Sonntag, 11. Januar 2026 – Urlaubsende

Koffer gepackt, Ikea-Tüte beladen, kleine Kühltasche vollgepfercht (immer schön Lebensmittel von einem Ort an den anderen schleppen), Arbeitsrechnertasche umgeschnallt, Rucksack mit Privatrechner und weiterem Zeug bestückt. Ich habe mir eine neue Winterjacke gegönnt und wollte die Handschuhe aus den Taschen der alten in die neue umbetten, als ich dort auch den Schlüssel zum Museum und meinem Büro fand. Das wäre am Montagmorgen in Passau lustig geworden, wenn ich den in München vergessen hätte. Das ist mir gottlob noch nie passiert, einen wichtigen Schlüssel aus der einen Stadt in der anderen vergessen zu haben. Gestern war ich allerdings sehr nah dran.

Das Auto vollgeladen und im Schritttempo durch den Münchner Schneematsch auf die Autobahn geschlichen. Rund um München ist Autobahnfahren immer fürchterlich, finde ich, alles voll und zu viele Spuren, aber sobald man an der blöden Ausfahrt zum Flughafen vorbei und auf der A93 in Richtung Passau ist, wird alles entspannter. Gestern auch, die Straßen waren größtenteils trocken, die Sonne schien, am Sonntag will nie jemand außer mir in die äußerste Ecke der Republik, es ist immer alles frei und lässig.

Trotzdem traurig gewesen. Das war schön, mal wieder drei Wochen am Stück an F. rumkleben zu können. Ich bin anscheinend immer noch nicht der Typ für Wochenendbeziehungen und ich muss gestehen, ich zähle jetzt die Wochenenden runter, bis der Job hier durch ist. Nicht weil mich der Job nervt, sondern die elende Pendelei. Dafür bin ich anscheinend auch nicht der Typ.

Immerhin einen guten Podcast beim Fahren gehört: „Denkangebot“, dieses Mal mit Anne Rabe, deren Buch Die Möglichkeit von Glück ich 2024 zu meinen besten gelesenen Büchern gezählt habe. Im Gespräch geht es auch um die AfD und warum sie zunächst im Gebiet der ehemaligen DDR einen so großen Zulauf gehabt hat. Inzwischen sind die Wahlergebnisse im Westen ähnlich. Für mich besonders interessant: Rabes Schilderungen um Forschung in der und nach der Wende über die DDR. An einem Satz klebe ich noch besonders, ich zitiere sinngemäß: „Dass die Aufarbeitung der NS-Zeit in der Gesellschaft noch nicht abgeschlossen ist, ist jedem klar. Wieso glauben dann aber viele, dass die Spuren, die die DDR-Diktatur in den Menschen hinterlassen hat, nicht mehr wichtig oder Forschungsthema sind?“ Gute Frage.

Samstag, 10. Januar 2026 – Diözesanmuseum

Wir nutzten den vorletzten Tag der Ausstellung „Göttlich!“ MIT AUSRUFEZEICHEN im Diözesanmuseum Freising, um mal wieder Kunst im Vorbeischlendern zu lernen: „Im Gehen verstehen.“ In der Sonderausstellung mochte ich natürlich die drei Memlings. Zu Hans Memling habe ich ein besonderes Verhältnis, weil er bzw. eins seiner Werke das Sujet meines ersten Referats im Bachelorstudium war sowie Thema meiner ersten Hausarbeit. Die verlinke ich um Gottes willen nicht, aber die Referatsnotizen sind noch okay, glaube ich. (Aww, November 2012!)

Länger gestanden habe ich vor diesem Werk, das netterweise auf Wikipedia zu finden ist. Wenn ich nicht ständig in der Ausstellung gelesen hätte, dass es hier um die Renaissance geht, hätte ich auch auf 1924 tippen können.

Antonio de Saliba: Annunziata (Maria der Verkündigung), Venedig zwischen 1480 und 1497 laut Schild in der Ausstellung, Galleria dell’Accademia Venedig.
Bildquelle: Burkhard Mücke, November 2025, veröffentlicht in der Wikipedia unter CC BY-SA 4.0.

Danach bestaunten wir die Dauerausstellung („is scho zahlt“), entdeckten schöne Rosenkränze und lustige Totenköpfe und begingen dann noch die Licht-Installation von James Turrell, bei der mir ein wenig schwummerig wurde, als ich drin war, und F., als wir rausgingen. Licht, ein Teufelszeug.

Freitag, 9. Januar 2026 – Nana für zuhause

F. und ich waren kurz vor Weihnachten in Hannover im Sprengelmuseum, um uns unter anderem Love you for infinity anzuschauen, eine Gemeinschaftsausstellung mit Yayoi Kusama, Niki de Saint Phalle und Takashi Murakami. Große Empfehlung: Die Ausstellung zeigt sehr deutlich, wie wegweisend Kusama und Saint Phalle schon in den 1960er Jahren waren und dass ihre Werke immer noch zeitgemäß sind.

Unsere Lieblingsbeschäftigung nach dem Ausstellungsgucken in Museen: den Museumsshop nach Schätzen durchsuchen. Hier war der übliche Marketingquatsch wie „Alles mit dem Ausstellungslogo bedrucken“ zu finden, aber auch das tollste Merch, das ich je erworben habe: ein Nana-Ballon.

Es gab ihn in drei Ausfertigungen, wenn ich mich richtig erinnere, aber ich wollte auf jeden Fall den pinkfarbenen. Nach dem etwas mühseligen Aufpumpen (aufblasen hat null funktioniert) stand der Ballon zunächst hinter mir, wenn ich am Schreibtisch saß, aber inzwischen hängt er unter der Flurdecke, wo er auf mich herabschaut und mir weiterhin extrem gute Laune macht.

Das lustige Blümchenkissen von Murakami hätte ich auch gerne mitgenommen, aber das war mir ein Hauch zu hochpreisig. Wir rechnen neuerdings Dinge gerne in den Gegenwert von Weinflaschen um und da gewinnt meistens der Wein, den wir uns kaufen können, wenn wir Objekt X eben nicht erwerben. Aber der Ballon war bezahlbar und fühlt sich für mich schon nach wenigen Tagen fast unbezahlbar an, weil ich wirklich immer grinse, wenn ich unter ihm durchlaufe. Darauf einen Billo-Wein.

Donnerstag, 8. Januar 2026 – Mokum

Ich habe noch bis Sonntag Urlaub, weswegen ich weiterhin Urlaubsdinge mache. Gestern waren F. und ich zum wiederholten Mal in unserer Lieblings-Tagesbar, dem Mokum. Julia Kolbeck, Florian Rottensteiner und Tim Meier haben den kleinen Laden im letzten Jahr eröffnet. Julia kennen wir als Sommelière von Tohru und Jan, Florian und Tim haben im Werneckhof, damals noch unter der Leitung von Tohru Nakamura, gemeinsam gekocht. Mehr über den wirklich schönen Laden erfahrt ihr zum Beispiel im Podcast Kalk & Kegel (Spotify-Link).

Wir hatten gemütlich um 15 Uhr reserviert und blieben gnadenlos bis kurz vor Schluss, weswegen wir uns drei Flaschen Wein gönnen bzw. uns richtig Zeit lassen konnten und trotzdem höchstens latent angeschwipst in Richtung U-Bahn stapften, sehr satt und wie immer sehr zufrieden.

Uns erwartete beim Ankommen eine handgeschriebene Karte mit unseren Namen und ein paar Grüßen vom ganzen Team. Wir begannen mit einem weißen Burgunder von Arnaud Ente, bei dessen Namen ich immer grinsen muss, aber no jokes with names, wissen wir ja. Danach genossen wir zwei Weine von unserem Liebling Michel Lafarge, von dem wir noch keinen einzigen getrunken haben, der belanglos war. Auch deswegen gehen wir gerne in Läden wie das Mokum, das eine kleine, aber äußerst feine Weinkarte hat: Man bekommt dort auch Weine, die für den schnöden Endverbraucher eher schwer zu kriegen sind.

Zu essen gab’s natürlich auch was, denn wie andeutungsweise erwähnt waren wir sieben Stunden vor Ort, da wird man ein bisschen hungrig.

„Bites for bubbles“ steht auf der Karte und das ist es dann auch. Hervorragende Idee, wenn man nur für ein, zwei Gläschen reinschaut oder als Start für mehr. Und weil ich es nicht mehr gewohnt bin zu bloggen und dafür zu fotografieren, waren zwei der Bites schon angeknabbert, bevor ich mich an mein iPhone erinnerte.

Forelle nach Matjes-Art mit Buttermilch, Apfel und Dill. Im Hintergrund diverse Olivenkerne, Beleg für einen weiteren guten Snack.

Rindertatar mit Trüffelmayonnaise und gebeiztem Eigelb. Wir nahmen bei beiden Gängen noch einen Hauch Kaviar dazu.

Schlutzkrapfen mit Pilzen, Ricotta und Beurre blanc. Totales Glücklichmacheressen. Im Hintergrund selbstgebackenes Brot, von dem ich auch den ganzen Abend naschte, plus Salzbutter.

Blutorangensorbet mit anderen Dingen, die ich schon wieder vergessen habe, die aber so lecker waren, dass ich davon eine zweite Portion orderte.

Auf der Homepage vom Mokum steht der Leitspruch für den Laden: „Home away from home.“ Genauso hat sich der gestrige Tag angefühlt. Das war alles ganz hervorragend, gut gelaunt und total entspannt.

Mittwoch, 7. Januar 2026 – Diamanten

Die Doku Diamanten. Mythos und Marketing auf arte hatte ich schon vor ein paar Tagen gesehen und auf Bluesky empfohlen, aber ich mache das hier gerne nochmal. Es ist eine schicke Mischung aus Werbungshistorie („A diamond is forever”), Geschichte des Handels (ich war über Kuba überrascht) und der heutigen Möglichkeit, Diamanten im Labor herzustellen, die sich chemisch null von denen unterscheiden, die mit Riesenaufwand und Umweltschäden aus der Erde geholt werden. Der einzige Unterschied ist das Gefühl, wenn man sein Schätzchen im Ring anschaut: Hast du Millionen von Jahren Erdgeschichte in dir oder bist du zwei Monate alt? Und was macht das mit dem Träger oder der Trägerin? Ich war dummerweise selbst davon überrascht, dass ich zu einem geschürften Steinchen neigen würde, eben wegen des Alters. Man sollte keine Dokus schauen. Okay, vergesst den Eintrag, klickt lieber auf Insta rum.

Dienstag, 6. Januar 2026 – Neue CD

Ich erwähnte bereits, dass F. mir drei CDs zu Weihnachten geschenkt hatte; die eine mit sämtlichen Werken für Cello und Klavier von Bohuslav Martinů hörte ich gestern erstmals aufmerksam durch. Ich lege euch hiermit die Cello-Sonate Nr. 3 (1952) ans Herz und frage alle Musikexpert*innen an den Empfangsgeräten: Gibt es einen Begriff für den Übergang aus weiß der Geier welchen Tonarten zu diesem satten Akkord, wie es hier bei Nummer 1 und knapp vor Nummer 2 auf dem Notenblatt zu hören ist? Oder hier im zweiten Satz meines Lieblingsstücks, dem Cello-Konzert Nr. 1, zum Beispiel bei Minute 15:51? Ich meine, es ist kein reiner C-Dur-Akkord, aber meine Notenlesekenntnisse sind gefühlt alle von vor Jahrzehnten.

Ich verbinde mit Martinů immer diese dramatische Auflösung, in der alles zusammenkommt und sich einig ist und alles gut wird. Diese bestimmte Klangfarbe, die gefühlt mehr ist als ein simpler Dur-Akkord, kriegt er warum auch immer in meinen Ohren unnachahmlich hin, und sobald einer dieser Akkorde erklingt, stellen sich meine Nackenhaare auf und es fühlt sich an, als ob mir die Welt den Kopf tätschelt.

Der zweite Satz des 1. Cello-Konzerts ist mein Favorit für die Tage, an denen ich und alles um mich rum mal runterkommen muss; er steckt voller dieser Akkorde. Der Satz fängt hier an und dauert gute zehn Minuten. Vielleicht habt ihr ja heute dooferweise so einen Tag. Aber keine Bange, Martinů ist für euch da.

Montag, 5. Januar 2026 – Gräber

F. nahm mich auf den Nordfriedhof mit, auf dem seine Großeltern bestattet sind. Wir spazierten auf dem ruhigen Areal herum, lasen Inschriften auf Steinen und Stelen und besprachen erstmals, wie unser Grabstein mal aussehen sollte. Das ist ja auch schön, dass man nach über zehn Jahren noch neue Themen findet.

Auf dem Geländeplan entdeckte ich eine Anmerkung, die ich noch nicht kannte: „Auf Münchner Friedhöfen befinden sich Gedenkgräber für die Opfer rechtsextremer, rassistischer und antisemitischer Attentate und Anschläge.“ Auf dem Nordfriedhof ist Guiliano Kollmann bestattet, der 2016 beim, Zitat Geländeplan, „rechtsterroristischen rassistischen Anschlag am Olympia-Einkaufszentrum“ ermordet wurde. Die Lage des Grabs war als einziges im Plan vermerkt, wir gingen später zufällig daran vorbei. Ebenfalls beim Schlendern entdeckt: das Familiengrab der Defreggers, wo ich den Maler Franz kannte, oder die Gedenkstele von Ernst Mach, auf die mich F. hinwies.

Eigentlich waren wir auf der Suche nach einem anderen Grab, fanden es aber nicht. Auf dem Weg zum Ausgang entdeckte ich allerdings eine weitere Grabstätte, was den Kreis schön schloss in dieser Stadt, in der Rechtsextremismus leider zu lange und zu oft zuhause war und ist.

Paul Ludwig Troost (1878–1934) entwarf die NS-Parteibauten am Königsplatz, also zum einen den sogenannten „Führerbau“, in dem sich Hitlers Arbeitszimmer befand und 1938 das Münchner Abkommen unterzeichnet wurde. Heute ist dort die Musikhochschule untergebracht. Der zweite Bau ist das NS-Verwaltungsgebäude, das heute Haus der Kulturinstitute heißt; unter anderem befindet sich hier das Zentralinstitut für Kunstgeschichte mit seiner wunderbaren Bibliothek. Ich weiß immer, wo ich sitze, wenn ich über den NS forsche. Der dritte von Troost geplante Bau in München ist das Haus der (deutschen) Kunst.

Seine Frau Gerdy (1904–2003) übernahm nach Ludwigs frühen Tod sein Architekturbüro und auch Funktionen im NS-Staat. Sie gab 1938 das zweibändige Werk Das Bauen im Neuen Reich heraus, in dessen Neuauflage 1942 sie auch über die neuen Reichsautobahnen schrieb. Daher zitierte ich sie natürlich in meiner Diss. Eine Kostprobe von vielen, die belegen, dass die ollen Straßen nicht nur olle Straßen waren:

„Über Weichsel, Warthe und Rhein greifen die Reichsautobahnen hinüber in alte deutsche Kulturlandschaften, die von den Kriegsentscheidungen ins Reich zurückgeführt wurden. Der Gedanke, Tore nach Osten und Westen, Tore in die große deutsche Heimat öffnen, hat in den Entwürfen für die großen Strombrücken sinnvoll Gestalt gewonnen. Mit symbolischer Macht sprechen diese Brücken von der glückhaften Vollendung Deutschlands, dessen Lebensadern sie hinüberleiten in das heimgekehrte Land.“

(Quelle: Gerdy Troost: Das Bauen im Neuen Reich, 2 Bd., Bayreuth 1942, Bd. 2, S. 6.)

Sonntag, 4. Januar 2026 – Was schön war

Lange geschlafen. Gemeinsam gefrühstückt. Avocado mit Chili und Schnittlauch. Scrabble gespielt und wie immer gegen F. haushoch verloren, was einen Hauch an meiner Ehre kratzt. Aber immerhin in zwei Etappen das Wort „Hurenkind“ untergebracht. Leider keine Kopf- oder Filzläuse legen gekonnt, ich blieb bis zum Schluss auf meinem Z sitzen. Bei „Junis“ mussten wir den Duden fragen, ob es gilt: gilt. Es ist ein Genitiv und selbst als Plural wäre es okay, wenn auch sehr selten.

Gelesen, rumgesessen, geplaudert, geschwiegen, als spätes Mittagessen die Samstag erworbenen Croissants vom Lieblingsbäcker genossen.

Abends mit netten Menschen Käse, Schinken, Wein und Whisky verzehrt. Die schöne neue Handtasche zum zweiten Mal ausgeführt; sie durfte Samstag schon zum Bäcker. Sie ist eigentlich eine Abendhandtasche, in die nichts reinpassen muss, aber mir fiel auf: Wenn ich Brot und ähnliches einkaufe, brauche ich ja nur meine EC-Karte und eine Einkaufstasche. Das passt beides rein.

Ansonsten sieht das gute Stück von Furla mit den unterschiedlichen Abendklamotten wie in den folgenden Bildern aus. Das mittlere Outfit ist der Hauptgrund, warum ich sie in orange wollte. Seit ich sie das erste Mal online gesehen (und dann brav auf den Sale gewartet) habe, fand ich die Farbe irre. Zuerst dachte ich, ich habe überhaupt nichts orangefarbenes im Schrank, die passt ja zu gar nichts, bis mir auffiel: Deswegen passt sie zu allem.

Samstag, 3. Januar 2026 – Reading

Aus dem Atlantic, Geschenkartikel: „Reading Is a Vice“ von Adam Kirsch. Der Autor beschreibt, wie viele weitere vor ihm, dass zu viele Menschen nicht mehr oder kaum noch Bücher lesen. Es kommt aber ein Argument vor, das ich noch nicht kannte:

„If people won’t read books because they enjoy it, perhaps they can be persuaded to do it to save democracy. The International Publishers Association, which represents publishers in 84 countries, has spent the past year promoting the slogan “Democracy depends on reading,” arguing that “ambitious, critical, reflective reading remains one of the few spaces where citizens can rehearse complexity, recover attention and cultivate the inner freedoms that public freedoms require.”“

Kirsch entkräftet das in seinen Augen unsinnige Argument aber gleich wieder:

„The problem with these kinds of arguments isn’t that they are wrong; it’s that they don’t actually persuade anyone to read more, because they misunderstand why people become readers in the first place. Telling someone to love literature because reading is good for society is like telling someone to believe in God because religion is good for society. It’s a utilitarian argument for what should be a personal passion.“

Der Autor beschreibt im Folgenden seine eigenen Leseerfahrungen, von denen vermutlich jede*r Leser*in genügend aufzählen kann: warum lese ich, warum lese ich gerne, was und wann lese ich gerne usw. Aber diese Beschreibung fand ich sehr schön:

„Being a reader means cultivating a relationship with the world that, by most standards, can seem pointless and counterproductive. Reading is not profitable; it doesn’t teach you any transferable skills or offer any networking opportunities. On the contrary, it is an antisocial activity in the most concrete sense: To do it you have to be alone, or else pretend you’re alone by tuning out other people. Reading teaches you to be more interested in what’s going on inside your head than in the real world.“

Aus dem letztgenannten Grund funktioniert auch das Argument nicht, mit Lesen die Demokratie zu retten. Mit Geschichtsbüchern ganz eventuell, aber im Artikel geht es genau um die nicht, sondern um Romane, in denen Welten erfunden werden, die uns aus der bereits bestehenden herausreißen. Kirsch schließt mit einem Bild, das mir persönlich sehr bekannt ist:

„If we want to keep reading from going extinct, then the best thing we could do is tell young people what so many great writers readily admit: Literature doesn’t make you a better citizen or a more successful person. A passion for reading can even make life more difficult. And you don’t cultivate a passion for the sake of democracy. You do it for the thrill of staying up late to read under the covers by flashlight, unable to stop and hoping no one finds out.“

Unter der Bettdecke lese ich meine derzeitige Lektüre, ein Geschichtsbuch, natürlich, nicht, dafür ist sie zu unhandlich. Aber von den knapp 2000 Seiten Ulbricht-Biografie habe ich nun immerhin schon 250 hinter mir und kann das Buch (bzw. die ein, zwei Bücher) bisher sehr weiterempfehlen. Ich besitze die nur 12 Euro günstige Gesamtausgabe der BPB, aber die scheint schon vergriffen zu sein. Sie ist wirklich umständlich zu halten (bräuchte ein Lesepult), aber: 12 Euro sind deutlich weniger als *checks Verlagswebsite* 116.

Freitag, 2. Januar 2026 – Abgeschmückt

Im letzten November erwarb ich erstmals einen Weihnachtsbaum aus Plastik.

2024 hatte mich das nämlich etwas traurig gemacht, dass ich weder in Passau noch in München so ganz bin und deswegen meiner Lieblingsbeschäftigung im Dezember – den geschmückten und mit funkelnden Lichterketten geschmückten Weihnachtsbaum anstarren – an keinem Ort genügend frönen konnte. Ich hatte auch keinen Adventskranz, denn an den Wochenenden war ich zwar immer in München, aber eben nur an den Wochenenden, weswegen sich der Kranz dort gar nicht lohnen würde, weil ich die Kerzen quasi dauerbrennen lassen müsste, damit sich das an den zwei Tagen lohnt, und ja, ich kann mir über so einen Firlefanz tagelang Gedanken machen. Also, 2024 keinen Adventskranz. Deswegen lohnte sich auch die Anschaffung des Baums am üblichen Monatsanfang nicht, denn ich war ja nur zwei Tage von sieben in der Woche da, um starren zu können. Also kaufte ich den Baum in München wahnsinnig spät, schmückte eilig, baute ihn gefühlt fünf Minuten später wieder ab und entsorgte ihn nach dem 6. Januar, hatte in Passau gar keinen Weihnachtsschmuck und war mit der Gesamtsituation äußerst unzufrieden gewesen.

Daher dachte ich 2025 darüber nach, zwei Bäumchen anzuschaffen, was mir aber selbst nach wenigen Sekunden schon sehr albern vorkam. Außerdem hätte ich dann noch einen zweiten Weihnachtsbaumständer erwerben müssen und wo entsorge ich überhaupt in Passau einen Baum? Plan verworfen. Netterweise sprachen wir in der Mittagspause über Christbaumkauf (as the cool people hier unten call it), und meine Kollegin meinte, sie habe sich gerade nach dem Umzug einen Plastikbaum gekauft, der stünde auch jetzt schon im November, weil schön. Ich fühlte mich total verstanden, fuhr nach Feierabend schnurstracks ein paar Baumärkte ab, besah mir die Dinger mal von nahem im Original und erwarb schließlich diesen hier in 150 cm. Er sieht nicht ganz so füllig aus wie auf dem Foto, aber sonst passt die Abbildung.

Es gibt übrigens ganz schlimm aussehende Plastikbäume und welche, die wirklich gut sind. Klar sieht man, wenn man direkt davor steht, dass es keine echten Nadeln sind, aber ganz ehrlich: Ich brauche schlicht irgendwas grünes Pyramidenartiges, an das ich Kugeln und Lichter basteln kann.

Mein Plan war nun nach dem Erwerb des Baums: Ich bringe mir am Wochenende aus München ein paar Kugeln mit, dann baue ich den Baum in Passau auf, schmücke ihn, finde alles toll, und am letzten Tag in Passau vor dem dringend nötigen dreiwöchigen Weihnachtsurlaub baue ich alles ab, verstaue es im Auto, gondele nach München, baue den Baum erneut auf und finde weiterhin alles toll.

Der Plan hat immerhin so halb funktioniert, denn natürlich habe ich es nicht mal einen Tag ausgehalten, den Baum nicht aufzubauen. Ich musste schließlich gucken, ob auch alle Teile da sind, logisch, Verbraucherschutz geht mir ja über alles. Also öffnete ich den Karton, baute Ständer, zwei Stangen und eine lustige Spitze zusammen und steckte dann jeweils sechs mal sechs Äste in derselben Länge an die mittigen Stangen, nachdem ich sie etwas aufgefächert hatte. Es war alles im Paket, was drin sein sollte, aber nun stand ein ungeschmückter Baum bei mir im Zimmer, und das hielt ich erneut genau einen Tag aus, bevor ich in einem lustig-bunten Einrichtungsgeschäft in Passau formschöne Kugeln und eine lange Lichterkette erwarb. Dann wurde geschmückt und alles war gut.

Der Rest vom Plan ging auf; ich hatte in Passau wochenlang einen Baum zum Anstarren, baute ihn am 18. Dezember ab, fuhr mit ihm am 19. nach München, baute ihn dort sofort wieder auf, ballerte ihn erneut mit Kugeln voll und starrte weiter. Und auch wenn ich es 2024 für sinnlos gehalten habe: In München wurde ein preisgünstiger Supermarkt-Adventskranz erworben, an dem an den Wochenenden die kleinen Stümpfchenkerzen brannten, und das hat gereicht und mich erfreut.

Gestern entschmückte ich den Baum, wie es sich für mich nach Silvester gehört, baute ihn wieder auseinander, verstaute ihn erneut im Karton und trug ihn auch gleich in den Keller. Damit ist 2025 für mich offiziell rum. Und in nur elf Monaten hole ich den Karton wieder hoch und habe dann eine noch größere Auswahl an Kugeln als im letzten Jahr, ich Schlaumeierchen.

Donnerstag, 1. Januar 2026 – Champagner-Galopp

Es gab das Neujahrskonzert aus Wien, das ich auch wegen des wunderhübschen Blumenschmucks anschaue. Netterweise steht das Programm immer online, das heißt, ich muss nicht sofort bei jedem Stück den oder die mir unbekannte Komponist*in ergoogeln, sondern kann das nachher erledigen.

Gestern erfreute mich der Københavns Jernbane-Damp-Galop von Hans Christian Lumbye, den die englische Wikipedia Copenhagen Steam Railway Galop nennt. Dort stand auch zu lesen, dass der Herr Komponist einen Champagne Galop geschrieben hatte, den wir natürlich direkt nach dem Ende des wirklich schönen Konzerts auf YouTube genossen. Dringend bis zum Ende bleiben, es sind nur zwei Minuten. Und wie beim Radetzkymarsch in Wien weiß das dänische Publikum anscheinend, wann genau es mitklatschen darf.

Mittwoch, 31. Dezember 2025 – Was schön war

Flädlesuppe mit ordentlich Schnittlauch, die Flädle mit brauner Butter, ganze Küche duftet.

Sauer eingelegter Saibling mit Salätchen drunter. Rezept stammt aus dem Allgäu-Kochbuch und wird beibehalten, aber nächstes Mal gibt’s das Fischchen ohne Haut. Die Textur war nicht so meins.

Rosa gebratene Entenbrust (danke, Fleischthermometer) mit herrlichen maple roasted carrots und simplem Kartoffelbrei, weil wir es halt simpel halten wollten und ich außerdem zu viel Zeug im Ofen hatte, um auch noch ein Gratin unterzubringen (Entenbrust, Karotten, ich brauche mehr Gitter und Bleche, was denn noch).

Angel Food Cake mit Himbeersahne, weil meine blöde Créme brûlée nicht festgeworden war und ich armes Häschen mit fünf Eiweißen da stand. War auch sehr schmackhaft.

Und ein bisschen was getrunken haben wir auch. Wenn ich Ihnen mal wieder die Champagner von Piollot ans Herz legen darf? Noch toller: die Produkte seiner Frau Marie Courtin.

2025 revisited

(2024, 2023, 2022, 2021, 2020, 2019, 2018, 2017, 2016, 2015, 2014, 2013, 2012, 2011, 2010, 2009, 2008, 2007, 2006, 2005, 2004, 2003.)

1. Der hirnrissigste Plan?

Drei Dienstreisen ins Ausland in vier Wochen hintereinander buchen.

2. Die gefährlichste Unternehmung?

Passau, Schneefahrt im Auto, Berg, Blitzeis. Ging den anderen Autofahrenden allerdings auch so. Wir haben dann lieber alle angehalten und vermutlich 75% aller Schulbusse in Passau eingekesselt. Eine Stunde hat’s gedauert, bis wir vorsichtig weiterfahren konnten. Und ich hatte nicht mal ein Buch dabei! Ich weiß nicht, wie mir das passieren konnte.

3. Die teuerste Anschaffung?

Eine Handtasche. Ja, ich bin jetzt in diesem Alter.

Vielleicht sollte ich im nächsten Jahr die Kategorie umbenennen in „Die beste Anschaffung“. Da würde in diesem Jahr allerdings auch die Handtasche stehen.

4. Das leckerste Essen?

Sehr gut gefallen haben mir Steins Traube in Mainz, das Wils in Amsterdam, der Rote Hahn in Regensburg, wie immer das Geburtstagsessen im Alois sowie der erste Stern in Passau Marcel von Winckelmann. Mehrfach genossen, wie immer: das Tschecherl. Neu in diesem Jahr: Die Waltz-Jungs haben die Weinbar Garbo aufgemacht, und es ist dort genauso, aber anders nett als im Waltz. Auch neu und gleich ein Lieblingsladen: das Mokum. In Passau speist man sehr gut bürgerlich in der Stiftsschänke, und ich rede immer noch über den wirklich hervorragenden kleinen Wirtshaussalat, der mein Schwabentöpfchen begleitete. Außerdem liebe ich jedes Baguettescheibchen, das ich im Airfryer blitzschnell mit Käse überbacken kann.

5. Das beeindruckendste Buch?

Sachbuch:
– Klaus Mann: Der Wendepunkt. Ein Lebensbericht (1952). Mephisto war im letzten Jahr mit ein Buch des Jahres, und mit seiner Autobiografie ist der Klaus mein liebster Mann geworden.
– Mike Laufenberg: Queere Theorien zur Einführung (2022)
– Shulamit Volkov (Ulla Höber, Übers.): Deutschland aus jüdischer Sicht. Eine andere Geschichte vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart (2022)
– Sebastian Peters: Hitlers Fotograf. Heinrich Hoffmann. Eine Biografie (2025)

Fiktion:
– Vladimir Nabokov (Klaus Birkenhauer, Übers.): Verzweiflung (1936)
– Taffy Brodesser Akner: Long Island Compromise (2024)
– Dana Vowinckel: Gewässer im Ziplock (2024)
– Percival Everett: James (2024)

6. Was hast du 2025 gelernt?

Dass in der Kunsthistorikerin auch immer noch die Werberin steckt. Dass der CSD viel mehr ist als eine Party. Dass auch ein 600-Tage-Streak auf Duolingo nicht dazu führt, dass ich in Paris panikfrei Essen bestelle. Dass auch eine langjährige Beziehung noch so viel besser werden kann. Dass mein 20 Jahre alter Badeanzug noch passt (und ich mich in ihm wohlfühle). Dass ein ganzes Jahr an mir vorbeirauschen kann, weil es so vollgepackt mit spannenden Dingen ist. Dass ich alles vergesse, wenn ich nicht darüber blogge.

7. Die beste Musik?

Jeden Tag BR Klassik, wenn ich zur Arbeit bzw. heimfahre. Und vermutlich die drei CDs, die mir F. zu Weihnachten geschenkt hat, von denen ich aber erst eine gehört habe. Die Musik stammt von meinem Liebling Martinů und ist daher natürlich toll. War eine Empfehlung der Zauberflöte; wer in München was Klassisches kaufen möchte, geht bitte dringend in diesen Laden.

8. Das schönste Konzert?

Durch die ganze Pendelei habe ich an den Wochenenden meist nur rumgelegen, weil ich froh war, nirgends hinzumüssen. Ich war, wenn ich meinen Tickets glauben darf, nur zweimal mit F. in der Isarphilharmonie. War bestimmt beides schön, aber ich weiß es nicht mehr. Müsste mal wieder bloggen.

9. Die tollste Ausstellung?

Die Neue Sachlichkeit. Eine Jahrhundertausstellung in der Kunsthalle Mannheim, die eh einen Besuch wert ist. John Singer Sargent im Musée d’Orsay, wo ich endlich Madame X im Original bewundern konnte. Love you for infinity im Sprengelmuseum Hannover ist auch toll, läuft noch bis Februar, schnell hin!

Außerdem war ich, hust, erstmals im Louvre, hust, was auch ein ganz hübsches, kleines, intimes Museum ist, wo man ein bisschen was angucken kann, wenn nicht gerade eine Milliarde andere Menschen vor einem steht. Bei der Nike von Samothrake ein Tränchen verdrückt. Trotz der Milliarde.

10. Die meiste Zeit verbracht mit …?

Provenienzforschung, also: in Akten wühlen, in Archiven sitzen, durch Inventare blättern, durch Datenbanken forsten, Dinge zusammenpuzzeln und ausschweifend aufschreiben. Es ist meist total frustrierend, weil man selten alles findet, aber der Prozess ist herrlich. Ja, ich weiß, das klingt komisch, wenn ich darüber schreibe, wie herrlich ich es finde, Diebesgut hinterherzuforschen. Aber ich finde ja nicht den Raub herrlich oder dass wir 80 Jahre nach Kriegsende immer noch Dinge und Eigentümer*innen suchen. Das finde ich, ganz im Gegenteil, zum Kotzen.

11. Die schönste Zeit verbracht mit …?

Provenienzforschung und F.

12. Vorherrschendes Gefühl 2025?

Das ist bis auf Kleinigkeiten gerade alles ganz hervorragend.

13. 2025 zum ersten Mal getan?

Einen Forschungsantrag abgenickt bekommen. Einen Plastik-Weihnachtsbaum gekauft. Einen Weihnachtsbaum Mitte November aufgestellt, denn von mir aus kann immer Weihnachten sein. Auf dem CSD gewesen. In Mannheim und Mainz gewesen und in Landshut, wo ich sonst immer nur durchfahre. In Wien krank geworden. In Amsterdam krank geworden. Dienstreisen abgerechnet. Eine Feuerschutzübung mitgemacht. Als Talking Head in einer TV-Dokumentation mitgewirkt. Mit Erbberechtigten von Raubkunst gesprochen. Entschädigungsakten gelesen. Überhaupt viele Quellen kennengelernt, die ich bisher nur theoretisch kannte. Tausend Dinge bei der täglichen Arbeit gelernt und zum ersten Mal gemacht, die den kompletten Blogeintrag sprengen würden. Bis auf wenige Ausnahmen jeden Tag nicht nur gerne, sondern regelrecht vorfreudig zur Arbeit gefahren.

14. 2025 nach langer Zeit wieder getan?

In Paris gewesen (mich mit der Stadt versöhnt, so irgendwie, halbwegs, wird vermutlich nie ganz meine werden). Regelmäßig Auto gefahren. In einem Schwimmbad gewesen. Anwälte zu Dingen befragt.

15. Drei Dinge, auf die ich gut hätte verzichten können?

Dass die Zweitwohnung in Passau grundsätzlich und immer zu warm ist. Wochenendbeziehung. In den Lieblingsstädten krank werden.

16. Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte?

„Du bist gut so, wie du bist.“

17. Das schönste Geschenk, das ich jemandem gemacht habe?

Fast jede Woche 400 Kilometer Autobahn oder sechs Stunden Zug.

18. Das schönste Geschenk, das mir jemand gemacht hat?

Die Zusage zum Forschungsprojekt ab August 2026 in München. Danke, DFG. In der Projektbeschreibung gehören um den ersten Satz zitatanzeigende Anführungszeichen. Macht mich irre, dass die irgendwie untergegangen sind.

Runner-up zum besten Geschenk: Wenn ich nicht 400 Kilometer fahren musste, sondern F. nach Passau kam. Und das Geburtstagswochenende der Quasi-Schwiegermutter, die uns alle in ein äußerst nettes Hotel einlud, wo ich erstaunt feststellte, wie angenehm so ein Spa ist.

19. Der schönste Satz, den jemand zu mir gesagt hat?

„Ich liebe dich.“

20. Der schönste Satz, den ich zu jemandem gesagt habe?

„Ich liebe dich.“

21. 2025 war mit einem Wort …?

Großartig.

Leseliste 2025

Ich lese gerade die zweitausendseitige Biografie über Walter Ulbricht von Ilko-Sascha Kowalczuk (auf Bibelpapier!) und ahne, dass ich sie bis übermorgen nicht durchlesen werde. Daher kommt jetzt schon meine Leseliste des Jahres. Ich war zu faul für selbst zweizeilige Besprechungen bei meiner privaten Lektüre, aber für Sternchen hat es gereicht. Andere Bücher waren Rezensionsexemplare, dort ist meine Meinung verlinkt.

Ein Jahr Passau

Der Grund, warum es hier sehr ruhig ist und auch noch ein bisschen so bleiben wird: Ich mag nicht über meinen Job schreiben. Ich würde zwar total gerne über meinen Job schreiben, denn er ist irre spannend und befriedigend und toll, aber ich mache das hier ja alles nicht für mich, sondern für einen Auftraggeber, und ehe ich Blogeinträge abnicken lasse, schreibe ich lieber gar nichts.

Neben meinem Job reicht die Kraft in Passau ehrlich gesagt auch kaum noch für andere Dinge, die ich verbloggen könnte, und es ist im Prinzip ganz nett, nach über 20 Jahren nicht mehr jeden Tag darüber nachdenken zu müssen, ob das, was ich gerade erlebe, einen schicken Eintrag produziert. Andererseits frage ich mich des Öfteren, was ich in einem bestimmten Monat im letzten Jahr gemacht habe oder was ich aß oder hörte oder was mich beschäftigte – und derzeit fehlt leider mein schönes Tagebuch, das diese Informationen immer brav für mich bereithielt.

(Ich knipse sehr gerne vom Berg runter, auf dem die Burg steht, in der das Museum ist, in dem ich arbeite.)

Ich beschäftige mich seit einem Jahr mit den Zugängen des Oberhausmuseums in Passau zwischen 1933 und 1945. Und das mache ich noch ein weiteres Jahr, weswegen es hier ab morgen vermutlich wieder ruhiger wird. Aber ab August 2026 plaudere ich wahrscheinlich wieder wild in der Gegend rum, denn, jauchzet, frohlocket, mein Forschungsantrag, über dem ich monatelang gebrütet und den ich schließlich im Mai 2024 eingereicht habe, wurde im Mai 2025 abgenickt und durchgewunken, ohne Änderungen oder Abzüge. In einem Jahr bin ich also wieder nur noch in München, wo genau, verrate ich, sobald mein herrliches, dreijähriges, vollfinanziertes Forschungsprojekt auf der Website der betreffenden Institution steht. Nächstes Vorstellungsgespräch frühestens Ende 2029, wo-hoo! Dann bin ich 60, das wird bestimmt ein Klacks, wieder was Neues zu finden.

Ich müsste mich eigentlich total freuen, wieder ausschließlich in München zu arbeiten, aber ein winziges bisschen Wehmut ist komischerweise auch dabei, denn: Das ist echt nett hier! Ich habe jeden Tag das Gefühl, einen sinnvollen Job zu machen, was ich sehr lange nicht hatte. Zusätzlich ist mir auch etwas gelungen, was man als Provenienzforschende immer erreichen möchte (und dann gleichzeitig überhaupt gar nicht), nämlich Raubkunst wiederzufinden und sogar die Erbberechtigten dazu. Über den Fall schreibe ich demnächst an anderer Stelle (hoffentlich verlinkbar), aber bis dahin gibt’s den kurzen Bericht aus der Passauer Neuen Presse, den ich auf Bluesky ohne Paywall lesbar gemacht habe. Der Artikel hat einige Fehlerchen, aber der Name der jüdischen Sammlerin und die zwei Werke stimmen.

Ich bin inzwischen nach Feierabend nicht mehr ganz so durch wie in den ersten Monaten, wo ich nicht nur einen neuen Job, eine andere Stadt, einen zweiten Kühlschrank und tägliches Autofahren verarbeiten musste, aber ich gebe zu: Sobald der Arbeitsrechner aus ist, ich das Auto im  Parkhaus abgestellt und den Fußweg nach Hause erledigt habe, meist mit Umweg über ein, zwei Supermärkte, Woolworth (Kleinscheiß, der fehlt) oder Thalia (Bücher, die fehlen), reicht die Kraft nur noch zur Zubereitung des Abendessens, das meist zur Hälfte zum Mittagessen am nächsten Tag auf der Burg wird, ein, zwei Serienfolgen, ein bisschen Lesen, die Rätsel der New York Times, die Französisch-Dosis auf Duolingo (Hebräisch habe ich schon lange aufgegeben, dafür ist die App wirklich nicht gemacht), und dann falle ich zwischen 21 und 22 Uhr ins Bett und schlafe wie ein Stein. Ich habe seit einem Jahr kein Ende eines Fußballspiels mehr mitbekommen, ich bin bei der EM-Verlängerung Deutschland-Spanien weggedöst, mein Gehirn und ich sind irgendwann einfach durch und wollen nicht mehr.

Dafür stehe ich jeden Tag um 6 Uhr auf (und mache Fotos wie das oben stehende) und bin meist spätestens gegen 7.30 Uhr auf der Burg, was mich immer noch erstaunt. Ich hatte in meinem Erwachsenenleben eigentlich nie Jobs, die vor 9 Uhr begannen, und ich stand nie vor 7 auf. Im letzten Sommer war ich aber immer so früh wach, erstens weil die Passauer Wohnung nicht so dunkel ist wie die in München und zweitens, weil sie ein Hitzeloch ist. So schön es ist, direkt über einer Konditorei zu wohnen, so beknackt ist es, wenn diese die Backstube ernsthaft im Haus hat und so gefühlt alle Wände mitheizt. Ich musste im Winter kein einziges Mal meine Heizung anmachen, nicht mal bei minus acht Grad draußen, nicht mal im Bad. Aber jetzt im Sommer halte ich es in einem Zimmer nur mit zwei Ventilatoren aus bzw. ziehe, wenn es geht, fluchtartig ins Münchner Home Office, sobald es mehr als 25 Grad werden, weil es in der Wohnung, laut Thermometer, immer knappe zehn Grad wärmer ist als draußen. Konstant. Das hieß vor einem Jahr, als ich erst einen Ventilator besaß, dass ich es nur mit weit geöffneten Fenstern nachts aushielt, weswegen es noch früher hell war als mit geschlossenen Gardinen, weswegen ich früher wach war, weswegen ich ergeben dachte, dann stehste halt auf und bis früh am Schreibtisch. Und das ist irgendwie nicht weggegangen, denn: Es ist schon schön, um 16 Uhr Feierabend zu haben und nicht um 18 Uhr irgendwas, wie ich es aus der Werbung gewohnt war.

(Die Veste auf Oberhaus bei Sonnenaufgang. Ich sitze links vom Kapellentürmchen und gucke vom Büro aus nach Österreich. Hoch die Republik!)

Das ewige Hin und Her zwischen München und Passau wird auch allmählich weniger nervig, weil es ab heute auf die Schlussgerade geht und ich inzwischen gelernt habe, dass zwei Stunden Autobahnfahrt doch besser sind als (wenn ich Glück habe) dreieinhalb in Zug und U-Bahn und ich sonntags nicht immer schon mittags zum Bahnhof in München muss, sondern noch den ganzen Tag mit F. genießen kann und dann halt abends mit der Sonne im Rücken gen Donau schaukele (und dann sogar gratis in der Nähe meiner Wohnung parken kann und ich mir einmal den Fußweg ins Parkhaus erspare). Neuerdings mit Podcasts statt mit Musik, da geht die Zeit noch schneller rum. Und wie ich des Öfteren schon festgestellt habe: Ich fahre anscheinend antizyklisch. Auf der Gegenfahrbahn ist Freitagabend Richtung Passau mehr los als Richtung München, und Sonntagabend ist es genau anders herum.

(Wenn ich nicht die Burg fotografiere oder von ihr runter, halte ich mich gerne unter der brutalistischen Schanzlbrücke auf, die im Winter echt moody drauf ist. #nofilter)

Meine Packstation ist direkt bei Aldi und Lidl und der Waschstraße. Mehr kenne ich quasi nicht von Passau. Okay, den Weihnachtsmarkt mit dem guten Glühwein kenne ich auch. Und das Stadtarchiv!

Oh, und der kleine Feinkostladen nebenan kennt dafür mich. „Ich habe da gerade einen schönen Winzersekt aus der Wachau für mich geöffnet, ich sag Ihnen, ob der was taugt!“

Ich kann meine geliebten Frühlingszwiebelfladen auch mit der Thermosflasche ausrollen, wie ich inzwischen gelernt habe, denn mein Nudelholz ist in München und ich will nicht NOCH WAS doppelt kaufen und hey, wer braucht schon ein Kuchengitter. Okay, die Kuchenform habe ich doppelt gekauft.

Ich weiß bis heute nie, was im jeweils anderen Kühlschrank ist, aber inzwischen hat es sich eingebürgert, dass F. den Münchner Kühlschrank am Donnerstag oder Freitag mit allem auffüllt, was ich für ein Käsebrot mit Gemüsebeilage brauche, und ich am Montag einfach zum Lieblingsbäcker gehe, um ein Pfefferstangerl mit was drauf zu erwerben, wenn im Passauer Kühlschrank nichts mehr liegt, was ich für die Mittagspause vorkochen könnte.

Ich sage „Pfefferstange“ statt „stangerl“, ich kann immer noch kein bairisch, ich werde es nie können, und nebenbei ist Passauer Niederbairisch noch mal eine Extraschippe WTF im Vergleich zu München. Bayerische Kollegin: „Anke, man sieht dir immer an, wenn du uns nicht verstehst, wir sprechen dann extra langsam.“

Ich liebe mein Büro im Rapunzelturm, wo ich quasi fast immer alleine bin und vor mich hindenken kann, aber die Mittagspausen mit den Kolleginnen sind auch immer schön. (Kein Gendern nötig, es ist so herrlich!) Sie führen allerdings dazu, dass ich jetzt einen Airfryer besitze, weil wir so oft darüber geredet haben, und bei 35 Grad in der Wohnung ist das ganz nett, nicht den Backofen nützen zu müssen für ein Portiönchen Abendessen. Mehr als ein Portiönchen passt auch nicht rein, war ein 20-Euro-Schnäppchen beim Aldi. Sie wissen schon, der bei der Packstation.

(Besuch im Stadtarchiv Passau. Meine halbe Fotomediathek auf dem Handy sieht inzwischen so aus. Die andere Hälfte sind die Stockwerkschilder aus dem Parkhaus, wo ich abends fotografiere, wo ich stehe, weil ich das morgens garantiert nicht mehr weiß.)

Was mir allerdings wirklich fehlt: die schönen klassischen Konzerte, die ich mit F. gemeinsam in München besuche. In den letzten Jahren saßen wir des Öfteren mitten in der Woche in der Isarphilharmonie, und das geht jetzt leider gar nicht. Wir haben es auch erst gar nicht am Wochenende versucht, denn meistens möchte ich da lieber mit ihm Redezeit haben und nicht stumm drei Stunden nach vorne starren.

Wir können auch nicht mehr ganz so regelmäßig fine dinen wie früher, aber ein paar Mal dann doch: Wir waren immerhin einmal im Sparkling Bistro, dann im Mokum, neu und toll, im fiesesten Geschäft ever, nämlich Champagne Characters, im guten, alten Broeding, deutlich öfter im Waltz, ein paarmal in der Bar Tantris, und, jaha, bei Marcel von Winckelmann, den einzigen Stern Passaus. Das war richtig nett. Alleine nutzte ich eine Dienstreise nach Regensburg, um im Roten Hahn zu speisen (leider nicht von der Stadt bezahlt), und ich freue mich jetzt schon auf die Weinbar Garbo von den Waltz-Jungs, die ich im August endlich mal ansteuern werde, denn dann habe ich Urlaub.

Den habe ich seit Langem mal wirklich nötig. Zu Ende Juli musste ich den Zwischenbericht über mein Projekt abgeben, der dann auf der oben verlinkten Website Proveana veröffentlicht wird. Er war zum Schluss 152 Seiten lang, und irgendwann ahnte ich, warum F. immer mit den Augen rollte, wenn ich sagte, ABER ICH WEISS DOCH NOCH GAR NICHTS.

Urlaub bedeutet derzeit wie auch schon die zwei Wochen zum Jahresende: möglichst nur rumliegen. Nirgendwo hinfahren (außer zum Mütterchen). Einfach mal nur an einem Ort sein und nur über diesen einen Ort nachdenken bzw. ihn putzen müssen. Alle Städtereisen müssen bis nächstes Jahr warten, denn derzeit möchte ich, wenn der Job erledigt ist, einfach nur irgendwo sitzen. Zum Beispiel auf meinem schönen Münchner Balkon, der dieses Jahr aus Pendelgründen keine Blümchen oder Kräuter hatte. Aber nächstes Jahr wieder!

Ich fotografiere total gerne vom Berg runter, auf den ich jeden Morgen rauffahre, und freue mich jetzt schon auf den Herbst, wenn wieder alles im Nebel liegt. Folgen Sie meinen Insta-Storys, da kommen immer schöne Passau-Bildchen.

Ich habe bestimmt noch mehr erlebt im letzten Jahr, aber das wäre die Zusammenfassung: Es war ein lehrreiches, spannendes, sinnvolles und gutes Jahr, was die Arbeit angeht, und ein herausforderndes, aber – auch durch gute Kommunikation, gemeinsame Mühe und Vertrauen – ein wunderschönes, was das Private angeht. Ich nehme bitte von beidem noch mal ein Jahr Nachschlag.