Tagebuch, Dienstag, 10. April 2018 – Pseudostudentin

Da mein Gehirn bei Werbung relativ schnell mit den Augen rollt, ich aber nicht dauernd in Archiven rumsitzen kann, um meinen grauen Klumpen glücklich zu machen, möchte ich in diesem Semester wieder ein paar Vorlesungen besuchen. Das wird großartig: Ich muss nichts mitschreiben, ich muss keine Lernkärtchen basteln, ich muss theoretisch nicht mal mitdenken, ich kann da wie bei einem Diavortrag sitzen und mich berieseln lassen, denn ich muss keine beknackte Klausur mehr am Semesterende über den Stoff schreiben, den ich, wie ich nach elf Semestern weiß, sowieso sofort wieder vergesse, sobald ich den Prüfungsbogen abgegeben habe. Leider. Aber mal sehen – vielleicht bleibt ja was hängen, wenn ich weiß, dass eigentlich nichts hängen bleiben muss.

So radelte ich gestern frohgemut in die Luisenstraße in ein für mich neues Gebäude, wo, soweit ich weiß, schon seit letztem Semester Vorlesungen für uns Geistis stattfinden. In den Schaukästen neben den Hörsälen liegen aber immer noch lauter Geoden und Zeug; so ganz sind die Geologinnen wohl doch noch nicht umgezogen. Vielleicht teilen wir uns das Gebäude auch, aber es steht was von Geisteswissenschaften über dem Eingang. Egal. Ich radelte dort also hin, fand auch dank LMU-Raumfinder online den Hörsaal sofort, öffnete die Tür – und sah niemanden. Okay, es war fünf vor zehn, die Vorlesungen gehen mit akademischem Viertel los, aber das Thema ist so anfängerinnen-kompatibel, dass ich auf einen recht vollen Hörsaal getippt hatte. Hm.

Ich ging wieder vor die Tür, wo noch andere Studis warteten und fragte, ob sie eine Mail bekommen hätten, dass die Vorlesung ausfalle. Ich hätte sie auf keinen Fall bekommen, denn ich hatte mich schließlich gar nicht angemeldet. Alle verneinten. Ich guckte im Blog des Instituts nach – nichts. Ich schaute noch einmal bei LSF, dem elektronischen Vorlesungsverzeichnis, nach – nichts. Also setzte ich mich in den Hörsaal und zückte mein Buch, andere taten es mir gleich, und bis 10.25 Uhr saßen mit uns noch ungefähr 30 weitere Leute sinnlos rum, bis eine junge Dame vor mir meinte, sie hätte noch gar nicht in ihre Mails geguckt … ah ja, da ist ja die Absage, schon gestern abend, hihi. (Augenrollen bei der alten Frau hinter ihr, die sich zum wiederholten Male fragte, warum niemand seine Mails checkt.)

So radelte ich unverrichteter Dinge wieder nach Hause und hatte nichts über Fotografie gelernt. Auch heute werde ich nichts lernen, denn die Vorlesung, die ich mir für Mittwoch rausgesucht hatte, beginnt erst nächste Woche. Das steht immerhin schon im LSF, sonst wäre ich heute nochmal umsonst zur Uni gefahren.

Why Scientists Are Battling Over Pleasure

Verschafft es eine andere Art von Befriedigung, Kunst anzuschauen oder ist dieses Glücksgefühl vergleichbar mit gutem Essen oder Sex? Die Neurowissenschaft diskutiert.

„The arguments over Dr. Christensen’s paper pointed to disputes within the emerging field of neuroaesthetics, or the study of the neural processes underlying our appreciation and the production of beautiful objects and artworks:

– On Team 1 you’ll find the argument that the experience of pleasure from art is neurobiologically identical to the experience of pleasure from candy or sex.

– Team 2 believes that both making and appreciating art can offer unique neurobiological rewards.

– Team 3 asks, “Who knows?!” (“Who cares?!” seems to be a subset of this group.)

Given that pleasure is known to be a powerful motivator of human behavior, it’s a dispute with implications far beyond art — at least according to Team 1 and Team 2.“

Wenn ihr keine Lust auf Neurologie habt, dann vielleicht auf dieses Video, das auch im Artikel verlinkt ist: Christie’s filmte die Menschen, die sich Salvator Mundi anschauten, bevor er verkauft wurde. Das ist zwar fies kalkulierter PR-Kram, aber so ganz kann ich mich den Bildern nicht entziehen. Ich bin jedenfalls froh zu sehen, dass ich nicht die einzige bin, die manchmal mit offenem Mund vor Kunstwerken steht.

Ich gebe zu, einige Male, wenn ich morgens vor dem Walken die herrlich bequemen Lauftights angezogen hatte, dachte ich eine Millisekunde darüber nach, mich mit ihnen wieder ins Bett zu legen. Damit bin ich anscheinend nicht alleine. Die Nike Pro Chiller Leggings sind mein liebster Clip aus der letzten Saturday-Night-Live-Sendung. (Gibt’s natürlich auch bei NBC, aber nicht für mich, weil ich kein VPN uswusf.)

Black-Pepper-Tofu mit Gurkensalat

Ein Rezept der charmanten Chestnut and Sage, auf das ich spontan Lust hatte, als ich im Supermarkt Koriander erblickte. Das Tolle an Koriander ist ja: Wenn man sich den schön gegessen hat, kann man gar nicht mehr verstehen, wie man ihn jemals eklig finden konnte. Insofern: Mehr Koriander an alles! Vor allen Dingen an dieses Rezept, denn es ist eine schöne Alltagsküche.

Für eine Esserin.

200 g Tofu (bei mir Räuchtertofu, der war halt da) in Scheiben schneiden und in
2 EL Sojasauce so lange wie möglich marinieren. Ich war hungrig, ich habe es nur eine Stunde ausgehalten.

1/2 Salatgurke mit dem Sparschäler in dünne Streifen schneiden, mit
Salz bestreuen und circa 30 Minuten in einem Sieb rumstehen lassen, um sie zu entwässern. Bei Julia steht was von „einer kleinen Gurke“, was ich grundsätzlich ignorieren würde. Mehr Gurke an alles!

Aus
1 TL Zucker,
1 EL Reisessig,
1/2 rote Chili, fein gehackt (bei mir Chiliflocken), und
1 TL geröstetem Sesamöl ein Dressing herstellen. Dabei darauf achten, dass sich der Zucker auflöst. Kurz vor dem Servieren die Gurken aus dem Sieb nehmen und mit dem Dressing vermischen.

2 EL Speisestärke mit
1–2 TL schwarzem Pfeffer und
1 TL Szechuan-Pfeffer vermischen. Die Tofuscheiben aus der Marinade nehmen, abtrocken, in der Stärkemischung wenden und in
neutralem Öl (bei mir Sesam) knusprig braten. (Szechuanpfeffer duftet so herrlich!)

Mit bergeweise frischem Koriander und einer Handvoll Erdnüsse, bei mir ungesalzen, servieren. Wer noch etwas mehr Schärfe mag, kleckst etwas Sriracha darüber. Mir war die Schärfe egal, ich wollte bloß Koriander. Daher habe ich ihn auch nicht feingehackt wie drüben bei Julia beschrieben, sondern ihn einfach von den Stängeln gezupft und über alles geworfen. Außerdem habe ich die restliche Sojasauce, die vom Marinieren übrig war, über den Tofu getropft, sonst wäre er mir etwas zu trocken gewesen.

Was schön war, Sonntag, 8. April 2018 – Sonntagsruhe

Rumgelegen, viel Kaffee gekocht (und genossen), viel Käse auf Zeug geworfen und überbacken (und genossen), viel gelesen. Zum Beispiel das hier:

„Bisschen mausig, bisschen bieder“

Ich zitiere einfach mal den Teaser der SZ gleich mit der Überschrift: „Der Augsburger Autor und Dramatiker Michel Decar über den FCA und den Charme von gepflegtem Umschaltfußball.“ Ich stimme nicht mit allem überein, was der Mann sagt, aber einige Male musste ich sehr grinsen.

„[SZ:] Als Einziger der 18 Bundesligisten durfte Augsburg seit der Saison 2015/2016 kein sogenanntes Top-Spiel zur 18.30-Uhr-Sendezeit am Samstagabend bestreiten.

[Decar:] Der FCA hat ja sogar graue Trikots! Welcher Verein macht sich freiwillig graue Trikots? Das fällt einem doch nur ein, wenn man das Hannover des Südens sein will. Bisschen mausig, bisschen bieder, unter dem Radar fliegen als Überlebensstrategie, so würde ich das nennen. Andererseits muss es diese mausigen Vereine auch geben im Welttheater Bundesliga. Was sollen sie schon machen mit dem fast kleinsten Budget der Liga, außer sich durchzufuchsen? Man wundert sich jedes Jahr aufs Neue, wie sie es wieder geschafft haben.“

„Hannover des Südens.“ Kchkch.

In ihrem Stück „Philipp Lahm“ lassen Sie den Protagonisten auf der Bühne sagen: “Manche sagen, ich bin so langweilig, dass es weh tut. Ist doch geil!”

Ja, das ist das Grundprinzip der Augsburger Identität. Wenn es ein Vereinsmotto geben würde, dann wäre es, in einer Reihe mit dem „Mia san mia“ des FC Bayern oder der „echten Liebe“ bei Borussia Dortmund: „FC Augsburg – schon ganz okay“.“

Das hatte ich beim gestrigen Blogeintrag vergessen: Ich habe in Augsburg beim Bayernspiel zum ersten Mal jemanden gesehen, der eine Karte verkaufen wollte. Das ist so niedlich! Beim FCA gibt es immer Karten – gut, gegen Bayern und Dortmund war es eventuell etwas schwieriger, aber das ging alles. Das sieht in der Allianz-Arena ganz anders aus. Man klettert die Treppen von der U-Bahn Fröttmaning hoch und biegt nach rechts auf die Brücke ab, die über die Gleise führt und zur Esplanade, die den langen Aufstieg zur Arena bildet (hübsch, aber für Fußlahme wie mich latent anstrengend. Dafür ist der Rückweg super). Schon an der Brücke stehen die ersten Menschentrauben, die entweder Karten loswerden wollen oder suchen, und diese Menschen tauchen bis zu den Eingangstoren der Arena immer wieder auf. Der charmante Mitbewohner hatte mal für mich eine Karte quasi direkt am Stadion erworben, weil ihm alles davor zu teuer war.

In Augsburg steht nie jemand. Wirklich nie. Das fand ich sehr putzig, diese einzelne Gestalt, die ihre Karte nicht mehr haben wollte. Danke, aber wir waren alle versorgt.

What About “The Breakfast Club”? Revisiting the movies of my youth in the age of #MeToo

Molly Ringwald schreibt für den New Yorker über ihre eigenen Filme. Das Denkmal von John Hughes bekommt ein paar Kratzer.

„I made three movies with John Hughes; when they were released, they made enough of a cultural impact to land me on the cover of Time magazine and to get Hughes hailed as a genius. His critical reputation has only grown since he died, in 2009, at the age of fifty-nine. Hughes’s films play constantly on television and are even taught in schools. There is still so much that I love in them, but lately I have felt the need to examine the role that these movies have played in our cultural life: where they came from, and what they might mean now. When my daughter proposed watching “The Breakfast Club” together, I had hesitated, not knowing how she would react: if she would understand the film or if she would even like it. I worried that she would find aspects of it troubling, but I hadn’t anticipated that it would ultimately be most troubling to me.

It can be hard to remember how scarce art for and about teen-agers was before John Hughes arrived. Young-adult novels had not yet exploded as a genre. Onscreen, the big issues that affected teens seemed to belong largely to the world of ABC Afterschool Specials, which premièred in 1972 and were still around as I came of age, in the eighties. All the teens I knew would rather have died than watch one. The films had the whiff of sanctimony, the dialogue was obviously written by adults, the music was corny.

Portrayals of teen-agers in movies were even worse. The actors cast in teen roles tended to be much older than their characters—they had to be, since the films were so frequently exploitative. The teen horror flicks that flourished in the seventies and eighties had them getting murdered: if you were young, attractive, and sexually active, your chances of making it to the end were basically nil (a trope spoofed, years later, by the “Scream” franchise). The successful teen comedies of the period, such as “Animal House” and “Porky’s,” were written by men for boys; the few women in them were either nymphomaniacs or battleaxes. (The stout female coach in “Porky’s” is named Balbricker.) The boys are perverts, as one-dimensional as their female counterparts, but with more screen time. In 1982, “Fast Times at Ridgemont High,” which had the rare distinction of being directed by a woman, Amy Heckerling, got closer to an authentic depiction of adolescence. But it still made room for a young male’s fantasy of the actress Phoebe Cates striding topless in a soft-porny sprinkler mist.“

Ich hänge immer noch in Fantasyland, das sich so nett bröckchenweise lesen lässt, denn es geht zeitlich schön chronologisch vor. Im Moment bin ich bei Reagan in den 80er Jahren, aber ich wollte euch ein Zitat aus den 1970er Jahren von Philip K. Dick empfehlen. Im Buch geht es generell um die – laut Autor – amerikanische Eigenart, alles glauben zu dürfen, was man will, ganz gleich, ob Fakten oder die blöde Realität dagegensprechen. Er arbeitet heraus, und ich fasse hier etwas verkürzend zusammen, dass Dinge wie amerikanisches Fernsehen (Reality TV, das bekanntermaßen immer noch gescriptet ist), Themenrestaurants, die eine Welt aufmachen, die über Essen hinausgeht, Malls, die quasi eine eigene Welt begründen, Reenactments, gerade vom Bürgerkrieg, die latent revisionistisch sind und auch Dinge wie Disneyland und Colonial Williamsburg Realität und Fantasie bewusst verschwimmen lassen – und dass es die Besucher, Nutzer, Konsumenten nicht einmal stört. Ich zitiere S. 234 aus der Hardcoverausgabe, London 2017:

„In den 1970s, not long before he died, the sci-fi writer Phil Dick moved into an apartment in Orange County a few miles from Disneyland, an irony not lost on him. There he wrote a perfect summary of his dread about the transformation of American society and culture as the real and unreal became indistinguishable. “We have fiction mimicking truth, and truth mimicking fiction. We have a dangerous overlap, a dangerous blur. And in all probability it is not deliberate. In fact, that is part of the problem.” I can’t do better, so I’ll quote him at length.

„The problem is a real one, not a mere intellectual game. Because today we live in a society in which spurious realities are manufactured by the media, by governments, by big corporations, by religious groups, political groups – and the electronic hardware exists by which to deliver these pseudo-worlds right into the heads of the reader, the viewer, the listener. …

And it is an astonishing power: that of creating whole universes, universes of the mind. I ought to know. I do the same thing. It is my job to create universes. …

I consider that the matter of defining what is real – that is a serious topic, even a vital topic. And in there somewhere is the other topic, the definition of the authentic human. Because the bombardment of pseudo-realities begins to produce inauthentic humans very quickly, spurious humans – as fake as the data pressing at them from all sides. … Fake realities will create fake humans. Or, fake humans will generate fake realities and then sell them to other humans, turning them, eventually, into forgeries of themselves. So we wind up with fake humans inventing fake realities and then peddling them to other fake humans. It is just a very large version of Disneyland.“

(The Shifting Realities of Philip K. Dick: Selected Literary and Philosophical Writings, 1995.)“

In other news: Ich ignoriere Twitter auch weiterhin bis auf das Checken von Replys und DMs und finde mein Leben damit deutlich angenehmer als mich ständig dem Kommentarsturm auszusetzen. Auch wenn ich Katzenbilder vermisse.

Was schön war, Samstag, 7. April 2018 – Vorletztes Heimspiel für mich

Lange ausgeschlafen, ohne Wecker wachgeworden, unalleine (hach!). So lange im Bett rumgequatscht, dass ich danach keinen morgendlichen Flat-White-Durst mehr hatte, sondern richtigen Hunger. Da der Rest des Tages ein Stadiontag war, gönnte ich mir eine halbe Packung Pizzafertigteig, den ich großzügig mit Zwiebeln, Tomätchen, ein bisschen Salami, ein paar Chilischoten und Mozzarella belegte. Dazu gab es wieder Aeropress-Kaffee, der wirklich richtig gut ist. Und so schnell fertig! Und nur eine Tasse! Grandioses Teil.

Die Zeit reichte so gerade zum Pizzabelegen, backen und essen, zum Bloggen und zum stadionfein machen, dann fuhr ich schon zum Bahnhof. Bei der Klamottenwahl musste ich sehr darüber grinsen, dass ich vor drei Wochen noch drei Schichten Kleidung übereinander trug und Handschuhe, Mütze und Decke dabei hatte, während ich gestern mein Frühlingshoodie über mein Finnbogason-Trikot streifte und mir Sonnenbrille und Sonnencreme ins Stadiontäschchen packte. Wir nahmen heute den früheren Zug, denn F. und ich wurden von zwei Bayernfans begleitet, die noch am Stadion ihre Karten holen mussten; der FC Augsburg spielte gegen den FCB.

Normalerweise freue ich mich, wenn auch Fans der gegnerischen Mannschaft in München in den Zug steigen, aber gestern war der halbe Zug voll mit FCB-Fans – und leider auch das Stadion. Die Tore für den Gegner wurden fast ebenso laut bejubelt wie für die Heimmannschaft und das war ein bisschen irritierend. Mir fiel auch auf, dass ich, im Gegensatz zur letzten Saison, eindeutig auf der Seite von Augsburg war und den Gegner und seine Marotten so richtig scheiße fand. Ich hatte ganz vergessen, wie anstrengend Bayern ist, wenn man dieser Mannschaft mal nicht die Daumen drückt (wie vor wenigen Tagen in der Champions League gegen Sevilla). 25 Minuten lang ließen sie Augsburg machen und sogar ein Tor schießen, dann erinnerten sie sich wieder daran, dass sie Bayern München sind und von da an hatte Augsburg keine Chance mehr. Die vier Bayern-Tore fielen quasi mit Ansage, denn der FCB war sichtbar schneller, präziser, konzentrierter, besser eben. Und auch wenn ich wegen der Heimniederlage theoretisch hätte nölig sein müssen, wurde mir doch wieder klar, wieviel Spaß es macht, dieser Mannschaft zuzuschauen – das ist schon ein toller Fußball, den sie selbst mit der sogenannten B-Elf spielen. Auch Augsburg spielte sichtlich besser als in den letzten Heimspielen, und so konnten wir halbwegs gut gelaunt nach Hause fahren. Die Niederlage war zu erwarten gewesen, daher waren wir höchstens ein winziges bisschen enttäuscht.

Abends ging F. noch auf eine Party, die ich ohne zu überlegen abgesagt hatte. Ich fand es nett, eingeladen zu werden, aber ich bin inzwischen wirklich in einem Alter angekommen, wo ich weiß, dass ich auf diese Massenveranstaltungen nie Lust habe. So war es auch gestern; ich hatte in keinem Augenblick das Gefühl, diese Entscheidung vielleicht doch hinterfragen zu müssen. Ich weiß, dass da nur nette Leute gewesen wären, aber es wären eben 30 von ihnen auf einem Haufen gewesen, und das ist einfach nicht mein Ding. So verbrachte ich den Abend alleine und zufrieden mit The West Wing und dem Aktuellen Sportstudio auf dem Sofa und knipste das Licht aus, als mir beim Lesen im Bett mein Buch auf die Nase fiel.

Besuch in der Hölle

Eine der beiden Mitfahrer*innen gestern war eine Bekannte (mit doppelter Staatsbürgerschaft), mit der ich öfter in der Allianz-Arena war. Die Dame schreibt auch ein Blog, und vor Kurzem fanden sich darin zwei Einträge, die überhaupt keine gute Laune machen, die ich euch aber trotzdem verlinken möchte. Sie und ihr Mann haben an einer Fahrt zur Gedenkstätte Auschwitz teilgenommen, die von Erinnerung vereint organisiert wurde, ein Projekt, das unter anderem vom FCB und vom TSV 1860 München unterstützt wird, also von zwei Vereinen, die sich alles andere als grün sind. Ihren Bericht habe ich oben in der Überschrift verlinkt, hier ist der Blogeintrag zum ersten Teil des Programms, in dem die Gruppe eine Ausstellung im NS-Dokumentationszentrum sowie die Gedenkstätte Dachau besuchte. Auch die SZ berichtete über das Projekt. Auf der FCB-Seite findet sich ebenfalls ein Artikel.

„Völlig erschüttert steht man zum Schluß vor dem Book of Names, in dem alle Opfer der Shoah namentlich aufgeführt sind. Ein unwirkliches Zeugnis, so bedeutend, so schmerzhaft und so brutal. Umso wichtiger ist der letzte Raum, der mit seinen Bänken dazu auffordert, sich kurz niederzulassen und durchzuschnaufen, um das Gesehene kurz sacken zu lassen. Hier wirkt das Zitat des Überlebenden Primo Levi, das an der Wand zu lesen ist, besonders stark:

„It happened, therefore it can happen again: this is the core of what we have to say.“

Und auch der Hinweis des Guide, wie wichtig es ist, darauf zu achten, dass so etwas nie wieder passieren darf und auch Schweigen letztlich Zustimmung sei, wirkte hier ganz besonders.“

Was richtig schön war, Freitag, 6. April 2018 – Ein ganz normaler Tag

Gemeinsam aufgewacht, geklönt, irgendwann aus dem Bett geschält.

Den Tag verbrachte ich mit Schreibtischarbeit auf verschiedenen Kunden und kam sehr gut voran. Abends las ich noch einmal über alles rüber und war zufrieden. Es gibt ja so Tage, an denen tippt man acht Stunden vor sich hin, liest sich das durch und weiß, jo, das mach ich morgen alles nochmal. Und dann gibt es Tage, da liest man sich die eigenen Texte durch und denkt, ich würde das so drucken. Gestern war so ein Tag, und ich hoffe, der Kunde denkt das auch.

In der Mittagspause pumpte ich mein Rad auf, setzte die Sonnenbrille auf die Nase und radelte zur Unibibliothek, um mir ein Buch abzuholen. Schon dabei dachte ich, dass es so wenig braucht, um mich glücklich zu machen: Rad, Sonnenbrille, Buch. Aber dann setzte ich dem ganzen noch die Krone auf und radelte zu Ballabeni, um als ausgewogene Mittagsmahlzeit eine Kugel Haselnuss und eine Kugel Amarenakirsche zu genießen. Aber: Das war immer noch nicht alles, denn danach fuhr ich zum Deli in der Amalienstraße und brachte mir zwei Bagels mit, die ich im Laufe des Nachmittags mit a) Frischkäse und Erdbeermarmelade und b) Frischkäse mit süßem Senf, Salat, Putenbrust und Gurke verspeiste.

Auf dem Rückweg erstand ich noch die SZ und freute mich über das Magazin; ich hatte irgendwie verdrängt, dass Freitag war, wo immer das Magazin dabei ist.

Am späten Nachmittag sorgte ich für ein winziges bisschen Bewegung, indem ich zur Packstation ging, wo die Aeropress auf mich wartete. Ja, der Kaffeekram eskaliert weiterhin. Ich musste auch dringend Espressobohnen bestellen, vielleicht gibt’s die morgen nicht mehr. (Done.)

Für den angeblich irre gut schmeckenden Aeropress-Kaffee, den man sich vor allem als Tassenportion zubereiten kann und keinen Liter kochen muss, mahlte ich 16 Gramm meines derzeitigen Lieblingskaffees, wartete brav, bis das ehemals kochende Wasser nur noch 80 Grad heiß war, drückte den Presskolben durch den Brühzylinder, bis er lustige Pffffft-Geräusche machte und ploppte dann in einer äußerst befriedigenden Handlung den Kaffeesatz, der wie ein Hockeypuck aussah, in den Abfalleimer. Und dann war ich gespannt, ob der Kaffee wirklich besser war als aus einer French Press oder Mamas Handfilter. Was soll ich sagen? War er. Überhaupt keine Säure, ein ganz klarer, gefühlt ursprünglicher Geschmack, nicht ganz so vollmundig wie aus der French Press (was an den Ölen liegt, die bei einer Zubereitungszeit von 30 Sekunden keine Chance zur Entfaltung haben), aber dementsprechend auch irgendwie knackiger, schlichter, mehr geradeaus. Das war ein sehr guter Kaffee!

Abends kam F. vorbei und brachte einen serbischen Rotwein aus seinem Probierpaket mit, der ein sehr guter Alltagswein war, aber nicht so spektakulär wie der, den wir bei Fehlfarben hatten oder der tolle Rosé von neulich. Irgendwann waren wie beide mundfaul und saßen am Küchentisch, er mit der SZ, ich mit der FAZ, beide mit Rotwein und zufrieden.

Gemeinsam eingeschlafen.

Das war ein total normaler Tag, ich habe gearbeitet, Dinge erledigt, Zeug gegessen und getrunken und hatte Besuch. Aber in der Summe war das ein richtig guter Tag, weil eben auch die normalen Dinge richtig gut waren.

Tagebuch, Donnerstag, 5. April 2018 – Schreibtisch statt Bibliothek

Da ich auf einigen Baustellen noch auf Feedback wartete, überlegte ich morgens, den Vormittag in der Stabi zu verbringen; einerseits kunsthistorisch, andererseits, weil ich dort Bücher liegen habe, aus denen ich mich für einen Kunden bediene. Dann klingelte aber um 8.40 Uhr mein Handy, was mich sehr irritierte. Meine Geschäftszeiten sind von 9 bis 18 Uhr und außerhalb dieser Zeit ignoriere ich alle unbekannten Nummern und gehe nur sehr selektiv an bekannte ran. Die hier kannte ich, und ich wartete genau von diesem Kunden auf eine Ansage zum weiteren Vorgehen, die ich auch bekam. Ich hatte doch noch weitaus mehr zu tun als gedacht und das ganze auch noch in einem engeren Timing als gedacht, weswegen die Stabi ohne mich und mein sehnsuchtsvolles Wimmern auskommen musste. Stattdessen kochte ich meine übliche Kanne Arbeitstee und ging tippen.

In der Mittagspause wollte ich mir die SZ kaufen, weil mir die doppelte Zeitungslektüre vorgestern so gut gefallen hatte. Außerdem überlegte ich, auf den Markt zu gehen, von dem ich mir irgendwie falsch gemerkt hatte, dass er Donnerstag war. Zeitung gekauft, zum Marktplatz vor der Kirche gegangen bzw. in die Richtung geguckt, aber keine Marktstände gesehen. In diesem Moment fuhr ein Bus vor, in den ich kurzerhand sprang – dann fahre ich halt zum ständigen Markt am Elisabethplatz und gehe zu Fuß zurück: Zeitung, Gemüse, Bewegung, ein perfekter Plan.

An der Schellingstraße musste ich dafür in die Tram umsteigen, sah aber, dass die nächste noch acht Minuten auf sich warten ließ. Direkt an der Haltestelle ist eine Drogerie, und da München den Frühling übersprungen und gleich von Winter- auf Sommersonne umgeschaltet hat, was meine alabasterweiße, zarte Memmenhaut richtig doof findet, ging ich noch schnell hinein und erstand Sonnencreme in der üblichen Packungsgröße und eine kleine Tube, die in die Stadiontasche passt (mein Platz liegt in der zweiten Halbzeit immer in der Sonne, was ich stark anprangern möchte).

Als ich wieder vor die Tür trat, war die Tram natürlich genau vor meiner Nase abgefahren. Also ging ich in den Edeka an der Ecke, von dem ich weiß, dass sein Gemüse einen Hauch besser ist als das meines Stamm-Edekas, der durch die Bank eher miesen Matsch hat, weswegen ich inzwischen sogar beim Lidl oder Netto einkaufe, obwohl ich Discountern irgendwie misstrauisch gegenüber stehe – das wird eventuell einen Grund haben, dass alles so billig ist (Personalkosten, anyone?). Im Edeka fand ich schöne Kartoffeln, die ich abends in die Pfanne werfen wollte plus Thymian, Knoblauch hatte ich noch. Auf dem Weg zur Kasse entdeckte ich reduzierte Osterhasen und erstand spontan zwei, von denen ich einen F. auf den Esstisch stellen wollte, denn der Herr wohnt recht nah an dieser Ecke.

Als ich frohgemut seine Wohnungstür öffnete, ahnte ich anhand der Schuhe und Jacken, dass der Mann heute überraschend im Home Office arbeitete. Immer wenn ich ihm eine Kleinigkeit da lassen will, ist er selbst da! Meine Überraschungen sind nie Überraschungen! Dafür konnte ich kurz kuscheln und plaudern, musste dann aber dringend wieder nach Hause, denn um 14 Uhr erwartete ich einen Telefonanruf eines eventuellen Neukunden, und bis dahin wollte ich wenigstens ein Scheibchen Brot gegessen haben, um das Telefonat nicht durch Magenknurren zu stören.

Wieder zuhause angekommen, per Bus, ohne Bewegung, stellte ich fest, dass die Entscheidung, die SZ zu kaufen, eine sehr gute gewesen war, denn die FAZ war mal wieder nicht im Briefkasten. Ich überlege, mein Abo zu kündigen, denn ich rege mich über die zwei, drei Exemplare, die pro Monat fehlen, sinnloserweise mehr auf als mich über die ca. 20 Exemplare zu freuen, die hübsch gefaltet und pünktlich bei mir ankommen.

Avocadobrot, Kundentelefonat (unter anderem mit einem Blog-Leser, huhu!), Tippen, weiteres Kundentelefonat, Kundenmails, Tippen, Feierabend. Für F. und mich Fondant Potatoes und Pimientos de Padrón gemacht, danach spanische Süßigkeiten verkostet (und nach drei Bissen sehr satt gewesen). Als Absacker Espresso für ihn, Flat White für mich. Erstmals eine Schaumkonsistenz produziert, die der wenigstens ähnelt, die man für Latte Art braucht. Ich behaupte, ein chinesisches Schriftzeichen gegossen zu haben.

Danach auf dem Sofa tausend Fotos aus Sevilla, Madrid und den dortigen Museen angeschaut und über Kunst geredet. Von einem Jesus sehr beeindruckt gewesen. Gemeinsam eingeschlafen.

Was schön war, Mittwoch, 4. April 2018 – Zeitunglesen

Vormittags stand ein Pflichttermin an: die Gabriele-Münter-Ausstellung im Lenbachhaus, die nur noch diese Woche läuft und die ich mir angucken musste. Musste, nicht wollte, denn, es tut mir leid, aber: Ich kann mit Frau Münter nichts anfangen. Konnte ich vor der Ausstellung nicht, konnte ich auch nachher nicht, obwohl natürlich trotzdem was an den Wänden hing, was ich spannend fand. Aber generell ging ich an den Bildern vorbei, vor denen sehr viele Menschen standen und sich offensichtlich über sie freuten oder sich für sie interessierten, während ich die ganze Zeit dachte: „Mir egal, mir egal, mir auch egal, okay, das gucke ich mir beim zweiten Rundgang näher an, mir egal, mir egal, mir egal.“ Ich blieb nur vor wenigen Werken länger stehen, vor einigen pflichtschuldig, vor anderen gar nicht („im Vorbeigehen lernen“).

Für mich neu und interessant war Münters Beschäftigung mit Technik bzw. ihre Bilder von Arbeit, die in der Zeit des Nationalsozialismus entstanden. Da ich mich in der Diss mit genau diesem Sujet und dieser Zeit herumschlage, waren das Bilder, die ich im Kopf abspeicherte, aber gleichzeitig über sie mit den Augen rollte, weil sie mir, genau, egal waren.

Ebenfalls interessant waren ihre Fotos, aber nicht, weil sie von Münter waren, sondern weil sie mir die USA um die Jahrhundertwende zeigten. Auf ein Foto von drei schwarzen Frauen hatte mich F. im Vorfeld aufmerksam gemacht, es ist hier in der Bildergalerie zu sehen und heißt dort wie auch in der Ausstellung „Drei Frauen im Sonntagsstaat“. In früheren Veröffentlichungen wurde statt „Frauen“ das N-Wort benutzt; diese Namensänderung wurde nirgends kenntlich gemacht. Ich stolperte nur darüber, weil mir das Thema gerade vor wenigen Tagen im Bucerius-Kunstforum in Hamburg bei der Schmidt-Rottluff-Ausstellung aufgefallen war. Dort fotografierte ich folgenden Wandtext:

Ich dachte wieder einmal darüber nach, wie man mit diesem Begriff umgehen soll. Bei Pippi Langstrumpf kann ich mit dem „Südseekönig“ statt des N-Worts sehr gut leben, in Hamburg fand ich den Hinweistext erstmal richtig und schlau (wobei ich das „nicht wertend“ vorsichtig anzweifeln würde), im Lenbachhaus hätte ich es nicht mal gemerkt, wenn F. mir nicht einen Katalog gezeigt hätte, in dem eben noch der alte Name steht. Verändert sich Münters Foto durch den Titel? Natürlich nicht, aber da für sie schwarze Menschen vermutlich kein gewohnter Anblick waren, zeigt auch die Benennung das „Andersartige“. Wobei wir wieder bei der Diskussion sind, dass „Weiß“ der Normalzustand ist und Schwarz eben „das andere“, was natürlich auch totaler Quatsch ist. Außerdem weiß ich nicht mal, ob der Bildtitel von Münter selbst stammt oder nachträglich von der Kunstgeschichte angebracht wurde, die nicht gerade eine progressive Wissenschaft war.

Ich habe bei Noah Sow nachgeschlagen, die in ihrem Buch Deutschland Schwarz Weiss: Der alltägliche Rassismus einen Briefwechsel zwischen Langenscheidt und dem Braunen Mob abbildet. Letztere wollten 2006 darauf aufmerksam machen, dass es für ein Lexikon seltsam sei, Beleidigungen aufzuführen („Zigeuner“ wurde auch erwähnt). Der Verlag schrieb damals sinngemäß, dass sie ja erwähnten, dass es eine Beleidigung sei, aber von vielen älteren Menschen nicht als eine solche empfunden wurde. So ähnlich lese ich das Schmidt-Rottluff-Schild oben: war damals gängig, lassen wir so, erklären es aber. Im Rijksmuseum in Amsterdam – und anscheinend im Lenbachhaus – hat man sich für einen anderen Umgang entschieden und prüft „abfällige Begriffe“ bei seinen Bildtiteln. Die SZ schrieb 2015 dazu:

„Das Museum zeigt 8000 Werke und Objekte in seiner ständigen Sammlung. Mehr als eine Million weitere Stücke befinden sich im Depot, werden aber nach und nach im Internet nachzuschlagen sein. Auch deren Angaben werden nun auf abwertende Klischees hin geprüft und dann geändert. […]

Was jetzt geändert wird, sind also zumeist Formulierungen späterer Kunsthistoriker oder, im Fall der Schriftstücke und der anderen Objekte, Historiker. Die früheren Bezeichnungen werden im Archiv bewahrt, als Quellen für historische Recherchen. Es gibt keinen Grund, heute in einem international geprägten Land wie den Niederlanden noch an kolonialen Bildbeschreibungen in Museumssälen festzuhalten. Die Kunst im Museum gehört schließlich allen Niederländern, gleichgültig, wo ihre Urgroßeltern geboren wurden. Und Gäste aus dem Ausland sollte man auch nicht unnötig beleidigen. Ebenso wenig muss sich eine dunkelhäutige Hausangestellte in schmierigem Ton nachsagen lassen, sie sei “exotisch” gewesen.“

Inzwischen bin ich ganz simpel bei dem Schluss angelangt: Wenn schwarze Menschen das Wort ablehnen und nicht damit bezeichnet werden wollen, dann sollte eine weiße Kunsthistorikerin das annehmen und Bildtitel ändern, fertig. Ich schwanke aber immer noch bei Titeln, die die Künstler*innen selbst ihren Werken gegeben haben. Da kann ich persönlich – als Weiße – mit Erklärtäfelchen wie in Hamburg gut leben. Ich weiß aber nicht, ob Schwarze das auch können. Auf der Braune-Mob-Seite habe ich nichts zu diesem recht speziellen Thema gefunden, lese mich aber gerade durch die Rubrik „Sprachliches“.

Wie schon am Dienstag ignorierte ich Twitter bewusst, guckte morgens und abends rein, beantwortete eine Reply und musste mich kurz aufregen, ich komme darauf zurück. Tagsüber hatte ich keine Zeit, denn neben der FAZ lag gestern auch die Süddeutsche auf meinem Sofa und wollte gelesen werden. Ich brauchte für beide jeweils eine Stunde, wobei die SZ ungefähr dreimal so dick ist wie die FAZ, sich aber deutlich einfacher lesen lässt. Das hatte ich ganz vergessen, dass sie nicht ganz so hochgestochen wie die FAZ ist. Las sich sehr schön, vor allem der München- und der Stadtteil-Teil, den die FAZ natürlich nicht hat. Das mache ich heute wieder.

Zu Twitter: Abends im Bett, vom Tag entspannt, antwortete ich Idiotin nicht nur auf die Reply, sondern scrollte auch zehn Tweets durch. Jetzt weiß ich, dass wieder irgendein armer Mann in der Zeit darüber geschrieben hat, dass er mit Frauen nicht mehr klarkommt. Und schon war der Blutdruck wieder oben, wo er nicht gewesen wäre, hätte ich diese blöde App nicht geöffnet. Langsam glaube ich wirklich, dass ich entweder 500 Leute entfolgen oder die App löschen muss.

Abends machte ich aus Bratkartoffeln Pseudo-Fondant-Potatoes, die bei Masterchef irre gerne gekocht werden. Dafür brät man recht dicke Kartoffelscheiben – eher Klötze – in viel Butter von beiden Seiten an, gießt dann Hühnerbrühe in die Pfanne, wirft Knoblauch und Thymian dazu und lässt alles simmern, bis die Kartoffeln weich sind. Thymian hatte ich nicht, und meine Klötze sind Scheiben, weil ich ja Bratkartoffeln machen wollte, aber gerade, als ich eine Zwiebeln schneiden und den Speck aus dem Kühlschrank holen wollte, dachte ich, nee, ich gieße da jetzt Hühnerbrühe rein. Dazu gab’s Bohnen im Speckmantel, denn für meinen Salat von vorgestern hatte ich nicht alle Bohnen verbraucht. Ebenfalls dazu: einen Riesling, den ich wegen der fancy Flasche gekauft hatte. War nicht ganz so der Bringer, aber trinkbar.

Apropos Masterchef: die australische (und einzig wahre Ausgabe) soll angeblich schon Ende April wieder losgehen, wo-hoo! Dann schaffe ich auf keinen Fall mehr zwei Zeitungen am Tag.

Wie mein Medienkonsum ist auch mein Essen gerade sehr unspektakulär. Passt.

Was schön war, Dienstag, 3. April 2018 – Ruhe im Kopf

Im Zuge meines allgemeinen Missfallens mit Social Media derzeit hatte ich Montag abend die Facebook-App von meinem Handy geschmissen. Gestern ging ich einen weiteren Schritt: Ich ließ Twitter in Ruhe.

Ich kann mich von der App noch nicht ganz trennen. Oder: Ich will noch nicht. Aber ich will mich auch nicht mehr von ihr nerven lassen. In den letzten Wochen habe ich es wieder kurzzeitig mit Listen versucht bzw. mit genau einer, „Read Only“ habe ich sie genannt. In ihr versammeln sich Accounts von Medien (SZ, FAZ, New York Times, New Yorker, Guardian) und Museen bzw. kulturellen Institutionen, wissenschaftliche Accounts wie Rezensionsportale oder Menschen, die an Unis oder in Archiven arbeiten und von deren Tun ich gerne lese. Dazwischen waren ein paar wenige der üblichen Accounts, denen ich eigentlich am liebsten folge: Menschen, die mir erzählen, was sie den ganzen Tag machen. Ich lese immer noch sehr gerne davon, was andere Leute kochen, wo sie einkaufen, was sie abends als Getränk zu sich nehmen, was sie lesen, worüber sie sich gerade freuen und wenn’s sein muss, auch ärgern. In letzter Zeit kommen aber auch von diesen Accounts sehr viele Meinungen zu AfD- und CSU-Politik, Sexismus, Rassismus usw., dem ganzen Rotz halt, der mir durchaus bewusst ist. Momentan möchte ich aber keine 50 Meinungsäußerungen zu diesen Themen haben, vor allem nicht in meiner Timeline, die mich kurz ablenken soll, die nett sein soll, verdammt. Eine Zeit lang sollte sie lehrreich für mich sein – das ist sie immer noch, wenn ich die Read-only-Liste anklicke –, aber jetzt gerade bin ich überfordert. Ich möchte, dass mein Radio und meine Zeitung mir etwas zu diesen Themen sagen, dann möchte ich alleine darüber nachdenken und nicht mit 50 Stimmen im Kopf, und dann reicht mir das gerade.

Daher habe ich gestern Twitter einmal morgens geöffnet, um zu gucken, ob ich auf Replys reagieren muss oder ich eine DM habe, und dann habe ich mir verboten, die App anzuklicken bzw. die Seite am Laptop zu öffnen. Tweetbot auf dem Desktop blieb auch geschlossen. Abends guckte ich noch einmal rein, und das war’s.

Ich habe die Ruhe sehr genossen. Ihr habt mir alle aber auch sehr gefehlt, muss ich zugeben. Ich las wieder spannenden Kram in der FAZ oder hatte beim Einkaufen einen hübschen Gedanken, aber ich verbat mir, ihn zu twittern. Wenn ich mein Handy in die Hand nahm, um nach der Uhrzeit zu schauen, musste ich mir wirklich selber sagen, nein, du klickst jetzt nicht auf Twitter, was bei mir inzwischen ein echter Automatismus geworden zu sein scheint – ich hab das iPhone in der Hand, also öffne ich Twitter. Gestern nicht. Mir kam der Tag länger vor, was natürlich auch einfach am Tag gelegen haben könnte, aber ich war eben nicht dauernd abgelenkt, klickte nicht dauernd Links an, verlor mich nicht dauernd im Internet, weil irgendwo was Spannendes rumwuselte. Gleichzeitig fühlte ich mich trotzdem gut informiert; ich las die FAZ von vorne bis hinten und überlegte, mal die SZ dazuzukaufen, vielleicht mache ich das heute, ich hab ja jetzt Zeit. Abends stellte sich kurzfristig FOMO ein – OMG vielleicht war heute ein irres Meme unterwegs und ich habe es nicht mitgekriegt –, aber gleichzeitig eine Zuversicht, nichts verpasst zu haben, denn irgendwas ist ja immer und genau diesem Gefühl will ich schließlich gerade ausweichen.

Ich werde Twitter auch heute geschlossen lassen, mal sehen, wie’s mir morgen geht. Vielleicht bin ich ja nicht nur entspannter, sondern auch tödlich gelangweilt.

Den Vormittag verbrachte ich mit netter Arbeit, die gut von der Hand ging. Zum Mittagessen gab es mal wieder den Lieblingssalat. Nachmittags las ich Zeitung und Buch und recherchierte in verschiedenen Archiven für die Diss, leider noch nicht ganz so erfolgreich. Abends gab’s dann schönen Fußball mit Bayern in Sevilla. Auch das war ungewohnt – Fußball ohne Twitter. Geht aber auch.

When VR meets art, something new is created

Den Artikel auf Eurogamer (danke, @dogfood) fand ich aus zweierlei Gründen spannend. Zum einen für die gute Beschreibung des Unterschieds, ob man sich ein Gemälde als Abbildung oder jpg in einem Buch bzw. dem Internet oder in voller Größe und Präsenz in einem Museum anschaut:

„This is how it often is when famous paintings are suddenly before us, I suspect. Reproduction makes the image itself famous, but proximity to the real thing gives us back the surface, the painting as an object. It turns us into curators, or maybe crime scene analysts: we look at the canvas and make out the damage, the near-invisible quirks, the interaction of physics and chemistry and time.“

Zum anderen lernte ich eine neue Art, Kunst (?) zu erschaffen, kennen – und ich konnte am Prozess teilnehmen (hier geht es um die Nachbildung von Hoppers Nighthawks als Virtual Reality). Ich fühlte mich an Instagram erinnert, wo ich zum Beispiel Katia Kelm seit Monaten dabei zusehe, wie sie Gemälde erschafft. Ich gucke nicht mehr als Kunsthistorikerin auf ein fertiges Werk, sondern sehe, wie es sich verändert. Das hat mich schon beim Film Gerhard Richter Painting irre gemacht – dass er Dinge sah, die ich nicht sah, vermutlich genau wie Kelm oder Peaslee hier im Video. Sie sehen das fertige Produkt vor dem inneren Auge – ich nicht, ich kann nur zuschauen. Aber alleine, dass ich zuschauen kann, ist für mich neu. So geht Richter mit seinem Rakel an diversen unfertigen Leinwänden mit abstrakten Farblandschaften vorbei, die für mich alle fertig aussahen, er setzt an, ich wimmere innerlich, nee, lass, sieht doch gut aus, er verändert etwas, und ich staune jedesmal, oh, hattest recht, sieht besser aus.

Die Erstellung eines VR-Projekts, das auch schon eine visuelle Vorlage hat, ist sicherlich eine andere Ebene, aber ich stimme dem Autoren Christian Donlan zu, wenn er sagt, dass es something else ist, dem wir hier zuschauen, eine neue Medienart, die gerade entsteht. Und wir sind dabei.

„The part that really floors me, though, is the bar stools and the coffee urns – the urns that in Hopper’s original are separated by the drip of yellow that Laing spotted. Silva makes them like a craftsman, bent over them, bringing them into being. Then he drops one – a bar stool with a cherry wood top – into the diner where it completely dwarfs its surroundings. He shrinks it down and clones it and populates the scene with the right number of barstools. He has gone from being a carpenter to being a set-dresser, and he’s done it all with paint alone. No, he’s done it all with virtual paint, with this technologist’s dream of paint.

There are no words for this, to tell the truth. It is not painting, and it is not building. It is not even copying, really, because the final work does not feel like a copy of Nighthawks any more than Picasso’s Las Meninas feels like a copy of Velazquez’s.

For the first time in an age with games – or at least with game technology – I am witnessing something truly unprecedented here. I am witnessing something else.“

Was schön war, Montag, 2. April 2018 – Lesetag

Ausgeschlafen, einen riesigen Flat White getrunken (Teetasse statt Kaffeetasse, grandiose Idee, geht gefühlt doppelt so viel rein, hibbel), tagesfein gemacht und dann überlegt, was ich mit dem Tag denn eigentlich anstellen will, wenn ich mich schon fein mache. Bauch und Kopf sagten beide: Wir möchten doch nur hier sitzen, und genau das habe ich dann erledigt.

Wieder ein Kapitel im Ulysses durchschritten. Ich verweise faul auf die Zusammenfassung in der Wikipedia, die ich aber noch ergänzen möchte. Ich empfand den Schreibstil nicht als Slang oder Alltagssprache – im Vergleich zu den anderen Kapiteln las sich dieses fast wie ein normales Buch mit Dialogen, denen man folgen konnte. Diese Gespräche einer Männergruppe im Pub werden unterbrochen von Berichten, die völlig überzogen von verschiedenen Dingen erzählen. Mit „völlig überzogen“ meine ich nicht nur den Tonfall, sondern auch die Beschreibungen. Hier zum Beispiel der Beginn der Beschreibung eines irischen Helden:

„The figure seated on a large boulder at the foot of a round tower was that of a broadshouldered deepchested stronglimbed frankeyed redhaired freely freckled shaggybearded wide-mouthed largenosed longheaded deepvoiced barekneed brawnyhanded hairylegged ruddyfaced sinewyarmed hero.“ (Gabler-Edition, S. 243, Zeile 151–156.)

Die Herren unterhalten sich über Hinrichtungen. Auch hier wird wieder ein Bericht eingeschoben. Er erwähnt unter anderem die anwesenden Zeugen, bei deren Fantasiennamen man heute wegen ihres Alltagsrassismus latent zusammenzuckt. Ich muss gestehen, ich habe bei den deutschsprachigen aber doch lachen müssen. (Den Bindestrich habe ich eingefügt, weil der Name mir sonst ernsthaft das Layout zerschossen hätte.)

„The viceregal houseparty which included many wellknown ladies was chaperoned by Their Excellencies to the most favourable positions on the grand stand while the picturesque foreign delegation known as the Friends of the Emerald Isle was accommodated on a tribune directly opposite. The delegation, present in full force, consisted of Commendatore Bacibaci Beninobenone (the semi-paralysed doyen of the party who had to be assisted to his seat by the aid of a powerful steam crane), Monsieur Pierrepaul Petitépatant, the Grandjoker Vladinmire Pokethankertscheff, the Archjoker Leopold Rudolph von Schwanzenbad-Hodenthaler, Countess Marha Virdga Kisászony Putrápesthi, Hiram Y. Bomboost, Count Athanatos Karamelopulos. Ali Baba Backsheesh Rahat Lokum Effendi, Señor Hidalgo Caballero Don Pecadillo y Palabras y Paternoster de la Malora de la Malaria, Hokopoko Harakiri, Hi Hung Chang, Olaf Kobberkeddelsen, Mynheer Trik van Trumps, Pan Poleaxe Paddyrisky, Goosepond Prhklstr Kratchinabritchisitch, Herr Hurhausdirektorprasident Hans Chuechli-Steuerli, Nationalgymnasiummuseumsanatoriumandsuspensoriumsordinary-privatdocentgeneralhistoryspecialprofessordoctor Kriegfried Ueberallgemein. All the delegates without exception expressed themselves in the strongest possible heterogeneous terms concerning the nameless barbarity which they had been called upon to witness.“ (Gabler-Edition, S. 252, Zeilen 552–571.)

Was im Wikipedia-Eintrag ein bisschen zu kurz kommt: Es geht nicht nur um Antisemitismus. Auch Schwarze, Engländer und Frauen kommen nicht besonders gut weg in diesem Kapitel. Wobei ich fast bei allen Büchern aus dieser Zeit bei den Frauenbeschreibungen die Augen rolle, aber da muss ich wohl weiterhin durch. Wie oben angesprochen, las sich dieses Kapitel im Vergleich recht einfach. Aber da will mich Joyce nur in Sicherheit wiegen, denn das übernächste wird eine schöne Herausforderung, wenn ich der Wikipedia und F. glauben darf.

Die FAZ schreibt über Hanna Stirnemann, die 1930 die erste Museumsdirektorin Deutschlands wurde. Leider nicht online, daher habe ich ein bisschen Print fotografiert.

Man soll den Kopf nicht überanstrengen, deswegen habe ich zwischen Ulysses, der FAZ und Fantasyland immer mal eine Serienfolge eingeschoben. Ein paar belegte Brote und viele Schoko-Ostereier gegessen. Abends noch einen Früchtetee zur Umsatzsteuervoranmeldung, früh ins Bett.

Was schön war, Sonntag, 1. April 2018 – „Ach, das ist von dem?“

Erstmal das Unschöne aus dem Weg räumen: Ich bin ernsthaft auf einen Aprilscherz reingefallen. Im Internet. Wie so ne Anfängerin.

Als ich begann, zum FC Augsburg mitzufahren, freute ich mich über die schnuffige Tram, die extra bis zum Stadion verlängert wurde, sowie eben das Stadion, das funktional ist, aber auch angenehm zum Fußballgucken inklusive ordentlicher Toiletten und schneller Fressbüdchen. F. und weitere Augsburger erzählten mir ewig, dass es ein Wunder sei, dass die Tram funktioniert und das Stadion steht. Anscheinend klappt in Augsburg nur alle zehn Jahre mal ein Großprojekt, wenn überhaupt. Ich kann das nicht beurteilen, ich wohne da ja nicht, aber das habe ich mir gemerkt. Und so war ich auch nicht überrascht, sondern fühlte die ganzen Berichte bestätigt, als der FCA gestern auf seiner Website schrieb, dass er aus dem gerade errichteten Verwaltungsgebäude wegen Baumängeln wieder ausziehen müsse. Auch F. sei kurz darüber gestolpert, meinte er, habe sich dann aber clevererweise an das Tagesdatum erinnert. Das hatte ich hingegen vergessen. Well played, FCA.

Lange ausgeschlafen, entspannt vor mich hingebloggt und Brot gebacken, während der Herr noch eine Runde Dösen nachlegte, dann gemeinsam gefrühstückt und den weiteren Tag besprochen. Unsere Tagesplanungen stoßen manchmal zusammen, denn F. macht gerne Kram und geht dauernd weg, während ich gerne rumliege und schön zuhause bleibe, wo die Serien und der Kaffee sind. Manchmal schaffen wir es aber doch, gemeinsam in Ausstellungen zu gehen, so wie gestern. Wir schauten uns Fotos von Richard Avedon, George Hoyningen-Huene und Irving Penn im Kunstfoyer der Versicherungskammer an. Dafür werbe ich gerne mal wieder: Das Foyer ist jeden Tag geöffnet und es ist umsonst. Einfach mal vorbeigehen, da hängt eigentlich immer was Nettes.

Die Ausstellung war ziemlich luftig gehängt, wir waren recht schnell mit ihr fertig. Leider, denn ich fand sie sehr interessant und hätte gerne noch mehr gesehen. Von den drei Herren war mir George Hoyningen-Huene kein Begriff; ich meinte noch so mittendrin, dass ich bis jetzt noch kein Bild von ihm gesehen hätte, das ich kannte – und dann sah ich dieses Foto, nach dem gefühlt jede Parfumwerbung der 80er Jahre modelliert wurde. Ahja. Der ist das also. Ich mag das Bild in seiner grafischen Schlichtheit, die trotzdem viel Sehnsucht, Freiheitsdrang und gleichzeitig Entspannung und Lässigkeit zeigt, sehr gerne. Was ich gestern lernte: dass eines der Models Horst P. Horst ist. Und dass der Herr erst Model war, bevor er Fotograf wurde. Und dass er „Partner“ von Hoyningen-Huene war, wie ein Wandtext vorsichtig formuliert. Über dessen sexuelle Orientierung begann ich recht schnell zu spekulieren, wobei ich nicht weiß, ob das schlicht an der Kuratierung lag; bei den beiden anderen Fotografen dachte ich nicht darüber nach, allerdings wusste ich bei ihnen auch, dass sie verheiratet gewesen waren (was ja gerade in den 1950er Jahren etc. nichts heißen will, aber trotzdem). Bei Hoyningen-Huene ist die Begeisterung für den männlichen Körper recht deutlich sichtbar. Das zeigt sich interessanterweise am eindrücklichsten an den Bildern, die er von Frauen gemacht hat, die mir recht entsexualisiert vorkamen, was immer wieder erfrischend für die Augen ist, gerade in der Modefotografie.

Ein Bild konnte sowohl F. als auch mich sehr faszinieren: eine Porträtaufnahme von Greta Garbo von 1948. F. und ich gehen selten als Paar durch Ausstellungen, jeder von uns mag das eigene Tempo gern, aber dann auch wieder das gemeinsame Betrachten eines Werks. Meist zerrt einer von uns den anderen mal eben irgendwo hin, weil etwas begeistert, dann trennen wir uns, bis wieder jemand zerrt. Ich blieb ewig vor Garbo stehen und ging dann weiter, dann sprach mich F. mit großen Augen auf Garbo an, ich nickte und wir schauten noch einmal gemeinsam. Was ich so spannend am Foto fand: dass es so zeitlos aussieht. Ich hätte nie auf 1948 getippt, und wenn ich ganz ehrlich sein darf, habe ich auf den ersten Blick nicht mal Frau Garbo erkannt, weil es so unglamorös ist. Aus den Augenwinkeln dachte ich, ah, irgendein Model in den 1970er Jahren. (Das Bild ist das rechte in der ersten Reihe, fälschlicherweise auf 1951 datiert, und es wirkt natürlich überhaupt nicht auf 300 Pixel, aber ich wollte es euch wenigstens zeigen.) Ich las mal irgendwo, dass Frau Garbo ein Gesicht habe, das man sofort wieder vergisst, aber wenn es auf der Leinwand vor einem ist, kann man nirgends anders hinschauen. So ähnlich ging es mir vor diesem Foto. Man mag einfach nicht gehen.

Ich betrachtete die Werke von Hoyningen-Huene auch im Hinblick auf die zeitliche Entstehung. Es waren einige Bilder aus den 1920er Jahren zu sehen, und jetzt erst, mit dem ganzen neusachlichen Hintergrund, den ich mir in den letzten Jahren angeeignet habe, konnte ich erfassen, wie radikal diese Fotos waren. Eben waren Frauenkörper noch verhüllt von Kopf bis Fuß, in Korsette gesteckt, mit Haaren bis zur Hüfte und schicklichen Posen. Und nun sah man Bilder wie das vom Ausstellungsplakat von 1930 (Link von oben). Eine Revolution! Ich mochte auch generell die Bildkompositionen von ihm, die entweder fies klassizistisch waren (und manchmal eine Vorahnung auf Bilder à la Riefenstahl weckten) oder aber eben irrwitzig modern, neusachlich halt, sehr klar und unbeeindruckt, kühl und realistisch. Aber selbst die hatten den Glamour, den Modefotografie gerne mal haben möchte. Da werde ich demnächst mal im ZI ein paar Bildbände durchblättern.

Von den Bilder von Penn und Avedon kannte ich viele, aber es war trotzdem schön, sie mal in groß vor sich zu haben und nicht nur als Abbildung in Büchern. Besonders der knarzige John Ford kommt auf 80 Zentimetern sehr eindrucksvoll. Ich freute mich auch über ein Wiedersehen mit einigen der Corner Portraits von Penn, von denen mir besonders Joe Louis gefiel: ein Mann, der mich vermutlich mit seiner schlichten körperlichen Präsenz hätte umpusten können, ganz klein und eingequetscht. Das war zumindest mein erster Gedanke, es ist einfach eine für ihn ungewohnte Inszenierung. Gleichzeitig fiel mir aber auf, dass die meisten weißen Akteure und Akteurinnen sich selbstbewusst in der Ecke Platz schafften, während er plötzlich eingesperrt wirkte. Ich ahne, dass diese Ebene nicht gewollt war, aber im meinem Kopf war sie auf einmal da.

Nach der Ausstellung wollten wir entspannt mit der Tram in die Richtung von F. fahren und beim Ballabeni Eis essen. Als wir das Foyer verließen, regnete es schon – wir waren beide clevererweise in Regenjacken gewandet –, aber auf den wenigen Metern zur Tram kamen noch Hagel und Wind dazu, weswegen wir das Eis verschoben. Auf dem Rückweg riss der Himmel aber wieder auf, es war gefühlt zehn Grad wärmer und die Sonne schien. Eis essen! Ich genoss zwei Kugeln Karamell mit Amarettini sowie Lem-Olive, eine wilde Mischung aus Zitrone und gesüßten Oliven. Das funktioniert als cremiges Etwas gut, aber wenn man auf ein Stückchen Olive beißt, und sei sie noch so umzuckert, fällt einem wieder auf, dass es eine seltsame Zutat ist. Muss ich nicht noch einmal haben. Der Probierlöffel war Kokoseis, von dem ich beim nächsten mal eine ganze Kugel will. Das Anfixen haben sie beim Ballabeni echt gut drauf.

Bei F. zuhause wollten wir eigentlich lesen, aber das schaffte nur F., während ich eine Runde Spätnachmittagsschlaf hielt.

Zum Abendbrot wollte ich eigentlich (gestern war anscheinend der Tag des „eigentlich“) meinen geliebten Avocado-Dingsbums-Salat machen, aber irgendwie zog es uns zu Ruff’s Burger. Dort saßen wir eine knappe Stunde, und in der Zeit waren ungefähr gleich viele Kunden, die dort essen wollten oder sich etwas abholten, im Laden wie Foodora- und Deliveroo-Kuriere (deutlich mehr Foodora).

Was schön war, Samstag, 31. März 2018 – Backtag

Gemeinsam aufgewacht. Trotz zwei Flaschen Wein keinen Kopf gehabt. Wir können es noch!

F. wollte in irgendein Museum, ich wollte rumlungern, daher ging ich nach Hause mit einem Umweg über den Supermarkt, denn jetzt kommen ja zwei Feiertage und wir werden alle verhungern. Ich kaufte unter anderem frische Hefe und wollte eigentlich auch Rosinen kaufen, weil der Herr völlig unverständlicherweise Rosinen in seinen Hefegebäcken mag, aber zu meinem Glück hatte der olle Edeka keine mehr und ich konnte den Zopf backen, wie er sich gehört: ohne Firlefanz drin.

Ich habe keine Brotbox oder ähnliches, mein Brot liegt immer im Backofen, weil es sich da interessanterweise wirklich gut hält. Den öffnete ich gestern, um Backbleche, Roste etc. zu entfernen und ihn vorzuheizen. Dabei musste ich leider feststellen, dass mein geliebtes Weißbrot ein winziges bisschen nach Schimmel roch, und wo ich bei Verfallsdaten auf Jogurtpackungen oder Schimmel auf Käse sehr unbeeindruckt bin und alles esse, was mir noch nicht entgegenkommt, werfe ich Brot sofort weg, wenn es nicht mehr so riecht wie es riechen sollte. Ich müsste also theoretisch nochmal vor die Tür für Brot, aber ich dachte, pfft, du hast das Mehl gerade in der Hand, setz halt noch ein Topfbrot an. Das bäckt gerade vor sich hin, während ich blogge. Alles richtig gemacht.

Zwischen den Ruhezeiten für den Hefezopf verfeinerte ich wieder meine Art, Milch aufzuschäumen, indem ich mir 800 YouTube-Videos anguckte. Was mir bisher auffiel: einige Baristas gießen zunächst die Milch von etwas weiter oben in die Tasse, um sie unter die Crema zu kriegen, und setzen dann neu an für ein Muster, andere legen dagegen die Edelstahlkanne quasi auf den Tassenrand und gießen in einem Zug durch, aber beide kriegen was Hübsches raus. Ich leider nicht. Am Abend nach ungefähr fünf doppelten Espressos (ich weigere mich, Espressi zu schreiben, und leider ist die Duden-Seite in diesem Moment unwillig, weswegen ich nicht nachschlagen kann, ob ich gerade ganz schlimmes Deutsch schreibe) meine ich aber immerhin, die Milchkonsistenz langsam der anzunähern, die man für Flat White braucht. Den Geschmack kriege ich sowieso schon prima hin. Ich werde nie wieder schlafen.

Nachmittags freute ich mich über das Augsburger Unentschieden in Leverkusen, abends guckte ich mit halbem Auge auf dem Rechner dabei zu, wie Bayern Dortmund zerlegte. Weil Schalke aber gewann und nicht Unentschieden spielte, ist der FC noch nicht Meister. Wie ich von F. gestern erfuhr, ist der Verein noch nie in einem Heimspiel in der Allianz-Arena Meister geworden, sondern immer auswärts. Die letzte Meisterschaft vor eigenen Publikum war 2000, noch im Olympiastadion. Wieder was gelernt. Da das nächste Spiel der Bayern ausgerechnet in Augsburg ist, hoffe ich total für alle FCB-Fans, dass die Bayern ihre Meisterschaft in diesem Jahr echt mal zuhause vor eigenem Publikum gewinnen. Ähem.

Abends mit dem nächsten UlyssesKapitel angefangen, mit dem ich noch etwas fremdele, das klingt momentan noch wie ein Groschenkrimi, die ich äußerst ungern lese. Dem aus der Arena kommenden F. frischen Hefezopf vorgesetzt, der ihm augenscheinlich auch ohne Rosinen schmeckte. Gemeinsam eingeschlafen.

Was schön war, Freitag, 30. März 2018 – Ach was?!?

Morgens bei F. aufgewacht. Den rituellen Gang an sein riesiges Dachfenster gemacht und rausgeguckt, was der Tag so will. Ich erblickte das übliche Gewusel an Kirchtürmen, aber gestern war die Sicht besonders klar, weswegen ich gefühlt direkt hinter den ganzen Gebäuden die Alpen sah. Dutzende von schroffen, weißgrauen Bergspitzen mit kuscheligen Wattewölkchen drüber. Natürlich kann kein Berg jemals gegen das Meer anstinken, wimmerte meine Restnordishness, aber mei, das war schon schön.

Vormittags gnadenlos Urlaub gemacht. Gelesen aka das Buch in die Hand genommen, weggelegt, die Zeitung in die Hand genommen, weggelegt, drei Serienfolgen geguckt und dabei eingeschlafen. Auf meinem Sterbebett wird mir niemand nachsagen können, ich hätte mich zu wenig entspannt.

Nachmittags lockte dann aber wieder der Ulysses. Im Sirenen-Kapitel saß ich sehr lange fest, weil ich immer nur zwei Seiten geschafft hatte, bevor mir abends die Augen zufielen. Außerdem liege ich in den letzten Zügen von Fantasyland und habe in Hamburg Die zerrissenen Jahre: 1918 -1938 begonnen (wiegt nicht so viel wie das Hardcover von Fantasyland, kann ich besser rumschleppen), die beide sehr viel Spaß machen. Also Spaß im Sinne von „Ach was?!?“ und „viel gelernt, gerne wieder“.

Gestern wollte ich dieses Kapitel aber endlich abschließen. Nicht weil es so langweilig ist (haha, langweilig. Der Ulysses und langweilig. Ihr seid ja niedlich), sondern … ähm … ich weiß gar nicht, warum ich es so dringend abschließen wollte. Vielleicht einfach nur, um mich ins nächste Kapitel stürzen zu können, das wieder ganz anders klingt. Wobei mir bisher Sirens am besten gefallen hat, denn es liest sich irre musikalisch. Die nachträglich aufgeschlagene Sekundärliteratur verriet mir, dass Joyce 150 Stücke oder Lieder irgendwie anreißt, aber das war mir alles wurst. Dieses Kapitel klingt durch seine vielen Alliterationen, abgekürzte Wörter, Sätze ohne Kommata, wildes Wortgewusel teilweise so, als ob man es singen könnte, was total toll zu den Sirenen passt. (Ach was?!?)

Nebenbei lernte ich neulich auf Twitter, dass Sirenen nicht sexy sind. Das wusste Joyce mit seiner englischen Übersetzung vermutlich nicht; auch darauf weist jemand im Thread hin. Denn das Kapitel kam mir neben seiner Musikalität sehr sinnlich vor, teilweise schon fast niedlich-platt auf die Zwölf, teilweise verführerisch, tastend, langsam, mal sehen, was geht. Und außerdem fand ich in diesem Kapitel meinen Künstlernamen, falls ich jemals einen brauche.

(Hier hätte ich jetzt gerne einen längeren Abschnitt eingefügt, aber ich bin zu faul zum Tippen und das Projekt Gutenberg ist neuerdings in Deutschland geblockt, danke, Urheberrechtsdeppen.)

Jedenfalls geht es in diesem Kapitel um zwei Bardamen, Lydia und Mina. Den beiden werden Bronze und Gold zugeordnet, warum, steht bei der Wikipedia, und zum Schluss verkürzt Joyce mal wieder wild, weil er’s halt kann, auch Namen, und dann kommen Sätze dabei heraus wie: „Blind he was she told George Lidwell second I saw. And played so exquisitely, treat to hear. Exquisite contrast, bronzelid, minagold.“

Mina Gold. Super Name. Die Idee hatte allerdings schon jemand. Und eine Mine ist es auch. Aber bis zum Googeln war ich der Meinung, ich hätte einen schönen Künstlernamen gefunden.

Den Abend verbrachte ich bei F. und wir öffneten einen schönen italienischen Weißwein zum Fisch und danach noch einen serbischen Rosé, weil der Abend wirklich nett war und alles so gut schmeckte. Der Rosé war der Kracher; hätte ich nicht gewusst, was im Glas war, hätte ich auf einen Rotwein getippt. Rosé ist ja gerne fies süß oder fies sauer, aber der hier war perfekt. Großer Mund, erst Himbeere, dann eine kleine schraddelige Vanilleschote, irgendwo am Gaumen hat sich eine Kirsche festgesetzt und alles hat Körper und Kraft.

Wir sprachen über Kunst und die Welt, regten uns mal nicht über Politik oder Twitter auf, sondern hatten wirklich angenehme Gesprächsthemen, unter anderem Ulysses. Mir fiel gestern erstmals auf, warum dieses Buch so ist wie kein anderes, das ich bisher gelesen habe. Ich war noch nie so nah an irgendwelchen Figuren dran, und durch ihren ständigen Stream of Consciousness kann man ihnen auch nicht entkommen. Man kann Ulysses, jedenfalls beim ersten Mal, meiner Meinung nach nicht distanziert lesen oder pflichtschuldig. Man kann sich nur besinnungslos hineinfallen und mitnehmen lassen. Oder eben auch nicht. Proust, den Joyce bewunderte, hat die Tür weit aufgestoßen für irrwitzig subjektive Literatur, und Joyce dreht die Schraube gefühlt noch eine Ecke weiter: „3500 Seiten Monolog von Swann, ja gut, aber wie wär’s mit diversen Figuren, die alle gleichzeitig monologisieren, und zwischendurch werfe ich ein paar lautmalerische Beschreibungen von Örtlichkeiten, Dingen und Gefühlen rein? Challenge accepted!“ Wir sprachen darüber, ob man eine gewisse Lese-Reife haben müsse, um sich an Ulysses ranzuwagen, also ob man vorher hundert, tausend, wasweißichwieviele andere Bücher gelesen haben muss, um die Andersartigkeit, nein, die Einzigartigkeit von Ulysses würdigen zu können? Gestern waren wir der Meinung ja, aber heute denke ich: Vielleicht ist Ulysses auch ein grandioses Einsteigerbuch für ein Lektüreleben. Danach kann man, glaube ich, jedes weitere Buch äußerst entspannt runterlesen, nachdem man sich hier so ausliefern musste.

Wir sprachen auch über meine Diss. Das Doktorandenkolloquium und mein Archivtag haben mich nicht nur motiviert, sondern mich auch davon überzeugt, dass meine Grundidee eine gute ist, an der ich weiter forschen sollte. Seit ich wieder werbe, merke ich aber, dass es – natürlich – viel langsamer vor sich geht als früher die Hausarbeiten und Referate. Ich muss mir Zeit freischaufeln für die Wissenschaft und ich habe ein bisschen Angst davor, dass der Lockruf des Geldes oder aber schlicht die lange Strecke, die vor mir liegt, mich vielleicht doch überwältigen. Ich weiß manchmal selbst nicht, ob mein Atem lang genug ist. Wir sprachen über die Motivation für wissenschaftliche Arbeit und dass ich die Angst vor der Langstrecke jetzt erst recht habe, weil ich inzwischen weiß, dass aus der Diss keine Karriere mehr wird, sondern sie nur ein exzentrisches Hobby ist. Vielleicht lasse ich das auch irgendwann einfach sein wie Golf oder Singen, wenn was Spannenderes um die Ecke kommt? Woraufhin F. meinte: „Wenn du kein Geld verdienen müsstest, was würdest du ab morgen machen? Urlaub, Verreisen, Golf, Singen?“ Ich: „Acht Stunden am Tag an der Diss sitzen.“ F.: „And there you go.“

War mir auch noch nie so aufgefallen, dass meine Motivation schlicht die ist: weil ich Lust darauf habe. Und nicht: weil mir ein Doktorhut gut steht und meine Vistenkarte cooler wird. (Ach was?!?)

Was schön war, Donnerstag, 29. März 2018 – Stabi, OMG endlich wieder Stabi

Da alle eiligen Jobs seit Mittwoch abend den Status „liegt beim Kunden, wartet auf Feedback, kommt vor Ostern garantiert eh nicht mehr“ hatten, fuhr im gestern morgen sehr entspannt in die Stabi, wo ich einen Job erledigen wollte, der nicht ganz so eilig ist und für den ich mir ein paar Bücher in den Lesesaal geliehen hatte. Auf diesem Bücherstapel lag außerdem noch ein kunsthistorisches Werk, auf das ich mich sehr freute. Das hob ich mir als Belohnung für erledigte Textarbeit auf.

Die war dann aber auch lehrreich und spannend. In den letzten fünf Jahren habe ich vor allem gelernt, dass Bibliotheken mehr wissen als das Internet (oder mir zumindest belegen können, woher sie jetzt was haben), daher wollte ich meine Google-Recherche noch durch Literatur absichern. Ich las mich in ein Thema ein, was mich sowieso gerade beschäftigt und konnte so beruflich und privat davon profitieren, dass mir fleißige Elfen dicke Bücher in große Regale legen. Für lau. (Hier mal wieder ein paar Bib-Herzchen denken.)

Außerdem erwischte ich endlich mal einen der größeren Tische im Lesesaal. Seit fünf Jahren kauere ich an den normalen Tischen, bei denen der Laptop von einem großen Bildband schon sehr eingeklemmt wird. An der rechten Seite des Lesesaal befinden sich neben diesen Normtischen, von denen gefühlt 400 im Raum stehen, wenige breitere Tische. Sie liegen direkt unter der Treppe, die zu den riesigen Regalen mit den Standardwerken führt, die auf einer Empore über dem Lesesaal stehen, welche ihn zu einem Teil überspannt. Ich freute mich sehr über den vielen Platz, merkte aber, dass ich das Licht komisch fand – eben weil ich unter der Empore saß. Das nächste Mal werde ich also freudiger an den Normtischchen sitzen, zwar den Platz vermissen, aber das schöne Tageslicht genießen. (Das klingt gerade so, als wäre ich in einen Schacht eingefahren zum Texten.)

Zwischendurch kamen doch ein paar berufliche Mails zu einem Job, aber die konnte ich gut wegarbeiten. Meine Buchung bei der betreffenden Agentur endet eigentlich am Samstag – mal gucken, ob ich die allerletzten Textabläufe auch noch erledigen darf. Der Broschürentext ist bis auf winzige Baustellen fertig, aber jetzt guckt noch die Rechtsabteilung rüber und die hat immer irgendwas. Daher kann ich den Job im Kopf noch nicht ganz abhaken, weil ich ahne – oder hoffe –, dass ich da noch ein paar Stündchen drauf rumschreiben darf. Ich freue mich immer, wenn ich als Freie einen Job wirklich fertig machen kann und nicht nur einen Berg abarbeite und den dann übergebe.

Zum Abschluss wie geplant durch das kunsthistorische Werk gestöbert und auch schlaue Dinge gefunden, die ich noch nicht wusste und die ich gleich in eins meiner Stoffsammlungsdokumente für die Diss schreiben konnte. Das war ein sehr schöner Tag.

Nachmittags FAZ gelesen und Turandot gehört (mir war danach). Den Leitartikel „Der Karfreitag gehört zu Deutschland“ von Reinhard Bingener fand ich interessant:

„Umstandslos verwirklichen lässt sich diese Ethik natürlich nicht. Selbstloses Dienen lässt sich selbst im Privatleben nur annäherungsweise erreichen. Ihre dicken Abhandlungen über die Sünde schleppen die Kirchen auch deshalb mit sich herum, weil sie sich recht rasch über die Unmöglichkeit ihres eigenen Anspruchs klargeworden sind. Auf dem Feld der Politik gilt diese Einsicht unter nochmals verschärften Bedingungen: Mehr als ein Kompromiss zwischen den Zwängen dieser Welt und dem christlichen Ethos ist dort erst recht nicht möglich.

Das macht aber auch die Behauptung der eigenen Christlichkeit zumindest problematisch. Zugespitzt formuliert: Wer behauptet, eine christliche Politik zu betreiben, lügt. Denn das Christliche kann gerade in der Politik immer nur ein Anspruch sein, niemals aber dessen Verwirklichung. Da hilft es auch wenig, die eigene Christlichkeit ins Historische zurückzuverlegen und zu erklären, es gehe nur darum, eine „christliche Prägung“ zu verteidigen. Dass das Abendland bis heute ganz maßgeblich vom Christentum geprägt ist, lässt sich nicht bestreiten. Nur wäre es in jenem Augenblick um diese Prägung geschehen, in dem man sie nur noch als bloße Vergangenheit begreift und nicht mehr als eine Verpflichtung für die Gegenwart.“

Außerdem gelesen, dass die erste Kaserne in Deutschland nach einem Bundeswehrsoldaten umbenannt wurde – die ehemalige Emmich-Cambrai-Kaserne in Hannover, an der ich ewig vorbeigefahren bin. Der Artikel, den ich zitiere, ist nicht online, aber ich fand einen Ausschnitt interessant:

„Kommandeur Oberst Dirk Waldau erläuterte am Mittwoch bei der Zeremonie die Gründe für die Umbenennung. In vielen Lehrgängen habe er versucht, jungen Soldaten die militärischen Leistungen des Generals von Emmich und die Bedeutsamkeit der ersten Panzerschlacht der Geschichte bei Cambrai im November 1917 nahezubringen. Er habe jedoch die Erfahrung gemacht, dass sich „nahezu niemand“ mit von Emmich oder Cambrai identifizieren wolle. Das ganze sei nicht nur zeitlich, sondern auch inhaltlich „zu weit weg“. Darum sei die Idee aufgekommen, die Kaserne nach Tobias Lagenstein zu benennen.“

Wenn man nach der „Emmich-Cambrai-Kaserne Hannover“ in Google Maps sucht, erscheint übrigens schon das neue Eingangsschild der „Hauptfeldwebel-Lagenstein-Kaserne“.

Abends mit F. Whisky getrunken. Zu viele Schoko-Ostereier gegessen, wie ich heute feststelle. Vielleicht vertragen die sich auch nicht so gut mit Whisky.

Was schön war, Mittwoch, 28. März 2018 – Huch?

Den Dienstagnachmittag nach der Leberkässemmel hatte ich mit Texten verbracht; diese Texte las ich gestern morgen nochmal durch, war größtenteils zufrieden, korrigierte kurz und schickte sie dann an einen Kunden. Im gleichen Moment kamen Korrekturen eines anderen Kunden, die halbwegs überschaubar aussahen. Ich kochte meine übliche Kanne Home-Office-Tee und begann zu tippen.

In der Mittagspause kaufte ich ein, unter anderem einen kleinen Armvoll Puschelzweige und Narzissen für einen Osterstrauß. Das stellte ich zuhause alles in eine Vase und behängte die Zweige mit den ersten kleinen Holzeiern, die ich aus Hannover von meinen Eltern mitgebracht hatte. Bei den anderen musste ich erst aus Zwirn und Klebstoff Anhänger basteln, wobei mir mal wieder klar wurde, wie ungeeignet ich zum Basteln bin. Nachdem ich mich und meine Umgebung von Klebstoff befreit hatte, freute ich mich aber sehr über den Strauß, der mir jetzt beim Arbeiten zuschaut.

Auch nach der Mittagspause wollte der zweite Textjob nicht kleiner werden, so dass ich ihn erst um kurz nach drei zurückschicken konnte. Dann begann ich mit Job Nummer 3, musste aber bei 2 nochmal nachlegen, und eine unerwartete 4 tauchte auch noch auf, so dass ich irgendwann um 19 Uhr „Huch?“ sagte, als ich auf die Uhr schaute. Ich legte Job 5 für heute an und machte Feierabend.

Der reichte nur noch für eine halbe Folge Kitchen Impossible, eine Runde Candy Crush und drei Seiten Ulysses, bevor mir die Augen zufielen.

Im Laufe des Tages haben mich neben der recht flüssig laufenden Arbeit und den Eierchen zwei weitere Dinge sehr gefreut. Zum einen schrieb mir eine der Schülerinnen vom Montag eine sehr schöne Mail, in der sie meinen Vortrag als „ansprechend und spannend“ bezeichnete und meinte, dass nicht nur sie viel davon mitgenommen hätte, sondern auch andere. Ein bisschen später meldete sich die Texterschmiede auf Twitter und berichtete vom guten Feedback der Klasse. (Eigentlich wollte ich hier „Eleven“ schreiben, schlug das Wort aber lieber noch mal nach und lernte, dass heute nicht mehr alle Schüler*innen so bezeichnet werden, sondern nur noch bestimmte. Danke, Internet.) Die wenigen Reaktionen direkt am Montag haben mich doch sehr beschäftigt, und ich dachte Montagabend und Dienstagvormittag auf dem blöden Flug recht lange über meinen Auftritt nach. Ich wollte aber kein großes Befindlichkeitsbloggen daraus machen (hier lachen wir alle mal kurz herzlich) und sortiere auch immer noch, warum genau ich den Abend so herausfordernd fand. Daher freut es mich wirklich, dass es anscheinend nicht so schlimm war wie ich dachte. Was mich am meisten fuchsig gemacht hat, war, dass ich meine Begeisterung gefühlt nicht rüberbringen konnte. Aber vielleicht habe ich insgeheim Jubelarien und rituelles Stechpalmenverbrennen erwartet, wo die Schüler*innen sich eventuell erstmal durch meine Linkliste klicken wollten, bevor sie Gesänge auf Weblogs (und mich) anstimmen.

Ich ahne allmählich, dass die Dozent*innen an der Uni, bei denen ich mich für ein spannendes Seminar/Semester bedankte, sich wirklich über gutes Feedback gefreut haben müssen. Hätte ich noch öfter machen sollen.

Was schön war, Dienstag, 27. März 2018 – Wedder to hus

Was nicht so schön war: Ich war viel zu früh wach und hatte Hummeln im Hintern, weswegen ich viel zu früh am Gate war wie so eine Laienfliegerin. Außerdem nicht schön: einige kaputte Rolltreppen auf dem Weg zum Flughafen, weswegen ich meinen Koffer öfter schleppen musste als ich wollte. Andererseits wollte ich auch nicht mit einem Taxi im Berufsverkehr stecken, daher fuhr ich U- und S-Bahn und zu denen führen halt gerne Treppen.

Auch nicht schön: der Sitz im Flieger. Ich sitze gerne ganz hinten, da kriegt man sein Getränk als erstes, und wenn man Glück hat, bleiben die Sitze neben einem frei, weil keiner gerne hinten sitzt. Außer mir. Gestern blieb immerhin der Mittelsitz frei, was dringend nötig war, denn so eng hatte ich noch nie gesessen, nicht mal bei Iberia. Ich wunderte mich schon beim Online-Check-in über die Reihe – Reihe 32? Ich kannte 30 und 36, aber 32? Na gut. Als ich dann an meinen Fensterplatz kletterte, stellte ich fest, dass ich kein Fenster neben mir hatte, sondern nur Wand und dass diese sich auch schon nach hinten verengte. Der Platz neben der Armlehne, den ich immer gerne nutze, um dem Mittelmenschen wenigstens nach rechts ausweichen zu können, war nicht vorhanden. Und der Sitz selbst stand nicht direkt hinter dem Vordersitz, sondern schon ganz leicht mittig versetzt. Anders ausgedrückt: Er war noch enger als die blöden normalen Flugzeugsitze eh schon sind. Ich konnte erstmals den Tisch nicht herunterklappen, weil auch der Sitzabstand kleiner war und spürte auch die Armlehne recht unangenehm in meiner linken Seite. Da der Mittelplatz aber wie gesagt frei blieb, konnte ich sie immerhin hochklappen. Das wäre aber äußerst unangenehm gewesen, falls er besetzt gewesen wäre. Vielleicht in Zukunft doch immer zwei Reihen vor der letzten buchen, damit mir sowas nicht noch einmal passiert.

Außerdem habe ich mir am Tee die Zunge verbrannt, aber das geht auf meine Kappe.

Neuerdings landen die Hamburg-Flüge ganz außen am Terminal, weswegen man ewig zum Ausgang geht. Immerhin wartet man dafür nicht mehr so lange am Gepäckband. Auch gut.

Flug und S-Bahn-Fahrt nach Hause wurden durch Noise Cancelling wieder deutlich besser als ohne. Bin immer noch fasziniert davon, die Welt mit einem Klick fast ausschalten zu können. Gestern spielte Brahms an Bord für mich auf, und nach München rein lief Spotifys Mix der Woche.

Ich musste mich dringend akklimatisieren und kaufte noch am Flughafen Brezn, damit ich beim Bäcker vor meiner Haustür den Koffer nicht in den Laden zerren musste. Als ich direkt neben dem Bäcker aber meinen Metzger sah, spürte ich einen Heißhunger auf lokale Spezialitäten und erwarb eine heiße Leberkässemmel mit süßem Senf. Endlich wieder zu Hause.