Tagebuch, Donnerstag, 5. Juli 2018 – Schreibtischtag

Morgens war mal wieder ein Blutbild fällig. Zu meiner Hausärztin gehe ich auch deshalb gerne, weil ihre Mitarbeiterinnen mit Spritzen umgehen können. Eine von beiden hatte vor ein paar Jahren vermutlich noch nicht ganz so viel Erfahrung, und als sie nach meinen unsichtbaren Venen suchte, bat sie doch lieber ihre Kollegin an die Spritze, anstatt an mir rumzustochern. Das wusste ich sehr zu schätzen. Gestern zapfte sie mir dann erstmals ruckzuck Blut ab und das, wie ich heute morgen feststellen darf, ohne einen blauen Fleck zu hinterlassen, der bei mir eigentlich immer Standard ist, ganz egal, wie professionell da jemand in meiner Armbeuge hantiert.

Ich musste an eine Klinik in Hamburg denken, zu der ich mal zur Blutabnahme geschickt wurde. Die machen quasi nichts anderes, das war Blutabnehmen im Akkord. Dementsprechend guckte die Dame auch nur auf meine Arme, tastete nicht mal, zückte die Nadel und piekste mich blitzschnell und völlig schmerzfrei. Ich brachte meine Freude und mein Erstaunen darüber irgendwie verbal zum Ausdruck – und sie rollte nur mit den Augen, so nach dem Motto, pfft, das ist doch nix. Ich hätte ihr gerne gesagt, doch, das ist ne Menge, jemandem keine Schmerzen zufügen zu müssen und anscheinend echt gut im Job zu sein. Bis auf das Verhalten der Patientin gegenüber vielleicht, daran könnte man noch mal arbeiten. (Gibt es ein deutsches Wort für bed-side manners?)

Das Mehrfamilienhaus, in dem ich wohne, wird neu gestrichen. Dafür begannen an Montag freundliche Herren, ein Gerüst aufzubauen, das bis gestern in den sechsten Stock wuchs. Ich war sehr überrascht davon, wie schnell das ging. Und mir wurden immer Dinge aus dem Weg geräumt, als ich mit dem Rad durch den Hof musste. Dankeschön!

Was ich am heimischen Schreibtisch in den letzten Tagen gelernt habe: EIN BOHRER IN DIE HAUSWAND IST ECHT LAUT! Und es ist komisch, wenn plötzlich jemand im fünften Stock an deinem Fenster vorbeispaziert. Ich habe jetzt quasi ein doppeltes Fensterbrett, auf das seit heute nacht gar lauschig der Regen prasselt. Leider nicht so laut wie ich gehofft hatte; ich mag das Regengeräusch doch so gerne.

Regen heißt aber auch: Ich muss die irre Spannung, welche Farbe es denn nun wird, noch ein paar Tage aushalten. Vermisse das Gelb jetzt schon.

Nach dem Besuch bei der Ärztin war ich wieder im Teahouse, um meine Nilgiri-Vorräte aufzustocken. Die beiden Tütchen vom Dallmayr und eben vom Teahouse waren längst alle, weil ich das Zeug gefühlt eimerweise trinke. In den letzten Tagen hielt ich mich mit Earl Grey über Wasser, aber gestern war die Zeit gekommen, erstmals in meinem Leben ein ganzes Pfund Tee zu kaufen. Keine kleinen Tütchen mehr, nix da!

Eigentlich wollte ich auch eine große Dose dazu haben, aber die freundliche Dame hinter der Theke meinte, große Dosen wären nur dann gut, wenn der Tee nicht lose darin läge, sondern in einer Tüte, die man verschließen könne. Sonst käme ja immer noch Luft an den Tee und das sollte es ja möglichst nicht. Gerade eine so große Dose sei nicht empfehlenswert. Das fand ich nett, dass sie mir 20 Euro ausredete.

Jetzt liegt mein Korakundah in einer schicken 100-g-Dose, die ich aus der großen Tüte immer wieder auffülle. Die kleine Dose steht im Regal, wo sie hübsch aussieht, die große Tüte liegt im Schrank in einer hässlichen Plastikdose, die aber auch ihren Job macht.

Den Rest des Tages verbrachte ich am Schreibtisch mit der Grossberg-Diss. Die Verfasserin hatte einen anderen Ansatz als den, den ich ausarbeiten möchte, insofern glaube ich, dass ich noch an ihre Arbeit anlegen kann. Sie hat die Bilder Grossbergs sehr ausführlich beschrieben und sie in Themengebiete zusammengefasst, ordnet sie aber äußerst sparsam in den historischen Kontext ein. Klar erwähnt sie das Bauhaus, das Deutsche Reich in den 20ern, aber spätestens ab den 30ern wird das sehr dünn. Insofern ist genau meine Baustelle noch offen. Daher bin ich doch etwas zuversichtlicher als vorgestern, dass ich noch eine neue Forschungsleistung für Grossberg erbringen kann. Auch wenn sie viele Fragen schon beantwortet hat, die sich mir während meiner bisherigen Recherche gestellt haben.

Ich suche meinen Gesamtverlauf des Browsers gerne einen Tag später nochmal durch, ob ich was Schickes gelesen habe, das ich euch hier weiterempfehlen möchte. Gestern habe ich mich bis auf wenige Ausnahmen echt nur auf Seiten rumgetrieben, die was mit der Diss zu tun hatten: Bibliotheken, Archive, digitalisierte Zeitschriften, Auktionshäuser, Bilddatenbanken, die Wikipedia. Das hat mich dann doch selbst etwas überrascht.

Abends lecker Curry mit F., einen sehr wohlschmeckenden Perlwein vom neuen Lieblingsweingut hinterher (zum Curry ging er leider nicht), auf den ich mich seit seiner Lieferung mittags gefreut hatte, gemeinsam eingeschlafen.

Tagebuch, Mittwoch, 4. Juli 2018 – Letzte Sitzung vor den Klausuren, die mir seit zwei Semestern egal sind, ha!

Um zehn saß ich brav im Hörsaal, wo die letzte Sitzung der Eichhörnchenvorlesung stattfand. Oder wie sie richtig heißt, die Vorlesung zu Materialien der modernen Malerei. Der Dozent hatte sich für diese Stunde einen Gast eingeladen, dessen Namen ich mir leider nicht notiert habe, aber der gute Mann promoviert gerade zum Thema Fotografie. Genau dazu referierte er auch eine gute Stunde, ich notierte mir wie immer Bücher oder Aufsätze, die für mich spannend klangen, und nebenbei blitzten im Kopf wieder Dinge auf, die für meine Dissertation wichtig sein könnten. Ich weiß schon gar nicht mehr, wie genau der Referent mich in diese oder jene Richtung schubste bzw. was genau er sagte, denn das hatte alles gar nichts mit meinem Thema zu tun, aber inzwischen genügen irgendwelche Reize und mein Kopf legt an die Diss Fragezeichen an, die ich jetzt notgedrungen beantworten muss. Will. Werde. (Hoffentlich.)

Danach sagte der Dozent noch kurz was zur Klausur, ich klinkte mich geistig aus, auch bei den üblichen Fragen, die nach der Erklärung kamen und die nie was bringen. Zum Abschluss wurde ich dann aber wieder hellhörig, denn der Herr meinte, dass eine Kollegin ihm gesagt hätte, dass Teile seiner Vorlesung verbloggt worden wären – das hätte ihn sehr gefreut und seine Tochter auch, die habe das gerne gelesen und wüsste nun, was ihr Vater eigentlich genau macht.

Ich wollte nach der Stunde eh runtergehen und mich persönlich bedanken. Ich war zur Vorlesung nicht angemeldet, weil ich als Doktorandin eingeschrieben bin und daher keine ECTS-Punkte mehr sammele, weswegen ich nicht den üblichen Link zur Evaluation der Lehrkräfte zugeschickt bekam, unter dem ich sonst immer lobhudele wie nichts Gutes. (Meistens jedenfalls.) Also wollte ich das persönlich erledigen und hatte nun auch einen Gesprächsanfang: „Ich bin das Blog.“ Der Dozent meinte, dass meine Art der Vorbereitung – Dinge verbloggen – vermutlich eine effektivere Klausurvorbereitung war als das blöde Auswendiglernen der Folien, die er eh nur als „Fragment“ ansieht. Den Gedanken hatte ich beim Bloggen auch schon mal. Ich meinte, dass ich, gerade weil ich nicht für die Klausur lerne, sondern mir fürs Blog nur die großen Bögen gemerkt oder aufgeschrieben habe, auch anders zugehört hatte. Solange ich wusste, dass ich abgefragt werde, habe ich zehn Semester lang bei jedem Fakt überlegt, ob der wohl klausurrelevant sein könnte … ach, lieber zuviel als zuwenig aufschreiben. Das war bestimmt kein Fehler, aber ich merke jetzt, in der ersten Vorlesung ohne Abschlussklausur, dass ich dem Dozent viel aufmerksamer, weil unselektiver zugehört habe. Ich habe warten können, bis ein Gedanke abgeschlossen war und konnte mich dann entscheiden: Will ich das im Blog teilen oder ist das zu spezifisch für meine Leserschaft? Ist das wirklich so interessant, skurril, spannend, dass damit auch Leser*innen etwas anfangen können, die mit Kunstgeschichte sonst weniger am Hut haben? Anders ausgedrückt: Will ich mir das selber merken oder will ich hier nur sitzen und zuhören und dem Zufall vertrauen, was mein Kopf davon behält? Das ging bei den bisherigen Vorlesungen nicht – und wie ich schon ahnte, habe ich mir von diesem Semester weitaus mehr gemerkt als in den zehn Semestern vorher. Ich hatte immer auf die Klausur hingelernt und danach alles wieder vergessen. Durch das Aufschreiben im Blog – also der selbstgewählten Wiederholung des Stoffes, den ich dazu auch noch so aufbereiten musste, dass man ihn versteht, auch wenn man nicht in der Vorlesung saß – merkte ich mir viel mehr als jemals zuvor. Neulich stolperte ich in einer NS-Publikation über die Analogie von Mensch und Technik, also dass technische Hilfsmittel Verlängerung des menschlichen Körpers seien und konnte grinsend feststellen, alter Hut, die Idee hatte im 19. Jahrhundert auch schon jemand, das habe ich schon am Anfang der Vorlesung gelernt.

Nach der Vorlesung radelte ich in die UB, wo drei dicke Bücher in der Ausleihe auf mich warteten und ein äußerst schmales in der Fernleihe, das ich auch nur in den Lesesaal mitnehmen durfte. Der bisher kürzeste Ausstellungskatalog zu Grossberg stammt von 1960, hat sechzehn Seiten und liegt sonst wohlbehütet in der Unibibliothek Stuttgart. (Ich gucke immer interessiert auf die Buchstempel und winke im Geist in die anderen Bibliotheken. You rock!) Dort fand ich sehr hilfreiche Zitate und Hinweise, notierte mir brav alles und gab den Katalog dann wieder ab. Gute Heimreise, kleines Bändchen!

Ich holte noch ein weiteres Buch aus der Stabi und verglich kurz: die Dissertation aus der UB hat über 500 Seiten, zwei Bände und wiegt gefühlt zwei Kilo. Die aus der Stabi ist nur DIN-A5-groß, hat gute 200 Seiten und wiegt nicht mal ein Pfund. Team kürzere Dissertationen! Immer an die ausleihenden Studis denken, die auf Rädern unterwegs sind und Puddingärmchen haben!

Die 500-Seiten-Diss beschäftigte mich dann den Rest des Tages. Sie hat leider ein bisschen mein inneres Gleichgewicht ruiniert, denn in ihr finden sich gefühlt dutzende von Dingen, die ich im Nachlass herausfinden wollte. Den hat anscheinend doch schon einmal jemand durchwühlt und zwar nicht der Herr im Katalog 1976 und auch nicht die Tochter Grossbergs im Katalog 1994 (der letzte große zu ihm), die beiden Auswertungen kannte ich, vermisste aber für mich wichtige Infos. Die fand ich teilweise hier in der Diss von 1990. Das ist zwar einerseits toll – ich hatte mit einigen meiner Theorien fett recht –, aber andererseits total doof, denn das wollte ich doch alles rausfinden und erstmals publizieren. Außerdem finden sich hier Dinge, die in allen Publikationen danach zu Grossberg anscheinend komplett ignoriert wurden, und ich frage mich seit gestern, ob das bewusst passiert ist oder einfach niemand diese Diss gelesen hat. Einen elementaren Fakt zu Grossbergs Leben, den ich hier nicht ausplaudern will, habe ich so noch nirgends gelesen und wundere mich daher seit gestern arg.

Ich habe gestern nicht alle 500 Seiten geschafft, weil ich mit dem für mich wichtigen Teil begonnen hatte (Ende 20er Jahre bis zu seinem Tod 1940), aber heute lese ich den Rest, und dann muss ich sehr gut nachdenken, ob meine Diss überhaupt noch funktioniert. Momentan glaube ich ja, denn die Verfasserin hatte eine andere Zielrichtung als ich, aber das hat mich gestern doch kurz aus der Bahn geworfen.

Aber ich hatte immerhin frisch gebackenenes Buttermilchbrot zur Aufheiterung, das ich gestern teilweise zu einem ordentlichen Steak Sandwich mit Paprika und Zwiebeln verwandelte. Da ich dazu keinen gesonderten Blogeintrag schreiben werde, hier die Zutaten: 585 g Weizenmehl, Type 550, 205 g Wasser, 200 g Buttermilch, 12 g Salz, 0,5 g Frischhefe. Zubereitung wie das Weizenbrot ohne Buttermilch. Bitte kaufen Sie dieses Backbuch, es macht sehr glücklich.

Spinat-Parmesan-Knödel mit Ofentomaten

Eigentlich gehört auch noch Salbeibutter ans Rezept, aber ich hatte und wollte keinen Salbei. Und einen Zweig Rosmarin für die Tomaten hatte ich auch nicht, aber dafür spontan gekauften Spinat, weswegen ich dieses Rezept ergoogelte. Das kommt auf die Liste fürs erneute Kochen, das war nämlich gut gegoogelt.

Für acht eher kleine Knödel (also nicht die bayerische Semmelknödelgröße, eine international bekannte Einheit, wie ich glaube).

250 g altbackene Brötchen (bei mir Weizenbrot) fein hacken.
1 Zwiebel sehr fein hacken und in
1 EL Butter glasig dünsten.

140 ml Milch erhitzen (nicht kochen), mit
Muskat und
Salz würzen. Mit der Zwiebelbutter über das Brot geben. Gut durchmischen und abgedeckt 15 Minuten quellen lassen.

Blattspinat waschen und von Strünken befreien, so dass 300 g dabei herauskommen. (Sagt jedenfalls das Rezept. Ich habe die Hälfte vom Rezept gemacht und hatte statt 150 g Spinat nur gut 100 und das hat auch gereicht). Den Spinat in reichlich kochendem
Salzwasser für 30 Sekunden blanchieren und sofort in
Eiswasser abschrecken. Gut abtropfen lassen, dann sehr gut ausdrücken und fein hacken.

2 Eier verquirlen,
40 g Parmesan reiben. Wenn die 15 Minuten Quellzeit rum sind, beides plus den Spinat in die Brotmischung geben und alles zu einem Teig verkneten. Acht Knödel formen und diese mit einem feuchten Tuch abgedeckt 15 Minuten ruhen lassen.

In einer feuerfesten Form
450 g Strauchtomaten (wer mag, lässt die Rispen dran) waschen, abtrocknen und mit
3 EL Olivenöl,
2 Zweigen Rosmarin (bei mir gerebelt),
2 angedrückten Knoblauchzehen,
2 Lorbeerblättern sowie
schwarzem Pfeffer und
Meersalz mischen. Im auf 180 Grad vorgeheizten Ofen auf der zweiten Schiene von unten für 20 Minuten backen, bis die Tomaten weich sind.

Reichlich Salzwasser aufkochen. Die Knödel nach der Ruhezeit hineingeben, die Hitze sofort reduzieren und für 15 bis 20 Minuten knapp unter dem Siedepunkt garziehen lassen. Mit einer Schaumkelle herausnehmen, kurz abtropfen lassen und mit den Ofentomaten servieren. Wer mag, reibt noch etwas Parmesan darüber (mag ich immer).

Wie gesagt, keine Salbeibutter bei mir, dafür einfach ein bisschen Butter mit Olivenöl erwärmt und fertig. Das fand ich auch sehr nötig; der weiche Buttergeschmack fängt die Säure der Tomaten gut ein und hat für mich alles sehr rund gemacht. Außerdem sind Knödel ohne Sauce, wie wir wissen, einen Hauch trocken, trotz des schönen Spinats.

Tagebuch, Montag, 2. Juli 2018 – Stabi, Fuppes, Weizenbrot

Morgens zur Stabi geradelt, dabei wie üblich Monologe mit Autofahrern geführt: „Ja, klar, blink halt nicht, passt schon … nee, fahr ruhig bis an meinen Hinterreifen an der Ampel, dann bin ich garantiert schneller weg … ach, Sicherheitsabstand, das ist doch was für Anfänger, hast recht …“

Tief durchgeatmet, mich nicht ärgern lassen, auch nicht von den Radler*innen, die an einer Baustelle mal eben den Fußweg benutzten, ohne abzusteigen (ja, Kinder, das ist auch scheiße), an der Stabi aber schon keinen Platz mehr an den Fahrradständern gefunden, so voll war es morgens bereits. Mir fiel ein, dass das Semester ja gerade in die Endrunde geht – die Termine habe ich gar nicht mehr im Kopf, seit ich mich nicht mehr für Prüfungen anmelden oder Klausuren schreiben muss. Nur noch zwei Wochen, dann ist mein zweites Promotionssemester schon wieder rum bzw. die Zeit der Vorlesungen in diesem Semester. Nur noch eine Eichhörnchensitzung!

In der Stabi zwei Jahrgänge der Straße aus meinem Regal gezerrt und darin Aufsätze über die künstlerische Auseinandersetzung mit den Reichsautobahnen nachgelesen, die ich in Ansätzen schon aus anderen Werken kannte. In meiner üblichen Fußnotenfaszination über Paul Bonatz, einen der Hauptverantwortlichen für den Brückenbau der Autobahnen, gestolpert und über ihn ein paar Aufsätze gelesen, ich hab ja Zeit. Ein Zitat von ihm ist mir im Gedächtnis geblieben, ich las es, als ich gerade im ZI saß: Er meinte, die Architektur des „Dritten Reiches“ wäre quasi komplett Schrott, aber die beiden Führerbauten am Königsplatz in München seien wirklich gut gelungen. Als jemand, der dauernd in einem dieser Bauten sitzt, nicke ich das mal ab.

Außerdem blätterte ich in einigen Ausstellungskatalogen über die Neue Sachlichkeit und war wie immer hingerissen. Ich glaube, ich habe meine künstlerische Heimat gefunden. Aus Neugier und Interesse treibe ich mich in den späten 30ern herum, aber die 20er schaue ich mir immer gerne an. Praktisch, dass ich den Zeitumfang meiner Diss mal auf 1925 bis 1940 gesetzt habe, best of both worlds.

Neben mir blätterte eine junge Dame in diversen Jahrgängen der Brigitte und ich guckte ab und zu mal rüber – meist, wenn sie einen Karton öffnete, in dem ein Jahrgang lag, denn dann schwappte eine Welle modriger Luft zu mir rüber. Die Straße hat nicht so gestunken. Ich lasse das mal so stehen. Der junge Herr rechts von mir blätterte in gar nichts, er guckte sehr lange stumm auf irgendwelche Notizen, legte dann seinen Kopf auf seine Arm und ruhte sich ein bisschen aus.

Im Scanraum der Stabi gelernt: Man kann bei Overheadscannern die Platten, auf denen man die Bücher ablegt, seitlich hochklappen, so dass die Bücher nicht ganz flach liegen – gut fürs Buch (oder für einen Jahresband von Nazikram) und der Scan ist trotzdem plan. Wieder fasziniert von dieser Technik gewesen – und mich verschämt daran erinnert, dass ich bei der ersten Benutzung dieser Dinger die Bücher mit dem Schriftbild nach unten auf die Platten gelegt hatte, wie man das von Kopierern halt kennt und mich gewundert habe, dass ich immer nur den schwarzen Einband auf dem Vorschaubild hatte.

Pünktlich zum Fußball zuhause gewesen, es aber nicht ertragen, Brasilien zuzugucken bzw. Neymar. Nebenbei Zeitung gelesen … oder nee, Zeitung gelesen und nebenbei stumm den Livestream laufen lassen. Das Daumendrücken für Mexiko hat nicht geholfen. Vor dem nächsten Spiel Masterchef Australia geguckt, dann erstaunt Japan zugeschaut und mich über die schöne, ruhige Hymne gefreut. Immerhin waren hier meine Daumen auf der Seite der Sieger.

Mich den ganzen Tag von Cold Brew und belegten Broten ernährt, mein Weizenbrot hält sich sehr gut, wird nicht trocken und schmeckt auch nach Tagen noch super. Im Kühlschrank steht schon Buttermilch fürs nächste Rezept aus dem tollen Backbuch.

Was schön war, Sonntag, 1. Juli 2018 – In der Puppenkiste

Als ich das erste Mal zum Fußball mit nach Augsburg kam, spielte F. den Fremdenführer und wies mal hierhin, mal dorthin, was es da alles gab im Fuggerstädtchen, ich nickte und hatte keine Ahnung, und dann kam irgendwann der Satz: „Und da hinten geht’s zur Puppenkiste.“ Und ich so: „Wie, die Puppenkiste? Die gibt’s wirklich?“

Für mich war die Augsburger Puppenkiste ein Fernsehstudio in Köln, in dem Jim Knopf und Lukas wohnten und dann übers Plastikplanenmeer nach Lummerland fuhren. Aber nein, es gibt wirklich ein Theater in Augsburg, das 1948 eröffnet wurde und wo zum Beispiel der Räuber Hotzenplotz seit 1966 die Kaffeemühle der Großmutter klaut. Und genau das schauten F. und ich uns gestern an.

Wenn ich alleine dagewesen wäre, wäre ich vermutlich am Theater vorbeigelaufen, denn es befindet sich in einem ehemaligen Spitalgebäude – übrigens von Elias Holl, den ich aus dem Studium kannte; den Goldenen Saal im Augsburger Rathaus hatte ich mal in einer Vorlesung gesehen. Eine unscheinbare Tür führt in einen kleinen Vorraum, in dem es eine Garderobe gibt, ein Café, das aus geschätzt zehn Tischen besteht und einer kleinen Merchandisinginsel, wo man neben Shirts, Büchern und Postkarten auch die bekanntesten Marionetten kaufen kann. Von der Puppenkisten-Website habe ich gelernt: Jim und Lukas wohnen wirklich nur im Fernsehen, dieses Stück ist als Bühnenproduktion viel zu aufwendig.

Nebenbei bin ich jetzt schon gespannt darauf, welche Marionette in der nächsten Bundesliga-Saison anstatt eines Wimpels an den Kapitän der Gastmannschaft übergeben wird, die gerade beim FC Augsburg spielt; in der abgelaufenen Saison war es ausgerechnet der Hotzenplotz – natürlich stilecht mit einem grünweißroten Fanschal um den hölzernen Hals.

F. kannte das Theater schon, ich wie gesagt nicht, und ich war unerwartet aufgeregt, als wir in den Gewölbesaal traten und in der dritten Reihe Platz nahmen. F. hatte die Karten schon im letzten September gekauft; die Dinger sind so schnell weg wie Karten für die Bayreuther Festspiele, aber deutlich günstiger. Er hatte auch brav darauf geachtet, möglichst weit vorne zu sitzen, denn, wer hätte es gedacht, die Kiste ist quasi wirklich eine Kiste. Die Bühne ist winzig, und ich habe keine Ahnung, ob man in der letzten, der 20. Reihe, überhaupt noch was sehen kann. Ich war schon gerührt, bevor es überhaupt losging, denn die Flügel der Kiste kannte ich natürlich aus dem Fernsehen und war gespannt, ob sie sich wirklich seitlich öffneten oder einfach nach oben weggezogen wurden.

Sie öffneten sich seitlich, wie es sich gehört und ich verdrückte ein kleines Tränchen, ich Marionettenmemme.

Im ersten Bild singen der Kasperl und der Sepperl der Großmutter ein Geburtstagsständchen. Den Kasperl kenne ich auch aus dem Stadion; er sagt immer das Spielergebnis voraus, meist allerdings falsch. Deswegen war ich sehr über die Theaterstimme des Kasperl irritiert, denn sie war anders. Das lag daran, dass wir gestern ernsthaft noch die Sprechstimmenaufnahmen von 1966 hörten – so wurde der Zauberer Petrosilius Zwackelmann (Petersilius Wackelzahn) vom Puppenkistengründer Walter Oehmichen eingesprochen, der seit 1977 tot ist. Aber warum auch Dinge ändern, die anscheinend seit 50 Jahren funktionieren? Ich hatte erwartet, dass die ganzen Kinderscharen um uns herum, die mit iPads und Laptops groß werden, nicht mehr von Holzpuppen an deutlich sichtbaren Schnüren fasziniert werden können, aber damit lag ich tollerweise total falsch. Sobald sich der rote Vorhang hinter den Kistenflügeln öffnete, war Ruhe im Saal (bis auf die stets blubbernden Kleinstkinder, aber das muss so) und die Kinder lachten über die gut platzierten Witze genau wie ich, erfreuten sich genau wie ich daran, dass Zwackelmann von einem Besen verkloppt wird oder dass ein Schnupftabaksack plötzlich Beine hat und staunten genau wie ich lautstark über ein besonders dramatisch ausgeleuchtetes Bühnenbild (der Unkenpfuhl! Huuuuh! Ich will die Unke als Marionette!).

Zwischen den einzelnen Bildern ging der Vorhang immer kurz zu – und sofort begannen die Gespräche um uns herum. „Mama, wieso hat der Kasperl …“ „Willst du dem Papa erzählen, was der Räuber gemacht hat?“ und ähnlich. Ich ahne, dass die Umbaupausen auch dazu da sind, damit man kleinen Kindern notfalls noch schnell erklären kann, was da gerade passiert ist. Das schien zu funktionieren, die Gespräche brachen immer sofort ab, sobald der Vorhang sich wieder öffnete. Das Publikum war übrigens geschätzt nur zur Hälfte im Kindesalter, wenn überhaupt. In der ersten Reihe saß zum Beispiel ein kleiner Junge, dem sich gleich vier gut gelaunte Erwachsene als Begleitperson angedient hatten.


(Deko auf dem Merchandisingstand.)

Was mich überraschte: Die Marionetten waren deutlich kleiner als ich dachte. Aber klar, wenn man als Puppenspieler*in eine 80-Zentimeter-Puppe bewegen muss, ist das vermutlich irre anstrengend und vor allem schwer zu koordinieren. Was ich auch lustig fand und mich an meine erste Ballettaufführung denken ließ: dass man das hölzerne Geklapper der Füße auf dem Bühnenboden hört. Daran musste ich mich erst gewöhnen, wie auch an das für meine Ohren immer noch anstrengende Augsburger Schwäbisch. Mit Bairisch komme ich inzwischen halbwegs klar, aber in Augsburg wird eher geschwäbelt. Und dann auch noch, wie F. es nannte, eher maulfaul. Vieles wird verwischt oder verschluckt, weswegen ich mich in der Pause beschwerte, dass das total fies gegenüber uns armen Norddeutschen ist. F. nur so: „Dann baut’s eich halt selba a Puppakischt.“ Werde den Mann jetzt ins Ohnsorg-Theater schleppen müssen. Oder in irgendwas Plattdeutsches. Im Programmheft steht übrigens eine Übersetzung für viele Ausdrücke, aber davon hat man leider während der Vorstellung nichts. Gerade den Sepperl, der auch noch betont doof sprach, habe ich kaum verstanden. Außer bei einem seiner Lieder, aber der Reim war auch idioten- bzw. norddeutschensicher, der ging ungefähr so: „Ich bin das arme Sepperle, ich bin ein kleines Depperle.“ Aus dem Programmheft übernehmen werde ich aber ab sofort den Ausdruck „Simpelfranzn“ für „Stirnhaare mit waagrechter Schnittlinie.“

Die Vorstellung dauerte knapp anderthalb Stunden, wobei es nach knapp einer Stunde eine Pause gab. Danach wurde der Zauberer verprügelt, aus der wirklich tollen Unke wurde eine total langweilige Fee, der Zauberer fiel in die Hölle, der Hotzenplotz wurde aus einem Gimpel wieder zu einem Mensch verwandelt und zum Schluss kriegten alle, auch der Wachtmeister Dimpflmoser, von der Großmutter einen anständigen Zwetschgendatschi. Der Vorhang fiel und die Klappe schloss sich blitzschnell. Keine Verbeugung der Marionetten oder sogar der Spieler*innen. Letzteres findet wohl bei den Vorstellungen für Erwachsene statt, aber bei den Stücken für Kinder ist das Ende sehr kurz und schmerzlos. Ich fand das ein bisschen schade, aber andererseits: Wenn man als Kind noch nicht die Theatererfahrung gemacht hat, dass sich am Ende alle verbeugen, dann muss das ja auch nicht sein.

Leider war die Kasperleampel in der Nähe des Theaters gestern nicht eingeschaltet, die hätte ich auch gerne noch gesehen. So trösteten wir uns mit Guinness und Kilkenny und eher mäßigen Pommes in einem Biergarten um die Ecke, sahen das Elfmeterschießen von Spanien und Russland und fuhren gemütlich (g’miatlich) mit dem Regionalzug wieder nach München.

Das war sehr ungewohnt, mal ohne Stadionklamotten nach Augsburg zu fahren, aber wirklich schön. Die Puppenkiste. Es gibt sie wirklich.

Tagebuch, Samstag, 30. Juni 2018 – Kopf runterfahren

Seit Tagen merke ich an mir, dass mir Namen nicht mehr einfallen. Nach den ersten Gedanken in Richtung ALZHEIMER GEHIRNTUMOR NÄCHSTES JAHR WIRST DU 50 fällt mir dann meistens ein, dass ich seit der Abgabe der Masterarbeit im letzten Juli keinen Urlaub mehr hatte. Ich war mit F. im Juli 2017 für zwei Tage in Kassel auf der documenta und dann im Februar ein hektisches Wochenende in Frankfurt, um noch die Weimar-Ausstellung in der Schirn mitzukriegen, aber ansonsten war ich nicht wirklich weg aus München. Ein paar Hamburg-Trips, teils beruflich, teils privat, meistens halbe-halbe, ein langes Wochenende in der alten Heimat bei den Eltern, was nie Urlaub ist, sondern eher Stress – netter Stress, aber Stress – und einen halben Tag in Halle auf dem Rückweg kommen noch dazu. Ansonsten habe ich mich nie wirklich ausgeruht und den Kopf aus allem rausgezogen. Direkt nach der MA-Arbeit garantiert, da ging auch nichts mehr, aber auch das fand auf dem heimischen Sofa statt und unter dem Vorzeichen „Du musst jetzt wieder Werbung machen, sonst sitzt zu in einem Jahr im alten Kinderzimmer, weil du München nicht mehr finanzieren kannst.“ Auch nicht unbedingt entspannende Vorzeichen.

Seit Januar diesen Jahres bin ich wieder eher Texterin als Doktorandin, was immerhin das letzte Problem deutlich verkleinert hat. Dieses Jahr ist locker finanziert und ein paar Reserven für das nächste konnte ich auch schon zurücklegen, wie man das als Selbständige halt macht. Trotzdem hoffe ich ein bisschen darauf, dass noch ein paar mehr Jobs reinkommen, denn dann kann ich auf der Baustelle wieder ruhig schlafen.

Wenn ich nicht für Geld am Schreibtisch gesessen habe, tat ich das für Luft, Liebe und Wissenschaft (Bloggen, rührselige DMs an F. schreiben, Dissertation). An so ziemlich jedem Tag, an dem ich wusste, ich muss nichts für die Werbung machen, drängelte der kleine Doktorhut im Hinterkopf, dass ich dann gefälligst was für die Diss tun sollte. Da ich ja nie weiß, wann der nächste Job bei mir aufschlägt, sollte ich doch bitte jede freie Zeit für die Kunstgeschichte nutzen. Natürlich habe ich auch diverse Tage einfach vor Netflix vergammelt, das muss schließlich auch sein. Aber gefühlt habe ich mir seit Juli letzten Jahres keine vernünftige Auszeit mehr genommen. Also mehr als hier mal einen Tag und da mal ein Wochenende. Ich bräuchte gefühlt mal mindestens eine Woche weg von hier, in eine andere Stadt, Museen angucken, viel zu viel essen und lange schlafen.

Eigentlich hatten F. und ich Paris für dieses Jahr geplant, vielleicht wird’s jetzt doch eher Wien, das war letztes Mal so nett da, wir werden sehen. Aber ich ahne, dass ich allmählich wirklich mal raus muss. Mir machen derzeit meine Jobs Spaß, mir macht die Wissenschaft noch mehr Spaß, aber sobald ich mit diesen Pflichtteilen des Tages durch bin, fährt mein Kopf quasi auf Null runter. Wenn mich am Donnerstag nicht ausgerechnet Facebook an den Geburtstag meines besten Freundes erinnert hätte, hätte ich den glatt vergessen, so sehr ist mein Kopf schon raus.

Gestern lag ich dementsprechend nur rum, guckte Serien und Fußball, und schlief auch alleine zuhause, um mal ohne Wecker oder Sonnenlicht wach zu werden (letzteres ist bei F. immer mein Problem, weil der Herr kein Freund von Jalousien oder Gardinen ist, was das Allererste ist, womit ich mich in neuen Wohnungen, in die ich einziehe, beschäftige: Tageslicht muss beherrschbar sein!). Ich ging gestern normal um kurz vor Mitternacht ins Bett – und wachte heute gegen 11 Uhr auf. Ich glaube, mein Körper möchte mir irgendwas sagen.

Tagebuch, Mittwoch bis Freitag, 27. bis 29. Juni 2018 – Matschbirne

Mittwoch war wieder ein Geleetag – ich watete in meinen ganzen Diss-Dokumenten rum, ohne zu irgendeinem Punkt zu kommen. Und dafür hatte ich auf die Eichhörnchenvorlesung verzichtet! Andererseits war ich so weder in einem Hörsaal noch in der Bibliothek, als mein Handy klingelte und sich ein neuer Job ankündigte. Das war schön.

Überhaupt finde ich es gerade schön, dass sich alle Kunden und Kundinnen an mich wenden anstatt umgekehrt. Es bestätigt sich immer mehr, dass die Jobs dadurch reinkommen, dass ich einen anderen Job gut gemacht habe, dass mich ein Texterkollege oder eine -kollegin weiterempfiehlt, so wie ich das auch mache, wenn ich keine Zeit habe, dass Leute mein Blog lesen oder sogar mein Buch. Um irgendeine Ecke kommt immer was. Allerdings noch nie über meine lustigen Akquisemails oder Xing und bis jetzt auch noch nicht über Designerdock, bei denen ich mich im November letzten Jahres angemeldet habe. Aber noch sind die 18 Monate ja noch nicht rum, in denen sie mich mal anrufen könnten.

Das Ausscheiden DER MANNSCHAFT habe ich sehr emotionslos hingenommen. Das hat mich selbst überrascht, wie emotionslos ich war, aber als der eklige Rumpelfußball endlich vorbei war, dachte ich nur, yay, in zwei Tagen kommt die Bundesliga-Terminvorschau raus, und dann gibt’s wieder anständigen Fuppes.

Das komische schwarzrotgelb verzierte Teilchen bei meinem Bäcker mit dem schönen Namen „Endspielteilnehmer“ liegt jetzt verschämt weiter hinten in der Vitrine.

Donnerstag auch vom heimischen Schreibtisch aus gearbeitet, Protzen-Bilder, fragt nicht, ich seh die schon gar nicht mehr, ich schneide nur aus und notiere Größenangaben und Titel und höre meinen Spotify-Mix der Woche dreimal hintereinander durch. Noch ein paar Aufsätze gelesen und wieder mit allem gehadert. Doofe Idee, tolle Idee, halbgare Idee, ich weiß gar nichts mehr. Ich verfranse mich schon wieder auf zwanzig Baustellen, anstatt den roten Faden weiterzuverfolgen, den ich vor ein paar Tagen in den Fingern hatte. Ein Elend, diese Wissenschaft.

Und wie immer, wenn ich wieder mit allem hadere, erinnert mich F. an den schönen Satz, der ihn durch seine Diss getragen hat: „If you know what you’re doing more than fifty percent of the time, it’s not research.“ Den sticke ich mir jetzt auf ein Kissen. Aber das habe ich, glaube ich, schon öfter im Blog angekündigt und nie gemacht und deswegen vergesse ich diesen Satz immer und F. muss ihn dauernd wiederholen.

Weitere, ich glaube sechs, Seiten an zwei Tagen in Finnegans Wake bezwungen. Das Ding ist ein einziges Rätsel, aber völlig faszinierend. Es ergibt beim ersten Lesen überhaupt keinen Sinn und beim zweiten auch nur, wenn man sich irgendeine Story dazu ausdenkt, aber zwischendurch kommen schöne Satzfetzen oder Worte, auf denen ich rumdenken kann beim Einschlafen.

„And laughtears!“

„As innocens with anaclete play popeye antipop.“

Antipop! 1939! Natürlich hat das überhaupt nichts mit Pop Art oder Popmusik zu tun, aber ich finde es so spannend, aus diesen alten Worten, die für Joyce damals eine andere Bedeutung hatten, eine neue zu schnitzen. Oder Assoziationen brodeln zu lassen, die Joyce noch nicht haben konnte. Weil jede neue Leserin neue Dinge denkt und die Zeit immer weiter voranschreitet, in der neue Leserinnen mit neuen Gedanken kommen, ist das Buch quasi ein ständiger work in progress. Das war übrigens der Arbeitstitel des Werks, als es in Vorabdrucken erschien. Das fühlt sich für mich im Nachhinein sehr prophetisch an.

„Echoland.“

Echoland! Vor meinem geistigen Auge entsteht der große Nachwenderoman. Oder ein Alternative-Rock-Album. Vor deinem auch? Schreib’s auf! Nimm’s auf!

Als einzige Gegenmaßnahme zum Rumgelieren und Fadenverlieren am Freitag brav im ZI gewesen, wo ich hingehöre. Versucht, mich nicht noch weiter zu verfransen, sondern nur die Fragen zu beantworten, die ich beim Aufsatzlesen am Donnerstag hatte. Hat natürlich nicht geklappt. Wieder neue Baustellen aufgemacht. Aber immerhin noch schöne Texte zu Grossberg gefunden und viele seiner Bilder angeschaut.

Ich stelle naiv-erstaunt den Unterschied von einer langen Forschungsarbeit zu BA- und MA-Arbeit fest, die mir im Nachhinein wie hingeworfene Notizen erscheinen. Ich habe jetzt die Freiheit, bei allem, was ich lese, in die Tiefe zu gehen, mich mit jedem Bild zu beschäftigen, das mir über den Weg läuft, jede Abzweigung in meinen Gedanken mitzunehmen, denn ich habe weder eine Zeit- noch eine Zeichenbegrenzung. Und was ich anfangs so befreiend fand, schüchtert mich jetzt zunehmend ein.

Neuerdings hat die U2 keinen Zehn-, sondern einen Fünf-Minuten-Takt. Ich behaupte, ich habe ein einzigartiges Talent, gerade am Hauptbahnhof, wenn ich vom Zug komme und ECHT NACH HAUSE WILL, die U-Bahn genauso zu verpassen, dass ich neun Minuten auf die nächste warten muss. Ich komme die Rolltreppe runtergehetzt und sehe, gerade verpasst, na super, neun Minuten warten, eine Ewigkeit, jammerjammerjammer. Daher freute ich mich sehr über die Fahrplanumstellung.

Da ich in den letzten Tagen kein Fahrrad gefahren bin (Reifen waren nicht anständig aufgepumpt) und mit der U-Bahn ins ZI fuhr, konnte ich den neuen Takt gleich ausprobieren. Was soll ich sagen? Jetzt komme ich die Rolltreppe am Königsplatz runtergehetzt und sehe, gerade verpasst, na super, vier Minuten warten, eine Ewigkeit, jammerjammerjammer.

Fahrradreifen aufgepumpt.

Was schön war, Dienstag, 26. Juni 2018 – Weiterhin Zeit fürs ZI

Der Lesesaal gehörte mir nur zehn Minuten alleine, aber hey, immerhin. Danach las und schrieb ich und hing in Aufsätzen über Autobahnmalerei, Architekturzeichnungen, deutsche Kunst in den 1930er Jahren und Ausstellungen in der Bundesrepublik mit Kunst aus der NS-Zeit rum. Nachmittags verlegte ich die Arbeit ins Home Office und schrieb weiter an meinem Referat, auch um mir selbst klarzumachen, was genau meine nächsten Schritte sind. Ich formulierte die Einzelteile der Einleitung an und merkte beim Aufzählen der Dinge, die ich methodisch leisten möchte, dass ich zwar noch sehr viel zu tun habe, aber alles allmählich ein schönes Bild ergibt. Dummerweise dauert die Bildbearbeitung vom Nachlass immer noch an, weswegen ich mit meiner eigenen Deadline Ende Juni etwas brechen muss; bis dahin habe ich nicht alle Bilder fertiggestellt und durchgeschaut, die ich präsentieren möchte. Aber auf ein paar Tage kommt es für den internen Ablauf natürlich nicht an.

Abends mit F. am Küchentisch die letzten Tage nacherzählt, an denen wir uns nicht gesehen haben. Der Herr macht gerade ein bisschen in Familienforschung, die sich genau mit der Zeit überschneidet, in der ich mich bewege, weswegen sich da interessante Parallelen von Kunst zu Naturwissenschaft ergeben. Wir tranken außerdem einen weiteren Wein vom Weingut Wechsler, einen Spätburgunder Rosé. Das ist nach zwei unterschiedlichen Rieslingen der dritte Wein der Winzerin, der mir sehr gut geschmeckt hat. Im Kühlschrank liegt noch ein Sauvignon blanc, aber ich ahne jetzt schon, dass ich mich mal durch ihr gesamtes Weingut trinken werde.

Trial runs for fascism are in full flow

Fieser thematischer Break, ich weiß. Ich bin seit November 2016 (Trump) und noch mehr seit September 2017 (AfuckingD) äußerst angespannt. (Vermutlich trinke ich deswegen soviel Wein.) Ich konnte aber nie genau formulieren, warum diese Anspannung nicht nachlässt. Dieser Artikel hilft dabei, macht alles aber nur noch unheimlicher.

„Fascism doesn’t arise suddenly in an existing democracy. It is not easy to get people to give up their ideas of freedom and civility. You have to do trial runs that, if they are done well, serve two purposes. They get people used to something they may initially recoil from; and they allow you to refine and calibrate. This is what is happening now and we would be fools not to see it. […]

It is this next step that is being test-marketed now. It is being done in Italy by the far-right leader and minister for the interior Matteo Salvini. How would it go down if we turn away boatloads of refugees? Let’s do a screening of the rough-cut of registering all the Roma and see what buttons the audience will press. And it has been trialled by Trump: let’s see how my fans feel about crying babies in cages. I wonder how it will go down with Rupert Murdoch.“

(via @dogfood)

Was schön war, Montag, 25. Juni 2018 – Das Wochenende ist rum, die Bibliothek ist wieder offen, wo-hoo!

Also die im Zentralinstitut für Kunstgeschichte, denn in die wollte ich, mein Herzblatt, mein allerliebster Ort der Welt, mein Handschmeichler, mein Softeis, meine Kuscheldecke, mein Bällebad.

(Schon gut, schon gut.)

Nachdem ich wochenlang auf Protzen geguckt habe und meine innere Deadline allmählich näher rückt, nach der ich meiner Korrekturfee ein erstes Referat zur Diss halten werde, musste ich dringend meine Grossberg-Lektüre auffrischen. Das letzte Mal hatte ich im November letzten Jahres was zum Herrn notiert und zwar viel zu wenig. Ich weiß zwar, was ich sagen will, aber bevor ich das tue, lese ich lieber noch mal ein paar Dinge nach. Das war daher der ganze Tagesplan für gestern: alle Grossberg-Kataloge aus dem Regal ziehen (das sind nicht viele), lesen, schreiben, im Kopf schon mit Protzen vergleichen und mich des Lebens freuen. Und genau das habe ich dann auch gemacht. Hach!

Das tat so gut, mal aus dem ganzen naturalistischen Kram von Protzen aufzutauchen und wieder auf anständige Bilder zu gucken. Ich fühlte mich ernsthaft wie frisch geduscht. Im Hinterkopf hatte ich meine kurzen Gespräche, die ich kürzlich im Lenbachhhaus führte, als ich dort im Archivgut rumwühlen durfte. Sowohl die Archivarin als auch die Bibliothekarin und vor allem meine Bekannte, die Kuratorin fürs 19. Jahrhundert und die Neue Sachlichkeit, guckten äußerst sparsam, als sie mir die Unterlagen rüberreichten: „Protzen? Echt? Warum?“ Als ich piepsig meinte, irgendwer müsse das ja mal machen, meinte die Kuratorin sehr bestimmt: „Nee, das muss keiner.“ Als ich dann erwähnte, dass ich den Herrn mit Grossberg vergleichen wollte, wurde sie noch bestimmter: „Nimm nur Grossberg OMG NIMM NUR GROSSBERG GROSSBERG IST SUPER!“ WEISS ICH, DESWEGEN WILL ICH JA DIE FORSCHUNGSLÜCKE SCHLIESSEN! Aber gestern, eben mit ernsthaft hunderten von eher ollen Protzen-Bildern im Hinterkopf, merkte ich wieder sehr, sehr deutlich, WIE SUPER GROSSBERG IST. Herrgott, hat der Mann tolles Zeug produziert. In der Ausstellung im Dezember in München überlegte ich ernsthaft, mein Konto komplett zu plündern und 23.000 Euro für ein Aquarell rauszuhauen, das das Anzeiger-Hochhaus in Hannover zeigt.

Neues Item auf der Bucketlist: einen Grossberg besitzen. Die Ölbilder kann ich mir ü-ber-haupt nicht leisten, die Aquarelle unter großen Schmerzen, aber hey, so eine kleine Bleistiftzeichnung gibt’s schon für 4000. (Dissertationsgeschenk! Plus Tantris-Besuch! Schreib schneller, Anke! Und mach zwischendurch noch ein bisschen Werbung, um dir Kunst und Festessen leisten zu können!)

Bevor ich mich weiter in den Herrn verliebe, sollte ich vielleicht mal langsam Kontakt zu seinen Erben aufnehmen, die zu zweit seinen Nachlass verwalten. Die wenige Literatur macht quasi in jeder zehnten Zeile klar, dass der Mann kein NS-Maler war. Das sieht, glaube ich, auch jede, die auf seine Werke guckt, aber trotzdem hat sich die Literatur bis jetzt relativ stillschweigend um die Zeit zwischen 1933 und seinem Tod 1940 herumgedrückt, um ihn bloß nicht in die Nähe der Schmuddelkinder rutschen zu lassen. Da werde ich bei der Kontaktaufnahme vermutlich sehr diplomatisch formulieren müssen, um in den Nachlass gucken zu dürfen. „Hallo? Ich interessiere mich für Grossberg zur Zeit des Nationalsozialismus … Hallo? … Sind Sie noch dran?“

Zurück zu gestern: Nach knapp sieben Stunden Arbeit im ZI konnte ich nicht mehr sitzen und hatte alles gelesen, was in den Kopf passte. Noch schnell einen kleinen Handapparat im Regal für mich angelegt, da gucke ich heute weiter rein.

Zuhause weiter hirntot Protzen-Bilder bearbeitet; ich bin ungefähr mit einem Drittel seiner Werke durch, ich werd irre und darf gar nicht an die vielen Bilder denken, die ich von seinen Fotoalben, einem Gästebuch, dutzenden von Werbegrafiken und ein paar Dokumenten gemacht habe – vielleicht bin ich bis Weihnachten damit durch.

Masterchef Australia, zwei Folgen Suits, keine Lust auf Fuppes gehabt. Ein Baguette, das ich Sonntag gebacken hatte, verspeist. Sehr zufrieden und inspiriert eingeschlafen.

Jean-Michel Basquiat Is Still an Enigma

The Atlantic über Basquiat und seine Rezeption. Die gerade beendete Ausstellung in der Schirn wird auch erwähnt; F. und ich hatten sie uns mit großem Erkenntnisgewinn angesehen.

„What critics seem to be striving for on behalf of Basquiat isn’t understanding but respectability, which anyone looking at the paintings can immediately see Basquiat was uninterested in. These canvases were made by a young man, barely out of his teens, who never lost a teenager’s contempt for respectability. Trying to assert art-historical importance on the paintings’ behalf, a critic comes up against their obvious lack of self-importance. Next to their louche irreverence, the language surrounding them has felt clumsy and overwrought from the beginning. What little we know for sure about Basquiat can be said simply: An extraordinary painterly sensitivity expressed itself in the person of a young black male, the locus of terror and misgiving in a racist society. That, and rich people love to collect his work. We have had a hard time making these two go together easily. But so did he.“

Gestern hatte mein liebster Stillleben-Maler Juan Sánchez Cotán Geburtstag. Ich schrieb mal über ihn, und der schöne Twitter-Account von Fake-Rubens informiert seit gestern über sein Werk.

Tagebuch, Sonntag, 24. Juni 2018 – Teig bearbeiten, Bilder bearbeiten

Den Samstagabend verbrachte ich zunächst alleine zuhause und guckte relativ emotionslos DER MANNSCHAFT dabei zu, wie sie kurz vor dem Vorrundenaus stand, was mir überraschend egal war. Irgendwo war da die winzige Hoffnung darauf, dass mit dem Ausscheiden vielleicht auch der Scheiß-Schland-Wahn wieder aufhören würde, der seit 2006 immer schlimmer und sinnloser geworden war. Die widerlichen Diskussionen um Özil und Gündogan hatten mich sehr erschreckt. Dass die Fotoaktion der beiden mit Erdogan äußerst dämlich gewesen war – geschenkt. Aber dass nun auf einmal aus gewissen Ecken darüber spekuliert wurde, ob die beiden deutsch genug für die deutsche Nationalmannschaft seien, erinnerte mich fatal an Ariernachweise und ähnlichen Rotz und nahm mir einen großen Teil der Vorfreude auf die WM. Dass sie in einer Quasi-Diktatur stattfindet, konnte ich bräsig ausblenden.

Als aber ausgerechnet der Querpasstoni den Siegtreffer im Spiel gegen Schweden erzielte, eskalierte ich doch. Verdammter Fußball.

Dass draußen vor der Tür die hupenden Autos eine Party feierten, als hätte DIE MANNSCHAFT schon das Finale erreicht, fand ich allerdings arg übertrieben, albern und nervig, und zack, war die schlechte Laune wieder da.

Den Restabend und die Nacht verbrachte ich bei F., mit dem ich netterweise immer bessere Laune habe. Die Nacht wurde deutlich kürzer als gedacht, denn irgendwer *hust* ich *hust* wollte nach dem Durchschnittswein noch einen schönen Whisky haben und danach noch einen und dann noch einen. Leider vergaßen wir beide, dazu ausreichend Wasser zu trinken, weswegen ich schon nachts mit Kopfschmerzen aufwachte. Als ob ich noch nie Alkohol im Glas gehabt hätte. Wie so eine Laientrinkerin. Schlimm.

Dafür lungerten wir am Sonntagmorgen ewig rum; mein Arbeitstag begann daher deutlich später als geplant. Ich bearbeite immer noch die riesige Bildausbeute vom Donnerstag und ahne allmählich, warum Dissertationen so lange dauern. Zwischendurch faltete ich Baguetteteig und buk, befreite dann die Küche vom üblichen feinen Mehlstaubüberzug, schob die neue Folge Masterchef Australia ein und ging wieder an den Schreibtisch. Meine Gliederung für die erste Präsentation meiner Diss wird allmählich so, dass sie mir gefällt. Die fülle ich jetzt im Laufe dieser Woche mit schnaften Fakten auf, indem ich im ZI sitze und mich darüber freue. Darauf ein Tässchen Tee!

Nanette

Hannah Gadsby, in die ich mich bei Please Like Me verknallt habe, beendet ihre Comedykarriere – mit einem Comedyprogramm. Es ist ein wilder Ritt durch Lachen, Unwohlsein, laut ihren Kritiker*innen not enough lesbian content und Kunstgeschichte und ich finde, ihr solltet das alle sehen.

Die NYT hat das Programm im März gesehen, schreibt ziemlich spoilerfrei darüber und erwähnt vor allem den Knackpunkt der ganzen Comedyshows, die von Menschen aufgeführt werden, die sich Hass und Ausgrenzung ausgesetzt sehen, was auch Gadsby aufnimmt: „Her self-mocking nebbish is a familiar persona, but there comes a moment when she drops and deconstructs it, and that turning point makes you re-evaluate everything you saw before. “Do you know what self-deprecation means coming from somebody who exists on the margins?” she asks. “It is not humility; it is humiliation.”“

Gadsby spricht darüber, wie ihr schon als Kind beigebracht wurde, dass Homosexualität etwas Verachtenswertes ist und dass sie es teilweise immer noch nicht abschütteln kann. Ich begebe mich mal auf dünnes Eis, wenn ich sage, dass das mit Dickenhass ähnlich ist. Ich weiß, dass ich okay bin, aber an manchen Tagen muss ich mir das wirklich selber nochmal sagen, um nicht wieder sinnlos Lebenszeit und Energie darauf zu verschwenden, über Magen-OPs, Sport in freier Natur ohne Angst vor Scheißsprüchen und Anerkennung von Arschlöchern nachzudenken. Rebel Wilson als Amy brachte es in Pitch Perfect auf den Punkt mit einem Witz, über den vermutlich nur nicht-dicke Menschen lachen, indem sie sagt, sie nennt sich von sich aus Fat Amy, bevor die skinny bitches es tun, was sie sowieso tun werden. So ähnlich funktioniert Gadsbys Comedy: Sie macht homophobe Witze, bevor die anderen es tun, und genau damit sei jetzt Schluss. Sie möchte und muss ihre Geschichte anders erzählen und deswegen will sie die ganze Scheiße, der sie täglich ausgesetzt ist, nicht auch noch als Grundlage für Scherze benutzen. Dieser Weg der Katharsis sei für sie der falsche. Und ich glaube, für uns als Publikum auch.

Baguette nach Lutz Geißler

Das zweite Rezept aus dem Buch Brot backen in Perfektion mit Hefe von Lutz Geißler (Plötzblog) klappte genauso toll wie das erste. Dieses Mal wurde nicht im Topf gebacken, sondern zwischen zwei Backblechen. Klingt komplizierter als es ist und lohnte das winzige bisschen mehr Mühe.

400 g Wasser abmessen. Davon einen Esslöffel abnehmen und darin
0,4 g Frischhefe auflösen (eine kleine Kugel mit 9 Millimeter Durchmesser). Im restlichen Wasser
12 g Salz auflösen und in eine Schüssel geben.
590 g Mehl, Type 550, dazugeben und grob verrühren. Dann das Hefewasser dazugeben und alles mit wenigen Handgriffen zu einem Teig verkneten. Diesen nun mit einem Deckel oder einer Folie abgedeckt 24 Stunden lang bei Raumtemperatur reifen lassen.

Der Teig kam mir, trotz der fast identischen Mengenangaben zum Weizenbrot, viel fester und trockener vor. Nicht davon irritieren lassen, der geht genauso schön auf und bleibt auch die ganze Zeit feucht.

Den Teig nach acht und nach 16 Stunden ziehen und falten. Ich copypaste mal die Erklärung aus dem ersten Rezept: „Du greifst mit der einen Hand unter den Teig und ziehst vorsichtig einen Teigstrang heraus, den du einfach wieder oben auf den Teig auflegst. Es sieht so aus, als hätte der Teig kurz ein dickes Ärmchen, das oben auf dem Teig mit den anderen Ärmchen abklatscht. Mit der anderen Hand drehst du die Schüssel, bis du einmal um den ganzen Teig gekommen bist. Fertig. Teig wieder abdecken und in Ruhe lassen.“

Auch dieses Mal war ich nicht die gesamte Ruhezeit zu Hause, habe den Teig in den ersten fünf Stunden dreimal gezogen und gefaltet und ihn dann in Ruhe gelassen. Hat funktioniert.

Am Backtag den Teig behutsam per Teigschaber oder -karte auf die stark bemehlte Arbeitsfläche gleiten lassen. Drei bis vier Teile abstechen; bei mir waren es drei. So weit das bei dem sehr weichen Teig möglich ist, drei rechteckige Teile formen. Davon die kurzen Enden zur Mitte hin einrollen, so dass der Teig sich strafft. Dann das ganze mit der Längsseite machen, notfalls auch zwei- oder dreimal – es ist eher ein vorsichtiges Ziehen als ein Rollen, Hauptsache, der Teig wird straff, ohne dass zu viel Luft aus ihm herausgedrückt wird. Die Teiglinge dann mit der glatten Seite nach unten auf ein bemehltes Tuch setzen. Man kann mit dem Tuch schön Falten zwischen den Laiben basteln, keine Ahnung, ob das nötig ist, aber ich habe das mal gemacht. (Bei Brötchen kann man mit Hilfe der Falten die Teiglinge in die eigene Hand rollen, um sie aufs Backblech zu kriegen, bei den länglichen Baguettes war das nicht möglich.)

Die Teiglinge 30 Minuten bedeckt ruhen lassen, dann noch einmal straffen. Danach aus den länglichen Teiglingen noch länglichere machen; es sollen Baguettes von circa 30 Zentimeter Länge herauskommen, das hat bei mir auch pi mal Daumen hingehauen. Dazu mit den Händen ganz vorsichtig die Teiglinge rollen, nicht so energisch wie bei Mürbeteig oder ähnlichem, viel liebevoller und langsamer; die Hände bewegen sich vorsichtig nach rechts und links außen und der Teig kommt im Idealfall mit. Dieses Mal die Teiglinge mit der glatten Seite nach oben weitere 30 Minuten abgedeckt ruhen lassen.

Währenddessen den Ofen mit zwei tieferen Blechen darin auf 250 Grad Unter- und Oberhitze vorheizen. Die Baguettes kommen zum Backen auf ein Blech und werden mit dem zweiten wie mit einem Deckel oder einer Muschelhälfte abgedeckt. Ich habe das Herausziehen der Bleche und vor allem das Aufeinanderstapeln vorher mit den dicken Ofenhandschuhen geübt, man weiß ja nie. Wenn die Ruhezeit um und der Ofen heiß ist, die Baguettes mit der glatten Seite nach unten auf Backpapier und damit aufs Blech legen. Der Transport funktioniert am besten mit einem dünnen Brett – ich habe gnadenlos meinen dünnen, flachen Pfannenspritzschutz genommen und das überstehende Backpapier hochgehalten, damit die Teiglinge sich möglichst wenig bewegen.

Das belegte Blech in den Ofen schieben (bei mir auf einen Rost) und mit dem zweiten, auf dem Kopf stehenden Blech abdecken. Den Ofen auf 230 Grad herunterschalten. Nach fünf Minuten Backzeit das Deckelblech entfernen und weitere 20 Minuten backen. Im Buch steht der Tipp, zwei bis drei Minuten vor Ende der Backzeit auf Umluft zu schalten und die Ofentür kurz zu öffnen, um den Dampf entweichen zu lassen. Umluft kann mein uralter Backofen nicht, aber das Türöffnen habe ich erledigt. Angeblich wird die Kruste dadurch etwas knuspriger, aber da ich die eh nicht so bretthart mag, war mir dieser Schritt egal.

Nach den 25 Minuten die Baguettes aus dem Ofen holen und auskühlen lassen, was natürlich von den ganzen 26 Stunden Arbeitszeit und Firlefanz das Schwierigste ist, denn sie sehen toll aus (bei mir noch etwas ungelenk) und duften schon herrlich. Und der Geschmack! Ich bin, wie beim Weizenbrot auch, von der Konsistenz total begeistert. Die Baguettes sind leicht zäh, recht grobporig, die Kruste reißt einem nicht den Gaumen auf, sondern leistet genau den richtigen Widerstand und überhaupt habe ich direkt nach dem ersten Stück Baguette mit Butter und Honig den nächsten Teig angesetzt. Große Empfehlung. (An der Form arbeite ich noch.)

Tagebuch, Freitag, 22. Juni 2018 – Beschneidewerkzeug, umbenennen, Apfel+S

Morgens das Stativ zum Leihservice zurückgebracht, genauso freundlich empfangen worden wie beim Abholen. Bei der Hausärztin ein Rezept abgeholt und einen Termin vereinbart, das übliche Durchchecken von gewissen Organen (alle anderen werden ignoriert, bis sie sich rühren). Mir einen Einkauf im Teahouse verkniffen, weil ich noch bergeweise Tee zuhause habe, wobei mir der neulich erstandene Nilgiri von dort wirklich äußerst gut schmeckt; ein bisschen habe ich noch. Neuen Brotteig für heute angesetzt,; dieses Mal versuche ich mich an Baguettes, nachdem das erste Rezept aus neuen Backbuch schon so ein Kracher war. Sollte ich demnächst mein Lieblingsbrot selber backen können? Das wäre ziemlich toll. Denke über einen Weinberg nach, eine Rösterei und eine Sennerei. Und eine kleine Galerie. Und wie ich an viel Geld komme.

Anstatt diesen Gedanken nachzuhängen, setzte ich mich für den Rest des Tages an den Schreibtisch und begann, die am Donnerstag gemachten Bilder zu bearbeiten. Das Werkverzeichnis von Protzen besteht aus vier Fotoalben, in denen in halbwegs korrekter Reihenfolge ein Großteil seiner Werke als Foto versammelt ist. Auf einer Albumsseite befinden sich von einem bis zu fünf Bildern alles, manche Werke wurden nochmal einzeln abgelichtet, was für mich ein kleiner Hinweis darauf sein könnte, welche Bilder er selbst geschätzt hat oder auch welche er für Ausstellungen oder Einreichungen oder als Pressebeleg vorgesehen hatte. Ich vermute, dass das Verzeichnis erst posthum von seiner Frau angelegt wurde, daher kann es natürlich auch ihre Auswahl sein. Ich spekuliere im Moment wild rum, das mache ich bei allen Arbeiten, und hoffe, irgendwann Belege zu finden. Wenn ich das nicht tue, bleibt es bei schönen Theorien. Die breite ich dann im Blog aus, wo mir keiner was kann, ha!

Ich habe immer eine Albumsseite fotografiert und musste daher gestern damit beginnen, aus den eben erwähnten fünf Bildern auf einer Seite einzelne zu machen, denn ich möchte sein komplettes Verzeichnis als Einzelbilder haben. Erstens kann ich sie dann ständig schnell durchklicken, und zweitens kann ich sie nach Gruppen sortieren: Stillleben, naturalistisch – Stillleben, neusachlich – Autobahnbilder – Landschaften – Porträts – Kniestücke – Ganzkörper – Tiere – und was weiß ich noch. Ich kann seine Frankreichbilder von den ganzen bayerischen Landschaften trennen, von der Toskana und den polnischen Stadtansichten (damals noch das Generalgouvernement). Ich kann nach Jahren sortieren (vor 33, 33 bis 45, nach 45), ich kann stilistische Ordner anlegen und thematische. Aber dafür brauche ich eben erstmal alle Bilder als Einzeldatei. Bei knapp 700 Werken wird das noch ein paar Tage dauern, wie ich gestern gemerkt habe.

Ich habe begonnen, Bildern Titel zu geben, wenn keine am Foto vermerkt waren und fühlte mich wie Gott. Ich benenne Dinge, huarhuarhuar! Nebenbei merkte ich mal wieder fasziniert, wie sehr mir „Dinge erkennen“ in Fleisch und Blut übergegangen ist. In den 1920er Jahren hatte Protzen eine Phase mit christlichen Motiven, einen Hauch expressionistisch, ähnlich wie Leo von Welden, der allerdings naturalistisch blieb; beide gaben dieses Thema zur NS-Zeit auf. Bei Protzen guckte ich nun auf eine biblische Geschichte nach der anderen und freute mich darüber, wie leicht es mir fiel, das Gezeigte benennen zu können (Kreuzabnahme, Moses, Pfingsten, Hl. Familie bei der Rast etc.). Ich mag das facheigene Vokabular, so wie ich es als Zapferin hinter der Theke mochte, kurz in die Runde „Fasswechsel“ zu brüllen, wenn ich in den Keller musste, um ein neues Bierfass anzuschließen, und jeder wusste, was gemeint war. Oder als Filmvorführerin, wo ich plötzlich lernte, was ein Teller noch sein kann und was eine Tonlampe. Ich höre immer gerne Menschen im Berufskontext zu, zum Beispiel Verkäuferinnen in Geschäften, die mit wilden Kürzeln oder Begriffen um sich werfen, und ich weiß nie, worum es geht.

Um 17 Uhr aufs Sofa gewechselt, um Island dabei zuzugucken, wie sie gegen Nigeria verlieren. Kein Hu mehr. *snif*

Abends mit F. zunächst beim Kebapladen um die Ecke einen äußerst wohlschmeckenden Mixteller genossen, wobei ich allerdings vergaß, dass Peperoni durchaus scharf sein können. Aber: Ich esse mich da ran! Irgendwann mit 75 werde ich in einem indischen Restaurant furchtlos ein Curry ordern! Man muss sich immer neue Ziele setzen!

Den Restabend mit F. und Gin Tonic verbracht, die Woche gemeinsam rekapituliert, wieder darüber gerätselt, wie man mit Twitter umgehen soll, jetzt wo es keine Kuschelgruppe mehr ist, sondern eine einzige Masse aus Katastrophenmeldungen. (Auch deswegen freute ich mich gestern sehr über James Cordons Carpool Karaoke mit Paul McCartney, weil es ein kleiner Leuchtturm an Schnuffigkeit war.) F. meinte, Twitter fühlt sich inzwischen wie ein unmoderiertes Forum an: Es gibt keine Gruppen mehr, keine gesetzten Themen und niemand, der mal dazwischengeht, und deswegen kann man der ganzen Panik und schlechten Laune nicht ausweichen, egal wieviele Listen man anlegt und wievielen eigentlich gerne gelesenen Menschen man entfolgt. Ich kriege es auch immer noch nicht hin, mich dort wieder wohlzufühlen, und ich kriege es auch nicht immer hin, jetzt mal keinen verdammten Trump-Link zu vertwittern. Ich versuche es weiterhin mit der Taktik, nicht mehr dauernd online zu sein, die App bewusst für ein paar Stunden zu schließen und sie vor allem nicht direkt vor dem Schlafengehen noch mal zu öffnen. So richtig glücklich bin ich damit immer noch nicht, aber dass ich gestern in eine Vuvuzela gepustet und Töne erzeugt habe und wie der korrekte Plural von „Fokus“ lautet, musste ich dann doch teilen. Weil wichtig.

Was schön war, Donnerstag, 21. Juni 2018 – Knipsen, lesen, quatschen

Gestern hatte ich mir mal wieder den Nachlass der Protzens im Kunstarchiv Nürnberg zurücklegen lassen. Durchgesehen hatte ich die Boxen und Mappen ja schon mehrfach (okay, zweimal), und für meine erste Zwischenbilanz sowie das Doktorandenkolloquium, das vermutlich im September oder Oktober stattfinden wird, brauchte ich jetzt mal einen Schwung Bilder. Außerdem ist es, wer hätte es gedacht, viel leichter, über einen Ausschnitt aus dem Gesamtwerk nachzudenken, wenn man das Gesamtwerk kennt, es also vor der Nase hat anstatt dafür nach Nürnberg fahren zu müssen.

Beim letzten Archivbesuch hatte ich den noch unerschlossenen Nachlass ein bisschen für mich erschlossen. Ich hatte mir notiert, in welchen Boxen was liegt und was genau mich davon interessiert. Ich wusste also zum Beispiel, dass in der von mir nummerierten Box 2 drei Fotoalben lagen, in denen Protzens Ölgemälde Nr. 306 bis 685 abgebildet waren. Die wollte ich komplett ablichten, um alle seine Werke digital vorliegen zu haben. In Box 3 liegen Werbegrafiken von ihm, die ich im Hinblick auf seine späteren Autobahnbilder äußerst aufschlussreich finde, in einer Mappe liegen Urlaubsfotos, deren Motive sich später in Öl wiederfinden usw.

Ich fragte im Archiv nach, ob sie einen Overheadscanner hätten, den ich benutzen dürfte. Haben sie garantiert, denn man kann sich ja Scans bestellen, aber für den Publikumsverkehr ist der anscheinend nicht freigegeben; ich dürfte aber mit meiner eigenen Kamera lustig fotografieren. Das klingt zwar erstmal fies, ist aber im Vergleich zu anderen Archiven, wo man meist nicht mal mit dem Handy Bilder machen darf, schon ganz okay. (Vielleicht kann mir in diesem Zusammenhang mal jemand erklären, warum ich teilweise Archivgut mit bloßen Händen anfassen, aber kein iPhone drüberhalten darf.)

Ich besitze seit einiger Zeit wieder eine hübsche Kamera, die ich allerdings viel zu wenig benutze. Ich habe blöderweise erst nach dem Kauf festgestellt, dass mich das Fotografieren mit Display nervt, ich hätte gerne wieder einen Sucher. Gestern merkte ich aber, dass für die schnarchlangweilige Dokumentenfotografie ein Display ziemlich schnafte ist.

Aber so weit war ich noch gar nicht. Vorgestern fragte ich, ob jemand ein Reprostativ hätte, mit dem ich arbeiten könne. Unser Medienraum in der Uni hat sowas, aber leider nicht in transportabler Größe. Ich bekam aber auch den Tipp, es bei Fotogeschäften zu versuchen, die hätten manchmal einen Leihservice. Das wusste ich noch nicht! Ich rief bei Foto Sauter an, die mir bedauernd sagten, ein Reprostativ hätten sie nicht, aber man könnte ein Dreiwegestativ nehmen und die Mittelstange umdrehen, dann müsste man die Kamera ja so anbringen können, dass sie nach unten zeigt – wenn ich mal kurz dranbleiben könne, der freundliche Herr am Telefon versuche das mal eben … ja, das geht. Vorbeikommen und abholen, bitte. Das erledigte ich dann noch am Mittwochabend, zahlte 19 Euro Gebühr für einen Tag Leihzeit, baute das Ding probehalber auf dem eigenen Schreibtisch auf, fotografierte ein bisschen damit und stellte fest, das ging wirklich gut.

Gestern setzte ich mich dann wie immer in den ICE, allerdings nicht den frühen, mit dem ich zur Öffnungszeit des Archivs um 9 vor Ort bin, sondern den etwas späteren. Außerdem gönnte ich mir bei den gestrigen 28 Grad eine Station U-Bahn-Fahrt vom Hauptbahnhof zum Opernhaus, anstatt den Weg wie sonst zu Fuß zu gehen (ich mag die führerlose U-Bahn so gerne). Ich transpirierte leider trotzdem etwas, als ich im Archiv ankam, war allerdings auch schwer bepackt. Rucksack mit Rechner, Netzteil, Notizbuch, Zug- und Wartezeitenüberbrückbuch, Wasserfläschchen und externem Trackpad (das im MacBook zickt neuerdings etwas) sowie die Tasche mit Stativ und Kamera waren doch schwerer als ich dachte. Egal. Angemeldet (ich wurde schon erkannt), Sachen ins Schließfach geworfen, an meinen Tisch gegangen und mein Pseudo-Reprostativ aufgebaut.

Hinter dem Stuhl auf dem Wägelchen liegt der komplette Nachlass, mehr ist das leider nicht. Aber immerhin. Weil ich mir bei den Urheberrechten nicht so sicher bin, habe ich die Bilder, die ich abfotografiere, übrigens für die Blogbilder absichtlich teilweise verdeckt. Nur dass ihr nicht denkt, ich wäre zu doof, meine Handschuhe vernünftig abzulegen. Die Gummibänder um die Kamera sind nur für meine neurotische Angst, das Schraubgewinde könnte doch nicht halten. Vermutlich unbegründet, aber man weiß ja nie.

Und dann fotografierte ich. Und fotografierte. Und fotografierte some more. Meine Güte, ist das langweilig, vier Stunden lang nichts anderes zu tun als Dinge hinzulegen, durch ein Display zu gucken, scharfzustellen und abzudrücken. Ich hatte auch nicht das Gefühl, noch wirklich was zu sehen, ich zog einfach nur Zeug aus Boxen, legte es hin, knipste und machte alles nochmal. Das ist echt nicht mein Job. Leider war die Lichtsituation auch nicht die allerbeste, um Fotos zu fotografieren. Papiere und Dokumente gingen einwandfrei, aber bei den blöden glänzenden Bildern habe ich doch manchmal einen Lichtreflex drauf, trotz MacBook zum Abschirmen und meinem wild in die Gegend gehaltenen Notizbuch. Die meisten Seiten der Fotoalben habe ich mehrfach fotografieren müssen, um halbwegs blendfreie Bilder zu kriegen, denn irgendeinen Punkt gab’s halt doch, wo nichts reflektierte. Trotzdem ahne ich, dass ich irgendwann schlampig geworden bin wie das leider meine Art ist bei monotoner Quatscharbeit. Heute werde ich alle Bilder durch den Photoshop jagen und dann gucken wir mal. (Yay, 900 Bilder im Photoshop angucken! Ächz.)

Um 15 Uhr beschloss ich, keine Lust mehr zu haben und außerdem zickte mein Rücken vom vielen komisch Rumstehen und gebückt über Dingen hängen. Ich hatte alles abgelichtet, was ich mir vorgenommen hatte, und dann noch ein bisschen. Für alles weitere muss ich notfalls nochmal vorbeischauen.

Für den Abend hatte ich mich mit jemandem verabredet, den ich seit hundert Jahren lese, und den ich vor ungefähr zehn Jahren mal in Hamburg auf einer kleinen Feier getroffen hatte. Der gute Mann hatte nicht ganz so früh Feierabend wie ich, also überbrückte ich die Zeit mit einem sehr guten Flat White und einer großen Apfelschorle bei Marchhörndl, nachdem ich mir brav St. Lorenz angeguckt hatte. Dort hatte ich aber gemerkt, echt nicht mehr gucken zu können, auch wenn ich mich sehr über den Chorumgang in der Kirche freuen konnte. Chorumgänge sind super. Vor der Kirche fand gerade irgendeine kleine Handwerks- und Industriemesse statt, und während ich auf alte Gemälde mit Goldgrund guckte, hörte ich einen mittelmäßigen Elvis-Imitator. Auch das war, neben meiner Kopfmatschigkeit, ein bisschen dem Kunstgenuss abträglich.

Ich las im Café, dann las ich auf einer Bank in der Fußgängerzone, und dann hatte auch der Herr Feierabend und mein Kopf war wieder wach. Wir setzten uns in einen netten Biergarten mit noch netterem Service, aßen eine Kleinigkeit, ich gönnte mir drei schöne Dunkelbiere und blubberte vermutlich viel zu lange über Nazischeiß (sorry!), wir sprachen aber immerhin nur drei Minuten über Trump und zwei über Söder, und dann viel länger über schöne Dinge. Das war sehr nett, vielen Dank. Auch für die Wegbeschreibung zum Bahnhof: „Einfach immer an der Stadtmauer lang.“ Das können ja auch nicht mehr viele Städte von sich sagen.

Der Herr musste etwas früher weg als mein Zug fuhr, also trank ich mein letzten Bierchen sehr gemütlich, las weiter, schlenderte dann zum Bahnhof, las dort noch, stieg um kurz vor zehn in den ICE und, wer hätte es gedacht, las. Ich beendete das sehr schöne Buch fast punktgenau – fünf Minuten, bevor der Zug im München ankam. Das freut den inneren Monk.

Für die zehnminütige Wartezeit auf die U-Bahn nach Hause hätte ich sogar noch ein zweites Buch im Rucksack gehabt (MAN WEISS JA NIE!), aber mein Kopf war schon im Bett. Der Körper kam relativ schnell nach.

Was schön war, Dienstag, 19. Juni 2018 – Schreibtischtag

Von morgens bis abends am eigenen Schreibtisch gesessen. Alles gelesen, was bei mir rumlag, dann in den einschlägigen Katalogen gesucht und gefunden, da was gelesen, zehn Aufsätze runtergeladen, viele Bilder angeguckt.

Mails an Institutionen und Menschen geschrieben, die mir bei der Diss weiterhelfen sollen. Manchmal sofort eine Antwort gekriegt, bisher leider noch nicht das, was ich brauche. Aber immerhin eine Antwort. Macht ja auch nicht jeder.

Eine Verabredung für Donnerstag in Nemberch (Kunstarchivtag, wo-hoo) getroffen. Sehr vorfreudig.

Morgens schönen Cold Brew genossen, über den Tag verteilt Tee. Abends mit F. und seinem besten Freund essen gewesen. Das erste Mal im Georgenhof ein normales Schnitzel geschafft und nicht nur die kleine Portion, weil ich den Tag über außer einem Mittagsbrot nichts gegessen hatte. Danach hätte ich mich gerne einfach unter den Tisch gelegt, habe es aber noch geschafft, eine Stunde Konversation zu machen. Nach Hause geradelt und ins Bett gekugelt.

Nachts das Schnitzel bitter bezahlt, sehr schlecht geschlafen. Das mit dem Essen habe ich anscheinend auch nach fast 50 Jahre nicht so richtig drauf.

The Glorious, Bizarre History of Soccer and Fashion

Der Atlantic über ein Buch, das sich mit Fußballern und was sie so außerhalb des Platzes tragen, beschäftigt.

„Stylistically, Soccer Style is less measured historical analysis than zingy reader’s guide, with more than 200 photos and taxonomical categories for the five variants of soccer style (Good Taste Ambassadors, Label Kings, Psychedelic Ninjas, Hired Assassins, Bohemians and Fauxhemians). Neymar, the Brazilian superstar, is a Psychedelic Ninja, with “his finger-in-the-socket hair, pointy catlike features, and super-skinny sharp-angled physique.” The retired Italian midfielder Andrea Pirlo is a Good Taste Ambassador, having “entered his wine-instead-of-lager, DILFy years.” Doonan resists the urge to judge, stating more than once how much he appreciates how soccer stars and their cash prop up the fashion industry, excesses and all.

That said, he often has shrewd and insightful analysis into the cultural and economic factors that shaped the outlandishness of soccer style. […] It’s no coincidence that Beckham is so intrinsically linked to the confluence of soccer and fashion, Doonan argues: His professional debut in 1992 coincided with both the founding of the Premier League and the democratization of fashion into “a global, throbbing, screeching, Sex and the City, shimmering spectator sport.”“

Breaking Up with James Joyce

Die Autorin Gabrielle Carey macht mit ihrem Lieblingsschriftsteller Schluss. Oder sie versucht es zumindest.

„My son was nine when a professional man in a suit asked: ‘And what does your mother do?’

Without hesitation, he answered: ‘She works for James Joyce.’

Over the years, my son has heard a lot from his mother’s overbearing boss. On the way home from school he heard readings of Ulysses on the car cassette deck, around the kitchen table he heard discussions of Finnegans Wake, and in the lounge room he heard rehearsals for Bloomsday.

So it was absolutely true that his mother has been in the employ of James Joyce for as long as he could remember. The author has determined my daily work of writing and teaching; he has also provided friends, colleagues, lovers, and once, a husband. Even my social life is arranged around Joyce, anchored each month by a meeting of the Wakers, also known as the Wankers, or, as my daughter refers to them, ‘your boring nerd friends.’ (Or, as the Sydney Morning Herald once accused, ‘the most pretentious book club in Sydney’.)

In many ways, Joyce has been my longest long-term relationship.“

(via Arts & Letters Daily, für das ich mir nie genug Zeit nehme.)

Was schön war, Sonntag/Montag, 17./18. Juni 2018 – „Das ist hier die Frage“

Wochenende ist immer schön, auch wenn manche Fußballspiele eher scheiße sind. Ich meinte so zu F. während #GERMEX, dass ich mich so sehr auf die Bundesliga freue: Selbst bei Augschburg, die echt keine Offensivkünstler sind, wäre mehr Zug zum Tor als bei DER MANNSCHAFT. Nebenbei: Ich ahne Böses, weil in den Werbekampagnen DIE MANNSCHAFT so irre hochgejazzt wird. Es erinnert mich fatal an die Niederlage der Frauen-Nationalmannschaft bei der Heim-WM 2011, als die Damen vorher hochgeschrieben wurden à la „Verlieren ist was für Männer“ und dann fies im Viertelfinale in Wolfsburg rausflogen (ich war im Stadion). Aber gut. Is ja nur Fuppes. Und DIE MANNSCHAFT ist mir egaler als ein Verein.

Ansonsten Sonntag Brot gebacken, Queer Eye geguckt und ein paar Seiten im Finnegans Wake gelesen. Dagegen ist Ulysses streberhafte, gut lesbare Mainstreamliteratur. Die Wake ist quasi nur noch Klang, nur noch Wortgebilde, die vermutlich irgendwas von mir wollen, aber ich habe keine Ahnung was. Oder, nee, Moment, ich behaupte, zwischendurch zu glauben, etwas zu verstehen, aber sicher bin ich mir nicht. Völlig egal, das ist ein lustiges Leseerlebnis.

Ich habe noch ein bisschen über Ulysses nachgedacht. Ich glaube, jeder Autor und jede Autorin möchte gelesen und verstanden werden. Beim Ulysses kommt davon aber nicht viel rüber. Dieses Buch ist eine einzige Absage an alle Lesegewohnheiten, die man sich über Jahrzehnte Buchgenuss angeeignet hat. Ich erwarte irgendwas in der Richtung Stoff- und Figurenentwicklung: also eine Exposition, einen Hauptteil, einen Höhepunkt, einen Ausklang. Schön wären Spannungskurven oder Brüche. Die Charaktere sollten irgendwie gekennzeichnet werden und sie sollten eine Geschichte erleben; die muss nicht minutiös ausgekleidet sein, aber so ein Anfang und ein Ende wären nett.

Der Ulysses hat davon fast nichts. Das Interessante ist aber: Wenn man das im Kopf klargekriegt hat, ist das alles total egal. Und ich glaube inzwischen, dass Joyce einfach mal gucken wollte, ob die Leser*innen so schlau sind wie er und was er uns so zumuten kann.

Von der Wake kann ich noch nicht mehr sagen als in den ersten Zeilen dieses Absatzes, aber ich glaube, hier hat Joyce schlicht aufgegeben, dem Leser oder der Leserin zu vermitteln, was so in seinem Kopf vorgeht – oder sich gedacht: Wer den Ulysses erarbeitet hat, kann sich auch noch mehr anstrengen. Beim Ulysses gibt es wenigstens ein wackeliges Gerüst (die Odyssee), es gibt erkennbare Figuren, die halbgar eingeführt werden, und der Rest brummelt sich halt so zusammen. Man kann diesem Buch folgen, auch wenn es deutlich mühsamer ist als bei allen anderen Büchern, die ich bisher las. (Infinite Jest ist ein Schüleraufsatz dagegen gewesen, und Proust total simpel. Laaaaang, aber simpel.) Ich ahne, dass die Wake mich nochmal herausfordern wird, weil sie nicht mal ein wackeliges Gerüst hat. Aber wer weiß, vielleicht schreibe ich in vier Wochen hier genau das Gegenteil. So wie die erste Seite klangen bis jetzt jedenfalls alle. Ich glaube, ich lese gerade irgendwas zwischen der Bibel und Game of Thrones, aber nicht mal dabei bin ich mir sicher.

Gestern alleine zuhause aufgewacht, weil ich die Woche im anständigen Arbeitsrhythmus beginnen wollte, so mit pünktlich aufstehen, nicht mehr ewig Rumkuscheln und spätestens um 9 am Schreibtisch sitzen, wie in der Agentur halt. Statt Arbeit für Geld erledige ich derzeit Arbeit zum Spaß, nämlich an meiner Dissertation. Deswegen musste gestern auch Fußball ausfallen.

Ich habe in den letzten Wochen sehr gemerkt, dass mir die universitären Deadlines fehlen. In jedem Semester kam irgendwann der Punkt, an dem ich meine dicke Stoffsammlung und die viel zu lange Bibliografie loslassen und ein Referat und/oder eine Hausarbeit bzw. Masterarbeit daraus schnitzen musste. Diesen Punkt habe ich jetzt nicht. Ich kann, wenn ich will, zehn Jahre vor mich hinpromovieren, denn ich mache das ja nur noch, weil mir sonst langweilig wird. Daher habe ich mir selbst den Zeitpunkt Ende Juni gesetzt, an dem mich mir selber ein mindestens 20-minütiges Referat halten werde. Ich werde dafür eine Powerpointpräsentation basteln und ein Handout schreiben, so als ob ein total gespanntes Seminar vor mir sitzt, das dringend meine bisherigen Ergebnisse hören möchte. Und damit ich mich nicht selbst davor drücke, weil doch was dazwischen kommt (wie Arbeit für Geld), habe ich meine geschätzte Korrekturleserin gefragt, ob sie mein Publikum sein will. F. kann den Kram nämlich schon mitsprechen, so oft, wie ich ihn damit belästige.

Die Korrekturleserin hat netterweise Ja gesagt, und deswegen saß ich gestern brav um 9 am Schreibtisch und las meine eigene Stoffsammlung durch, der ich seit November stetig was hinzugefügt habe. Dabei habe ich aber so oft meine Richtung geändert, dass ich jetzt erstmal ordnen musste, was ich überhaupt brauche. Eine halbgare Forschungsfrage ergab sich in den letzten Wochen, vor allem beim Besuch der Moritzburg in Halle, und die verfestigte sich in einigen Gesprächen immer mehr zu einer These. Gestern gegen 17 Uhr konnte ich dann erstmals nach acht Monaten Rumdenken von mir behaupten, meine Diss in einem Satz zusammenfassen zu können. Ich hoffe, der Satz trägt. Jedenfalls baue ich jetzt auf ihm das Referat und die bunte Präse auf, und dann werde ich merken, ob er wirklich was taugt. Im Moment bin ich sehr zuversichtlich.

Das hat sich sehr gut angefühlt. Vor allem, weil ich weiß, in wieviele Sackgassen ich bei Protzen gerannt bin und vermutlich auch weiterhin renne. Mit der jetzigen Ausrichtung müsste ich aber trotzdem das sagen können, was seit Monaten in meinem Kopf rumknetet und jetzt endlich zu einer Form geworden ist.