Tagebuch, Donnerstag, 22. Februar 2018 – 😱

Ende März bin ich in Hamburg bei der Texterschmiede, um dem eifrigen Texter*innennachwuchs etwas über Weblogs zu erzählen. So grob weiß ich schon, was ich machen möchte, aber ein paar Fragen hatte ich dann doch noch an den Laden. Also rief ich bei der Studienkoordinatorin an, die mir unter anderem auch erzählte, dass eine Aufgabe der Schüler*innen wäre, die jeweiligen Dozent*innen der Gruppe vorzustellen. Also sinngemäß: Eine*r von denen stalkt mich und erzählt den anderen, wer ich so bin.

Seitdem ist mir mal wieder klargeworden, dass Leute den Kram lesen, den ich hier seit Jahren ins gefühlte Nichts reinplaudere. (Und dass ich mein schönes Angeber-Chart, mit dem ich eigentlich anfangen wollte, wieder löschen kann.) Ich werde in den nächsten vier Wochen jetzt nur noch kryptischen Kram posten, schwermütige Emo-Poesie oder Artikel aus der New York Times, aber nichts mehr über mein gestriges Abendessen oder fiepsigen Pärchenkram. Oder wie erspielt man sich heute bei 24-Jährigen Respekt?

Mood: weiter im Text (auf diversen Baustellen). Lief gut die letzten Tage.

Abends endlich mal wieder ein Kapitel im Ulysses gelesen: Wandering Rocks. Dabei bummeln wir mit diversen Protagonist*innen durch Dublin. Es war das Kapitel, das mir bisher am modernsten vorkam, es fühlte sich an wie eine filmische Montage, die mehrere Handlungsstränge aufmacht und sie am Ende stimmig wieder zusammenführt.

Und nebenbei kam der schöne Satz „Damn good gin that was“ darin vor. Soll nochmal einer sagen, dass Joyce so unverständlich ist.

Link von Donnerstag, 22. Februar 2018 – „Schweres Herz“

Monika Scheele Knight und ihr Mann Scott haben vor zwei Jahren ihren schwerbehinderten, damals 15-jährigen Sohn John verloren. Seitdem ist ihr Weblog, das ich schon sehr lange lese, immer wieder von Einträgen über Trauer und Friedhofsbesuche durchzogen. In einem Eintrag fragte Monika, wenn ich mich richtig erinnere, ob es Interessierte für ein Buch über ihre Bewältigung dieses tiefen Einschnitts in ihrem Leben gebe. Sie und ihr Mann hatten bereits ein Buch geschrieben, in dem sie über Reisen mit John berichteten, und das habe ich auch gern gelesen. Bei einem Buch über Johns Verlust war ich mir spontan sehr sicher, dass ich es nicht lesen wollen würde.

Gestern veröffentlichte Monika die ersten drei Kapitel des Buchs in ihrem Blog und seitdem habe ich meine Meinung geändert. Ich hatte Angst davor, dieser Situation zu nahe zu kommen, dachte auch, ich würde mich wie ein Eindringling fühlen, aufdringlich vielleicht, ich wollte bewusst weggucken. Nach diesen ersten Kapitel denke ich das nicht mehr, denn Monika schreibt eher darüber, wie die Außenwelt mit ihrer Situation umgegangen ist. Sie erzählt von der Bestatterin, die sie und ihren Mann darauf hinwies, dass Schuhe im Sarg nicht nötig seien (und nicht umweltfreundlich), sie erzählt von einem Nachportier und einem Taxifahrer und vom System der Seelsorge in der Bundesrepublik. Sie erzählte mir vieles, über das ich noch nie nachdenken musste. Und davon würde ich dann doch gerne mehr lesen.

Sie beginnt ihre Kapitel mit einer kleinen Einleitung; sie steht hier.

Tagebuch, Sonntag bis Dienstag, 18. bis 20. Februar 2018 – A little hektisch

Nachdem wir Samstag recht spät aus Frankfurt wiedergekommen waren, überlegte ich kurzfristig, die sonntägliche Fahrt nach Augsburg ins Stadion abzusagen und stattdessen das Spiel gegen Stuttgart unter einer warmen Decke auf dem Sofa zu schauen. Dann hatte ich aber doch Lust auf Arena, denn ich war in diesem Jahr noch überhaupt nicht dort (krank, Oper, irgendwas ist ja immer). Also zog ich mich warm an und schaukelte mit F. gen Augschburg. Schon auf der Hinfahrt fielen mir irre viele Stuttgart-Schals und -Trikots auf; so dermaßen viele Gegnerklamotten hatte ich bisher nur bei den Spielen gegen Dortmund oder die Bayern gesehen.

Auf der Rückfahrt hatten die dann auch alle weitaus bessere Laune als wir, denn der VfB gewann mit 1:0, und ausgerechnet Herr Gomez schoss das Tor, weswegen ich ihm hiermit meine Freundschaft aufkündigen muss. So geht’s nicht, Schnucki! Das Spiel war leider auch unterirdisch schlecht; von der herrlich souveränen und selbstbewussten Leistung gegen Frankfurt war nichts mehr übrig, und obwohl ich selbstverständlich zur Fraktion „MAN GEHT NICHT VOR DEM ABPFIFF“ gehöre, dachte ich hier zum ersten Mal in der 80. Minute darüber nach, dieses Elend hinter mir lassen zu wollen. Immerhin war mir nur an den Fingern kalt, der Rest war perfekt eingepackt. Und wir schafften sogar noch den früheren Zug nach Hause. Und ich konnte mir die tollen Vanillekrapfen vom Bahnhof mitnehmen! Es war also nicht alles schlecht. (Hmpf.)

Dann hatte mich die Werbung wieder gnadenlos im Griff. Montag kam ich weder zu Mittagspause noch abends zum FAZ-Lesen, weil ich zu müde war. Mehr als eine Serienfolge war nicht drin. Ich nahm mir aber brav einen Tagungsband mit ins Bettchen und schaffte immerhin vier oder fünf Seiten, bis mir die Augen zufielen. Eventuell könnte ich mir sogar was gemerkt haben.

Der Dienstag war nicht ganz so stressig, ich konnte pünktlich Feierabend machen und mal wieder kochen, ohne dauernd E-Mails zu checken, ob nicht doch noch was dringend sofort wir werden alle sterben zum Kunden musste. Musste es nicht, sehr schön.

Das ist schon ein paar Tage her, aber ich habe eine kleine Baustelle in meiner Wohnung beseitigt. Mein geliebter Schreibtischstuhl, den ich schon in Hamburg besaß, hat Rollen für Parkett- bzw. Holzfußböden, denn genau sowas hatten wir ja in Hamburg. Hier in München rollt der arme Stuhl auf Teppich rum. Besser gesagt, er rollt nicht, sondern ich schubse ihn durch die Gegend und verzerre dabei immer den Teppich, weswegen ich alle vier Wochen den kompletten Teppich unter dem Tisch hervorreißen und ihn eine Nacht eingerollt rumstehen lassen muss, sonst würde er nur noch aus Falten bestehen.

Natürlich hätte ich längst Ersatzrollen kaufen können, die für Teppichböden geeignet sind, aber das war wieder so eine Ausgabe, von der ich dachte, die müsse nicht sein, ich kann auch so leben. (Ich schon, aber der Teppich nicht, ba-dumm-tsss.) Aber natürlich hat es mich jeden Tag genervt. Die ersten Agenturen haben aber netterweise ihre Rechnungen an mich bezahlt, weswegen ich deutlich entspannter atmen kann als im letzten Jahr, und so waren dann auch ein Tag in Frankfurt zum Kunstgucken drin, ein Katalog und jetzt: neue Rollen für meinen Stuhl. Seitdem gleite ich wieder beschwingt von der Tischkante nach hinten, bevor ich in ein Ikea-Regal dengele und finde es total super. Geld macht doch glücklich.

Russia is simply exploiting our broken politics

Ich habe nie so recht verstanden, wie Russland die amerikanischen Wähler*innen (und vielleicht auch die deutschen) so beeinflussen konnte, wie sie es anscheinend immerhin versucht haben. Dieser Artikel fasst es gut zusammen: Wo wir offline entweder mit Menschen diskutieren, die nicht unserer Meinung sind, oder ihnen einfach aus dem Weg gehen, rotten wir uns online mit immer mehr Leuten zusammen, die genau das gleiche denken wie wir – und stacheln uns gegenseitig an. Autor Hugo Rifkind vergleich das mit Terroristen und liegt vielleicht gar nicht so falsch:

„The key word here is “groups”: themed clubs of like-minded users. Using Facebook’s groups meant that these Russian agents knew that their posts were being seen predominantly by people already likely to agree with them. You do not join a group based on political identity because you want to attack that identity. You join for the fellowship, the consensual self-righteous balm. Alternative views, once thought-provoking, become annoying, then distressing, then contemptible and are then blocked out altogether. Gradually, politics can be hardened, ratcheted up. And all without the group members even having to mention any of this to the people they’re literally next to, whom they are ignoring, while fiddling with their phones.

This is what radicalisation looks like, and I say that observationally rather than pejoratively. Last year The New York Times reported on a pattern whereby handlers, often in Syria or Iraq, would use the messaging app Telegram to virtually accompany terrorists right up until the point of violence. Keep their mind in a virtual world where it all makes sense and they can avoid the nagging complexities of the corporeal one, full of children, blood and bone, where it really does not.

The vital detail of the Mueller indictment, though, is that all these assets of the Russian propaganda machine needed no recruitment. They had already recruited themselves. Habitually, they had already removed themselves intellectually to a place of political like-mindedness.“

(via @niggi)

German Olympians Drink a Lot of (Nonalcoholic) Beer, and Win a Lot of Gold Medals

Aus diesem Artikel habe ich gelernt: Alkoholfreies Bier wurde in der DDR erfunden. Gegoogelt: Es hieß Aubi.

„When Simon Schempp, a biathlete on the German Olympic team, was training for the Pyeongchang Games, he often capped a hard day on the trail with a bottle of nonalcoholic beer. He enjoys the taste of beer like most Germans, who drink more of it per capita than the people of almost any other nation. But he drank the nonalcoholic variety for more than just the flavor.

“It’s a really good drink directly after training or after competition,” said Schempp, who won a silver medal in the 15-kilometer mass start event on Sunday.

Schempp’s sober assessment is popular in Germany. While most people see nonalcoholic beer as a responsible replacement for regular beer, Germans often drink it in place of sports drinks after exercise. Beer or Gatorade? No contest.“

Was schön war, Samstag, 17. Februar 2018 – Zwei Museen, drei Ausstellungen, eine Sammlung

F. und ich schoben einen Kurzurlaub in Frankfurt, ja, Frankfurt ein und setzten uns Freitag abend in München in den Zug. Nachdem wir unsere Taschen im Hotel losgeworden waren, erkundeten wir drei Restaurants, die uns von einer freundlichen Frankfurterin empfohlen worden waren; eins davon bot leider nur Buffet, darauf hatte ich keine Lust, und die anderen beiden waren, fast logisch, an einem Freitagabend um 21 Uhr pickepackevoll. Google und Yelp schickten uns zum Mian-Nudelhaus, das aussieht wie eine bessere Imbissbude; wir wurden aber sehr freundlich und schnell bedient und verließen es äußerst gut gesättigt und zufrieden.

Dann schliefen wir in unserem brummenden Hotel mehr schlecht als recht, weil es ohne Ohrenstöpsel nur schwer zu ertragen war, aber es war billig, hatte ein gutes Frühstück und lag in Bahnhofsnähe. Am nächsten Morgen checkten wir aus und marschierten mit Gepäck zum ersten Ziel, der Schirn. Was da schon auf dem Weg lag! Toll.

Frankfurter Nussschale. (Ich gebe zu, die Skyline kriegt mich jedesmal.)

Ein Beitrag geteilt von Anke Gröner (@ankegroener) am

An der Schirn kamen wir um wenige Minuten vor zehn Uhr (eigentliche Öffnungszeit) an, aber die Türen waren schon auf, also gingen wir rein und gleich zur noch leeren Garderobe durch, um unsere zwei Rucksäcke, eine kleine Sporttasche und zwei dicke Jacken loszuwerden. Die freundlichen Damen überreichten uns vier bunte Zettelchen zur späteren Abholung und wir gingen mit unseren im Interweb gekauften Tickets in den ersten Stock, wo die Ausstellung Glanz und Elend in der Weimarer Republik auf uns wartete. Die läuft nur noch bis zum 25. Februar, also geht da doch bitte schnell noch rein, ich kann die sehr empfehlen.

Da ich mich in der Diss mit der ollen NS-Zeit beschäftige, ist Weimar nicht ganz unwichtig. Ich fand die Ausstellung recht clever gehängt; sie beginnt gleich mit Politik. Normalerweise hat man ja gerne einen Rundgang, also einen klaren Anfang und ein ebensolches Ende, aber hier hat man einen langen Gebäudeflügel, den man in eine Richtung abläuft – und dann wieder zurückmuss. Das heißt, Politik steht nicht nur am Anfang, sondern auch am Ende der Ausstellung und das fand ich sehr schlau.

Was mir auch gefallen hat: dass viele, ich nenne sie mal so, weibliche Themen angesprochen wurden und viele Künstlerinnen zu sehen waren. Die neue Frau mit Bubikopf, einem Job und Zigarette, ja, geschenkt. Aber dass auch die Themen Paragraf 218, Abtreibung und Prostitution explizit bildlich angesprochen bzw. per Wandtext deutlich gemacht wurden, fand ich sehr spannend. Hier mochte ich auch den Blick von Frauen auf Frauen. Meiner Meinung nach sah man Bildern, gerade von Prostituierten oder Tänzerinnen, sehr deutlich an, ob sie von einem Mann oder von einer Frau gemalt wurden. (Zumindest habe ich meist richtig geraten, bevor ich auf das Schild mit dem Künstler*innennamen geguckt habe.) Auch auffällig war der neue Blick auf Frauen, der mit der Neuen Sachlichkeit zusammenhing. Frauen wurden zwar durchaus immer noch verklärt und aufgehübscht oder neusachlich-realistisch wiedergegeben, aber eben auch bildlich verzerrt. Die angebliche Hässlichkeit, die der Moderne gerade vom NS-Regime vorgeworfen wurde, machte vor dem „schönen Geschlecht“ netterweise nicht halt.

Neu entdeckt habe ich Kate Diehn-Bitt, über die wir im ZI gerade lausige vier Kataloge haben, die aber 400 verdient gehabt hätte. Hilde Rakebrand. Hanna Nagel. Jeanne Mammen. Dodo. Über Lotte Laserstein hatten wir in unserem Rosenheim-Seminar gesprochen und ich habe mich gefreut, ein Bild, das ich dort sah, nun im Original vor der Nase gehabt zu haben. (Sowas freut mich immer, keine Ahnung warum.) Und Elfriede Lohse-Wächtler kannte ich natürlich aus der Hamburger Kunsthalle, aber hier hingen fast nur Werke von ihr, die ich ihr nie zugeschrieben hätte in ihrer bunten Wildheit. Toll.

Gleich im ersten Raum hing mein Lieblingsbild – Karl Völkers Bahnhof (1924-26) –, aber im für mich letzten Raum hatte der Bahnhof dann verloren, denn dort hingen gleich drei Werke von Carl Grossberg, auf den ich ja seit einigen Monaten besonders schaue. Das wusste ich vorher nicht, fiepste sofort fangirlmäßig auf Twitter rum und blieb sehr lange vor den starren, kühlen, bewegungslosen Industriedarstellungen Grossbergs stehen.

F. und ich unterhielten uns während der Ausstellung schon über viele Bilder, aber auch danach, als wir uns für die nächste Ausstellung im Café stärkten.

Nach der Weimar-Ausstellung, vor Basquiat. #schirn

Ein Beitrag geteilt von Anke Gröner (@ankegroener) am

Im Vorfeld hatte ich über die Jil-Sander-Ausstellung nachgedacht und mir war Jean-Michel Basquiat eigentlich eher egal, aber die erste Ausstellung in der Schirn hatte mir gut gefallen, wir waren gerade da und hatten noch üppig Zeit – also blieben wir erst einmal im gleichen Haus. Die Garderobe war ja auch schon abgegeben, wie praktisch, denn nun standen dort dreimal so viele Leute an wie vor der Kasse, wo wir zwei Karten für die gerade eröffnete Basquiat-Ausstellung erwarben und wieder in den ersten Stock gingen.

Mit Basquiat habe ich mich noch nie wissenschaftlich beschäftigt. Ich hatte ihn in den 80er-Jahren durchaus wahrgenommen, auch im Kontext mit Keith Haring, den ich sehr mag – ich verweise auf meinen weinerlichen Podcast-Einsatz ab Minute 54:20 –, aber eine echte Meinung hatte ich nicht zu ihm. Die habe ich jetzt aber nach dieser guten Ausstellung.

Sie begann mit einigen Schaukästen, die ich nur gestreift habe („im Vorbeigehen lernen“), und weil die Ausstellung so neu war, war sie dementsprechend voll, weswegen man dann nur noch im Schritttempo an einer Fotosammlung vorbeikam, in der Sätze von Basquiat zu lesen waren, die er Ende der 1970er-Jahre in New York auf Türen und Wänden hinterlassen hatte. Das war schon das erste Aha-Erlebnis für mich: was für clevere, kleine Vignetten da zu finden waren. Alleine für die hätte ich mir den Katalog kaufen müssen, wie ich inzwischen festgestellt habe, aber am Samstag dachte ich noch, och, das war nett, okay, weiter, aber diese Ausstellung rumort seitdem in mir und arbeitet und jetzt muss ich 15 Euro mehr für den Katalog zahlen, weil ich ihn dringend von meiner Buchhändlerin ordern will.

Im nächsten Raum wurde dann Basquiats erste reguläre Galerieausstellung nachgebaut, was mir sehr gut gefallen hat. Diesen ersten Eindruck von einem Künstler kriegt man ja nie wieder hin, erst recht nicht 30 Jahre später, aber diese Hängung versucht es wenigstens und das klappt meiner Meinung nach ganz gut. Überhaupt hat bei mir die Ausstellung ein neues Verständnis für Basquiat geschaffen, das ich vorher schlicht deswegen nicht hatte, weil ich nur mal hier und mal da ein Werk von ihm gesehen habe, aber nie so viel auf einmal. Alleine das war das Eintrittsgeld schon wert.

Ich will jetzt gar nicht die Ausstellung beschreiben, das können andere besser, aber für mich war das ein großer Gewinn, sie gesehen zu haben. Und gleichzeitig ist mir der Verlust dieses Künstlers wieder klargeworden. Bei dieser Ausstellung dachte ich, wie bei Haring auch schon: Was hätte aus ihm werden können. Was verdammt nochmal hätte aus ihm werden können. Wer mit Anfang und Mitte 20 schon so schlau und reflektiert und wissenshungrig und neugierig auf alles war – was wäre er mit 30, 40, 50 gewesen? Über was würde er heute nachdenken? Ich hätte gerne gesehen, wie das Internet seine Arbeit verändert hätte, die immer sehr mediengeprägt war. Und ich hätte gerne noch viele Selbstporträts von ihm gesehen; der Raum hat mir am besten gefallen. Vielleicht hätte der Mann auch mit 35 eine Burgerbude aufgemacht, auch okay. Trotzdem. Verdammt.

Gleichzeitig beschenkt und bedrückt gingen wir wieder nach unten, holten unseren Berg Gepäck ab, erstanden zwei Kataloge zur Weimar-Ausstellung, die F. den Rest des Tages heldenhaft schleppte, und dann wussten wir erstmal nicht weiter. Auf Jil Sander hatte ich jetzt doch keine Lust mehr, auf den Brutalismus im Architekturmuseum auch nicht, auch die anderen Tipps, die uns auf Twitter gegeben wurden, wollten wir nicht sehen. Also spazierten wir erst einmal über den Main – und landeten dann fast zwangsläufig im Städel. Dort hatte ich vor gefühlt ewigen Zeiten endlich die Flemaller Tafeln gesehen und schwärmte F. davon vor. Dass sie gerade ausgelagert wurden, sahen wir erst im Museum, woraufhin ich meine Laune bei niederländischen Stillleben aufbesserte und dann mit F. im Stechschritt durch die Sammlung ging. Wir guckten uns auch brav die Rubens-Ausstellung an, die mir total egal war, aber F. so: „Ischo bezahlt“, also gingen wir durch. War bestimmt toll, aber ich blieb wirklich nirgends stehen. Rubens halt. Der Barock und ich werden vermutlich keine Freunde mehr.

Stattdessen gingen wir ins Untergeschoss, wo zeitgenössische Kunst hängt und liegt und steht und rumblinkt und sich bewegt. Den Bereich des Städel hatte ich beim letzten Besuch nicht angeschaut und so war das auch alles neu für mich. Wir fanden alles toll, suchten nach den bekannten Namen, entdeckten unbekannte, und ich musste natürlich in einer Leuchtinstallation von James Turrell an den Reglern drehen und meinen Kopf in ein tiefes Rot stecken.

Irgendwann war mein Hirn dann aber wirklich voll und meine Füße nölten auch. Zur Stärkung gab es am Bahnhof ein bisschen Fine Dining bei Burger King, dann suchten wir die guten Toiletten in der Bahn-Lounge auf und ließen uns noch ein Heißgetränk servieren, bevor wir dreieinhalb Stunden lang nach München zurückschaukelten. Viel gesehen, viel gelernt. Gerne wieder.

Tagebuch, Donnerstag, 15. Februar 2018 – Im Flöz

Geschrieben, Ideen ausgedacht, geschrieben, ausgedacht, geschrieben, ausgedacht. Mit Kolleginnen gemailt und telefoniert. Über eine Kundenkorrektur an einer Grafik gegrinst, über der fett ein Störer „PLATZHALTER“ klebte (so viel zum Timing und zur allgemeinen Hektik auf diesem Job).

Immerhin in der Mittagspause die aktuelle FAZ gelesen und die restlichen Bücher der Vortage.

Meine Timeline war gestern voll mit dem Goldlauf von Savchenko/Massot. Früher habe ich ewig Eiskunstlauf geschaut, aber so ungefähr mit Surya Bonaly und den Duchesnays aufgehört.

Tagebuch, Mittwoch, 14. Februar 2018 – Nur noch workwork

Wieder den gesamten Tag am Schreibtisch verbracht, aber dieses Mal, im Unterschied zu den vergangenen Tagen, bis circa 16 Uhr recht ungestört von Mails und Anrufen, die irgendwelche Ideen oder Texte im Laufe der nächsten Stunde benötigten. Stattdessen konnte ich endlich mal konzentriert an dem einen langen Text arbeiten, für den ich hauptsächlich gebucht bin. Für den fehlt leider noch an einigen Stellen Input vom Kunden, daher konnte ich ihn nicht komplett fertigstellen, aber ich bin schon sehr weit gekommen. Dafür, dass er morgen abgegeben werden soll – haha –, bin ich recht zufrieden. Und: Ich hatte endlich mal die Chance, irgendetwas auf diesem Job eine Nacht liegen zu lassen, um am nächsten Morgen frisch draufgucken zu können. Das mache ich jetzt gleich und ich hoffe, ich bin dann immer noch zufrieden.

In der Mittagspause fuhr ich zur Stabi und zur Unibibliothek, wo insgesamt vier Bücher auf mich warteten. Ich komme zwar im Moment nicht dazu, mich mit ihnen zu beschäftigen, aber alleine das Gefühl, kurz in einer Bibliothek zu sein und schlaues Zeug im Rucksack zu haben, hat mich sehr glücklich gemacht. Ja, das war wirklich Glück, ich habe ein bisschen über den Begriff nachgedacht. Es war Vorfreude auf die Abholregale, gute Laune, weil ich kurz vom Schreibtisch wegkam, auf dem gerade keine Kunstgeschichte stattfindet, und es war Glück zu wissen, was ich da gerade nach Hause trage, was ich an neuen Gedankengängen lernen kann und will und dass es zwar irgendwo nur noch ein sehr exzentrisches Hobby ist, aber dann doch ein bisschen mehr.

Ich trank wieder schwarzen Tee in Mengen, genoss zum späten Frühstück den extra übriggelassenen Vanillekrapfen, den mir F. am Dienstag vorbeigebracht hatte, und belegte abends nur ein paar Brote mit Tomaten und Mozzarella, die ich unter den Grill schob. So ganz traute ich der Ruhe nach 18 Uhr im Mailprogramm noch nicht, weswegen ich nicht groß kochen wollte. So arbeite ich nicht gern, aber im Moment geht es leider nicht anders. Dafür war abends F. da und wir konnten gemeinsam einschlafen.

Und Spotify warf mir schöne Musik in den Mix der Woche:

Hier stellt der Mann sich selbst ein bisschen vor:

Tagebuch, Dienstag, 13. Februar 2018 – Workworkwork

Morgens einen Termin gehabt, danach gearbeitet bis halb neun Uhr abends. Keine Mittagspause gemacht, keine FAZ gelesen. Abends so hirntot gewesen, dass ich mich nicht zum Ulysses aufraffen konnte; stattdessen las ich weiter in Kurt Andersens Fantasyland. How America Went Haywire: A 500-Year History, das sich gut in eher kurzen Abschnitten wegsnacken lässt.

Aber es gab natürlich auch schöne Momente. F. kam um kurz nach 17 Uhr vorbei und brachte mir zwei irrwitzig leckere Vanillekrapfen, von denen ich mir einen für heute aufhob, und ich konnte ein bisschen Körperkontakt genießen, bevor ich wieder an den Schreibtisch musste. Nach dem morgendlichen Termin hatte ich mir vom Bäcker zwei Brezn mitgebracht, die ich abends mit Käse und Gurken und Tomaten auf dem Sofa verzehrte, während ich eine Folge One day at a time guckte.

Mein Termin hatte mich in die Nähe des Englischen Gartens geführt. Das Wetter war kalt, aber wunderbar sonnig, und ich dachte, wenn ich nachher noch Zeit hätte, könnte ich zwei, drei Busstationen zu Fuß gehen und ein bisschen den Tag genießen. Das ging leider nicht, aber die 15 Minuten Busfahrt waren auch sehr schön, weil sie mich an vielen Altbauten vorbeischaukelte. Trotzdem blickte ich sehnsüchtig nach draußen und nahm mir vor, abends noch eine Runde zu gehen. Das habe ich wegen des vollen Schreibtischs leider nicht geschafft. Mpf.

Eigentlich schlafe ich in kühlen Zimmern, aber gestern war mir abends so kalt, dass ich die Heizung länger anließ als sonst. Mein Bettzeug bewahre ich neben der Heizung auf (Schlafsofa, meh), und als ich sie zum Schlafen hervorholte, war sie an einer Seite warm, weil sie eben noch etwas von der Heizung abbekommen hatte. Das erinnerte mich daran, dass Kai es immer sehr mochte, wenn man seine Bettdecke vor dem Schlafengehen auf die Heizung legte, weil er kalte Bettwäsche so fürchterlich fand. Ich mochte es im Gegenzug immer gerne, ihm mit so einer kleinen Geste eine Freude zu machen. Es war schön, an ihn und uns zu denken, ohne traurig zu werden.

Man Redefines Horror By Building a Singing Furby Organ

FURBYS! Nuff said.

(via @twena)

The Mystery of Amy Sherald’s Portrait of Michelle Obama

Da ich eh nicht dazu komme, selbst etwas über die Portraits von Barack und Michelle Obama zu schreiben, die mir beide gut gefallen, überlasse ich das Doreen St. Félix vom New Yorker.

„The painting is shocking because Sherald has somehow conjured a vision of Michelle Obama, one of the most photographed women in history, that we have not yet seen—one free of the candid Washingtonian glamour found in photographs such as those in Amanda Lucidon’s “Chasing Light: Michelle Obama Through the Lens of a White House Photographer.” Obama sits against sky-blue oblivion, the triangular shape of the dress turning her into a mountain. Sherald may be the portrait artist of “American people,” and Obama, looking askance, leaning slightly, may want to be a part of that record, but she is also a symbol, an aggrandizement. The racializing schema of Sherald’s work is to “exclude the idea of color as race,” she has said, in her artist’s statement. To Sherald, the photorealistic depiction of race—a quality determined by others’ eyes, externally—is a dead end. Applied to Michelle Obama, the lack of brown in the skin feels first like a loss, and then like a real gain. This is a different Michelle, a woman evacuated of celebrity, who appears provisionally dreamlike, nearly a shadow. The mouth and the eyes and the strong arms that we know are present, but fainter. From some distance, I can imagine, the figure might not be immediately recognizable.“

Baba Ghanoush

Ich habe mein bisheriges Rezept leicht verändert, aber nur weil mich das alte Foto so genervt hat. Dieses Rezept stammt aus meinem libanesischen Kochbuch, das ich sehr empfehlen kann. Es ist irre dick und man wird schon von den Fotos satt.

Das Rezept möchte drei Auberginen, im Bild ist die Menge zu sehen, die bei zweien rauskommt.

3 Auberginen mit einer Gabel mehrfach einstechen, auf Alufolie auf ein Backblech legen und bei 200 Grad im Backofen eine Stunde rumliegen lassen. Mittendrin einmal wenden. So lange abkühlen lassen, bis man die Haut anfassen kann, ohne sich zu verbrennen. Haut abziehen und entsorgen, das restliche Fleisch komplett abkühlen lassen. Danach fein hacken.

Das Auberginenfleisch in eine Schüssel geben. Mit
2 EL Tahini und dem
Saft von 1/2 Zitrone (oder nach Geschmack) verrühren.

2 kleine Knoblauchzehen mit
1 dicken Prise Salz im Mörser zu einer Paste verarbeiten. Die Paste ebenfalls unter das Auberginenfleisch mischen. Mit Salz und Pfeffer abschmecken.

Wer mag, lässt es noch ein Stündchen durchziehen, auch gerne im Kühlschrank, wer nicht, serviert es halt so. Dazu
Olivenöl und
Granatapfelkerne aufs Baba Ghanoush streuen. Ich persönlich mag auch noch Petersilie dazu.

Was schön war, Samstag/Sonntag, 10./11. Februar 2018 – Zeit für mich und Weltuntergang

Seit ich wieder 40 Stunden die Woche werbe, merke ich erst, wie anders mein Leben während des Studiums war. Dort hatte ich zwar auch Deadlines – Referatstermine, Klausuren, Hausarbeiten, die bis zu einem bestimmten Tag fertig sein mussten –, aber wie genau ich meine Zeit verbringe, war komplett mir überlassen. Wenn ich morgens um 8 in der Stabi sitzen und dort sechs Stunden arbeiten wollte – kein Problem. Wenn ich das lieber abends und in kleineren Einheiten erledigen wollte – auch kein Problem. Ich war bis auf Pflichttermine wie Seminare oder Vorlesungen die totale Herrin meiner Zeit, und ich merke erst jetzt, wie großartig das war.

Denn jetzt habe ich wieder Kunden bzw. Agenturen, die mich mit Briefings bewerfen und das zurzeit auch gerne im Stundentakt. Meistens habe ich nicht mal Zeit, Dinge einen Tag liegen zu lassen, um am nächsten Morgen noch mal frisch drüberzulesen. Ich reagiere nur noch, ich kann kaum selbstgestalten, was vermutlich auch der Grund war, warum ich mich Freitag so ewig aufgeregt habe. Diese Hektik liegt nicht an der Agentur, sondern an einem völlig irrwitzigen Zeitplan des Kunden, den ich ihm gerne um die Ohren hauen würde mit der Bemerkung „HEKTISCHE WERBUNG IST MIESE WERBUNG!“, aber dazu wird es vermutlich nicht kommen. Dazu kommt mein Status als Freelancer, der nicht in der Agentur sitzt. Das ist zwar einerseits nett – ich kann auf Socken arbeiten und muss mich nicht schminken –, mir entgeht aber der wichtige Flurfunk, den man hat, wenn man mitten zwischen den Kolleginnen sitzt und Denk- und Abstimmungsprozesse mitbekommt und sie im besten Fall sogar mitgestalten kann. Das ist im Moment ein eher unbefriedigendes Arbeiten für mich, und ich wusste gar nicht mehr, wie sich das anfühlt. Denn in den vergangen fünf Jahren war auch jede Schleife, die ich vielleicht sinnloserweise in der Bibliothek gedreht habe, weil sich meine Fragestellung veränderte oder sogar das ganze Thema, im Endeffekt dann doch sinnvoll, denn ich habe immer, immer, immer etwas gelernt. Das habe ich oft nicht gebraucht im Sinne von „das stand irgendwann in meiner Arbeit“ oder „das kam in der Klausur dran“, aber mir ist schon sehr oft aufgefallen, dass plötzlich irgendein Puzzleteil der Kunstgeschichte präsent war, mit dem ich gar nicht gerechnet hatte, weil ich es nie irgendwo „gebaucht“ habe. Aber dann stehe ich vor irgendeinem Bild oder lese irgendeinen Text und schon ist es da. Dafür bekomme ich keine ECTS-Punkte mehr, aber es fühlt sich jedesmal toll an, wenn ich merke, dass ich nicht nur doof auf die Prüfungsziele hingelernt habe, sondern meinen eigenen Horizont schön weit aufschrauben konnte.

Das mache ich gerade nicht, ich texte stattdessen hysterisch auf einem Projekt, das meiner Meinung nach von vornherein schlecht wird, weil wir eben alle so hysterisch sind, aber da muss ich jetzt durch. Immerhin sind die Kolleginnen nett, aber das sind sie ja immer. Sonst würde ich den Job nicht mehr machen.

Samstag war daher der erste Tag der Woche, an dem ich wieder das Gefühl hatte, eigenbestimmt denken zu können. Das habe ich total ausgenutzt, indem ich uralte Masterchef-Australia-Folgen weggeguckt und viel geschlafen habe.

Sonntag wartete dann die letzte Oper des Rings auf F. und mich, die Götterdämmerung. Diese Aufführung hatte ich bereits im Fernsehen oder im Livestream gesehen (ich vermute letzteres) und fand sie so okay irgendwie. Ich bin sehr froh, sie nochmal live gesehen zu haben, denn wenn man nicht ständig sinnlose Close-ups von den Akteur*innen hat, sondern immer die ganze Bühne sehen kann, war sie großartig und ein sehr würdiger Abschluss der Tetralogie.

Mein Husten hatte sich eigentlich in den letzten Tagen verabschiedet, ich nahm aber trotzdem die üblichen Lutschbonbons mit und dazu eine Flasche Wasser; endlich zahlen sich die großen Damenhandtaschen mal aus. Leider musste ich im zweiten Aufzug dann auch möglichst leise die Wasserflasche aufschrauben, nachdem ich zuvor gefühlt 30 Sekunden lang mit 80 Dezibel gehustet hatte. Logischerweise an einer Piano-Stelle, sonst bringt das ja nix. Danach hielt ich die Flasche in den Händen und das hat mich anscheinend beruhigt, kein weiterer Hustenanfall bis zum Schluss. Immerhin weiß ich jetzt, dass die Entscheidung, auf den Siegfried zu verzichten, die richtige gewesen war; ich wäre vermutlich schon Mitte des ersten Aufzugs mit Mistgabeln aus dem Saal vertrieben worden, ich Hustinettchen.

In der Pause orderte ich erstmals einen Schnittchenteller zum üblichen Glas Sekt, denn ich hatte nur gefrühstückt und danach noch keinen Hunger, aber sechseinhalb Stunden ganz ohne Futter wollte ich dann auch nicht haben – womöglich hätte ich mein Husten noch mit Magenknurren vervollständigt. Das ist meist mein Signal in Bibliotheken, nach Hause zu gehen: Wenn der Rest des Saals deinen Magen hört, ist Schluss. An unseren Stehtisch gesellten sich noch andere Menschen und die zogen entspannt eine Tüte mit Gemüsesticks sowie ein Butterbrot aus der Tasche. Das mache ich nächstes Mal auch. Schön mit dem Mettbrötchen zu Madame Butterfly.

Das Publikum schaffte es übrigens erstmals, nicht sofort in den Schlussakkord reinzujubeln. Es war wirklich ein winziger Augenblick Ruhe, bevor der Beifall losging. Dafür war ich sehr dankbar, denn obwohl ich den Kram schon so oft gesehen habe, hat es mich gestern kurz vor Schluss doch erwischt. Ich empfand das Schlussbild als überaus hoffnungsvoll, was nicht einfach ist bei einer Oper, in der gerade die Welt untergegangen ist. Und so weinte ich hemmungslos im Dunkel vor mich hin und freute mich gleichzeitig darüber, dass mich auch bekannte Musik noch so kriegen kann.

Dirigent Kirill Petrenko musste übrigens an seinem Geburtstag arbeiten. So ein Ständchen hätte ich auch gerne mal.

Ein ICH-HAB-JETZT-ALLE-SEINE-BÜCHER-Dankeschön …

… an Gudrun, die mich mit Jon McGregors Reservoir 13 überraschte. Von McGregor habe ich ALLE BÜCHER – also jetzt alle fünf. Vor längerer Zeit konnte ich das auch von Douglas Coupland sagen, aber aus dem bin ich irgendwie rausgewachsen – wobei ich eben beim Wikipedia-Überfliegen seiner Werkliste feststellte, dass mir nur sein letztes Buch von 2013 fehlt. Vielleicht sollte ich mir das doch noch zulegen.

Zurück zu McGregor, dessen Bücher ich mir viel mehr erkämpfen muss als die von Coupland. Sein Erstling, If Nobody Speaks Of Remarkable Things, mit Preisen ziemlich überhäuft, ist bis heute mein liebster, weil mich seine Sprache damals schlicht umgehauen hat; ich bloggte darüber. Das zweite, So Many Ways to Begin, war ruhiger, aber irgendwie träger; ich bloggte darüber. Das dritte, Even the Dogs, hatte wieder mehr Zug; ich bloggte darüber. Sein viertes erwähnte ich nur noch im Jahresrückblick, aber das war für mich ein besonderes Buch, weil es mich recht lange begleitete. Im Gegensatz zu den ersten dreien, die ich als Papierausgabe im Regal stehen habe, kaufte ich This Isn’t the Sort of Thing That Happens to Someone Like You nur noch als E-Book. Es ist ein Buch, das nur aus Short und Very Short Stories besteht, weswegen ich es fast ausschließlich in öffentlichen Verkehrsmitteln, auf dem Weg in Stadien oder in der Halbzeitpause gelesen habe; es lässt sich sehr häppchenweise konsumieren, aber ebenso schnell weglegen.

Reservoir 13 ist nun wieder ein klassischer Roman. In diesem Guardian-Artikel steht ein bisschen was zur Story und zum Verfasser. Diesen Absatz fand ich sehr aufschlussreich für McGregors Arbeit:

„He was working in a restaurant when he landed a publisher for If Nobody Speaks of Remarkable Things. “I hung on to that job for a little while because I knew it sounded good to say I was working as a potwasher. It was cynical, but people like those kinds of stories.” The novel was called in for the Booker prize, and at 26 he found himself on the longlist. Adulatory reviews followed, but they made him uneasy. “I remember thinking, yes, I was quite pleased with the book, but it’s not this good. It shouldn’t be this straightforward. It felt a little bit hollow.”

A useful corrective came in the shape of a corrosive review by Eileen Battersby in the Irish Times, who called the book “a pretentious parade of heavily intense gestures … dominated by its misplaced belief in its own profundity and technique”. “The things she picked up on were the criticisms I’d now have – it’s overwritten, an explosion of similes, sentimentality, overdeterministic plotting. She let rip, but you felt it was coming from a proper critic.” McGregor took it all to heart and incorporated those points into his writing. “I think with the second book I almost went too far the other way. It was very quiet and still. And too long. But when Even the Dogs was published and she wrote a very positive review that felt really earned.” The experience left him with respect for the role of the dedicated critic.“

Vielen Dank für das Geschenk, ich habe mich sehr gefreut.

Tagebuch, Freitag, 9. Februar 2018 – AAAAARGH!

Den ganzen Tag über Dinge aufgeregt, die außerhalb meines Kontrollbereichs liegen.

Mich darüber aufgeregt, dass ich mich aufrege.

Mich dann darüber aufgeregt, dass ich darüber NICHT MAL BLOGGEN KANN.

Um Punkt 18 Uhr ein Bier geöffnet. #tgif

Im Telefonat mit Lektorgirl (was schön war: Telefonat mit Lektorgirl) immerhin festgestellt, dass ich jetzt andere Strategien habe, um mit Aufregescheiß zurechtzukommen. Vor dem Studium blieben mir nur erhöhter Weißweinkonsum und viele, viele Serienboxen. Heute kann ich mich irgendwann, wenn der Blutdruck wieder unten ist, zurücklehnen und mir sagen: Am Wochenende warten alle Lesesäle Münchens auf dich, in die du wunderschöne Bücher trägst und wo du dich mit was Anständigem beschäftigst.

Das tat ganz gut. Wobei ich den Allheilmitteln Alkohol und Seriengucken niemals abschwören werde.

Mit F. Fußball geguckt und dazu Lieblingschips geknabbert. Gemeinsam eingeschlafen. Leider wegen Aufregescheiß mehrfach aufgewacht und irgendwann um 3 Uhr morgens das Internet leergelesen.

The Strange and Twisted Life of „Frankenstein“

Ich glaube, ich muss das Ding doch mal lesen. Diesen Artikel zur Entstehung des Buchs fand ich jedenfalls schon mal sehr spannend.

„Mary Wollstonecraft Godwin was fifteen years old when she met Percy Bysshe Shelley, in 1812. He was twenty, and married, with a pregnant wife. Having been thrown out of Oxford for his atheism and disowned by his father, Shelley had sought out William Godwin, his intellectual hero, as a surrogate father. Shelley and Godwin fille spent their illicit courtship, as much Romanticism as romance, passionately reading the works of her parents while reclining on Wollstonecraft’s grave, in the St. Pancras churchyard. “Go to the tomb and read,” she wrote in her diary. “Go with Shelley to the churchyard.” Plainly, they were doing more than reading, because she was pregnant when she ran away with him, fleeing her father’s house in the half-light of night, along with her stepsister, Claire Clairmont, who wanted to be ruined, too.

If any man served as an inspiration for Victor Frankenstein, it was Lord Byron, who followed his imagination, indulged his passions, and abandoned his children. He was “mad, bad, and dangerous to know,” as one of his lovers pronounced, mainly because of his many affairs, which likely included sleeping with his half sister, Augusta Leigh. […]

In the spring of 1816, Byron, fleeing scandal, left England for Geneva, and it was there that he met up with Percy Shelley, Mary Godwin, and Claire Clairmont. Moralizers called them the League of Incest. By summer, Clairmont was pregnant by Byron. Byron was bored. One evening, he announced, “We will each write a ghost story.” Godwin began the story that would become “Frankenstein.” Byron later wrote, “Methinks it is a wonderful book for a girl of nineteen—not nineteen, indeed, at that time.”“

Was schön war, Donnerstag, 8. Februar 2018 – Kleinkram

Gemeinsam aufwachen.

Die FAZ lag leider nicht vor der Wohnung, ich musste also runter an den Briefkasten. Das konnte ich jetzt zur Faschingszeit aber prima mit einem schnellen Frühstückseinkauf verbinden, denn:

KRAPFEN! Fasching ist mir ja wurscht, aber KRAPFEN!

Bettwäsche gewaschen. Ich lege so gerne Bettwäsche zusammen: erst wild rumschütteln, dann schön glattstreichen, dann nochmal glattstreichen, weil’s halt so schön ist, dann das perfekte, glatte Rechteck in den Schrank legen. T-Shirts machen längst nicht so viel Spaß.

Als ich vor einigen Tagen in der Unibibliothek war, fiel mir auf dem Weg dorthin auf, wieviele laufende Menschen abends unterwegs sind, teilweise mit sehr funky Leuchtmitteln ausgestattet, damit man sie sieht. Da ich seit einiger Zeit morgens lieber ausschlafe anstatt mich zum Walken aufzuraffen, dachte ich kurz darüber nach, den Sport in die Abendstunden zu verlegen. Da ist auf dem dunklen Friedhof auch keiner mehr unterwegs (außer Läufer*innen) und bei den derzeitigen Temperaturen sitzt da vermutlich auch keiner mehr auf den Parkbänken und genießt die Ruhe. Um 19 Uhr fühle ich mich auch weitaus sicherer als morgens um 6.30, warum auch immer. Im Hinterkopf behalten.

Gestern dann abends nach dem üblichen Tag am Schreibtisch im zügigen Tempo zur Packstation gegangen. Dabei gemerkt, dass abends Sport für mich wohl doch keine so gute Idee ist: Ich fühlte mich etwas matschig und halt so, als ob einem ein Tag in den Knochen und im Kopf steckt. Aber das könnte auch AN DEN VERDAMMTEN KRAPFEN von vormittags gelegen haben. Ächz.

Was schön war, Mittwoch, 7. Februar 2018 – Mezze

In meiner Mittagspause blätterte ich in meinem libanesischen Kochbuch (wie Ottolenghi, nur mit der Hälfte der Zutaten), weil ich mal wieder Lust auf Mezze hatte. Drei Rezepte brauchten ein paar Dinge, die ich nicht im Haus hatte, ein viertes (von Ottolenghi, schon gut) immerhin eine Zutat, also ging ich einkaufen, arbeitete dann noch ein paar Stündchen und kochte dann ein bisschen vor mich hin, bevor F. vorbeikam und wir zusammen ein kleines Festessen genossen.

Fladenbrot plus die obligatorische Breze, alles geht mit Brezn, wie ich inzwischen weiß. Daneben Hummus, der mir leider nicht ganz so cremig gelang wie ich es gerne gehabt hätte, darunter Ottolenghis Kartoffelsalat mit Pesto, darunter Baba Ghanoush (eine Aubergine war deutlich zu wenig, ich kaufe heute gleich nochmal welche, das war so lecker!), daneben Halloumi aus dem Ofen in einer Marinade aus Olivenöl, Zitronensaft, Knoblauch und Minze.

Charles Sprawson wrote a celebrated book. Then he vanished

Der Economist über einen englischen Autoren, der ein Buch über das Schwimmen schrieb, das sehr interessant klingt, und heute in einem Pflegeheim nach der Tür zum Pool sucht.

„His first and (so far) only book, “Haunts of the Black Masseur”, will be reissued later this year. When it was first published, in 1992, it enjoyed the kind of critical and commercial success that most debut authors only dream about. It has inspired and influenced homages and imitations. Mr Sprawson was feted—then forgotten. The story of his career since that triumph exemplifies the caprices of literary celebrity and the indignities of old age. It points to a deeper issue, too: what, in the end, defines a person’s life?

Mr Sprawson was born in Pakistan, the son of a headmaster, went to school in Kent and briefly taught classics in the Middle East. He married, settled in Gloucestershire and raised a family. He became an itinerant art dealer, specialising in Victoriana. On visits to the Channel Island of Jersey, his car loaded with oil paintings, he stayed at the Prince of Wales hotel in Greve de Lecq: it was on the beach and he could swim before breakfast. Along with books, swimming was at the heart of his life.“

Auf Deutsch heißt sein Buch übrigens Ich nehme dich auf meinen Rücken, vermähle dich dem Ozean (2002).

Und weil’s thematisch so schön passt:

The Lost Giant of American Literature. A major black novelist made a remarkable début. How did he disappear?

Der New Yorker über William Kelley, einen Autoren, der während der Civil-Rights-Bewegung bekannt wurde und im Laufe der Zeit immer experimenteller schrieb – die Autorin des Artikels, Kathryn Schulz, vergleicht sein Buch dunfords travels everywheres (1970) mit Finnegans Wake –, und wie er aus dem literarischen Gedächtnis Amerikas verschwand.

„William Kelley was thirty-two when “dunfords travels everywheres” appeared. He wrote constantly for the next forty-seven years, never published another book, and died a year ago, at the age of seventy-nine. […]

Still, Kelley was never a pat enough political writer to simply wash in and out with the ideological tides, and there were many other considerations, too. Chief among these was the strange chiasmus at the heart of his work: a black man writing about how white people think about black people. That perspective was smart and important—in effect, it transformed W. E. B. Du Bois’s double consciousness into a narrative device—but it radically diminished Kelley’s audience. Many white readers didn’t want a black writer telling them what they thought, especially when so much of it was withering, while many black readers, long starved for literary representation, didn’t want to read about more white characters. To make matters worse, very few people, white or black, wanted to subscribe to a vision of America that grew progressively more damning in the course of Kelley’s career. And, regardless of the topic of a book or the race of its author, almost no one wanted to contend with experimental prose.“

Was schön war, Montag/Dienstag, 5./6. Februar 2018 – Cleverle

Am Samstag nachmittag entdeckte ich nölig, dass mein Staubsauger seinen Geist aufgegeben hatte. Bzw. nicht der Staubsauger, aber ein winziges Plastiknupsi, das den Staubsaugerbeutel in Position hielt; das war anscheinend irgendwann abgebrochen, was ich daran merkte, dass der Sauger eben nicht mehr saugte – oder nicht mehr in den Beutel. Ich dachte noch über wilde Konstruktionen aus Zahnstochern und Superkleber nach, entschied mich dann aber, den Staubsauger zu verklappen (aka bis zum nächsten Umzug in den Keller zu stellen) und Montag einen neuen zu kaufen. Das tat ich dann auch, aber das war noch nicht das, was schön war. Was schön war, war die clevere Verpackung.

Ich bat an der Kasse um einen Tragegriff oder irgendwas ähnliches, um den Karton möglichst schmerzfrei zum Bus und von da nach Hause transportieren zu können. Die freundliche Dame an der Karstadt-Kasse meinte, nein, einen Tragegriff habe sie nicht, aber … und dann stieß sie ein Pappteil des Kartons ins Innere desselben … „wenn Sie dieses Pappteil entfernen, können Sie in den Karton greifen und haben den Staubsaugergriff in der Hand.“ Und genauso war es, und weil der Staubsauger im Karton quasi so stand wie er in Benutzung auf dem Fußboden steht, war der Griff am unteren Ende des Kartons, genau wie die nun entstandene Lücke. Das heißt, ich konnte den Karton fast wie eine Einkaufstasche direkt am Bein tragen, er stand nicht blöd ab oder nervte beim Gehen. Und da ich einen gerade sechs Kilo leichten Sauger erstanden hatte (aus Gründen), war das wirklich ein angenehmer Transport. Über diese schlaue Designidee – und die kenntnisreiche Karstadt-Verkäuferin – habe ich mich den ganzen Tag gefreut.

Ebenfalls am Wochenende bemerkte ich, dass inzwischen nicht nur der Wannenabfluss, sondern auch der in der Küchenspüle das Wasser nur noch seeehr langsam wegschaffte. Ich schüttete böses Pulver in die Abflüsse, ließ es einwirken, spülte nach – keine Veränderung. Dann schraubte ich den Küchensyphon ab, stellte mich auf widerliche Gerüche und Fettbrocken ein, aber das Ding war bis auf normale Gebrauchsspuren völlig in Ordnung. Ich entdeckte im weiteren Verlauf des Rohres, dass es nur locker in die Wand lief und nicht wirklich irgendwo fest verschraubt war, was mich etwas irritierte. Ich ließ das Rohr daher lieber weitestgehend in Ruhe und wollte am Montag die Hausverwaltung dazu anrufen. Anscheinend haben aber diese drei winzigen Handgriffe (Pulver, sauberen Syphon abschrauben, kurz mal am Rohr wackeln) schon irgendwas bewirkt – oder meine Heinzelmännchen waren da, mit denen ich mir immer die Welt erkläre, wenn ich sie nicht verstehe –, jedenfalls lief das Wasser Montag morgen in beiden Abflüssen schnell und einwandfrei ab. Ja gut.

Vielleicht hat aber auch jemand anders im Haus oder die Verwaltung irgendwie vorbereitend gezaubert, denn wir hatten gestern eine Trinkwasserprobe. Dazu kam ein freundlicher Herr mit Messbecher und Gerätschaften in die Wohnungen in den oberen Stockwerken, also auch in meine. Was ich bei Handwerkern noch nie gesehen hatte: Er zog sich im Treppenhaus die Straßenschuhe aus und betrat die einzelnen Wohnungen dann in mitgebrachten Hausschuhen. Sehr freundlich.

Wenn ich weiß, dass Strom- oder Wasserzählerableser oder Rauchmelderkontrollierer (das macht hier in meinem Viertel netterweise jemand alles auf einmal) vorbeikommen, rolle ich eh meine wenigen Teppiche an die Wand, und ob auf dem Holz-, Linoleum- oder Fliesenboden jemand Straßenschuhe trägt, ist mir wurscht. Ich persönlich mag es überhaupt nicht, wenn ich in anderer Leute Wohnungen die Schuhe ausziehen muss, aber ich kann das verstehen. Das hängt bei mir einfach damit zusammen, dass ich Schwierigkeiten damit habe, mal eben so in Schuhe zu schlüpfen und daher immer im Vorfeld überlegen muss: Kann ich mich da hinsetzen, um meinen Fuß festzuhalten, wenn ich ihm den rechten Schuh überstreife, denn im Stehen geht das nicht? Haben die Leute Schuhlöffel? (Den haben die wenigsten, wie ich inzwischen weiß.) Muss ich meinen mitbringen? (Mache ich meistens.) Das alles erledigt sich, wenn ich meine Schuhe einfach anbehalten darf. Aber wie gesagt, ich kann es nachvollziehen, dass man die Gäste darum bittet, sie auszuziehen. Ich selbst laufe hier ja auch auf Socken oder barfuß herum.

Am Montagabend den sehr fertig aussehenden F. besucht, der sich die Nacht beim Superbowl 52 um die Ohren geschlagen hatte. Immerhin hatte das Team gewonnen, von dem er seit, soweit ich weiß, fast 20 Jahren Fan ist, weswegen er kaum Stimme hatte, weil er nachts und morgens so brüllen musste. Wir tranken ein Glas Siegesprosecco zusammen und hatten mal wieder ein bisschen Zeit füreinander, ich fühlte mich aber dann doch wieder irgendwie kränklich und ging lieber zum Früh-Schlafen nach Hause.

Überhaupt schlafe ich gerade wieder früh ein und dann fest durch, was ich sehr genieße. Was so eine normale 40-Stunden-Woche nach fünf Jahren Studium halt mit einem macht.

Gestern ging ich nach einem ebensolchen normalen Arbeitstag im Home Office noch in die Uni-Bibliothek. Ich musste sowieso zur Ausleihe, um ein Buch abzuholen, eine Fernleihe war aber nur im Lesesaal für mich verfügbar. Eigentlich dachte ich, ich sei nach acht Stunden Rumtexten hirntot, aber sobald ich das Buch in den Händen hatte und auf meinem Platz saß, war die Lust am Lesen und an der Wissenschaft wieder da. Ich las, betrachtete Bilder, notierte Dinge in meinem Stoffsammlungs-Dokument und fühlte mich rundum wohl, obwohl ich den Lesesaal der Uni-Bibliothek am allerwenigsten von allen Lesesälen mag. Das Buch war recht kurz, weswegen ich schon nach anderthalb Stunden fertig war.

Vielleicht geht das doch, dieses gefühlt bröckchenweise Lesen und Lernen anstatt meiner gewohnten Fünf- bis Sechsstundenklötze, in denen ich alles lese, was nicht vor mir weglaufen kann und wonach ich immer das Gefühl habe, ALLES zu wissen. Oder noch viel mehr Fragen zu haben als vorher. Vielleicht wird die Diss sich auch im Lese- und Schreibprozess anders anfühlen als meine bisherigen Arbeiten. Wir werden sehen.

Auf dem Nachhauseweg im Bus sah ich in die Wohnungen am Rand der Straße. In einer stand ein beleuchteter Globus, und ich musste daran denken, dass ich auch mal so einen hatte, sogar mit einer kleinen Sonne, die über die Welt wanderte. Das einzigartige, hellblauweiße Licht des Globus fand ich schon als Kind schön, und der gestrige sah auch sehr heimelig aus. Vielleicht besorge ich mir so ein Ding mal wieder, einfach weil das Licht so schön ist.

Ein gläsernes Dankeschön …

… an Hanna, die mich mit diesem Messbecher überraschte, um den ich ewig rumgeschlichen bin.

Ich habe vor Jahren gelernt, dass es sich nicht lohnt, in der Küche Billozeug zu verwenden, denn im Gegensatz zu vielen anderen Kleinigkeiten habe ich Messer, meine Reibe, meine Zitronenpresse oder ähnliches dauernd in der Hand und arbeite ständig mit ihnen. Als ich nach München zog (und noch in Hamburg wohnte), kaufte ich mir zum Beispiel hier eine billige Kopie der wundervollen Microplane-Reibe. Die sah quasi genauso aus, aber, und ich weiß bis heute nicht warum, ich habe mir damit dauernd Teile der Fingerkuppen abgerieben, was mir mit der Microplane nie passierte. Natürlich war auch das Reiben nicht ganz so mühelos und das Ergebnis nicht ganz so gleichmäßig. Das hätte ich alles noch hingenommen, aber irgendwann war mir klar: Es nervt. Es nervt, dass nicht alles so gut ist wie es sein könnte für zehn Euro weniger. Also wurde die Billoreibe weggeschmissen und ich kaufte eine Microplane. Die ist natürlich immer noch mit Freude in Benutzung. Und nebenbei war das der einzige Gegenstand in der Hamburger Küche, bei dem mich Kai bat, ihn nicht in die Umzugskiste zu werfen. Das hat mich seltsam gerührt und so hat der Mann noch meine alte Microplane. OMG ich werde sentimental bei Parmesan- und Zitrusreiben!

Zurück zum Messbecher: Ich habe, auch seit dem Umzug, einen Plastikmessbecher hier. Generell ist gegen Plastik nichts einzuwenden, aber mir fiel erst nach dem Kauf auf, dass die Maßeinheiten ganz seltsam auf dem Ding aufgedruckt sind. Die Milliliter-Angabe, die ich als einzige brauche (who cares about ounzes?) ist für mich nur sichtbar, wenn der Becher mit dem Ausguss nach rechts und der Griff nach links zeigt. Das ist eigentlich, EIGENTLICH kein Problem, aber mich macht es irre. Wenn ich arbeite, finde ich es schön, wenn der Griff nach rechts und der Ausguss nach links zeigt, denn das ist die Reihenfolge, in der ich nach dem Eingießen der Flüssigkeit arbeite: Ich bin Rechtshänderin und muss daher den blöden Messbecher immer umdrehen, sobald ich etwas in ihn gegossen habe. Ja, extreme Luxusprobleme, ichweiß, aber es nervt! Das ist ein Arbeitsschritt zuviel! EFFIZIENZ, BITCHES! Deswegen habe ich einen neuen Becher auf meinen Wunschzettel gepackt. Mir war es ein bisschen peinlich, wegen Einmalbecherumdrehen selbst einen neuen zu kaufen, aber umso mehr bin ich über das Päckchen glücklich, in dem sich ein Becher befindet, bei dem der Griff da ist, wo er sein soll. Und: Er ist aus Glas, das heißt, ich kann jetzt auch kochende Flüssigkeiten in ihn gießen, ohne mich vorher geistig damit zu beschäftigen, geschmolzenes Plastik von meiner Arbeitsfläche zu kratzen (worauf ich netterweise seit fünf Jahren vergeblich warte). Vielen Dank für das Geschenk, ich habe mich sehr gefreut, ich Irre.