühlen zwei herrlich symmetrische Kreisteile wurden. Genauso unbefriedigend bzw. aufwühlend empfand ich es aber, als dann nach einer kurzen Ruhezeit, in der das Bild einfach stand, Stühle wieder entfernt wurden und die Symmetrie brutal zerstört wurde. Jedenfalls kam es mir brutal vor. So ging es mir auch mit dem Bild, das im linken Becken enstand. Wir kamen an, als verschiedene Stuhlgrüppchen so standen wie Wartezimmeranordnungen oder an Flughäfen, mal hier ein Grüppchen, dann eins da drüben. Nach und nach entstanden vier Reihen, die aufeinander zuliefen, was die gleiche Befriedigung bei mir auslöste wie die Kreissegmente. Auf einmal war alles gut, alles passte, nichts anfassen bitte. Daran hielt sich die Künstlerin natürlich nicht, sondern nahm mal hier, mal dort einen Stuhl weg oder drehte ihn seitwärts, alles langsam, alles gemächlich, das Wasser plätscherte vor sich hin, die Blätter der Bäume und Hecken um uns herum rauschten im leichten Wind, es hätte alles so schön sein können, aber nein, es musste ja jemand aus einer perfekten Linie eine unperfekte machen!

Falls ihr die Chance haben sollten, diese Performance noch einmal irgendwo zu sehen: macht das mal. Hypnotisch.

Abends platt und müde bei meinen Eltern Reste des sonntäglichen Festessens verspeist, ein Herri getrunken (auch schon sehr lange nicht mehr gemacht), um zehn ins Bett, weil wirklich fertig. Dass Kunstgucken immer so anstrengend ist!

Wobei ich auch deswegen platt war, weil sich mein Introvert’s Hangover meldete. Ich leide nur bedingt körperlich vor mich hin, mein Öhrchen piept manchmal tinnitusmäßig, aber es geht immer wieder weg, sobald ich Ruhe habe, und ich bin verspannt, aber ich glaube, in bin immer verspannt. Ich merke aber, dass ich immer gnatziger und kurz angebundener werde, jede Smalltalk-Minute macht mich aggressiver und ich werde schlicht unleidlich, obwohl ich es gar nicht sein will. Der Sonntag hatte mich durch die vielen Menschen schon sehr gestresst, obwohl ich ihn genossen hatte, und Montag abend waren einfach alle Reserven verbraucht.

Dienstag: Halle

Auf der Zugfahrt nach Halle konnte ich die Reserven wieder auffüllen. Dazu reichten ein schöner Sitzplatz am Fenster und die Noise-Cancelling-Kopfhörer und schon war ich eine Stunde in meiner eigenen kleinen Blase. Danach ging es mir deutlich besser.

Die Moritzburg in Halle hatte Ende letzten Jahres ihre ständige Sammlung zur Kunst der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts neu gehängt; eine Leserin machte mich freundlicherweise darauf aufmerksam. Ich zitiere von der Website – der Text findet sich auch im begleitenden Blog zur Neuhängung:

„Etwas Besonderes stellt die Inszenierung der Kunst entlang der drei politischen Systeme in der ersten Jahrhunderthälfte dar und hierbei besonders die Thematisierung der Kunst im „Dritten Reich“. In einer diskursiven Gegenüberstellung wird sowohl das Fortwirken der Moderne in den 1930er und 1940er Jahren vorgestellt als auch die von den Nationalsozialisten offiziell anerkannte Kunst. Damit beschreitet das Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale) unter den Kunstmuseen in Deutschland einen neuen Weg in der Auseinandersetzung mit der eigenen Institutionsgeschichte sowie mit der deutschen Kunstgeschichte und der daraus abgeleiteten Präsentation der Sammlungsbestände.“

Das würde ich heftig abnicken. Ich bin blöderweise davon ausgegangen, dass es zur Neupräsentation einen Katalog geben würde, daher habe ich nicht fotografiert, weder Werke noch Beschriftungen, und als uns nach drei Stunden unten im Museumsshop klar wurde, dass es keinen gibt, war ich zu faul, nochmal hochzugehen. Daher kann ich euch jetzt keine Namen nennen, aber ich lege euch den Besuch dringend ans Herz, falls euch das Thema nicht schon zu den Ohren rauskommt, seit ich hier davon dauernd schreibe. Hier werden aktuelle Forschungsstände abgebildet bzw. als gut lesbarer Wandtext verfügbar gemacht (looking at you, Wandtexte in der Pinakothek der Moderne). Es wird klar, dass die Kunst eben nicht 1933 aufgehört und 1945, huch, wieder angefangen hat. Dass viele Maler und Malerinnen gewisse Spielräume hatten, die sie ausnutzten und eben nicht alles schwarz oder weiß war. Dass die NS-konforme Kunst noch längst nicht aufgearbeitet und dass jede Biografie anders ist und anders gelesen werden kann. (Genau das mache ich ja gerade mit Protzen.) Die wenigen Werke waren meiner Meinung nach sehr gut gewählt, weil sie eine gewisse Bandbreite abbildeten – das Grau zwischen dem Schwarz und dem Weiß halt, zwischen den Gottbegnadeten und der „entarteten Kunst“. Die Pinakothek der Moderne hat mit ihrem Saal 13 2015 (?) damit angefangen, NS-konforme Kunst in der Sammlung auszustellen, war aber einen Hauch zu zögerlich. Die Moritzburg hat das jetzt sehenswert und konsequent gemacht. Wie F., der sich seit drei Jahren meinen, Zitat, „Nazischeiß“ aufmerksam anhört und anguckt, sagte: „Saal 13, aber richtig.“

Das ganze Stockwerk war toll, nicht nur die kleine Ecke mit der Regimekunst. In der Neuen Sachlichkeit freute ich mich über zwei Bilder, die F. und ich gerade in Frankfurt bei der Weimar-Ausstellung gesehen hatten. Außerdem bewunderte ich frühe Werke von Franz Marc, die aber schon den späteren erkennen lassen, den ich ja eigentlich nicht so mag, diese Arbeiten dann aber doch. Beckmann geht ja eh immer, genau wie Lehmbruck, und ein paar Bilder halfen mir auch bei der Einordnung von Protzen weiter, zum Beispiel von Karl Völker.

Direkt nebenan ging es weiter – mit Kunst nach 1945 aus der DDR. Davon verstehe ich quasi nichts, aber den Raum fand ich bis auf seine wirre Wegeführung genauso begeisternd. Auch hier, aber ich muss nochmal betonen, davon keine Ahnung zu haben, hatte ich das Gefühl, einen aktuellen Forschungsstand präsentiert zu bekommen. F. war im letzten Jahr bereits schon einmal in der Moritzburg gewesen, und da wurde die DDR-Kunst noch verschämt als abstrakt präsentiert, so nach dem Motto, hatten wir auch. Der sozialistische Realismus wurde genauso verschwiegen wie heute eben die NS-konforme Kunst verschwiegen wird (womit ich beide keinesfalls gleichsetzen will). Nun kann man auch den Realismus anschauen, aber eben auch die Abstraktion, die Pop Art (noch nie davon in der DDR gehört) und die stetigen Auseinandersetzungen mit der vom System gewünschten Kunst. Auch hier: Spielräume. Alleine für Wolfgang Mattheuers Kain lohnt sich der Eintritt; das Bild kannte ich aus einem Uni-Seminar, wusste aber nicht, dass es hier hängt. Neu entdeckt habe ich für mich Hermann Bachmann.

Auch in diesem Museum blieben wir länger als geplant, daher war der Rest des Stadtaufenthalts kurz und schmerzlos. Ein Blick in den Dom (och jo), einen etwas längeren in die Marktkirche (die Decke!), und dann saßen wir noch knapp zwei Stunden im Schatten in einer gutbürgerlichen Kneipe, ich trank Schwarzbier, F. Pils, wir aßen Salzkrustenbraten bzw. eine Bauernpfanne und schleppten uns dann wieder in Richtung Tramhaltestelle. In den Trams war ich vorher schon von der Ansagestimme überrascht worden, denn das war die gleiche Dame, die mich in Hamburg in den Bussen der Linien 20 und 25 jahrelang genervt hatte mit ihrer Pause mitten im Namen meiner Endhaltestelle: „Kottwitz … straße.“ DAS IST EIN WORT, DU TRULLA VOM BAND!

Gegen 22 Uhr wieder in München. Endlich, seufzte ich in der U2, endlich wieder zuhause, endlich wieder allein sein.

Mittwoch: München

Urlaub vom Urlaub. Vormittags arbeitete ich kurz und erledigte beruflichen Kleinkram, dann ging ich einkaufen, um vor allem meine Brotvorräte wieder aufzufüllen – ich war ja ewig weg! –, aber dann lag ich nur noch auf dem Sofa, guckte unter anderem vier Folgen Masterchef Australia, zu denen ich am Wochenende nicht gekommen war, las, ruhte mich aus und schrieb über zwei Stunden an einem Blogeintrag *hust*. Ich muss mir meinen innerlichen Bildungsauftrag abgewöhnen. Wenn ich nur über mein Essen bloggen würde, wäre ich viel schneller fertig!

Tagebuch, Samstag, 19. Mai 2018 – Reisetag

Gestern warteten F. und ich um kurz nach 12 frohgemut am Münchner Hauptbahnhof auf unseren Zug, der uns in den Norden tragen sollte. Am Gleis gegenüber stand bereits ein ICE, der schon eine Stunde Verspätung hatte und ebenfalls in Richtung Hamburg fuhr. Ich grinste noch und bedauerte die Armen. Bereits da hätte ich wissen müssen, dass ich damit alle Göttinnen des Transports herausforderte.

Unser ICE kam dann auch schon mit 15 Minuten Verspätung an, kein Thema. Wir blieben aber trotzdem noch länger im Bahnhof stehen, weil irgendwas mit dem Triebkopf war. Mir egal, wir hatten Bücher und Getränke, saßen bequem in der 1. Klasse rum und mussten außer einer S-Bahn in Hannover keine Anschlusszüge erreichen. Eine gute halbe Stunde später als geplant starteten wir, und das einzige, was mich latent nervte, war das nicht funktionierende W-LAN. Ansonsten bekam ich mein bestelltes Baguette an den Platz, freute mich erneut und immer wieder über meine Noise-Cancelling-Kopfhörer, las die FAZ durch und guckte ab und zu im Internet nach, wie es Harry und Meghan so ging.

Den Ulysses hatte ich zwar dabei, war aber zu unkonzentriert, ihn zu lesen. Stattdessen ist bei mir gerade Hillbilly Elegy im Anschlag. Aber morgens entdeckte ich noch einen schönen Link zu einem anderen Menschen, der vor längerer Zeit mal Ulysses gelesen hatte, den empfehle ich euch mal weiter.

Dann waren wir in Göttingen.

Und da standen wir dann länger als geplant rum. Und noch länger, der Triebkopf, Sie wissen schon. Irgendwann hielt neben uns ein anderer ICE Richtung Hamburg, und über Lautsprecher wurden wir darauf hingewiesen, dass das Personal unseres Zuges nicht so sicher sei, wie lange das bei uns noch dauerte und dass wir umsteigen könnten, wenn wir wollten. Da in der 1. Klasse ja immer irgendwas frei ist und wir eh nur noch eine halbe Stunde Fahrt vor uns hatten, schnappten wir Koffer und Rucksäcke und wechselten Züge. Nach kurzer Zeit kamen dann alle, der Triebkopf war wohl doch matschiger als gedacht. Inzwischen hatten wir von München aus gesehen eine Stunde Verspätung, aber der ICE holte bis Hannover doch noch ein bisschen was rein und so kamen wir relativ entspannt an.

Den Abend verbrachten wir bei meiner Schwester und weiteren eingeladenen Verwandten, einer Gulaschkanone und Vanilleeis mit roter Grütze, wie sich das im Norden gehört. Und wie F. so schön sagte, wir haben es immerhin eine Stunde geschafft, nicht über Politik zu reden.

How to Survive Trump’s Presidency Without Losing Your Mind

In dieser Dankesrede versteckt sich eine schöne, aber trotzdem fürchterliche Parabel.

„Perhaps the most common refrain journalists hear from strangers is “I feel bad for you. I feel sad that following all this is your job.” The truth of the matter is that there is not enough hazard pay in the world. It’s hard not to want to shut it all off and just hope that some combination of Michael Avenatti, Bob Mueller, and the 2018 elections might restore normalcy. Normalcy would be nice, because weeks and months of being the head/desk emoji is hazardous to one’s mental health. Our brains, messed up from all that banging, still know something is amiss. It feels like the only way to exert any control at all over the insanity would be the capacity to turn it off.

And, of course, turning it off is exactly what a president who wants to kill the news is hoping for. Also, remember how reading and making the news are still all of our jobs?“