„Gehört das Ihnen?“

Das Team vom Oberhausmuseum Passau (also auch ich) stellte im letzten September einen Stapel aus Kunsttransportkisten auf den zentralen Ludwigsplatz. Darauf bis November im Wechsel plakatiert: sechs Werke aus unserem Depot, von denen ich der Meinung bin, dass sie Raubkunst sind. Ein einleitendes Plakat, das immer zu sehen war, fragte provokant: „Gehört das Ihnen?“ und wies damit darauf hin, dass sich heute noch Raubkunst nicht nur in Museen, sondern auch an den Wohnzimmerwänden von Frau Hinz und Herrn Kunz befindet. Eine kurze Copy erklärte, dass auch das Oberhausmuseum Werke verwahrt, von denen wir nicht wissen, wem sie gehören. „Helfen Sie uns, diese Menschen zu finden!“

Ein QR-Code auf den Plakaten schubste interessierte Betrachter:innen auf unsere Website, wo alle Plakate und, viel wichtiger, alle Werke und Informationen zu ihnen zum Download bereitstehen. Die Idee dahinter: Schwarmintelligenz nutzen. Was ich nicht weiß, weiß vielleicht jemand anders?

Wir bekamen Hinweise auf zwei Künstler, von denen ich einen schon bestätigen kann, beim zweiten knabbere ich noch. Außerdem weiß jetzt ganz Passau, was Provenienzforschung ist, was ich für einen ebenso großen Erfolg halte.

Zur Aktion schrieb ich für die Passauer Neue Presse mehrere Artikel, die sich mit den plakatierten Werken befassten. Zusätzlich hoffte ich, damit auch generell über den NS-Kunstraub und seine Mechaniken zu informieren.

Netterweise darf ich diese Texte nun auch in meinem Blog veröffentlichen. Ich habe sie teilweise etwas gekürzt, damit ich mich nicht zu oft wiederhole. Die Links habe ich erstmals hinzugefügt, die waren nicht Teil der Ursprungstexte. (Die geschlechtergerechte Sprache auch nicht.) Please enjoy.

(Alle Werkaufnahmen © Pedagrafie, die anderen beiden Fotos sind von mir.)

Teil 1: „Sitzende Diana und ihre Gefährtinnen“: Von Passau nach München und zurück

Anfang Mai 1945. Die US-Armee eroberte Passau und damit auch die Veste Oberhaus. Das damalige Ostmarkmuseum hatte seine wertvollsten Bestände bereits 1942 ins Kloster Vornbach ausgelagert, um sie vor möglichen Kriegsschäden zu schützen. Statt Bomben der Alliierten sorgten nun aber vor allem Passauer Bürger und Bürgerinnen dafür, dass die restlichen Bestände in Unordnung gerieten und sogar vielfach geplündert wurden. Vor allem Textilien und alltägliche Gegenstände wie Geschirr, Schnupftabakdosen, Bestecke und Pfeifen wurden geraubt. Im Stadtarchiv Passau wird die sogenannte Plünderungsliste von 1949 verwahrt, auf der knapp 600 Inventarnummern als nicht mehr vorhanden notiert sind.

Nach den Plünderungen musste aufgeräumt werden. Dabei fanden Mitarbeiter:innen Kunstwerke, die nicht zum Museumsbestand gehörten; die US-Soldaten hatten teilweise ihre Quartiere mit den Gemälden und Drucken geschmückt. Die Künstlerin Gretli Fuchs legte, möglicherweise schon 1945, spätestens aber im März 1946 eine erste Übersichtsliste an, auf der 74 Werke verzeichnet waren, deren Herkunft unbekannt war. Weitere Werke wurden nach und nach aufgefunden, die der Burgverwalter Wilhelm Ritzler stets an die Militärbehörden meldete. Im April 1946 besichtigte schließlich ein Leutnant der Militärregierung in Begleitung eines Experten (sehr wahrscheinlich Walter Boll) die inzwischen 82 aufgefundenen Werke. Beide gingen davon aus, dass es sich um Werke aus Frankreich und Belgien handelte, also sehr wahrscheinlich Raubkunst. Es wurde beschlossen, sie nach München an den sogenannten Central Collecting Point zu bringen.

Die Alliierten fanden nach ihrem Sieg über 1.400 Kunstdepots im ehemaligen Deutschen Reich, in denen fast vier Millionen Objekte eingelagert waren. Um diese Unmenge an Gegenständen wieder in die Ursprungslänger verteilen zu können, wurden in jeder Besatzungszone Collecting Points, also Kunstsammelstellen, eingerichtet; die größten lagen in München, Wiesbaden und Offenbach. Dort kamen lastwagenweise Kunstwerke aus den Depots an, die bereits ab dem späten Frühjahr 1945 wieder in die Herkunftsländer restituiert werden konnten.

Aus Passau gelangten im Oktober 1946 schließlich 89 Kunstwerke nach München. Jedes einzelne Werk wurde auf mehreren sogenannten Property Cards inventarisiert. Auf diesen Karten wurde das Objekt kurz beschrieben, falls erkennbar, wurden Maler oder Malerin genannt, und es wurden „identifying marks“, also besondere Merkmale, notiert. Diese sollten es leichter machen, die Eigentümer:innen zu identifizieren.

Das Gemälde „Sitzende Diana und ihre Gefährtinnen“ war den Kunsthistoriker:innen vor Ort anscheinend nicht bekannt. Auf den drei erhaltenen Property Cards wurde es auf die 1. Hälfte des 17. Jahrhunderts oder aber das 19. Jahrhundert datiert. Die Signatur konnte niemand entziffern. Als einziges besonderes Merkmal wurde ein Stempel notiert, der von der Wiener Zentralstelle für Denkmalschutz stammte. Diese Stempel wurden zwischen 1934 und 1940 genutzt und dienten dazu, für die Ausfuhr genehmigte Kunst zu kennzeichnen. Dass es ausgeführt werden durfte, legt nahe, dass es sich eher nicht um jüdische Besitzer oder Besitzerinnen handelte, deren Eigentum zur illegalen Verwertung im Land verbleiben sollte.

Bis 1958 erhob niemand Anspruch auf dieses Werk, weswegen es schließlich mit 87 weiteren Werken wieder nach Passau zurückgeschickt wurde.

Teil 2: „Porträt eines Soldaten mit Mütze“: Unbekannter Mann aus unbekanntem Land

600.000 Kunstwerke. Das ist die geschätzte Anzahl von Gemälden, grafischen Arbeiten und Skulpturen, die der NS-Staat seinen Eigentümern raubte. Neben Kunstwerken stahlen die Nationalsozialisten unzählige Bücher, Akten und Schriftstücke aus Bibliotheken, Archiven, öffentlichen und Privatsammlungen in allen von Deutschland besetzten Gebieten. Vieles ist bis heute nicht zurückgegeben worden – unter anderem deshalb, weil die damaligen Eigentümer:innen nicht (mehr) bekannt sind.

1998 verpflichteten sich diverse Staaten und nicht-staatliche Organisationen auf einer Konferenz in Washington, NS-Raubgut aufzufinden. Diese Verpflichtung ist unter dem Begriff „Washingtoner Prinzipien“ bekannt geworden. In Deutschland verpflichteten sich die Bundesregierung, die Länder und kommunale Verbände 1999, in eigenen Beständen NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut (so die offizielle Bezeichnung) zu suchen und proaktiv an Erbberechtigte zurückzugeben.

Die Schwierigkeit dieser Forschung liegt darin, erst einmal in Museumssammlungen oder Bibliotheken diejenigen Objekte herauszufiltern, die womöglich nicht legal an die jeweiligen Häuser gekommen sind. Dafür engagiert man sogenannte Provenienzforschende, also Kunsthistoriker bzw. Kunsthistorikerinnen, die sich mit der Herkunft von Objekten befassen. „Provenienz“ bedeutet Herkunft. Sie durchsuchen hauseigene Inventare, gehen in örtlichen Archiven auf die Suche nach möglichen Unterlagen wie Rechnungen, Ankaufsanweisungen oder Korrespondenz, die sich mit den Objekten befassen, und überprüfen weitere Quellen wie Auktions- und Ausstellungskataloge, um den Weg eines Objekts ins Museumsdepot nachzuzeichnen.

80 Jahre nach Kriegsende existieren allerdings oftmals nicht mehr alle Schriftstücke, die zu einer exakten Provenienzbestimmung nötig sind. So geht es auch dem Oberhausmuseum mit der abgebildeten Zeichnung. Sie zeigt einen jungen Soldaten, sehr wahrscheinlich in einer Uniform des Ersten Weltkriegs. Vermutlich kämpfte der junge Mann für Österreich-Ungarn, aber die Uniform könnte auch eine französische sein. Das kleine Werk ist weder datiert noch signiert, und es befinden sich keine besonderen Merkmale auf ihm, die einen Hinweis auf die Identität des Abgebildeten oder den Künstler zulassen.

Die Zeichnung stammt aus einem Bestand von 89 Werken, von denen bisher nur vier den ehemaligen Eigentümer:innen zugeordnet werden konnten. Diese vier Werke wurden 1942 aus zwei unterschiedlichen kommerziellen Möbellagern in Paris gestohlen, wo ihre Besitzer:innen sie verwahrten. Daher liegt die Vermutung nahe, dass auch diese Zeichnung in Paris entwendet wurde. Können Sie den jungen Mann identifizieren?

Teil 3: „Landschaft mit Fabrik“: Geraubt aus einem Pariser Möbellager?

Das kleine Ölgemälde „Landschaft mit Fabrik“ ist ungerahmt. Es zeigt eine Landschaft, in deren Mitte sich eine Baumreihe durch das Bild zieht. Rechts unten verschließt ein Tor aus Latten einen hellen Weg, der zu einer Fabrik mit vier markanten Schornsteinen zu führen scheint. Das Bild ist nicht signiert, so dass es nicht möglich ist, durch die Suche nach dem Künstler oder der Künstlerin auf den Käufer zu schließen. Falls man wüsste, wo diese Fabrik steht, könnte man immerhin das Land einkreisen, in dem es vielleicht gemalt wurde. Frankreich? Die Niederlande?

Auf der Rückseite des Bilds finden sich Reste eines Stempels. 1946 wurde das Werk am sogenannten Central Collecting Point in München katalogisiert. Dort wurde notiert, dass sich ein Stempel von „G. Delaunay“ aus Paris auf der Rückseite befindet; er ist heute nicht mehr lesbar. Der Stempel weist vermutlich auf ein kommerzielles Möbellager („garde-meuble“) hin, in dem das Werk eingelagert wurde. Viele Menschen, die vor den Nationalsozialisten flüchten mussten, lagerten ihren Besitz ein, weil sie ihn meist nicht mitnehmen konnten. Von diesen Lagern existieren nur äußerst selten noch Unterlagen, die auf ehemalige Kund:innen hinweisen. Auch in diesem Falle war der Stempel eine Sackgasse.

Im Bundesarchiv Berlin sind Akten überliefert, in denen sich Anschreiben der deutschen Besatzungsmacht in Frankreich finden, die den Dachverband der französischen Möbellager um Auskunft darüber bittet, ob die Lager jüdische Kunden hätten: Wenn ja, wo befände sich deren Eigentum? Viele Lagerbetreiber antworteten mehr oder weniger freiwillig, woraufhin deutsche Einheiten gezielt Lager ansteuerten. Die dort auch aufgefundenen Kunstgegenstände waren eigentlich nur eine Art Beifang: Es ging dem NS-Staat eher um Möbel, Textilien und Gebrauchsgegenstände für den Alltag. Denn während des Kriegs wurden viele Deutsche durch Bombenangriffe obdachlos oder verloren ihr Hab und Gut. Deutsche konnten daher verbilligt Möbel, Kleidung und Hausrat erwerben – der zuvor meist jüdischen Menschen vor allem aus Frankreich, den Niederlanden und Belgien geraubt wurde. Gerade in Norddeutschland wurden nachweislich sogenannte „Holland-Möbel“ öffentlich in Auktionen versteigert; die Kaufenden wussten durchaus, woher diese Güter stammten.

Teil 4: „Sitzende Dame mit drei Herren“: Wer ist diese Frau?

Im letzten Teil unserer Serie wurden die kommerziellen Möbellager in Paris beschrieben, aus denen vermutlich ein Großteil der 89 Werke gestohlen wurde, die 1945 nach der Eroberung der Veste Oberhaus aufgefunden wurden und die nicht zum Museumsbestand gehören. Ein kleiner Teil dieser Werke könnte aber auch aus Berlin nach Passau gelangt sein.

Im Bestand befinden sich vier Werke, bei denen eine Herkunft aus Berlin wahrscheinlich ist. Eine fotografische Reproduktion eines Raffael-Gemäldes wurde von der Photographischen Gesellschaft Berlin hergestellt, die zwischen 1862 und 1927 existierte. Sie gab als erste Firma Fotografien nach alten Gemälden heraus, die damit zum erschwinglichen Wandschmuck wurden. Diese Photogravüre – wir würden heute Kunstdruck dazu sagen – trägt keine Merkmale, an denen man ehemalige Eigentümer identifizieren könnte.

Zwei weitere Werke können durch die herstellenden Künstler nach Berlin verorten werden: Eins ist die „Dame im Oval“, die im nächsten Teil unserer Serie besprochen wird. Das zweite Gemälde ist ebenfalls ein Frauenporträt und stammt sehr wahrscheinlich von Werner Heidenreich, über den in kunsthistorischen Datenbanken kaum etwas zu finden ist. In Willy Oskar Dresslers „Kunsthandbuch“ von 1930, einem Lexikon der damaligen deutschen Künstler, ist er in der Rönnebergstraße in Berlin-Friedenau zu finden; das ist der derzeit einzig gesicherte Ort, der für Heidenreich belegbar ist; seine Lebensdaten sind unbekannt. Da so wenig über ihn bekannt ist, kann man davon ausgehen, dass sich sein Wirken wahrscheinlich auf Berlin beschränkt hat.

Das vierte Werk dieses Bestands ist die abgebildete Zeichnung von Theo Matejko. Matejko war ein vielbeschäftigter Zeichner und Illustrator im Berlin der 1920er Jahre. Er schuf diverse Filmplakate für die damalige Produktionsfirma Universum Film AG, besser bekannt als Ufa. Die Ufa war neben den Studios in Hollywood in den 1920er Jahren der weltgrößte Anbieter von Kinofilmen: Die Ufa drehte und produzierte Filme in eigenen Studios und zeigte sie in Kinos, die ebenfalls der AG gehörten bzw. verlieh sie an andere Kinobetriebe. Matejko war bei der „Berliner Illustrierten Zeitung“ als Zeichner beschäftigt und bebilderte zum Beispiel Fortsetzungsromane. Gleichzeitig entwarf er aber auch Werbematerial für Filme, zum Beispiel für „Dr. Mabuse“ (1921/22) oder „Die Nibelungen“ (1924) von Fritz Lang. Zur NS-Zeit stellte sich Matejko in den Dienst des Systems, indem er für die NS-Zeitschrift „Die Wehrmacht“ Illustrationen schuf. Er floh kurz vor Kriegsende aus Berlin und starb im September 1946 in Österreich.

Die Zeichnung von 1925 zeigt eine elegant gekleidete Dame mit auffälligem Schmuck, die entspannt in einem Sessel sitzt und mit zwei ihr zugewandten Herren plaudert, während ein dritter die Szene beobachtet. Matejko widmete das Bild vermutlich der abgebildeten Frau. Die Zeichnung trägt eine Widmung, von der allerdings der Name der Dame nicht lesbar ist: „Frau [unles.], der leider allzu tüchtigen Chefin der Ufa-Propaganda in Freundschaft gewidmet / Theo Matejko / 6.IX.1925“.

Recherchen zur damaligen Ufa brachten keine Erkenntnisse über die Identität der Abgebildeten. Daher fragt das Oberhausmuseum: Können Sie den Namen der Dame entziffern?

[Edit: Dieses Werk macht mich wahnsinnig. Der Name der Besitzerin steht verdammt nochmal drauf, und niemand kann ihn lesen. Ihr ahnt nicht, wieviele Dokumente, Literatur und Quellen zur Ufa ich inzwischen durchgelesen habe, nur um auf irgendeinen Namen zu stoßen, der vielleicht zu ihr passen könnte. Ergebnislos. Momentan ist meine Theorie, dass die Dame keine „Chefin“ war, das war 1925 für eine Frau vermutlich doch ungewöhnlich, sondern eher die Sekretärin des wirklichen Chefs, dessen Namen ich aber auch nicht rausbekommen habe. Das Blatt war vielleicht nur ein launiger Scherz, keine Ahnung. Wie gesagt, es macht mich irre. Bitte ergoogelt mir den Namen des Chefs der Ufa-Reklame 1925! Hello, Redditors, wo seid ihr? Hier ist das Bild in groß, Unterschrift nochmal extra.]

Teil 5: „Dame im Oval“: Jede Herkunftsrecherche beginnt mit dem Werk selbst

Schaut man sich in Museen die Gemälde und Grafiken an, die an den Wänden hängen, findet man oft Signaturen, also die Unterschriften der Künstler und Künstlerinnen. So auch auf dem hier abgebildeten Werk, sogar noch mit einer Zahl dahinter: „Schulz Bromberg 24“. Der Künstler heißt also Schulz-Bromberg und das Werk stammt von 1924? Das war jedenfalls die Vermutung der Kunsthistoriker:innen am Central Collecting Point in München, die das Werk 1946 katalogisierten, als es mit 88 weiteren aus Passau ankam. Einer der amerikanischen Wissenschaftler las die Signatur sogar als „School of Bromberg“, also Schule des Malers Bromberg, was ihm aber selbst als Irrtum auffiel; er strich seine dementsprechende Notiz auf der sogenannten Property Card, die heute im Bundesarchiv verwahrt wird, vermutlich eigenhändig durch.

Auf der Suche nach Künstlernamen konnte man jahrzehntelang das „Allgemeine Künstlerlexikon“ benutzen, das zwischen 1983 und 2023 veröffentlicht wurde. Es umfasst ganze 119 Bände, in denen man Maler, Grafikerinnen und Skulptierende vom Mittelalter bis zur Neuzeit findet. Das sogenannte AKL beruhte auf früheren Lexika, die von Ulrich Thieme und Felix Becker schon ab 1907 veröffentlicht wurden. Googelt man nach „Thieme Becker“, kann man die alten Bände komplett im Internet finden. Sie sind auch heute noch wichtige Forschungsinstrumente.

In der Provenienz-, also Herkunftsforschung greift man oft auf ältere Quellen zurück, denn dort findet man eher zeitgenössische Daten als in heutigen Veröffentlichungen. Aus dem Allgemeinen Künstlerlexikon ist inzwischen die digitale Datenbank „Artists of the World“ geworden, in der fast 1,3 Millionen Kunstschaffende versammelt sind. Aber: Dort findet sich kein Schulz-Bromberg. Eingetragen ist hingegen ein Karl Heinrich Schulz, der 1884 in Bromberg, dem heutigen Bydgoszcz in Polen, geboren wurde. Sein Todesdatum ist nicht bekannt. In einem Künstlexikon von 1930 wird Schulz ebenfalls erwähnt: Dort ist zu lesen, dass er zu dieser Zeit in Berlin-Lichterfelde in der Curtiusstraße wohnte. Im Thieme-Becker von 1936 ist er nicht mehr verzeichnet, was darauf hinweist, dass er entweder nicht mehr künstlerisch arbeitete oder in zu kleinem Umfang, um in ein so wichtiges Lexikon aufgenommen zu werden. Dass er aber immerhin 1930 in einem Überblickswerk verzeichnet wurde, lässt die Zahl als Jahreszahl (1924) sinnvoll erscheinen.

Mehr ist über diesen Künstler oder über dieses Werk nicht bekannt. Derzeit wird vermutet, dass die „Dame im Oval“ einem Berliner Sammler oder einer Sammlerin gehört haben könnte. Vielleicht sogar der Abgebildeten? Daher fragt das Oberhausmuseum: Kennen Sie diese Frau? Oder wissen Sie mehr über den Maler?

Teil 6: „Sitzende Dame bei der Toilette“: Ein kleines Werk, eine große Verpflichtung

Woran denken Sie, wenn Sie das Wort „Provenienzforschung“ oder „Restitution“ hören? Möglicherweise an wertvolle Gemälde, die von großen Museen an Erbberechtigte zurückgegeben oder von ihnen gegen viel Geld für das Haus angekauft werden. Es geht beim Thema Raubkunst aber nicht immer um millionenschwere Werke von weltbekannten Malern oder Malerinnen. Raubkunst kann auch ein Werk wie das hier abgebildete sein: Eine schlichte Zeichnung, etwas größer als das DIN-A2-Format, simples Papier, nicht grundiert oder ähnlich vorbereitet. Wir sehen eine junge Frau in der Rückansicht, die sich selbst in einem Handspiegel betrachtet. Sie sitzt auf einem gepolsterten Sessel. Sie ist modern frisiert und trägt einen auffälligen roten Lippenstift. An diesem Werk hat vermutlich niemand lange gearbeitet; möglicherweise entstand es bei einem launigen Abend, der dazu einlud, halbbekleidete Frauen zu zeichnen und diese Zeichnung dann an einen guten Freund zu verschenken. So steht es jedenfalls in der französischen Widmung: „Pour Armand Leon, en signe de bonne amitié“ (Für Armand Leon als Zeichen guter Freundschaft). Das Bild ist sogar signiert, aber: Die Unterschrift war bis vor Kurzem nicht zu entziffern. Durch die Aktion „Gehört das Ihnen?“, bei der ein Kistenstapel auf dem Ludwigsplatz zu sehen ist, der auf kritische Werke im Oberhaus hinweist, konnte der Künstler gefunden werden: Es ist der französische Maler und Illustrator André Dignimont (1891–1965).

Die Nationalsozialisten raubten nicht nur große und bekannte Sammlungen, zum Beispiel für das geplante „Führermuseum“ in Linz, sondern auch kommerzielle Lager oder Wohnungen von Menschen aus, die Deutschland verlassen mussten. Nach dem Einmarsch in Frankreich flohen auch hier viele Menschen und lagerten ihr Hab und Gut ein. So vermutlich auch Armand Leon. Sein ihm gewidmetes Werk wurde 1945 in Passau aufgefunden; bisher ist es nicht gelungen, ihn zu identifizieren.

Auch wenn das Bild keine Millionen kostet, hat dieses Werk einen persönlichen Wert. Armand Leon war es wichtig genug, um es aufzuheben oder sogar einzulagern. Es wurde ihm geraubt und wahrscheinlich von Frankreich nach Deutschland gebracht, wo es seit 1958 im Oberhausmuseum verwahrt wird. Provenienzforschung bedeutet nicht nur, Spuren zu suchen und Quellen einzusehen. Es heißt auch, sich immer wieder daran zu erinnern, dass im NS-Regime im großen Stil Unrecht begangen wurde. Falls das Werk an Erbberechtigte zurückgegeben werden könnte, wäre hier immerhin ein kleiner Ausgleich möglich.

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Das waren die sechs Artikel zu den Gemälden bzw. Zeichnungen. Der siebte Artikel befasste sich mit einem Silberbecher, ich schrieb bereits darüber.

Ihr dürft weiterhin gerne mithelfen, mögliche Spuren aufzudecken. Sämtliche Bilder sind hochauflösend auf unserer Website zu finden, zusammen mit den Datenblättern.

Samstag, 31. Januar 2026 – Lesen

Neues Buch am Start und fast schon durch, liest sich sehr gut weg. Ich postete gestern den Anfang sowie zwei Buchseiten auf Bsky, die einen guten Eindruck von der Tonalität geben. Ich bin, wie gesagt, noch nicht durch, es fing harmlos an, las sich, wie sich Fiktion halt liest, aber es wird immer realer, je länger es dauert. Es ist 2020 erschienen, es stammt von einer US-amerikanischen Autorin. You do the math.

Hier das erste Zitat, was ich mit Bleistift markierte:

“Young person worry: What if nothing I do matters?
Old person worry: What if everything I do does?”

Jenny Offill: Weather, New York 2021, S. 21.

(Gleich mal die deutsche Wikipedia mit dem Titel aktualisiert.)

Freitag, 30. Januar 2026 – Jobdings und Kleidung

Falls Sie meine Büroaussichten auf Insta hübsch finden und schon ein bisschen in einem Museum gearbeitet haben: good news, denn im Oberhausmuseum ist gerade eine Stelle frei. Hier geht’s zur Ausschreibung. Ich kann das Haus (und die Stadt!) wirklich weiterempfehlen. Bewerbt euch zuhauf!

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Hande postete im letzten Jahr auf Insta des Öfteren ihre Outfits, die ich mir immer gerne ansah. (Überhaupt ist Insta inzwischen für mich Klamotten-Inspo geworden, wer hätte es gedacht. Ich nicht.) In einer Story, wenn ich mich richtig erinnere, verlinkte sie einige Frauen, denen sie für Inspirationen folgt. Eine davon ist Asta, der ich seitdem auch folge. Sie schreibt auf Substack, und über den neuesten Post denke ich gerade nach: „The friendship “Hit Rate” and your style. Why dressing like yourself might be a shortcut to those elusive strong adult friendships.“

Einer der Kerngedanken: Wenn du dich nicht so kleidest, wie du dich fühlst, wie du bist, was dir wichtig ist, schätzen dich alle beim ersten Blick falsch ein. Oder sie bekommen nur einen Teil von dir mit. Daran knabbere ich gerade.

Ich habe immer noch keinen eigenen Stil, ich weiß auch nicht, ob ich jemals einen finde, denn als dicker Mensch war es mir in den letzten Jahren hauptsächlich wichtig, möglichst unauffällig zu sein. Ich bin eh schon sichtbar genug, also soll meine Kleidung mich eher verstecken als präsentieren. Damit meine ich nicht, dass ich in zeltartigen Gewändern rumlaufe, sondern dass ich mir eine Art Uniform zugelegt habe. Auf der Arbeit, in Bibliotheken, in Archiven, wo auch immer ich beruflich unterwegs bin, trage ich Hose, Bluse, Blazer, alles in dunkelblau, hochwertigen, aber unauffälligen Schmuck und dazu, sorry not sorry, bequeme Schuhe, derzeit meist weiße Sneaker, die man inzwischen ja auch zu Anzügen tragen darf. („Darf“, was für ein Quatsch. Man sollte anziehen, was man will und nicht, was man „darf“. Aber so weit bin ich noch nicht.)

Asta spricht lustigerweise in ihrem Post vermutlich ein Outfit wie meins an, wenn sie sagt: „I get the temptation to wear the “mask.” The safe blazer, the “I’m a normal person” sweater, the neutral uniform that lets you blend in at the office or the school run.“

But here’s the problem: If you dress to fit in, you attract people who like the version of you that fits in.You end up with a group of friends who love your “mask,” but they wouldn’t know what to do with the real you. That’s how you end up feeling totally lonely in a room full of people. You’re playing a character, and characters don’t make enduring friends. Real people do.“

In ihrem Post spricht sie auch an, dass es nicht darum geht, ständig aufgebrezelt durch die Gegend zu laufen. Ich mochte die folgenden Beschreibungen ihres Stils: „choice, autonomy, freedom, equality, de-centering men, and the fierce need for self-expression“. Ich bin noch nicht so weit, mich ständig und überall durch Kleidung ausdrücken zu wollen, und so wirklich bin ich auch nicht auf der Suche nach Freund:innen, wenn ich zum Edeka hetze. Außerdem merke ich selbst, dass ich mich mal wieder verändere, wie schon so oft in meinem Leben an verschiedenen Punkten. Mein Job auf der Burg hat viel mit mir gemacht, genau wie die Wochenendbeziehung und dem Ringen nach Zweisamkeit oder Zugehörigkeit. Ich überdenke gerade viel, und da kommen Posts zu „self-expression“ gerade recht. Dass es ausgerechnet über Kleidung gehen soll, kommt für mich jetzt auch überraschend.

Ich hänge sehr an Astas Begriff des „de-centering men“. Denn obwohl ich quasi nur Hosen trage, keine hohen Absätze und noch weniger als nach Freund:innen einen Mann suche, musste ich mir doch eingestehen, dass ich meist brav befolge, was mir jahrzehntelang Frauenzeitschriften vorgebetet haben bzw. was die Kleiderstangen im Internet für Frauen meiner Größe halt hergeben: ein bisschen Ausschnitt zeigen, die weichen, überdurchschnittlich großen Körperteile irgendwie verstecken oder mindestens „vorteilhaft“ (burn it all down) verpacken, nicht noch mehr auffallen als eh schon.

Das ganze Selbstbewusstsein, das mir im vergangenen Jahr unerwartet gewachsen ist, könnte ich aber auch anders kommunizieren als mit dem „safe blazer“, auch wenn ich meinen Offizielle-Termine-Rinaldi-Blazer wirklich über alles liebe, weil er ein schickes Kragendetail hat und halt mal wirklich gut sitzt. Ich screenshotte jedenfalls seit Kurzem lauter lustige Dinge, die mir im Internet über den Weg laufen und gucke mal, was ich damit mache. Dabei stellte ich fest, dass ich öfter Herrenmode für mich festhalte als die für Damen, was aber auch daran liegen könnte, dass ich mich in den Größe-32-Models wirklich nicht wiederfinde. Ja, die Jungs sind auch sehr schlank, aber da geht es irgendwie. Liegt vermutlich an den bequemen Schuhen.

Hier mochte ich ganz simpel die Silhouette, die Akzente von Schmuck und Farbe sowie das Detail der langen Ärmel.

Ich mag generell eher die Details, hier aus der neuen, wunderschönen Haute-Couture-Kollektion von Dior. Ärmel sind überhaupt großartig. Ich musste natürlich an diesen Tizian denken.

Nichts gescreenshottet, nur fünfmal durchgeguckt: die Herbst/Winter-2026-Kollektion von Dries van Noten. Würde ich quasi alles haben wollen.

Ich knabbere noch, das ist kein fertiger Eintrag oder ein abgeschlossener Prozess. Aber das ist ja quasi nichts im Leben.

Donnerstag, 29. Januar 2026 – Schneenebelkalt und -grau

Ich mag meine Büroaussicht ja wirklich, aber es ist schon ein bisschen grau, ist es nicht?

Freitag bis Mittwoch, 23. bis 28. Januar 2026 – Kranky

Die Nacht vom Donnerstag vor einer Woche zum Freitag konnte ich kaum schlafen vor lauter Schnupfen in der Nase. Dementsprechend meldete ich mich Freitag von der Arbeit ab und holte schniefend etwas Schlaf nach, wenn auch nicht viel, weil Schnupfen und schniefend. Abends kam F. nach Passau, dem ich anscheinend per DM nicht deutlich genug signalisiert hatte, dass ich kränkelte. Vermutlich auch, weil ich mich selbst davon überzeugen wollte, echt nicht krank zu sein, come on, denn wir hatten ein Pärchenwochenende geplant mit schöner Samstagabend-Reservierung, auf die wir uns seit Dezember freuten, da wird ja wohl so ein bisschen Schnupfen haha ich beende den Satz einfach mal nicht, ihr wisst eh, wie’s weitergeht.

Ich hielt in meiner 1-Zimmer-Wohnung ohne Ausweichmöglichkeiten also F. und mich durch Schnupfen vom Schlafen ab, es war alles doof, aber immerhin konnte F. am Samstagmorgen noch für mich einkaufen, O-Saft, Tee, Covid-Tests, das übliche halt, bevor er sich wieder in den Zug nach München setzte und ich in Passau leidig vor mich hinquengelte, wenn ich nicht gerade beim Naseputzen oder Teetrinken war.

Ich habe mir in Passau nie eine Hausärztin gesucht, denn ich habe ja eine in München. Die durfte mich per Videosprechstunde am Montag allerdings nur drei Tage krankschreiben, was aber okay war, denn interessanterweise war diese Erkältung nur so eine halbe: nur ein winziges bisschen Husten, keine Halsschmerzen (gottlob, ich hasse sie, mit allem anderen kann ich mich arrangieren, mit Halsschmerzen nicht), eventuell Fieber, keine Ahnung, ich habe hier auch kein Thermometer, jedenfalls: Ich hatte halt ordentlich und ausdauernd Schnupfen, der auch immer noch nicht ganz weg ist, und fühlte mich bis vorgestern arg matschig. Gestern nur noch ein bisschen, und heute wage ich wieder den Weg auf die Burg. Oder erstmal die zehn Minuten zu Fuß zur Parkgarage, wo mein Auto steht, das mich auf die Burg bringt. Mal sehen, wie lange diese zehn Minuten heute dauern werden.

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Neil-Young-Cover als Ohrwurm, hiermit weitergegeben.


Donnerstag, 22. Januar 2026 – Bücher und Bratschen

Mehr gelesen als geschrieben gestern auf der Arbeit.

Ich hatte neulich die brillante Idee, hey, wenn du nichts über den Job schreiben kannst/darfst, keinen einzigen Link verteilen willst und nicht mal ein Foto von deinem Essen hast, dann poste doch die hübschen Stücke Musik, mit denen BR Klassik dir jeden Morgen die Fahrt den Berg rauf verschönt. Und genau so ein Tag ist heute.

Gab’s am Dienstag um 7:09 Uhr, sagt die Programmübersicht: Georg Philipp Telemanns fünfzehnminütiges Violakonzert G-Dur, TWV 51:G9, hier in der Fassung mit dem hr-Sinfonieorchester unter der Leitung von Richard Egarr und Liisa Randalu an der Bratsche. Barock ist ja eher nicht so meins, aber das hat mir gut gefallen.

Mittwoch, 21. Januar 2026 – Grüner Salat

Vorgestern abend gab’s bei mir einen Krachersalat aus den neuen Meal Plans von Nisha, den ich gestern nochmal in der Mittagspause genoss. Und weil gleich zwei Kolleginnen das Rezept haben wollten, tippe ich es ausnahmsweise mal ins Interweb, was ich eigentlich mit den Rezepten aus den Meal Plans nicht mache, weil Nisha damit ihr Geld verdient. Aber dieser Salat sollte nicht nur von uns Abonnentinnen gegessen werden!

Aus der untenstehende Menge kommen zwei sehr gute Portionen raus. Okay, eigentlich drei. Und das Dressing reicht für vier.

425 g Kichererbsen, also eine Dose, abgespült und trockengetupft, mit
1 EL Olivenöl und ordentlich
Salz und schwarzem Pfeffer vermischen und im 220 Grad heißen Ofen für 25 Minuten rösten.

Dazu ein Gewürzöl zubereiten aus
1 TL Knoblauchpulver,
1 TL Zwiebelpulver,
1 TL getrocknetem Oregano und
1 dicken Prise Cayenne-Pfeffer (bei mir Chiliflocken).
Nisha möchte dazu anderthalb Teelöffel Olivenöl, bei mir war es mindestens ein Esslöffel. Wenn die Kichererbsen aus dem Ofen kommen, das Gewürzöl mit ihnen vermischen.

In der Zwischenzeit lauter gutes Zeug in eine Schüssel werfen:
170 g Romanasalat (oder so viel, wie ihr wollt, ich wieg das nicht ab),
1/2 kleine Gurke (was immer das heißt),
1–2 Frühlingszwiebeln (also zwei),
1 Handvoll Kräuter, z. B. Petersilie, Minze (das war bei mir drin), Basilikum, Dill usw., einfach mit der Hand zerzupfen und rein damit,
2 EL (18 g) geröstete Mandeln (bei mir Rauchmandeln, der Banger!) und
1 reife Avocado in mundgerechten Stücken.

Für das Dressing
115 g Seidentofu mit
1/2 Zitrone, Schale und Saft,
1 EL Olivenöl,
1/2 Handvoll Minzblättern,
1/2 Frühlingszwiebel (also einer ganzen, come on),
1 Knoblauchzehe, grob gehackt, sowie
1/4 TL Salz und schwarzen Pfeffer in einen Zerkleinerer geben und damit in ein leicht dickflüssiges Sößchen verwandeln.

Die Kichererbsen zum Salat geben und erstmal ein paar Löffel Dressing untermischen, nicht alles. Außer wenn ihr wollt natürlich, you do you. Ich habe kein Bild gemacht, war zu lecker.

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Hier übrigens mein Lieblings-You-do-you-Rezept.

Dienstag, 20. Januar 2026 – Fuppes fünfundvierzig

Auf meinem Schreibtisch liegt gerade ein Buch von Ian Kershaw, Das Ende. Kampf bis in den Untergang. NS-Deutschland 1944/45, München 2013, in dem ich gestern diesen launigen Fakt fand, nach dem ich natürlich gar nicht gesucht hatte:

„Selbst Fußballspiele wurden noch ausgetragen. Das letzte Spiel des Krieges fand sogar noch am 23. April 1945 statt, als der FC Bayern München, ‚Gaumeister’ des Jahres 1945, seinen örtlichen Rivalen TSV 1860 München mit 3:2 schlug.“ (S. 23)

Das warf ich gleich mal auf Bluesky, woraufhin @fraunora anlegte:

„Ich halte dagegen mit einem Spiel am 29. April 1945 zwischen dem Hamburger SV und Altona 93.“

Außerdem wies sie mich auf die neue, gerade gestern veröffentlichte Folge von „Sport Inside“ hin, wo es lustigerweise um „Mythos ‚Stunde Null’: Der deutsche Fußball nach 1945“ geht. Gleich mal reingehört und hiermit weitergereicht.

Montag, 19. Januar 2026 – Kuchen

Gut, dass ich gestern keinen Kuchen gebacken habe: Die Kollegin hat das übernommen und uns die Mittagspause damit versüßt. Bin sehr satt geworden.

Es lagen auch noch zwei der bunt eingewickelten Schokokugeln vom Dezember-Adventskalender der benachbarten Jugendherberge rum. Die liegen da seit, genau, Dezember. Die Anstandswochen sind jetzt vorbei, ich habe sie eingesackt und als heutigen Nachtisch eingeplant.

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Es liegt kaum noch Schnee um die Burg herum, aber auf vielen Schneehäufchen liegen Eisplättchen, auf die ich kaum treten mag, weil sie so zart aussehen. Sie knirschen allerdings auch ganz herrlich unter meinen Stiefeln.

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Ich habe durchaus mitbekommen, dass viele Menschen um mich herum gestresst und überfordert sind. Ich hatte kurz ein schlechtes Gewissen, weil mein Jahresendfragebogen so gut gelaunt klang. Daher fragte ich mich, woran das lag, dass ich mir meine gute Laune trotz der ganzen beknackten Quatschwelt um mich herum erhalten konnte. Heute ist es mir eingefallen, als ich wie immer über beiden Ohren in Forschung versackte: Ich kann mir meine gute Laune erhalten, weil ich mit beiden Ohren in Forschung versacke und das den ganzen Tag. Ich habe gar keine Zeit mehr, zwischendurch auf News-Websites oder Bluesky rumzulungern. Ich gestehe mir Insta zu, weil ich gerne Sonnenaufgänge über Österreich poste, aber das war’s meistens. Ich kriege von der beknackten Quatschwelt meist erst abends etwas mit, und dann bin ich zu müde, um mich noch darüber aufzuregen. Eigentlich rege ich mir nur am Wochenende mit F. über alles auf, aber dann ist wieder Montag und ich habe keine Zeit mehr dafür. Auch eine Art, mit dem ganzen umzugehen. Eher unabsichtlich, funktioniert aber.

(Gestern abend frohgemut vorgebloggt, heute um 4 wach gewesen und Katastrophenmeldungen gelesen. Muss wieder mit dem Bloggen aufhören, dann denke ich weniger über Zeug nach.)

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Der Guardian: „We are living in a time of polycrisis. If you feel trapped – you’re not alone.“ Wenn man die Welt nicht ignorieren kann wie ich gerade, muss man sich ihr aussetzen, und das fällt vielen gerade schwer. Noch fieser: Es fällt schwer, sich eine Zukunft vorzustellen, was es schwerer macht, die Gegenwart durchzuhalten.

“People are feeling overwhelmed and overstimulated, bombarded with bad news each day – global economic and political instability, the rising cost of living, job insecurity, severe weather events. This not only heightens anxiety but also makes it more difficult to keep going.

I hadn’t fully grasped how much the idea of a better future sustained me – how it made life more livable, hardship more bearable and creativity possible. When I could readily imagine a world that was more just and healthy, it was easier to commit to long-term projects and to invest in the next generation. But in our current political and environmental context, that vision has grown hazier – and I, like many others, have found it much more difficult to be productive and plan for the future.”

Einen anderen Gedanken des Artikels fand ich auch spannend: Indem wir uns unsere Zukunft ausmalen, schaffen wir eine Erinnerung daran. (Komme mir wie in einer Star-Trek-Folge vor beim Aufschreiben.) Liest sich komisch, fühlt sich aber richtig an: Ich kann mich an Visionen erinnern, die ich für mich, für uns, für mein Zuhause in fünf oder zehn Jahren habe.

In unserer momentanten mit Krisen übersättigten Zeit scheint uns die Fähigkeit abhanden zu kommen, uns an eine Zukunft zu erinnern und daraus Kraft für die Gegenwart zu schöpfen, zu planen, vorzusorgen, sich auf all die Dinge zu freuen, die man später mal machen will.

“We rely on the idea of a stable, continuous future self to help us understand the present and to achieve a sense of greater purpose, making it easier to plan and make decisions, said Hershfield. We lean on the idea that the future will resemble the present, at least to some degree. Then we use our predictions to shape the present – for example, brushing our teeth to avoid cavities, planning dinner while we eat breakfast.”

Im Artikel werden ein paar Strategien vorgestellt, wie man mit der derzeitigen Unsicherheit umgehen kann. Eine Idee: Kraft aus der Vergangenheit zu schöpfen. Das scheint mir mit der deutschen Geschichte im Vergleich mit der derzeitigen USA ein eher mieser Plan zu sein, aber vielleicht bin ich da voreingenommen. Ich denke schon länger darüber nach, wie wir einfach irgendwie weiter vor uns hinwursteln und noch ein Apfelbäumchen pflanzen und ob das die richtige Strategie ist, aber mir fällt, ehrlich gesagt, keine bessere ein. Ich kann das in meinen Augen Richtige bei der nächsten Wahl ankreuzen, ich kann mich weiter bemühen, ein aufmerksamer, rücksichtsvoller Mensch zu sein, ja, schon klar. Aber das hilft mir nicht bei meiner derzeitigen Fassungslosigkeit darüber, dass es genügend Menschen gibt, nicht nur in den USA, die lieber genau das Gegenteil wollen.

Gegen die Fassungslosigkeit kann ich auch nichts tun, außer mich abzulenken. Ich gucke jetzt Birdfeeding-Videos auf Insta oder lese schwierige Fachbücher, bis ich zu müde zum Denken bin.

“When something isn’t working or an unexpected event knocks plans off course, it’s OK to shift gears. And if you’re feeling overwhelmed and anxious about what might happen, Hershfield suggests that it’s better to refocus on events that will most likely happen. This makes it easier to remember the future self we envisioned and plan accordingly.

As a new year begins, it’s good to remember that we are more resilient than we think.”

Dann gehe ich einfach mal davon aus, dass ich auch morgen noch Kaffee zum Frühstück habe, mein Auto anspringt und die Kollegin weiter Kuchen bäckt. Was bleibt mir übrig.

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Es wird wieder früher hell.

Sonntag, 18. Januar 2026 – Stuffed shells

Teil meines samstäglichen Meal Preps war eine Tomatensauce, die gestern die Basis für das eigentliche Gericht bildete: mit Spinat-Ricotta gefüllte … da musste ich doch glatt nach einer Übersetzung des englischen Rezepts aus den Meal Plans googeln: Conchiglioni oder Muschelnudeln.

Das Rezept ist vegan, ich bin es aber nicht, daher verzichtete ich auf die Herstellung von veganem Tofu-Ricotta, obwohl ich weiß, dass er schmeckt, sondern kaufte einfach unveganen. Ich übernahm aber ein paar Inhaltsstoffe wie z. B. einen Klecks Misopaste, der kann ja überall rein. Auch veganen Parmesan tauschte ich mit schnödem nicht-veganen.

Als ich eine für mich ansprechend aussehende Zahl an Muscheln gefüllt hatte, wollte ich die Tomatensauce in die Auflaufform füllen, um alles hübsch zu überbacken, und ratet, wer mal wieder vergessen hatte, in welcher Stadt welche Auflaufform steht?

Was nicht mehr in die Form passte, wurde gleich latent abkühlt und unüberbacken verspeist, war auch gut.

Ich hoffe nun, dass ich an zwei Mittagspausen in dieser Woche nicht verhungern muss, weil ich dann jeweils zwei Muscheln weniger essen kann als geplant. Vielleicht sollte ich noch einen Kuchen als Nachtisch backen? Man weiß ja nie!

Samstag, 17. Januar 2026 – 473

Ich erwähnte bereits (letzter Absatz), dass ich gerade neben den üblichen anderen Büchern hauptsächlich die dicke, dicke, wirklich sehr dicke Biografie über Walter Ulbricht lese. Gestern beendete ich auf der Seite 455 die Zeit der Weimarer Republik, die für mich natürlich besonders aufschlussreich war. Neben dem Interesse an der frühen DDR, über die ich erschreckend wenig weiß, war Weimar für mich mit ein Grund, das Buch zu kaufen.

Ich kam gestern noch bis zur Seite 473 (das kleine Lesezeichen, die alte goldene Lenbachhaus-Visitenkarte), dann fielen mir die Augen zu. Das zweite breite Lesezeichen (Verlagsbeilage, noch nicht mal angeguckt) steckt übrigens immer bei den betreffenden Fuß- bzw. hier Endnoten. Die sind in der Sonderausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung netterweise bandweise beibehalten worden, also nicht komplett ans Ende gedruckt worden. Das Buch ist ja eigentlich zwei Bücher, vielleicht klicken Sie nochmal auf den ersten Link.

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Außerdem gestern in Passau gemacht: rumgelegen, mich wie immer darüber gewundert, dass mir erst samstags auffällt, wie anstrengend Montag bis Freitag waren, mich aber auch wie immer darüber gefreut, was ich geschafft habe.

Mikrowellengeeignete Nahrung für die nächste Arbeitswoche vorbereitet und mit mir selbst Skip-Bo gespielt, weil ich mich im Weihnachtsurlaub so daran gewöhnt habe, dauernd Skip-Bo zu spielen, allerdings lieber mit F. als gegen mich selbst. Habe gewonnen, das war nett.

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Falls mir jemand eine Handtasche schenken möchte: Dior hat eine Book-Tote-Kollektion mit Buchtiteln. Die hier wäre meine.

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Wo wir gerade bei Mode sind: Leslie Jamison rezensiert das Buch Dress, Dreams, and Desire. A History of Fashion and Psychoanalysis der Modehistorikerin Valerie Steele für den New Yorker:The Psychology of Fashion.“ (Paywall?) Ich mochte den Teaser schon: „Our garments offer glimpses of the unconscious; we may also choose them because they feel nothing like us – because they allow us, briefly, to become someone else.“

„She describes arriving at Yale in 1978 to pursue a Ph.D. in modern European history and having an early encounter that made her worry about her future in the field:

A famous professor asked about the subject of my research. “Fashion,” I said. “Fascinating!” he exclaimed, with suspicious enthusiasm. “German or Italian?” I stared at him. What in the world did he mean by German fashion? Finally, the penny dropped. “Fashion, as in Paris. Not . . . fascism,” I replied. “Oh,” he said, and walked away. There was nothing to say to someone working on such a frivolous topic.

For many years, Steele writes, “fashion continued to be ‘The F Word’ in much of academia” and was often treated as “a matter of surface appearances, shallow, not deep, and by extension not serious, meaningful, or important.” In the course of more than twenty books, she has insisted that it’s a mistake to think that surface and depth are in opposition. She prefers the idea of “deep surfaces,” a term used by the authors Dani Cavallaro and Alexandra Warwick, who write that clothing “does not just operate as a disguising or concealing strategy” and that surfaces are as much the domain of the unconscious as are “the psyche’s innermost hidden depths.” Steele argues that, even as our garments afford unwitting glimpses of our unconscious lives, fashion visibly dramatizes the ways in which the self is not something that exists so much as something that we are constantly creating. “We are not born,” she writes, “but rather become who we are, and that becoming continues throughout our lives.” When it comes to clothes, we have no choice but to keep becoming. As Adam and Eve discovered, it’s impossible to wear nothing at all.“

Freitag, 16. Januar 2025 – Silberbecher

Für die Passauer Neue Presse habe ich eine Reihe von Artikeln geschrieben, die sich mit Objekten in unserem Depot befassen, die unter Raubkunstverdacht stehen. Die meisten sind leider hinter der Paywall (einfach nach „Oberhausmuseum“ suchen), aber der neueste ist (noch) frei lesbar. Es geht um einen Silberbecher aus der sogenannten „Silberzwangsabgabe“ 1939, den das damalige Ostmarkmuseum vom Bayerischen Nationalmuseum in München erwarb. Der Becher wurde 1945 geplündert, aber er könnte heute in einem Passauer Wohnzimmerschrank stehen.

„Das Landesamt für Denkmalpflege in München wandte sich am 27. Mai 1940 an den Oberbürgermeister von Passau, um ihm bzw. dem Stadtmuseum einen Silberbecher anzubieten: „Das Bayerische Nationalmuseum hatte Gelegenheit, eine Sammlung von Silbergeräten zu erwerben, wobei auch die Interessen der Heimatmuseen berücksichtigt wurden. Aus dem genannten Bestand lässt das Nationalmuseum folgendes Stück dem Museum Passau anbieten: Silberbecher, 9 cm hoch, innen vergoldet, 140 g, Augsburger Arbeit, wahrscheinlich von Ludwig Schneider, um 1700. Das Stück war im Besitz des Klosters Aldersbach, dessen Wappen (Abt Theobald II. Reitwinkler 1745–1779) nebst der Jahreszahl 1758 eingraviert ist. Das Stück kann zu dem außerordentlich billigen Preis von 28 Reichsmark abgegeben werden, während der normale Handelspreis etwa 100 RM beträgt. Wir raten dringend dazu, den Becher zu erwerben.“

Die „Silberzwangsabgabe“ heißt eigentlich „Dritte Anordnung auf Grund der Verordnung über die Anmeldung des Vermögens von Juden“ und besagte, dass Juden und Jüdinnen ihre Edelmetalle, Edelsteine und Perlen an bestimmten Sammelstellen abgeben mussten. Von dort wurden die Stücke verkauft. Neben diversen Institutionen wie Museen, städtische Stellen wie Krankenhäuser oder die Silberinnung, die an den Stücken Lehrlinge ausbildete, konnten auch einfache Bürger und Bürgerinnen Wertgegenstände zu, wie oben angedeutet, sehr günstigen Preisen erwerben.

Diverse Museen erforschen seit Jahren ihre Bestände an diesen Stücken, auch das Bayerische Nationalmuseum, hier eine Pressemitteilung von 2023, wo über die Recherche berichtet wird. Aus einer Reise nach Israel, um Gegenstände zu restituieren, entstand auch ein kurzer Film für 3sat: Dr. Wenigers Auftrag. Das Jüdische Museum München beschrieb einen der Fälle in seinem Blog: „Tante Olgas Silberleuchter“.

Das Münchner Stadtmuseum konnte, auch durch die Zusammenarbeit mit dem BNM, fast alle seine unrechtmäßig erworbenen Stücke zuordnen. Aus biografischem Interesse googelte ich auch einfach mal nach Hannover: Ja, natürlich gab es auch dort Fälle.

Durch die Hilfe von Herrn Weniger konnte ich auch den Silberbecher aus dem Ostmarkmuseum zuordnen. Er gehörte dem Ehepaar Bernhard und Adelheid Schwabacher aus München, die beide 1942 nach Piaski (Polen) deportiert und vermutlich dort ermordet wurden. Auch die „Page of Testimony“ von Adelheid Schwabacher in Yad Vashem, die von der Tochter 1995 eingereicht wurde, konnte keinen genauen Todesort nennen: „most probably Sobibor“.

Donnerstag, 15. Januar 2026 – Handycheck!

Sätze, die man nur sagt, wenn man im Winter mit Glätte auf einer mittelalterlichen Burg arbeitet: „Wenn ich in 15 Minuten nicht wieder da bin, bin ich im inneren Burghof auf dem Weg zum Klo gestürzt. Hol mich wieder rein.“

(Ist alles gut gegangen.)

Ich hatte aber Flashbacks zum allerersten Arbeitstag im August 2024: „Anke, erstens: Hier ist der Burgplan.“ (Hier müssen Sie sich jetzt vier DIN-A3-Blätter vorstellen, winzig bedruckt.) „Präg ihn dir gut ein. Zweitens: Geh nie irgendwo ohne Handy hin.“

Letzteres habe ich jeden Tag beherzigt, und man fühlt sich schon einen Hauch sicherer, wenn man in der letzten Ecke im obersten Stockwerk eines hohen Gebäudes rumwühlt, wo nie jemand zufällig vorbeikommt. Den Burgplan kann ich allerdings bis heute nicht auswendig, aber ich finde die Depots und den Weg zurück ins Büro, das reicht.

Mittwoch, 14. Januar 2026 – Büroaussichten

Der erste Arbeitstag im Jahr, der nicht im Home Office stattfand. Ist hübsch grad bei uns, aber das ist es ja immer.

Okay, man sieht mal wieder Österreich nicht, aber das kam im Laufe des Tages immerhin teilweise wieder.

Dienstag, 13. Januar 2026 – Korrespondenz

Im Bayerischen Hauptstaatsarchiv was ganz anderes gesucht, aber halt irgendwas gefunden, wie so oft, Korrespondenz gelesen und mich dann den Rest des Tags von einem NS-Kaninchenloch zum nächsten gehangelt, wie so oft. Ich vermisse die Bibliothek des Historicums der LMU so sehr, aber wenn ich die hätte, würde ich mit nichts fertig werden, weil zu viele Kaninchenlöcher, wie so oft.

(Diesen Eintrag werde ich vermutlich noch monatelang copypasten.)

((Ich liebe meinen Job.))

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Ein Artikel von 2023, der gestern in meiner Bluesky-Timeline landete, ist immer noch lesbar und wichtig: „Der schwierige Umgang mit falschen Familiengeschichten über NS-Verfolgung.

In dieser Erklärung geht es dann um die gesellschaftlichen Zusammenhänge.
Johannes Spohr: Genau, gemeinsam ist allen Gesprächen, dass sie das Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft verhandeln. Die individuelle Erklärbarkeit eines Falles steht immer im Zusammenhang mit größeren gesellschaftlichen Fragen, Fragen nach dem Publikum und der Wahrnehmung. Daran schließt sich die Frage an, welche Begehrlichkeiten solche Personen verkörpern. Diese falschen Figuren befriedigen ein gesellschaftliches Bedürfnis.

Was für ein Bedürfnis ist das?
Johannes Spohr: Es gibt in der deutschen Gesellschaft ein Bedürfnis nach versöhnlichen Geschichten, die gut erzählbar sind, nicht stark anklagen und etwa nicht von Rache der Verfolgten sprechen. Die Erinnerung an den Holocaust ist zudem sehr westeuropäisch geprägt. Anne Frank ist beispielsweise in Deutschland besonders bekannt, während die Massenerschießungen im östlichen Europa – dort, wo mit Abstand die meisten (häufig aschkenasischen) Jüdinnen und Juden ermordet wurden – erst sehr langsam in das öffentliche Bewusstsein vordringen. Auschwitz ist in diesem Zusammenhang zu einer Chiffre geworden, die teils unabhängig von den realen Vorgängen vor Ort gebraucht wird. Gleichzeitig ist das Wissen über (Mit-)Täterschaft bis heute gering und es gibt eine immense Diskrepanz zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und konkretem Wissen, etwa über die eigenen Verwandten im Nationalsozialismus.“