„Aber das Alter nahte mit grausamen und lautlosen Schritten und manchmal in tückischen Verkleidungen. Sie zählte die Tage, die an ihr vorbeirannen, und jeden Morgen die feinen Runzeln, zarthaarige Netze, in der Nacht um die ahnungslos schlafenden Augen vom Alter gesponnen. Ihr Herz aber war ein sechzehnjähriges Mädchenherz. Mit ständiger Jugend gesegnet, wohnte es mitten im alternden Körper, ein schönes Geheimnis in einem verfallenden Schloß. Jeder junge Mann, den Frau von Taußig in ihre Arme nahm, war der langersehnte Gast. Er blieb leider nur im Vorzimmer stehen. Sie lebte ja gar nicht; sie wartete ja nur! Einen nach dem andern sah sie davongehn, mit bekümmerten, ungesättigten und verbitterten Augen. Allmählich gewöhnte sie sich daran, Männer kommen und gehen zu sehen, das Geschlecht der kindischen Riesen, die täppischen Mammutinsekten glichen, flüchtig und dennoch von schwerem Gewicht; eine Armee von plumpen Toren, die mit bleiernen Fittichen zu flattern versuchten; Krieger, die zu erobern glaubten, wenn man sie verachtete, zu besitzen, während man sie verlachte, zu genießen, wenn sie kaum gekostet hatten; eine barbarische Horde, auf die man trotzdem wartete, solange man lebte. Vielleicht, vielleicht stand einmal ein einziger aus ihrer verworrenen und finsteren Mitte auf, leicht und schimmernd, ein Prinz mit gesegneten Händen. Er kam nicht! Man wartete, er kam nicht! Man wurde alt, er kam nicht! Frau von Taußig stellte dem nahenden Alter junge Männer entgegen wie Dämme. Aus Angst vor ihrem erkennenden Blick ging sie mit geschlossenen Augen in jedes ihrer sogenannten Abenteuer. Und sie verzauberte mit ihren Wünschen die törichten Männer für den eigenen Gebrauch. Leider merkten sie nichts davon. Und sie verwandelten sich nicht im geringsten.“

Joseph Roth: Radetzkymarsch, München 1981 (Erstauflage 1932), S. 181.

Schokoladen-Babka

Ich musste sehr lachen, als ich gestern meine Babka-Fotos instagrammen wollte, denn der erste Eintrag in meinem Feed war von MissCaro, die genau dasselbe eine Stunde vorher erledigt hatte. Unser beider Inspiration war die letzte Folge von The Great British Bake-Off gewesen, wo die Kandidat:innen allerdings nur lausig wenig Zeit zur Verfügung hatten, wie dieser Blogartikel kritisch anmerkt. Mein Rezept stammt aus dem alten Ottolenghi-Buch Jerusalem, und wenn ihr heute noch mit dem Teig anfangt, könnt ihr morgen zum Brunch die Babka essen.

Das Rezept im Buch ist für zwei Babkas, ich habe nur eine zubereitet, aber ich ahne, warum man gleich zwei machen sollte: ist irre schnell weg. Hier kommen die Zutaten für eine Kastenform.

265 g Mehl, Type 405, mit
50 g Zucker,
1 TL Trockenhefe sowie der
abgeriebenen Schale von 1/2 Zitrone in einer Schüssel mischen.
1 Ei,
1 Eigelb,
1 dicke Prise Salz und
60 ml Wasser bei niedriger Geschwindigkeit unterrühren. Nach und nach
75 g zimmerwarme Butter in Stücken dazugeben, bei mittlerer Geschwindigkeit rühren, bis der Teig glatt und elastisch ist. Wenn ihr zwei Babkas backt, drei Eier verrühren und die Masse halbieren.

Eine Schüssel leicht ölen, den Teig hineingeben, mit Frischhaltefolie abdecken und für mindestens 12 Stunden, am besten über Nacht, im Kühlschrank gehen lassen.

Als ich den Teig gestern mittag aus dem Kühlschrank nahm, dachte ich, ich hätte etwas falsch gemacht: Er war nicht so aufgegangen, wie ich es erwartet hatte und fühlte sich auch eher nach festem Mürbeteig als nach flauschigem Hefeteig an. Das legte sich aber beim weiteren Bearbeiten, also keine Sorge.

Eine Kastenform mit 1 kg Fassungsvermögen leicht ölen und mit Backpapier auslegen, dabei das Papier an den langen Seiten überstehen lassen, so dass ihr die Babka später aus der Form bekommt.

65 g Zartbitterschokolade schmelzen.
60 g Butter schmelzen.
25 g Puderzucker mit
15 g ungesüßtem Kakaopulver mischen und mit Butter und Schokolade zu einer streichfähigen Paste mischen.

Den Teig auf einer bemehlten Arbeitsfläche auf ca. 30 x 40 cm ausrollen. Die Paste aufstreichen, dabei einen ca. zwei Zentimeter breiten Rand lassen.

50 g gehackte Pecannüsse (Wal- oder Haselnüsse gehen vermutlich auch) auf die Schokoschicht streuen und noch
1 EL Zucker darübergeben. Ich habe nicht verstanden, wozu das nötig ist, kann man vermutlich weglassen, aber der eine Löffel macht die Babka auch nicht mehr fett.

Den Teig nun zu einer langen Rolle aufrollen, die Naht sollte unten liegen. Diese Rolle nun längs (!) halbieren. (Wer clever ist, legt die Rolle vor dem Halbieren schon auf das vorbereitete Backpapier, das in die Kastenform kommt. Ich war nicht clever.) Die zwei Stränge am oberen Ende miteinander verbinden, dann die beiden Stränge übereinanderflechten. Also rechten Strang über den linken legen, dann den linken über den rechten etc. Dabei nicht groß quetschen, es geht nur darum, dass beide Stränge hübsch aussehen und dass dabei die Schnittseite immer oben bleibt. Dann alles in die Form heben. Das ging bei mir, indem ich mein großes Hackmesser als Transportmittel genutzt habe. Beim Rollen und Schneiden fühlte sich mein Teig auch wieder brav wie Hefeteig an.

Die Form nun mit einem angefeuchteten Küchentuch abdecken und nochmal für eine bis anderthalb Stunden an einem warmen Ort gehen lassen.

Den Backofen auf 190 Grad Ober- und Unterhitze vorheizen. Die Form mit Alufolie locker bedecken und die Babka für etwa 30 Minuten backen. Sagt jedenfalls das Buch, bei mir waren es 45 und die Mitte war immer noch klietschig. Also: Stäbchenprobe.

Während die Babka backt, einen Sirup herstellen. Dazu
130 Zucker in
80 ml Wasser geben und aufkochen. Sobald sich der Zucker vollständig aufgelöst hat, vom Herd nehmen und abkühlen lassen.

Sobald die Babka aus dem Ofen kommt, den Sirup über den Kuchen streichen und dabei vollständig aufbrauchen. Die Babka lauwarm abkühlen lassen und erst dann aus der Form nehmen.

Ich fand den Kuchen erstaunlich unsüß, obwohl soviel Zucker drin ist, aber die dunkle Schokolade und der dunkle Kakao steuern sehr gut dagegen. Durch den Sirup kriegt die Babka einen schönen Glanz und ein bisschen nasse Füße, das ist beim Essen sehr lustig. Tolles Zeug. Die Wartezeiten lohnen sich wirklich.

Tagebuch Donnerstag, 15. Oktober 2020 – Vorbereitungen

Gearbeitet, unter anderem den Vortrag fürs Doktorandenkolloquium erstmals Probe gehalten: 22 statt der geplanten 15 Minuten sind schon sehr gut. Ein bisschen gekürzt, ein bisschen rumgeschoben, vermutlich werde ich eh wieder zu schnell reden, und damit passt das dann.

Den Rest des Tages verbrachte ich mit Vorbereitungen: Herr F. hatte sich gewünscht, mal wieder seinen Burger zu essen. Also buk ich Burger Buns, weil ich nur noch drei tiefgefrorene hatte, und so wie ich uns kenne, möchte jeder zwei essen und nicht nur einen. Ich setzte Balsamicozwiebeln an und bastelte Whiskey Bacon Jam – mit Honig statt mit Ahornsirup, der war überraschend alle. Die in Gin eingelegte Gurken hatte ich schon am Wochenende angesetzt. Heute besorge ich noch Fleisch und dann tafeln wir heute abend ganz hervorragend.

Als Ausgleich aß ich gestern, wie auch schon vorgestern, Nudeln mit vegetarischer Hackfleischsauce vom Supermarkt zum Mittag, das lag schon länger im Kühlschrank und musste wirklich mal weg. Hatte ich irgendwann geistig umnachtet als Hackfleischersatz gekauft und erst zuhause gemerkt, dass es mit Tomatensauce kommt. Bisschen viel Oregano, aber sonst ziemlich gut. (Finde gerade keinen Link, liegt bei Edeka in der Kühltruhe.)

Germany’s Better. No, Worse. Wait, What?

Ich lese gerne Außenansichten zu meinem Land, daher:

„It’s a dichotomy I’ve observed throughout my life as a dual citizen of the U.S. and Germany, having lived in both places as well as the U.K. and Asia. From the outside, Germany often looks enigmatically strong, orderly or even enlightened. From the inside, it can appear hopelessly behind, calcified and often benighted — and probably on the verge of terminal decline. […]

One harrowing initiation rite for expats is their first contact with the Orwellian-named Ordnungsamt (Department of Order), informing them of various violations — from their parking and waste separation to their children’s noise during regulated hours.

At the same time, German enforcers somehow keep missing the biggest scandals. One example was the systematic cheating by German carmakers on diesel emissions (first prosecuted in 2015 in the U.S. rather than Germany). Another was the recent disappearance of billions from the balance sheet of the country’s leading fintech company (first investigated by Britain’s Financial Times). […]

But this striving for consensus also has its dark sides: conformism and resistance to change. In the plus column, the resulting German mentality produces fertile biotopes of medium-sized and family-owned firms, the so-called Mittelstand, that manufacture some obscure widget, generation after generation and with world-beating reliability. In the minus column, the same attitudes explain Germany’s aversion to risk, iconoclasm and blue-sky innovation.“

Rez. Hannah Jonas: Fußball in England und Deutschland von 1961 bis 2000

Aus dem Newsletter der Sehepunkte pickte ich mir unter anderem diese Rezension raus:

„Selbstredend geht es der Autorin nicht einmal am Rand um Tore, Tabellen und Trophäen, die in unendlich vielen, reich bebilderten Fanbüchern bereits zu Genüge dokumentiert wurden. Vielmehr ist für sie die Geschichte des Fußballs ein ideales Spielfeld, auf dem sich sozio-ökonomische Wandlungsprozesse nach dem “Ende des Booms” zeigen lassen, nachdem 1950er Jahre und 1960er Jahre von einem bemerkenswerten wirtschaftlichen Aufschwung gekennzeichnet waren. Jonas geht dabei von der begründeten Annahme aus, dass der Fußballsport als Konsumprodukt und Medienereignis gesamtgesellschaftliche Entwicklungen besonders gut veranschaulichen kann. Bei diesem Ansatz ist es nur plausibel, dass für die Zeit bis 1990 der Fußballsport in der DDR, der den marktwirtschaftlichen Gesetzmäßigkeiten des Westens weitgehend entzogen war, nicht beleuchtet wird. In diesem Rahmen lautet die These der Autorin, dass der Fußballsport “vom Verlierer der Wohlstandsgesellschaft zum Motor einer kommerzialisierten und globalisierten Unterhaltungskultur” geworden sei.“

The last thing America needs right now is more ‘West Wing’

Ich gucke es natürlich trotzdem.

„The result, now available on HBO Max, is everything a die-hard fan could want: proof that President Josiah “Jed” Bartlet (Martin Sheen), a Nobel-winning economist who served two terms in an alternate-reality America many years ago, is still somehow with us, along with his loyal aides. They live in an enviable world in which the people have elected one of the smartest men in the country to lead it, instead of one of the dumbest. In that world, every word uttered is emphatic and sharp and true.

So many words, words upon words, the effluence of the dialogue being the show’s draw, as well as one of its drawbacks. What sounded so glidingly lyrical back then verges on the ridiculous and grating now, unless, of course, you have too much invested in “The West Wing’s” idealized Washington, where centric principles almost always triumph over politics. That’s a pipe dream that most viewers put away long ago. Other fans cling to it, watching “West Wing” episodes in endless Netflix loops, not merely as a diverting means of escape from the hideousness of 2020, but as a privileged form of zoning out — a detached state of denial at the very worst time to be detaching. […]

It’s strange how the thing we might most desire (to live once more in the reassuring grip of “The West Wing’s” make-believe) is also the last thing America needs right now. Bartlet, if he existed, would probably agree and record his own PSA: He would ask us to let go, get real and move on. (And vote.)“

How to (not) watch the Trump town hall on NBC

Ich lachte. Ist ja auch was IN DIESER SITUATION.

„Here’s how best to watch President Trump’s town hall Thursday night on NBC and its affiliates:

– Consult your local listings to find what channel NBC and its affiliates are in your area!
– Tune your TV to that channel.
– Unplug the TV.
– Throw it out the window.
– Watch the screen shatter on the asphalt or other pavement below.
– Oh no! Those screens contain toxic materials, and you can’t just throw away TVs. Check your municipality’s recycling guidelines so you can dispose of that TV safely.
– Wow, there are very many rules about how to handle a broken TV, and this is going to be more involved than I initially assumed!“

Tagebuch Dienstag/Mittwoch, 13./14. Oktober 2020 – Infektionszahlenpanik

An Orga-Dingen rumgebastelt, den Vortrag fürs Kolloquium finalisiert, aber noch nicht probegehalten und Zeit gestoppt, ich ahne, dass da einige Folien wieder rausfliegen müssen. Doch nicht so einfach, 360 Seiten Text in 15 Minuten zu quetschen. Habe ich natürlich eh nicht, sondern mich für ein Werk enschieden, das ich genauer vorstelle, aber auch daran lassen sich acht Millionen Dinge andocken, die ich inzwischen weiß und irre gerne weitererzählen möchte. Aber hey, da ich plane, die Diss nicht nur drucken zu lassen, sondern auch schön Open Access zur Verfügung zu stellen, könnt ihr das hoffenlich demnächst alles nachlesen. Ich frage das ab! Das Blog wird passwortgeschützt und jeden Tag gibt es eine neue Frage, mit deren Antwort ihr die Schranke überwinden könnt. Ein hervorragender Plan.

Die Heizung in meiner Wohnung geht momentan nur manchmal. Ich bin aber noch zu faul, die Verwaltung anzuschreiben oder anzurufen, darum kümmert sich vermutlich schon jemand anders im Haus. Noch habe ich auch Strickjacken und Thermosocken und Fleecedecken. Gestern hatte ich die brillante Idee, durch Sport warm zu werden, hatte aber übersehen, dass die gestrigen Übungen barfuß auf der Matte stattfanden, weswegen ich erstmal kalte Füße hatte. Aber nur für drei Minuten.

Abends brachte F. ein Kistchen Quitten vorbei, damit ich wieder lustige Käsebeilagen produzieren kann. Die Ausbeute vom letzten Jahr ist bis auf wenige Würfelchen alle, das passt zeitlich ganz hervorragend.

Die Quitten stammen von F.s Verwandten, die wir neulich noch besucht haben, schön mit Abstand auf der Terrasse. Eigentlich wollte ich an diesem Wochenende spontan zu meinen Eltern, damit Mama ausschlafen kann, jetzt wo mein Vortrag quasi steht. Es kam ein Werbejob dazwischen, an dem ich gerade sitze, aber auch ohne ihn wäre ich vermutlich nicht gerne in einen Zug gestiegen.

Mir ist nicht klar, warum uns die zweite Welle nun wirklich erwischt und das anscheinend auch noch mit ähnlicher Heftigkeit wie März/April. Um mich herum tragen alle brav Maske und bleiben größtenteils zuhause, gehen nicht alle zwei Tage essen und feiern keine Partys mit 100 Bekannten. Sind diese hohen Zahlen alles Cluster, die sich bilden, oder durchdringt dieses nervige Virus jetzt doch allmählich alle, die mal Bus fahren oder länger einkaufen? Ich kann es mir nicht erklären, und ich bin wirklich überrascht davon, gerade weil wir den Sommer doch alle halbwegs gut überstanden haben (hoffe ich jedenfalls für alle Mitlesenden). Ich habe nur in meinem sehr erweiterten Bekanntenkreis zwei Infektionen mitbekommen, die beide überstanden wurden, was mich natürlich sehr erleichtert. Vor einigen Wochen fragte jemand auf Twitter nach Zahlen im eigenen Umfeld und da sah es bei den allermeisten Antwortenden sehr ähnlich aus. Daher nochmal die Frage: Woher kommen diese Zahlen? Sind das alles Fleischbetriebe, Unterkünfte für Flüchtlinge (die auch aus anderen Gründen dringend mal überdacht werden sollten) und Abifeiern? Ich bin ratlos – und seit einigen Tagen auch wieder deutlich ängstlicher als noch vor ein paar Wochen, wo ich launig dachte, ach, tragen ja alle Maske, das kriegen wir schon hin.

Fehlfarben 27: Welt im Umbruch/About Us

Dieses Mal habt ihr noch richtig Zeit, in die beiden Ausstellungen zu gehen, die wir besprechen: „Welt im Umbruch. Von Otto Dix bis August Sander – Kunst der 20er Jahre“ im Stadtmuseum sowie „About Us. Junge Fotografie aus China“ in der Alexander-Tutsek-Stiftung laufen beide noch bis Januar 2021. Vielleicht einen Gutschein dafür in den Adventskalender basteln?

In other news habe ich mal wieder vergessen, ein gutes Foto zu machen, weswegen ihr die schon aufgedeckten Furmint-Flaschen seht, die wir nach der Aufnahme total selbstlos leertranken.

Podcast herunterladen (MP3-Direktlink, 82 MB, 105 min), abonnieren (RSS-Feed für den Podcatcher eurer Wahl), via iTunes anhören.

00.00:00. Begrüßung und Vorstellung.

00.00:55. Blindverkostung Wein 1.

00.03:45. Unsere erste Ausstellung: „Welt im Umbruch.“ Wir haben etwas am Titel zu mosern und stürzen uns auch gleich in die Diskussion, warum die Ausstellung die 20er-Jahre betont, ein Großteil der ausgestellten Werke aber aus den 30ern ist. Das ist, wie langjährige Mitleserinnen ahnen, genau meine Seifenkiste, auf die ich klettere, vermutlich zu lang, sorry. (Vielleicht sollte ich nach 100 Jahren mal erklären, woher der Begriff Seifenkiste kommt.)

Wir erwähnen ein tolles „Selbstbildnis“ (1932) von Fridel Dethleffs-Edelmann und sprechen länger über Barthel Gilles’ „Selbstbildnis mit Gasmaske“ (1929). Ich monologisiere ewig über meinen Helden Carl Grossberg, von dem mehrere Werke zu sehen sind, die aber teilweise nicht als eigenständige Kunstwerke geplant waren, sondern als Aufträge entstanden. Zum Beispiel das „Stahlskelett“ (1935), das in Westermanns Monatsheften 1935 als Teil einer Serie zur deutschen Industrie unter dem Titel „Reichsluftfahrtministerium Berlin“ abgedruckt war (auch als Aquarell unter diesem Titel im Nachlass), oder die Lithografie für die BEWAG-Werke, deren Motiv vom Direktor des Betriebs ausgesucht wurde. Das ändert natürlich nichts daran, dass die Arbeiten toll sind, aber ich hätte mir da etwas mehr Infos am Bild gewünscht.

Dann meckere ich ewig darüber rum, dass Fotos von Erna Lendvai-Dircksen zu sehen sind, die aus den 1930er-Jahren sind und erwähne mal wieder ein winziges bisschen die Autobahnen because I can. Ich zitiere außerdem des Öfteren aus dem AKL, das doch etwas differenziertere biografische Daten hat als die Wikipedia, die ich gerade was das Thema Kunst rund um den NS angeht, als immer übler recherchiert empfinde. Wir schwärmen natürlich von August Sander, ich freue mich über meinen Liebling, den Konditormeister, wir erwähnen die Fotografinnen, die uns auffielen, und dann geraten Felix und ich kurz aneinander.

Was ich vergaß zu erwähnen: Die Ausstellung beginnt quasi schon vor der Ausstellung – an den Fenstern vor den ersten Räumen hängen alte Zeitungen, Artikel und Werbung gemeinsam, das fand ich einen schönen Reinkommer bzw. Rausschmeißer.

00.34:40. Mittendrin mal Wein 2, während wir uns darüber echauffieren, dass viele Werke aus Münchner Sammlungen gar nicht so recht ins Konzept passen. Trotzdem schön, sie zu sehen, wir hadern auf hohem Niveau. Immerhin hat das Stadtmuseum die falsche Bildunterschrift bei einem meiner liebsten Grossbergs geändert. (Beim Nachhören merke ich gerade, dass ich über die „üblichen Verdächtigen“ meckere, aber dann doch vieles gesehen habe, das ich noch nicht kannte. Verdammter Podcast. Nie kann man korrekturlesen!)

00.47:25. Wieder mittendrin: Wein 3.

01.03:00. Wir mäandern ums Fazit, einigen uns aber auf eine Anschauempfehlung. Wie immer. Läuft noch bis zum 10. Januar 2021.

01.09:25. Unsere zweite Ausstellungsbesprechung ist etwas kürzer, weil wir so lange mit dem Stadtmuseum ringen mussten. Von chinesischer Fotografie haben wir alle keine Ahnung, fanden die Ausstellung aber mit kleinen Abstrichen sehr sehenswert. Wir erwähnen unter anderem Cai Dongdong, die Menschenbilder von Wang Ningde, Werke von Rong Rong und Inri und fragten uns in diesem Zusammenhang, wer eigentlich das ikonische Foto von John Lennon und Yoko Ono gemacht hat, und das war natürlich Annie Leibovitz. Wieder was gelernt, Anschauempfehlung, läuft noch bis zum 21. Januar 2021.

01.39:40. Wir lösen unsere Weine auf, die wir alle nochmal trinken würden:

Wein 1: Kikelet, Tokaji Furmint Lónyai 2018, 13%, für 17 Euro im Online-Shop des Broeding (geht ins Broeding!).

Wein 2: Michael Wenzel, Furmint aus dem Quarz 2018, unfiltriert, 12%, für 17,50 bei Lobenbergs gute Weine.

Wein 3: Vino Gross, Gorca Furmint 2018, 12,5%, für 17,60 Euro bei Weinfurore, erstmals getrunken beim Mast in Wien (geht ins Mast!).

Tagebuch Montag, 12. Oktober 2020 – Autobahn und Apfelkuchen

Das tagelange Hin- und Herschieben von Zeug und Themen und Stichpunkten im Hinterkopf hat funktionert: Gestern schrieb ich meinen Vortrag fürs Doktorandenkolloquium fast in einem Rutsch runter, bastelte die Präsentation dazu und bin bis jetzt recht zufrieden. Gebt mir noch zwei Tage, bis ich wieder alles umschmeiße.

Mittendrin buk ich einen kleinen Apfelkuchen, weil zwei Äpfel doch allmählich dringend wegmussten. Weil ich aber so ins Referat vertieft war, vergaß ich den Kuchen im Ofen und bemerkte es erst, als die Wohnung nicht gut nach Kuchen, sondern latent angebrannt roch. Inzwischen hatte sich mein Magen aber so sehr auf Apfelkuchen vorgefreut, dass ich genervt einen zweiten ansetzte. Dafür mussten zwei Äpfel dran glauben, die eigentlich noch ein bisschen Zeit dekorativ in der Obstschale in der Küche hätten verbringen können, aber it is what it is.

Philosophy in the Shadow of Nazism

Ein Buchtipp des New Yorker, der mich natürlich gleich mit der Headline im Newsletter ködern konnte. Es geht ganz grob um den Wiener Kreis und wie sich nach umwälzenden Erfahrungen (wie hier dem Ersten Weltkrieg) neue Denkweisen ergeben bzw. verstärken – mit guten oder schlechten Ergebnissen.

„David Edmonds’s new book, “The Murder of Professor Schlick: The Rise and Fall of the Vienna Circle” (Princeton), offers a lively and accessible introduction to this much written-about group. Rather than plumbing the depths of the Vienna Circle’s work, which is formidably technical, Edmonds mainly explores how its ideas reflected the group’s tumultuous time and place. His research has also uncovered important new biographical information, including about its lesser-known female members. […]

Edmonds’s subtitle, “The Rise and Fall of the Vienna Circle,” suggests a closer connection between the group’s work and the titular murder than the book actually establishes. Schlick’s death had nothing to do with his ideas; he was killed by a psychotic former student, Johann Nelböck, who had been stalking and threatening him for years and finally shot him, in June, 1936, on the steps of a university building. But what happened next, Edmonds shows, was indeed shaped by what the Vienna Circle had come to represent in the ideological frenzy of interwar Austria.

No sooner had news of the crime broken than the nationalist, anti-Semitic press began to extenuate and even to praise it as a blow against degenerate Jewish thought. Schlick was accused of damaging “the fine porcelain of the national character” and of embodying Jewish “logicality, mathematicality, [and] formalism,” qualities inimical to “a Christian German state.” One writer urged that the murder should “quicken efforts to find a truly satisfactory solution of the Jewish Question.” Nelböck, at his trial, played to this sentiment, claiming that he had killed Schlick for ideological reasons. That defense didn’t keep him out of jail, but after Nazi Germany annexed Austria, in 1938, Nelböck was released, on the ground that his crime had been inspired by “strong national motives and explicit anti-Semitism.”

In this deranged atmosphere, no one was deterred by the fact that Schlick was not Jewish but, rather, a German Protestant. Some of his defamers probably didn’t know this, but others simply didn’t care, since in their eyes Jewishness wasn’t defined only by religion or ethnicity. It was also a mind-set, characterized by the modernism and liberalism they saw as sources of spiritual corruption.“

Nicht kaschierte Distanz – Zum Tod von Ruth Klüger

Christiane Frohmann ruft nach.

„Außerordentlich war, dass Ruth Klüger Trennendes – grundsätzliche Unvereinbarkeit ebenso wie temporäre Meinungsverschiedenheiten – nicht mit Höflichkeit kaschierte. Wo es kein Wir gab, wurde es spürbar, und wenn sie etwas falsch oder unangemessen fand, sagte sie es. Eine Frau, die sich nicht die ganze Zeit entschuldigt, ist auch heute noch ungewöhnlich. In Kombination mit ihrer distanzierten Ausstrahlung hat dies auf viele Menschen wohl so irritierend gewirkt, dass man ihr das Etikett »schwierig« verpasste.

Ich habe Ruth Klüger 2011 in eben dieser Erwartung kennengelernt, auf eine schwierige Person zu treffen. Das Gegenteil war der Fall. […] Beim anschließenden Essen im Restaurant fragte sie mich die üblichen Sachen, die Frauen im akademischen Rahmen einander fragen. »Kinder?« »Ja.« »Promoviert?« »Irgendwann aufgehört.« Kopfschütteln, nicht über mich, sondern über das System. Ich bat sie, mir die Geschichte mit dem übergekippten Wein zu erzählen. Ein Kollege hatte ihr, wohl weil sie zuvor auf Avancen von ihm nicht eingegangen war, hinter ihrem Rücken Antisemitismus unterstellt, was sie so empörte, dass sie ihm bei einem Universitäts-Event ein Glas Weißwein übergoss. Meine Vermutung, welcher »faule, aber gescheite Kafka-Forscher“ sich hinter S. in unterwegs verloren (2008) – dort wird die Begebenheit wiedergegeben – verbarg, erwies sich als richtig. (Der reale S. war der erste Professor gewesen, von dem ich bei meinem Studienjahr in den USA hörte, dass er bei Sprechstunden die Bürotüre offen stehen lassen musste, 20 Jahre vor #metoo.) Ruth Klügers Rat, einen so dickaufgetragenen Auftritt nur einmal im Leben hinzulegen, habe ich beherzigt, er steht uns allen noch bevor.“

Ein bisschen Quellenkunde der Bundesrepublik.

Tagebuch Samstag/Sonntag, 10./11. Oktober 2020 – Ausruhen und aufnehmen

Samstag war Kopf-aus-Tag. Ich ließ mein Unterbewusstsein am Vortrag weiterarbeiten, trank viel Tee und las Zeug, das nichts mit NS-Kunst zu tun hat.

Nebenbei traute ich mich erstmals eine side plank, wenn auch nicht so lange wie der Internet-Trainer es gerne gehabt hätte, aber: my body, my rules. Ich fühlte mich stark und super, auch wenn ich eher stärklich und nur so ein bisschen super war, aber stärker und superer als noch vor vier Wochen. Das war schön.

Gestern trank ich weiterhin viel Tee. Der Doktorvater schickte das Itinerar für mein letztes Doktorandenkolloquium rum, ich weiß nun, wann mein Slot ist und über was für spannende Themen ich Neues erfahren werde. Wie immer Vorfreude. Und: Wegen Zoom kann ich den Referaten sogar vom Sofa aus folgen und muss mich erst für die Diskussion mit Kameras wieder anständig hinsetzen. Keine unbequemen Stühle im kunsthistorischen Institut, yay!

Abends verbrachte ich ungefähr eine Stunde mit der zu treffenden Entscheidung, per Rad oder U-Bahn zum Podcastmitstreiter zu fahren. Aus Gründen (schwerer Rucksack mit Rechner, Weinflasche und Notizkram sowie sechs Grad draußen) wurde es die U-Bahn. Beim Heimfahren merkte ich, dass ich so kurz davor bin, mir ein Auto zu leasen, weil mir Öffis im Moment wieder wie Hotspots vorkommen, vor allem, weil anscheinend keiner mehr Lust auf Abstandhalten hat. Immerhin seit heute morgen wieder nur noch eine zu kurze Risikobegegnung mit grünem Hintergrund auf dem Handy. Spontanausflug ins Stuttgarter Kunstmuseum jetzt aber doch endgültig gestrichen. Muss ich halt den Katalog nochmal durchblättern. Mpf.

Tagebuch Freitag, 9. Oktober 2020 – Knorker Korken

Google Maps spuckte mir mehrere Fahrradrouten zu einer mir bis gestern unbekannten Location aus, in der ich die zweite Ausstellung für unseren Podcast anschauen wollte. Ich hätte über die mir bekannte Leopoldstraße fahren können, von der ich zwar weiß, dass die Radwege okay sind, aber ich weiß auch, dass sie immer voll ist, Fußgänger nicht wissen, dass sie dort nichts zu suchen haben und Autos eh parken, wo sie wollen. Also radelte ich einen anderen Weg, ohne Radwege, aber dafür viel ruhiger und hübscher, guckte mich um, besah Kirchtürme – und verfuhr mich natürlich, weil ich auf Kirchtürme guckte.

Die Location selbst fand ich äußerst attraktiv, die Ausstellung war aber deutlich kleiner als ich erwartet hatte. Man musste sich mit Telefonnummer und Mailadresse in eine Liste eintragen, und sobald man fertig war, wurde das weiße Blatt, das alles oberhalb der eigenen Zeile abdeckte, eine Zeile nach unten verschoben und mit einer Büroklammer fixiert. Datenschutz – so geht’s!

Den Rückweg nahm ich dann über die Leopold, denn ich wollte erstens zu einem bestimmten Bäcker und zweitens zur Stabi, wo zwei neue Bücher auf mich warteten. Mit der dritten Ausleihnummer meiner achtjährigen Stabimitgliedschaft suchte ich mein neues Regal und musste betrübt feststellen, dass es fast ganz hinten im Raum lag. Wo ich bis letzte Woche nur zwei Schritte gehen musste und quasi direkt hinter dem Ausleihschalter meine Bücher fand, ist mein Weg nun länger. Was theoretisch egal ist, aber ich finde es IN DIESER SITUATION ganz nett, so kurze Wege mit so wenigen Kontaktmöglichkeiten zu haben wie es halt geht. Egal. Neue Bücher!

Kunst geguckt! Gutes Brot gekauft! Rad gefahren! NEUE BÜCHER! Ein guter Tag.

Abends saßen F. und mal wieder etwas länger am Küchentisch und entkorkten einen Wein, den ich neu erworben hatte. Für unseren Podcast hatte ich einen bestimmten Wein gesucht und da ich es total unangenehm finde, nur eine Flasche zu erwerben, bestellte ich eine weitere dazu. (Als ich noch nicht sparen musste, wurde es immer eine Kiste.) Die zweite Flasche war ein Blaufränkisch, meine Lieblingsrebsorte, mit der man nie was falsch machen kann. Ich kaufte nach Etikett …

… werde aber ab jetzt nur noch nach Korken kaufen:

Tagebuch Donnerstag, 8. Oktober 2020 – Kunst-Hiwi

F. und ich verbrachten den Vormittag mit ein paar Protzens, wobei der Herr sich des Öfteren über die „bescheuerten Nazi-Formate“ beklagte, weil wir halt mal Leinwände in den Größen 130 x 200 cm bewegen mussten. Ich noch so: „Nebenan sind die kleineren“, wobei das kleinste dann auch 120 x 130 cm maß, aber das konnte ich immerhin alleine tragen. Ansonsten stand ich hinter den Gemälden und hielt sie halbwegs gerade, denn das war mein Problem mit den von mir im Januar per Handy abgelichteten Werken gewesen: Sie lehnten alle irgendwo an Wänden und ich habe sie nie vernünftig entzerren können, damit sie einigermaßen aufsichtig aussehen. Für einige der Werke ist das aber entscheidend, und netterweise gab es vor Kolloquium und Verteidigung noch einen Fototermin, so dass ich Ende Oktober und Ende November bessere Bilder vorzeigen kann.

Die Gemälde selbst dürft ihr leider noch nicht sehen, aber immerhin einen Teil der charmanten Dame, die manchmal im Weg stand. Oder hinter riesigen Autobahnen.



Die Tipps zum Leinwandreinigen, die ich mir vor ein paar Tagen auf Twitter geholt hatte, ließ ich lieber bleiben; bei einem Werk kam mir die Ölfarbe schon in Flöckchen entgegen, weswegen ich den ganzen Tag von „kuratorisch äußerst bedenklichen Zuständen“ wimmerte. Ich weiß, diese Werke interessieren außer mir vermutlich niemanden, aber wenn man sich drei Jahre lang mit ihnen befasst, ist man doch ein bisschen traurig, wenn sie zerbröseln. Jetzt sind sie immerhin vernünftig dokumentiert.

Tagebuch Mittwoch, 7. Oktober 2020 – Kein Titel mehr und lauter Grossbergs

Ich erwähnte es auf Twitter (wieder gelöscht) und hier im Blog (wieder gelöscht), dass die Stabi mir einen Doktortitel zu meiner Leihkarte eingetragen hatte, weil der ja quasi nur noch Formsache sei. Nach einer Mail von mir an die Stabi ist dieser Titel nun wieder gelöscht, denn er ist eben nicht nur noch Formsache, und wenn ich den Titel denn irgendwann haben sollte, möchte ich den bitte selbst triumphierend eintragen (Perso, Twitter-Bio, jede blöde Internetbestellung, die eine Adresse braucht, jeder Gastro-Zettel, der meinen Namen wissen möchte).

Recht hirntot am Rechner gesessen, nicht groß vorangekommen mit dem Vortrag, stattdessen ins Stadtmuseum gefahren, um mir eine Ausstellung zu Kunst der 1920er-Jahre anzuschauen. Mehr darüber in unserem nächsten Podcast, hier im Blog vermutlich erst nächsten Dienstag. Ich war glücklich über satte fünf Grossbergs, und über ein Werk, das ich gestern auch vertwitterte, freute ich mich besonders. Auch dazu möchte ich kurz auf meine übliche NS-Kunst-Seifenkiste steigen, und auch das steht alles nächste Woche hier.

Sehr müde (IST DAS CORONA?) in ein Gilmore-Girls-Loch auf Netflix gefallen und deutlich mehr als sonst über Michel gelacht. Außerdem den Burger nachgebaut, den ich vorgestern abend in der Chef Show (Herzchen!) auch auf Netflix gesehen hatte. Überrascht festgestellt, dass man wirklich kein Ketchup und keine Majo braucht für einen tollen Burger.

Nicht rechtzeitig ins Bett gekommen, weil ich erstens meinem Hobby bis zur US-Wahl – konstantes Doom-Scrolling – eifrig nachgegangen bin und mich außerdem nicht von Joseph Roths Radetzkymarsch trennen konnte. Tolles Buch (bis jetzt).

Tagebuch Dienstag, 6. Oktober 2020 – Erster Zoom-Call

Schreibtischtag. Ich bereitete mein vermutlich letztes Doktorandenkolloquium vor, auf dem ich meine Diss vorstellen möchte – auch als Übung für die Verteidigung. Ich werde vermutlich auf beiden Veranstaltungen nicht genau dasselbe erzählen, aber erstmal muss ich mir darüber klar werden, was ich überhaupt erzählen will. 360 Seiten in 15 Minuten zusammenzufassen, ist doch schwieriger als ich dachte. Also las ich gestern einen großen Teil meiner Diss quer und hielt mich dann hauptsächlich an den Zwischenfaziten und dem Schlussteil fest, in denen ich meine sensationellen Funde und Erkenntnisse brav aufgezählt habe.

Nachmittags hatte mein ewiges Quengeln endlich Erfolg gehabt und F. lud mich per Mail zu einem Zoom-Meeting ein. Ich bin bisher durch die ganze Pandemie ohne eine einzige Videokonferenz gekommen, wenn man von dem einen virtuellen Treffen mit den Hamburger Damen absieht, das aber per Facetime stattfand, wenn ich mich richtig erinnere. Ich wollte testen, ob Zoom noch funktioniert, obwohl ich die Uni-Version auf dem Rechner hatte, denn an der Uni bin ich ja jetzt offiziell nicht mehr. Ging. Was nicht ging, war die Kamera, was aber durch Neustart des Rechners behoben werden konnte. Dann testete ich lustige Dinge wie „Bildschirm freigeben“ und muten und freute mich darüber, dass meine blaue Arbeitszimmerwand ein ganz hervorragender ruhiger Hintergrund für mich ist.

Mein Corona-Kontakttagebuch auf den neuesten Stand gebracht (gestern: keine Kontakte), weiterhin zwei Risiko-Begegnungen in der Corona-App, aber alles auf grün. Die waren zwischenzeitig auf einen Kontakt zusammengeschrumpft, dann war wieder keiner zu sehen, seit vorgestern sind es wieder zwei.

Mit einer Behörde einen Fototermin ausgemacht, um ein paar Protzens erneut abzulichten, weil ich beim Erstkontakt viel zu aufgeregt gewesen war. Dieses Mal hält F. die Kamera und ich die Gemälde. Auf Twitter holte ich mir Tipps zum Abstauben, weil die Dinger seit gefühlt 30 Jahren nicht mehr abgestaubt worden sind, aber ich weiß nicht, ob ich sie morgen umsetzen werde. Mit der Behörde außerdem über die Formulierungen in der Diss gesprochen, die ich ja veröffentlichen muss, um den Titel tragen zu dürfen. Dem Amt ist es nicht ganz so recht, wenn genau zu lesen ist, wo sich die Gemälde befinden, da es in der Vergangenheit anscheinend schon öfter Menschen gab, die sich als Polizist oder ähnliches ausgewiesen haben, um an Zeug zu kommen (oder es wenigstens ablichten zu können), was eventuell als NS-Devotionalie durchgeht. Wieder was gelernt. Ahne allmählich, warum mir die Staatsgemäldesammlungen nicht verraten wollten, wo mein Lieblings-Protzen gerade hängt (gehört ihnen, ist ausgeliehen).

Was schön war, Samstag bis Montag, 2. bis 5. Oktober 2020 – Schlafen und eine neue Ausleihkarte

Das Wochenende nahm ich mir frei. Unglaublich, aber wahr: Ich tat nichts außer schlafen, auf der Yogamatte rumhüpfen, schlafen, essen, Serien gucken, ich las in meinem neuen, alten Buch (Radetzkymarsch, antiquarisch für 3 Euro erstanden und es ist auch vom Erscheinungsdatum nicht ganz neu) die ersten 80 Seiten und fand es hervorragend (ich lese deshalb auch den Wiki-Artikel nicht durch, denn ich weiß wirklich nicht, wie es ausgeht), schlief wieder ein bisschen, sah Augsburgs Unentschieden gegen Wolfsburg und den Verbleib auf Tabellenplatz 2, schlief, putzte die Wohnung nur so weit wie das Staubsaugerkabel reichte und steckte rebellisch nicht um, schlief wieder und war am Sonntagabend so erholt, dass ich entspannt berufliche Mails schrieb und die Steuer erledigte. Wir verbrachten das Wochenende bewusst getrennt, denn ich erhole mich alleine am besten, und auch F. brauchte mal ein bisschen Ruhe. Doch alles richtig gemacht mit dem Nicht-Zusammenziehen.

Gestern eröffnete ich den Herbst, indem ich mir nicht den üblichen Früchtetee kochte, den ich über den Tag kalt werden lasse und so trinke, sondern den geliebten Bünting-Grünpack zubereitete und ihn in die Thermoskanne füllte, damit ich ihn stundenlang heiß genießen konnte, natürlich mit Kluntjes und Sahnewölkchen.

Mein Doktorvater hatte mir netterweise Feedback auf meinen Abstract zugeschickt, er vermisste etwas mehr Theorie, weswegen ich mir seitdem natürlich Sorgen mache, dass auch in der Diss viel zu wenig davon steckt. Im Abstract wollte ich das jetzt aber brav einfügen und gab in der Maske der Uni-Bib wie gewohnt meine Uni-Mailadresse und das Passwort ein, um zu den herrlichen Datenbanken zu gelangen – nur um eine Fehlermeldung zu sehen. Ach ja. Mein Studierendenausweis ist ja am 30. September nach acht wunderschönen Jahren ungültig geworden. (Leises Wimmern.) Meine Mails kann ich noch abrufen, wie ich ausprobierte, aber die Datenbanken waren für mich geschlossen. Aber: Die Ausweisnumemr gilt ja auch für die Stabi, dann gucke ich da halt in die Datenbanken. Falsch gedacht, auch dort konnte ich mich nicht mehr für lustige Dinge einloggen. Dann las ich halt erstmal ein bisschen Papier, was noch auf meinen Schreibtisch war, holte die dicke „Mein Kampf“-Edition wieder aus dem Schrank (das war gut angelegtes Geld, da gucke ich sehr oft rein, wenn auch nölig und augenrollend), las, legte am Abstract an und war mittags halbwegs zufrieden. Aber eben nur halbwegs. Ich – wollte – Datenbanken!

Also zur UB geradelt, Bücher abgegeben, zur Stabi geradelt und mich am Infoschalter sozial distanziert angestellt. Ich wusste, dass ich die Karte umtragen konnte, danach hatte ich vor Kurzem gefragt, und darum bat ich nun. Ich wurde gefragt, ob ich noch irgendwo anders studiere – nein (leises Wimmern) – und mir wurde gesagt, dass, wenn ich bei der UB um den Wechsel gebeten hätte, ich dort auch die Datenbanken plus die der Stabi hätte nutzen können; jetzt halt nur die bei der Stabi. „Brauchen Sie die denn so dringend?“ – „Mmmh … ich liege in den letzten Zügen der Diss, eher nur so mittel.“ – „Also wenn Sie noch schreiben, dann würde ich schon lieber drüben …“ – „Nee, Diss ist schon abgegeben, es fehlt nur die Verteidigung.“ Also hier neue Karte.

Nachmittags hatte ich keine Lust auf die üblichen „True Beginner“-Videos, sondern wagte mich an ein normales Workout-Video, das angeblich „easy“ war. War es auch so halbwegs, ich änderte einige Übungen so, dass sie sich für mich richtig anfühlten, arbeitete aber sonst eifrig mit und stellte fest, dass ich inzwischen eine halbe Stunde rumhüpfen kann, ohne Pausen machen zu müssen. Das war schön.

Abends entdeckte ich „Ted Lasso“ für mich und damit war der Tag dann rum.

Was schön war, Mittwoch bis Freitag, 30. September bis 2. Oktober 2020 – Essen

Neulich empfahl die NYT mal wieder eine Magenverkleinerung als supidupi-Alternative zu mühseligen Diäten, woraufhin ich kurz mein Handy anschrie und dann was kochen ging. Netterweise erinnerten viele Kommentator:innen die Autorin daran, dass eine OP nie ein lustiger Spaß ist, dass es Folgen hat, ein Organ zu verkleinern und dass man danach nie wieder so essen werden kann wie vorher (kotzen und Durchfall gibt’s gratis dazu und wenn man sich nicht richtig anstrengt, auch das ganze verlorene Gewicht). Als dicker Mensch hatte ich mich natürlich (?) auch mal mit dieser Idee befasst und musste mir eingestehen, dass ich damit wahnsinnig werden würde. Vermutlich leichter und dünner, aber eben auch wahnsinnig. Essen ist für mich in Stresssituationen zwar des Öfteren eine blöde Krücke mit zu vielen Kalorien, aber eben auch eine Krücke, die mich hält. Ich bin nach der anstrengenden Woche bei meinen Eltern und ein paar Dingen, die nicht ins Blog gehören, immer noch sehr nah am Wasser und strenge mich derzeit an, nicht beim Edeka an der Kasse zu flennen. Wo ich aber sofort glücklich und nicht am Wasser war: im Asiamarkt. Dort entdeckte ich im Kühlraum eine Zutat, auf die ich schon länger gewartet hatte:

Und daraus wurde der Green Papaya Salad, der anscheinend ein Nationalgericht Thailands ist. Ich hoffe, ich habe ihn halbwegs korrekt hingekriegt. Das Video von Hot Thai Kitchen half sehr. Dort lernte ich auch, wie man eine Limette clever schneiden kann und dass man die Hüllen ruhig in den Salat werfen kann, sieht super aus.

Gelernt: Im Inneren der unreifen Papaya verbergen sich Kerne, die wie die weißen Styroporkügelchen aussehen, die früher in Sitzsäcken waren. Die kullern einem auch total überraschend entgegen, wenn man die Papaya halbiert und man muss erstmal die Küche fegen, bevor man sich ans Kochen macht.

Ebenfalls gelernt: eine Vogelaugenchili ohne Kerne im Salat erzeugt nur eine milde Wärme. Zwei Vogelaugenchilis mit Kernen sorgen dafür, dass ich nach zehn Gabeln erstmal ein halbes Glas Milch trinken muss, um meinen Mund zu beruhigen. Danach aß ich weiter, im vollen Bewusstsein, dass es wieder weh tun würde, aber es war so unglaublich lecker.

Das zweite Rezept war aus dem neuen Kochbuch. Ich röstete lustig Gewürze an …

… und nutzte Opas Kaffeemühle als Gewürzmühle. Der nächste Kaffee könnte eventuell etwas anders schmecken, aber wenn’s so gut wird wie die Pakoras, in die ich die Gewürze warf, passt mir das gut. Auch im Asialaden erworben: Kichererbsenmehl. Tolles Zeug.

Überhaupt hat mich nicht nur das Kochen glücklich gemacht – Essen ja sowieso –, sondern alleine der Laden, in dem so viel Zeug steht, das ich nicht kenne. Es ist ein einziger Abenteuerspielplatz, und neben dem Mehl kaufte ich noch Klebreis, Sriracha und thailändische Krabbenpaste, denn die indonesische, die ich überfordert beim ersten Einkauf erworben hatte, ist mir zu intensiv.

Den frischen Koriander und die Minze mixte ich mit Jogurt zu einem Dipp.

Die Sriracha brauchte ich für ein weiteres neues Rezept, das ich gestern F. servierte: simple Nudeln in einer Sauce aus Sojasaucen und Schalottenöl, das ich ebenfalls ansetzte. Dazu Frühlingszwiebeln und Knoblauch-Schnittlauch, den ich auch glücklich im Kühlraum gefunden hatte. Bei mir gab’s noch Brokkoli dazu und ein Ei drüber.

Und weil ich gestern nicht nur Lust zum Kochen, sondern auch zum Backen hatte, gab’s noch einen Marmorkuchen nach Mamas Rezept. Der hat nicht so viel Zucker, weswegen er dringend eine Glasur aus Schokolade braucht.

Auch wenn die thailändische Küche noch neu für mich ist, fühle ich mich in ihr recht wohl, einfach weil ich mich generell wohl am Herd oder bei Schneidearbeiten fühle. (Auch so ein Satz, von dem ich vor 15 Jahren noch nicht gedacht hätte, ihn ernst zu meinen.) Ich weiß bei den neuen Rezepten noch nicht, wo ich eigentlich hinkoche, aber es bereitet mir große Freude, sie zuzubereiten. Ich fühle mich sicher inmitten meiner ganzen wohlschmeckenden Schätze, und so lange ich am Herd stehe, kann die ganze Welt da draußen genau da bleiben: draußen.

Ein süß-würzig-scharfes Dankeschön …

… an eine:n unbekannte:n Schenker:in, der oder die mich mit Sarah Tiongs Sweet, Savory, Spicy: Exciting Street Market Food from Thailand, Cambodia, Malaysia and More überraschte. Tiong ist eine meiner liebsten Masterchef-Australia-Kandidatinnen, deren Gerichte stets so aussahen, als könne man sie halbwegs entspannt nachkochen und die anscheinend immer ziemlich gut geschmeckt haben. Ihre Website gibt nicht irre viel her, der Insta-Account schon etwas mehr. Das Buch gefällt mir beim ersten Durchblättern sehr gut, und gestern kochte ich gleich mal Pakoras daraus nach. Ich besitze nun neben diesem Buch auch noch Kichererbsenmehl. Vielen Dank für das Geschenk, ich habe mich sehr gefreut.

Tagebuch Dienstag, 29. September 2020 – Auswärtsfahrt

Für einen einstündigen Termin neun Stunden in diversen Verkehrsmitteln gehockt. Nächstes Mal frage ich nach Zoom.

Aber gelernt: Wenn man geistig umnachtet eine Zugfahrkarte mit Zugbindung bucht, kann man im Zug nicht mehr einfach nachzahlen. Ich hatte also die Wahl, aus dem früheren Zug, den ich netterweise noch gekriegt hatte, auszusteigen und eine Stunde zu warten, um in den eigentlich gebuchten Zug zu steigen, der aber laut App nur mit der Hälfte der Wagen fuhr und vermutlich dementsprechend voll gewesen sein wird und mein Sitzplatz dürfte auch weg gewesen sein – oder eine neue Fahrkarte zu kaufen. Hab ich gemacht, hilft ja nix. Lehrgeld.

Ansonsten: nettes Gespräch, gerne wieder.

Abends nach der sehr anstrengenden letzten, pausenfreien Woche nur noch ein Stündchen bräsig an die Decke geguckt, mir überlegt, was ich alles noch hätte im Gespräch sagen können (irre hilfreich, so fünf Stunden später), einen Liter Pepsi light geext, weil ich viel zu wenig getrunken hatte den Tag über und ins Bett gefallen. Keine Debatte für mich, aber anscheinend habe ich nicht viel verpasst außer dem üblichen Rumgeschreie des Idioten.