Tagebuch Samstag, 1. Februar 2020 – Studenten, die alles gendern

Ich weiß nicht, wie ich meinem Kopf beibringen kann, dass „Ausschlafen“ nicht „zwei Minuten vor dem Alltagswecker aufwachen“ bedeutet.

Den Vormittag komplett auf dem Sofa bei einer Kanne Tee verdaddelt. Das war schön. Die Wohnung ist ungeputzt, aber ich war entspannt.

Dann allmählich ins Stadion aufgemacht. Die schwierige Frage war die der Klamottenwahl. Vor zwei Wochen war klar: Alles, was ich tragen kann, wird mitgenommen, auch die Decke. Gestern waren es in München aber teilweise 15 Grad, was eigentlich mein geliebtes Frühling- und Herbsthoodie bedeutet. Es war allerdings Regen angesagt, und ich weiß auch, dass es dann doch irgendwann kühl wird, wenn man nur rumsitzt, selbst wenn man ab und zu das Glück haben sollte, wegen Torjubels aufspringen zu können. Also entschloss ich mich für einen Kompromiss: Jeans ja, aber keine Thermotights drunter, Winterjacke ja, aber nur Thermo-Longsleeve und Shirt drüber, nicht noch der dicke Pulli, Sneakers statt Winterstiefel, keine Mütze, keine Decke, aber vielleicht mal die Handschuhe in den Jackentaschen lassen. Und, ta-daa, es hat ungefähr gepasst.

Wenn mir jemand vor diesem ganzen Dauerkartengelump gesagt hätte, dass ich so viel Hirnschmalz auf meine Bekleidung aufwenden müsste, hätte ich das gelassen. Schließlich verwende ich im Alltag ungefähr eine Sekunde auf meine Bekleidung: Ist es sauber? Passt es? Dann ziehe ich es an.

PS: F. war im Bandshirt und Bandlongsleeve unter der Übergangsjacke ein bisschen zu kalt gekleidet. Aber dafür sah er top aus!

Zum Spiel selbst ist nur zu sagen, dass ich kein Foto gemacht habe. In der ersten Halbzeit sah ich die Jungs meist von hinten, weil sie auf das Tor von mir weg spielten, und in der zweiten Halbzeit wollte ich die Hände nicht aus den Handschuhen nehmen. Es war seit längerem mal wieder ein richtiger mies anzusehender Grottenkick, aber netterweise hat Bremen noch grottiger gespielt, und Augsburg gewann 2:1.

Auf der Tramfahrt vom Stadion zum Bahnhof lernte ich interessantes über die Stadt des gestrigen Gegners. Jetzt wo die Staumeldungen vom Deutschlandfunk Geschichte sind, muss ich mir die Infos über den Rest von Deutschland halt woanders herholen. In der Tram meinte ein Werder-Fan: „Ich komme aus Mannheim, das ist eine Arbeiterstadt, da wird noch ordentlich mit den Händen geschafft, nicht so wie Bremen, wo nur Studenten wohnen, die alles gendern!“ Ich wusste nicht, wie sehr das Ändern von Wortendungen Auskunft über Norddeutschland geben konnte und war einerseits fasziniert von dieser Aussage, kam aber gleichzeitig aus dem Augenrollen kaum noch raus. Kann auch daran gelegen haben, dass der Herr nicht müde wurde, das ortsansässig Bier zu preisen: „Riegele! Echt jetzt, Augsburg ist GESEGNET mit diesem Bier, echt jetzt!“

Den Restabend wollten F. und ich eigentlich gemeinsam verbringen, aber wie das so ist, wenn jeder erstmal zu sich in die Wohnung geht und man dann zum Aufwärmen unter der Decke liegt … getrennt geschlafen. War auch okay, mit mir ist nach Fußballspielen meist nicht mehr viel anzufangen.

Apropos Staumeldungen:

Sag zum Abschied leise Kamener Kreuz

„Und mehrmals täglich bändigten die bundesweiten Verkehrsmeldungen jene föderalistischen Zentrifugalkräfte, die in der Republik kulturelle Gräben zwischen Schwerin und München oder Dresden und Düsseldorf aufreißen. Wenn im Radio fortlaufend das deutsche Straßennetz ausgeworfen wurde, war das nicht nur immer eine gegenseitige Lektion in höherer Regionalkunde. Indem klar wurde, dass Menschen in Sachsen, Nordrhein-Westfalen und Bayern gleichzeitig im Stau stehen, vollzog sich auch die deutsche Einheit in ihrer vielleicht deutschesten Variante: geteiltes Bewusstsein in Form von geteilter Genervtheit.“

Der DLF hat aber ein Tondokument gegen die Entzugserscheinungen.

I Asked 1,000+ People About Crying at Work and the Answers Are… Emotional

Hand hoch, wer noch nie auf der Arbeit geflennt hat. Ich war beim letzten regelmäßigen Arbeitgeber dankbar für die Einzelkabine auf dem Damenklo, da hatte man seine Ruhe. Als das Weinen regelmäßiger wurde, war mir allerdings auch klar, dass es wohl Zeit für die Kündigung wäre.

In der Uni habe ich nur einmal geheult: als mein Bachelorprüfer vor dem versammelten Kolloquium meine Idee verriss. Zu Recht, aber da ging kurzfristig nicht mehr viel. Da saß ich dann zwischen den ganzen Zwanzigjährigen und ließ die Tränen laufen.

„I’ve been thinking a lot about this image over the last week, because it’s been repeating in my mind in various iterations since I started researching the phenomenon of crying at work—an experience nearly as universal as crying itself, according to my unscientific polls.

As responses poured in about people weeping in their office bathrooms, holding back tears in meetings with their managers, and running to parking lots for good car cries, I couldn’t help but picture the entire Earth-bound workforce sniffling at the same time. And just like on the train, the result was strangely endearing and unspecifically distressing, but on a global scale. What I quickly learned is that crying at work is almost its own emotion—with distinct rules, norms, and idiosyncrasies. Below I’ve organized my research for your perusal. It covers where people are crying, from freezers to classrooms; who is crying—do men cry as much as women?; why we’re crying; and interestingly, how to cry at work with more panache (a skill I now possess).“

(via Chestnut and Sage)

Thread eines Kurators über die Schwierigkeiten, digitale Kunst zu konservieren. Mit Appellen an Künstler*innen, wie sie Kurator*innen Hilfestellung geben könnten.

Ich erspare mir jetzt eine Abhandlung darüber, dass digitale Kunst vielleicht gar nicht für die Ewigkeit gemacht sein soll, sondern ein sehr spezifisches Zeitdokument ist, dessen Zeit dann eben irgendwann gekommen ist.

(via @wortfeld)

Tagebuch Donnerstag/Freitag, 30./31. Januar 2020 – Archiv und ZI

Der letzte Archivtag im Januar war eher nervig als erfolgreich, Schwamm drüber.

Wenigstens gut zum späten Mittag gegessen.

Und quasi als Ausgleich Post vom Sächsischen Staatsarchiv bekommen, die wieder etwas bessere Laune machte.

Abends eigentlich zu einem Konzert verabredet gewesen, aber nach zwei Nächten, in denen ich ab morgens um 4 wach war und meinen Kopf nicht mehr ausmachen konnte, der auf 800 noch zu bearbeitenden Diss-Lücken beschäftigt war, war ich so müde, dass ich in der Pause ging. Schade, denn das zweite Stück des Abends hatte mir sehr gut gefallen, das erst ging an mir unkonzentriertem Wusel eher vorbei.

Wie ein Stein geschlafen, aber gestern morgen irgendwie traurig aufgewacht, so ein Mittelding zwischen Überarbeitung und Zukunftspanik, tolle Kombi. Eine Stunde unentschlossen im Bett rumgewälzt und dann zum Allheilmittel gegriffen: in die Bibliothek fahren. Am besten ins Zentralinstitut für Kunstgeschichte, denn irgendwas steht da immer im Regal, was bessere Laune macht.

War dann eher nicht so, weil ich den Forschungsstand zur Kunst im NS finalisierte und mal wieder feststellen durfte, wie wenig vorhanden war. Dazu kam die Tatsache, dass mein Doktorvater, der ein Big Player in dem Bereich ist, quasi in jedem Ausstellungskatalog vertreten ist, den ich heranziehe, und ich ihn deswegen dauernd zitieren müsste. Was ich versuche zu vermeiden, weil das albern ist. Trotzdem fragte ich spaßeshalber auf Twitter, ab wievielen Nennungen im Literaturverzeichnis es komisch werden würde, woraufhin Herr @mediumflow die beste aller Antworten gab: „Als Doktorvater empfehle ich meinen Promovend*innen sachliche Distanz & Zurückhaltung beim Zitieren des Doktorvaters. Andernfalls rollen die Leser*innen nur die Augen & nehmen den Zitiergrund nicht ernst. Das größte Kompliment für den Doktorvater ist halt eine brillante Thesis.“


(Da wir immer noch kein finales Urteil zur Kunst im NS haben, ist alles zwischen Dings und Anpassung möglich.)

Ich puschelte weiter, als mein Handy stumm klingelte, was ich natürlich wegdrückte, Nummer aus München, keine Ahnung. Kurze Zeit später schlug eine Mail meines Doktorvaters auf, der mich anscheinend angerufen hatte, er hätte da ein paar Fragen, die er mir gleich in der Mail mitschickte, woraufhin meine Laune sehr viel besser wurde.

Ich habe da nämlich vor einiger Zeit eine Entdeckung gemacht, die für meine kleine Ecke der Kunstgeschichte nicht ganz unwichtig sein könnte. Über was ich per Zufall gestolpert bin, ist noch nirgends in der Forschungsliteratur verzeichnet, würde sie aber durchaus sinnvoll erweitern. Davon erzählte ich Vati im letzten Gespräch, und er war interessiert, aber nicht so enthusiastisch wie ich es gewesen war. Das hatte mich etwas enttäuscht, aber innerlich dachte ich, okay, der Mann weiß zehnmillionenmal mehr als du, dann war die Entdeckung wohl doch nicht so irre.

Und dann kam gestern die Mail mit sehr vielen Fragen. Ich beantwortete sie, schickte aber gleich noch eine hinterher: „Ich sitze gerade 50 Meter von Ihnen entfernt in der Bibliothek, soll ich kurz rumkommen?“ Was ich dann mit meinem Laptop tat, ein Kollege, der in der Mail auch CC gewesen war, guckte sich das ebenfalls gespannt an, ich zeigte Dokumente und Fotos, wir diskutierten, und ich fühlte mich wie eine richtige erwachsene Kunsthistorikerin. Das war schön.

Dieses Mal hatte ich auch brav einen Jogurt mit ins ZI genommen, damit ich nicht beim ersten Hunger nach Hause fahren müsste, was sonst immer mein Arbeitsmodus ist. Daher blieb ich bis gegen 17 Uhr, ließ mich dann nach Hause shutteln, obwohl gestern herrliches Fahrradwetter war, aber ich morgens noch zu bräsig für dieses Verkehrsmittel gewesen war, machte mir ein Käsebrot an Gemüseberg und verheulte das Finale von The Good Place. Wenn ihr auf der Suche nach einer perfekten Serie seid – nehmt diese hier.

Tagebuch Mittwoch, 29. Januar 2020 – Hausaufgaben

Vormittags in der Stabi mein Netzteil fallengelassen, weil ich nicht gleichzeitig fünf Zeitschriftenbände, einen Laptop, ein externes Trackpad, mein Notizbuch UND das Netzteil tragen kann. Als ich das Ding am Arbeitsplatz einstöpseln wollte, merkte ich, dass sich der eine Stift beim Fall verbogen hatte. Netterweise reichte der Akku, während ich die fünf Bände durchblätterte – und feststellte, dass genau die zwei Seiten, die ich im Nachlass als Kopie gefunden hatte und für die ich jetzt eine anständige Quellenangabe suchte, rausgerissen wurden. (Augenroll-Emoji.)

Danach las ich noch einen Aufsatz von 1960, kam mir aber doof dabei vor, den zu zitieren, weil alt. Mal sehen.

Ab nach Hause, das zweite Netzteil angestöpselt und die Hausaufgaben erledigt, die mir mein Doktorvater gestern aufgetragen hatte: „Machense doch mal nen Forschungsstand zur NS-Kunst.“ Erledigt und dabei wie immer sinnlos darüber aufgeregt, dass wir seit 40 Jahren nicht so recht weiterkommen, weil es viel zu wenige Wissenschaftler*innen gibt, die sich dieses Schmuddelthemas annehmen und wir deshalb dauernd die gleichen Diskussionen führen, nur zehn Jahre später oder zwanzig und mit neuen Kombattanten. (Augenroll-Emoji.)

Wenigstens gut gegessen: die klassische Alles-muss-raus-Pfanne. Nur echt mit dem Superdipp aus Jogurt, Majo und Ketchup.

Abends kam F. vorbei, der mich gebeten hatte, bitte nicht selbst mit meiner Rohrzange am Netzteil rumzubiegen. Er bog professionell, der Stift sah wieder gut aus, dann stöpselte er das Ding in eine Steckdose, aber ich wollte partout nicht meinen Rechner daran anschließen, denn da ist ja die Diss drauf, und obwohl ich zwei externe Festplatten habe, eine Dropbox, die Cloud und einen Stick, habe ich immer Angst um die viele Arbeit, die da drauf ist.

Tolle Idee: Ich schließe erstmal einen von meinen alten Laptops an, um das gebogene Netzteil auszuprobieren. Das alte Macbook von 2011 oder so rausgeholt, das natürlich noch einen anderen Netzteilanschluss hat, ist klar, Apple, du Nervladen. (Augenroll-Emoji.) Aber: Als ich die Schublade aufzog, um zu gucken, ob ich überhaupt noch ein passendes Netzteil hätte, fiel mir auf: Ich habe ja nicht den Stift des langen Kabels am Netzteil verbogen, sondern nur das kleine Aufsteckteil (da links im Bild), das ich immer nutze, wenn ich den Rechner mit mir rumschleppe und kein ewig langes Kabel brauche. Und dessen Design hat sich netterweise nicht zu den neueren Netzteilen geändert. Nupsi von einem alten Netzteil abgezogen, auf mein neues Netzteil gedengelt, eingestöpselt, läuft.

Noch ein bisschen Zeit in meiner derzeitigen Privatlektüre verbracht, die ich hier schon mal erwähnt hatte. In „Vom König zum Führer“ geht es um das Verhältnis des deutschen Adels zu den politischen Veränderungen während der Weimarer Republik und das liest sich alles sehr unerfreulich (aber schön geschrieben). Ich lese nicht mit Bleistift, weil ich sonst alles unterstreichen müsste, aber ab und zu male ich dann doch im Buch rum. In den letzten Tagen erfuhr ich viel über die Flucht des Kaisers 1918 nach Holland, über die ich auch noch nie so recht nachgedacht hatte.

„Gerade im Adel war die Kaiserflucht schließlich eine Voraussetzung für die Entstehung jenes symbolischen und politischen Vakuums, in dem verschiedene Führersehnsüchte und die Anerkennung von Hitlers Rollenwechsel ‚vom Trommler zum Führer‘ gedeihen konnten. […]

Zur Vorstellung, dem Kaiser hätte noch im November 1918 eine gangbare Alternative zum Rückzug offengestanden, gehörten zwei unterschiedliche Erklärungen der Zerstörung dieser vermeintlichen Alternative. Eine (schrumpfende) Gruppe von älteren, zumeist adligen Offizieren, Beamten und Flügeladjutanten und ihre publizistischen Hilfstruppen arbeiteten, meist in jahrelanger Kleinarbeit und z. T. gegen besseres Wissen, an der Legende des Führer-Kaisers, der von schwächlichen und unfähigen Beratern umgeben und verraten wurde, die schließlich seine ‚Reise nach Holland‘ durchsetzten. […] Auf der anderen Seite stand eine (wachsende) Gruppe v. a. jüngerer Adliger, die das Verhalten des letzten Kaisers als ‚Flucht‘ oder gar ‚Desertation‘ bezeichneten, in der die bereits in den Vorkriegsjahren offen kritisierte ‚Führungsschwäche‘ des Monarchen ihren dramatischen Endpunkt gefunden hatte. Dass sich die Vorstellung einer nicht genutzte Alternative als Illusion widerlegen lässt, schmälert ihre zeitgenössische Bedeutung nicht; innerhalb des Adels tauchte sie frühzeitig auf und blieb weit über das Ende des zweiten Weltkrieges hinaus Gegenstand erregter Debatten und Schuldzuweisungen. […]

Nur zwischen den Zeilen lässt sich aus dem Protokoll schließlich eine dritte Option hinauslesen, die in Berlin und Spa jedoch ins Gespräch gebracht und v. a. innerhalb des Adels zu einer noch nach Jahrzehnten nicht beendeten Debatte wurde: das Königsopfer, der inszenierte Tod des Kaisers auf dem Schlachtfeld.

Inhalt, Intensität und Langlebigkeit der Debatte um den Heldentod des Kaisers auf dem Schlachtfeld lassen sich unschwer nachzeichnen, unklar bleibt, ob sie Wilhelm II. offen als Forderung zugetragen wurde, was Groener als einer der Hauptbeschuldigten des Protokolls nachdrücklich behauptet hat. Nach seiner eigenen Darstellung hatte Groener in Spa die Auffassung vertreten, ‚dass der Kaiser unverzüglich sich auf das Gefechtsfeld begeben müsse, um dort den Tod zu suchen. Ein heroisches Ende des Kaisers würde die gesamte politische Lage mit einem Schlag verändern und selbst wenn er nur verwundet würde, so sei bei der Psyche des Deutschen Volkes ein Umschwung in der öffentlichen Meinung zugunsten des Kaisers sehr wahrscheinlich.‘ […]

Tatsächlich scheinen Groener und der Chef der Operationsabteilung des Generalstabes, Joachim v. Stülpnagel, handfeste Vorbereitung für eine Operation Königstod getroffen zu haben: Ein geeigneter Ort für eine vom Kaiser geführte finale Attacke wurde in den Schützengräben sondiert, Freiwillige für den ‚kleinen Spezialangriff‘ gesucht und gefunden. Parallel dazu entwickelten Offiziere der Seekriegsleitung den Plan, den Kaiser bei einem Angriff an Bord des Flaggschiffes der deutschen Flotte zu versenken – eine Variante, die den zu Lande unsicher erscheinenden Soldatentod mit größerer Sicherheit gewährleistet hätte.“

Stephan Malinowski: Vom König zum Führer: Deutscher Adel und Nationalsozialismus, Frankfurt am Main 2014, S. 229/230 sowie 235/236.

Eigentlich wollte ich nur die folgenden Sätze zitieren, weil ich sie so passend für die 1920er Jahre fand, allerdings dachte ich dann, dass die keiner ohne vorherige Einordnung kapiert. Aber jetzt seid ihr ja jetzt vorbereitet. Aus den Erinnerungen von Ottfried Graf v. Finckenstein:

„Der Monarchie trauerten nur noch die Walzertänzer nach, die mit einem Jazz nichts anzufangen wussten. Für uns hatte sie sich mit der Flucht des Kaisers selbst gerichtet.“

Tagebuch Montag/Dienstag, 27./28. Januar 2020 – Zielgerade

Montag war ich, Achtung, totale Überraschung, in einem Archiv, es ist so irre! *seufz*

Dabei hatte ich wieder Akten aus dem ehemaligen Haus der Deutschen Kunst in der Hand, die nach 1945 bis Ende 1949 nun den Absender „Abwicklungsstelle Haus der Deutschen Kunst (Neuer Glaspalast)“ trugen. Ich blätterte diverse Korrespondenzen durch, wobei ich nicht auf Protzen stieß, aber dafür auf Verwaltungsvorgänge, die ich persönlich spannend fand.

Da war zum Beispiel ein Schreiben an Gottfried Rasp vom 16. August 1949:

„Wir empfingen Ihr Schreiben vom 31. Juli 1949 und teilen Ihnen dazu mit, daß sämtliche im Haus der Kunst befindlichen Kunstwerke bei Kriegsschluß von der hiesigen Militärregierung beschlagnahmt und nach dem Central Collecting Point Munich verbracht wurden, wo sie auch jetzt noch lagern. Die Freigabe dieser Arbeiten wird seitens der Militärregierung von einer Vorlage einer beglaubigten Abschrift eines Spruchkammerbescheides abhängig gemacht, weshalb wir Sie mit unserem Schreiben vom 12. Juli 1949 um Einsendung dieser Unterlage baten, damit Sie wieder in den Besitz Ihres Bildes gelangen können.“

Rasp findet sich nicht in der Datenbank zur GDK; vermutlich hatte er Bilder eingereicht, die aber nicht ausgestellt wurden und sie aus welchen Gründen auch immer bis Mai 1945 nicht abgeholt. Die GDK 1944 fand eigentlich vom 29. Juli bis zum 26. November 1944 statt, blieb aber weiterhin temporär geöffnet, wie alle GDK seit 1941. Der letzte Kauf dieser Ausstellung wurde Ende April 1945 getätigt. Wie im Schreiben steht, blieben danach alle Bilder erstmal im Museum und wurden erst nach Erhalt des Spruchkammerbogens aka Entnazifizierungsbescheids ausgehändigt. Bis auf die mit eindeutig ideologischem Inhalt, diese und tausende weitere waren zu der Zeit längst in Washington (deutlich kürzere Erklärung zur German War Art Collection hier).

Wer sich nicht selbst ans Haus der (Deutschen) Kunst wandte, bekam auch Post, wie Edeltraut Quade, die zwei Zeichnungen auf der GDK 1944 hatte, vom 12. Juli 1949:

„In unserem Gewahrsam befinden sich noch zwei von Ihnen zur „Großen Deutschen Kunstausstellung 1944“ eingesandte Arbeiten. Wir bitten Sie um baldigstmögliche Einsendung einer beglaubigten Abschrift Ihres Spruchkammerbescheides, damit wir die Freigabe dieser Bilder beantragen können. Da unsere Abwicklungsstelle demnächst aufgelöst werden soll, wären wir für schnelle Erledigung dankbar.“

Aber selbst wenn alles in Ordnung war, gab es im Jahr 1949 manchmal Umständlichkeiten, wie das Schreiben an Otto Polus zeigt, der drei Zeichnungen ausgestellt hatte. Ich habe mir blöderweise das genaue Datum nicht notiert, kaum schreibt man was nur fürs Blog auf, wird man nachlässig, schlimm:

„Wir empfingen Ihr Schreiben vom 28. Januar 1949 und teilen Ihnen mit, daß auf Grund der von Ihnen eingesandten Bescheinigungen die Freigabe Ihrer hier befindlichen Arbeiten in Kürze erfolgen dürfte. Inzwischen bitten wir Sie um eine Bekanntgabe einer Anschrift in der Westzone, an die wir Ihre Bilder zum Versand bringen lassen können, da eine Zusendung nach Berlin z. Zt. leider nicht möglich ist.“

In einigen Briefen wird nach einer Kontoverbindung gefragt, da Bilder 1944 verkauft wurden, das Geld aber 1949 immer noch nirgends hingeschickt werden konnte. Andere Künstler schrieben, dass sie keinen Wert auf die Rücksendung ihrer Werke legten, die könnten vernichtet werden, wie zum Beispiel Paul Wynand, der sich am 25. Januar 1949 dementsprechend äußerte.

Wieder viel gelernt. Nicht für die Diss, aber fürs Leben. Und dafür machen wir diesen Kram ja schließlich.

(Alle Zitate BayHStA, Haus der Deutschen Kunst 33.)

Gestern saß ich dann im Zentralinstitut für Kunstgeschichte, wo mich der Herr Doktorvater empfing. Er war mit meinem bisherigen Stand sehr zufrieden, nur die generelle Forschungsfrage war ihm inzwischen etwas zu klein geworden. So ging es mir auch, aber ich kam nicht mehr auf den großen Bogen des Werks, weil ich mich in den letzten Monaten dermaßen in Detailfragen verloren hatte, dass ich zwar noch wusste, wo ich hinwollte, aber nicht mehr, warum eigentlich. Das erarbeiteten wir gestern gemeinsam und ich ging sehr beschwingt nach Hause. Auf dem Aufgabenzettel: die gewünschte Zweitprüferin anmailen, ob sie Zeitprüferin sein möchte und dann zur Abgabe der Diss anmelden. Vielleicht vorher noch fertigschreiben.

Im Gespräch kamen wir auf Forschungsliteratur zur NS-Kunst. Die hatte ich bewusst aus meinem Forschungsstand rausgelassen und nur die äußerst spärliche zur Autobahnmalerei aufgeführt, aber Vati hätte doch gerne noch eine etwas weiter gefasste Einordnung – „nicht lang, drei, vier Seiten. Das geht ja schnell, gibt ja nicht viel.“ ICH WEISS! Wir tauschten die Titel aus, die wir kannten, bis er ein Buch von Joseph Wulf nannte, das mir erstmal nichts sagte. Als er es aus dem Regal zog, wusste ich aber, dass ich das auch schon mal in der Hand gehabt und mich über sein frühes Entstehungsdatum gewundert hatte: Die bildenden Künste im Dritten Reich war bereits 1963 erschienen, und aus der Zeit kennt man eigentlich immer nur Hildegard Brenners Standardwerk Die Kunstpolitik des Nationalsozialismus. Auch auf Wulf war ich eher durch Zufall, Umwege und eine mitteilungsfreudige Suchmaschine im ZI gestoßen. Nach Brenner nennt man dann Berthold Hinz, dessen Die Malerei des deutschen Faschismus: Kunst und Konterrevolution (1974) die nächste größere Auseinandersetzung mit dieser Kunst war (ich stehe etwas auf Kriegsfuß mit dem Ding). Aber wie gesagt, Wulf ist mir eher selten bis vermutlich gar nicht untergekommen, bis ich ihn selbst zitieren konnte.

Die Lebensgeschichte von Wulf lest ihr bitte in der Wikipedia nach. Das war am Tag nach dem 27. Januar genau die falsche, über die ich was erfahren wollte. Mein Doktorvater gab sie in Kürze wider, und ich war erneut kurz davor, alles hinschmeißen zu wollen. Der Mann überlebte Auschwitz und verzweifelte an der Bundesrepublik. Manchmal möchte ich wirklich sehr viel anzünden.

Preiselbeertorte mit Eierlikör

Dieses Rezept steht vermutlich in Abwandlungen auf jeder Eierlikörflasche, aber da ich lieber mein Blog lese als Flaschenrückseiten, tippe ich es mal ab. Wobei ich es von einem Handyfoto einer Rezeptkarte meines Mütterchens abtippe, wo das Ding „Jägertorte“ heißt, keine Ahnung warum. Diese Köstlichkeit dürfte schon mehrere Jahrzehnte auf dem Buckel haben und war vermutlich einer der ersten Kontakte meinerseits mit der herrlichen Droge Alkohol. Das haben wir jetzt davon.

Für eine 26er-Springform.

3 Eiweiß zu Eischnee schlagen.

125 g weiche Butter mit
100 g Zucker verrühren, nach und nach
3 Eigelb unterrühren.

Anschließend
125 g gemahlene Haselnüsse,
2 EL dunkles Kakaopulver,
1 TL Espresso- oder Kaffeepulver sowie
2 TL Backpulver unterrühren. Zum Schluss den Eischnee unterheben.

Die Springform fetten und mit Backpapier auslegen, den Teig einfüllen und glattstreichen. Muss nicht perfekt werden, die noch obere Seite kommt nachher nach unten. Im auf 190 Grad Umluft (!) vorgeheizten Ofen für ungefähr 25 Minuten backen oder bis die Stäbchenprobe einen trockenen Teig anzeigt.

Den Kuchen möglichst schnell auf ein Kuchengitter stürzen, das Backpapier abziehen und vollständig auskühlen lassen. (Danke, offenes Küchenfenster im Winter, zehn Minuten haben gereicht.)

Ca. 400 g Preiselbeeren aus dem Glas auf den Boden streichen. Mein Glas hatte 400 Gramm Inhalt, wahrscheinlich tun es auch 300, macht, was ich wollt. Nochmal für ungefähr ein Stündchen im Kühlschrank parken, damit die Preiselbeerschicht etwas fester werden kann.

Ca. 200 g Sahne sehr steif schlagen. Wer mag, nutzt noch Sahnesteif. Auch hier gilt: Wenn in eurem Sahnebecher 250 g drin sind, kann man die auch locker auf den Kuchen geben. Die Sahne möglichst glatt verstreichen.

Ich kippe den Eierlikör nach Augenmaß einfach auf die Sahneschicht, verstreiche ihn vorsichtig und verziere mit ein paar Sahnetupfen. Man kann das Stöffchen auch gleich unter die feste Sahne heben. Oder ihr malt Muster damit. Wer dann noch nicht genug hat, kann das ganze noch mit Schokostreuseln bewerfen, aber das lasse ich weg.

Heute vor 75 Jahren erreichte die Rote Armee das Vernichtungslager Auschwitz.

Ich weiß, es ist wichtig, sich auch mit den Tätern zu befassen, aber jetzt gerade habe ich überhaupt keine Lust darauf, im Archiv den nächsten Stapel Unterlagen durchzublättern, auf denen Hakenkreuze sind.

#IRemember

Tagebuch Donnerstag bis Samstag, 23. bis 25. Januar 2020 – Zu viel Realität

Meine Tage geben derzeit wenig fürs Blog her – also eigentlich irre viel, aber das schreibe ich gerade lieber ins Diss-Dokument. In den letzten Tagen habe ich weiterhin die Bestände vom Haus der Deutschen Kunst durchgesehen, vor allem die Einlieferungsbücher zur Großen Deutschen Kunstausstellung, die noch erhalten sind. Des Weiteren blätterte ich durch diverse Ordner mit Anmeldebögen der Künstler und Künstlerinnen zu dieser Ausstellung; leider sind auch diese nicht mehr vollständig.

In einem Band für die GDK 1944 fand ich Protzen wieder, genau wie seine Frau, von der ich endlich eine Handschriftenprobe habe, da war ich mir im Nachlass nie so ganz sicher. Diese Probe ruiniert jetzt zwar eine hübsche Theorie von mir, lässt aber genug Raum für eine andere. Auf den Anmeldebögen gaben die Künstler*innen ihren Wohnort an sowie die Adresse, an die die Werke nach der Ausstellung zurückgeschickt werden sollten. Das waren nicht immer dieselben. Es fanden sich Formulierungen wie „Da ich in den nächsten Tagen ins Feld gehe, bitte Bilder an meine Frau schicken.“ Oder die Rücksendeadresse war eine im Deutschen Reich, der derzeitige Aufenthaltsort des Künstlers war aber nur mit „Rußland“, ohne weitere Ortsangabe, angezeigt.

Wie schon bei den Dokumenten zum CCP war ich davon angefasster als ich erwartet hatte. Keine Ahnung, warum mich das alles auf den letzten Metern noch mitnimmt; dass die Deutschen Krieg geführt haben, ist mir ja nicht neu. Aber das wissenschaftliche, emotionslose, akribische Wühlen in Dokumenten, um Detektivarbeit für Bilder zu leisten, hat dann doch mehr abgelenkt als ich dachte, ich habe es darüber fast vergessen. Und jetzt kam es mir nochmal sehr deutlich vor Augen.

Neben dem Hauptstaatsarchiv saß ich noch in der Stabi und meckerte mal wieder über die Belanglosigkeit der Werke, die im Haus der Deutschen Kunst an den Wänden gehangen haben und dass ich jetzt keine Landschaften, Rehkitze oder Bauernstuben mehr sehen kann.

Außerdem war ich in der Historicumsbibliothek, um mich besser über Franz Xaver Schwarz zu informieren, die DAF und die NSV (alles Käufer bzw. Aussteller von Protzen). Dort las ich auch in einem Band zu den NS-Gebäuden am Münchner Königsplatz. In einem Aufsatz über das Verwaltungsgebäude, in dem der CCP eingerichtet wurde, stand dieser bemerkenswerte Satz zur systemkonformen Kunst des NS: „It is the feeling among art historians here that this material should not be exhibited or seen, but furter that it should not be destroyed as that act of vandalism would deprive future generations of making a full and just estimate of the Nazi character, spirit and times.“ Er stammt von Herbert S. Leonard, Leiter des CCP München, 17.9.1947 in einem Schreiben an das Office of the Military Government for Germany.

Er sagt meiner Meinung nach sehr viel in sehr wenigen Worten, unter anderem, dass diese Werke Zeitzeugen sind, historische Dokumente, die über den Charakter und die Geisteshaltung der Nationalsozialisten berichten können und zusätzlich einen Eindruck der Zeit vermitteln, in der sie entstanden und ausgestellt wurden. Diese Ansicht wurde in den Jahrzehnten danach durchaus kontrovers diskutiert: Sollte man das Zeug nicht doch vernichten? Müssen wir das nicht sogar?

Mein Fach ist sich bis heute nicht einig. Die Pinakothek der Moderne hat anscheinend ihren Saal 13, hier mein Blogeintrag von 2017 dazu, zum dritten Mal umgehängt. Den muss ich mir dringend nochmal anschauen, denn der kommt auch in der Diss vor. Der BR berichtete kurz, und mein Doktorvater darf, in der Bibliothek des ZI stehend, mal wieder die NS-Frauen-Warte erwähnen, das macht er neuerdings dauernd. (Neues Buch?) Im Filmchen könnt ihr neben Zieglers ollen Vier Elementen zwei Protzens sehen. Mehr scheint dort nicht mehr als systemkonforme Kunst zu hängen. Ich muss wirklich mit der Diss fertig werden.

Gestern abend machte ich mich um 23 Uhr zum Schlafengehen im Bad fertig und hörte dabei wie immer Radio, zufällig war es der Deutschlandfunk. Während der Nachrichten putzte ich die Zähne und hörte nichts, danach war ich mitten in einer Reportage über die Gedenkstätte Auschwitz. Ich saß noch zwanzig Minuten in Schlafklamotten auf dem Badewannenrand und hörte zu, bis mir eine musikalische Einlage die Gelegenheit gab, mein Handy zu holen, dort den Livestream zu suchen und mit ihm ins bequemere Bett zu gehen.

Die ARD-Kulturkorrespondentin Maria Ossowski ließ sich unter anderem von einer Konservatorin der Gedenkstätte über die Habseligkeiten der Toten erzählen, über die Mühe, die es kostet, ein Bauwerk zu erhalten, das nie für die Ewigkeit gedacht war. Es ging um das Effektenlager „Kanada“, in dem Häftlinge die tausendenfachen Schuhe, Mäntel, Koffer sortieren mussten und die sich heute noch im Lager befinden.

Danach berichtete jemand, der für die Kunstwerke aus Auschwitz zuständig war, was mein Gehirn gerade so gar nicht mit dem Diss-Thema zusammenbringen wollte. Es ging auch um eine Künstlerin, die für Mengele Aquarelle anfertigte von den Menschen, an denen er seine Experimente durchführte; sie waren für ihn besser geeignet als Fotografien, weil sie die Farben der Geschwüre und Nekrosen besser wiedergeben konnten. Spätestens hier wollte ich mal wieder mit Dingen werfen und alles anzünden, denn genau dieses Argument fehlte mir ein bisschen für die Diss: Wieso wurden die blöden Autobahnbaustellen gemalt anstatt sie zu fotografieren? Genau wegen der hübschen Farbigkeit, die damals mit fotografischen Verfahren noch nicht perfekt wiedergegeben werden konnte.

Die Sendung hörte für mich etwas unbefriedigend mit dem Satz „Kunst gegen den Tod“ auf – und dann kam wie immer zum Programmschluss um Mitternacht die deutsche Nationalhymne, die mir selten so gegen den Strich ging wie nach dem eben Gehörten. Ich hörte die danach gespielte Europahymne auch noch an, das war wichtig, Beethoven hilft.

Ich stellte eben erst beim Linksuchen fest, dass die Sendung „Zeugen sterben, Dinge erinnern“ noch gar nicht zu Ende gewesen war, sie ging noch zwei Stunden weiter. Damit habe ich heute noch etwas zu tun. Macht am Sonntag vermutlich nicht so richtig Spaß, aber zumindest die erste Stunde kann ich euch sehr zum Nachhören ans Herz legen.

Tagebuch Mittwoch, 22. Januar 2020 – Austausch

Vormittags ins Archiv gefahren, wo leider immer noch nicht die Bestände für mich lagen, die ich Montag vor einer Woche per Mail bestellt hatte. In die betreffende Abteilung gestapft, wo man mir letztes Mal gesagt hatte, ich sollte doch bitte nicht vorbeistapfen, sondern per Mail bestellen und dort jemanden angetroffen, der sich für die Umstände entschuldigte und mir persönlich die Bestellzettel ausfüllte. Das war mir gar nicht so recht, weil die Zettel bitteschön in aufsteigender Reihenfolge der Inventarnummern ausgefüllt werden sollen und die hatte ich beim Online-Raussuchen natürlich nicht sortiert. Wieder einen mittelprächtig dämlichen Eindruck hinterlassen, aber zugesichert bekommen, dass die Bestände dann heute vormittag jetzt echt mal für mich im Lesesaal wären. Die kleine Doktorandin ist vorfreudig-gespannt.

Eigentlich hatte ich als Alternativplan die Historicumsbibliothek geplant, aber jetzt war ich doch irgendwie schlecht gelaunt. Außerdem war morgens ein Bus ausgefallen, weswegen ich 20 Minuten lang an der Bushaltestelle stand mit bräsig angezogenen Sneakers anstatt vernünftiger Stiefel, weswegen ich zur schlechten Laune auch noch kalte Füße hatte. Daher: Fahrt nach Hause mit Abstecher über den Lieblingsmetzger. Im Kühlschrank lagen noch grüne Bohnen, die wegmussten, und obwohl ich die prima vegetarisch zubereiten kann, hatte ich Lust auf Bohnen mit Speck. Also ein Stück Speck gekauft und dafür mehr bezahlt als für drei Kilo Gemüse. Vermutlich korrekt so.

Tee gekocht, an den Schreibtisch gesetzt und an der Diss gepuschelt. Antworten von verschiedenen Archiven bekommen, meist nicht das, was ich hören wollte, aber immerhin Antwort. Dann endlich mal eine Mail an den Doktorvater aufgesetzt mit der Bitte um einen Gesprächstermin, der letzte war ja nun auch schon wieder ein halbes Jahr her, und vielleicht sollte ich ihm irgendwann mal sagen, dass meine Arbeit jetzt eine etwas anders geartete Grundthese hat. Um ihn auf den neuesten Stand zu bringen, formulierte ich eine neue Gliederung, die bisher nur in meinem Kopf existiert hatte. Und bei dieser Arbeit merkte ich zum ersten Mal, dass ich schon sehr weit gekommen bin und seit ein paar Wochen durch diverse Funde in Münchner Archiven auch endlich weiß, wo genau ich jetzt hinwill. Auch die wenigen Kapitel oder Exkurse, die ich bisher noch mit „eventuell hinter dieses Kapitel? Oder doch hinter das? Oder ganz raus?“ im Hinterkopf hatte, fanden plötzlich ihren Platz, und als ich nach ungefähr zwei Stunden auf das Dokument guckte, stellte ich erstaunt und befriedigt fest: Da ist meine Diss. Muss ich nur noch fertigschreiben.

Hier wahlweise *wimmer* oder *Archivfaust!* oder *OMG* einfügen. Oder die Emoji-Jubeltröte.

Am späten Nachmittag traf ich mich mit einer Kommilitonin, die sich mit einer der Ausstellungen befasst, die NS-Kunst in der Bundesrepublik ausgestellt haben. Sie konnte mir ein paar Vermutungen bestätigen, die ich in Bezug auf diese Ausstellung hatte, und ich versprach ihr eine total tolle Fußnote als Dankeschön.

Gut gelaunt nach Hause gekommen und statt Bohnen mit Speck lieber Spaghetti Carbonara gemacht. Wenn schon mal Speck im Haus ist!

Gemeinsam eingeschlafen.

Was schön war, Dienstag, 21. Januar 2020 – Originale angucken

Viel kann ich nicht zum gestrigen Tag schreiben, das muss – ein wenig überraschend für mich – alles in die Diss. Eigentlich wollte ich mal wieder in epischer Breite über meinen Maler berichten, aber das hebe ich mir jetzt doch für die Wissenschaft auf. So sorry!

Tagebuch Montag, 20. Januar 2020 – Zwischentag

Im Archiv gewesen, schöne Sachen gefunden, am Schreibtisch gesessen, gut gearbeitet, Couscoussalat gemacht, zwei Folgen Cheerleading geguckt und überrascht okay gefunden, alles super, aber egal, weil: Ich gehe heute vier (oder mehr) Gemälde Protzens angucken. Wir sprechen uns morgen. *hibbel*

Tagebuch Sonntag, 19. Januar 2020 – Erster Schnee

Gestern war Netflix- und Lesetag. Ich beendete die zweite Staffel von Sex Education und finde die Serie, bis auf wenige Ausrutscher, immer noch großartig.

In einer Folgenpause bemerkte ich, dass sich die Welt da draußen gerade etwas veränderte, und den Gesetzen von Social Media gehorchend, fotografierte ich den ersten anständigen Schnee des Jahres, also den, der für mindestens eine kurze Zeit liegenbleibt, und postete das Bild.

Nachmittags döste ich beim Bayernspiel weg, weil es mir sehr egal war, dann las ich Dojczland von Andrzej Stasiuk zuende. Das ist kurz und schmerzhaft, das Ding. Er beschreibt seine Eindrücke des wiedervereinigten Deutschlands auf seinen diversen Lesereisen. Man kann die Hälfte vom Buch unterstreichen oder abtippen, aber ich nehme mal diesen Ausschnitt, wo der Außenblick für mich besonders spannend war.

„Auf dem Hauptbahnhof [Berlin] war ich gelandet, weil ich aus Greifswald nahe der Ostsee zurückgekommen war. Vertreter der Alternativen in Berlin hatten behauptet, das sei die Höhle der neonazistischen Löwen. Aber mir ist dort nichts passiert. Ich wohnte im Hotel Galerie und machte Spaziergänge. Hier ist Caspar David Friedrich geboren. Sein Vater war Seifenmacher, deswegen lief die Karriere des Jungen, wie man heute sagen würde, wie geschmiert. Ich hatte vorher keine Ahnung davon gehabt. Ich kenne mich in der Malerei, schon gar der deutschen, nicht aus, aber Friedrich hat mir immer gefallen. Das war so germanisch und romantisch: Wolken, Stürme, Ruinen, das dämonische Licht des Nordens und der unsichtbare Schatten der Walhalla. Ich mochte seine Gemälde, weil sie düster waren wie das Grab. Wenn man jung ist, imponiert einem so was. Und jetzt war ich hier in seiner Stadt. Ich weiß, ich hätte in die Galerie gehen sollen, um wenigstens eine annähernde Vorstellung zu bekommen, statt mich immer nur an die fünf Reproduktionen in irgendeinem Album zu halten. Ich weiß. Dennoch fuhr ich mit dem Zug nach Zinnowitz, weil ich auf die Insel Usedom wollte. Ich stellte mir vor, dort wäre Wind, aufgewühltes Meer und Dünen, mit einem Wort, Caspar David Friedrich. Aber in Zinnowitz war kein Wind. Das Meer lag glatt wie ein Tischtuch. Ein paar Personen spazierten über den Strand. Kein Caspar David, nur DDR-Kurort in der Nachsaison. Man konnte Fisch mit Fritten essen und sich eine Ansichtskarte kaufen. Ich mochte die DDR. In der DDR paßte mir außer den Skinheads alles. Abgesehen von den Skins habe ich mich in der DDR immer wohl gefühlt. Wenn ich irgendwann an Ferien in Deutschland dachte, einfach mal so nach Deutschland zu fahren, so wie man zum Vergnügen in ein fremdes Land fährt, dann kam mir Mecklenburg in den Sinn. Und Friesland. Aber das Mecklenburg der DDR an erster Stelle. Denn die DDR ist das fehlende Bindeglied zwischen Germanen und Slawen. Die DDR ist dieser verlorene Stamm – germanisch oder slawisch – niemand wird das je entscheiden. Die DDR ist der Moment, wo die Deutschen ein bißchen von ihrem Sockel runterkommen. […]

Denn eigentlich hätte die DDR die Brücke zwischen Ost und West bleiben sollen. Zwischen Rom und Byzanz. Dort habe ich wirklich Freunde gefunden. Später kamen sie uns sogar besuchen und waren keineswegs verklemmt. Wenn Leute aus dem richtigen Westen zu uns kommen, dann kontrollieren sie die ganze Zeit unauffällig, ob sie sich an irgendwas schmutzig gemacht haben. Die aus der DDR nicht. Sie benehmen sich so ein bißchen wie gehemmte Slawen. Man sieht, daß sie gern aus sich herausgehen würden, aber irgendwas hält sie zurück. Sie sind innerlich zerrissen. Wirklich tief zerrissen. Wie die Rumänen zwischen Paris und Konstantinopel. Wie die Polen, auch zwischen Paris, und leider wohl Moskau. Mindestens aber zwischen Berlin und Kiew. Aber die Zerrissenheit der DDR reicht bestimmt tiefer. Ich selbst bin zerrissen, deshalb mag ich die DDR und all ihre Namen: Gützkow, Gribow, Postlow, Pelsin und so weiter. Das Slawische, der Kommunismus, ein bißchen schlechteres Essen und billigere Kosmetika, das sind dann doch Elemente, die das Menschsein befördern.“

Andrzej Stasiuk: Dojczland, Frankfurt am Main 2016 (1. Auflage 2008), Übersetzung von Olaf Kühl, S. 47–49.

Tagebuch Samstag, 18. Januar 2020 – Fünf gute Minuten

Ausgeschlafen aka zwei Minuten vor dem Werktagswecker um 6.58 Uhr aufgewacht. Auch gut. Aufs Klo gegangen, alle Jalousien hochgezogen, damit meine Pflanzen Licht kriegen, und noch ein Stündchen verdöst.

Fürs Frühstück einen Granatapfel entkernt und die Hälfte mit Schokomüsli genossen. Gebloggt, eine Folge Sex Education, auf der virtuellen Farm rumgegammelt, dann ein neues Buch angefangen.

Um kurz vor eins zum einzigen Tagesordnungspunkt aufgebrochen: Die Bundesliga startete in ihr neues Jahr, Augsburg empfing Dortmund und wir erhofften nicht mehr als bitte nicht vom Platz geschossen zu werden.

Nach der ersten Halbzeit, die zwar etwas bemüht, aber durchaus diszipliniert war, führte Augsburg mit 1:0. Das zählte quasi nicht, denn es kamen ja noch 45 Minuten, aber wir waren gut gelaunt. Auch weil das Wetter fast genauso spannend war wie das Spiel.

Ich war mit allen Lagen bekleidet, die ich so im Stadion trage und hatte dazu noch Decke und Mütze dabei; normalerweise reicht meine Jackenkapuze, aber wenn’s richtig kalt ist, möchte ich auch noch eine Mütze. Es waren Regen und 4 Grad angesagt, aber auf dem Weg von der Tram zum Stadion strahlte ein blauer Himmel und die Sonne blendete uns. Das konnten wir nicht genießen, sondern quengelten, dass wir weder Caps noch Sonnenbrille dabei hatten, denn wer sollte denn sowas ahnen.

In den ersten 20 Minuten blendete die Sonne weiter, ich zog meine Kapuze ins Gesicht, hatte aber den Schal locker und brauchte nicht mal Handschuhe. Dann zog der Himmel gefühlt in drei Minuten komplett zu, aus dem hellen wolkenlosen Blau wurde eine einzige dunkelgraue Front, und es begann zu schneien. Das 1:0 fiel, ich zog meine Handschuhe an und die Decke tiefer über die Knie und twitterte ein Schneelied.

In der Halbzeit hörte es auf zu schneien, der Himmel wurde wieder hell, der Abend zog auf, das Flutlicht ging an, direkt nach dem Halbzeitpfiff stand es 2:0, dann plötzlich 3:1, wir wagten irrwitzigerweise zu hoffen, aber fünf Minuten später hieß es 3:3, dann ging alles seinen erwarteten Gang, Augsburg verlor mit 3:5, aber wir hatten eine gute erste Halbzeit und fünf sehr schöne Minuten in der zweiten.

Und der Himmel war toll.

Abends noch ein Viertel des Granatapfels in eine Schüssel geworfen, dazu Couscous, eine Schalotte (keine rote Zwiebel im Haus), eine Paprika, Walnüsse, Minze, Petersilie, ein bisschen Ras-el-hanout, das ich gerade über alles werfen möchte, Dressing aus Apfelessig und Olivenöl und einen dicken Klecks Jogurt obendrauf. Festessen.

Von F. dabei helfen lassen, bei der Spelling Bee wieder zu Genius zu kommen. Das hatte ich in den vergangenen Tagen immer alleine hingekriegt, aber gestern leider nicht.

Gemeinsam eingeschlafen.

Der C12 hatte am Donnerstag einen Abend mit nepalesischen Gastarbeitern in Katar organisiert, die über ihre Situation im Land sprachen. Das ist für engagierte FC-Bayern-Fans durchaus ein Thema, denn der FCB wird von Qatar Airways gesponsort und hält im Land seit einigen Jahren sein Wintertrainingslager ab. Die SZ berichtete, genau wie der Deutschlandfunk, der auch ein gutes Argument hatte für die Fans, die nicht wissen, wie sie gegen diesen Quatsch protestieren sollen: mal nicht das neue Trikot kaufen, auf dem der Sponsorenname steht. Da ansetzen, wo es den Verein interessiert: beim Geld.

Tagebuch Freitag, 17. Januar 2020 – „Die Toten“

Ich wartete weiterhin auf elf Einheiten im Staatsarchiv, aber dieses Mal war ich clever und rief im Lesesaal an, anstatt blind vertrauend hinzufahren. Nölig musste ich hören, dass nichts für mich im Fach lag, weswegen ich meine eigentlich geplante Abendbeschäftigung vorzog und erstmal ewig die Serien vom Donnerstag wegguckte, die nachts in diesem Interweb aufgelaufen waren. (The Good Place! Ich vermisse dich kurz vor Schluss schon sehr schlimm.)

Bis Ende Januar habe ich noch Netflix, also bingte ich Grace and Frankie und freute mich darüber, dass es anscheinend noch eine weitere Staffel geben wird, für die ich dann wieder elf Euro im Monat ausgeben werde. Außerdem nahm ich noch die erste Folge der zweiten Staffel von Sex Education mit, einer der wenigen Serien, bei denen ich sehr oft lauthals lachend vor dem Laptop sitze. Hier hat es nicht mal drei Minuten bis zum ersten Lachanfall gedauert, was mich auf eine gute Staffel hoffen lässt.

Dann setzte ich mich doch brav an den Schreibtisch, hatte aber keine großen Erleuchtungen, sondern las nur Korrektur und aktualisierte meine lange To-Do- und die inzwischen ähnlich lange Done-Liste, in denen ich unter anderem vermerke, welche Archivbestände ich wo schon eingesehen habe.

Spiegelei, saure Gurken aus dem Glas, Sesambrot, Ritter Sport Vollmilch, zwei Liter Tee.

Den Rest des Tages verbrachte ich damit, Christian Krachts Die Toten in einem Rutsch durchzulesen und saß danach, wie immer bei Kracht, erstmal ein paar Stunden lang stumm rum.

„Und Nägeli, der einerseits Hugenbergs zweihunderttausend magische Dollar vor sich leuchten sieht (die leider an die Auflage gekoppelt sind, er müsse Heinz Rühmann besetzen) und andererseits die gigantische Ironie dieser Idee ganz und gar wunderbar findet, lacht, pustet Rauch deckenwärts, und es ist die ersehnte Befreiung. Er habe die ganze Zeit gedacht, der blonde Süßholzraspler komme ihm nicht vor die Kamera, und ja, das sei genau die Idee, die er seit Monaten suche; er werde einen Gruselfilm drehen, man müsse es der UFA nur auf irgendeine Weise schmackhaft machen, er werde Rühmann einfach nicht mehr erwähnen, ja, er werde nach Japan fahren und dort drehen, er sei ja, so habe er Hugenberg vorhin verstanden, dazu eingeladen, alles werde bezahlt. Und es sei doch ganz evident: der Untote im Film müsse ein gutaussehender, schlanker Asiate sein, also exakt das Gegenteil vom Heinz Rühmann.

Ja, man müsse lediglich groß denken, alles andere komme von ganz alleine, gluckst Lotte Eisner, eine weitere Flasche Champagner öffnend, und Kracauer, der zum Eierpochieren hinüber in die Küche gewandert ist, ruft herüber, Mensch, ja, es könne doch auch eine Frau die Untote geben, eine Asiatin, Anna May Wong zum Beispiel, dann sei man Rühmann endgültig los. Die Eier sind ihm mißglückt, so schlägt er ein weiteres halbes Dutzend einfach in die Bratpfanne und trägt binnen kürzester Zeit munter die Internationale pfeifend die Omelette in den Salon hinein. […]

Lotte und Siegfried steigen am späten Nachmittag am Lehrter Bahnhof in den Nachtzug nach Paris, zwei oder drei Koffer kommen mit, darin die beiden aufgerollen, kleinen Kandinskys, ein paar Bücher, das leinene lange Nachthemd von Kracauers Großmutter, getrocknete Blumen, Zigaretten, Zahnbürsten. Ein mit Gummiband umwickeltes Dollarbündel steckt in Lottes Strumpfhose.

Im sich verdunkelnden Speisewagen nehmen sie Abschied von ihrem Deutschland und trinken Süßmost und sprechen nicht über die gerade zerfetzende Erinnerung. […] Am Tisch gegenüber, jenseits des Ganges, sitzt nun plötzlich: Fritz Lang, der mit einer Kopie von Das Testament des Dr. Mabuse im Gepäck ebenfalls ins Pariser Exil unterwegs ist, als habe sich das ein müder Halbgott genauso ausgedacht – da sitzt also Lang gelbbeschalt im selben Zug, im selben Speisewagen sogar, und alles scheint wie ein Neuanfang ob dieser Fügung. Man setzt sich sogleich zueinander, steckt die Köpfe zusammen, raucht, ruft nach zwei Flaschen Rotwein, nach Salzgebäck, Gürkchen, Silberzwiebeln, wenn sie welche da hätten. […]

Lotte und Siegfried rutschen während dieser trunkenen Flammenrede auf den Stühlen hin und her, es ist fast nicht auszuhalten. Sie ahnen nichts davon, daß Lang noch ein ganzes folgendes Jahr hin- und herkutschieren wird zwischen Paris und Berlin, ein vorsichtiges Austarieren, ob da nicht vielleicht doch noch etwas zu machen sei mit der UFA.

Also lächeln sie Lang tapfer und mitfühlend an, es gibt ja weiß Gott Schlimmeres als diese vorübergehende, der übereilten Flucht geschuldete geistige Zerrüttung. Der Speisewagenkellner hat sich irgendwo versteckt, es gibt keinen Wein mehr, und nach einer Weile weiteren Geplänkels, in der sicher nicht über Opportunismus gesprochen wird, erreichen sie ruckelnd die ersten trüb erhellten Vororte von Paris, drei Deutsche ohne Deutschland.“

(Christian Kracht: Die Toten, Frankfurt am Main 2018, S. 121, 134/135 und 139.)

Tagebuch Donnerstag, 16. Januar 2020 – Jetzt bloß nicht im Lesesaal heulen

Gemeinsam aufgewacht, getrennt voneinander den Tag begonnen, wie so oft. Während der Herr noch wach wird, habe ich schon geduscht, Kaffee gemacht, das Geschirr von gestern abend verräumt und gebloggt. Danach fuhr ich mal wieder ins Hauptstaatsarchiv, wo ich eigentlich auf 15 Einheiten hoffte, aber es lagen nur lausige vier für mich bereit.

Ich wühlte mich also seufzend durch die Bestände der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen. Zunächst blätterte ich einen Order mit Nachlässen durch, wo ich noch wenige, aber spannende Details zu einigen von Protzens Werken fand – unter anderem, dass einige von ihnen bewusst vernichtet wurden. Leider nicht welche oder wieviele. Gna. Das ist auch noch einer meiner Knackpunkte – ich weiß von ungefähr der Hälfte seiner mir bekannten Werke nicht, wo sie heute sind. Auch nicht, wo alle Autobahnen sind. Immerhin habe ich mich gestern selbst davon überzeugt, dass es 28 Gemälde sind und nicht 29. Könnt ihr (hoffentlich) nächstes Jahr selbst nachlesen, warum das so ist.

Dann blätterte ich in Korrespondenz zu Ausstellungen, die 1976 stattgefunden hatten. Dabei stieß ich auf eine zum grafischen Werk von Marino Marini, für die die Gemäldesammlung 14 Leute zu einem kleinen Dinner im Hotel Vier Jahreszeiten eingeladen hatte, und dafür übersandte das Hotel jetzt drei Seiten Menüvorschläge. Ich hatte spontan Lust auf die Avocado norwegische Art, was auch immer das gewesen ist, sowie die Kalbsmedaillons Marie Chantal. Den dritten Ordner habe ich schon wieder vergessen, da war nichts für mich drin. Und dann kam Ordner Nummer 4.

Den hatte ich mir nur zum Vergnügen, haha, rauslegen lassen, denn in ihm ging es um die Bestände der Staatsgemäldesammlungen am Central Collecting Point in München. Ich hoffte ein bisschen auf Zufall und miese Ablage und daher etwas zu Protzen, aber wenn man auf Schlampigkeit hofft, haben natürlich alle wieder vernünftig gearbeitet. Jedenfalls lagen in diesem alten Ding gefühlt hundert hauchdünne Durchschlagspapiere, auf denen die jeweiligen deutschen Konservatoren der US Army bestätigten, welches Kunstwerk sie gerade entgegen genommen hatten, um es im weitgehend unzerstörten Haus der Kunst fotografieren zu lassen.

Die Archivalien durfte ich nicht fotografieren (andere schon), aber eine Seite habe ich mir mal abgeschrieben:

„Office of Military Government for Bavaria
Economics Division
Munich, Germany. APO 407, US Army

Receipt

25 March 1948

I have received this date from the custody of the Central Collection Point Munich the following listed paintings:

– Mun. No. 18181 Dürer Paumgartner Altar
– Mun. No. 18148 Holbein d. Ä. Verkündigung an Maria
– Mun. No. 28006 Cranach d. Ä. Christus am Kreuz

Items will be returned after photographs have been made in the Haus der Kunst.

Dr. K. Röthel
Konservator an den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen“

Das war jetzt weder ein Teil des äußeren Restitutionsprozesses, wo aus anderen Ländern geraubte Kunst zurückgegeben wurde, noch einer des inneren, wo „an Personen, die ‚aus Gründen der Rasse, Religion, Nationalität, Weltanschauung oder politischer Gegnerschaft gegen den Nationalsozialismus‘ beraubt worden waren, Kunstgegenstände zurückgegeben wurden, Zitat aus dem obigen Link, der nicht zur Wikipedia geht. Es war einfach nur ein Vorgang, wo wegen der Kriegsumstände ausgelagerte Besitztümer der Staatsgemäldesammlungen aus den süddeutschen und österreichischen Stollen oder provisorischen Lagerstätten zurück nach München kamen und registriert wurden, um irgendwann erneut in der wieder aufgebauten Alten Pinakothek zu hängen.

Daher weiß ich nicht genau, warum mich diese Schreiben so angefasst haben. Vielleicht weil ich schlicht zum ersten Mal Originaldokumente aus dem CCP in der Hand hatte, von dem ich vor dem Studium nie gehört hatte, aber der seitdem dauernd in meinem Hinterkopf ist, denn das Zentralinstitut für Kunstgeschichte ist heute in einem der beiden Gebäude untergebracht. Die Bibliothek, die ich so liebe, sieht heute noch fast genauso aus wie auf den Fotos im verlinkten Artikel. Mir ist bei jedem Besuch klar, in welchem Haus ich sitze. Meistens denke ich allerdings eher daran, dass ich in einem ehemaligen Nazibau arbeite, weil ich das natürlich noch mehr im Hinterkopf habe.

Aber die Arbeit der „Monuments Men“ (und Women) und des Alliierten Kunstschutzes beeindruckt mich dann doch immer wieder. Gerade die US-Armee hätte das Deutsche Reich locker zu Klump bomben können, aber stattdessen haben die Air-Force-Piloten Listen mitgenommen, auf denen steht, welche Kirche und welches Schloss sie bitte verschonen sollen, die wären kunsthistorisch wichtig, möglichst dran vorbeiwerfen, please. Jedesmal, wenn ich auf die USA pissig bin, denke ich an diese Leistung, und bin ein bisschen weniger pissig. Und gestern hatte ich halt zum ersten Mal ein Dokument in den Händen, auf denen was von US Army stand, hielt einfach mal inne und ließ mich ein bisschen vom Hauch der Geschichte umwehen. Mache ich ja eigentlich mit jeder Akte, die ich in jedem Archiv in der Hand habe, weswegen ich auch noch nicht so genau weiß, warum mich das gestern etwas mehr beeindruckt hat als all die anderen staubigen Unterlagen, die ich schon durchgewühlt habe. Vielleicht weil ich ganz simpel mindestens ein Kunstwerk vor Augen hatte, an dem ich schon hundertmal in der Alten Pinakothek vorbeigelaufen bin. Das steht da einfach rum. Das ist, und das muss man sich vielleicht ab und zu mal in jedem Museum sagen, keine Selbstverständlichkeit.

Viel zu früh Feierabend gemacht, daher zuhause weiter am Schreibtisch gesessen. Aber erstmal eine Riesenportion Möhrensalat gegessen mit einem wilden Dressing aus Honig, Ingwer, Knoblauch, Sojasauce, Reisweinessig, dunklem Sesamöl und Olivenöl. Hervorragend! Die Schüssel wurde leer, Dressing blieb übrig – also gab’s abends einfach nochmal Möhren und Gurken darin. Außerdem eine Runde Käse mit Quittengelee und einem Scheibchen meines derzeitigen Lieblingsbrots (da ist Sesam drin, Sesam ist immer gut). Eigentlich hätte ich Lust auf einen Rotwein gehabt, aber alleine wollte ich keine Flasche öffnen.

Nachmittags diverse Archive wegen Zeug angemailt. Langsam nähere ich mich dem Ende des Werkverzeichnisses, und es sind immer noch Wissenslücken da, die ich nicht füllen kann. Außerdem Quellen und Forschungsstand mal wieder umformuliert nach den neuen Erkenntnissen aus dem Staatsarchiv. Mir ist wieder einmal bewusst geworden, dass das Wichtigste, was ich im Studium gelernt habe, das sogenannte „ergebnisoffene Forschen“ ist. Momentan bin ich in der Position, genau das Gegenteil von dem zu behaupten, mit dem ich die Diss angefangen habe. Aber jetzt kann ich diese Position begründen.

Tagebuch Mittwoch, 15. Januar 2020 – Bildbeschreibungen

Home Office gemacht, weil ich endlich zu Grundlegendem gekommen bin. In meiner Diss wühle ich mich chronologisch durch das Werkverzeichnis des Künstlers, beschreibe aber um Gottes Willen nicht jedes Bild, sondern nur die, die ich für wichtig halte. Oder die eben sein müssen wie die 28 oder 29 Autobahnbilder, denn die stehen im Fokus der Arbeit.

Mir geht es eher um eine historische Einordnung Protzens, sein künstlerisches Œuvre bleibt ein wenig zurück. Das ist mir auch schon bei unserem Rosenheim-Katalog aufgefallen, dass meine Mitkommiliton*innen mehr Bildbeschreibungen in ihren Texten hatten, aber ich dafür 800 Archivfußnoten. Auch in der Diss habe ich mich erst um das historische Gerüst gekümmert und die Bilder einen Hauch vernachlässigt. Ich habe sie da beschrieben, wo es sein musste, mich aber um gerade die Autobahnen ein bisschen gedrückt, weil ich wusste, wie viel das ist. Und ehe ich sie beschreibe, wollte ich sie vernünftig einordnen können. Ich behaupte, dass ich das jetzt in Ansätzen kann, und daher saß ich gestern den ganzen Tag zuhause und beschrieb Autobahnbilder. Irgendwann war ich dann am Punkt angekommen, in jeden Absatz reinschreiben zu wollen: „Wenn sich der Maler hier einen Hauch zusammengerissen oder mehr Talent gehabt hätte, hätte das ein okayes Bild werden können.“ Hat er aber nicht und deswegen gucke ich auf 28 oder 29 mittelmäßige Kunstwerke. Aber das wusste ich ja vorher.

Zwischendurch ein bisschen Gemüse gekauft und auf ein Backblech geworfen.

Ich lasse mal ein paar Links hier, die ich alle noch nicht durchgehört oder -gelesen habe, aber sonst vergammeln sie in meinen Twitter-Herzchen.

– Der Klang der NS-Zeit – Originaltöne aus München 1933–1945

Ein Hinweis einer Leserin, man dankt.

– Die vergessenen Drei

Ein Audible-Podcast über Menschen in der Geschichte, die anscheinend nicht in jedem Geschichtsbuch stehen.

– Ian McKellens Blog über die Dreharbeiten zu „Lord of the Rings“

Was da steht.