Tagebuch, Donnerstag, 24. Mai 2018 – Gelee

Motiviert in den Tag gestartet, um dann am Schreibtisch festzustellen, dass es ein Geleetag wird – einer dieser Tage, wo jeder Gedanke sich durch Glibber kämpft, bis irgendein Funke in den Tippfingern ankommt. Über eine Stunde an einem Absatz für einen Kundentext gefeilt, dann wenigstens noch ein Stündchen Recherche gemacht, aber auch hier: nur Gelee im Kopf.

Erstmal Kaffeepause. Vielleicht hilft das.

Half nicht. Aber immerhin hatte ich guten Kaffee und heute habe ich schönen Cold Brew. Arbeitsordner auf dem Rechner verlassen und ein bisschen im Dissertationsordner rumgewühlt, aber auch hier war nichts zu holen. Das Gute an der Selbständigkeit im Home Office: Ich muss jetzt nicht noch einen Nachmittag am Rechner totschlagen, damit meine Kolleg*innen und die Chefs denken, ich würde arbeiten. Stattdessen kann ich aufs Sofa gehen und meine Arbeit in die Zeit verschieben, in der der Kopf wieder mitmachen will.

Eine Folge Bob’s Burger, eine For the People, dann Ulysses gelesen. Ich bin endlich im Circe-Kapitel angekommen, dem Everest des ganzen Buchs, und ich ahne, dass ich darin ein bisschen versacken werde.

Brotzeit gemacht: Kürbiskernbrot, Brie, Schinken, Tomaten, Radi. Beim Hobeln von letztem ein Stück des Fingernagels des kleinen Fingers bis knapp vors Blut eingebüßt, weswegen ich gerade froh bin, nicht allzu oft das Ö tippen zu müssen, weil mein kleiner Finger momentan keinen geraden Abschluss hat; das fühlt sich sehr seltsam an auf der Tastatur. Eis als Nachtisch.

Immer noch den fiesen Ohrwurm von Christoph & Lollo, den ich seit Tagen loszuwerden versuche, aber immer, wenn ich nicht an etwas anderes denke, poppt eine Songzeile vor mir auf: „Keine Gage, keine Groupies, kein Applaus, kein Alkohol – das ist kein Vergnügen, das ist Rock’n’Roll.“

Was schön war, Sonntag bis Mittwoch, 20. bis 23. Mai 2018 – Wennebostel, Hannover, Halle, München

Sonntag: Wennebostel

Am Sonntag feierte mein Papa seinen 80. Geburtstag. Er hatte dazu die übliche Rotte an Verwandtschaft und Bekanntschaft eingeladen; der Landgasthof, in dem meine Familie quasi alles feiert von Hochzeiten bis zu Goldenen Hochzeiten, tischte wie immer bergeweise rustikale Köstlichkeiten auf, und wir ließen es uns von 11 Uhr morgens bis kurz vor 19 Uhr abends rundum gutgehen. Mich persönlich interessierte natürlich die Welfenspeise am meisten, mein allerliebster Nachtisch, von dem nie etwas übrigbleibt, was ich jedesmal anprangere. Ansonsten griff ich zum Huhn statt zum Wildschwein, genoss fiese Fertigkroketten, die ich genau deshalb nie kaufe, weil sie fies und fertig sind, aber auf einem Buffet findet ich sie super, nachmittags schmeckte eine Mascarpone-Himbeer-Torte ganz ausgezeichnet, und ich alleine vernichtete vermutlich ein bis zwei Flaschen herrlichen Kerner. Was man halt so in Landgasthöfen macht.

Mir gefiel auch der gebuchte Alleinunterhalter gut. Ich würde den Mann nie anheuern, weil er schlicht nicht zu meiner Altersklasse passt, aber ich mochte seine Professionalität sehr gerne. Er begrüßte uns alle, als wir draußen beim Empfangsschlückchen Sekt herumstanden, mit einem Lied auf dem Akkordeon und brachte fast alle dazu, Papa ein Geburtstagsständchen zu schmettern, wobei die ältere Generation weitaus textsicherer war als wir und die Generation nach uns. Danach hielt er sich wieder zurück und dudelte unaufdringliche Schlager im Hintergrund, teilweise am Keyboard selbst gespielt und gesungen, teilweise vom Band, während wir aßen und uns unterhielten. Nach Absprache mit meinen Eltern wurde dann zum Tanz aufgespielt. Irgendwann am Nachmittag verteilte er Textbücher, und wer wollte, konnte Volkslieder mit ihm singen. Ab und zu wurden Gäste mit in die Performance einbezogen, wenn sie wollten, keiner musste, alles ging. Das fand ich wirklich bemerkenswert, diese Grenze zwischen „ich muss für Stimmung sorgen“, „ich lasse alles einfach mal laufen, sorge aber für einen angenehmen Musikteppich“ und „ich unterstütze die gut gelaunte Feierlichkeit, ohne dass es peinlich oder penetrant wird“. Profi halt.

Worüber ich mich auch freute: dass meine Idee mit den ausgedruckten Fotokarten gut ankam. Meine Schwester hatte in den letzten Jahren nach und nach unsere ganzen Familienalben eingescannt und mir einen Berg an Zeug gemailt, aus dem ich Motive auswählte, die meiner Meinung nach Papas 80 Lebensjahre wenigstens punktuell abbildeten: mit seinen Eltern, mit Mama, die vor über 50 Jahren noch seine schicke, junge Verlobte war, dann mit meiner Schwester und mir, Hausbau, Urlaub, Feiern mit der Verwandtschaft, Nachbarschaftshilfe, Familienkram. Wir stellten einige Karten auf die Tische, andere aufs Buffet und es passierte genau das, was ich mir erhofft hatte: Die Menschen an den jeweiligen Tischen unterhielten sich über die Bilder bzw. die Abgebildeten, tauschten die Karten miteinander und guckten auch nach, was auf den anderen Tischen so stand. Simple Idee, prima Konversationsstarter. Profi halt. (SCNR.)

#papawird80

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Abends war ich eigentlich platt, aber ich sehe meine Schwester und ihren Mann recht selten, weswegen F. und ich den Restabend bei den beiden auf der Terrasse verbrachten. Es wurde Rotwein gereicht und Pastis (Haselnussgeist für die Anti-Anis-Fraktion wie mich), wir vernichteten ein Kilo Nüsschen und ich stellte erstaunt fest, dass bestimmte Räucherstäbchen wirklich gegen Mücken halfen. Eigentlich stellte ich das erst einen Abends später bei meinen Eltern auf der Terrasse fest, wo ich ohne Räucherstäbchen fies gestochen wurde.

Spät und müde ins Bett.

Montag: Hannover

Früh und müde wieder wach. Keine Ahnung warum, aber F. und ich waren beide gefühlt vor 6 wach (ich auf jeden Fall). Wir hatten das Sprengelmuseum in Hannover geplant, das um 10 öffnete. Pfingstmontag war kein richtiger Montag, wo die meisten Museen geschlossen haben, aber der S-Bahn Hannover war das egal. Aus unserem kleinen Dörfchen fuhr nur jede Stunde eine Bahn, weswegen wir aber immerhin eine gute Ausrede hatten, um nicht noch stundenlang mit der Familie und der Verwandtschaft zu frühstücken – „wir müssen los, die S-Bahn, Feiertag und so“.

Auf dem Weg zum Bahnhof zeigte ich F. noch meinen Lieblingsjesus, der in der Kirche hängt, in der ich getauft und konfirmiert wurde und in der man mich meistens am Heiligen Abend antrifft, wo ich bei Weihnachtsliedern heule. Hier sieht man den Jesus im Header und auf dem Bild zum Abschnitt Gründonnerstag; ich selbst habe ernsthaft kein Foto von der Skulptur. (Memo to me: machen.) Ich mag an dieser Jesus-Darstellung die Gradlinigkeit, die Schlichtheit und dass die Figur nicht als Mensch an einem Kreuz hängt oder steht, sondern selbst das Kreuz bildet. Es sieht dabei aber nicht nach Leiden und Tod aus, sondern nach ausgebreiteten, empfangenden Armen. Er trägt keine Dornenkrone, und ich meine, selbst die Stigmata sind nicht zu sehen.

Ich mag voreingenommen sein, weil ich auf diesen Jesus seit über 40 Jahren gucke, aber ich kenne keine weitere Darstellung, die mir ähnlich gut gefällt, und ich habe gerade in den letzten Jahren des Studiums wirklich bergeweise gesehen. Das Gerokreuz im Kölner Dom kommt ihm in meiner Zuneigung recht nahe, wohl auch, weil es Jesus ebenfalls eher als Mensch denn als Gott zeigt.

Ich kannte das Sprengelmuseum größtenteils, aber F. noch nicht, und so ließ ich ihn bestimmen, wo er hinwollte. Okay, fast: Zuerst zerrte ich ihn in die Lichträume von James Turrell, die ich sehr liebe. Vor allem den, in dem man in absoluter Finsternis sitzt, bis sich nach sechs, sieben Minuten die Augen an das Fehlen von fast allem Licht gewöhnt haben und man ein Rechteck? einen schmalen Streifen? ein Kreissegment? aus Licht wahrnimmt, das vor einem in nicht bestimmbarer Entfernung auftaucht.

Wir gingen recht schnell durch die Kunst nach 45, die äußerst luftig hängt, das hatte ich etwas enger in Erinnerung. Aber: Das Museum hat seit Kurzem einen neuen, großen Anbau, und in dem hing dann auch all das, an was ich mich erinnerte, vor allem die Neue Sachlichkeit, die ich besonders sehen wollte. (Mein Liebling: das Mädchen im Café von Ernst Thoms. Darauf freute ich mich genau wie auf die Lichtspiele Turrells.) Was mir auch auffiel: Allmählich scheint sich der Umgang mit systemkonformer Kunst zwischen 1933 und 1945 zu ändern. Anstatt diese Zeit still zu übergehen, hängen wenigstens ein paar Exponate, zum Beispiel von Adolf Wissel oder Georg Schrimpf, an denen bzw. deren Begleittexten die gebrochenen oder konstanten Biografien ganz gut sichtbar werden.

Was der Anbau übrigens auch hat: ein großes Panoramafenster, von dem man auf den Maschsee gucken kann, bequem auf zwei Sofas. Man kann dabei auch einen Film über Arno Breker gucken, aber wir sahen lieber dem Regattastart der Drachenboote zu. Aber später bei einem Eiskaffee im Museumscafé guckten wir dann brav auf ein NS-Kunstwerk am See.

Im Untergeschoss waren wir schon recht müdegesehen, aber natürlich musste der Merzbau sein. Ich konnte mich nicht daran erinnern, schon einmal im El-Lissitzky-Kabinett gewesen zu sein, aber das machte uns wirklich wieder wach, was der Sinn der ganzen Raumgestaltung war. Man konnte Schaukästen kippen und Bilderleisten verschieben, und mit sowas kriegt man mich ja immer. Mal eben eine Wand vor einen Mondrian ziehen, warum nicht?

Ganz zum Schluss huschten wir noch in eine kleine Ausstellung mit Werken von Hans Uhlmann und Günter Haese, von denen mich letzterer total begeisterte. Er stellte aus dünnstem Draht, Uhrenfedern und ähnlich winzig-fragilen Metallgegenständen abstrakte Skulpturen her, die mich schlicht faszinierten. Hier sieht man ein paar von ihnen. Gerade die goldfarbenen Objekte erinnerten mich an die Eldorado-Ausstellung, die ich als Kind gesehen hatte: ein Überfluss an Reichtum und Schätzen. Hier ist es deutlich billigeres Material, aber der Gesamteindruck war der gleiche: ein Geschenk an Farbe, Material und Raumgestaltung. Leider waren wir beide doch recht platt, weswegen wir diesen Ausstellungen nicht mehr genügend Zeit ließen.


Die von Niki de Saint-Phalle gestaltete Grotte in den Herrenhäuser Gärten. Künstlerische Darstellungen von dicken Frauen haben bei mir immer gewonnen.

Nach einer Stärkung im Café ging es in die Herrenhäuser Gärten. Erstens, weil man in die halt reingeht, wenn man als Touri in Hannover ist, und zweitens, weil die Performance This here and that there von Vlatka Horvat angekündigt war, die spannend klang. Die Künstlerin und ihre drei Mitstreiterinnen bespielten die sogenannten Schwanenbecken, vier quadratische, flache Wasserbecken. Dort stellten sie Stühle in gewisse Formationen, lösten diese wieder auf und schufen neue Anordnungen. Das ganze lief an drei Tagen für jeweils acht Stunden, wofür ich die Damen sehr bewundere. Wir erwarteten nicht viel, saßen aber gebannt über eine halbe Stunde zwischen zwei Becken, und wenn meine Eltern uns nicht zum Abendessen erwartet hätten, wären wir bis zum Ende um 19 Uhr gelieben.

Es hört sich so simpel an – da stellen halt Leute Muster aus Stühlen ins Wasser –, aber genau diese Muster, die entstanden und wieder zerstört wurden, entwickelten eine spannende Dynamik, auf die ich gar nicht vorbereitet war. Ich wollte da eigentlich nur sitzen und nicht mehr rumlaufen müssen, es war schattig, ein leichter Wind ging, wir hatten eine bequeme Bank und Wasser, wir hätten einfach rumlungern können. Ich konnte mich aber nur kurz entspannen, denn erstaunlicherweise guckte ich den entstehenden Mustern und Formationen doch atemloser zu als erwartet. Im Becken rechts von uns entstanden aus den Stühlen gerade zwei Viertelkreise, und ich empfand es als unglaublich befriedigend, als aus den einzelnen, teilweise schräg gestellten Stühlen zwei herrlich symmetrische Kreisteile wurden. Genauso unbefriedigend bzw. aufwühlend empfand ich es aber, als dann nach einer kurzen Ruhezeit, in der das Bild einfach stand, Stühle wieder entfernt wurden und die Symmetrie brutal zerstört wurde. Jedenfalls kam es mir brutal vor. So ging es mir auch mit dem Bild, das im linken Becken enstand. Wir kamen an, als verschiedene Stuhlgrüppchen so standen wie Wartezimmeranordnungen oder an Flughäfen, mal hier ein Grüppchen, dann eins da drüben. Nach und nach entstanden vier Reihen, die aufeinander zuliefen, was die gleiche Befriedigung bei mir auslöste wie die Kreissegmente. Auf einmal war alles gut, alles passte, nichts anfassen bitte. Daran hielt sich die Künstlerin natürlich nicht, sondern nahm mal hier, mal dort einen Stuhl weg oder drehte ihn seitwärts, alles langsam, alles gemächlich, das Wasser plätscherte vor sich hin, die Blätter der Bäume und Hecken um uns herum rauschten im leichten Wind, es hätte alles so schön sein können, aber nein, es musste ja jemand aus einer perfekten Linie eine unperfekte machen!

Falls ihr die Chance haben sollten, diese Performance noch einmal irgendwo zu sehen: macht das mal. Hypnotisch.

Abends platt und müde bei meinen Eltern Reste des sonntäglichen Festessens verspeist, ein Herri getrunken (auch schon sehr lange nicht mehr gemacht), um zehn ins Bett, weil wirklich fertig. Dass Kunstgucken immer so anstrengend ist!

Wobei ich auch deswegen platt war, weil sich mein Introvert’s Hangover meldete. Ich leide nur bedingt körperlich vor mich hin, mein Öhrchen piept manchmal tinnitusmäßig, aber es geht immer wieder weg, sobald ich Ruhe habe, und ich bin verspannt, aber ich glaube, in bin immer verspannt. Ich merke aber, dass ich immer gnatziger und kurz angebundener werde, jede Smalltalk-Minute macht mich aggressiver und ich werde schlicht unleidlich, obwohl ich es gar nicht sein will. Der Sonntag hatte mich durch die vielen Menschen schon sehr gestresst, obwohl ich ihn genossen hatte, und Montag abend waren einfach alle Reserven verbraucht.

Dienstag: Halle

Auf der Zugfahrt nach Halle konnte ich die Reserven wieder auffüllen. Dazu reichten ein schöner Sitzplatz am Fenster und die Noise-Cancelling-Kopfhörer und schon war ich eine Stunde in meiner eigenen kleinen Blase. Danach ging es mir deutlich besser.

Die Moritzburg in Halle hatte Ende letzten Jahres ihre ständige Sammlung zur Kunst der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts neu gehängt; eine Leserin machte mich freundlicherweise darauf aufmerksam. Ich zitiere von der Website – der Text findet sich auch im begleitenden Blog zur Neuhängung:

„Etwas Besonderes stellt die Inszenierung der Kunst entlang der drei politischen Systeme in der ersten Jahrhunderthälfte dar und hierbei besonders die Thematisierung der Kunst im „Dritten Reich“. In einer diskursiven Gegenüberstellung wird sowohl das Fortwirken der Moderne in den 1930er und 1940er Jahren vorgestellt als auch die von den Nationalsozialisten offiziell anerkannte Kunst. Damit beschreitet das Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale) unter den Kunstmuseen in Deutschland einen neuen Weg in der Auseinandersetzung mit der eigenen Institutionsgeschichte sowie mit der deutschen Kunstgeschichte und der daraus abgeleiteten Präsentation der Sammlungsbestände.“

Das würde ich heftig abnicken. Ich bin blöderweise davon ausgegangen, dass es zur Neupräsentation einen Katalog geben würde, daher habe ich nicht fotografiert, weder Werke noch Beschriftungen, und als uns nach drei Stunden unten im Museumsshop klar wurde, dass es keinen gibt, war ich zu faul, nochmal hochzugehen. Daher kann ich euch jetzt keine Namen nennen, aber ich lege euch den Besuch dringend ans Herz, falls euch das Thema nicht schon zu den Ohren rauskommt, seit ich hier davon dauernd schreibe. Hier werden aktuelle Forschungsstände abgebildet bzw. als gut lesbarer Wandtext verfügbar gemacht (looking at you, Wandtexte in der Pinakothek der Moderne). Es wird klar, dass die Kunst eben nicht 1933 aufgehört und 1945, huch, wieder angefangen hat. Dass viele Maler und Malerinnen gewisse Spielräume hatten, die sie ausnutzten und eben nicht alles schwarz oder weiß war. Dass die NS-konforme Kunst noch längst nicht aufgearbeitet und dass jede Biografie anders ist und anders gelesen werden kann. (Genau das mache ich ja gerade mit Protzen.) Die wenigen Werke waren meiner Meinung nach sehr gut gewählt, weil sie eine gewisse Bandbreite abbildeten – das Grau zwischen dem Schwarz und dem Weiß halt, zwischen den Gottbegnadeten und der „entarteten Kunst“. Die Pinakothek der Moderne hat mit ihrem Saal 13 2015 (?) damit angefangen, NS-konforme Kunst in der Sammlung auszustellen, war aber einen Hauch zu zögerlich. Die Moritzburg hat das jetzt sehenswert und konsequent gemacht. Wie F., der sich seit drei Jahren meinen, Zitat, „Nazischeiß“ aufmerksam anhört und anguckt, sagte: „Saal 13, aber richtig.“

Das ganze Stockwerk war toll, nicht nur die kleine Ecke mit der Regimekunst. In der Neuen Sachlichkeit freute ich mich über zwei Bilder, die F. und ich gerade in Frankfurt bei der Weimar-Ausstellung gesehen hatten. Außerdem bewunderte ich frühe Werke von Franz Marc, die aber schon den späteren erkennen lassen, den ich ja eigentlich nicht so mag, diese Arbeiten dann aber doch. Beckmann geht ja eh immer, genau wie Lehmbruck, und ein paar Bilder halfen mir auch bei der Einordnung von Protzen weiter, zum Beispiel von Karl Völker.

Direkt nebenan ging es weiter – mit Kunst nach 1945 aus der DDR. Davon verstehe ich quasi nichts, aber den Raum fand ich bis auf seine wirre Wegeführung genauso begeisternd. Auch hier, aber ich muss nochmal betonen, davon keine Ahnung zu haben, hatte ich das Gefühl, einen aktuellen Forschungsstand präsentiert zu bekommen. F. war im letzten Jahr bereits schon einmal in der Moritzburg gewesen, und da wurde die DDR-Kunst noch verschämt als abstrakt präsentiert, so nach dem Motto, hatten wir auch. Der sozialistische Realismus wurde genauso verschwiegen wie heute eben die NS-konforme Kunst verschwiegen wird (womit ich beide keinesfalls gleichsetzen will). Nun kann man auch den Realismus anschauen, aber eben auch die Abstraktion, die Pop Art (noch nie davon in der DDR gehört) und die stetigen Auseinandersetzungen mit der vom System gewünschten Kunst. Auch hier: Spielräume. Alleine für Wolfgang Mattheuers Kain lohnt sich der Eintritt; das Bild kannte ich aus einem Uni-Seminar, wusste aber nicht, dass es hier hängt. Neu entdeckt habe ich für mich Hermann Bachmann.

Auch in diesem Museum blieben wir länger als geplant, daher war der Rest des Stadtaufenthalts kurz und schmerzlos. Ein Blick in den Dom (och jo), einen etwas längeren in die Marktkirche (die Decke!), und dann saßen wir noch knapp zwei Stunden im Schatten in einer gutbürgerlichen Kneipe, ich trank Schwarzbier, F. Pils, wir aßen Salzkrustenbraten bzw. eine Bauernpfanne und schleppten uns dann wieder in Richtung Tramhaltestelle. In den Trams war ich vorher schon von der Ansagestimme überrascht worden, denn das war die gleiche Dame, die mich in Hamburg in den Bussen der Linien 20 und 25 jahrelang genervt hatte mit ihrer Pause mitten im Namen meiner Endhaltestelle: „Kottwitz … straße.“ DAS IST EIN WORT, DU TRULLA VOM BAND!

Gegen 22 Uhr wieder in München. Endlich, seufzte ich in der U2, endlich wieder zuhause, endlich wieder allein sein.

Mittwoch: München

Urlaub vom Urlaub. Vormittags arbeitete ich kurz und erledigte beruflichen Kleinkram, dann ging ich einkaufen, um vor allem meine Brotvorräte wieder aufzufüllen – ich war ja ewig weg! –, aber dann lag ich nur noch auf dem Sofa, guckte unter anderem vier Folgen Masterchef Australia, zu denen ich am Wochenende nicht gekommen war, las, ruhte mich aus und schrieb über zwei Stunden an einem Blogeintrag *hust*. Ich muss mir meinen innerlichen Bildungsauftrag abgewöhnen. Wenn ich nur über mein Essen bloggen würde, wäre ich viel schneller fertig!

Tagebuch, Samstag, 19. Mai 2018 – Reisetag

Gestern warteten F. und ich um kurz nach 12 frohgemut am Münchner Hauptbahnhof auf unseren Zug, der uns in den Norden tragen sollte. Am Gleis gegenüber stand bereits ein ICE, der schon eine Stunde Verspätung hatte und ebenfalls in Richtung Hamburg fuhr. Ich grinste noch und bedauerte die Armen. Bereits da hätte ich wissen müssen, dass ich damit alle Göttinnen des Transports herausforderte.

Unser ICE kam dann auch schon mit 15 Minuten Verspätung an, kein Thema. Wir blieben aber trotzdem noch länger im Bahnhof stehen, weil irgendwas mit dem Triebkopf war. Mir egal, wir hatten Bücher und Getränke, saßen bequem in der 1. Klasse rum und mussten außer einer S-Bahn in Hannover keine Anschlusszüge erreichen. Eine gute halbe Stunde später als geplant starteten wir, und das einzige, was mich latent nervte, war das nicht funktionierende W-LAN. Ansonsten bekam ich mein bestelltes Baguette an den Platz, freute mich erneut und immer wieder über meine Noise-Cancelling-Kopfhörer, las die FAZ durch und guckte ab und zu im Internet nach, wie es Harry und Meghan so ging.

Den Ulysses hatte ich zwar dabei, war aber zu unkonzentriert, ihn zu lesen. Stattdessen ist bei mir gerade Hillbilly Elegy im Anschlag. Aber morgens entdeckte ich noch einen schönen Link zu einem anderen Menschen, der vor längerer Zeit mal Ulysses gelesen hatte, den empfehle ich euch mal weiter.

Dann waren wir in Göttingen.

Und da standen wir dann länger als geplant rum. Und noch länger, der Triebkopf, Sie wissen schon. Irgendwann hielt neben uns ein anderer ICE Richtung Hamburg, und über Lautsprecher wurden wir darauf hingewiesen, dass das Personal unseres Zuges nicht so sicher sei, wie lange das bei uns noch dauerte und dass wir umsteigen könnten, wenn wir wollten. Da in der 1. Klasse ja immer irgendwas frei ist und wir eh nur noch eine halbe Stunde Fahrt vor uns hatten, schnappten wir Koffer und Rucksäcke und wechselten Züge. Nach kurzer Zeit kamen dann alle, der Triebkopf war wohl doch matschiger als gedacht. Inzwischen hatten wir von München aus gesehen eine Stunde Verspätung, aber der ICE holte bis Hannover doch noch ein bisschen was rein und so kamen wir relativ entspannt an.

Den Abend verbrachten wir bei meiner Schwester und weiteren eingeladenen Verwandten, einer Gulaschkanone und Vanilleeis mit roter Grütze, wie sich das im Norden gehört. Und wie F. so schön sagte, wir haben es immerhin eine Stunde geschafft, nicht über Politik zu reden.

How to Survive Trump’s Presidency Without Losing Your Mind

In dieser Dankesrede versteckt sich eine schöne, aber trotzdem fürchterliche Parabel.

„Perhaps the most common refrain journalists hear from strangers is “I feel bad for you. I feel sad that following all this is your job.” The truth of the matter is that there is not enough hazard pay in the world. It’s hard not to want to shut it all off and just hope that some combination of Michael Avenatti, Bob Mueller, and the 2018 elections might restore normalcy. Normalcy would be nice, because weeks and months of being the head/desk emoji is hazardous to one’s mental health. Our brains, messed up from all that banging, still know something is amiss. It feels like the only way to exert any control at all over the insanity would be the capacity to turn it off.

And, of course, turning it off is exactly what a president who wants to kill the news is hoping for. Also, remember how reading and making the news are still all of our jobs?“

Tagebuch, Freitag, 18. Mai 2018 – Lesen und Schreiben

Vormittags ein Kundentelefonat gehabt, dann an mehreren Jobs gearbeitet.

Ein Geschenk für meinen Papa eingepackt, der heute Geburtstag hat.

Ein Leserinnengeschenk ausgelesen; das Büchlein hat genau für zwei Zugfahrten und ein halbes Stündchen auf der Couch gereicht und ich kann es sehr empfehlen. Ich zitiere nochmal die Rezension in der FAZ, denn sie bringt es auf den Punkt: „Terhoeven erzählt nicht zum wiederholten Male die Geschichte der Attentate und der entsprechenden staatlichen Reaktionen nach, sondern bietet eine systematische Einordnung von Vorgeschichte und Entwicklung der RAF.“ Und das alles sehr gut lesbar.

Has Wine Gone Bad?

Eine längere Abhandlung über natural wine und wie viel toller er ist als die olle Industrieplörre. So liest sich der Artikel jedenfalls über weite Strecken hinweg. Ich muss gestehen, ich habe noch keinen natural wine im Glas gehabt, bei dem ich nach diesem einen Glas dachte, ich hätte gerne noch ein zweites oder eine Kiste davon, ganz im Gegenteil. Vielleicht hatte ich bisher einfach Pech, aber ehe ich mich weiter durch literweise Pseudo-Cidre oder schwefeligen Apfelmost trinke, bleibe ich doch lieber beim total unbiologischen Massenwein. Der schmeckt mir nämlich schlicht besser.

Aber den Artikel fand ich trotzdem sehr lesenswert.

„The rise of natural wine has seen these unusual bottles become a staple at many of the world’s most acclaimed restaurants – Noma, Mugaritz in San Sebastian, Hibiscus in London – championed by sommeliers who believe that traditional wines have become too processed, and out of step with a food culture that prizes all things local. A recent study showed that 38% of wine lists in London now feature at least one organic, biodynamic or natural wine (the categories can overlap) – more than three times as many as in 2016. “Natural wines are in vogue,” reported the Times last year. “The weird and wonderful flavours will assault your senses with all sorts of wacky scents and quirky flavours.”

As natural wine has grown, it has made enemies. To its many detractors, it is a form of luddism, a sort of viticultural anti-vax movement that lauds the cidery, vinegary faults that science has spent the past century painstakingly eradicating. According to this view, natural wine is a cult intent on rolling back progress in favour of wine best suited to the tastes of Roman peasants. The Spectator has likened it to “flawed cider or rotten sherry” and the Observer to “an acrid, grim burst of acid that makes you want to cry”.“

(via Kaltmamsell)

Was schön war, Mittwoch/Donnerstag, 16./17. Mai 2018 – Eichhörnchenvorlesung und Kunstarchiv

Mittwoch ist Eichhörnchenvorlesungstag! So nenne ich bekanntlich die Vorlesung, die sich mit den Werkzeugen der modernen Malerei befasst. In der dieswöchigen Sitzung ging es um Farben, also nicht um ein Werkzeug, sondern um ein Material, aber auch hier lernte ich wieder tausend Kleinigkeiten, die mein Bild der Malerei um wichtige Bruchstücke ergänzten.

Wir begannen mit einer kleinen Einführung in die Geschichte der Farbherstellung, also wie aus Pigmenten und Bindemitteln die Farbe wird, die auf der Holztafel oder der Leinwand landet. Schon die Namen der alten Farben lassen erkennen, wie weit der Weg der Pigmente war, bis sie im zentralen Europa benutzt wurden. Das ist leider auch wieder so ein westlich-europäisches Denken – die Farben wurden natürlich auch in Asien und Afrika benutzt, wo diese Namen weitaus weniger Sinn ergaben. In Indigo steckt Indien (Bengalen) drin, und ich lernte die Indigo-Unruhen kennen, der mir bis dahin unbekannt war. Ultramarin („über das Meer“) wurde aus Lapizlazuli gewonnen, das hauptsächlich in Afghanistan abgebaut wurde (seitdem denke ich über die Farbe der afghanischen Burkas nach, bei denen ich mich schon länger gefragt habe: wieso sind die blau und nicht schwarz wie in arabischen Ländern die Frauengewänder?). Ich lernte, dass in der Renaissance die beauftragten Maler ihre Materialien genauso wie ihre Arbeitszeit abrechneten und dass Gold und Ultramarin extrem teuer waren, weswegen mit diesen Farbtönen nur die wichtigsten Bilddetails gemalt wurden (der Himmel als Goldgrund, das dunkelblaue Gewand der Maria). In Türkis steckt die Türkei, in Orange die exotische Frucht, in Indisch-Gelb … okay, das ist selbsterklärend. Was ich aber noch nicht wusste: Diese Farbe entstand aus dem Urin von Kühen, die mit Mangos gefüttert worden waren.

In diesem Zusammenhang lernte ich auch, dass Pigmente mit zu den ersten Dingen gehörten, die global gehandelt wurden. Einen wirtschaftlichen Buchtipp des Dozenten dazu lieh ich mir gleich aus. Und dazu noch ein Buch, das er empfahl, in dem es unter anderem um die schon angesprochenen Künstlerrechnungen geht und was sie uns über die Malerei der Renaissance verraten.

Wir kamen noch einmal auf den intellektuellen Kampf zwischen Linie und Farbe, disegno/colore, zu sprechen, der in der Renaissance begann, sich aber bis ins 19. Jahrhundert fortsetzte. Die beiden Spielarten der Malerei wurden gerne als männlich/weiblich positioniert, siehe das Bild von Il Guercino im Wikipedia-Link zu disegno. Das ging so weit, dass Charles Blanc in seinem Buch Grammaire des arts du dessin (1867) davon sprach, dass die Farbe nie die Macht über die Linie gewinnen dürfe, sonst würde sie die Malerei ruinieren so wie Eva die Welt ruiniert hätte. (Hier bitte das übliche Augenrollen meinerseits dazu denken.) Wir sahen auch wieder ein Bild von Gérôme, Der Farbenhändler (1890), in dem man, wenn man will, die Farbtöpfe mit den Pigmenten und den Stößel als weiblich/männlich interpretieren kann.

Wir sprachen dann über den Übergang von Tempera- zu Ölfarben, mit denen sich die Möglichkeiten der Darstellung deutlich veränderten. Weil Ölfarbe länger braucht, bis sie trocknet, kann man sie dementsprechend länger verarbeiten, verändern, mischen, während Tempera kaum noch nachträgliche Änderungen möglich macht. Vor allem für die Darstellung von menschlicher Haut und ihrer sinnlichen Qualitäten wurde Ölfarbe geschätzt, bis im 19. Jahrhundert der Historismus eine Zäsur schuf. Die Präraffaeliten in England sowie die Nazarener im deutschsprachigen Raum orientierten sich eher an alten Bildmotiven bzw. Malstil, während in Frankreich viele Künstler bewusst wieder zur Temperafarbe griffen, um der akademischen Ölmalerei etwas entgegenzusetzen.

Im 20. Jahrhundert bewarb Magna Paint ihre Acrylfarbe mit dem (sinngemäßgen) Slogan: „Die erste neue Farbe seit 500 Jahren.“ Ob das völlig stimmt, ließ der Dozent mal dahingestellt, aber: Die Acrylfarbe veränderte die Malerei erneut, ähnlich wie die industrielle Herstellung von Farben Ende des 19. Jahrhunderts den Welthandel mit Pigmenten veränderte bzw. zum Erliegen brachte. Anfang des 20. Jahrhunderts war übrigens das Deutsche Reich führend in der Herstellung; 90 Prozent aller Industriefarben stammten daher. Die zwei Weltkriege veränderten aber auch diese Industrie bzw. den Welthandel damit. (Ich wundere mich ja immer noch, was wir alles verkackt haben in unserer Geschichte. Es kommen immer wieder Details dazu, die ich noch nicht kannte.)

Zurück zur Acrylfarbe. Wir sahen unter anderem ein Bild von Thomas Hart Benton, dem Lehrer von Jackson Pollock, der mit der Moderne haderte. Sein Wandgemälde Instruments of Power from America Today (1930/31) besteht zum Teil aus Tempera, ein bewusst gewähltes Material. Pollock hingegen verwendete bewusst Acrylfarbe bzw. Autolack, der nicht nur andere Farbtöne aufwies, sondern sich auch anders auf seinem Malgrund verteilen ließ. Autolack kam im Eimer und musste nicht mehr auf Paletten angemischt werden; seine Drip Paintings wären mit althergebrachten Materialien gar nicht möglich gewesen. Er sagte 1951 in einem Interview: „Each age finds its own technique.“ Ich musste sofort an die Videokunst der 70er und 80er Jahre denken, die heute nicht mehr von anfälligen Bändern und Videorekordern abgespielt wird, sondern schon auf DVD existiert (noch). Oder die ersten Kunstwerke, die sich mit Computern und dem Internet auseinandersetzten und schon heute total veraltet aussehen, obwohl sie gerade mal 20 bis 30 Jahre alt sind. Gleichzeitig denke ich aber über die Renaissance der Malerei nach wie sie zum Beispiel Neo Rauch betreibt, der für meinen Geschmack immer barocker wird.

Gestern saß ich dann wieder im Kunstarchiv in Nürnberg und wühlte den Nachlass von Protzen ein zweites Mal durch. Seit dem ersten Durchgang hatte ich viel gelesen und mich weiter in dieser Zeit umgeschaut, aber vor allem hatte mein Kopf die Gelegenheit, alles sacken zu lassen. So sah ich gestern Dinge, die mir beim ersten Anschauen nicht aufgefallen waren. Zum Beispiel hatte ich seine vielen privaten Fotoalben nur flüchtig durchgeblättert, sah nun aber, dass viele Motive aus Urlauben oder von Wochenendausfahren sich in seinen Gemälden wiederfanden. Ich sah Ölbilder, die eindeutig auf die Grafikmappe von 1920 rekurrierten, ich konnte Namen und Daten besser einordnen, die mir jetzt in der Korrespondenz unterkamen (die leider nicht sehr reichhaltig vorhanden ist), und ich konnte generell sein Werkverzeichnis etwas aufmerksamer anschauen als beim ersten Mal, weil ich inzwischen ein bisschen besser weiß, wo ich hinmöchte.

Außerdem durfte ich gestern die 15 Kisten des noch unverzeichneten Nachlasses nummerieren und habe mir brav notiert, was ich in welcher Kiste oder Mappe finde; das wird mir bei den nächsten Durchgängen sehr helfen. Dass es noch weitere Durchgänge geben wird, ist klar, aber jetzt warte ich erstmal auf ein paar Antworten per Mail bzw. schreibe noch an weitere Menschen, Firmen und Institutionen, von denen ich mir Auskünfte erhoffe. Das wird! (Hoffe ich.)

Tagebuch, Dienstag, 15. Mai 2018 – Hilfestellung

Förderpreise 2018 der Landeshauptstadt München

Wir sprachen im letzten Podcast über die Ausstellung der Preisanwärter*innen. Gestern wurden die Gewinner verkündet. Ich freue mich sehr über die Auszeichnung im Bereich Schmuck für Annamaria Leiste, die mir persönlich in dieser Kategorie auch am besten gefallen hat. Auch die Siegerin im Bereich Fotografie, Mara Pollak, war eine meiner Favoritinnen; hier der Link zum ausgestellten Projekt „Zurückgebaut“, das ich sehr mochte und Florian eher doof fand. Einen Instagram-Stream hat die gute Frau auch, sehr schön, gleich mal folgen.

Beim Design von Christian Zanzotti waren wir uns halbwegs einig: die Whiskyflasche ist furchtbar, das Motorrad aber schon sehr geil. Auch die Arbeiten der Architektin Sofia Dona (Winterschlaf bzw. Herbarium) gefielen uns allen. Bei Philipp Gufflers Arbeit waren wir uns nicht einig, und das Werk von Babylonia Constantinides habe ich peinlicherweise übersehen, obwohl ich es aus dem Nebenraum schon gehört habe. Ich mochte ihre Installation Radiation Room bei Neue Favoriten III im Lenbachhaus allerdings sehr gern.

Tom Wolfe, Author of ‘The Right Stuff’ and ‘Bonfire of the Vanities,’ Dies

Den Mann habe ich größtenteils sehr gerne gelesen, Bonfire mehrmals. Charlotte Simmons fand ich allerdings sehr grützig. Die NYT versammelt noch mal ihre Rezensionen.

„Once asked to describe his get-up, Mr. Wolfe replied brightly, “Neo-pretentious.”

It was a typically wry response from a writer who found delight in lacerating the pretentiousness of others. He had a pitiless eye and a penchant for spotting trends and then giving them names, some of which — like “Radical Chic” and “the Me Decade” — became American idioms.

His talent as a writer and caricaturist was evident from the start in his verbal pyrotechnics and perfect mimicry of speech patterns, his meticulous reporting, and his creative use of pop language and explosive punctuation.

“As a titlist of flamboyance he is without peer in the Western world,” Joseph Epstein wrote in the The New Republic. “His prose style is normally shotgun baroque, sometimes edging over into machine-gun rococo, as in his article on Las Vegas which begins by repeating the word ‘hernia’ 57 times.”“

Ansonsten war gestern ein Tag, an dem ich nur Hilfestellung leisten konnte. Ein mir nahestehender Mensch kämpft gerade mit alten Dämonen, und ich konnte immerhin da sein. Ich hoffe, es hat gut getan.

Tagebuch, Montag, 14. Mai 2018 – Dinge geregelt kriegen

TOP 1: zum Prüfungsamt radeln und endlich mein Masterzeugnis im Original vorlegen. Für meine Immatrikulation als Doktorandin reichte das vorläufige Zeugnis und ich musste versprechen, das Original nochmal vorzulegen, sobald es mir ausgehändigt wurde. Das habe ich natürlich total vergessen (ich war ja immatrikuliert, nach mir die Sintflut), bis letzte Woche eine freundliche Mail kam, die mich darauf hinwies, dass ich dem Amt noch was schuldig wäre (es muss was Lebendiges in den Deich). Also hingeradelt, ohne Wartezeit eingetreten, Original vorgelegt, drei mitgebrachte Kopien abgestempelt bekommen, alles da. Neben der Prüfungsamtsdame saß übrigens eine Auszubildende (?), der erklärt wurde, was hier gerade passiert. Jetzt weiß ich, dass es anscheinend Leute gibt, die per Farbkopierer Masterzeugnisse fälschen. Ich gucke ja lieber Serien, aber das klingt auch wie ein interessanter Zeitvertreib.

TOP 2: dem Lieblingshörsaal Hallo sagen. Wenn ich im Hauptgebäude in der Nähe bin, gucke ich da immer sehnsuchtsvoll rein. Ich vermisse dich, klimatisierte und optimal verdunkelbare Holzkiste mit guter Akustik und bequemen Sitzen! Team B 201 forever! Let’s get tattoos together!

TOP 3: zur Stabi radeln und ein Buch abgeben. Eigentlich kein Ding, aber wenn vor einem in der Schlange ein Mädel mit zwei Büchertaschen steht, dauert es eben doch ein bisschen. Vor allem, wenn die Hälfte der Bücher auf die Karte ihrer Schwester ausgeliehen war und sie ein paar davon jetzt auf ihre eigene und überhaupt. Ging aber alles, ich gab mein lausiges Einzelbuch ab und radelte wieder nach Hause.

TOP 4: Wäsche waschen, Teil 2. Meine Samstagswäsche war trocken, nun kam das ganze Bettzeug dran.

TOP 5: Erdbeeren mit Vanillejogurt essen. Bester Tagesordnungspunkt ever!

TOP 6: Masterchef Australia gucken. Zweitbester Tagesordnungspunkt ever! Und dank der Zeitverschiebung nach Australien schon ab ungefähr 14 Uhr in diesem Interweb möglich!

TOP 7: Mails schreiben.

– an die Unibibliothek Münster, die die gleiche Grafikmappe von Protzen im Bestand hat, die ich mir Freitag im ZI angeschaut hatte. Bei uns fehlt allerdings ein nummeriertes Blatt – nach der 2 kommt die 4 –, aber die Gesamtzahl von 20 Blättern ist korrekt, denn nach der 20 kommt noch eine unnummerierte Seite. Da es diese Mappe anscheinend nur in diesen zwei Bibliotheken gibt und die Uni Münster das Ding als RaRa-Bestand nicht als Fernleihe rausrückt, fragte ich per Mail nach, ob ihre Mappe genauso aufgebaut ist wie unsere und wenn nicht, ob ich Blatt 3 bitte als Digitalisat oder Kopie kriegen könnte. Die Bibliothek antwortete nur kurze Zeit später, dass sie die Mail an die Abteilung Historische Bestände weitergeleitet habe, und von dort meldete sich ebenfalls nur kurze Zeit später jemand, der mir sagte, dass die dortige Mappe ein Blatt 3 habe. Da Protzen aber erst 1956 verstorben und sein Werk damit noch nicht gemeinfrei ist, darf das Digitalisat nicht ins Netz gestellt werden, sondern ich muss gegen eine kleine Gebühr einen Scan bestellen, den ich dann per Mail kriege. Hin- und hergerissen gewesen zwischen Freude über die schnelle Erledigung und die tollen Möglichkeiten der Digitalisierung und Ärger über das beknackte Urheberrecht und seine bescheuerten 70 Jahre Schutzfrist.

– an das Kunstarchiv Nürnberg, wo ich Donnerstag wieder sitzen und im Nachlass von Herrn Protzen rumwühlen werde. Dafür müsste mir der Nachlass aber ausgehoben werden und darum bat ich in der Mail.

– an das Lenbachhaus, in dessen nicht-öffentlicher Bibliothek sich anscheinend das letzte Exemplar eines Katalogs zu einer Ausstellung von Protzen und seiner Frau Henny Protzen-Kundmüller von 1976 befindet. Der Nachlass der beiden, den ich gerade in Nürnberg bearbeite, wurde von Protzen-Kundmüller sowohl dem Lenbachhaus als auch der Bayerischen Staatsgemäldesammlung überlassen mit der Auflage, eine Gedächtnisausstellung auszurichten. Die haben beide nicht mehr miterlebt – Protzen starb 1956, Protzen-Kundmüller 1967 – und sie war vermutlich nicht exorbitant groß, denn der Katalog umfasst gerade 16 Seiten. Aber auch die will ich natürlich sehen. Und ich hoffe insgeheim, dass vielleicht doch ein paar Unterlagen noch im Lenbachhaus oder bei der Staatsgemäldesammlung rumliegen, die ich in Nürnberg schmerzlich vermisse.

– nochmal an das Lenbachhaus, aber an eine andere Ansprechpartnerin. Dieses Mal geht es mir um die Bestände von Protzen im Haus, von denen ich gerne eine Liste hätte. Ein Anfang war natürlich die Datenbank Gemälde in Museen – Deutschland, Österreich, Schweiz Online, bei der ich generell nachschauen kann, welches Bild sich wo befindet, aber die einzelnen Häuser verzeichnen gerne noch für mich relevante Infos wie Zugangsdatum, Ankaufspreis oder ähnliches.

– nochmal die gleiche Mail, aber dieses Mal an die Pinakotheken, die über 100 Bilder von Protzen im Depot haben. Und eins in der Ausstellung. (Theoretisch. Ich weiß gerade selbst nicht, ob es derzeit im Saal 13 hängt oder für die Klee-Ausstellung weichen musste. Oh, die könnte ich mir auch allmählich mal anschauen. TOP für heute!) Die Liste hätte ich gerne, weil mir die Online-Sammlung, so praktisch sie für den ersten Eindruck ist, nicht weiterhilft wegen der bereits bemängelten Bildrechte. Ich brauche Abbildungen!

– ans Bundesarchiv in Berlin, um die Unterlagen der Reichskammer der bildenden Künste einzusehen und zu überprüfen, ob Protzen wirklich kein Mitglied der NSDAP war, wie er es im Spruchkammerbogen angegeben hatte, der netterweise im Nachlass liegt. Ich frage nicht nach, warum er da liegt und nicht in einem Archiv, sondern freue mich über einen Weg weniger.

(Ach, wo ich gerade nach „Spruchkammerbogen“ gegoogelt habe, weil ich mir plötzlich bei der Bezeichnung unsicher war: hier ist der Bogen von Oskar Schindler aus Regensburg.)

TOP 8: Zeitung lesen, Ulysses lesen.

TOP 9: Käsebrot, Gin Tonic.

TOP 10: den Abend mit F. verbringen. Gemeinsam einschlafen.

Alles abgearbeitet!

Was schön war, Sonntag, 13. Mai 2018 – Schlafen

Einen 50-minütigen Film über James Joyce geguckt (danke an @komplizin für den Hinweis). Weiter Ulysses gelesen.

Aber ansonsten:

Tagebuch, Samstag, 12. Mai 2018 – Ürovisiong

Ausgeschlafen, einkaufen gegangen, Leergut weggebracht, Wohnung zu gefühlt 70 Prozent geputzt, den Rest ignoriert (für sowas wird man erwachsen), Betten bezogen, Wäsche gewaschen. Den Newsletter der New York Times abonniert (nur für Abonnent*innen), der mir helfen soll, die Küche vernünftig zu organisieren. Kann ich eigentlich auch alleine, aber ich mag das Konzept Newsletter inzwischen recht gerne.

Mal wieder Cold Brew genossen, seit letztem Jahr mein Lieblingsgetränk im Sommer. Ich nutze dazu immer noch diese Flasche, die ich gerne weiterempfehle: gut zu reinigen, passt in die Kühlschranktür und man erspart sich das Umfüllen, wenn der Brew durchgezogen ist. Bisher habe ich, shame on me, bereits gemahlenen Kaffee dafür benutzt, aber seit einiger Zeit achte ich ja brav darauf, was mir so in die Kaffeetasse kommt. Daher habe ich meinen Vorrat an herrlichen Kaffeebohnen durchwühlt und trinke gerade diesen Kaffee von Kolla Kaffee in Rosenheim. Damit habe ich zum ersten Mal geschmeckt, dass Kaffee eine Frucht ist. Ich schmeckte kein anderes Obst heraus oder Nüsse oder Schokolade, sondern anscheinend das Kaffeearoma. Ich würde vielleicht ein winziges bisschen auf Birne gehen, aber das kann Einbildung sein. Der Cold Brew war keine Spur säuerlich, sondern frisch und fruchtig, aber eben keine Frucht, die ich kannte. Da ersparte ich mir sogar den kleinen Schwups Milch, den ich sonst gerne in die Cold Brew kippe.

Ich trinke schwarzen, kalten Kaffee. Das hätte mir mal jemand vor ein paar Jahren prophezeien sollen.

Nachmittags natürlich den letzten Bundesliga-Spieltag in der Konferenz verfolgt. Das Augsburg-Spiel war egal, auch wenn ich ehrlich gesagt auf eine Freiburger Niederlage oder wenigstens ein Unentschieden gehofft hatte, weil ich dem Laden das 3:3 im Hinspiel immer noch übelnehme. Hat nicht funktioniert, aber war wie gesagt egal. Der Verein beendet die Saison auf dem 12. Platz, was weder Fisch noch Fleisch ist, aber eben auch nicht die Abstiegsecke, in die der FCA vor Saisonbeginn von so ziemlich allen reingeschrieben wurde. Genau wie Hannover, die hinter dem FCA auf Rang 13 ins Ziel gekommen sind.

Die ganze Saison fluchte ich wie immer über Hamburg und nölte, dass sie doch bitte endlich absteigen sollten, aber je näher das Szenario rückte, desto wimmeriger wurde ich dann doch. Der Schlussspurt im Daumendrücken war vergebens: Der letzte Verein, der seit Gründung der Bundesliga im Oberhaus dabei ist, ist seit gestern nicht mehr dort.

Keine vernünftige Tageszeitung und jetzt auch keinen Erstligaverein mehr – rechtzeitig aus der Stadt weggezogen, würde ich sagen.

(Too soon?)

Abends den Grand Prix geguckt, wie er bei mir immer noch heißt und mich sinnloserweise über die gute Platzierung des deutschen Beitrags gefreut, der mir aber dann doch eher egal war. Noch egaler war mir allerdings der Siegertitel, den ich eigentlich toll finden müsste: eine nicht-normschöne Frau singt über die #metoo-Sache, aber mir ging das Lied total auf den Zeiger.

Was aber schön war: Twitter war mal wieder Twitter, wie ich es mag: eine launige Eckkneipe, in der nicht über Politik geredet wird, sondern wo alle Drinks mit Schirmchen haben und zu schlechter Musik mitgrölen.

Einen Kakao zur guten Nacht. Auch dafür wird man erwachsen.

Was schön war, Freitag, 11. Mai 2018 – ZI und gutes Essen

Morgens mit der U-Bahn in Richtung ZI gefahren, weil ich danach noch ein Paket abholen musste, von dem ich ahnte, dass es nicht auf meinen Gepäcktrager passen und ich es daher lieber zu Fuß transportieren würde.

Über den Königsplatz gegangen.

Das ZI liegt quasi rechts vom NS-Dokumentationszentrum im oberen Bild.

Konzentriert ein paar Stündchen an der Diss gearbeitet. Ich hatte mir eine Grafikmappe von Protzen aus dem Magazin bestellt, die aus 20 Blättern besteht und von 1920 stammt, also ganz vom Anfang seiner künstlerischen Entwicklung (er begann sein Studium 1919 in München, war aber bereits ausgebildeter Grafiker). In den Grafiken setzt er sich mit seiner eigenen Internierung auf Korsika auseinander; er lebte zu Beginn des Ersten Weltkriegs in Paris und wurde als feindlicher Deutscher auf der Insel festgesetzt. Die Bilder haben mich insofern überrascht, als dass sie völlig im Stil des Futurismus gestaltet waren, ich musste sofort an Boccioni denken. Mir sind noch keine bildlichen Auseinandersetzungen mit dem Weltkrieg in diesem Stil bekannt (der ja Krieg super fand, jedenfalls bis es zum Krieg kam), aber das liegt an mir, weil mir der Futurismus auf den Zeiger geht und ich mich nur im Vorübergehen bei meiner Arbeit zu Archipenkos Schreitender Frau (1912) mal mit ihm beschäftigt habe. Weltkriegsdarstellungen verbinde ich im Kopf immer sofort mit dem Expressionismus oder der Neuen Sachlichkeit, daher waren das gestern zwei spannende Stunden für mich, die ich mit Bildbeschreibungen verbracht habe.

Danach erledigte ich Fleißarbeit. In Protzens Nachlass befinden sich bergeweise Kataloge von Ausstellungen, an denen er teilgenommen hatte. Gestern griff ich im ZI zum unerlässlichen Nachschlagewerk zu diesem Thema, nämlich Ausstellungen von deutscher Gegenwartskunst in der NS-Zeit, für die Martin Papenbrock und Gabriele Saure die Mitteilungsblätter der Reichskammer der bildenden Künste ausgewertet und ein schnell durchsuchbares Kompendium gestaltet haben, in dem man nach Künstler*innennamen, aber auch nach Ort nach Ausstellungen suchen kann. Aufgeführt sind die jeweiligen Namen der Ausstellung, wann sie wo stattfanden, wieviele Exponate gezeigt wurden und wie der Katalog aussah (Seitenanzahl, Abbildungen, im besten Fall auch, wo der Katalog noch zu finden ist – meistens bei uns im ZI, yay). Ich hatte im Nürnberger Kunstarchiv, wo Protzens Nachlass liegt, bereits eine Liste begonnen mit allen Ausstellungen, die ich dort zu ihm finden konnte, inklusive Anmerkungen, ob Bilder von ihm im Katalog abgebildet waren, die ich noch mit seinem selbst angelegten Verzeichnis seiner Ölgemälde vergleichen will. Gestern ergänzte ich diese Liste, denn einige Ausstellungen fehlten – von denen hat er sich vielleicht keinen Katalog aufgehoben oder ihn bewusst nicht in den Nachlass überführt.

Was mir blöderweise auch auffiel: Das Buch listet nur Städte auf, die heute noch zu Deutschland gehören. Ich wusste aus dem Nachlass von Ausstellungen wie „Süddeutsche Maler sehen das Ordensland“ (Danzig 1942), wo Protzen laut annotiertem Katalog 16 Bilder ausstellte und sie teilweise zu Preisen von bis zu 7000 RM verkaufte. Zur Erinnerung: Ein Facharbeiter verdiente zu dieser Zeit ungefähr 2400 RM im Jahr. 7000 ist schon eine anständige Hausnummer. Diese Ausstellung fand ich nicht bei Papenbrock/Saure, genauso wenig wie „Deutsche Künstler und die SS“ (Breslau 1944) oder „Deutsche Künstler sehen das Generalgouvernement“ (Krakau 1943), die Protzen sogar in seinem Spruchkammerbogen angab – im Sinne von „wurde vom Reich bezahlt, musste ich quasi machen, obwohl ich selbstverständlich strammer Antifaschist war“ (ich paraphrasiere hier gerade wild, ich hoffe, das ist klar).

Zur ergänzenden Fleißarbeit nahm ich mir auch die üblichen Nachschlagewerke noch einmal vor, in denen gerne Literatur auftaucht, die mir unsere Suchmaschine nicht ausspuckt. So war es auch dieses Mal, sowohl bei Ludwig als auch bei Vollmer fand ich noch Stellen, an denen ich rumwühlen kann. Außerdem vervollständigte ich meine Liste zu Protzens Ausstellungstätigkeit im Glaspalast.

Mit wieder fünfhundert neuen Geistesblitzen und Baustellen im Kopf beendete ich meine Arbeit, holte mein Paket ab, verspeiste Jogurt mit Obst und wartete darauf, dass es Abend würde, damit ich mit F. essen gehen konnte.

Wir entschieden uns wie schon oft für den Georgenhof und ich aß erstmals Kartoffelbaumkuchen, der mir etwas zu kuchig und zu wenig kartoffelig war. Aber der Teller war ausnehmend hübsch und der Rest darauf auch genau nach meinem Geschmack.

Was schön war, Donnerstag, 10. Mai 2018 – Freizeit

Gemeinsam sehr lange und entspannt in den Feiertag reingedöst.

Ebenso entspannt einen Blogeintrag verfasst und so nochmal das Theaterstück vom Dienstag und die Vorlesung von Mittwoch rekapituliert. Vielleicht sollte ich mich spaßeshalber in die Klausur reinsetzen; ich bin mir relativ sicher, die bei der ganzen Nachbereitung auch ohne Lernen bestehen zu können.

Reste der Nudeln von vorgestern abend verspeist. Gemerkt: einfach mal an alles Zitrone und Knoblauch hauen.

Wieder ein Kapitel im Ulysses in Angriff genommen. Nicht ganz fertig geworden, mich aber wieder gefreut, Ulysses zu lesen. Ich wusste, dass sich in diesem Kapitel der Sprachstil ändert und hatte mir vorgenommen, darauf zu achten, wann und wie er das tut, also ob sich das am Inhalt direkt festmachen lässt, wann das Englische vom Altenglisch zu einem etwas moderneren wird. Trotzdem habe ich diesen einen Satz, diesen einen Zeitpunkt nie mitbekommen, weil ich so mit dem Inhalt beschäftigt war. Mir ist nur irgendwann mittendrin aufgefallen, dass es sich auf einmal anders liest. Joyce, der alte DJ! Schön übergeblendet! (Oder wie immer das bei DJs heißt, wenn ein Stück ins nächste übergeht, ohne dass man es mitbekommt.)

Durch Facebook in ein 80er-Jahre-Loch auf YouTube mit Howard Jones und Nik Kershaw gefallen, jedes Wort mitgesungen und bei Rock in Rio entdeckt, dass ich eine Coverversion lieber mag als das Original, das eh nicht mein Liebling von Tears for Fears ist. (Das ist ist mein Liebling. Oder der hier. Ach, Pubertätsanke.)

Ein günstiges E-Book aufs iPad gezogen, um mehr von Michel Decar zu lesen. War aber zu sehr mit 80er-Jahre-Musik auf YouTube beschäftigt, um es anzufangen.

Gemeinsam eingeschlafen.

Was schön war, Dienstag/Mittwoch, 8./9. Mai 2018 – „Philipp Lahm“, Palettmesser, Zitronenbutter

Meine Eindrücke zum Stück Philipp Lahm von Michel Decar, das F. und ich am Dienstag abend im Marstall sahen, wollte ich eigentlich schon gestern aufschreiben, aber eine fast schlaflose Nacht mit anschließender fieser Müdigkeit tagsüber kam mir dazwischen. Außerdem hadere ich seit dem Stück mit meiner fast täglichen Überschrift „Was schön war“.

Philipp Lahm hat mir sehr gut gefallen, mich aber gleichzeitig auf vielen Ebenen angefressen. Und gerade als ich mich ärgern wollte, weil mich ein Theatersatz anfrisst, dachte ich, nee, das ist ja nur Theater, du bist ja gar nicht gemeint. Aber klar bin ich als Publikum gemeint und war wieder angefressen. Dann habe ich mich brav zusammengerissen und gedacht, du bist schon richtig so in deiner gelackten Mittelmäßigkeit, auch wenn die dir gerade fies vor Augen geführt wird in der Person eines fiktiven Fußballers, und das ist auch völlig okay, sich dauernd über sein eigenes Leben zu freuen und Dinge aufzuschreiben, die schön sind.

„Fernsehen und früh ins Bett gehen, das ist eine Haltung.“
(Zitat aus dem Stück.)

Philipp Lahm arbeitet sich an der Oberfläche ab, die wir alle herumtragen und weigert sich, in die Tiefe zu gehen, genau wie sich ganz vielleicht auch der echte Philipp Lahm dafür entschieden hat, öffentlich nur Oberfläche zu sein, unangreifbar, immer diplomatisch, immer beherrscht. Vielleicht hat der Mann keine Abgründe, vielleicht ist der ja wirklich so. Und so einer Figur, die sich mit Sätzen über die Mittelmäßigkeit und den Mainstream über 90 Minuten Spielzeit (Fußball/Theater, die Wortgleichheit fällt mir erst gerade beim Schreiben auf) rettet, sehen wir halt zu. In seinem Ikea-Wohnzimmer, in dem ich natürlich sofort eine Vase wiederentdeckt habe, die gerade bei mir auf dem Küchentisch steht. Vor einer Green Screen, einer Videoleinwand und vor einer dieser klappbaren Plastiktafeln mit Sponsorenaufklebern, vor denen im Stadion die armen Fußballer schlaue Antworten auf die immer gleichen doofen Fragen geben müssen. Auch damit spielt das Stück (ich zitiere aus dem Kopf und daher vermutlich falsch:)

(Off-Stimme:) „Philipp Lahm trifft sich mit einem Reporter von The Sun bei Burger King am Münchner Hauptbahnhof. „Wie haben Sie sich gefühlt, als Sie den Weltmeister-Pokal in den Händen …“ [usw.]“

Das wird im letzten Interview sehr schön karikiert, als sich Philipp Lahm mit der Schülerzeitung Stachelbeere (eine große Verneigung für diese Namensgebung) irgendwo trifft und gefragt wird, wie er sich fühlte, als er zum ersten Mal hörte, dass die Dinosaurier ausgestorben sind.

Sonst erfahren wir noch Lieblingsbuch und Lieblingsfilm dieses mittelmäßigen Mannes („Mein Lieblingsbuch ist Die Unendliche Geschichte und mein Lieblingsfilm ist die Verfilmung von der Unendlichen Geschichte.“) Aber ab und zu setzt sich die Figur auch damit auseinander, dass ihm eben diese Mittelmäßigkeit immer vorgeworfen wird. Er behauptet, dass eigentlich L’Avventure von Antonioni sein Lieblingsfilm ist, weist aber weitere Theorien zurück, dass sein Leben eigentlich falsch sei. Manche Leute sagten, dass er sein Lieblingsbuch gar nicht kenne, denn das sei in den 1920er Jahren in einer Sprache geschrieben, die er nicht verstehe, und auch seine Frau sei nicht die richtige – vielleicht sitzt die Frau seines Lebens auf Korsika und trinkt Kirschsaft? Aber dann vergewissert er sich schnell selbst: Nein, die Frau seines Lebens sitzt da hinten im Wintergarten.

Wintergarten ist ein schönes Stichwort. Es fallen ständig Stichworte, die assoziativ sind und bei denen man sich an die eigene Nase fassen kann. Katar – dabei denken Bayern-Fans auch an die blöden Trainingslager vor Ort und die Partnerschaft mit dem Flughafen, der per Bandenwerbung zu sehen ist. Das wird aber alles nicht angesprochen, nur das Wort fällt und wer damit etwas assoziiert, ist halt selber schuld. Deswegen bin ich selber schuld, wenn ich mich angefressen fühle, weil mir jemand durch ein Stück zu verstehen gibt, dass es vielleicht nicht mein Job ist, nur schöne Dinge aufzuschreiben, sondern stattdessen heute auf die Demo gegen das Polizeiaufgabengesetz um 13 Uhr auf dem Marienplatz zu gehen, was ich nicht tun werde, weil ich lieber Blogeinträge schreibe und über deren Titel nachdenke und außerdem ist es zu warm.

Im Stück kommt nur eine Person vor, nämlich der fiktive Lahm, aber das wird kurz gebrochen, als der ebenso fiktive Autor eines Films über Lahm darüber sinniert, worüber man eigentlich schreiben soll, wenn man sich an einem derart unfassbaren Menschen abarbeitet. Autor Decar beschreibt das selbst so:

„Was soll denn passieren in so einem Stück? Auf den ersten Blick denkt man sich: ist doch eine völlig reibungslose Biographie, die der Lahm hat. Also dramaturgisch beschrieben: Es wird besser, dann wird’s noch ein bisschen besser, dann wird’s noch ein bisschen besser und dann hört es auf. Die Dramaturgie geht steil nach oben und man wartet vergeblich auf den FALL. Man sieht den RISE, den RISE, den RISE, den RISE und wartet: Wo kommt denn jetzt der große Skandal? Wann gibt’s die große Enthüllung? Wann kommt der Knall? Aber stattdessen hört der einfach auf zu spielen und zwar ein Jahr vor Vertragsende und sagt: Ich hab keine Lust mehr. Ich verzichte auf ein paar Millionen und bin jetzt raus. Ciao.“

Genauso fühlt sich das Stück auch an. Zwischendurch könnte es eventuell zum Fall kommen, darüber denkt auch Lahm nach und erzählt von einer Spritztour an den Tegernsee, die eventuell an einen Abgrund führt, aber vielleicht auch nicht. Der Mann macht eben alles richtig – und will uns davon überzeugen. Er singt ein Lied für die EU, er macht Werbung fürs Wählen, und er gibt gute Tipps für den Alltag: „Sagt Nein zu 19-jährigen Prostituierten, denn sie sind nie wirklich so alt, sagt Nein, wenn ihr eine Lufthansa-Maschine entführen sollt, sagt Ja zu Fahrradhelmen.“

Ich persönlich habe den Abend nicht nur wegen der Performance von Gunther Eckes sehr genossen, sondern auch, weil der Text schlicht gut ist. Der funktioniert vermutlich auch in Leseform, aber alleine für den Monolog darüber, wie Philipp Lahm sich etwas bei Foodora bestellt, sollte man sich das Stück anschauen. Ich werde das vermutlich noch mal tun.

„Manche sagen, dass das Glück nur existieren kann, wenn es auch das Unglück gibt. Aber das glaube ich nicht.“

F. und ich sprachen über das Stück bei Pfälzer Wein und Wurst- bzw. Käsebrot, was meiner Meinung nach ein sehr passendes Ende des Theaterabends war. Dann übernachteten wir bei mir. Oder zumindest F. übernachtete. Ich döste kurz weg, wachte dann wieder auf – und blieb die ganze Nacht lang wach. Irgendwas saß ich lesend am Küchentisch, dann spielte ich Candy Crush auf dem Sofa, dann versuchte ich diverse Dinge, die bei mir sonst eigentlich dazu führen, dass ich schlafen kann, aber dieses Mal ging gar nichts. Erst gegen 5 schlief ich ein und war dementsprechend gerädert, als der Wecker klingelte. Theoretisch hätte ich einfach im Bett bleiben können, aber die Eichhörnchenvorlesung lockte. (Ich nenne die Vorlesung über Materialien der modernen Malerei inzwischen Einhörnchenvorlesung.) Also quälte ich mich aus dem Bett und radelte katzengewaschen und ohne Kaffee, weil keine Zeit mehr, in die Uni, wo ich spannende Dinge über das Palettmesser erfuhr.

In der vierten Sitzung verstand ich endlich den Impetus für diese Vorlesungsreihe: Es geht dem Dozenten darum klarzumachen, dass die Wahl von Material und Farbe nicht nur eine künstlerische Funktion hat, sondern manchmal auch eine politische. So wie die Dachshaarpinsel alles schön zupuschelten und die Realität vor der Tür ließen, sorgte das Palettmesser für eben diese Realität auf der Leinwand.

„Ich denke, die BRD ist als Staat ganz okay.“

Ich dachte bisher, Courbet wäre der erste gewesen, der das Palettmesser zum Farbauftrag genutzt hatte, anstatt nur damit Farbe auf der Palette anzumischen, wie der Name des Werkzeugs schon sagt, aber laut Dozent hatte sogar Rembrandt das schon gemacht. Courbet war allerdings der erste, bei dem die Benutzung einen programmatischen Hintergrund hatte. Courbet gilt heute als Begründer des Realismus, also der Malerei, die sich nicht mehr damit begnügt, anämische Adlige oder biblische Sagen zu pinseln, sondern Menschen, denen wir täglich begegnen. Sein vermutlich bekanntestes Werk sind die Steinklopfer, die wir gestern auch zu sehen bekamen. Gerade für Stein und Felsen nutzte Courbet den flächigen Farbauftrag, der durch das Messer möglich war. Dass er nicht nur Menschen malte, die hart arbeiteten, sondern dazu auch noch ein Werkzeug – und eben nicht das feine Instrument eines Pinsels – benutzte, war mehr als eine künstlerische Absicht.

Für sein Bild Die Quelle malte Courbet die Haut der abgebildeten Frau brav und schön mit dem Pinsel, für Wasser, Felsen und Blätter nutzte er hingegen das Messer. Das sieht man gut am rechten Arm der Frau, die teilweise von Blättern verdeckt wird. (Danke an das Met, dass man die Bilder schön ranzoomen kann.) Die zeitgenössische Kritik warf ihm vor, eher ein Arbeiter als ein Künstler zu sein, und in Karikaturen wurde er gerne mit Maurerkelle an der Leinwand gezeigt. Sein Kollege Millet, dessen Sämann auch nicht gut ankam, wurde mit Harke statt Pinsel dargestellt.

Mein Lieblingsbild aus der Vorlesung war Vollons Butterklumpen, den ich noch nicht kannte, und der diesen Klumpen eben nicht nur mit dem Messer malte, sondern auch noch eins abbildete. Außerdem sah ich ein Bild von Cézanne wieder, das mich schon in der Vorlesung zu diesem Maler faszinieren konnte: sein Stillleben mit Brot und Lammkeule, das auf der Website vom Kunsthaus Zürich leider nicht zu finden ist, daher hier ein Werbelink. Angeblich ist sich die Forschung immer noch nicht ganz sicher, womit Cézanne den Fleischbrocken gemalt hat; ein Palettmesser würde härtere Kanten erzeugen. Momentan denkt man laut Dozent über Löffel oder sogar nur die behandschuhten Finger nach.

Was ich noch nicht kannte: Cézanne malte auch Menschen in dieser fleischigen, flächigen, fast schon skulpturalen Malweise, hier seinen Onkel als Anwalt. Das Bild L’Oncle Dominique en avocat hängt im Musée d’Orsay, das leider nur winzige Abbildungen hat, daher kopiere ich jetzt mal aus der Datenbank Prometheus ein Detail raus, damit ihr die Malweise vernünftig sehen könnt.

Paul Cézanne: L’Oncle Dominique en avocat (1866), Öl auf Leinwand, 65 x 54 cm, Musée d’Orsay, Paris (Detail).

Der Dozent meinte, dieses Bild sei im Pariser Salon vermutlich nur als Provokation eingereicht worden; Cézanne musste klargewesen sein, dass er damit keine Chance gegen die braven Akademiemaler hatte.

Nach der Uni schaffte ich es noch, mir Bücher aus der Bibliothek zu holen und zu Packstation und Supermarkt zu radeln, ohne einen Unfall zu bauen. Zuhause fiel ich dann aber doch ins Bett.

Abends in netter Gesellschaft Pasta mit Bohnen, Brokkoli und Erbsen und einer Kracherzitronenbutter mit Knoblauch.

„Das kann man nicht performen. Das muss man leben.“

(Ja, danke auch, Decar. Ich les jetzt alles von dir nach.)

Was schön war, Montag, 7. Mai 2018 – I don’t mind Mondays

Letzte Woche alles abgearbeitet, fast alle Rechnungen verschickt. Jetzt warte ich noch auf ein Feedback und ein neues Briefing, aber gestern hatte ich überhaupt nichts zu tun. Also nichts, wofür ich Geld bekomme. Meine Bestellung im ZI würde erst nachmittags eintreffen, weil sie vormittags für mich aus dem Magazin gesucht wird, daher verschob ich den Besuch im Happy Place gleich auf heute. Ich arbeite lieber morgens bzw. vormittags als später, dann ist alles weg und fertig und der Rest vom Tag gehört mir. Deswegen mag ich Vorlesungen oder Seminare auch überhaupt nicht, die um 16 Uhr oder sowas anfangen und habe nach dem zweiten Semester aufgehört, sie zu belegen, weil ich mich eh nie zu ihnen aufgerafft habe.

Gelernt: Der Myers-Briggs-Persönlichkeitstest ist Humburg. Dass er nicht perfekt ist und Menschen nicht völlig klassifizierbar sind, war mir klar, aber dass er so unwissenschaftlich ist, war mir neu. (Via Vorspeisenplatte.)

„Although popular in the business sector, the MBTI exhibits significant psychometric deficiencies, notably including poor validity (i.e. not measuring what it purports to measure, not having predictive power or not having items that can be generalized), poor reliability (giving different results for the same person on different occasions), measuring categories that are not independent (some dichotomous traits have been noted to correlate with each other), and not being comprehensive (due to missing neuroticism).“

Natürlich werde ich trotzdem weiterhin jedes Buzzfeed-Listicle anklicken, einfach weil es mir Spaß macht. Und Fische sind das coolste Sternzeichen!

(Okay, schon gut.)

Der seelische Klotz von letzter Woche ist zu 90 Prozent ausgeräumt. Reden hilft. Wer hätte es gedacht.

Liebster Satz: „Ich weiß, du hast schon acht Sorten Kaffee, aber den hier musste ich dir mitbringen, weil …“ [langatmige Erklärung, warum ich noch eine neunte Sorte brauche inklusive Mahlgradanweisung und Zubereitungstipps vom Barista, während ich eh schon mit Herzchenaugenemojigesicht vor F. rumstehe]

Masterchef Australia hat wieder angefangen, MASTERCHEF AUSTRALIA HAT WIEDER ANGEFANGEN, DAS IST KEINE ÜBUNG! Die nächsten drei Monate Abendprogramm sind gesichert.

Gestern war die übliche Audition-Folge, in der die letzten, keine Ahnung, 50 Leute vor den drei Judges kochen müssen, um eine der 24 Schürzen zu bekommen, mit der sie dann an der eigentlichen Sendung teilnehmen. Dabei war auch eine dicke Frau, über die im Off zu hören war, dass sie die Sendung seit Beginn, also seit neun Jahren, schaut, sich aber nie getraut hat, sich zu bewerben. Im Studio selbst sagte sie dann den Satz, den ich so gut nachvollziehen konnte: „I didn’t have the confidence. I am overweight and you are supposed to look a certain way.“ Erst in der letzten Zeit sei ihr klar geworden, dass das eigene Leben zu wichtig ist, um sich von dämlichen Schönheitsstandards daran hindern zu lassen, die Dinge zu tun, die einem Freude machen. Sie bekam eine Schürze und sie ist natürlich jetzt schon mein Favorit. Leider haben es meine Favoriten selten bis ganz zum Schluss geschafft, aber ich freute mich gestern sehr darüber, dass eine dicke Frau im Fernsehen zu sehen ist, die offensichtlich was kann.

Ein Lesezeichen passend zum Buchdeckel. Dieses Buch lese ich auch seit gefühlt einem Jahr; das Thema interessiert mich sehr, aber es ist doch zäher als ich dachte. Vielleicht hätte ich nicht auf Literaturempfehlungen eines Dozenten hören sollen, dessen eigene Texte auch zäh sind.

Tagebuch, Sonntag, 6. Mai 2018 – Lesetag (Bloms „Die zerrissenen Jahre“)

Keine Lust auf Sport gehabt, keine Lust auf Kochen gehabt. Ausgeschlafen, über den Tag Reste der Bohnensuppe vom Samstag verspeist (saure Sahne rules!), zwischendurch Schokolade. Einen Liter Cold Brew weggeext. Ansonsten gelesen: das Internet, die Reste der wöchentlichen FAZ (Wirtschaft, Sport) und endlich Philipp Bloms Die zerrissenen Jahre: 1918–1938 beendet. „Endlich“ nicht, weil das Buch so doof ist, ganz im Gegenteil, sondern weil es so lang und spannend ist und ich mir endlich mal die Zeit genommen habe, es konzentriert zu lesen und nicht nur in Bussen und Zügen oder zehn Minuten vor dem Einschlafen. (Ich werde neuerdings sehr schnell beim Lesen im Bett müde und schaffe gar nichts mehr.)

Beim Perlentaucher stehen vier Rezensionsnotizen, auf die verweise ich euch mal schnell, die fassen nämlich alles prima zusammen. Ich zitiere aus der FAZ, denn dieser Ausschnitt macht schnell klar, warum ich das Buch so mochte, das sich chronologisch von 1918 bis 1938 vorarbeitet, sich aber trotzdem nie wie ein nacherzählter Zeitstrahl anfühlt:

„Blom beschreibt die Diktatur des Dichters und Abenteurers Gabriele D’Annunzio in der Stadt Fiume im Jahr 1919, die blutige Niederschlagung des Matrosenaufstandes in Kronstadt im Jahr 1921 und die kommunistischen Arbeiterrevolten in Deutschland, die gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen linken Kampfbünden und der Polizei im Wien des Jahres 1927 und die Aktionen des amerikanischen Ku-Klux-Klan. Die Rassisten konnten nicht verwinden, dass Zehntausende schwarze Soldaten in Europa gewesen und den Ideen der Gleichberechtigung begegnet waren. Im Schützengraben hatte es keine Klassen- und keine Rassenunterschiede gegeben. Im Angesicht des Todes waren alle gleich. Und nun warf man den schwarzen Soldaten vor, Träger bolschewistischer Ideen und eine Gefahr für die amerikanische Demokratie zu sein.

In Deutschland erschien Oswald Spenglers “Der Untergang des Abendlandes”, dessen kulturpessimistische Sicht auf die Welt weite Verbreitung fand. In der Kunst setzten sich nach dem Ende des Ersten Weltkrieges neue Formen des Ausdrucks durch, die das Sehen und Lesen revolutionierten und die Welt auf den Kopf stellten. Der Kubismus und der Dadaismus wurden in den Schützengräben des Ersten Weltkrieges geboren, die Dadaisten fassten die Sinnlosigkeit des Daseins in sinnlose Worte. Und auch das Kino beschritt nun neue Wege. Fritz Langs Kinofilm “Metropolis” war ein Versuch, den Menschen als Gefangenen von Technik und Material zu verstehen, die Linien der Bauhausarchitekten waren Repräsentationen einer Moderne, die mit sich versöhnt war.

In der Wissenschaft kamen Ideen ins Spiel, die für gewiss gehaltene Wahrheiten in Frage stellten: Charles Darwin und Friedrich Nietzsche wurden zu Idolen, die Eugenik, Werner Heisenbergs neue Physik revolutionierten die Sicht auf die Welt. […] Überall, wo scheinbar gesicherte Erkenntnisse in Frage gestellt wurden, formierte sich Widerstand: die “deutsche Physik”, die den Relativismus als Werk jüdischer Zersetzung diskreditierte, und bibeltreue Christen in den Vereinigten Staaten, die gegen Darwins Evolutionstheorie Einspruch erhoben.“

Jedem Jahr wird ein Ereignis zugeordnet, an das sich andere anschließen, manche ort- oder zeitgebunden, andere eher assoziativ. Es fühlte sich nicht wie eine der üblichen Nacherzählungen von Geschichte an, sondern wie viele Schlaglichter, die zusammen ein großes, widersprüchliches Bild ergeben. Und das in einer lesbaren Sprache ohne viel Fachchinesisch. Nicht dass ich damit nicht inzwischen auch klarkomme, aber man merkt dem Buch schon an, dass es für den Markt geschrieben wurde und nicht für die Historikerkolleg*innen, was nicht das Schlechteste ist.

In einigen der Perlentaucher-Rezensionen wird erwähnt, dass das Buch nichts Neues erzählt, sondern Altbekanntes neu verbindet. Das mag für die Rezensierenden gelten – ich habe durchaus viel Neues mitbekommen. Das fing schon im ersten Kapitel zum Jahr 1918 an. Natürlich waren mir die Soldaten mit shell-shock bekannt oder das Aufeinandertreffen von Menschen, die im 19. Jahrhundert aufgewachsen waren und einen dementsprechendne Krieg führen wollten (mit traditionellen Ehrvorstellungen und der Idee des direkten Kampfes Mann gegen Mann usw.), aber nun mit modernster Maschinerie des 20. konfrontiert waren. Ich hatte aber noch nie so plastische Schilderungen davon gelesen, wie sich ein Schlachfeld in Frankreich angefühlt haben muss.

„Der technologische Fortschritt brachte es mit sich, dass Artilleriegeschütze ihre Geschosse, von denen einige mehr als hundert Kilo wogen, über viele Kilometer zielgenau feuern konnten und so Tod und Verstümmelung in Form von Bomben, Schrapnellen und Gas anonym und gesichtslos in die Schützengräben trugen. Für die Soldaten wurde jede Minute ein zermürbend monotones Warten auf den ferngesteuerten Tod. Auf deutscher Seite, in Schützengräben, die immer wieder den Neid der Soldaten auf der anderen Seite hervorriefen, starben zwei Drittel aller Soldaten durch Bombardierung und nicht bei Angriffen. Bei den britischen und französischen Einheiten waren es sogar drei Viertel.

Im Gegensatz dazu starben nur ein Prozent der Soldaten im Nahkampf mit Handfeuerwaffen und Bajonetten […] Die meisten Soldaten starben, ohne je einen Feind auch nur gesehen zu haben. […]

Die Soldaten auf beiden Seiten erfuhren diese mechanische Apokalypse als einen tiefen Verrat an ihrem Mut und ihrem Opferwillen. Ihr Einsatz, ihr Mut, war nichts im Vergleich zu dem industrialisierten Schlachten im Schlamm, in dem ihre Körper zum Rohstoff des Todes wurden, fast nicht zu unterscheiden von dem allgegenwärtigen graubraunen Dreck, der von Granaten und Bomben so oft aufgerührt und beschossen worden war, dass er sich in Schleim verwandelt hatte, der nach Verwesung und Exkrementen roch und Stiefel und sogar ganze Körper wie ein gärender Sumpf einfach verschluckte.“

(Philipp Blom: Die zerrissenen Jahre 1918–1938, München 2016, S. 42/43.)

In diesem Zusammenhang: Es gibt mehrere Fotoprojekte, die sich der noch heute als unbewohnbar geltenden roten Zone in Frankreich widmen, via Vorspeisenplatte.

Ganz anderes Thema: die Wissenschaft. Auch hier sah ich Zusammenhänge, die ich vorher nicht auf dem Schirm hatte. In einem Kapitel beschäftigt sich Blom gleichzeitig mit dem unendlich großen Weltall – Hubbles Entdeckung von 1923, dass unsere Milchstraße nicht das ganze Universum ist – und den winzigen Teilchen von Atomen: Heisenbergs Unschärferelation, die gleichzeitig jahrhundertealte Gewissheiten ankratzte, nämlich dass alles festleg- und beschreibbar ist. Die Unschärferelation besagt, dass „das Herz der Natur […] radikale Unsicherheit“ sei, „Massepartikel könnten gleichzeitig zwei einander widersprechende Eigenschaften haben, sie hätten keine feste Identität, und ihr Verhalten richte sich nicht nach strikten Gesetzen, sondern nach Wahrscheinlichkeiten. Die neue Physik lehrte, dass es keine absoluten Gesetze gab, sondern lediglich statistische Erwartungen, die nur oberflächlich wie Gesetze wirkten.“ (S. 156) Dass Blom diese Erkentnisse mit der nervösen Zeit verknüpft, in der sie stattgefunden haben, kam mir zwar ein bisschen an den Haaren herbeigezogen vor, passt aber natürlich schön ins Buchkonzept. Nebenbei las ich wieder etwas von der „deutschen Physik“, von der mir F., der Physiker, schon mal berichtet hatte.

Natürlich kam auch die Kunst vor, Dada, Metropolis, die Surrealisten, Jazz, Der blaue Engel. Kannte ich alles, wurde mir hier aber im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Entwicklungen clever präsentiert.

Für mich spannend waren vor allem die Kapitel, die sich nicht oder nicht ausschließlich mit Deutschland beschäftigten. So hatte ich noch nie ernsthaft über Österreich nachgedacht außer bei Sissi-Filmen (sorry, Österreich) und bekam hier ein kurzes Psychogramm, bei dem Blom den Justizpalastbrand in Wien 1927 als Aufhänger nutzte:

„Die Ursprünge des Konflikts lagen im Zusammenbruch des Habsburgerreichs nach der Niederlage der Mittelmächte zehn Jahre zuvor. Bis 1918 hatte Österreich-Ungarn etwa zwanzig Prozent des europäischen Territoriums umfasst, von den tiefen Wäldern Transsylvaniens bis zur Schweizer Grenze, vom nördlichen Böhmen, unweit von Dresden, bis zur Adriaküste und nach Montenegro. Der größte Teil dieses Reiches war ländlich geprägt und stand wirtschaftlich noch mitten im 19. Jahrhundert. […]

Die Kultur des Habsburgerreichs war so facettenreich wie die unterschiedlichen Gruppen, die zu ihr beitrugen, und in jedem der kulturellen Zentren koexistierten eine Vielzahl von Sprachen, Religionen und kulturellen Praktiken, die einander durchdrangen, lebten Menschen unterschiedlicher geographischer Herkunft, historischer Identität und politischer Zugehörigkeit, die miteinander einen enormen kulturellen Reichtum schufen. […]

Als das Habsburgerreich nach Kriegsende aufgelöst wurde, standen die neuen Länder nicht nur wirtschaftlich vor enormen Herausforderungen. Besonders für Österreich war dieser Neuanfang ein Alptraum, denn es hatte im engeren Sinne noch nie ein Land namens Österreich gegeben. Der Staat erstreckte sich über die mehrheitlich deutsch sprechenden Fürstentümer und Provinzen im Westen des ehemaligen Reiches und umfasste nur zwölf Prozent von dessen früherer Landmasse. Den Zugang zu den reichen Kohle- und Stahlvorkommen Schlesiens hatte er an die ebenfalls neu geschaffene Tschechoslowakei verloren, der Brotkorb des Reiches lag jetzt in Ungarn, die Häfen am Mittelmeer in Italien und Kroatien. Übrig geblieben war die „Erste Republik“, war ein dünnbesiedeltes Land zwischen Alpen und der beginnenden Puszta mit wenig Industrie und ohne historische Identität, ein Land, dessen Hauptstadt, Wien, für ein europäisches Reich gebaut worden war, aber über kein Reich mehr herrschte.“ (S. 245–247)

Am letzten Satz wird auch das einzige Manko des Buchs klar: Ab und zu ein strengeres Korrektorat und 1000 Kommata weniger hätten dem Ding ganz gut getan.

Weitere Kapitel, die für mich aufschlussreich waren, behandelten die Wanderungsbewegung der Okies aus der amerikanischen dust bowl, die Hungersnot in der Ukraine oder den Spanischen Bürgerkrieg, in dessen Zeitraum die Bombardierung von Guernica fiel. Nebenbei lernte ich viel über das Verschwinden des britischen Klassensystems durch die Romanfigur des Reginald Jeeves (den kannte ich wirklich noch nicht) und dass Ivrit, das moderne Hebräisch, eine geplante Sprache war als Weiterentwicklung der Sakralsprache.

Wie gesagt, viel wusste ich schon, einiges aber noch nicht, und hier bekam ich alles als großes weltpolitisches Panorama aufgeschlüsselt und in neue Zusammenhänge gesetzt auf dem Silbertablett serviert. Clevere Themenwahl, lesbar geschrieben, viele Bilder. Das Buch lege ich euch gerne ans Herz.

Tagebuch, Samstag, 5. Mai 2018 – Alleine sein

Immer noch schlechte Laune. Bzw. immer noch wütend und traurig gleichzeitig. Ich weiß, wo die Wut und die Traurigkeit hinmüssen, aber ich kriege sie noch nicht an ihr Ziel. Aber: Mal wieder die Erkenntnis gehabt, dass ich inzwischen alt genug bin, um zu wissen, was mit mir los ist. Ich bin allerdings anscheinend immer noch nicht alt genug, um damit zielgerichtet umzugehen. Oder noch nicht alt genug, um es einfach auszusitzen, denn irgendwann ist es auch wurscht.

Wenn ich so drauf bin, muss ich alleine sein. Daher fuhr ich nicht nach Augsburg zum letzten Heimspiel der Saison. Stattdessen habe ich mich über nette und aufmunternde Mails gefreut, vor allem über eine, die mit diesem Comic versehen war, der mich sehr zum Lachen bringen konnte. Well played und Dankeschön.


Tom Gauld für den Guardian.