Tagebuch, Samstag, 4. November 2017 – Unentschieden

Ich begann den Tag mit hammerhartem Rumlungern. Keine Lust zu putzen, keine Lust einzukaufen. Ich daddelte Hay Day auf dem iPad, las Zeitung (pünktlich im Briefkasten!) und wartete darauf, dass es Mittag wurde, um mich für die Fahrt nach Augsburg in Stadionklamotten zu werfen.

Stadionklamotten und ich werden immer noch keine Freunde. Ich weiß nie, was ich anziehen soll – welches Trikot ist schon klar, aber: wieviele Lagen? Welche Jacke? Schon die Winterstiefel oder gehen noch Sneakers? In Augsburg kommt noch dazu, dass wir immer in der beknackten Sonne sitzen, das heißt, ich brauche meist ein Cap und meine Sonnenbrille, um das Spiel entspannt verfolgen zu können. Die wollen auch irgendwo untergebracht werden und damit entscheidet sich meist die Jackenfrage, denn meine schnuffelige MärzbisNovemberjacke von Nike, unter die eben ein bis drei Shirts kommen, hat gerade zwei lausige Taschen ohne Reißverschluss. Da passt nicht mal mein Sonnenbrillenetui rein. Ja, Etui, denn ich trage ja bereits eine Brille, die ich bei Sonne eben tauschen muss. Die hat natürlich geschliffene Gläser und war dementsprechend teuer, weswegen ich die nicht einfach so locker im Shirtkragen rumbaumeln lasse. Deswegen entschied ich mich gestern für die Regenjacke mit vier Taschen, zwei davon mit Reißverschluss, wo Dinge wie Asthmaspray und Hausschlüssel reinkommen. In eine der großen Innentaschen passen Cap und Brille, in die andere kommt meist mein Stadionbuch. Eintritts- bzw. Dauerkarte und Stadionbezahlkarte sowie Semesterticket (Ticket, Studi-Ausweis, Perso, ja, die MVG nimmt das Semesterticket sehr ernst) stecken in diversen Hosentaschen.

Ich finde es sehr angenehm, dass F. damit keine Probleme hat, wenn ich im Zug nicht dauernd reden, sondern lesen oder stumm aus dem Fenster gucken möchte. Er selbst zückt dann halt sein Handy und so zuckeln wir 40 Minuten schweigend gen Augschburg. Beim Abtasten am Stadioneinlass werde ich natürlich immer gutmütig angefrotzelt, ob ich ein so langweiliges Spiel erwarte, aber das ist okay, für Bücher rechtfertige ich mich gerne.

Beim letzten Spiel, wo es kühler war als gestern, trug ich unter der Regenjacke noch die Nike-Schnuffeljacke; auf die hatte ich gestern verzichtet, es sollten laut iPhone 14 Grad und Sonne sein. Waren es auch. In der ersten Halbzeit saß F. im Shirt neben mir, was mir ein winziges bisschen zu kühl war, aber es wäre noch gegangen. In der zweiten Halbzeit war die Sonne bereits hinter dem Stadion verschwunden, und es wurde merklich kühler. Ich fror nicht, aber eine zweite Jacke wäre auch okay gewesen. Vielleicht ahnt ihr jetzt, warum ich mir immer und ewig einen Kopf darüber mache, was ich im Stadion trage. Manchmal denke ich an eine Bekannte, die in der Allianz-Arena immer in der Südkurve stand und 90 Minuten anfeuerte: „In der Kurve wird dir nie kalt.“ Ich sitze dann aber doch lieber rum als zu hüpfen.

Das Spiel selbst war spannend und endete 1:1. Vor dem Spiel wäre ich total mit einem Unentschieden gegen Leverkusen zufrieden gewesen; nach dem Spiel war ich dann aber doch quengelig, weil mehr drin gewesen wäre.

Während des Spiels hörte man plötzlich ein lautes Brummen und ich wollte mich gerade an F. wenden und fragen, was das für ein Geräusch wäre, als ein ADAC-Hubschrauber direkt über dem Stadion auftauchte. Er überflog es aber nicht, sondern schien kurz über der Dachöffnung zu kreisen. Zuerst dachte ich, haha, da wollen die Piloten oder Pilotinnen nach einem Einsatz vielleicht noch ein bisschen Fußball gucken, aber der direkte Gedanke danach erschreckte mich dann selbst ein bisschen. Der Hubschrauber stand kurz über dem Rasen und ich dachte: Hatten wir Hubschrauber als Terrorwaffe schon?

Ich ärgerte mich selbst über den Gedanken, war die nächsten 45 Sekunden aber doch sehr angespannt, als ich dem Hubschrauber durch die durchlässige Fassade zusah, direkt neben dem Stadion zu landen. Wie wir abends nachlasen, hatte sich anscheinend ein Zuschauer verletzt und benötigte Hilfe. Ich ärgerte mich immer noch über meinen blöden Gedankengang. So ganz haben die Terroristen nicht gewonnen, weil ich und viele andere immer noch zu Großveranstaltungen gehen, Konzerte und Weihnachtsmärkte besuchen, Rad fahren und einfach unser Leben leben, ihr Arschlöcher. Aber ein bisschen sind sie anscheinend doch in meinem Kopf.


Stadionbuch. Macht vom Thema her natürlich überhaupt keinen Spaß, liest sich aber bis jetzt unwiderstehlich.

Wir fuhren ähnlich schweigend zurück wie wir hingefahren waren. Abends bekochte ich F. noch mit Kürbisrisotto, das von diesem Spiegel-Rezept inspiriert war. Den Schinken habe ich mir geschenkt, und auch die verschieden geschnittenen Kürbisstückchen habe ich vereinfacht (Einheitsgröße FTW), aber was richtig toll war: weißer Pfeffer. Der brachte einen mir bisher ungekannten Geschmack ins Risotto, das ich bis auf die Zugabe von Kürbis und weißem Pfeffer wie immer zubereitete – Butter, Zwiebeln, Reis, Weißwein, Hühnerbrühe, Parmesan. Und ständig rühren! Ich weiß, darüber gehen die Meinungen auseinander, aber ich gehöre zum Team Ständig Rühren.

Tagebuch, Freitag, 3. November 2017 – Bürotag

Nachtrag zu gestern: Die FAZ kam irgendwann noch, das ND nicht mehr (egal, hat mich ja nichts gekostet). Im Flur traf ich meine Nachbarin, die gerade die ebenfalls verspätete Süddeutsche aus dem Briefkasten fischte und meinte, ihr hätte der Austräger gesagt, die Lieferung sei so spät angekommen.

Kleine Beobachtung nebenbei: Seit ich selber Zeitungen aus dem Briefkasten hole, fällt mir auf, wieviele andere im Haus auch eine beziehen – und auch die Bandbreite fällt auf. Neben den schon genannten sah ich noch den Merkur und die tz. Bisher noch keine taz. Und mit der FAZ falle ich auch sehr raus.

Ich verbrachte den Großteil des Tages am Schreibtisch, eher werbisch als kunsthistorisch. Neben dem üblichen Bürokram (Steuer, Ablage etc.) bastelte ich ein neues PDF, mit dem ich meine ganzen Belege mal hübsch präsentieren kann. Meine olle Arbeitsseite ist schon sehr in die Jahre gekommen und eine Dame mit Wissen um die Branche meinte neulich mal, kein Mensch klickt sich durch Websiten, alles wollen bloß ein PDF durchscrollen. Stimmt vermutlich. Also bastelte ich ein PDF. Das liegt jetzt noch ein paar Tage rum, dann gucke ich, ob es mir immer noch gefällt, und dann starte ich die nächste Akquiserunde.

Als täglichen Spaziergang den Weg zur Buchhandlung mit einem Umweg genommen. Dort ein bestelltes Buch abgeholt, das ich verschenken will. Aber wie das so ist mit Buchhandlungen hatte ich natürlich noch eins für mich dazubestellt. Aus Erfahrung weiß ich, dass es schlicht nicht möglich ist, nur ein einzelnes Buch zu kaufen.

Keine Lust zum Kochen gehabt, stattdessen eine Avocado auf frisches Weißbrot gehauen. Viel Tee getrunken. (Hach, Herbst!)

Was schön war, Donnerstag, 2. November 2017 – Doppelschokolade

Morgens stapfte ich erwartungsvoll zum Briefkasten, denn in ihm vermutete ich gleich vier Zeitungen: zweimal die FAZ und zweimal das Neue Deutschland, von dem ich mir ein Probeabo gegönnt habe. Zweimal pro Zeitung, weil am Mittwoch in Bayern Feiertag war, in einigen anderen Bundesländern aber nicht, weshalb da die Zeitungen normal erschienen, und als Abonnentin kriege ich alles, was erscheint, halt nachgeliefert.

Stattdessen starrte ich in einen leeren Briefkasten und war verstimmt, weil ich es mir angewöhnt habe, schon beim Frühstück ins erste Buch der FAZ reinzulesen, auch wenn ich es nicht komplett schaffe. (Ich fange immer brav vorne mit Politik an.)

Ich beschwerte mich online bei der FAZ, quengelte sinnlos in mich rein und bereitete mich weiter auf ein berufliches Gespräch am frühen Nachmittag vor. Dazu ging ich gegen 13 Uhr aus dem Haus und guckte noch mal in den Briefkasten – wo vier Zeitungen auf mich warteten. Die habe ich gestern natürlich nicht mehr alle geschafft, aber nach dem ersten Eindruck werde ich das ND-Abo vermutlich nicht in ein reguläres umwandeln.

Das Gespräch war sehr angenehm; es hatte was mit Werbung zu tun und ich freute mich darüber, mal wieder selber zu merken, was ich alles kann, in was ich allem gut bin und wie ich mir die berufliche Zukunft vorstelle. Mal sehen, was draus wird.

Abends konnte ich endlich F. wieder in die Arme schließen. In den letzten Wochen war ich ja ewig krank und schlief daher brav alleine, und dann, als ich wieder gesund war, fuhr der Herr am letzten Freitag weg, um sich Sport und Kunst in fremden Ländern anzugucken. Das einzig Gute daran: Ich bekomme von seinen Reisen immer Flughafenschokolade mitgebracht, weil ich der festen Überzeugung bin, dass Flughafentoblerone besser schmeckt als Supermarkttoblerone. Gestern erhielt ich sogar die doppelte Menge: „Ich konnte mich bei den Botschaften nicht entscheiden.“

Und dazu gab’s ein Gläschen Honig von den Bienen auf der Tate Modern, was mich sehr gefreut hat. Ich habe es noch nie geschafft, Honig von der Bayerischen Staatsoper zu bekommen oder von den Pinakotheken – und das, obwohl letztere den besten Twitter-Namen aller Zeiten für ihre Völker haben: Bienakotheken.

Heute war die FAZ wieder zu spät, das ND ist noch nicht aufgetaucht. *krückstockfuchtel*

Was schön war, Mittwoch, 1. November 2017 – Im Olympiapark

In der eigenen Stadt unternimmt man ja nie die Dinge, die man Besucher*innen von auswärts empfiehlt. (Man = ich.) Ich wohne nun seit fünf Jahren in München – ich unterschrieb den Mietvertrag laut meines eigenen Blogeintrags, den ich eben gesucht habe, am 30. Oktober 2012 – und war erst einmal im Olympiapark und da wohnte ich noch nicht einmal hier. Das war am Tag des Finale dahoams (the game that should not be named), als vor dem eigentlichen Spiel in der Allianz-Arena noch ein bisschen Ringelpiez-Fußball mit alten Allstars im Olympiastadion stattfand. Schon damals war ich von der Anlage fasziniert, hatte aber ganz andere Dinge im Kopf. Jetzt, mit ein bisschen mehr Wissen über Stadionarchitektur und einem freien Tag vor mir, wollte ich noch einmal durch den Park spazieren.

Ich ließ mich vom Bus bis zur Station Olympiaberg chauffieren, denn ich wollte erstmal auf den Berg klettern, um von dort einen Überblick über die gesamte Anlage zu haben. Ich hatte allerdings meine gute Kamera nicht dabei, sondern nur das iPhone. Damit hätte aber auch niemand rechnen können, dass ich aus meinem Spaziergang einen Blogeintrag mache, neinnein. (Ich Hirn. Irgendwann lerne ich dieses Bloggen noch mal richtig.)

Der Olympiaberg wurde zwischen 1947 und 1958 aus Weltkriegsschutt zusammengehäuft. Ich bin nicht ganz bis zum Gipfelkreuz geklettert, sondern gefühlt in dreiviertel Höhe herumspaziert. Wenn das Stadion zum ersten Mal sichtbar wird, sieht es ein bisschen wie ein Ufo aus. Wenn ihr mal zum eben verlinkten Wikipedia-Eintrag klickt, bekommt ihr schöne Hochglanzbilder. Ich mochte es im Nachhinein ganz gerne, dass alles grau in grau war, das verstärkte die irreale Architektur noch mehr.

Der gesamte Olympiapark wurde als bewusstes Gegenstück zum Reichssportgelände von 1936 entworfen, als die bis dahin letzten Olympischen Spiele in Deutschland bzw. dem Deutschen Reich stattfanden. Ich zitiere mal meine eigene Hausarbeit über Sportstadien; ihr findet das Zitat mit allen Quellenangaben auf den Seiten 6/7:

„In Amsterdam 1928 wurden die zusätzlichen Sportanlagen städtebaulich um das Stadion herum gruppiert; es entstand die erste olympische Gesamtanlage. Die Spiele in Berlin 1936 gingen über diese reine Sportanlage deutlich hinaus: Auf dem sogenannten Reichssportfeld entstanden zusätzlich zum Stadion für 100.000 Zuschauer noch „einer einheitlichen Pflege des deutschen Sports dienende[…] Bauten mit Gedächtnis- und Versammlungsstätten der Nation, mit Theater[n] und Denkmälern in einem Festraum vereinigt“.

Geplant wurde das Stadion bereits 1925 von Werner March (1894–1976); die Nationalsozialisten veränderten den modernen Entwurf während der Bauphase zu einem imperialen Monumentalbau im Sinne der staatlichen Überwältigungsarchitektur. Neben dem Stadion lag das Maifeld mit Tribüne, auf dem 250.000 Menschen aufmarschieren konnten. Das Marathontor im Stadion gab den Blick frei auf einen Glockenturm am westlichen Ende des Maifelds, der über der Langemarckhalle stand, in dem deutscher Toten des Ersten Weltkriegs gedacht wurde. Damit war erstmals ein Sportstadion der Neuzeit nicht nur Teil einer staatlichen Repräsentation, sondern seiner Ideologie: Die Spiele sollte nicht nur die Aufrüstung für einen neuen Weltkrieg verschleiern, sondern auch die angebliche Überlegenheit der arischen Rasse demonstrieren. Die Monumentalarchitektur war die Bühne dieser Ideologie.

An den Spielen in München 1972 lässt sich gut ablesen, wie sehr sich das Selbstverständnis eines Staates ändern kann. Die „heiteren Spiele“, die „Spiele im Grünen“, waren architektonisch ein deutlicher Gegenentwurf zu Berlin: „Statt in geordneten Marschkolonnen und in geometrisierter Kanalisierung bewegten sich die Menschen im freien Fluss, im hügeligen Park, unter einer lichtdurchlässigen Zeltlandschaft, geleitet von heiteren Farben zur Orientierung.“ Bei den „heiteren Farben“ hatte man bewusst auf Rot verzichtet, um auch die letzten Assoziationen zu den Berliner Spielen zu tilgen.“

Und auf Seite 8:

„Das Münchner Olympiagelände inklusive des Stadions war von Anfang an Teil einer zukunftsfähigen Stadtplanung. Zur Vorbereitung der Spiele wurde die Münchner Innenstadt fußgängerfreundlicher gestaltet, die öffentlichen Verkehrsmittel wurden verbessert, 233 neue Straßenkilometer gebaut sowie diverse Einkaufs- und Übernachtungsmöglichkeiten geschaffen. Das Gelände ist bis heute ein beliebter und belebter Park, und aus dem Olympischen Dorf wurden begehrte Miet- und Eigentumswohnungen. Das Stadion selbst war zwar nicht als bauliche Ikone geplant, sein charakteristisches Zeltdach ist aber inzwischen aus der Stadtsilhouette nicht mehr wegzudenken.“ Das liegt auch daran, dass die Bürger und Bürgerinnen für den Erhalt der olympischen Anlagen kämpften. Nicht in jeder Stadt blieben die Stadien bestehen.“

Eine Fußnote dazu:

„Olympiagelände-Architekt Günter Behnisch schrieb 1987: „Im Bild des Olympiaparks hat sich die Überdachung stärker in den Vordergrund geschoben als dies zunächst geplant war. Ihrer sichtbaren, auffälligen Form wegen […] So übersieht man leicht, daß das Wesentliche unseres Entwurfes unter und neben dem Dach liegt; es ist die Sport- und Spiellandschaft, der Münchner Olympiapark.“

Diese Sport- und Spiellandschaft ist deutlich größer als ich dachte. Ich kannte den Park bisher nur aus der Gegenrichtung, als wir mit einem Uni-Seminar die BMW-Welt besuchten und über ihre ikonische Architektur sprachen. Von einer nahegelegenen Brücke aus ist das Stadiondach sichtbar, aber wie groß der Park mit seiner Seenlandschaft eigentlich ist, konnte ich erst gestern erfassen.

Ich ging am See entlang und überquerte ihn am Fuß des Bergs in Höhe des Olympiaturms. Dort beginnt die Zeltlandschaft; das Zeltdach vom Olympiastadion ist nicht das einzige Gebäude, das mit dieser irrwitzigen Konstruktion überspannt ist. Als erstes wurde die Schwimmhalle sichtbar, die so aussieht, als würde der gewaltige Mast das Dach nach oben ziehen. Hier sind auch schon weitere Stahlseile sichtbar, die auf dem gesamten Gelände immer wieder auftauchen und einen ständig daran erinnern, wie diese Dachlandschaft konstruiert ist. Ich mag diese sichtbare Architektur sehr gern.

Direkt neben der Schwimmhalle liegt die Olympiahalle, die heute unter anderem für Konzerte genutzt wird. Zwischen den beiden Gebäuden geht man durch die Dachlandschaft hindurch. Das sieht auf den Bildern übrigens alles gammeliger aus als es ist. Ich fand es zauberhaft, vor allem den Kontrast aus dem leichten und stets gespannt aussehenden Dach und den massiven Betonblöcken, aus denen die Stahlstützen sprießen.


Wenn man durch diesen Kristallwald gegangen ist, steht man an der Längsseite des Olympiastadions, von dem man nur die schrägen Flutlichtmasten sieht. Geht man nach rechts, kommt man an die alten Olympiakassen mit ihrer dreisprachigen Beschriftung. Okay, die sehen wirklich so gammelig aus und sie sind auch nicht mehr in Benutzung. An einer neueren Kasse kann man sich für 3,50 Euro eine Eintrittskarte fürs Stadion kaufen und dort herumwandern.

Hier sieht man an der Säule die angesprochenen Farben, in denen kein Rot vorkommt. Und natürlich die herrlichen Piktogramme von Otl Aicher. (Gestern war offensichtlich kein Biergarten- und Ausflugswetter. Also genau mein Ding.)

Der einzige Weg durch das Stadion führt einmal außen und oben an den Sitzreihen entlang. Auf halber Höhe hat man dann diesen Ausblick.

Für mich war das eine kleine Mutprobe, einmal bis nach ganz oben zu den alten Kommentatorenkabinen zu wandern. Ich fühle mich schon auf Leitern in Altbauwohnungen in zwei Meter Höhe nicht so recht wohl, und hier geht man auf einem einen Meter breiten Betonsteg nach oben bis in circa 40 Meter Höhe, der links zu den Sitzen offen ist und rechts nur mit einem Gitter und Geländer vor dem Abgrund schützt. Ich hielt mich mit der rechten Hand konstant fest und blickte immer ins Stadioninnere. Ab und zu wagte ich einen Blick nach rechts, um die massiven Pfeiler zu bewundern, an denen die Dachkonstruktion hängt, aber nie lange. Ich fand das sehr unangenehm, dort oben rumzuturnen. Außerdem fiel mir auf, dass es im gesamten Stadionrund keine Geländer und nur wenige Trennzäune gibt; die Sitze sind kaum unterteilt, man kann durch fast alle Blöcke einfach hindurchwandern. Das klappt soweit ich weiß in keinem modernen Stadion mehr, vermutlich aus Sicherheitsgründen (marodierende Fanhorden und so, kennt man ja, schlimme Fußballfans. Daher auch immer die Blocksperre für Gästefans nach Abpfiff). In der Allianz-Arena gibt es an den Treppen in den Blöcken auch keine Geländer, was mich jedesmal irre macht, weil ich mich halt gerne ab und zu irgendwo festhalte. Die Blöcke sind in neuen Stadien deutlich steiler; man kann dadurch eindeutig besser Fußball gucken, aber es geht eben auch sehr steil auf- und abwärts. Gerade abwärts freue ich mich über etwas, das mir fußlahmen Fan etwas Sicherheit bietet. In Augsburg sind an den einzelnen Sitzreihen Metallstäbe, an denen ich mich wenigstens temporär festhalten kann. In der Allianz-Arena greife ich durchaus mal nach der Schulter eines Vordermanns, wenn ich das Gefühl habe, nicht sicher zu stehen. Das führt meist zu freundlichen Kennenlernsituationen; ich habe bis jetzt jedenfalls noch keinen Ärger bekommen, wenn ich erkläre, dass ich wackelig stehe. Ist trotzdem doof, wildfremde Menschen angrabschen zu müssen, weil es sonst nichts anderes zum Festhalten gibt. (Kleiner Exkurs Ende.)


Wenn man das Stadion einmal halb umrundet hat, kommt man an der nicht überdachten Seite wieder heraus. Dort bewunderte ich die schon erwähnten schrägen Flutlichtmasten, die gefühlt an einem seidenen Faden hängen, um nicht umzukippen. Die Masten und das Dach sehen aus, als würden sie konstant unter Spannung stehen; die Neigung der Masten verstärkt dazu noch das Gefühl von Dynamik, das bereits das Dach erweckt, alles scheint sich zum Innenraum zu neigen und zu drängen. Sportstadien sind ja gerne massive Klötze, die brutal in der Gegend herumstehen. Das Olympiastadion vermittelt einen ganz anderen Eindruck, es wirkt leicht und offen, einladend und fast bewegt. Ich konnte mich überhaupt nicht sattsehen.

Von der nicht überdachten Seite sieht man noch einmal das Schwimmstadion.

Und nach den vorhin schon gezeigten Olympiakassen geht man durch eine weitere zerklüftete Dach- und Seilkonstruktion und verlässt das Olympiagelände in Richtung U-Bahn und BMW-Welt. Unten im Bild, unter der tiefsten Zeltwölbung, ist ein parallel zur Erde ausgerichteter Balken zu sehen.

Das ist die Skulptur „Klagebalken“ von Fritz Koenig. Auf ihm sind die Namen der elf israelischen Opfer in Hebräisch sowie der Name des deutschen Opfers des Olympia-Attentats 1972 in lateinischen Buchstaben eingemeißelt.

Als ich den Klagebalken betrachtete, fiel mir ein, dass erst in diesem Jahr ein neuer Erinnerungsort eingeweiht wurde. Hatte ich den übersehen? Ich wusste nicht, wo er war und wie er aussah. Aber ich ahnte, dass ich auf ihn zulief, als mir kurz vor der U-Bahn-Station eine Art abgetragene Grasnarbe auffiel. Es sieht aus, als hätte man die Rasenfläche um zwei Meter angehoben, um darunter einen kleinen Ort des Gedenkens einzurichten. Eine breite Stele trägt das Dach, der dadurch entstandene Raum ist zu drei Seiten geöffnet, die vierte Wand ist eine Videowand, auf der Filmausschnitte aus der Zeit des Attentats laufen. Ich sah unter anderem Ausschnitte aus der Rede von Avery Brundage mit seinen bekannten Worten: „The games must go on.“ Vor der Videowand standen einige Teelichter.


Auf der breiten Stele sind die Biografien der zwölf Getöteten in deutsch und englisch abgedruckt. Alle enden mit der Abbildung eines persönlichen Gegenstands; der letzte Brief, den einer der Athleten schrieb, die Kippa, die alle israelischen Sportler für die Einmarschzeremonie erhalten hatten oder das Stoffmaskottchen Waldi, das André Spitzer für seine Tochter gekauft hatte.

Ich wunderte mich zunächst über den Standort des Memorials, es kam mir so seltsam in die Landschaft gesetzt vor. Erst als ich die Stele umwanderte, wurde mir klar, warum es hier stand: Von der einen Seite blickt man auf das Olympiagelände, den Ort, weswegen die Menschen alle hier waren; von der anderen Seite sieht man genau auf das olympische Dorf, dem Tatort des Anschlags.

Ein bisschen stiller als gedacht ging ich zur U-Bahn. Rechts davon tauchte die BMW-Welt auf, deren Architektur ich eigentlich ziemlich beeindruckend fand, als ich sie mit dem Seminar genauer betrachtet hatte. Jetzt, mit den Eindrücken des Olympiageländes, kam sie mir plötzlich ziemlich banal vor.

Was schön war, Montag, 30. Oktober 2017 – Festessen

Vor dem Wecker wachgeworden, weiter im Bett rumgelungert und Twitter gelesen. Entspannt den Tag begonnen: Flat White genossen, gelesen, dann auf den Weg ins Zentralinstitut für Kunstgeschichte gemacht. Mein Fahrrad macht gerade seltsame Geräusche und wartet darauf, dass ich es endlich zum Schrauber fahre, weswegen ich derzeit mit der U-Bahn unterwegs bin. Schon auf dem Weg von der Station zum ZI dachte ich, das ist echt ein schöner Arbeitsweg, den ich gerade habe. Auf dem Rückweg habe ich ihn dann fotografiert.

Im ZI war totaler Brückentag. Zunächst dachte ich, ich wäre allen Ernstes alleine im Lesesaal, aber gerade als ich mich umdrehte, um mit dem iPhone ein Beweisfoto zu machen, entdeckte ich in der Ecke vor den Handapparaten noch eine Dame. Also fast alleine. Nur wir und die etwas zu engagiert angestellte Heizung. (Es wurde nach und nach noch etwas voller.)

Ich beschäftigte mich aus Gründen mit Carl Grossberg, von dem es nicht so irre viele Ausstellungskataloge gibt. Die Kunstgeschichtsschreibung hat sich anscheinend nach der Ausstellung zu seinem 100. Geburtstag 1994 eine Pause gegönnt; einzig eine Galerie hier in München stellt ihn regelmäßig aus und veröffentlicht auch kurze Kataloge zu ihm – die geben textlich allerdings meist nicht ganz so viel her. Wobei ich den letzten aus diesem Jahr für mich aufschlussreich fand, denn dort schrieb Olaf Peters, den ich sehr schätze. Tollerweise kann man den Katalog als PDF anschauen und herunterladen. Ich hatte die letzte Ausstellung hier in München auch gesehen und war sehr versucht, mein schmales Konto für ein Aquarell von Grossberg zu plündern, konnte mich aber gerade noch beherrschen, wenn auch sehr betrübt. Das Aquarell zeigt – leider nicht im Katalog abgebildet – eine Straßenszene aus Hannover, im Hintergrund ist das Anzeiger-Hochhaus mit seiner charakteristischen Kuppel zu sehen. Das hätte ich schon gerne gehabt, vielleicht auch aus blöder Sentimentalität der alten Heimat gegenüber.

Ich vergrub mich also in alle Kataloge, die das ZI im Regal hatte, darunter auch einen von 1942, auf den ich sehr gespannt war – nicht zu Unrecht. Einige andere Ausstellungskataloge aus der Zeit der 1930er Jahre fand ich leider nicht, vielleicht stehen die gerade in irgendwelchen Handapparaten und tauchen wieder auf.

Wie immer, wenn ich mich in ein Thema reinfresse, merke ich nicht, wie die Zeit vergeht. Als ich das erste Mal auf die Uhr schaute, waren drei Stunden um und ich mit den meisten Katalogen durch. Einige wenige orderte ich mir in den Lesesaal der Stabi, wo sie mir entspannte vier Wochen gehören und ich sie nicht dauernd wieder zurückstellen muss. Außerdem bestellte ich mir ein paar Zeitschriftenbände, die nicht im ZI stehen und für die Grossberg in den 30ern Illustrationen angefertigt hat; die möchte ich mir auch mal anschauen. Wie immer in solchen Momenten, wo ich mir einfach uraltes Zeug zusammenklicken kann, denke ich dann: Bibliotheken sind eine ganz großartige Sache. Ich plane ja seit Längerem die Anmietung einer Lesesaalkabine, das stelle ich mir irre glamorös vor, einen eigenen Arbeitsplatz in der Stabi zu haben.

Im Gebäude des ZI läuft gerade eine Ausstellung der Abgusssammlung zum Pergamonaltar. Das großformatige Fotoband sieht ziemlich klasse aus. (Und passt logischerweise gut zur neoklassizistischen NS-Architektur des Gebäudes.)

Der Heimweg zur U-Bahn über den dramatisch beleuchteten Königsplatz. Rechts das gelbe Gebäude ist übrigens das Lenbachhaus, aber das wisst ihr ja alle. Darf ich auf die gerade eröffnete Münter-Ausstellung aufmerksam machen? Ich mag das Plakat sehr gerne, auf dem sehr souverän nur der Nachname der Künstlerin steht.

Hier in Bayern ist nicht nur ausnahmsweise der 31. Oktober frei, sondern auch planmäßig der 1. November. (Allerheiligen. Ich muss irgendwann mal nachschauen, was das eigentlich ist.) Ich erinnere die Leserschaft wieder einmal daran, dass ich in den Bundesländern mit den wenigsten Feiertagen groß geworden bin und mich daher immer noch wie ein Schnitzel über jeden süddeutschen Feiertag freue; es fühlt sich immer noch an wie „Schon wieder frei? Was ist denn jetzt schon wieder? EGAL!“ Und nach wenigen Sekunden der Freude kommt immer der Gedanke: „Hey, Moment, dann sind die Bibliotheken ja zu, das ist doch bekloppt!“

Jedenfalls fühlte sich das gestern nach dem halben Arbeitstag und den kommenden zwei freien Tagen wie Weihnachten an, so dass ich spontan beschloss, mir ein Festessen zu gönnen. Ich legte beim Lieblingsmetzger ordentlich Geld für ordentliches Fleisch auf die Theke, mischte Kräuterbutter zusammen und bestrich frisches Weißbrot damit; ich hobelte Kartoffeln hauchdünn und schichtete sie zu einem Gratin, ich bereitete einen kleinen grünen Salat zu und briet mir zum Schluss genüsslich ein Rib-Eye-Steak, das ich gefühlt minutenlang mit Kräuterbutter begoss, bevor es ruhen durfte. Das war eine ganz ausgezeichnete Idee. Natürlich habe ich es nicht komplett geschafft, aber dafür konnte ich abends noch ein schönes Steak-Sandwich genießen, auf das ich ein bisschen Parmesan hobelte. Und das restliche Gratin aus gerade einmal drei Kartoffeln gibt es heute.

Was schön war, Sonntag, 29. Oktober 2017 – Emoji-Backen

Eigentlich wollte ich morgens walken gehen, weil ich ja eine Stunde länger hatte schlafen können. Ich vergaß es aber, den Wecker zu stellen und erwachte äußerst ausgeruht erst um kurz 8, was mir zu spät zum Loslaufen war. Ich gehe gerne, wenn noch nicht viele Leute unterwegs sind, weil ich mich dann in den hautengen Tights nicht so den Blicken anderer aussetzen muss. Ja, mag doof sein, sich selbst einzuschränken, um den Deppen zu entgehen, aber es ist weniger anstrengend, früh aufzustehen als sich dauernd zu fragen, hat der Trottel da drüben gerade innerlich über deine dicken Beine nachgedacht oder warst du ihm egal und er hat nur zufällig in deine Richtung geguckt? Es ist vermutlich sehr oft zweiteres, aber auch hier: Es ist mir inzwischen zu anstrengend, darüber nachzudenken. Ich verlinke derzeit weiter dickenfreundliche Inhalte auf Twitter, halte mich aber so gut es geht aus allen Diskussionen raus. Überhaupt habe ich viele Leute entfolgt, die dauernd wichtige gesellschaftliche Anliegen hatten und lautstark auf sie aufmerksam machten. Ich habe irgendwann gemerkt, dass ich nur noch angespannt war, sobald ich Twitter anklickte, weil ich mich wieder über irgendwas aufregen sollte. Das mag die totale Flucht vor meiner eigenen Verantwortung sein, aber momentan möchte ich kein Aushängeschild mehr für dicke Frauen sein, kein Sprachrohr, kein Vorbild, sondern einfach nur still vor mich hinwalken und nicht über meinen Körper nachdenken müssen. Das habe ich viel zu lange getan.

Den Vormittag verbrachte ich mit Lesen. Mittags hatte ich Lust auf Kekse zum Tee und bereitete schnell einen Mürbeteig zu. Als ich meine üblichen runden Kekse ausstechen wollte, fiel mir auch der Herzausstecher in die Hand, und ich dachte sofort an die Bildbotschaften, die ich F. so gerne per DM zuschicke und auch gerne bekomme. Also verzierte ich ein paar Kekse, nachdem sie abgekühlt waren, und verschickte statt der üblichen Grinsefressen ein Bild. Welches Emoji F. gehört, behalte ich mal für mich, aber mein geliebtes Brillenschlangenemoji, durch das ich mich sehr gut repräsentiert fühle, kriegt ihr zu sehen.

Ich hatte keine Zartbitterkuvertüre mehr im Haus. Wie konnte das passieren? Aber Lebensmittelfarbe. Ist klar.

Nachmittags freute ich mich sehr über den Auswärtssieg vom FC Augsburg in Bremen. Ich mag das Werderlied sogar noch ein bisschen lieber als unsere Stadionhymne.

Abends gab’s einen äußerst schmackhaften, aber total unfotogenen Kartoffel-Lauch-Auflauf.

Linda Nochlin, Trailblazing Feminist Art Historian, Dies at 86

„In 1971, Nochlin earned widespread attention for her landmark essay “Why Have There Been No Great Women Artists?,” which approached that question with incisive and nuanced analysis, demonstrating how, for centuries, institutional and societal structures had made it “impossible for women to achieve artistic excellence, or success, on the same footing as men, no matter what the potency of their so-called talent, or genius.”

But Nochlin also interrogated how “greatness” itself had long been formulated and evaluated. “In the field of art history, the white Western male viewpoint, unconsciously accepted as the viewpoint of the art historian, may—and does—prove to be inadequate not merely on moral and ethical grounds, or because it is elitist, but on purely intellectual ones,” she wrote in the essay, which was published in ARTnews.

That article quickly became a cornerstone for the developing field of feminist art history.“

Was schön war, die letzten Tage – Norddeutsches Wetter und Menschen von überall her

In der letzten Woche war es noch herbstlich warm – also das, was ich als warm empfinde, während viele schon den dicken Pulli rausholen –, aber gestern wurde es gefühlt von Jetzt auf Gleich deutlich kälter. Dazu kam ein kleines Windchen, während im Norden anscheinend gerade ein Sturm rumlungert. Ich mag den Klang von Wind und Regen sehr gerne, zugegebenermaßen am meisten, wenn ich irgendwo drinnen im Warmen sitze und ihn ungefährdet und trocken genießen kann. Ich vermisste mal wieder Norddeutschland und das Gefühl, sich dort oben ein bisschen auszukennen. Ich wohne bereits seit fünf Jahren in München, aber ich weiß immer noch nicht, in welcher Himmelsrichtung eigentlich Rosenheim und Augsburg von hier aus gesehen liegen; für mich ist das immer noch alles „da unten“, und wenn ich mal irgendwelche Wetterkarten im Netz aufrufe, geht mein Blick immer noch automatisch in den Norden, bis ich mich daran erinnere, dort nicht mehr zu wohnen.

Am Donnerstag hatte sich Besuch aus Norddeutschland in München angekündigt und wir saßen in netter Viererrunde zusammen, die anderen bei Cocktails, Whisky und Bier, ich bei Milchkaffee und Apfelschorle. Mir war immer noch nicht nach Alkohol. Das änderte sich gestern abend, als ein anderer Besuch, dieses Mal aus Köln, in der Stadt war. Wie saßen in komplett anderer Runde zu fünft zusammen, netterweise in einem Lokal, das 300 Meter von meiner Haustür entfernt war. So einen kurzen Heimweg hatte ich noch nie. Normalerweise mag ich etwas längere Heimwege nach Massenveranstaltungen (alles über vier Leute ist eine Masse für mich) ganz gerne, weil ich die Zeit zum Runterkommen brauche. Das war gestern aber eine sehr angenehme Rotte mit ebenso angenehmen Gesprächsthemen – da brauchte ich gar nichts zum Wieder-zu-mir-Finden. Und ich war nach zwei Hellen auch angemessen bebiert, um gut schlafen zu können. Das erste Mal seit zwei Wochen, dass ich durchgeschlafen habe. Der Wind hat anscheinend meine Erkältung mitgenommen, das gute Ding. Ich weiß schon, warum ich den so mag.

Tagebuch, Freitag, 27. Oktober 2017 – Heimarbeit

So langsam möchte die Lunge wieder an die frische Luft. In den vergangenen Tagen habe ich meine Spazierstrecke jeweils verlängert, bin aber noch nicht wieder so weit, ernsthaft walken zu gehen. Der Husten ist auch noch nicht ganz weg, und wenn ich irgendeines meiner Körperteile ernst nehme, dann die Atemwege. Vor Jahren habe ich mal etwas verschleppt und war dementsprechend lange damit beschäftigt; daher bleibe ich seitdem bei Erkältungen und ähnlichem so lange wie möglich im Bett bzw. gönne mir so lange wie möglich Ruhe. Jetzt laboriere ich an so etwas halt nicht nur die übliche eine Woche, sondern zwei rum, aber danach ist auch alles wieder gut. (Hoffe ich.)

Gestern daher wieder eine Runde um den Block in eher entspanntem Tempo, auf dem Rückweg eingekauft. Einen halben Tag am Schreibtisch verbracht. Ich twitterte gestern bereits: Herbst-Home-Office ist das beste Home Office, denn ich kann Kerzen anzünden, meinen Lieblingstee kochen und vor allem in meinen dicken Schnuffelsocken arbeiten. Ich habe an meinen neuen Websitetexten gefeilt, ein bisschen rumrecherchiert, Bürozeug erledigt, Kleinkram weggearbeitet.

Den Rest des Tages verbrachte ich damit, Zeitung zu lesen, mein neues Buch anzufangen, die Reste vom Bohneneintopf aufzuwärmen und zu verspeisen (heute mache ich ihn dann alle) und abends noch einen Pumpkin Pie zu backen.

Den Buchtipp Die Feuchtwangers. Familie, Tradition und jüdisches Selbstverständnis im deutsch-jüdischen Bürgertum des 19. und 20. Jahrhunderts habe ich übrigens aus dem Blog des Österreichischen Jüdischen Museums, wo es in diesem Blogeintrag empfohlen wurde. Auf das Museum aufmerksam geworden bin ich durch sein Projekt, Grabsteine online abzubilden, die Inschriften zu entziffern und zu übersetzen und dazu auch noch weiterführende biografische Details zu den Bestatteten anzubieten. Ein tolles Projekt!

Scharfer Bohneneintopf mit Avocado

Im Original bei Buzzfeed Tasty Vegetarian heißt das ganze „Protein Packed Chili“, aber das übersetze ich nicht – ich ordne mein Essen nicht danach ein, ob es viel Protein oder Zucker oder Kohlenhydrate hat. Ich ordne nach Geschmack: schmeckt oder schmeckt nicht. Das hier schmeckt. (Ach was.)

Ich habe die blöden Cups mehr so Pi mal Daumen umgerechnet, weil ich immer noch kein Cupmaß habe und zu geizig bin, mir eins zu kaufen. Ich nutze beim Rezepte-Umdenken gerne diese Tabelle, aber bei den ganzen Bohnen, die ins Gericht kommen, war ich mir selbst nicht sicher, wieviele Gramm es denn sein dürfen; die Tabelle hat bei Cup-Mengen an trockenen Zutaten eine ziemliche Bandbreite. Ich habe die goldene Mitte – und das Maß deutscher Dosen – angelegt. Was ich sagen wollte: Haltet euch nicht sklavisch an meine Mengenangaben. Außerdem werden im Originalrezept teilweise andere Bohnen verwendet (Wachtelbohnen aka pinto beans) und Quinoa; bei mir sind es schnöde Cannellinibohnen und Naturreis geworden. Auch hier gilt: Macht doch, was ihr wollt.

Das Originalrezept reicht für acht Portionen, was ich für untertrieben halte. Ich habe die Hälfte gekocht – das sind die Mengen, die hier unten stehen – und glaube, dass davon mehr als vier Leute satt werden.

In einem großen Topf

1 Zwiebel, gehackt,
1 rote Paprikaschote, in Stücke geschnitten,
4 frische Knoblauchzehen, fein gehackt,
1 grüne Chilischote in Ringen, mit Kernen und allem,
1/2 EL Cayennepfeffer,
2 EL Chilipulver und
1/2 EL gemahlener Kreuzkümmel in
Sonnenblumenöl anbraten, bis die Zwiebeln glasig werden.

280 g gehackte Dosentomaten (aka eine kleine Dose),
2 frische Tomaten, grob geschnitten,
140 g Naturreis,
120 g Kidneybohnen, abgespült und abgetropft,
120 g Cannellinibohnen, dito, und
120 g schwarze Bohnen, dito, dazugeben. Mit
400 ml Gemüsebrühe (aka ein gekauftes Glas) und
300 ml Wasser ablöschen.

Alles zum Kochen bringen, den Topf abdecken, die Hitze herunterschalten und für ca. eine halbe Stunde simmern lassen. Danach

120 g Mais (aka eine winzige Dose),
1 TL getrockneter Oregano,
1 EL Limettensaft und
1 EL frischen Koriander unterrühren. Nochmal fünf Minuten simmern lassen. Kurz etwas abkühlen lassen, notfalls mit
Salz und Pfeffer abschmecken und mit
Avocado und Koriander servieren.

Ich habe weder den Oregano noch die Limette rausgeschmeckt und ungefähr die zehnfache Menge an frischem Koriander ans Essen gehauen. Nachdem ich das Foto gemacht habe, gab’s auch noch einen Klecks saure Sahne oben drauf, das kann ich auch sehr empfehlen. Das Gericht macht alle Nebenhöhlen frei, die eventuell verstopft sind – wer also wie ich nicht ganz so die Scharfesserin ist, vielleicht das Chilipulver etwas vorsichtiger dosieren bzw. bei der Chilischote die Kerne entfernen und lieber nachwürzen.

Tagebuch, Dienstag, 24. Oktober 2017 – Abrüsten

Nach gut einer Woche löste ich mein Krankenlager auf und machte aus der Couch wieder eine Couch, die sich erst abends in ein Bett verwandelt. Ich tauschte meine geliebte Bettdecke (my happy place!) gegen die brave Tagesdecke aus, ordnete die Kissenberge wieder anständig und kaufte erstmal frisches Brot, nach dem ich fiese Entzugserscheinungen hatte. Wenn ich erkältet bin, reicht mir Sandwichbrot. Das strengt beim Essen nicht so an.

Dann verbrachte ich den Tag vor Phoenix, um mir die erste Sitzung des neuen Bundestages anzuschauen. In die Bibliothek traute ich mich noch nicht, denn ich huste zwar längst nicht mehr so häufig wie am vergangenen Wochenende, aber wenn, dann immer noch mit gefühlt 90 Dezibel. Und weil mich selbst in der Bibliothek Leute wahnsinnig machen, die nur laut atmen, huste ich diese Woche lieber weiterhin privat vor mich hin, bevor ich endlich wieder ins ZI radele.

Während des Livestreams rollte ich mit den Augen, als die AfD-Nasen sich in eine Reihe mit Clara Zetkin stellten, die von Göring angeblich daran gehindert wurde, als Alterspräsidentin im Reichstag zu sprechen. (Scheint nicht ganz so gewesen zu sein, also alles wie immer bei der AfD.) Ich sah aber auch erstaunt, wie die AfD mit der SPD und den Linken gemeinsam abstimmte – wie sich also schon vorsichtig Jamaika ankündigte. In den Sitzungspausen standen diverse Parlamentarier*innen am Interviewpult bei Erhard Scherfer, darunter auch gemeinsam Andrea Nahles und Katrin Göring-Eckardt. Mir fiel erst nach wenigen Minuten auf, dass da keine Rot-Grün-Koalition stand, sondern vermutlich zwei Angehörige von zukünftiger Opposition und Regierung.

Ich abonnierte mehrere Newsletter der Partei, der ich bei der letzten Bundestagswahl beide Stimmen gegeben habe und guckte mal, was diese Partei eigentlich so direkt vor meiner Haustür alles macht. Dann klickte ich beim Neuen Deutschland auf Probeabo, um meiner tägliche FAZ-Lektüre etwas entgegenzustellen. Das wird ab nächster Woche ein sehr lustiger Briefkasten. Generell bin ich aber bis auf wenige Ausrutscher immer noch sehr zufrieden mit der FAZ; bei den politischen Kommentaren schnaufe ich meist sehr unwillig, aber ich lese die Rubrik Gegenwart sehr gerne, liebe weiterhin das Feuilleton, gerade die Sachbuch- und Ausstellungsrezensionen, und schmeiße ebenfalls weiterhin den Wirtschaftsteil komplett ungelesen ins Altpapier. Den Finanzteil öffne ich nur, weil da am Ende der Sportteil kommt. Ich mag es immer noch sehr, auf Papier zu lesen, und es ist inzwischen ein kleines Ritual geworden, mich ein Stündchen mit der FAZ hinzusetzen und aufmerksam zu lesen. Ich bin sehr gespannt, wie sehr das Neue Deutschland da reingrätschen wird. (Nein, ich habe nicht Die Linke gewählt.)

Ich lachte sehr über einen Kommentar zu einem Instagrambild von Olly Wainwright, dem Architekturkritiker des Guardian, der über das neue Hauptquartier von Bloomberg in London berichtete: „How will they move it to Frankfurt?“.

Ich freute mich darüber, dass The Dinner Party endlich einen festen Standort gefunden hat.

Ich las auf den Tipp von Herrn BuddenbohmVerbessern soziale Medien die Welt?“ in der brandeins und lege euch den Artikel auch ans Herz.

Und dann konnte ich nicht schlafen und las weiter Hillary.

Europeana, Munch, Brillen und Spucknäpfe

Die „Kulturtussi“ Anke von Heyl hat mir ein Blogstöckchen zugeworfen, über das ich mich sehr gefreut habe. Es geht beim Rumgewerfe, an dem ich mich auch beteiligen werde, darum, die Blogwelt darauf aufmerksam zu machen, dass man sich – trotz der vielen ollen Bilderverbote in der Kunstwelt – bei der Europeana wild bedienen und mit dem Material gerne seine Blogposts schmücken darf.

Anke hat mir ein Selbstporträt von Edvard Munch geschickt, das mir als Inspiration für einen Blogeintrag dienen soll. Munch ist mir im Studium nur ein einziges Mal untergekommen, als wir in einer Vorlesung über Davids Der Tod des Marat sprachen und davon diverse Variationen gezeigt bekamen. Munch hat sich mehrfach mit diesem Motiv auseinandersetzt (etwas runterscrollen). In der Europeana findet sich eine Zeichnung mit diesem Titel, von der aber nicht klar ist, ob sie eine Vorzeichnung ist. Gelernt: Sie liegt im Kupferstichkabinett in Dresden, wo ich auch mal wieder hinfahren könnte; die digitale Reproduktion stammt von der Staats- und Universitätsbibliothek in Dresden bzw. der Deutschen Fotothek.

Der Tod des Marat. Munch, Edvard. Deutsche Fotothek. In Copyright.

Bis ich mich getraut habe, das Bild hier im Blog einzubinden, musste ich mich dann aber doch durch ein paar Copyright-Texte, Gebührenordnungen und CC-Lizenzen lesen, um sicher zu sein, dass ich das Bild auch wirklich verwenden darf. Da hat die Kulturtussi mir ja genau den richtigen Künstler hingeworfen – ich schreibe im Einleitungssatz vollmundig von „darf man alles verwenden“ und dann kommt bei meiner ersten Suche gleich ein Bild, bei dem schön links am Rand steht „Nur mit Genehmigung – Unterliegt Urheberrecht“. Nun gut. Klappt anscheinend doch noch nicht alles so simpel wie wir Nutzer*innen uns das wünschen. Aber wenn ich alles richtig gelesen habe, darf ich das Bild verwenden, also mache ich das.

Ein weiteres Mal habe ich über Munch nachgedacht, als ich am Museumskatalog schrieb. Insgesamt verfasste ich die Architekturbeschreibungen für 18 Museumsbauten, die gerade fertiggestellt wurden, sich bereits im Bau befinden oder eventuell nur eine schöne Idee auf dem Reißbrett bleiben, aber architektonisch ziemlich töfte sind. Eins der Museen ist das Munchmuseet in Oslo, das den alten Bau des bisherigen Munchmuseums ablöst. Von diesem Museum hat die Europeana übrigens über 3.600 Exponate im Angebot.

So wird das neue Museum 2020 hoffentlich aussehen. Und das schrieb ich im Katalog:

„It was in 1940 that Edvard Munch bequeathed his artwork to the city of Oslo. More than 1,000 paintings, nearly 18,000 prints, close to 8,000 drawings and watercolours, as well as other objects came into the city’s possession after the artist’s death in 1944. Since 1963 parts of the collection have been on display in the Munchmuseet. Now the collection is to be moved into a new building that offers modern technical equipment and more display space. For this assignment Estudio Herreros designed a structure that wholly accords with Munch’s wishes: it is accessible not only to museum visitors but to the entire city of Oslo.

The elegant structure, its top third tilting forward, towers eleven stories above the harbour. A café on the top floor is also open outside of museum hours, and with its almost completely glazed frontage it offers an expansive view of the city. As the visitor rides the escalators upward behind the glass façade he can see Oslo’s history unfolding below: from the harbour, then and now an important trading post, the industrious town extended inland to become a lively metropolis that is the country’s cultural and industrial centre. This new elevated point of view establishes a strong relation between the heritage of the art collection of Edvard Munch and his native city.

The new museum structure based on the “Lambda” design by Estudio Herreros deliberately towers above the surrounding buildings and places a new visual accent above the harbour. The projecting upper third gives the otherwise plain façade an unmistakable, forward-thrusting dynamism. In his landscapes and city scenes Munch himself liked to work with exaggerated perspective so as to direct the viewer’s eye to what was essential. [1] Even if the painter was not their primary inspiration, Estudio Herreros has managed to employ this same principle in architecture.

The project was initially received as controversial and strongly discussed by the public, especially because in Norway’s highly egalitarian society it is considered improper for an individual to stand out too much. The architects entered in a dialogue with the city and its inhabitants, taking into consideration criticism of their initial designs and further developing the building until it was approved by the authorities. Now, the Munchmuseet’s eleven stories are new to Oslo’s largely horizontal architecture, and greatly dominate over the cityscape.

Over the bearing structure of concrete and steel a sophisticated, multi-layered curtain wall of glass and perforated metal masks the floors’ irregular openings. In the museum itself light breaks through the glass front and pours into the building’s interior public areas in contrast to the artificially lit exhibition rooms, while the ground floor is not only illuminated from the side but also from above. The building appears to consist of levels the visitor can enter and experience. The light streaming in through the translucent curtain wall of triple layered glass and perforated aluminum lends the structure a new, almost magical quality [2], making it seem more flexible and fluid.

This flexibility was desired; exhibition rooms are of different sizes and heights. Sculptures and large-format paintings can be appreciated in the larger galleries, prints and drawings in the smaller, more intimate cabinets. Instead of the traditional, somewhat rigid enfilade of rooms through which visitors are forced, here spaces can be set aside or opened, depending on the given exhibition. Around these inner exhibition spaces the museum is a structure that is accessible at no cost, open to Oslo and the world.

[1] Lloyd, Jill. “Van Gogh and Munch: A Question of Style.” In Munch/Van Gogh, edited by Maite van Dijk, Magne Bruteig, and Leo Jansen, 124–47. Brussels: Mercatorfonds, 2014, p. 143.

[2] For more information about glass as a building material in modern architecture, please see Ábalos, Iñaki, and Juan Herreros. Tower and Office. From Modernist Theory to Contemporary Practice. Cambridge, Mass: MIT Press, 2003, p. 99.“

Meine drei Stöckchen werfe ich weiter an die Kaltmamsell, F. und Stepanini. Es besteht natürlich kein Zwang, es aufzuheben. Ich habe mich bewusst für Blogger*innen entschieden, die nicht zur üblichen Kunst/Kunsthistoriker-Blase gehören, denn ich glaube, dass die Europeana für alle interessant ist.

Bei der Kaltmamsell muss ich immer an ihre verschiedenen Brillen denken, die sie auch gerne im Blog herzeigt. In der Europeana fand ich die untenstehende aus den 1960er Jahren sehr schick – vielleicht stößt sie ja einen Blogeintrag über Mode an? Oder Augen? Oder etwas ganz anderes. Auf der Seite des Victoria and Albert-Museum stehen noch ein paar Informationen zum Objekt.

Milinaire. Victoria and Albert Museum. CC BY.

Den ersten Urlaub mit F. verbrachte ich in Amsterdam. Dort spazierten wir natürlich auch durchs wunderbare Rijksmuseum. Eines meiner Lieblingsbilder dort ist folgendes:

Still Life with AsparagusStilleven met asperges. RM0001.PEOPLE.87191. Rijksmuseum. Public Domain.

Mal sehen, ob F. sich jetzt herausgefordert fühlt, über Essen, Museen, Urlaube oder etwas ganz anderes zu schreiben.

In Stepaninis inspirierendem Blog mag ich ihre Rezepte immer sehr gerne. Sie veranstaltet auch Supperclubs, und neben dem Essen bewundere ich immer das Geschirr. Deswegen gab ich den Suchbegriff „pottery“ bei Europeana ein, und neben lustigen Amphoren, auf denen Fußamputationen abgebildet waren, kam auch – dieser Spucknapf. Der war zu schön, um daran vorbeizugehen, aber ich weiß selbst nicht, zu welcher Art Blogeintrag er inspirieren kann. Über Kaugummi vielleicht?


L0058199 Multicoloured spittoon, Europe, 1701-1900
Credit: Science Museum, London. Wellcome Images
Copyrighted work available under Creative Commons Attribution only licence CC BY 4.0

„Spitting was a common and socially acceptable habit in Europe until the 1800s. Pottery spittoons like this one were used as containers for spit and could be found both inside and outside of public places, such as inns and pubic houses. From the late 1800s, spitting was discouraged as it was realised that the habit could spread potentially fatal diseases. These included tuberculosis, or consumption as it was then known, one of the biggest killers of the period. The hole in the side was used to empty the spittoon – not a pleasant task.“

Moritz Hoffmann wirft übrigens auch mit.

Was schön war, die vergangene Woche

Am Kranksein ist quasi nichts schön, aber wenn man zwischendurch mal Luft kriegt und nicht gerade das Haus zusammenhustet, kommt doch ein bisschen was zusammen, was nett war an der Woche im Bett. Die vermutlich auch noch nicht ganz rum ist, wenn ich mir angucke, wie wackelig mein Kreislauf immer noch ist.

– jemanden zu haben, der einen bepuschelt. Nicht den ganzen Tag – wenn ich krank bin, will ich alleine leiden –, aber so punktuell, hier mal eine SMS, da ein „Brauchst du was? Ich bring’s vorbei“. Ich habe ein Buch geschenkt bekommen zur Sammlungspräsentation des 19. Jahrhunderts im Lenbachhaus, das ich mir gerne kaufen wollte, Süßigkeiten in fast schon zu üppigen Gebindegrößen (aber eben nur fast) und ich hatte einen Obst-Lieferservice, der Freitag abend auch eine Pizza frisch vom Italiener mitbrachte, als ich vom gesunden Essen und Tee die Nase voll hatte und irgendwas Fertiges mit viel Öl und Salz haben wollte.

– meine Früchteteepackung ist ausgetrunken. Endlich. Ich habe mich gestern am Samstag mal wieder vor die Tür getraut und selbst eingekauft (danach hätte ich gleich wieder duschen können, so sehr hat das angestrengt) und mir einen würdigen Nachfolger an „Teesorten, die ich nur aus Verzweiflung trinke“ zugelegt: Rooibos Vanille. Hatte ich gefühlt mit 14 das letzte Mal. Schmeckt überraschend okay.

– nicht schön: Ich habe in dieser Saison das erste Heimspiel vom FC Augsburg verpasst; den Fußweg von der Tram bis ins Stadion hätte ich nicht geschafft, Rumsitzen und Gucken vermutlich schon. Immerhin konnte ich das Spiel im Bett sehen – und F. schickte mir ein Bild des Kid’s Club, der vor jedem Spiel seine Runde dreht, und ich konnte von unter der Decke heraus winken.

– ich habe kaum etwas von Twitter mitgekriegt, weil ich kaum online war. Wenn, habe ich die letzten 40 Tweets gelesen, Sinnvolles retweetet und bin wieder schlafen (oder husten) gegangen. Das hat sich sehr entschleunigt angefühlt.

– ich bin kurz davor, Instagram zu knicken, weil es mich irre macht, sechs Tage alte Bilder zwischen solchen angezeigt zu bekommen, die zwei Stunden alt sind. Andererseits habe ich es durch beharrliches Wegklicken fast geschafft, keine vermutlich schlicht auf „weibliche Konsumentin“ hingedengelte Klamotten- und Kosmetikwerbung mehr im Stream zu haben. Sollte die Mühe umsonst gewesen sein?

– ich habe das Buch von Hillary Clinton fast durch, weil ich ja nichts machen konnte außer husten, Obst oder Pizza essen und schlafen (wovon mich der Husten immerhin nur eine Nacht fast komplett abgehalten hat). Ich habe außerdem endlich alle Staffeln von BoJack Horseman durchgeguckt, nachdem ich vor längerer Zeit in der ersten hängengeblieben war. Die ist dann auch mit Abstand die blödeste, danach wird es richtig gut. Und ich musste natürlich immer ans Lenbachhaus denken, sobald BoJack durch seine Haustür ging, denn direkt daneben hängt Franz Marcs Blaues Pferd, das in Wirklichkeit hier in München ist.

– F. hat ein Buch für mich aus der Stabi abgeholt, weil ich es nicht ertragen kann, wenn ich bestellte Bücher nicht abhole und sie sinnlos wieder durch die Stadt gekarrt werden. Andererseits konnte er leider die im ZI für mich bestellten Bücher nicht abholen, denn da kommt er nicht rein; die muss ich also noch mal bestellen. Aber Stabi ging. Der Mann war noch nie dort und so überreichte ich ihm mit vermutlich fiebrig-irren Augen meinen heiligen Bibliotheksausweis und erklärte im salbungsvollen Ton, wo er mein Buch findet. Er scheint diesen Initiationsritus sehr unbewegt weggesteckt zu haben, während ich mutterstolz rumwimmerte, ach, noch einmal zum ersten Mal in die Stabi gehen zu können! Wie herrlich! („Die Regale sind gar nicht so hoch wie ich dachte.“ „ICH GEB DIR GLEICH HOHE REGALE BELEIDIGE MEINE BIBLIOTHEKEN NICHT!“)

Status

Wenn man so erkältet rumdöst und sich denkt, Mann, das Bett knarzt heute aber ganz schön, und dann merkt, Oh, das ist nicht mein Bett, das ist meine Lunge.

Green Onion Pancakes und Smashed Cucumber Salad

Frühlingszwiebelpfannkuchen krieg ich noch übersetzt, aber wie ich Pai Huang Gua auf Deutsch ausdrücken soll, weiß ich nicht. Ich rede mich fein damit heraus, dass ich das Rezept aus der New York Times habe. Die Pfannkuchen kommen von Delicious Days, wo sie auch weitaus hübscher geworden sind. Ich schreibe das hier aber trotzdem auf, auch mit mittelprächtigem Foto, denn ich möchte sie auf jeden Fall noch einmal ausprobieren. Vielleicht sehen sie dann etwas schicker aus. Gut schmecken tun sie aber auch so halbattraktiv. Und der Salat erst!

Ich habe zunächst die Gurken vorbereitet, weil die ein bisschen entwässern müssen, bevor sie im Dressing landen. Während sie das tun, habe ich den Teig geknetet, der dann ruhen darf. Dann wieder Salat, damit die Gurken im Dressing durchziehen können, dann wieder Pfannkuchen. Ihr kriegt das schon hin. Die Mengen reichen für zwei Personen.

Für den Salat
6 bis 8 kleine Salatgurken längs aufschneiden und dann in vier bis fünf Zentimeter lange Stücke. Diese mit der Schnittfläche nach unten auf ein Brett legen und plattdrücken, so dass die Schale aufbricht und die Kerne sich etwas lösen. Ich habe dazu mein breites Lieblingsmesser genommen, die Handfläche müsste auch gehen. Die Gurken in mundgerechte Stücke schneiden und in ein Sieb geben, mit
1 guten Prise Salz und
1 guten Prise Zucker bestreuen, mit etwas Schwerem bedecken und eine halbe Stunde entwässern.

Für das Dressing
1 TL Salz,
2 TL Zucker,
1,5 EL Reisessig und
2 TL Sojasauce verrühren, bis Salz und Zucker sich aufgelöst haben. Danach mit
1 EL Sesamöl verrühren.

In den Kommentaren bei der NYT oder bei einer meiner liebsten Masterchef-Kandidatinnen der letzten Staffel habe ich etwas von schwarzem Essig statt Reisessig gelesen, das kenne ich aber nicht. Hier wird auch noch Szechuan-Pfeffer ins Dressing gegeben.

Das Dressing mit den entwässerten Gurken mischen, noch
1 Zehe frischen Knoblauch darüber auspressen und mit
Chiliflocken abschmecken. Wer mag, serviert das Ganze mit gerösteten Sesamsamen und frischem Koriander. Auf beides hatte ich keine Lust, ich mochte den sehr frischen Gurken- und Essiggeschmack sehr gerne, den wollte ich nicht überlagern.

Für die Pfannkuchen
125 ml Wasser zum Kochen bringen.
200 g Mehl mit
1,5 TL Salz mischen, das Wasser dazugeben und in fünf bis zehn Minuten einen seidigglatten Teig kneten. Notfalls Wasser dazugeben. Ich feuchte dazu einfach meine Hände an, solange bis die Mischung beim Kneten stimmt. Die Teigkugel mit einem feuchten Küchentuch bedecken oder in Frischhaltefolie schlagen und 30 Minuten bei Zimmertemperatur ruhen lassen.

Das Grün von 3 Frühlingszwiebeln in feine Ringe schneiden.

Nach der Ruhezeit den Teig in sechs bis acht Teile teilen. Jedes davon flach und rund ausrollen (rund kriege ich nie hin). Mit Frühlingszwiebeln bestreuen und zu einer Art Zigarre zusammenrollen. Diese zu einer Schnecke formen und wieder flach ausrollen. (Bei Delicious Days sind sehr sinnvolle Phasenfotos zu finden.) Meine Schnecken sahen eher wie Nacktschnecken aus; wenn man die Dinger mit etwas Sesamöl bestreicht, geht das letztmalige Plattrollen etwas besser. Aber wie man auf dem Foto sieht, sind meine Pfannkuchen nicht so wirklich rund geworden.

In einer Pfanne
Sesamöl erhitzen und die Pfannkuchen in wenigen Minuten ausbacken. Sofort servieren.

Theoretisch. Ich musste erstmal meine Küche von Rauch freiwedeln, um den Rauchmelder am Piepsen zu hindern. Dabei war das Öl überhaupt nicht so heiß!

Ein kleinformatiges Dankeschön …

… an Gundula, die mich mit einem Heft aus dem Nachlass ihres Großvaters überraschte: einer Wehrmachtsausgabe der Zeitschrift Kunst dem Volk zur Großen Deutschen Kunstausstellung 1942. (Beim Auspacken hatte ich F. im Ohr: „Jetzt SCHICKEN dir die Leute schon Nazischeiß!“ Hehe.) Kunst im Volk wurde von Heinrich Hoffmann, Hitlers sogenanntem Leibfotografen, herausgegeben und erschien von 1938 bis 1944. Einige der Ausgaben erschienen zusätzlich als kleinformatige Wehrmachtsausgabe, damit man sich auch im Feld die banalen Nackten angucken konnte. Wir haben die Zeitschrift fast vollständig in der ZI-Bibliothek, aber, wie ich selbst überrascht feststellte, die Wehrmachtsausgaben stehen nur in Florenz (das ZI hängt mit Bibliotheken in Rom, Paris und Florenz zusammen, was mich immer irre macht, wenn ich ein Buch nur einmal im Katalog finde und das steht dann in Italien oder Frankreich). Jetzt habe ich immerhin eine davon, ha! Vielen Dank für das Geschenk, ich habe mich sehr gefreut. (Ja, über Nazischeiß, sorry.)

Beim Suchen im ZI-Katalog bin ich übrigens auf diese Dissertation über die Zeitschrift gestoßen. Bereits auf der zweiten Seite wird Martin Warnke und sein Auftritt beim Kunsthistorikertag 1970 erwähnt, über den gestern auch die FAZ schrieb.