Tagebuch Mittwoch, 25. März 2020 – Dreckstag

Vielleicht hätte ich den Tag nicht damit beginnen sollen, This is Us zu gucken. Oder mir vom Mütterchen am Telefon erzählen lassen, dass sie es gerne mal vergisst, draußen Abstand zu den Leuten zu halten, „das ist halt so drin.“ „MAMA!!!“ Und dann kam noch eine Mail vom hessischen Wirtschaftsarchiv, an das ich eine Frage zu einem Gemäldeverkauf von Protzen gerichtet hatte; auf die Antwort hätte ich auch gerne verzichtet, wieder ne schöne Theorie im Eimer und ein Eintrag im Werkverzeichnis mehr, den ich mir nicht erklären kann.

Da half auch keine Tannhäuser-Ouvertüre. Ich versuche die nächstbeste Strategie – Keksebacken –, aber die Dinger waren auch eher so naja, ich weiß echt nicht, wie ich dieses simple Rezept verkacken konnte, aber hey, Dreckstag halt. Selbst eine schöne selbstgemachte Pizza konnte mich nicht aufheitern, und mal ehrlich, wenn mich NICHT MAL PIZZA AUFHEITERN KANN HERRGOTTNOCHMAL.

Irgendwann ging ich mir selbst auf die Nerven, zog meine Sneakers an, steckte eine Atemschutzmaske ein und ging eine Runde über den Friedhof in meiner Nähe. Die Maske hatte F. mir letzte Woche vorbeigebracht, die hatte er sich mal für Wacken gekauft, um bei sehr trockenem Wetter in der Moshpit nicht an Staub zu ersticken. Hatte er aber nicht gebraucht, jetzt habe ich eine und er hat auch noch eine. Ich werde sie wohl zum Einkaufen morgen gleich ab Haustür aufsetzen, denn ich ahne, dass man sich im Supermarkt nicht so wirklich richtig aus dem Weg gehen kann.

Das ging aber auch auf dem Weg zum Friedhof und auf diesem selbst auch nicht so recht, nur wenige Menschen auf dem Gehweg gingen bewusst einen Schritt nach rechts, wenn ich das tat, damit wir möglichst weit voneinander entfernt aneinander vorbeikamen. Irgendwann ging ich auf der Straße, weil mir das alles zu blöd wurde. Der Friedhof war fest in der Hand von Joggenden und Walkenden, auch da schaffte ich nicht mal eine Runde, ohne dauernd ins Gestrüpp steigen zu müssen, bevor ich ihn wieder verließ. Trotz allem fühlte ich mich besser, als ich wieder nach Hause kam, und merke mir für die nächsten Wochen: lieber radeln statt gehen. Das dürfte jetzt sogar auf der Leopoldstraße funktionieren, yay!

Nach dem Nachhausekommen natürlich als allererstes Hände gewaschen, dann zum ersten Mal in meinem Leben meinen eigenen Schlüsselbund mit Sagrotan besprüht, das garantiert nicht gegen Coronaviren hilft, aber es hat sich angefühlt wie ein bisschen Kontrolle über IRGENDWAS zu haben. Daher bin ich auch immer noch begeistert vom Drosten-Podcast: weil er mir jeden Tag vermittelt, dass geforscht und weitergedacht wird. Mir persönlich hat es zum Beispiel geholfen, mal über die Studie mehr zu erfahren, in der nachgewiesen wurde, dass das Virus auf unbelebten Oberflächen weiter existiert. Zu hören, dass die Konzentration des Virus dramatisch nachlässt, hat meine eigene Panik vor Türklinken und Einkaufswagengriffen deutlich verringert. (Im Skript auf Seite 2 nachzulesen.)

Abends sehr den körperlichen Kontakt zu Menschen vermisst. Okay, eigentlich nur zu einem.

Was den Tag ein bisschen rettete, waren nette Mails, ein sehr überraschender Brief (endlich mal wieder am Briefkasten gewesen) und ein paar Tweets bzw. Insta-Storys, in denen Menschen sich über unsere Klassik-Playlist gefreut haben. Das war schön. Gabriel schreibt übrigens noch eine Runde über Klassik in der Krise beim Krautreporter.

Und mein Sauerteigbrot ist was geworden! Es ist nicht ganz so aufgegangen wie gehofft, aber mein Ansatz war auch noch im Säuglingsstadium; ich habe ein winziges bisschen Hefe zum Teig gegeben. Geschmacklich finde ich es sehr gut. Next step, wenn ich mich wieder traue, Pakete zu empfangen: Roggensauerteig. Roggenmehl habe ich nämlich noch nie im Haus gehabt, das muss ich bestellen oder in irgendeinem Biomarkt finden.

Tagebuch Dienstag, 24. März 2020 – Euphorie und Crash & Burn

Vom Wecker geweckt worden, brav aufgestanden, noch vor dem Kaffee an den Rechner gegangen, um unsere Klassik-Playliste zu finalisieren, an der wir bis Mitternacht gebastelt hatten. Wir, also Manuel, Gabriel und ich, schoben bergeweise Musik, die wir mögen, auf Spotify rum, besprachen den Namen, Manuel sortierte, und gestern vormittag machten wir das Ding dann öffentlich. Bitteschön, elf Stunden Musik: Meine Nerven! Klassik für (und gegen) die Krise.

Ich persönlich freue mich darüber, ein Lied aus dem Weißen Rössl in die Liste gekriegt zu haben sowie diverse zeitgenössische Tracks – sehr viele davon habe ich in den letzten Jahren in München live gehört. Und das war dann auch der kleine Wermutstropfen: Ich finde die Liste toll, aber der Wunsch nach einem Liveerlebnis wird dadurch nicht kleiner, ganz im Gegenteil. Gerade vor lausigen zwei Wochen saß ich noch im Gasteig, durfte Beethoven hören und habe dort mal wieder gemerkt, wie anders das Erlebnis ist, wenn du in einer großen Gruppe in einem dunklen Saal vor einem Orchester sitzt anstatt zuhause alleine vor YouTube.

Gabriel hat übrigens noch weitere Klassik-Playlists, die ich alle abonniert habe und sehr gerne höre, weil sie deutlich weniger mainstreamig sind als unsere gemeinsame. Hier ist sein Spotify-Profil, falls Sie da auch mal reinhören wollen.

Das hat sehr gut getan, an etwas anderes zu denken als das Virus, und es hat ebenfalls gut getan, sich auf Dinge zu konzentrieren, von denen ich weiß, dass sie mir – genau – gut tun. Welche Stücke trösten mich, welche machen mir gute Laune, welche bringen mich in positivem Sinne zum Weinen. Dass mein liebstes Volkslied „In einem kühlen Grunde“ und eine meiner liebsten Operettenmelodien „Reich mir zum Abschied noch einmal die Hände“ vom Titel her gerade einen sehr falschen Eindruck machen, ist mir zu spät aufgefallen. Ich empfinde die Lieder als sehr zärtlich und zugewandt, mal mir selbst, mal einem anderen, daher sind sie jetzt eben auch in der Liste.

Vom Basteln und Online-Stellen sehr positiv gestimmt gewesen, energiegeladen an die Diss gesetzt und die Korrektur von vorgestern korrekturgelesen, was ich halt so mache, jeder Text liest sich nach einer Nacht Rumliegen anders.

Der kompletter Einleitungsteil steht jetzt. Ich habe das Inhaltsverzeichnis begonnen, noch ohne auf Schickizität zu achten. Ja, ich mache das händisch, don’t @ me. Ich mag diese Handarbeit, ich finde Software-Automatismen an meinen Textinhalten doof, ich habe das Gefühl, durch diese Beschäftigung einen gewissen Überblick zu behalten. Ich tippe auch brav jeden einzelnen Literaturtitel ins Verzeichnis anstatt mit einer Literaturverwaltung zu arbeiten. Die haben sich mir nie erschlossen, mehrfach versucht. Still: Don’t @ me. Ich bin fast fertig mit meinem akademischen Schreiben, ich fang jetzt nix Neues mehr an. Oma Gröner over and out.

Haha, gerade beim Bloggen gemerkt, dass ich das Inhaltsverzeichnis doch nochmal ändern werde. Immer gut, Dinge in einem anderen Medium zu sehen. Aus 2 wird 2.1 und das ganze Kapitel kriegt den Titel „Die Reichsautobahnen“.

Gegen 14.30 Uhr gedacht, dass ich mal Mittag machen könnte. Das wurde dann eine schnöde Tiefkühlpackung Fischfilet Bordelaise, die’s mal im Angebot gegeben hatte. Zwei Folgen Masterchef UK nachgeguckt, ein bisschen traurig geworden, weil ich nicht gleich rausrennen und Gemüse kaufen konnte. Irgendwann eingenickt. Auch nach dem Schläfchen traurig gewesen und zum ersten Mal seit der selbstgewählten Fast-Quarantäne ein bisschen in meinen Teddy geheult. Danach natürlich peinlich berührt gewesen, in Stofftiere weinen zu müssen, aber andererseits verhandeln wir gefühlt gerade sehr viel neu. Vielleicht ist das demnächst wieder en vogue, seine Gefühle an Teddybären weitergeben zu dürfen, weil gerade niemand anders da ist. Ihr habt Kinder und Katzen, ich habe Teddy.

Daraufhin habe ich mir die Traurigkeit gegönnt, hey, wir haben Pandemie, da darf man auch mal unproduktiv sein. Aber selbst diesen Satz musste ich mehrfach vor mir selbst rechtfertigen, verdammte protestantische Arbeitsethik. Ich hatte abends nicht mal Lust, Igor zuzuhören. Kurz in Manuels Mozartarbeit von 2017 reingeguckt, aber Mozart-Opern werden bei mir anscheinend nie funktionieren. Keine 20 Minuten durchgehalten.

Dann die brillante Idee gehabt, unsere eigene Playlist anzuklicken, und meine Damen und Herren, ich weiß schon, warum ich die Tannhäuser-Overtüre reingenommen habe. Etwas bessere Laune bekommen.

Abends mit F. per Facetime gesprochen. Das hat auch gut getan. Wir haben festgestellt, dass man sich dann doch an die seltsamen Umstände gewöhnt. Letzte Woche hatte ich ernsthaft Entzugserscheinungen nach meinen geliebten Lesesälen, diese Woche kann ich damit schon resigniert umgehen, ist dann jetzt so, machste halt vorerst mit dem weiter, was dein Bücherregal und das Internet hergeben.

Zu diesem seltsamen Achterbahngefühl noch einen Artikel im Bett gelesen, den ich sehr nachvollziehbar fand: That Discomfort You’re Feeling Is Grief.

Das Gespräch der Harvard Business Review mit David Kessler bringt ganz gut auf den Punkt, was wir eventuell alle fühlen: Wir durchschreiten gerade die fünf Stufen der Trauer Ungläubigkeit, Wut, Verhandeln, Traurigkeit und Akzeptanz. Kessler plädiert für eine sechste: Bedeutung. Was bedeutet das alles, wie verändert sich die Welt gerade, was kann ich persönlich dafür tun, dass Dinge danach besser sind?

„What do you say to someone who’s read all this and is still feeling overwhelmed with grief?

Keep trying. There is something powerful about naming this as grief. It helps us feel what’s inside of us. So many have told me in the past week, “I’m telling my coworkers I’m having a hard time,” or “I cried last night.” When you name it, you feel it and it moves through you. Emotions need motion. It’s important we acknowledge what we go through. One unfortunate byproduct of the self-help movement is we’re the first generation to have feelings about our feelings. We tell ourselves things like, I feel sad, but I shouldn’t feel that; other people have it worse. We can — we should — stop at the first feeling. I feel sad. Let me go for five minutes to feel sad. Your work is to feel your sadness and fear and anger whether or not someone else is feeling something. Fighting it doesn’t help because your body is producing the feeling. If we allow the feelings to happen, they’ll happen in an orderly way, and it empowers us. Then we’re not victims.

In an orderly way?

Yes. Sometimes we try not to feel what we’re feeling because we have this image of a “gang of feelings.” If I feel sad and let that in, it’ll never go away. The gang of bad feelings will overrun me. The truth is a feeling moves through us. We feel it and it goes and then we go to the next feeling. There’s no gang out to get us. It’s absurd to think we shouldn’t feel grief right now. Let yourself feel the grief and keep going.“

Abends den morgens gefütterten Ansatz aus dem Kühlschrank geholt, mich über den frischen Geruch gefreut und einen Sauerteig gebastelt, mit dem ich heute backen möchte. Vor dem Bloggen schon zu einem Teig verwandelt. Mal sehen, ob’s was wird.

Tagebuch Montag, 23. März 2020 – Stop! Rotstift-Time!

Jetzt kommt einer dieser Blogeinträge, vor denen ich mich gefürchtet habe seit den Ausgangsbeschränkungen bzw. seitdem die Bibliotheken dicht sind. Das war mein Tag:

Am Schreibtisch gesessen und Korrektur gelesen. Das war’s.

Erste Seite von derzeit 337 (ohne wissenschaftlichen Apparat). Schlussteil ist noch nicht vollständig ausformuliert, und im Mittelteil fehlt noch die Ausbeute aus dem Archiv des Deutschen Museums, in das ich noch nicht gehen konnte. Das ist viel zu lang, da werde ich eine Menge Darlings killen müssen. Gestern war ich in der Einleitung noch zu großherzig, aber das ist nur der erste Korrekturgang, es kommen ja noch fünfunddreißig weitere, so wie ich mich kenne.

Ich lese immer auf Papier Korrektur, ich verliere sonst den Überblick, vor allem bei diesem Monstertext, durch den ich jetzt durchmuss. Weil ich aber dafür nicht mein kostbares neues unberührtes weißes Druckerpapier hergeben will, sammele ich seit Jahren Papier, dessen Vorderseite ich nicht mehr brauche. Nur für den allerletzten Korrekturgang rücke ich manchmal das gute Papier raus, so als kleine Bepuschelung meiner Bleiwüste. Daher stellte ich gestern belustigt fest, dass ich gerade die Einleitung meiner Diss auf einigen Rückseiten meiner Masterarbeit ausdruckte. Circle of life, eh?

Das vertwitterte ich, woraufhin jemand fragte, ob ich mich dabei nicht verzetteln würde. Äh. Nein. Jeder akademische Text, der älter ist als vier Wochen, ist mir schon peinlich in seiner Ungenauigkeit und seinem Unwissen. Die Masterarbeit ist hübsch, aber natürlich würde ich die heute ganz anders schreiben. Und ich weiß jetzt schon, wie mir die Diss peinlich sein wird, sobald ich sie abgegeben habe, weil mir garantiert quasi mit dem Türklapp im Prüfungsamt noch fünf Dinge einfallen werden, die echt noch total dringend reingemusst hätten.

Ins Internet schreiben ist einfacher, da kann man ständig korrigieren.

Okay, ein bisschen was anderes habe ich noch gemacht, aber das lief eher im Hintergrund. Manuel Braun, Gabriel Yoran und ich basteln gerade an einer Klassikliste auf Spotify, damit die Quarantäne nicht so nervig wird. Wir hoffen, in dieser Woche damit durchzusein.

Tagebuch Sonntag, 22. März 2020 – Einleitung

Ich will seit Tagen ins Blog schreiben, dass ich seltsamerweise sehr gut schlafen kann. Vielleicht weil mein Kopf nicht mehr darüber nachdenken muss, in welcher Bibliothek und in welchem Archiv ich als nächstes diese oder jene Bücher und Unterlagen einsehen muss. Aber wie es so ist, wenn man im Kopf schon Einträge vorformuliert – gestern wachte ich nicht wie sonst entspannt um kurz vor 7 auf, sondern schon um 5.30 Uhr. Immerhin auch entspannt. Weiterhin gut einge- und durchgeschlafen, nur jetzt eben für meine Verhältnisse irre früh wach. Eine Stunde am Handy verdaddelt, dann nochmal umgedreht und bis 9 durchgeschlafen.

Croissants zum Frühstück. Die sind mir wirklich ganz hervorragend gelungen; ich bin sehr über das Innenleben entzückt. Die waren gestern sogar noch besser als vorgestern nach dem Backen, weil sie etwas zäher geworden sind, ganz wie ich es mag. (Himbeermarmelade, kein Lippenstift.)

Ich werde die Bilder der letzten Tage mal ins Originalrezept einfügen und den Text dort entsprechend anpassen.

Die Folge von Kitchen Impossible vom letzten Sonntag nachgeholt, so spät dran bin ich sonst nicht, aber irgendwie konnte mein Kopf letzte Woche nicht auf solche Monstersendungen. Die Folge fand ich sehr gut, sowohl vom Kandidaten Martin Klein her als auch von den nachzukochenden Speisen. Nur bei den Bildern, wie Klein durchs sommerliche und belebte Rom schlendert, habe ich ein bisschen verzagt zugeschaut. Das sah aus wie aus einer sehr anderen Zeit. Schon als die beiden in Mälzers Bullerei gemeinsam am Tisch saßen, war mein erster Gedanke: „Ihr sitzt zu nah zusammen! Abstand halten!“ Es ist alles ein bisschen absurd.

Mittagsschläfchen. Ist ja schließlich Sonntag. Das war jedenfalls mein Gedanke, als ich wegdöste, bis mir beim Aufwachen einfiel: Wochentage haben jetzt gerade überhaupt keine Bedeutung mehr für mich. Außer wenn es darum geht, die täglichen Serien aus den USA nachzugucken. Haben die eigentlich alle ihre Staffelfinalsendungen schon abgedreht? Oder werden die fiesen Cliffhanger und Storylines jetzt um Monate verschoben? WAS DENN NOCH?

Nach dem Schläfchen spontan irre emsig geworden und mich an die Diss gesetzt. Ich musste noch am Schluss und an der Einleitung rumwerkeln, und für den Schluss fehlen mir wie bereits achthundertmal jammernd erwähnt gerade die Bibliotheken. Aber für die Einleitung nicht. Und wenn da was fehlt, kommt halt erstmal die übliche Gröner-Fußnote „BELEG?“ in neongelb ins Dokument.

Kurzfassung der gestrigen Sitzung: Einleitung steht. Forschungsstand, Quellenlage und eine lustige Einführung in das Thema „Was sind überhaupt diese Autobahnen und wieso hat die wer gemalt“ standen bereits einigermaßen, aber die richtige Einleitung fehlte halt noch, genau wie die Antwort auf die Frage, was diese Diss denn eigentlich soll. Darüber musste ich unangemessen lange nachdenken, weil ich in den letzten Jahren und vor allem in den letzten Monaten irre viel rausgefunden hatte. Ich habe mich erstmal auf etwas über die Person Protzen hinausgehende Dinge festgelegt wie den bestehenden Forschungsstand zur Kunst im NS sinnvoll zu erweitern sowie die Forschung zur Autobahnmalerei überhaupt erstmal anzufangen, zum Beispiel durch die bisher noch nicht stattgefundende Aufarbeitung der beiden wichtigen Ausstellungen „Die Straße“ (1934) sowie „Die Straßen Adolf Hitlers in der Kunst“ (1936), die ich beide archivalisch verdammt gut nachskizzieren konnte, wenn ich das mal so unbescheiden formulieren darf. Abschließend findet die Einordnung eines bisher noch überhaupt nicht aufgearbeiteten Œuvres eines Malers statt, das und der sinnbildlich für viele andere NS-Künstler und in einigen Punkten auch generell für bürgerliche Biografien eines Deutschen zur NS-Zeit bzw. zur Zeit der jungen Bundesrepublik stehen können.

Alles zusammen hat jetzt also einen anständigen Rahmen und kann ab jetzt vernünftig von vorne bis hinten korrekturgelesen werden. Bis ich mit dem Brocken durch bin, haben hoffentlich ausgewählte Lesesäle für einige wenige Glückliche wieder geöffnet. Vielleicht in gering personell besetzten Schichten, mit festgelegten Arbeitsfenstern von vier Stunden oder so. Jeder räumt seine Bücher selbst wieder weg, damit kein anderer die anfassen muss. Ginge da was?

Endlich mal wieder etwas produktiv gefühlt. Backen ist zwar auch toll, aber akademisch arbeiten ist toller.

Weiterhin und immer wieder: Dankeschön! Ihr seid toll und gerade sehr hilfreich. Hey, wenn irgendjemand gerade Werbetexte braucht, die kann ich auch!

Tagebuch Samstag, 21. März 2020 – Hefeteig weil Hefeteig

Wie ich in den letzten Wochen beim ewigen Rumdaddeln für das perfekte Franzbrötchenrezept mal wieder festgestellt habe: Es gibt kaum etwas, was mich so beruhigt, wie meine Hände im Hefeteig zu haben. Hefeteig zu kneten, ist einfach wunderbar, und auch wenn ich mich jetzt komplett zum Deppen machen, aber: Wenn er so fluffig vor mir liegt, dann wird er auch gerne mal kurz gestreichelt, bevor ich ihn in wilde Formen zwinge, weil er sich halt so herrlich anfühlt.

Morgens guckte ich nach meinem Sauerteigansatz im Kühlschrank und begrüßte ihn freundlich, wie man halt mit neuen Mitbewohnern so umgeht. Das hat mich wirklich gefreut, dass das so gut geklappt hat, auch wenn ich noch nicht mit ihm gebacken habe, weil mir die ganzen tollen Mehle fehlen und ich jetzt auch gerade nicht vor die Tür kann, um sie einzukaufen. Ich habe mich noch nicht entschieden, ob ich sie online bestelle; eigentlich will ich auch gerade keine Pakete bekommen.

Nebenbei, falls ihr den Ansatz auch ausprobieren wollt: Auf Twitter bekam ich den Tipp, nicht nur den Sauerteig in warme Decken zu hüllen, um ihn auf 30 Grad zu bekommen, sondern einfach ein Marmeladenglas mit warmem Wasser mit einzuwickeln. Ich glaube, das war auch ein Grund fürs Gelingen, dankeschön!

Nach dem ersten Rundgang durch die morgendliche Wohnung und dem Hochziehen aller Jalousien ging ich aber erst einmal wieder ins Bett. Es regnete, und ich liebe es, im Bett zu liegen und dem Regen zuzuhören. Das habe ich dann auch erstmal ausgiebig gemacht.

Das freitägliche Hauskonzert von Igor Levit nachgeholt. Noch nie so gespannt Schubert gehört. Was für ein Geschenk diese Konzerte sind!

Und dann war ich den halben Tag lang in der Küche, anrühren, ruhen lassen, tourieren, tourieren, tourieren, tourieren, formen, gehen lassen, in drei Schichten backen. Währenddessen liefen ein paar Serien, aber irgendwie war ich unkonzentriert und lungerte eher auf Twitter rum.

Am späten Nachmittag hatte ich dazu perfektes Backwerk. Beste Croissants, die ich je gebacken habe, und dieses Mal habe ich auch keine solchen Dinosaurier geformt wie im Rezeptlink, sondern kleine, damenhafte Hörnchen. Aus der Teigmenge sind bei mir 16 Croissants rausgekommen, von denen 12 gleich im Gefrierschrank landeten.

Die Antworten unter diesem Tweet belegen: Jede erste Satz verlangt nach Ausgangssperre!

In München hört man derzeit des Öfteren Durchsagen wie diese. Eben beim Bloggen zum ersten Mal auch auf Englisch unter meinem Fenster.

Das Netbit-Blog sammelt kostenlose Kulturangebote, Datenbankzugänge, gestreamte Gottesdienste und wie ich selbst überrascht gesehen habe, auch FC-Bayern-TV ist gerade kostenlos. FUPPES!

Ab heute um 18 Uhr zeigt der Kammerspiele-Stream Hamlet in der Inszenierung von Christopher Rüping, den ich sehr spannend fand. Der war vor Kurzem in den Kommentaren der Kaltmamsell (finde den Blogeintrag grad nicht) mein Beispiel für modernes Theater, dem gerne vorgeworfen wird, dass alle nackt sind und viel Blut spritzt. Genau das passiert hier auch, aber ich fand’s toll.

Auch die Schaubühne Berlin streamt.

Danke für eure Spenden, da kam nach dem gestrigen Eintrag ein bisschen was zusammen. Eigentlich war der Plan, die Diss mit so ziemlich den letzten Ersparnissen zusammen über die Ziellinie zu bringen und mir dann schnellstmöglich eine Festanstellung als irgendwas zu suchen, um das Konto wieder aufzufüllen. Diese Ziellinie hat sich jetzt leider etwas nach hinten ins Ungewisse verschoben, während meine Miete aber weiter abgebucht wird. (Immerhin gehe ich jetzt seltener einkaufen, haha.) Ich ahne auch, dass die Jobsuche in ein paar Monaten nicht ganz so locker werden wird wie ich das immer noch irrealerweise gehofft habe, so als Mittzwanzigerin, die keine acht Jahre in ihrem Job nur halbe Kraft gefahren ist und stattdessen schön studieren war.

Okay. Es wird schon irgendwie gehen, aber ich wusste das gestern sehr zu schätzen, vielen Dank!

Tagebuch Freitag, 20. März 2020 – Mehllieferung

Keinen Handschlag an der Diss getan, nichts gelesen, nichts Kulturelles gehört oder gesehen. Levits Konzert verpasst, weil ich erneut bei „Project Runway“ versackt bin. Das lenkt gerade ganz hervorragend ab. Vor allem, weil ich gerade gnadenlos die ganzen alten Staffeln gucke, bei denen selbst ich Fashion-Noob sagen kann: „Das sieht aber schon arg altbacken aus.“

Ein bisschen war ich vor der Tür, bevor Herr Söder eine Ausgangsbeschränkung für die nächsten zwei Wochen für ganz Bayern verkündete. Für mich hat sich nach der Ankündigung nichts geändert: Ich kann weiterhin einkaufen und woanders muss ich grad eh nicht hin, weil nichts von dem geöffnet ist, was ich brauche. Obwohl: Die Schließung der Baumärkte und Gartencenter hat mich jetzt doch etwas getroffen, weil ich mich darauf gefreut habe, demnächst wieder Blümchen auf dem Balkon anzupflanzen. Aber vermutlich ist es dafür eh noch zwei Wochen zu früh, und dann passt das wieder. Habe mir nach einem Telefonat vorgestern aber mal aus dem Supermarkt Samen für Salat und Tomaten mitgebracht.

Ich ging zum nächstgelegenen Briefkasten, um meinen Wahlzettel für die Stichwahl zum Münchner Oberbürgermeister einzuwerfen (ich gendere bewusst nicht, ich gehe von einem Bürgermeister aus). Wo ich schon mal vor der Tür war, dachte ich, guckste doch mal beim Lidl rein, da soll es ja angeblich noch Hefe geben, wie mir auf Twitter verraten worden war. Die Leute dort hielten fast alle brav Abstand bis auf ein Damendoppel, das sehr dicht beieinander und sehr langsam vor mir herschlich, bis ich einfach stehenblieb und es ziehen ließ, weil es mir zu doof war, dauernd meine Geschwindigkeit anzupassen. Hefe war bergeweise vorhanden, Mehl überhaupt nicht und leider auch keine Eier, die ich vorgestern beim Einkaufen vergessen hatte. Egal, ich hatte Hefe, was super ist, weil mein Sauerteigansatz ja anscheinend was wird und mir außerdem F. per DM berichtet hatte, dass er aus seinem Edeka drei Packungen 550er Mehl für mich mitgenommen hatte, yay!

Beim Lidl stand übrigens ein Wachmensch an den beiden geöffneten Kassen. Ich fand es etwas dusselig, von den drei Kassen, die theoretisch da wären, genau die zwei zu öffnen, die nebeneinander sind anstatt die beiden äußeren, aber okay. Alle hielten Abstand, und zwischen den Einkaufenden und der Kassiererin war eine hohe Plastikscheibe. Ein Zettel bat um Kartenzahlung, was ich brav erledigte, obwohl ich gefühlt 40 Euro in Münzen mit mir rumschleppte.

Wieder zuhause piepste mein Handy und zeigte mir ein Päckchen in der Packstation an. Vielen Dank an Gudrun, die mich mit Anna Seghers Transit überraschte. Das hat mich natürlich sehr gefreut, es hat mich aber auch daran erinnert, dass ich den Wunschzettel ändern musste. Der war so eingestellt, dass alles darauf in die Packstation kommt, weil ich ja tagsüber normalerweise zu Postaustragzeiten eher nicht zuhause bin bzw. einfach nicht gerne Päckchen fürs ganze Haus entgegennehme, wenn ich denn mal zuhause bin. Die Packstation ist (oder eher: war) für mich auch eine Gelegenheit, aus dem Haus raus zu müssen; in Zeiten, wo ich nur am Schreibtisch hocke, eine willkommene Abwechslung und eine Möglichkeit für einen Spaziergang. Das ändere ich jetzt, wobei ich den Wunschzettel einfach mal ganz auf privat statt auf öffentlich stelle (jetzt gerade kann ich ernsthaft Geld etwas besser brauchen, zugegebenermaßen). Aber nochmal: Vielen Dank, auch für die Widmung.

Auf dem Weg zur Packstation ist bei mir ein Netto, auch dort ging ich noch schnell hinein, um Eier zu kaufen. Ich habe nicht darauf geachtet, was hier gerade nicht oder besonders häufig vorrätig war. Ich gehe davon aus, dass sich das in den nächsten Tagen und Wochen alles wieder einspielen wird und dass wir dann alle erneut besinnungslos Mehl und Klopapier kaufen können. (Und Hefe!)

Pizza zum Abendessen. Fenchelsalami, Zwiebeln, Gouda, weil ich natürlich nicht an Mozzarella gedacht hatte. Meine Methode, sehr spontan und nach momentaner Lust zu kochen, beißt sich noch etwas mit der jetzt angesagten Vorratshaltung.

Gegen 20 Uhr kam F. vorbei. Ich habe in meinem Leben schon ein paar seltsame Dinge gemacht, aber in meiner eigenen Wohnung von meinem eigenen Lebensgefährten zwei Meter Abstand zu halten, ist schon ziemlich weit oben auf der Liste. Wir hatten uns seit Montag vor einer Woche nicht mehr persönlich gesehen und seitdem ein paar Möglichkeiten für Infektionen gehabt (einkaufen, Öffis fahren), und wenn ich gewusst hätte, was kommt, hätte ich ihn viel länger im Arm behalten. Ich kann mich schon gar nicht mehr daran erinnern, wie wir uns verabschiedet haben. Ich glaube, er ist wie immer eine Station vor mir aus der U-Bahn gestiegen, und weil wir beide nicht so große Fans von üppigen Zuneigungsbezeugungen in der Öffentlichkeit sind, haben wir uns vermutlich bloß keusch zugewunken. Das werde ich in Zukunft ändern. Ich werde demnächst wild rumknutschen, sobald ich es wieder darf. So.

Gestern gab ich aber per Handy die Anweisung durch: „Bitte selbst reinlassen und gleich Hände waschen“, wo ich ihm normalerweise die Tür öffne und ihm erstmal um den Hals falle. Das tat er auch brav, während ich meterweise von ihm weg im Flur rumlungerte und aus der Entfernung darum bat, dass er sein mitgebrachtes Mehl auf dem Herd abstellt. Dann ging ich in die Bibliothek, er hielt Abstand und kam hinterher, er nahm auf dem Sessel Platz, ich zwei Meter weiter auf der Couch. Alles sehr viktorianisch.

Wir sprachen auch über die Ausgangsbeschränkungen und die Grundrechte, die wir gerade so locker abgeben. Dabei waren wir uns einig, dass Grundrechte auch Grundpflichten beinhalten; eine Gemeinschaft, eine Gesellschaft funktioniert nur, wenn sich alle an gewisse Spielregeln halten, gerade bei Dingen, bei denen es um Leben und Tod geht, und das geht es hier nun einmal. Ich frage mich eh, wie man noch zusammen im (geschlossenen) Biergarten sitzen kann, aber gut. Wir sind alle irgendwo Idioten. Nur jetzt gerade ist Idiotie nicht nur nervig, sondern tödlich. Also bleibt gefälligst zuhause – oder geht nur alleine vor die Tür, was wir ja glücklicherweise noch dürfen. Ich gebe es weiterhin sehr ungern zu, aber ich glaube, Herr Söder bzw. die bayerische Regierung hat die richtigen Maßnahmen getroffen. Ich habe mir vorgenommen, bis nächsten Freitag nicht wieder vor die Tür zu gehen, denn ich kann jetzt jeden Tag Brot und Pfannkuchen machen. Und Franzbrötchen! Alles wird gut.

Tagebuch Donnerstag, 19. März 2020 – Okay bis zum Nachmittag

Aufgewacht, geduscht, Flat White gemacht, gebloggt, aufs Sofa gesetzt mit dem festen Vorsatz, die Diss nicht anzufassen, denn das bringt ja eh nichts.

Nach 20 Minuten an den Rechner gegangen und die Diss geöffnet. Reverse psychology works, people.

Korrigiert, Textblöcke verschoben und einen total sinnvollen Vorschlag für alle Akademiker*innen entwickelt:

Irgendwann eine gute Idee für das Kapitel gehabt, mit dem ich die letzten Tage gehadert habe, weil mir Bibliotheken und die Milliarden von Infos fehlen, die ich in ihnen finde. Die Idee ansatzweise umgesetzt, dann Hunger bekommen und erstmal Mittag gemacht. Der Nudelteig von vorgestern ist jetzt aufgebraucht.

Apropos Bibliotheken: Einige von ihnen erleichtern gerade die Zugangsmöglichkeiten zu ihren digitalen Angeboten. Ich bekam auf Twitter die Münchner Stabi (Erleichterung bei der Ausweisbeantragung) und die Kölner Stadtbibliothek mit, aber vielleicht schaut ihr mal, wie es bei euren Haus- und Hofbibs aussieht, ich ahne, dass die auch gerade ihre Angebote niedrigschwelliger machen. Meine obskuren Bücher zu meinen obskuren Malern gibt es zwar dennoch nicht digital, aber ich finde es gut, dass Dinge sich anscheinend irre schnell ändern können, wenn es nur dringend genug ist. Wäre nett, wenn es für die weitere Digitalisierung nicht das nächste Virus bräuchte.

Noch in meiner späten Mittagspause erreichte mich die Nachricht von F., dass die Passionsspiele in Oberammergau, die nur alle zehn Jahre stattfinden, auf 2022 verschoben wurden. Wir hatten Karten für Ende Mai gehabt und uns schon sehr gefreut (ich auch über einen bisher in diesem Blog einzigartigen Eintrag), aber nun gut. F. meinte vor ein paar Tagen noch so: „Die Spiele gibt’s doch nur, weil Gott das Dorf von der Pest verschont hat – da wird so ein blödes Virus ja wohl auch einen Bogen drumrum machen.“ Tja. Virus 1, Gott 0.

Ich rief pseudo-gut-gelaunt das Mütterlein an, das wir hatten mitnehmen wollen und meinte, dass wir dann eben erst 2022 gehen würden. Woraufhin sie den Spruch brachte, den alle älteren und alten Leute vermutlich irgendwann bringen: „Ach, wer weiß, ob ich dann noch lebe.“

Ich habe wie üblich die zuversichtlichen „Ihr seid doch unverwüstlich“-Sätze von mir gegeben und mit ihr geklönt. Dabei merkte ich, wie gut die Rede von Angela Merkel am Mittwochabend gewesen war. Seit Tagen versuchen meine Schwester und ich, das Mütterlein davon abzuhalten, einkaufen zu gehen. Das hat bisher auch geklappt, aber so richtig ernst genommen hat sie das Ganze nicht. Am Telefon meinte sie nun aber: „Frau Merkel hat ja auch gesagt, dass es jetzt ernst ist.“ Der hat sie nämlich geglaubt. #DankeMerkel

Das vertwitterte ich auch, woraufhin einige Reaktionen kamen; die hier fand ich besonders schön: „Bei meiner Mutter war es die Aussage der in London lebenden Nichte, dass die Queen auch alle Termine abgesagt hat.“ (Habe den Tweet komplett gecopypastet, dabei wurde aus dem Emoji am Tweetende dieser Text: „Gesicht mit Freudentränen“. Cool, wieder was gelernt.)

Zurück zu meiner Mutter: Die Pflegekräfte für meinen Vater kommen natürlich weiterhin ins Haus, die Physiotherapie aber nur noch auf Wunsch; die hat Mama erstmal abbestellt. Sie hält auch brav zu den Pflegekräften Abstand, und auch meine Schwester klingelt, geht dann ein paar Meter zurück, bis Mama die Tür öffnet und die Einkäufe von der Türschwelle nimmt. Typisch Mütterchen: „Ja, aber [Schwester] muss doch den ganzen Tag arbeiten, da muss sie doch nicht noch für mich einkaufen.“ Und vergisst natürlich völlig, dass sie seit Monaten rund um die Uhr für unseren Vater da ist. Eigentlich sollte ich in ein paar Wochen mal wieder für eine Zeitlang in den Norden kommen, aber das haben wir erstmal vorsichtig auf Eis gelegt und gucken, wie dann die Gegebenheiten so sind und ob ich mich in einen Zug setzen sollte. Meine ewige großkotzige Ansage, dass man in einer Großstadt kein Auto braucht, beißt mich gerade sehr in den Hintern.

Als wir das Gespräch beendet hatten, kam der Satz „Ach, wer weiß, ob ich dann noch lebe“ leider wieder hoch. Denn zum ersten Mal fühlt es sich so an, als ob an ihm etwas Wahres dran sein könnte. Mir ist schon klar, dass wir nicht ewig leben, auch meine Eltern nicht, obwohl ich es mir gar nicht anders vorstellen kann, dass sie irgendwann nicht mehr da sind, denn sie sind schließlich schon immer da gewesen. Aber jetzt, wo sich um uns herum etwas Unsichtbares, Bedrohliches an uns ranschleicht, fühlt es sich auf einmal real an. Damit war der Tag dann eher gelaufen.

Immerhin konnte ich wieder Igor Levit zuhören und dann in die Kammerspiele gucken und abends theoretisch Saša Stanišić bei einer Lesung zuhören, wofür ich aber zu traurig war. Ich kriege gerade mehr Kultur mit als zu der Zeit, als ich noch vor die Tür hätte gehen können, um sie mir persönlich abzuholen. Ich vermisse allerdings schon die Museen, denn kein virtueller Rundgang kommt auch nur annähernd an das Erlebnis heran, vor einem Kunstwerk zu stehen.

Immerhin ein Erfolgserlebnis: Der vorgestern angesetzte Sauerteig ist ernsthaft von Nichts auf Riesig angewachsen und sogar aus seinem Glas geklettert und hat meine FCA-Fleecedecke eingesaut, in die ich ihn eingewickelt hatte. Aber da ich die Decke gerade eh nicht brauche (kein Fußball, kein Stadion), ist das egal. Ich habe einen Sauerteigansatz! OMG!

Tagebuch Mittwoch, 18. März 2020 – Einkaufen gehen

Seit Tagen habe ich mir keinen Wecker gestellt und werde immer früher wach als noch zu den Zeiten, als man noch in Bibliotheken gehen konnte (aka vor einer Woche). Das ist einerseits nett, weil ich mehr vom Tag habe, das ist andererseits doof, weil ich mehr vom Tag habe, der im Moment nicht mit dem gefüllt werden kann, mit dem ich ihn gerne füllen würde.

Was ich nach lächerlichen fünf Tagen Selbstisolierung zuhause schon merke: wie sehr es mich anfrisst, kaum noch etwas für mich selbst entscheiden zu können. Letzte Woche war es noch unklar, ob ich die zwei vereinbarten Archivtermine sowie mein Geburtstagsessen im Lieblingsrestaurant wahrnehmen werde können. Den Restaurantbesuch hatte F. auf meine Bitte hin abgesagt, die eine Archivarin hatte mir abgesagt, aber die Bibliotheken und das zweite Archiv wären theoretisch noch eine Möglichkeit gewesen. Es fühlt sich irritierenderweise anders an, wenn man selbst auf etwas verzichtet als wenn die Entscheidung für einen gefällt wird und man keine Chance hat, daran etwas zu ändern.

Als ich Montag (Montag! Fühlt sich schon ewig her an) noch lustige Tipps fürs Home Office gab, war mir noch nicht klar, wie wenig ich selbst davon umsetzen kann. Denn im Moment brauche ich gerade kein Home Office, ich brauche Orte wie Bibliotheken und Archive. Und ab und zu ein Bierchen bei der Kneipe um die Ecke, wie ich gestern bei den ersten guten Temperaturen für Biergärten wimmernd merkte.

Apropos wimmern: Das Österreichische Staatsarchiv streamte gestern einfach mal eine geöffnete Kiste. Das reichte schon, um mich traurig zu machen und mir meine derzeitige Hilflosigkeit dem akademischen Schreiben gegenüber zu verdeutlichen.

Ich habe es gar nicht erst mit der Diss versucht, sondern stattdessen die Wohnung geputzt. Das lag vermutlich auch an einem Tweet, den ich gerade nicht wiederfinde, aber er hatte ein gif von Monica Geller und dem Text: „Not just clean – Monica clean.“ Das ist meine Wohnung nicht, aber jetzt immerhin wieder staubfrei.

Wäsche gewaschen. Mich darüber gefreut, dass es warm genug dafür ist, die Wäsche wieder auf dem Balkon trocknen zu können.

Einen Sauerteig angesetzt. Da ich gerade kein Instrument im Haus habe, das ich lernen könnte, und ich es versäumt habe, mir eine billige Nähmaschine auf Ebay zu schießen – danach hatte ich letzte Woche geguckt –, um mich mal am Nähen zu versuchen, lerne ich jetzt halt, Sauerteigbrot zu backen.

Eine DM von F. bekommen, der meinte, dass die meisten sich anscheinend an die halbe Ausgangssperre halten: weniger Leute unterwegs, Menschen halten Abstand beim Einkaufen. Bis auf die „laut eigener Aussage 92-jährige Dame hinter mir an der Kasse, die ganz normal aufgeschlossen hat und als erstes mal zwei Flaschen Augustiner aufs Band gepackt hat. Good on her.“

Daraufhin traute ich mich auch nach draußen. Ich radelte zum Karstadt, in dessen Lebensmittelabteilung ich noch auf 550er Mehl hoffte, das mein oller Nachbar-Edeka auch zu normalen Zeiten eher selten im Regal hat. Die Türen des Kaufhauses waren weit geöffnet, so dass man keine Griffe berühren musste, aber alles war mit Absperrbändern gesichert, man konnte nur direkt vom Eingang die Rolltreppe hinunter in die Lebensmittelabteilung gehen. Darauf wies auch ein Schild hin, wobei ich nicht auf die Öffnungszeiten geachtet habe, die hier in Bayern ja jetzt auch auf Sonntag ausgedehnt wurden. Neben den Flatterbändern stand eine Dame als Wachpersonal, die ich erstmal freundlich grüßte, als ich mit großem Abstand an ihr vorbeiging.

Es waren wirklich deutlich weniger Menschen unterwegs, und ich war nicht die einzige, die mit Einweghandschuhen rumlief. Die habe ich übrigens nicht erst vor drei Tagen armen Pflegebedürftigen weggekauft; der 100er-Pack ist bereits zweimal mit mir umgezogen, mit den Dingern schneide ich normalerweise Chili oder Rote Bete. Und weil ich den Kram anscheinend irre selten verwende bzw. bei Chili inzwischen weniger memmig bin, habe ich noch ein paar in der Küche rumliegen. Wie ich gestern feststellte, ist es gar nicht so einfach, sich damit Einkaufszettel und Schüsselbund aus den Hosentaschen zu friemeln. Oder den Reißverschluss am Rucksack aufzumachen, daran bin ich gleich zweimal hängengeblieben.

Ein Kilo meines Lieblingsbrots gekauft, das ich zuhause, wie immer, in Einzelteilen eingefroren habe. Pastrami und Fenchelsalami besorgt, weil ich Lust darauf hatte, obwohl sie in meinem finanziellen Rahmen derzeit eigentlich nicht vorgesehen sind (sonst eher Lidl statt Feinkost). Und dann nach Mehl und Hefe geguckt, die komplett leergeräumt waren. Nicht mal das olle 405er war noch da. Mit Abstand an der Kasse angestellt, mit Karte bezahlt – auch die Kassiererin trug Handschuhe, wenn ich mich richtig erinnere – und zum Edeka geradelt. Auch dort weder Mehl noch Hefe, aber jetzt hatte ich ja einen Berg Brot. Viel frisches Obst und Gemüse gekauft, frische Milch, die ich literweise verbrauche, Spülmittel und Schokolade. Wundert mich, dass die keiner hamstert. Auch beim Edeka: sehr wenig los, Menschen halten Abstand, keinen Mundschutz gesehen.

Zuhause festgestellt, dass man unglaublich schwitzt unter den blöden Handschuhen. Noch mehr Respekt für Pflegekräfte bekommen.

Ich hatte gestern in der NYT gelesen, dass Handschuhe eher egal sind. Mag sein, aber für mich sind sie eine simple Erinnerung daran, mir nicht im Gesicht rumzuwuscheln.

Pastateig vom Dienstag in formschönere Tortellinis verwandelt und eingefroren, denn aus meinem eigentlichen Abendessenplan (Pasta) wurde Spargel, der beim Karstadt überraschenderweise schon aus Deutschland vorrätig war. Der tat gut. Wenn ich schon nicht vernünftig arbeiten kann, möchte ich mir wenigstens so etwas Gutes tun. Sonst tut mir meine Arbeit immer sehr gut, wie ich mal wieder merkte. Auch deswegen fühle ich mich gerade ein bisschen verzagt.

Den Rest des Tages Serien geguckt und Tee getrunken. Mache ich halt notgedrungen ein bisschen Urlaub. Mich weiterhin über die Osterglocken der Nachbarin vom Montag gefreut; ich habe sie auf drei Zimmer verteilt und freue mich immer, wenn ich sie sehe. Momentan trotz finanzieller Lage auch sehr glücklich über die größere Wohnung. In meiner alten 1-Zimmer-Butze würde ich vermutlich schlechter mit der Situation umgehen können.

Ich traue uns noch nicht so recht zu, aus der Pandemie so viel zu lernen, dass die Gesellschaft Pflegende besser bezahlt und wir allesamt netter zueinander sind (auch wenn ich die Sprach- und Themenlosigkeit der AfD-Deppen gerade sehr genieße), aber so ganz will ich die Hoffnung noch nicht aufgeben. Georg Diez auch nicht:

Corona und die Kommunikations-Revolution

Im Text geht es auch um Igor Levit und Christian Drosten, aber vor allem um das schöne Wort der Zugewandtheit.

„Igor Levit zeigt damit, wie diese Krise genutzt werden kann, alte Mechanismen etwa der Kommunikation oder der Information zu verändern und zum Teil radikal neu zu denken. Er wendet sich direkt an die Menschen, ohne mediale Vermittlung, und die Menschen danken es ihm. So entsteht eine Verbundenheit, eine Intimität fast, eine Offenheit und Authentizität, die nur auf scheinbar widersprüchliche Weise technologisch hergestellt ist. Tatsächlich zeigt Levits Beispiel, wie sehr die Digitalität, richtig angewendet, zu mehr Empathie und echtem Trost führen kann. […]

Die neuen Kommunikationsmöglichkeiten, das zeigt diese Krise, bieten eine viel umfassendere Möglichkeit, sich zu informieren, und zwar auf eine Art und Weise, die an Tiefe, Kontinuität und Genauigkeit in keinem Vergleich steht zu dem, was die traditionellen Medien in gefiltertem Maß tun; wobei der Filter genau das Problem ist, denn zwischen Absender und Adressat schaltet sich jemand, der oder die im Zweifelsfall deutlich weniger weiß als etwa Christian Drosten, Professor an der Berliner Charité und für viele die Stimme der Vernunft, ein Leuchtturm in diesen viralen Zeiten.

Auch Drosten kommuniziert sehr viel und sehr effektiv über Twitter, die Zahl seiner Follower ist explodiert, und für alle, die sich über den aktuellen Stand der Corona-Situation in Deutschland informieren wollen, macht es absolut keinen Sinn, darauf zu warten, was Journalist*innen vermelden, wenn sie sich direkt und dauernd bei Drosten den neusten Nachrichtenstand holen können. Bei ihm ist eine Verlässlichkeit und ein Vertrauen gegeben, das den traditionellen Medien, manchmal aus gutem Grund, inzwischen abgeht.“

Tagebuch Dienstag, 17. März 2020 – Tortellini-ähnliches

Kein guter Tag. Ich konnte mich nicht wirklich konzentrieren, hüpfte im Diss-Dokument von vorne nach hinten, ergänzte, korrigierte, aber so recht war ich nicht bei der Sache. Auch weil mir bei so ziemlich jedem Kapitel klar wurde, dass ich ohne Bibliotheken dort nicht weiterkomme bzw. sie nicht finalisieren kann.

Das ZI instagrammte die drei leeren Lesesäle – ich sitze am liebsten im großen –, ich vertwitterte das Geisterhaus, und eine Minute später sah ich diese Erwähnung, die mich freute und traurig machte.

Um mich abzulenken, ging ich in die Küche, immer der beste Ort für Ablenkung. Dort bastelte ich Pastateig aus Mehl (ich habe noch Mehl!) und zwei Eiern, ließ ihn ruhen und rollte ihn anschließend schön dünn aus (Pastamaschine FTW!). Ravioli mache ich recht gern, aber an Tortellini hatte ich mich noch nie versucht. Wann, wenn nicht jetzt? Ich guckte mir auf YouTube ein paar Tutorials an, wie man die kleinen Racker formt und bastelte fröhlich nach. Sie sahen eher aus wie kleine Papstmützen, weil ich mir nie merken konnte, wo jetzt die lustige Spitze eigentlich hinsoll, bevor man sie eindreht, keine Ahnung, warum ich bei manchen mechanischen Bewegungen zur absoluten Idiotin verkomme. Macht nichts, mit Frischkäse-Schnittlauch-Parmesan gefüllt waren sie ratzfatz fertig, ich kam kaum damit hinterher, noch schnell ein Weißwein-Sahnesößchen zu zaubern. Sah alles völlig unfotogen aus, schmeckte aber immerhin hervorragend. Und da ich nicht den ganzen Teig verarbeitet habe, mache ich das heute einfach nochmal. Vorher noch ein paar Tutorials gucken.

Mein Lieblingsweingut bietet ein #StayAtHome-Paket an. Wenn ich gerade keine Panik vor Liefermenschen hätte, würde ich es sofort ordern.

Das 5. Akademiekonzert der Bayerischen Staatsoper ist für zwei Wochen online abrufbar. Herr Levit musste ja sein gewohntes Hauskonzert aus Berlin ausfallen lassen, um in einem fast völlig leeren Saal in München zu spielen. Falls ihr ihn also mal in guter Tonqualität und mehreren Kameraperspektiven erleben wollte: bitteschön. (Danke an alle Kulturschaffenden für alles gerade. Sowieso immer.)

Die SZ schrieb gestern schön über Levit: Chaconne in Turnschuhen.

„Seit vier Tagen spielt der Pianist jeden Abend, pünktlich um 19 Uhr, kurz nach Einbruch der Dunkelheit ein “Hauskonzert”. Mal aus seinem Wohnzimmer. Mal aus einem Münchner Bühnenraum. Mal strumpfsockig, mal in klobigen Sneakers, Pulli und Jeans. Jedes mal eine Komposition. Live auf Twitter. […]

Ja, und jetzt würde normalerweise irgendwas Geschmäcklerisches kommen über die Interpretation oder den Klang. Der ist tatsächlich eher so mittel, das Ganze wird ja in irgendeinem vollgekruschten Probenraum mit dem Iphone aufgenommen, und man selbst hört am Schreibtisch zu, am Rechner, was am Ende streckenweise zu einem Klang führt, als würde einem einer durch ein mehrfach gebogenes Ofenrohr vorspielen.

Aber das ist egal. Worauf es ankommt, ist, dass da einer Kunst macht, um zu trösten. […] Am Ende steht Igor Levit jeweils auf, ein fast schüchternes Lächeln im Gesicht und verschwindet seitwärts aus dem Bild. Es bleiben ein leerer Stuhl und Stille. Aber die ist so viel besser zu ertragen als noch eine halbe Stunde zuvor.“

Fill your ears with art: the top culture podcasts to listen to during the coronavirus lockdown

Alle noch nicht durchgehört, geb ich einfach mal weiter.

Eventuell fange ich mit „The Way I See It“ an, einem Podcast, in dem Menschen sich ein Bild aus dem MoMA aussuchen und darüber sprechen. Das wäre für mich eine gute Ergänzung für die Bitte von Frau @novemberregen, die sich gerne was über Kunst erzählen lassen möchte. Ich denke seit Tagen über Margarethe von Anselm Kiefer nach, über das ich vermutlich irgendwann was schreiben werde, aber momentan bin ich noch zu traurig für dieses Bild.

Ich komme nicht darüber weg, wie ordentlich ausgerechnet Spahn und Söder gerade ihre Jobs machen, bin aber sehr dankbar dafür. Seit gestern ist der bayerische Soforthilfefonds für Betriebe und Freiberufler verfügbar. (via Manuel Braun)

Lebensmittel-Logistik in der Corona-Krise: Warum es manchmal etwas dauert, bis die Regale im Supermarkt wieder aufgefüllt sind

„Für jede Filiale wird eine individuelle Abverkaufsprognose errechnet, die berücksichtigen soll, wie Kund:innen wahrscheinlich in den nächsten Tagen einkaufen. Danach richtet sich die Marktbestellung. Eine Direktbelieferung von Produzenten an die Märkte ist inzwischen eher selten; stattdessen wird die Ware über Regional- und Zentrallager verteilt. Je nach Marktgröße und Entfernung zum Lager gibt es pro Filiale einen definierten Belieferungsrhythmus.

Ein – stark vereinfachtes – Beispiel: In Filiale X kaufen pro Tag üblicherweise drei Kund:innen eine Dose Kidneybohnen, das macht bei sechs Öffnungstagen (Mo bis Sa) 18 Dosen in der Woche. Um mindestens einen möglichen Ausfall einer Lieferung zu kompensieren, werden im Lager 36 Dosen bestellt. Wenn aber statt drei plötzlich dreißig Dosen am Tag verkauft werden, ist das, was sonst für zwei Wochen gereicht hätte, im Markt nach einem Tag schon wieder weg. Genau das ist zuletzt passiert.

Unter regulären Bedingungen halten Händler Bestände für ein bis drei Wochen in ihren Lagern vor, ohne dass Nachlieferungen vom Lieferanten nötig sind, sagt ein Mitarbeiter einer großen Handelskette. […]

In der Branche heißt der Effekt, der sich jetzt ergibt, „Bullwhip“- bzw. Peitscheneffekt: Kund:innen kaufen viel mehr als gedacht, Märkte bestellen mehr (als sie evtl. benötigen), Lager laufen leer und merken: der Bedarf ist riesig, sie bestellen mehr beim Lieferanten – und der kriegt diese unerwarteten Mehrbestellungen plötzlich von allen Händlern gleichzeitig.

Welche Herausforderungen müssen die Hersteller noch bewerkstelligen? Sie müssen die Ware so verteilen, dass nicht in den Lagern in Berlin das ganze Toilettenpapier steht, während die in München leer ausgehen. Deshalb unterstützen Händler gerade vor allem kleinere Lieferanten bei der Koordination.“

Münchner Kammerspiele on demand

Die Kammerspiele stellen ab heute, 18 Uhr, jeweils eine Inszenierung für 24 Stunden online. Heute geht’s mit „No Sex“ los, das mir live ganz gut gefallen hatte.

Tagebuch Montag, 16. März 2020 – Happy birthday to me

Ich hatte gestern Geburtstag und habe ihn komplett alleine verbracht.

Als ersten Gratulanten hatte ich morgens Papa am Ohr; er rief aus seinem Hirn die üblichen Floskeln für Geburtstage ab, die er in seinem Leben schon tausendmal verwendet hatte („Ehrentag“, „gutes Wetter“, „hab einen schönen Tag“, „Gesundheit ist das Wichtigste“) und fragte mich viermal, wie es mir geht, weil er vergessen hatte, dass er mich das schon dreimal gefragt hatte. Er beendete das Gespräch mit der Floskel, mit der er schon vor dem Schlaganfall unsere Gespräche beendete: „Ich geb dir mal Mama.“

Das Mütterchen habe ich hoffentlich davon abgehalten, heute zum Friseur zu gehen. „Aber wenn ich als erste morgens hingehe? Da ist doch das Virus noch nirgends.“ – „Du musst doch grad eh nicht raus, da ist es auch egal, wie deine Haare aussehen.“ – „Aber einkaufen geht doch? Wenn ich Mundschutz und Handschuhe mitnehme?“ – „Das können doch auch andere für dich übernehmen. Aber ja, wenn du unbedingt selbst für ein Brot rauswillst, dann nimm Mundschutz und Handschuhe mit und halte Abstand zu allen Leuten.“

Zehn Minuten später rief Schwesterherz an: „DU HAST MAMA GESAGT, SIE KANN EINKAUFEN GEHEN?!?“

Seufz. Eine paar interne Kommunikationen später meldete sich Schwesterherz wieder per WhatsApp: „Ich darf für sie einkaufen. Happy Birthday!“ Dazu schickte sie mir ein Arrangement aus ihren ganzen auf Ebay ersteigerten Mainzelmännchen mit einer Glückwunschkarte. (Mein Det war ein Geschenk von ihr.)

Mama noch so beim morgendlichen Telefonat, als ich meinte, dass ich F. nicht sehe und nicht im Lieblingsrestaurant Crémant trinken werde: „Aber das ist immerhin ein Geburtstag, den du deinen Lebtag nicht vergessen wirst.“

Pep Talks von Menschen, die Weltkriege überstanden haben, sind in US-Katastrophenfilmen irgendwie immer besser.

Zur Mittagspausenzeit – wir sind ja schließlich alle brav im Home Office – F. wenigstens per Facetime gesehen. Das war schön. Doof, aber schön.

Die Nachbarin legte Osterglocken vor meine Tür, das war auch schön. Habe vergessen, mir die Hände zu waschen, nachdem ich das Einwickelpapier entfernt hatte und bin seitdem panisch.

Apropos Home Office. Auf Insta sah ich gestern sehr viele neue zeitweilige Büros meiner Timeline, viele Küchen- und Esstische, auf denen plötzlich ein Laptop stand. Hier ein paar Tipps von jemandem, die ihr Studium bis zur Masterarbeit und ihren Brotberuf jahrelang vom Küchentisch aus erledigen musste.

1.) Zieht euch was Anständiges an. Büro ist Büro, ganz egal, ob ihr im Großraum oder in eurem Schlafzimmer hockt. Setzt euch so an den häuslichen Schreibtisch, wie ihr auch an eurer normalen Arbeitsstelle auflaufen würdet. Anke-Tipp: Die Leggings statt der Jeans tun’s aber auch.

2.) Steht zu euren gewohnten Zeiten auf. Jedenfalls ungefähr. Wenn euer Arbeitsweg von 30 Minuten jetzt wegfällt – yay! 30 Minuten länger schlafen. Seid ab dem Zeitpunkt am Schreibtisch, an dem ihr sonst auch im Büro anfangen würdet zu arbeiten. Strukturen sind wichtig. Anke-Tipp: Endlich aus dem guten Kaffeeservice trinken und nicht aus der ollen Bürotasse.

3.) Macht Mittagspause zu den gewohnten Zeiten. Erneut und immer wieder: Strukturen sind wichtig. Und da eure Kolleg*innen vermutlich auch alle irgendwann Mittag machen, macht das halt auch. Nebenbei am Rechner was wegzufuttern, ist albern. Nehmt euch eine Stunde Pause. Anke-Tipp: In der Mittagspause zuhause kochen ist super und man kann nebenbei eine Serienfolge gucken, zu der man sonst erst abends gekommen wäre.

4.) Schafft euch einen echten Arbeitsplatz. Und wenn der Esstisch eben auch weiterhin Esstisch sein muss, dann funktioniert ihn tagsüber wirklich richtig um und nicht so halbherzig. Alles wegräumen, was nichts mit Arbeit zu tun hat, denn das ist jetzt euer Büro. Abends alles wegräumen, was nichts mit Freizeit zu tun hat, denn jetzt habt ihr Feierabend. Trennt beruflich verbrachte Zeit und Freizeit soweit wie möglich. Anke-Tipp: Am Esstisch eine Tischseite für Freizeit und eine für Beruf benutzen, hilft auch. Klingt erstmal bescheuert, aber der Kopf gewöhnt sich nach ein paar Tagen daran: Wenn ich auf dieser Seite sitze, bin ich im Büro, wenn ich auf dieser Seite sitze, bin ich zuhause.

5.) Blumen auf dem Tisch machen gute Laune. Ein Mainzelmännchen geht auch.

(Edit: Christian und Thomas geben ähnliche Tipps. Wir alte Homeworker-Bande, wir.)

Nachmittags meldete sich auch das Lektorgirl aus dem Home Office und las mir ihr Yogi-Tee-Etikett vor, das meine Geburtstagsbotschaft sein sollte: „Du bist schön, voller Gaben und Seligkeit.“ Und mies gelaunt, weil ich nicht in die Bibliothek kann! „Das hätten wir dir auch vorher sagen können.“ Mich überrascht das schon, WIE genervt ich davon bin, gerade nirgendwo hingehen zu können, um Bücher aus Regalen zu ziehen.

Weiter im eigenen Home Office (sieht aus wie immer) an der Diss gepuschelt, soweit das eben gerade ohne externe Bücher geht. Geht so mittel. Das ist für mich ebenfalls etwas überraschend: zu sehen, wie weit ich schon mit dem Text bin. Ich brauche jetzt dooferweise noch ein paar Archive und eben das ZI, um die letzten Lücken zu füllen und meinen Maler vernünftig einordnen zu können, aber ohne die kann ich gerade wirklich nichts machen außer Korrektur zu lesen.

Ich bin allerdings dankbar für die vielen Datenbanken und digitalisierten Bücher, die mir zwar gerade nur bedingt weiterhelfen, aber immerhin. Ach, hey, falls jemand von der Süddeutschen mitliest: Wieso sehe ich mit meinem tollen Uni-Zugang auf alle Ausgaben die Vorschau auf den Nachruf des Herrn Protzen vom 15. September 1956 (Seite 7), kann sie aber nicht anklicken? Falls irgendjemand mir davon ein pdf schicken könnte, wäre ich sehr dankbar. Dafür wollte ich eigentlich in die Stabi, die alle Zeitungen vor Ort hat, aber das geht momentan ja leider nicht.

Nicht mehr ganz so alleine gefühlt wie Sonntag, obwohl ich es genauso war. Doch abends bedauert, dass ich zu faul gewesen war, mir selber einen Geburtstagskuchen zu backen. Dafür habe ich Geburtstagsbrot gebacken und wollte danach natürlich viel lieber eine Brezn vom Bäcker, der ich aber tapfer widerstanden habe.

Werde mir jetzt nachträglichen Apfelkuchen machen. Kuchen im Home Office ist auch immer ein Motivationsschub.

Tagebuch Sonntag, 15. März 2020 – „Normalität“

Sonntag ist Hefeteigtag, wie immer. Also probierte ich ein Franzbrötchen-Rezept aus, das ich schon einmal gemacht hatte; mein normales Rezept ging nicht, weil ich Samstag keine Lust gehabt hatte, den Vorteig anzusetzen, ich faule Nuss. Also buk ich irgendwas, was ohne Vorbereitung ging. Ich tourierte gefühlt zweimal zuviel, den Teig dünn auszurollen, dauerte ewig und brachte mich wirklich ins Schwitzen. Ergebnis war zufriedenstellend. Die Brötchen sahen nicht so toll aus wie beim letzten Mal und waren trockener, aber hey, es waren immer noch Franzbrötchen. Passt schon.

Außerdem Brotteig angesetzt. Möchte so wenig wie möglich vor die Tür gehen müssen, habe aber jetzt schon das Gefühl, dass Skorbut in mir hochklettert, weil ich nicht mehr viel frisches Gemüse zuhause habe. Obst geht noch. Freitag hatte ich total im Tran eingekauft, wie immer, ich kaufe grundsätzlich nur für zwei, drei Tage ein und dann wieder Frischkram nach. Ich hatt echt nicht darüber nachgedacht, dass das momentan kein guter Plan ist.

Beim Kneten ließ ich mich mal wieder von Bohuslav Martinů begleiten, das tat gut. Abends lauschte ich wieder Igor Levit bei seinem Hauskonzert – dieses Mal gab’s die Appassionata – und retweete diese Worte, die für mich seine Aktion sehr gut zusammenfassen: „Lieber Herr Levit, was Sie hier Abend für Abend für uns tun ist der beste und schönste Beitrag zum #BeethovenJahr überhaupt. Menschen in schweren Zeiten mit Musik zu verbinden und in Beethovens Musik so viel auszudrücken, was sich kaum sagen lässt. Danke, tausend mal Danke!“

Gestern fanden in Bayern Kommunalwahlen statt. Ich hatte praktischerweise per Brief gewählt, deswegen musste ich mir keinen Kopf darum machen, einen eigenen Stift mitzunehmen und meterweise Abstand zu den Wahlhelfenden zu halten. Ehrlich gesagt, hatte ich die Wahl schon vergessen, weil es gerade Wichtigeres gab. Der SPD-Bürgermeister von München muss in die Stichwahl mit der CSU-Kandidatin, die allerdings nicht mal die Hälfte der Anzahl seiner Stimmen bekam, der Stadtrat wird erst heute ausgezählt. Auch deswegen hatte ich ausnahmsweise per Brief gewählt: Man hatte insgesamt 80 Stimmen auf drei Zetteln, und die wollte ich dann doch lieber am Küchentisch in Ruhe ausfüllen.

Eben im Radio gehört, dass Bayern den Katastrophenfall ausgerufen hat, um 10 gibt Söder eine Pressekonferenz. Ab morgen sind Bars, Kinos, Spielhallen etc. zu, ab Mittwoch vermutlich Restaurants und Geschäfte. Supermärkte, Apotheken, Tankstellen und Banken bleiben geöffnet.

Tagebuch Samstag, 14. März 2020 – Runway

Morgens beim Bloggen dem zweiten Hauskonzert von Igor Levit zugehört. The People United Will Never Be Defeated! kannte ich noch nicht, hat mir aber sehr gefallen. Passte auch schön zum Anlass einer Pandemie.

Überhaupt erstaunlich, wie wichtig Kunst auf einmal geworden ist, jedenfalls für mich. Künstler*innen musizieren auf Twitter (Yo-Yo Ma zum Beispiel), Autor*innen stellen ihre Bücher online (okay, habe erst eins gesehen, aber das hatte ich letzte Woche noch im Historicum in der Hand), als ob sie wüssten, wie dringend man gerade Ablenkung braucht.

Einerseits fühlt es sich wie eine Bestätigung des guten alten Spruchs „EARTH without ART is just EH“ an, andererseits: Doof, dass erst ein Virus kommen muss, um den Stellenwert von Kunst zu verdeutlichen.

Im Kopf war ich nicht so recht bei der Diss, wollte aber auch nicht den ganzen Tag Katastrophentwitter lesen und bin daher im Kaninchenloch von „Project Runway“ versackt. Keine Ahnung, warum mich Mode auf einmal interessieren kann, aber wahrscheinlich nimmt mein Gehirn gerade alles, was rumliegt, um sich abzulenken. Wenn ich statt diese Serie zu gucken Blogs übers Töpfern gelesen hätte, wäre meinem Kopf das vermutlich auch recht gewesen.

Sehr unproduktiver Tag. Ein bisschen ängstlich gewesen. Mich alleine gefühlt, auch weil F. und ich gerade Abstand voneinander halten. Froh über Anruf einer Freundin und WhatsApp der Schwester gewesen.

Abends beim Deutschlandfunk hängengeblieben und eine lehrreiche Sendung über den Pianisten Swjatoslaw Richter gehört, der mir vorher unbekannt war. Gleich mal seine Autobiografie auf den Merkzettel packen, aus der großflächig zitiert wurde.

Tagebuch Freitag, 13. März 2020 – Frisch geimpft

Seit dem Podcast vom Dienstag überlegte ich, die Grippe-Impfung nachzuholen, die ich im letzten Herbst verschnarcht hatte, gab ja Wichtigeres. (Gab es nicht, wie ich jetzt weiß.) Hier ist das Skript; auf den Seiten 3 und 4 geht es um die Impfung gegen Grippe, obwohl die jetzige Saison jetzt gerade ausläuft, und Pneumokokken, von denen ich bis Dienstag nicht mal wusste, dass es sie gibt. Kurz und laienhaft zusammengefasst: Die Grippe-Impfung lohnt sich noch, weil die nächste Saison kommen wird, und beide Impfungen lohnen sich, damit der Körper bei einer Corona-Infektion nur damit zu tun hat und sich nicht auch noch um die beiden anderen Dinge kümmern muss, die auch die Lunge belasten: „Aber die nächste Influenza-Saison kommt auch, die Pandemie wird auch in der nächsten Influenza-Saison immer noch da sein. Und deswegen lohnt es sich auch jetzt noch mal, eine Grippeschutzimpfung mitzunehmen und sie insbesondere dann aber im nächsten Herbst aufzufrischen. Denn dann hat man von jetzt und nächsten Herbst zusammen einen ganz besonders guten Influenzaschutz in der dann kommenden, gleichzeitigen Influenza und SARS-II-Infektionswelle nächstes Jahr um diese Zeit.“ Die Pneumokokken-Impfung wird eher für die ältere Generation empfohlen, aber schaden kann sie vermutlich nicht, und so ganz jung bin ich ja auch nicht mehr.

Außerdem ging ein weiteres Medikament zur Neige, das ich täglich nehme, also musste ich eh in die Praxis meiner Hausärztin. Dort hingen schon unten an der Haustür Hinweiszettel, dass man bitte bloß nicht reinkommen sollte, wenn man symptomatisch wäre, ab nach Hause und telefonisch melden. Ich war nicht angesprochen, ging also hoch, fasste alles nur mit Handschuhen an und bekam mein Rezept ausgestellt. Dann wollte ich mir einen Termin für die Impfung geben lassen – telefonisch ging vorher gar nichts, sonst hätte ich das natürlich gemacht –, als man mir sagte, das ginge gleich jetzt. Pneumokokken-Impfung kostet übrigens 70 Euro, Grippe ging anscheinend aufs Haus, wenn ich die Rechnung richtig interpretiere. Und den Impfpass gab’s für einen Euro, denn meinen alten habe ich beim letzten Umzug irgendwie verschlampt.

Mit zwei Pflastern auf den Oberarmen fuhr ich wieder nach Hause und plante die nächste Woche geistig vor. Unser gemeinsames Abendessen auswärts sagten F. und ich ab, mir ist derzeit nicht so wohl dabei, eng in kleinen Restaurants aufeinander zu hocken. Auch über meine zwei geplanten Archivbesuche dachte ich nach, wobei ich ja weiß, dass sich in Archiven eher keine Menschenmassen bewegen. Die Entscheidung über die Besuche wurde mir aber im Laufe des Tages abgenommen: Das Deutsche Museum schließt ab heute seine Pforten, wovon sehr wahrscheinlich auch Bibliothek und Archiv betroffen sind, obwohl das nicht explizit auf der Website erwähnt wird. Die Leiterin des Archivs der Akademie der bildenden Künste informierte mich persönlich per Mail davon, dass sie derzeit alle Besuche absagte, und ich schrieb zurück, dass ich das richtig fände und mich schon auf den Nachholtermin freute.

Und dann kamen nachmittags die Meldungen rein, dass auch die Bibliotheken schließen, ich sah zuerst die Stabi, dann mein geliebtes Zentralinstitut, und jetzt beim Schreiben dieses Eintrags sehe ich, dass auch die Uni-Bibliotheken alle dicht machen. Hätte ich mal gestern noch diese Fernleihe im Lesesaal eingesehen, die seit vorgestern dort für mich liegt. Mist.

Ich schwankte und schwanke seit gestern hin und her zwischen „Dann lese ich jetzt halt anständig Korrektur“ und „Ich werde bis Juni wohl doch nicht mehr fertig mit der Diss“. F. schrieb per DM, dass es doch okay sein, wenn ich den Kopf mal ausmache, und heute morgen sah ich einen Tweet, der das Dilemma, neben dem gesundheitlichen Aspekt, gut zusammenfasst: „Is anyone else’s brain so broken that you’re beating yourself up for not being productive enough about work during an unprecedented global pandemic?“

Als introvertierter Mensch, der andere Menschen eh gerne meidet, mache ich seit Tagen Witze darüber, wie super ich darauf vorbereitet bin, alleine zuhause zu sein und vor mich hinzupuscheln, aber, totale Überraschung, auf einmal fühlt sich das alles nicht mehr so super an.

Ein paar Tipps für den Lagerkoller:

– das zweite Hauskonzert von Igor Levit nachhören (habe ich gestern live verpasst, läuft gerade nebenbei)

– Die Bayerische Staatsoper streamt ausgewählte Vorstellungen kostenlos

– Die Wiener Staatsoper streamt ab sofort täglich

– Die digitale Plattform der Berliner Philharmoniker ist für 30 Tage kostenlos

– noch mehr Streams werden hier zusammengefasst

– In Bayern sind auch alle Museen dicht, ich folge diversen ArtBots von Andrei Taraschuk auf Twitter. Unsere nächste Fehlfarben-Ausgabe war übrigens für April geplant, die wird dementsprechend verschoben. Auch weil unser dritter Mitspieler gerade sehr weit weg ist und von dort seit gestern alle Flüge nach Deutschland gestrichen sind.

Nebenbei: Bei der NY Times, der Washington Post und dem New Yorker sind die Artikel über Corona frei zugänglich. Wenn die Süddeutsche da vielleicht mal drüber nachdenken und ihr dämliches SZplus dafür abschalten könnte? So wie die Hinweise für die morgige Kommunalwahl? Bezahlschranke, echt jetzt?

Tagebuch Mittwoch/Donnerstag, 11./12. März 2020 – Home Office

Mittwoch wollte ich eigentlich brav komplett zuhause bleiben, musste aber noch ein Buch in die Uni-Bibliothek zurückbringen, was ich am Tag vorher völlig verschnarcht hatte. Also aufs Rad gestiegen, Buch abgegeben, danach gleich eingekauft und dann zwei Tage Home Office gemacht. Wobei: Die kleine Vitrinenausstellung zu Oskar Maria Graf in der UB habe ich mir gerne angeschaut. Und sehr über ein Foto von Graf und Brecht lachen müssen.

Erst durch die Bildunterschrift die Initialien OMG bemerkt. Nett.

Je mehr Bilder ich aus Italien sehe, desto mehr ahne ich, dass an der Selbstisolierung vermutlich sehr viel dran ist. Ehe hier Ärztinnen darüber entscheiden müssen, wer die würdigere Patientin fürs Beatmungsgerät ist, sollte ich vermutlich dringend zuhause bleiben, um mich nicht anzustecken und auch niemand anders anzustecken. Zur Info: Mir geht’s gut, keine Symptome, alles prima. Aber man weiß ja nie, wer vor ein paar Tagen neben mir im Archiv gesessen oder in der S-Bahn gestanden hat.

Das ist dann auch das Problem für nächste Woche: Da hätte ich eigentlich zwei Archivtermine und ein nettes Abendessen im Lieblingslokal geplant und ins ZI müsste ich auch dringend mal wieder. Vermutlich sollte ich das sein lassen. Seufz. So viel zum Thema: Vielleicht werde ich ja doch bis Juni mit der Diss fertig.

Bis gestern hatte ich ein schlechtes Gewissen, immer noch nicht mit der Präsentation fürs Doktorandenkolloquium nächste Woche angefangen zu haben, obwohl ich natürlich seit Wochen weiß, was ich erzählen will. Seit gestern weiß ich: Bis Mai muss ich mich um die Powerpoint nicht kümmern, denn das Kolloquium wurde verschoben. Keine Veranstaltungen mehr mit mehr als zehn Leuten an der LMU.

Das Stadtarchiv München hat Stühle aus dem eh schon kleinen Lesesaal entfernen lassen, damit man nicht so nah zusammensitzt. Bin gespannt, wie lange es noch geöffnet ist.

Dafür gab’s gestern ein Hauskonzert mit Igor Levit (und Stand jetzt 162.000 Zuschauer*innen), und wer noch nicht in den Mann verliebt ist, der müsste es spätestens jetzt sein, wenn man ihn auf Socken die Waldsteinsonate hat spielen sehen. Heute um 19 Uhr gibt’s wieder was Schönes. Wie toll, den Mann mal „live“ gesehen zu haben.

Ginger Chicken Curry

Das Rezept musste letzten Sonntag bei Herrn Mälzer in Kitchen Impossible gekocht werden und klang verdammt gut. Dank Google bin ich auf Lecker und Co. gestoßen, die dieses Rezept gepostet hat; gleich nachgemacht und schwer begeistert. Nebenan gibt’s übrigens auch fleischfreie Alternativen, Infos zu den Gewürzen und noch mehr Rezepte aus Kitchen Impossible, also mal rüberklicken, bitte.

Für zwei bis drei Portionen. Wir brauchen einen Berg kleingeschnittene Zutaten, eine Gewürzmischung und eine Zwiebelpaste. Die machen wir als erstes. Wer Reis dazu möchte, kann den auch schon mal aufsetzen. Drüben bei Lecker gibt’s Roti, aber für die war ich gestern zu faul.

100 g Schalotten (bei mir gelbe Zwiebeln) in
200 g Wasser für zehn Minuten kochen lassen. Danach alles pürieren und auf ungefähr 100 g einreduzieren. Habe ich per Augenmaß gemacht, Hauptsache, es ist eher Brei als flüssig.

Für die Currymischung
1 gestr. TL rotes Chilipulver,
2 gehäufte TL Kurkuma,
1 gestr. TL Salz,
1 gestr. TL schwarzer Pfeffer,
2 gehäufte TL Garam Masala und
1 EL Bockshornkleeblätter (Kasuri Methi) vermischen. Letztere hatte ich nicht, habe ich weggelassen, schmeckte auch.

Jetzt geht’s ans Schnippeln und dann werfen wir einfach alles zusammen.

350 g Hähnchenbrust in mundgerechte Stücke teilen. Bei mir waren es nur 250 g, hat auch gereicht.

250 g frische Tomaten vierteln und die Kerne entfernen. Häuten nicht nötig, hervorragendes Rezept.

75 g Ingwer in feine Streifen schneiden. Schälen nicht nötig, hervorragendes Rezept. Das nächste Mal werde ich auf 50 g reduzieren; so gerne ich Ingwer mag und der Name sagt ja schon, dass es ein Ingwerhuhn ist, aber das war mir ein Hauch zuviel Streifenkram im Mund. Kann natürlich auch sein, dass meine Juliennes eher Julias waren aka zu unfein geschnitten.

4 Knoblauchzehen fein hacken.

Je 1 rote und grüne Chili grob hacken. Ich habe die Kerne entfernt, wäre nicht nötig gewesen, nächstes Mal bleiben sie drin, das Rezept kann eindeutig mehr Schärfe vertragen als ich gestern produziert habe.

Los geht’s, tiefe Pfanne auf den Herd und
60 ml neutrales Öl erhitzen (bei mir Sonnenblume). Darin die Hähnchenbrust kurz anbraten, sie sollte nicht braun werden. Den Knoblauch dazugeben, kurz mitbraten, dann

75 g Butter dazugeben und schmelzen lassen. Den Ingwer dazugeben, alles kurz aufkochen lassen, dann

100 ml passierte Tomaten dazugeben, aufkochen lassen. Dann die Zwiebelpaste dazugeben, aufkochen lassen. (Ihr merkt, wie’s geht. Hervorragendes Rezept.)

150 g Jogurt (3,5%) und die Currymischung dazugeben, aufkochen lassen. Zum Schluss die Tomaten und die Chilis dazugeben, aufkochen und dann für drei bis fünf Minuten köcheln lassen, bis das Curry die Konsistenz hat, die ihr mögt. In der Zeit

1/2 Bund frischen Koriander abzupfen, Reis auf die Teller, Curry drüber, Koriander drüber, fertig.

Ich mag das Mummelige an Currys sehr gerne, aber hier sorgt der Ingwer für ständig frische Spitzen, das hat mir sehr gefallen. Ich fand auch die Grundkonsistenz sehr gelungen, also die Balance aus Zwiebelpaste, Jogurt und passierten Tomaten, sowohl was den Geschmack als auch das Mundgefühl angeht. Wirklich genau mein Ding. Gut, dass ich gleich das ganze Rezept gekocht habe und nicht wie üblich erstmal auf eine Person runterskaliert habe, denn deswegen kann ich es heute gleich noch einmal essen.