Mit Turner auf Reisen

Meine letzte Amtshandlung in der Elternzeitvertretung im Lenbachhaus war ein Blogeintrag zur Turner-Ausstellung, die im Oktober eröffnet wird. Der Eintrag inklusive der meisten Zitate beruht fast komplett auf dem Buch „Turner. The Extraordinary Life and Momentous Times of J.M.W. Turner“ von Franny Moyle.

Wer mag, kann zum Lenbachhaus rüberklicken und ihn dort lesen. Wer ein paar Links zu Bildern und der Wikipedia möchte, bleibt hier:

Ab dem 28. Oktober zeigen wir „Turner. Three Horizons“ im Kunstbau. Die Werke von Joseph Mallord William Turner (1775–1851) erzählen auch von seinen vielen Reisen durch die Natur in Großbritannien und Europa.

Turner fiel bereits als Kind durch seine Landschafts- und Architekturzeichnungen auf, weswegen er schon mit 14 Jahren ein Stipendium an der Royal Academy of Arts in London erhielt. Dort gab es allerdings keinen Lehrstuhl für Landschaftsmalerei; sie galt erst im 19. Jahrhundert als akademische Gattung. So brachte sich der junge Turner die nötigen Fähigkeiten selbst bei, vor allem durch intensives Naturstudium. Nach und nach verließ er London für immer weitere und längere Reisen – zunächst durch England, Schottland und Wales und ab 1802 auch durch Europa.


?Margate: The Great Beach with the Pier and Lighthouse and Jarvis’s Landing Place at Sunset“, c. 1829–40, Joseph Mallord William Turner.
© Tate, Photo © Tate, CC-BY-NC-ND 3.0 (Unported)

Ende des 18. Jahrhunderts war Reisen eher beschwerlich als erholsam. Viele wohlhabende Bürger*innen reisten daher lieber in ihrer Vorstellung, indem sie Gemälde und Drucke mit Landschafts- oder Stadtmotiven kauften. Noch im 17. Jahrhundert zeigten diese Ansichten oft kontinentaleuropäische Szenerien. Zu Turners Zeit begann eine anhaltende Faszination für die englische Landschaft und ihre Bauten, Klöster, Schlösser und Landsitze. Das lag auch am Krieg gegen das revolutionäre Frankreich, der den Kontinent für viele britische Reisende schwerer zugänglich machte. Einer der ersten Orte, die Turner als junger Mann bereiste, war Margate im Osten Englands. Hier sah er zum ersten Mal das Meer, das ihn zeitlebens als Motiv begleiten sollte.


Cader Idris: A Stream among Rocks near the Summit“, 1798, Joseph Mallord William Turner. © Tate, Photo © Tate, CC-BY-NC-ND 3.0 (Unported)

Um unterwegs arbeiten zu können, trug Turner eine Art Reiseaquarellkasten mit sich. In einer kleinen Ledertasche verwahrte er Aquarelltabletten, die in Wasser aufgelöst wurden. Während frühere Künstler*innen sich ihre Farbpigmente noch selbst mischten, konnte Turner auf fertige Farben zurückgreifen, die er dann in der gewünschten Stärke anrührte. Die Skizzenbücher, die der Maler auf seinen Reisen zu Dutzenden benutzte, sind bis heute erhalten geblieben. Eine Seite aus dem Hereford Court Sketchbook zeigt den Bergrücken Cader Idris in Wales. Offensichtlich geriet Turner beim Malen in einen Regenschauer, denn die Seiten sind mit Wassertropfen übersät. Der Maler Joseph Farington schrieb in seinem Tagebuch, dass Turner 1798 in Süd- und Nordwales unterwegs gewesen sei: „alone and on horseback – out 7 weeks – much rain but better for effects.“

Im März 1802 beendete der Friede von Amiens den Zweiten Koalitionskrieg, in dem Großbritannien unter anderem gegen Frankreich gekämpft hatte. Nachdem der Ärmelkanal neun Jahre lang für Tourist*innen gesperrt gewesen war, nutzte Turner nun die Gelegenheit, nach Frankreich zu reisen. Er war nicht allein: Im September 1802 befanden sich laut eines Chronisten mindestens 12.000 britische Gäste in Paris. Auch viele von Turners Malerkollegen reisten in die französische Hauptstadt, denn seit 1793 war der Louvre ein öffentlich zugängliches Museum. Der britische Emissär in Paris beschwerte sich in London über die große Menge an Reisepässen, die er ausstellen musste – auch an Parlamentarier, die teilweise nur für einen Tagesausflug nach Calais fuhren. Turner besuchte mit Farington und anderen Freunden verschiedene Ausstellungen zu französischer Kunst, die er allerdings eher negativ beurteilte: „very low – all made up of Art.“ Damit meinte er, dass die nachrevolutionäre Kunst auf ihn sehr stilisiert wirkte und – in seinem Sinne – wenig natürlich.

Turner hatte neben Paris noch ein anderes Ziel: die Alpen. Auf dem Weg dorthin fertigte er über 100 Zeichnungen an, auf deren Grundlage in den Folgejahren mehrere Aquarelle und Ölbilder entstanden. Er berichtete Joseph Farington über seine Eindrücke der mächtigen Massive: „The country on the whole surpasses Wales; and Scotland too.“ Der Maler nahm bei der Darstellung dieser beeindruckenden Bergketten Bezug auf das philosophische Konzept des „Erhabenen“, das auf Edmund Burke zurückgeht. Laut Burke war Schönheit beruhigend, während Erhabenheit, „Sublimity“, durch Größe und Herrlichkeit fast erschreckend sein sollte. Viele von Turners Werken zeigen bedrohliche Naturgewalten, die durch seine Darstellung dennoch überwältigend schön wirken. Diese Erhabenheit wurde allerdings nicht von allen geschätzt. George Beaumont, der später Mitbegründer der National Gallery werden sollte, befand, dass einer von Turners aufgewühlten Himmeln wie „Erbsensuppe“ aussähe; ein anderer Kritiker meinte, der Himmel sei von „einem Verrückten“ gemalt worden.


Sunset From the Top of the Rigi“, c. 1844, Joseph Mallord William Turner. © Tate, Photo © Tate, CC-BY-NC-ND 3.0 (Unported)

Das mag auch an der Arbeitsweise des Malers gelegen haben: Turner übernahm teilweise Techniken seiner Aquarelle und übertrug sie auf seine Ölgemälde. So grundierte er die Leinwände in weißen anstatt in dunklen Tönen, damit die Farben heller strahlten. Er verdünnte Ölfarbe, um sie ähnlich verarbeiten zu können wie Wasserfarbe. Und schließlich nutzte Turner nicht nur seine Pinsel und Palettmesser als Werkzeuge, sondern bearbeitete seine Werke ebenfalls mit den Händen: Er kratzte Farbe mit den Fingernägeln ab, betupfte sie mit einem Schwamm oder auch nur seinem Hemdsärmel und trug sie neu auf. Diese aufgewühlte Atmosphäre in Form und Farbe ist vor allem in seinem Spätwerk sichtbar.


House beside the River, with Trees and Sheep“, c. 1806–7, Joseph Mallord William Turner. © Tate, Photo © Tate, CC-BY-NC-ND 3.0 (Unported)

1805 baute Turner ein Haus außerhalb Londons nahe der Themse, behielt aber sein Quartier im Stadtzentrum weiterhin, wo er inzwischen auch eine eigene Galerie hatte, um seine Werke zeigen und verkaufen zu können. Für das neue Haus erwarb er ein Boot, von dem aus er fischte, zeichnete und sogar malte. Auch auf seinen Reisen skizzierte Turner nicht nur sitzend oder stehend in der Landschaft. Einige seiner Entwürfe sind leicht aufsichtig und lassen vermuten, dass er arbeitete, während er zu Pferd unterwegs war. Andere Skizzen sind offensichtlich auf einem Boot entstanden, mit dem Turner Flüsse wie die Themse oder die Loire abfuhr.

Mit seinen kurzen Reisen flussauf- und abwärts in Großbritannien kompensierte Turner, dass ihm Europa durch den erneuten Kriegsausbruch zwischen England und Frankreich zeitweilig wieder versperrt war. Er schuf aus seinen vielen Skizzen und Vorzeichnungen weitere Gemälde und ließ sie auch erstmals drucken. Damit folgte er einem seiner Vorbilder, dem Maler Claude Lorrain, der seine Werke damit katalogisieren wollte. Turners Vorzeichnungen sind nicht immer detailliert, aber sie genügten stets für eine kompositorische Wiedergabe. Ein Journalist, der ihn beim Zeichnen beobachtet hatte, bescheinigte dem Maler 1866, also nach Erfindung der Kamera, ein „fotografisches Gedächtnis“.


Sunset“, part of the Rheinfelden Sketchbook, 1844, Joseph Mallord William Turner. © Tate, Photo © Tate, CC-BY-NC-ND 3.0 (Unported)

1816, nach der Schlacht bei Waterloo, konnte Turner wieder auf den Kontinent reisen. Er bestieg in Margate ein Schiff – „Once more upon the waters! yet once more!“ – und segelte zunächst nach Belgien, bevor er nach Köln weiterreiste, von wo er den Rhein bis nach Mainz zu Fuß erkundete. Nachdem er auf dem Fluss zurück bis Bingen gereist war, brach er nach Holland auf. Sein Rucksack blieb dabei bewusst leicht gepackt: „a Book with Leaves, ditto Cambell’s Belgium [ein Reiseführer], 3 Shirts, 1 Night ditto, a Razor, a Ferrule for Umbrella, a pair of Stockings, a Wais[t] Coat, 1/2 Doz. of pencils, 6 Cravats, 1 Large ditto, 1 Box of colours.“


Venetian Festival“, c. 1845, Joseph Mallord William Turner. © Tate, Photo © Tate, CC-BY-NC-ND 3.0 (Unported)

1819 reiste Turner erstmals nach Venedig, was seine Malerei für immer verändern sollte. Der Porträtmaler Thomas Lawrence hatte in einem Brief an Farington erklärt, warum Turner unbedingt nach Italien kommen sollte – unter anderem, um die „Verschmelzung von Erde und Himmel“ in seinen unnachahmlichen Farbtönen einzufangen: „He has an elegance and often a greatness of invention that wants a scene like this for its free expansion; […] the subtle harmony of this atmosphere […] wraps every thing in its own milky sweetness.“ Turner gab die „milchige Süße“ der Lagunenstadt in einem träumerischen, zeitlosen Ausdruck wieder, der ihn zu einem modernen Maler machte. Sein Malstil veränderte sich in Italien völlig; auf einem pastelligen, fahlen Untergrund tauchten nun Schemen und Konturen flüchtig auf, wie Geister der Vergangenheit. Turner zeichnete weniger massive Gebäude oder Strukturen, sondern Luft und Raum.

In den Folgejahren reiste Turner weiterhin von Großbritannien aus nach Europa, besuchte erneut Frankreich, Italien, Belgien, Holland und die Schweiz. 1840 war er in Deutschland und skizzierte die entstehende Walhalla. Als das Monument 1842 eröffnet wurde, schuf er mehrere Aquarelle und Ölbilder nach diesen Zeichnungen. Eines davon, „The Opening of the Walhalla, 1842“, war das erste Gemälde, das Turner von England aus verschickte, um es im Ausland auszustellen. Es wurde auf der Münchner Kunstausstellung 1845 gezeigt, wo das deutsche Publikum nicht auf diese Art der Naturdarstellung vorbereitet war. Ein Kritiker bezeichnete das Bild als „unbegreifliches Kuriosum“ und schrieb, dass die angebliche „Allegorie“ auf das Bauwerk „bis zum Unkenntlichen [in ein] phantomistisch verschwimmendes Farbengemengsel getaucht“ sei und „daß der Kritik nichts übrig bleibt, als ihr Bedauern darüber auszusprechen, daß die britische Landschaftsmalerei auf so seltsame, fast komische Art vertreten wurde.“

1845 reiste der Maler ein letztes Mal nach Frankreich, um sich zu erholen. Danach blieb er, auch aus Altersgründen, weitgehend in London und Umgebung. Seit einer Cholera-Erkrankung im Mai 1850 verließ er sein Haus nur noch selten. Noch im Winter 1851 schmiedete er allerdings Reisepläne mit einem Bekannten, obwohl beide vermutlich wussten, dass der Maler diese Reise nicht mehr antreten würde.

Joseph Mallord William Turner starb am 19. Dezember 1851. Uns hinterließ er seine einzigartige Welt von Farbe und Licht.

Tagebuch Donnerstag, 17. August 2023 – Seite 194/195

„Barbara kommt immer seltener nach Berlin; auch der Geheimrat zeigt sich beinah nie mehr in der Hauptstadt, wo er früher, mehrmals im Winter, Vorträge zu halten und an der repräsentativen Geselligkeit teilzunehmen pflegte. Der Geheimrat sagt: »Ich bin nicht mehr gern in Berlin. Ja, ich fange an, mich vor Berlin zu fürchten. Es bereiten sich hier Dinge vor, die mich entsetzen – und das Schaurigste ist, daß die Menschen, mit denen ich Umgang habe, die Gefahren nicht zu bemerken scheinen. Man ist geschlagen mit Blindheit. Man amüsiert sich, streitet sich, nimmt sich ernst; inzwischen verfinstert sich der Himmel, aber man hat keinen Blick für das Ungewitter, das näher kommt – das schon beinahe da ist. Nein, ich bin nicht mehr gern in Berlin. Vielleicht meide ich es, um es nicht verachten zu müssen …«

Er kommt doch noch einmal; aber nicht mehr, um an repräsentativer Geselligkeit teilzunehmen oder in der Universität zu dozieren; vielmehr um eine große kulturpolitische und tagespolitische Rede zu halten. Die Rede trägt den Titel: »Die drohende Barbarei«; mit ihr will der Geheimrat den geistigen Teil des Bürgertums noch einmal – zum letzten Mal – warnen vor dem, was heraufkommt und was Verfinsterung und Rückschlag bedeutet, während es sich selber frech »Erwachen« und »nationale Revolution« zu nennen wagt. – Der alte Herr spricht anderthalb Stunden lang vor einem Publikum, welches tobt – teils vor Beifall, teils zum Widerspruch.

Während seines letzten Aufenthalts in der Kapitale hat der bürgerliche Gelehrte, der durch seinen Besuch in der Sowjet-Union der Rechten verhaßt und den Demokraten schon ein wenig verdächtig ist, Besprechungen mit vielen seiner Freunde, mit Politikern, Schriftstellern, Professoren. All diese Unterredungen endigen mit der heftigsten Meinungsverschiedenheit. Die Freunde erkundigen sich, nicht ohne Hohn: »Wo bleibt Ihre geistige Toleranz, Herr Geheimrat? Wohin sind Ihre demokratischen Prinzipien? Wir erkennen Sie gar nicht wieder. Sie sprechen ja wie ein radikaler Tagespolitiker, nicht mehr wie ein kultivierter, überlegener Mensch. Alle kultivierten Menschen sollten sich darin einig sein, daß es diesen Nationalsozialisten gegenüber nur eine Methode gibt: die erzieherische. Wir müssen alles daran setzen, diese Menschen zu zähmen, mittels der Demokratie. Wir müssen sie gewinnen, anstatt sie zu bekämpfen. Wir müssen diese jungen Menschen überreden zur Republik. – Und übrigens,« fügen die sozialdemokratischen oder liberalen Herren mit einer vertraulich gedämpften Stimme und mit einem ernsten Blick hinzu, »und übrigens, lieber Geheimrat: Der Feind steht links.«

Manches muß Bruckner sich anhören, über die »gesunden und aufbauwilligen Kräfte«, die »trotz allem« im Nationalsozialismus stecken; manches über das edle nationale Pathos einer Jugend, der gegenüber »wir Älteren« eben nicht länger verständnislos ablehnend bleiben dürfen; über den »politischen Instinkt des deutschen Volkes«, seinen »gesunden Menschenverstand«, der stets das Schlimmste verhüten werde – (»Deutschland ist nicht Italien«) –: ehe er, erbittert und enttäuscht, abreist, im Herzen entschlossen, nie wiederzukehren.

Der Geheimrat Bruckner entzieht sich einer Gesellschaft – in welcher Hendrik Höfgen Triumphe feiert.“

Klaus Mann: „Mephisto. Roman einer Karriere“, Berlin/Weimar 1971 (Erstausgabe Amsterdam 1936), S. 194/195.

Tagebuch Dienstag/Mittwoch, 15./16. August 2023 – Sommer

Zwei kleine Urlaubstage. Am Mittwoch die letzten Reste des Podcastabends mit anschließendem Weinflaschenleeren beseitigt, ansonsten mit F. rumgelungert. Immer perfekt.

Gestern nichts gemacht außer zu lesen, ein bisschen zu kochen, nicht zu viel, es ist Sommer, aber scharfer Tofu geht ja immer und dauert nicht lang, die zweite Staffeln von „The Bear“ nochmal angefangen, die hatte ich beim ersten Schauen zu hektisch verfolgt.

Derzeitiges Nicht-Arbeitsbuch: Klaus Manns „Mephisto“ in schöner DDR-Gestaltung; beim letzten Besuch in Halle aus einem Antiquariat mitgenommen, hier mit Charlotte-Salomon-Lesezeichen aus dem Jüdischen Museum in Amsterdam. Der Roman ist schon gemeinfrei, da Mann bereits 1949 verstarb.

„Das schöne Hotel an einem der oberbayrischen Seen hatte Nicoletta empfohlen, die das junge Paar auf seiner kleinen Hochzeitsreise begleitete. Barbara war hier sehr glücklich: sie liebte diese Landschaft, die, mit ihren hügeligen Wiesen, Wäldern und Gewässern, noch sanft, noch unpathetisch war, aber doch schon das Heroische und Kühne als ein Element und eine Möglichkeit in sich enthielt. Bei föhnigem Wetter schien das Gebirge ganz nah heranzukommen. Im Licht des Sonnenuntergangs verfärbten die zackigen Gipfel, die schneeigen Hänge sich blutig. Noch schöner aber fand Barbara ihren Anblick, wenn sie, während der Stunde vor dem Dunkelwerden, in einer erhabenen Bleichheit, in einem eisigen Frieden standen und wie geformt aus einer fremden, spröden, unendlich kostbaren, bei aller Härte sehr empfindlichen Substanz, die nicht Glas zu sein schien, nicht Metall und nicht Stein, vielmehr die seltenste und gänzlich unbekannte Materie.

Hendrik war unempfänglich für Reiz und Größe der Landschaft. Die Atmosphäre des elegant geführten Hotels beunruhigte und erregte ihn. Den Kellnern gegenüber verhielt er sich mißtrauisch und reizbar; er behauptete, daß sie ihn schlechter behandelten als die übrigen Gäste, und machte Barbara Vorwürfe, daß sie ihn jetzt schon dazu verleite, über seine Verhältnisse zu leben. Anderseits war er voll Genugtuung über das feine Milieu. »Es sind außer uns beinah nur Engländer hier!« stellte er befriedigt fest.“

Klaus Mann: „Mephisto. Roman einer Karriere“, Berlin/Weimar 1971 (Erstausgabe Amsterdam 1936), S. 128.

Fehlfarben 29 – „(K)ein Puppenheim“ / Friedrich Seidenstücker

Es war eine recht lange Pause, aus Gründen, ihr kennt das, aber nun sitzen wir endlich wieder gemeinsam am Tisch, trinken Wein und reden über zwei Ausstellungen. Genauer gesagt, über „(K)ein Puppenheim. Alte Rollenspiele und neue Menschenbilder“ im Stadtmuseum sowie „Friedrich Seidenstücker. Leben in der Stadt“ in der Pinakothek der Moderne.

Podcast herunterladen (MP3-Direktlink, 87 MB, 108 min), abonnieren (RSS-Feed für den Podcatcher eurer Wahl), via iTunes anhören.

00.00:00. Begrüßung und Vorstellung.

00.01:30. Blindverkostung Wein 1. Wir trinken heute Rotweine von der Ahr. Der Podcast, den ihr gerade hört, war nämlich für Ende 2021 geplant gewesen, als wir noch kistenweise Flutwein eingekauft haben. Netterweise hatten wir alle noch eine Flasche von diesen Kisten im Keller.

00.03:40. Unsere erste Ausstellung: „(K)ein Puppenheim – Alte Rollenspiele und neue Menschenbilder“. Ich zitiere den Text von der Website des Stadtmuseums:

„Der Titel der Ausstellung verweist einerseits auf das Theaterstück ‚Nora. Ein Puppenheim‘ von Hendrik Ibsen, in dem die Titelheldin ihr ‚Puppen-Dasein‘ in der Ehe verlässt, andererseits auf die Dekonstruktion der heimeligen und scheinbar beschaulichen Welt des Puppenhauses. Denn es begeistern sich nicht nur Kinder für Puppen, sondern auch Erwachsene, denen sie als Sammelobjekte, Kinderersatz, Kultgegenstand, Fetisch- oder Sexobjekt dienen. […] [Puppen] faszinieren nicht nur als figürliche Nachbildungen des Menschen, sondern auch als Verkörperung geheimer Wünsche, Ängste und Begierden. So werden sie zum Spiegel der Gesellschaft und ihrer vielfältigen Rollenbilder in Geschichte und Gegenwart.“

Die Ausstellung wurde zusammen mit der Sammlung Goetz realisiert, das heißt, Stücke aus der Sammlung Puppentheater/Schaustellerei des Münchner Stadtmuseums, die als eine der weltweit größten ihrer Art gilt, werden mit zeitgenössischer Kunst kontrastiert.


„Panzer“ aus dem Kindersportkarussell vom Schausteller Erich Wallbach, München, um 1965. Foto von F.

Wir halten uns recht lange in den einzelnen Bereichen auf, wie mir beim Nachhören aufgefallen ist, weil es so irre viel zu sehen gibt. Nehmt euch Zeit mit oder bereitet euch von vornherein darauf vor, einige Bereiche eher zu durchschlendern als ernsthaft alles anzuschauen. Es ist, in meinen Augen, zu viel. Aber ich kann eh nach zwei Stunden nichts mehr sehen.

Vielleicht sind wir etwas aus der Übung, aber uns fehlte bei der Nachbereitung, als das Mikro aus war, etwas Diskussion, das Abarbeiten an den großen Themen. Wir sprechen viel über einzelne Werke und reißen die großen Themen der Bereiche an, aber bleiben doch etwas zu sehr an der Oberfläche. Es ärgert uns ein bisschen, dass wir sie nicht deutlicher herausarbeiten konnten. Beim nächsten Podcast dann wieder.

00.30:00. Wein 2.

Nebenbei: Das Begleitheft zur Ausstellung ist sehr empfehlenswert, genau wie die App. Es gibt leider keinen Katalog, sonst hätten wir ihn vermutlich alle erworben.


Marianne Ahlfeld-Heymann (1905–2003), „Spanische Mutter“. Mir ist nicht klar, ob die Puppe von 1937 ist, dem Jahr, in dem Picassos „Guernica“ entstand, auf das sich die Puppe bezieht.

00.50:00. Wein 3.

01.12:30. Fazit: alle Daumen hoch oder anders ausgedrückt: bitte reingehen, lohnt sich. Die Ausstellung läuft noch bis zum 7. Januar 2024. Ein kleiner Hinweis: Wenn ihr euch eine Karte für das ganze Haus kauft (7 Euro), kommt ihr damit auch gleich noch ins Jüdische Museum. Dort läuft seit Juli „München Displaced. Der Rest der Geretteten“, das durch die Ausstellung „München Displaced. Heimatlos nach 1945“ im Stadtmuseum ergänzt wird. Auch diese Ausstellung geht noch bis zum 7. Januar, die im Jüdischen Museum läuft bis März 2024.


Michael Meschke (*1931), „Nocturne“, 1962. Im Hintergrund eine großformatige Fotografie von Nuboyoshi Araki.

01.20:00. Wir müssen mal Wein nachschenken, das ist super zum Zuhören.

01.21:15. Unsere zweite Ausstellung: „Friedrich Seidenstücker. Leben in der Stadt.“ Zitat Website:

„Seidenstücker (1882–1966) zählt zu den bedeutenden Chronisten des Alltagslebens im Berlin der Weimarer Republik. Seine atmosphärischen Großstadtaufnahmen erzählen von beiläufigen Ereignissen und Begebenheiten: vom leichten Sonntagsvergnügen und dem beschwerlichen Arbeitsalltag, von Kinderspielen auf der Straße und dem Treiben auf Bahnhöfen und im Zoo. Seidenstücker wirft einen augenzwinkernden, oftmals humoristischen Blick auf die Menschen und das Leben in der Metropole.“

01.42:00. Fazit: ebenfalls alle Daumen hoch. Die Ausstellung besteht nur aus drei Räumen und sechs Themengebieten, man ist schnell durch und bekommt trotzdem viel zu sehen. Sie läuft nur noch bis zum 24. September, also fix rein.


Hermann Nonnenmacher (1892–1988) „Motorradfahrerinnen“ von 1930, für das Varieté Hanna Heimdalls Homunculi, Berlin.

01.43:00. Wir lösen die Weine auf, waren alle gut, könnt ihr kaufen.

Wein 1: Josten & Klein (inzwischen anscheinend nur noch Josten), Schiefer Pinot Noir, 2017, 13 %, um die 13 Euro.

Wein 2: Weingut Burggarten, Walporzheimer Spätburgunder, 2019, 13.5%, um die 20 Euro.

Wein 3: Mayschloss Altenahr, Frühburgunder trocken, 2019, 13,5%, um die 20 Euro.

Liebes Tagebuch: Das war sehr schön, mal wieder zu podcasten, hat gut getan.

Tagebuch Montag, 14. August 2023 – Podcast

Den halben Tag lang aufgeräumt und besuchsgeputzt – also auch mal die Eckchen staubgewischt, die sonst egal sind. Ich bin doch wie meine Mutter.

Viele gute Dinge zubereitet, die wir vor dem Podcast verspeist haben: Tandoori-Kichererbsen mit Raita und Koriandersauce, alles nach einem Rezept von Nisha, meinen derzeitigen Lieblingsblog bzw. -You-Tube-Kanal, wenn es um vegane Küche geht. Dazu Salat, Labneh, Hummus und Muhammara sowie Brot vom Brantner; mein selbstgebackenes war am Wochenende alle geworden und ich zu faul, ein neues anzusetzen. Und Brantner-Brot ist immer im Tiefkühler, man weiß ja nie.


Jacques Guillaume Lucien Amans (zugeschrieben): „Bélizaire and the Frey Children“, ca. 1837

How a Rare Portrait of an Enslaved Child Arrived at the Met

Auf einem Gemälde, das inzwischen dem MET gehört, war zunächst ein Schwarzes Kind zu sehen, das irgendwann übermalt wurde. Zehn Minuten Video über ein bisschen Provenienzforschung in den USA. Im Link zum MET steht auch noch ein bisschen was zur Geschichte. Dort steht das Bild auch zum Download bereit.

Via @herstorypod.

Tagebuch Freitag bis Sonntag, 11. bis 13. August – Balkonlesen

Freitag hatte ich erneut ein motivierendes Gespräch und blätterte außerdem in Eingangsbüchern, Kaufverträgen und den Unterlagen des Münchner Kunstbeirats aus den 1930er Jahren und wollte gar nicht wieder aufhören. Musste ich aber vorerst. Ich komme wieder.

Danach wollte ich eigentlich die zweite Ausstellung für unseren Podcast anschauen, war aber eher zum Schreibtischlesen motiviert. Die Ausstellung sah ich am Samstag und bummelte dann noch durch den Rest der Pinakothek der Moderne, wenn man schon mal da ist. Standesgemäß bei Protzen vorbeigeschaut; ich vergesse immer, wie groß seine „Donaubrücke bei Leipheim“ ist, ich kenne seine Gemälde quasi nur in Fotogröße.

Ich mochte die „Menschenbilder“-Ausstellung so einigermaßen. Aufgefallen sind mir drei Gemälde, die Frauen abbilden, die ich mal laienhaft fotografierte.


Rudolf Levy: „Bildnis Frau Levy“, 1925.


Pierre Girieud: „Sitzender Frauenakt auf grauem Grund“, 1911.


Wilhelm Lachnit: „Mädchen mit Schmuck“, 1936. Das hatte ich schon vermisst, das hing mal in der Dauerausstellung.

Außerdem fiel mir auf, dass unter dem Werk „Maske“ (1909) von Otto Freundlich die Angabe seines Sterbeortes eine andere war als in der „Mix-and-Match“-Sammlungspräsentation, wo sein „Ascension“ (1926) neben Zieglers „Vier Elementen“ stehen muss. In der Dauerausstellung ist „1943 KZ Lublin-Maidanek“ zu lesen, in der Sonderausstellung die Angabe „1943 auf dem Weg in das Vernichtungslager Sobibor“. Letztere kenne ich auch aus dem Katalog „Kunst und Leben 1918 bis 1955“ aus dem Lenbachhaus, der 2022 erschienen ist. Ich nehme an, das ist der derzeitige Stand der Forschung. Im Text steht, dass er im März 1943 „vermutlich“ auf dem Transport verstarb.

(Hier den üblichen Rant zum miesen Forschungsstand von Kunst im NS einfügen.)

Freundlichs „Großer Kopf“ ist heute wahrscheinlich sein bekanntestes Werk; es wurde in bewusst verzerrter Perspektive auf dem Titelblatt der Feme-Ausstellung „Entartete Kunst“ abgebildet. „Großer Kopf“ und „Ascension“ sind im Wikipedia-Beitrag zu Freundlich zu sehen.

Eben postete ich eine Insta-Story, in der ich ein „Quasi-Arbeitsbuch“ erwähnte, das ich zum Morgenkaffee las. Ich sollte vielleicht kurz erläutern, was ein Quasi-Arbeitsbuch ist.

Links: Arbeitsbuch, Kunst im NS, lese ich eher am Schreibtisch, weil ich dauernd irgendwas exzerpiere.
Mitte: Quasi-Arbeitsbuch, alles, was irgendwie mit dem Thema NS zu tun hat, lese ich auch im Bus. Macht vermutlich manchmal einen seltsamen Eindruck.
Rechts: Spaßbuch, hat nie was mit NS zu tun, lese ich überall. Das Buch von Alena Schröder las ich gestern in einem Zug vom Morgenkaffee bis zum Mittagessen durch und empfehle es gern weiter. Die anderen beiden Bücher übrigens auch.

Außerdem ausgelesen und hiermit erneut empfohlen: das Buch über den FC Bayern im Nationalsozialismus (und jetzt alle: QUASI-ARBEITSBUCH!). Von den letzten Seiten habe ich einen kleinen Masto-Thread gemacht, weil mir die Parallelen zum heutigen Verein so lustig vorkamen.

Tagebuch Mittwoch/Donnerstag, 9./10. August – King Kong

Der neue Bayreuther „Parsifal“ ist auf BR noch bis Dezember zu sehen. Ich bin noch nicht weiter als bis zur fünften Minute oder so, weil es mich irre gemacht hat, dass plötzlich nicht mehr die dunkle Bühne zu sehen gewesen ist, sondern der arbeitende Orchestergraben. Das ist doch gerade das Besondere an Bayreuth, dass man das Orchester und die schwitzenden Musiker*innen nicht sieht. Wieso muss ich das im Fernsehen sehen? Ich fuchtele kurz mit dem Krückstock.

Bewegender Besuch im FC St. Pauli-Museum

„Am Freitag (4.8) besuchten drei Familienmitglieder von Max Kulik die ihm gewidmete Sonderausstellung „Fußball. Flucht. Exil.“ im FC St. Pauli-Museum. Seine Nichte Jane Jacobson und ihr Ehemann Leonard (aus Saratoga/Kalifornien) sowie Dorit Eisenberg, Enkelin von Max Kuliks Schwester Ella (aus Haifa/Israel) waren eigens für die Ausstellung nach Hamburg gekommen.“

Auch der NDR und die taz berichteten.

From the Women’s World Cup to Wimbledon, a Victory Everyone Can Share

Über die Bekleidung weiblich gelesener Körper beim Sport.

„Uniforms in women’s sports have effectively evolved in two ways. On one hand, they were simply downsized versions of men’s styles, as in basketball and soccer. (Nike did not start making women-specific World Cup kits until 2019 and did not re-engineer the W.N.B.A. jerseys until 2021); on the other, they were designed to be expressly feminine, like tennis dresses, field hockey skorts and the highly sexualized abbreviated, bathing suit-like bras and bikinis worn by track athletes and beach volleyball players.

Either way, they were essentially tailored for men — either literally, meaning they didn’t fit female bodies correctly, or for the male gaze.“

Gestern besuchte ich die Ausstellung „(K)ein Puppenheim. Alte Rollenspiele und neue Menschenbilder“ und hatte dort eine sehr spannende und auch lustige Zeit, vor allem mit einer alten beweglichen King-Kong-Puppe, die mal auf einem Rummelplatz-Fahrgeschäft saß und, wenn ich das richtig verstanden habe, per Bewegungsmelder aktiviert wird, wenn man sich ihr nähert. Mehr über die Ausstellung erfahrt ihr eventuell in einem kleinen Kunstpodcast, der eventuell nächste Woche aufgenommen wird, eventuell.

Tagebuch Dienstag, 8. August 2023 – Zitrusfrüchte

Ein Stillleben gemalt. Natürlich fängt das Team Stillleben am Obstkorb mit der Motivsuche an. Das war schön.

Im Obstkorb lagen gerade neben den üblichen Zitronen noch eine Orange und eine Grapefruit, weil:

Ein Zitrushefebrot gebacken. Ich glaube, ich habe noch nie die Schale einer Grapefruit abgerieben, das war eindeutig anstrengender als die Schalen von Zitronen und Orangen. Trotz Microplane, meinem liebsten Haushaltsgerät. Und unhandlich sind diese Riesenkugeln!

Netter Nebeneffekt: Heute gab’s Grapefruitsaft zum Frühstück.

Texte korrigiert, über neue Texte nachgedacht, was ich halt so mache.

Sehr über den Post der Albertina zum Weltkatzentag gelacht. Den hatten natürlich alle in ihren Social-Media-Kalendern, weswegen man gestern auf Insta schön vergleichen konnte.

Über Umwege auf einen eigenen alten Blogpost gestoßen. Das tat gut, den nochmal zu lesen. Ende 2019 war die Diss noch nicht abgegeben, lag aber in den – für mich noch nicht sichtbaren – letzten Zügen (Abgabe Juni 2020). Papa war seit einem halben Jahr als Pflegefall zuhause, hat mich aber noch erkannt und konnte verstehen, was man von ihm wollte. Twitter war vermutlich schon eine brennende Müllhalde, aber noch auszuhalten.

Für miese Tage lege ich mir mal ein Lesezeichen an.

Ich zitiere im Blogeintrag einen Artikel aus dem „Standard“, den man sich auch mal ausdrucken könnte.

„”Wird es mir am Totenbett Sorgen machen?”, frage ich mich seither, um herauszufinden, wie es um die Größenordnung eines Problems tatsächlich bestellt ist. Da bleibt erstaunlich wenig übrig. “Wir werden alle sterben” nicht als Tragödie, sondern als Befreiungsschlag.“

Tagebuch Montag, 7. August 2023 – Kadmiumrot

Das Internet war am Sonntag so freundlich, mich auf einige Verkaufsstellen von Künstler*innenbedarf in München hinzuweisen. Ich begab mich daher vertrauensvoll zum Schachinger, wo mir eine hilfsbereite Angestellte zwei Blöcke mit Aquarellpapier, ein kleines Pinselset und einen kleinen Farbkasten verkaufte. Ich hatte mich als totale Anfängerin geoutet und fand es sehr nett, dass mir nicht das allerteuerste Zeug empfohlen wurde, aber trotzdem eine, wie ich behaupte, gute Qualität.

Zuhause zog ich meinen Pappkarton mit leeren Marmeladengläsern unter der Anrichte hervor und befüllte zwei von ihnen mit Wasser. Es lohnt sich nämlich doch, die Dinger aufzuheben, ha! Okay, vielleicht brauche ich keine 50, schon gut.

Vor dem Einkauf hatte ich die YouTube-Universität leergeguckt, was man wohl so zum Malen brauchen könnte und wie das so geht. Ein Video versuchte ich dann nachzubasteln, und von dem ausgehend beschäftigte ich mich dann noch ein, zwei weitere Blätter mit dem Medium Aquarell: was passiert, wenn ich Farbe in Wasser laufen lasse, was, wenn umgekehrt, wie geht nass in nass (uah, null Kontrolle über irgendwas) und wie nass auf trocken (besser), und sollte ich gleich heute nochmal ins Geschäft gehen für einen weniger gelblichen Rotton? Oder versuche ich mich mutig am Mischen?

Das war sehr schön, den Kopf im Prinzip auszumachen und einfach meine Hände Dinge tun zu lassen, aber natürlich denke ich momentan noch viel über die Effekte nach, die ich unabsichtlich produziere. Heute werde ich vermutlich das blaue Farbnäpfchen öffnen, wo-hoo!

Ansonsten: gelesen, Serien geguckt, scharfen Tofu genossen. Urlaub halt.

Tagebuch Sonntag, 6. August 2023 – Sofatag

Schon vor 6 wach gewesen. Auch gut, kann ich schon im Bett lesen. Das Bild auf der Kommode ist die Bedienungsanleitung der Schreibmaschine meiner Mutter aus den 1960er Jahren.

Vom morgendlichen Spaziergang eine Zimtschnecke mitgebracht. Guter Tagesbeginn. Danach mit frischem Kaffee auf dem Sofa versackt und weiter gelesen.

Ausgelesen: Michiko Aoyama (Sabine Mangold, Übers.), „Frau Komachi empfiehlt ein Buch“. Keine Weltliteratur, aber ein kleines, freundliches Ding, das mich ein paar Tage liebevoll begleitet hat. Mochte ich.

Weitergelesen: das NS-Buch zum FC Bayern, aus dem ich dauernd zitiere, weil es halt so zitierwürdig ist. Seit dem letzten Zitat habe ich Details zu Vereinswechseln während des Kriegs gelernt. Auch etwas, worüber ich noch nie nachgedacht habe.

Im Kapitel „Der FC Bayern im Zweiten Weltkrieg (1939–1945)“ las ich zum Beispiel, dass – natürlich – viele Spieler zur Wehrmacht verpflichtet wurden. Davon ausgenommen waren Spieler, die in sogenannten kriegswichtigen Betrieben arbeiteten. Für die Münchner Vereine wirkte sich positiv aus, dass Firmen wie BMW, Krauss-Maffei oder Dornier hier Standorte unterhielten, so dass viele Vereinsspieler immerhin „heimatnah“ untergebracht werden konnten und sie so noch am Ligabetrieb teilnehmen konnten, wenn auch nur außerhalb ihrer Arbeitszeit oder im Urlaub. (Die Liga hatte damals noch Amateurstatus, wenn ich mich richtig erinnere.) Für die wenigen noch ausgetragenen Länderspiele wurde manchmal Urlaub von der Front erwirkt, aber das scheint eher eine Ausnahme gewesen zu sein. Spätestens ab Winter 1942/43 bzw. der Niederlage bei Stalingrad wurden den jungen Sportlern an der Front keine Vergünstigungen mehr gewährt.

Was ich nicht auf dem Schirm hatte: wer damals … ich wollte gerade Bundestrainer schreiben … Reichstrainer war: Sepp Herberger. Noch nie darüber nachgedacht, aber natürlich kam der Weltmeistertrainer von 1954 nicht aus dem Nichts, sondern hatte diesen Job auch schon in einem anderen Regime. Stunde Null, my fucking ass, wie ich so ziemlich aus jeder Quelle lerne, aber ich vergesse es dann anscheinend auch gerne wieder.

Dass der FC Bayern, wie auch andere Vereine, überhaupt noch Spielstärke hatte, lag auch an den Gastspielern. Während des Kriegs waren Spielerwechsel verboten, aber es war erlaubt, als Gastspieler in einem Verein anzutreten, der in der Nähe des eigenen Standorts lag. Wie oben schon angedeutet, kam es München zugute, dass hier viele Rüstungsbetriebe ansässig waren bzw. München eine Garnisonsstadt war.

Außerdem gelernt (bzw. wieder daran erinnert worden), dass die Stadt München Zwangsarbeiter beschäftigte, im Juli 1941 waren es 286, meist französische Kriegsgefangene. Sie wurden auch dafür eingesetzt, im Winter im Dante- sowie im Grünwalder Stadion den Spielbetrieb aufrecht zu erhalten, also zum Beispiel Aufgänge zu enteisen. Bei Hertha BSC mit „Bram“ Appel und dem 1. FC Nürnberg mit Rudolf Koros spielten Kriegsgefangene zeitweilig in der ersten Mannschaft.

Gestern vor dem Einschlafen noch gelesen: Für eine der liebsten Landauer-Anekdoten – der jüdische Ex-Präsident wird von seinen Bayern-Spielern bei einem Gastspiel in Zürich 1943 auf der Tribüne begrüßt – gibt es keine gesicherte Quelle. Im Wikipedia-Eintrag steht zudem noch 1940. Ich gehe mal etwas korrigieren. (Erledigt.)

(Alle Inhalte auf den S. 269–290.)

Tagebuch Samstag, 5. August 2023 – Block und Stift

Seitdem ich 500 Seiten über Turner las, wollte ich mit geschnürtem Ränzl, einer guten Brotzeit und Aquarellfarben in einen englischen Wald gehen, um Bäume zu malen. Da das aber gerade aus logistischen Gründen schwierig ist, habe ich the next best thing getan: meinen Blumentopf aus dem Badezimmer zum Schreibtisch getragen, ihn auf ein paar Bücher gestellt (die lagen da noch wegen des Zoom-Meetings am Freitag, praktisch), den Billozeichenblock, den ich mir für weißichnichtmehr mal gekauft hatte, aus dem Rollboy gezogen – und dann ewig die Blume angestarrt. Ich hatte keine Buntstifte mehr; ich dachte, ich hätte welche, aber ich ahne, dass die im Rollboy in Hamburg lagen, der jetzt beim Kerl wohnt. Also hatte ich nur ein paar Bleistifte, aber die taten es auch, um nach Jahren einfach mal wieder zu zeichnen.

Als Jugendliche hatte ich mehrere Kurse in der Volkshochschule besucht, in denen ich Porträtzeichnen übte; danach hatte ich nur noch für den Hausgebrauch gedoodelt. Papa brachte bergeweise Schmierpapier aus der Firma mit, für das ich immer dankbar war. Er wurde Ende der 90er Jahre pensioniert, und es ist immer noch nicht aufgebraucht.

Aber irgendwie verlor ich die Lust aufs Zeichnen, spätestens nach den gescheiterten Aufnahmeprüfungen für Designstudiengänge. Ich war auch nie wirklich richtig gut darin, meine Figuren sahen immer gleich aus, und Blumentöpfe hatte ich noch nie gemalt. Ich bekam auch durch das Kunstgeschichtsstudium überhaupt keine Lust, erneut wieder zu Stift oder Farbe zu greifen, eher das Gegenteil: Meist denke ich bei Kunstwerken, dass ich so was nie hinkriegen würde. (Außer bei Meese.)

Als ich Katia durch die Charlotte-Salomon-Ausstellung begleitete, schwärmte sie vom Malen mit Aquarellfarben und dass ich das einfach mal ausprobieren sollte. Das blieb mir irgendwie im Hinterkopf, aber es hat bis zur Turner-Biografie gedauert, um den Gedanken aus dem Kopf und in die Finger zu bekommen.

Die Zeichnung zeige ich um Gottes willen nicht her, ich bin nicht über Nacht (oder drei Dekaden) begabt geworden. Aber das war sehr schön, sich auf einen Gegenstand zu konzentrieren und ihn irgendwie wiederzugeben. Auch mit irgendwelchen Werbebleistiften auf kratzigem Papier.

Mein Kopf denkt jetzt über die Schmincke-Website nach. Ich lasse ihn noch ein bisschen denken. Hey, total ohne Zusammenhang: Hat jemand Tipps für Einsteiger-Papier und -Pinsel zum Aquarellieren?
(Hat sich erledigt, danke, Internet!)

Tagebuch Freitag, 4. August 2023 – Zooming

Ein sehr motivierendes Gespräch per Zoom gehabt, aus dem hoffentlich mehr wird. In natürlich total unrelated news: Ich wühle mich gerade durch Forschungsanträge der DFG.

Das war der letzte Termin der ersten Urlaubswoche, weswegen sich auch gestern erstmals ein Urlaubsgefühl einstellte. Ich nutzte das total aus und vergammelte auf dem Sofa zwischen alten Serienfolgen, neuen Büchern und Schokolade.

Ich rewatche gerade „The Good Fight“, nachdem ich in den vergangenen Monaten „The Good Wife“ erneut angesehen habe. „Fight“ ist immer noch toll, aber was mir damals bei der ursprünglichen Ausstrahlung so gut getan hat – der offensive Kampf gegen Trump und alle damit verbundenen Dämlichkeiten –, geht mir heute auf den Zeiger, weil der Scheiß halt immer noch nicht vorbei ist. Ich muss mich wohl wieder in schnuffige Sitcoms ohne jeden Realitätsbezug flüchten.

(Aus der Folge S02E07, „Day 450“ von 2018.)

Aus der Reihe „Dinge, die AUCH NOCH NICHT vorbei sind“: Das NS-Dokuzentrum in München hat gestern ein neues Storytelling (eigene Formulierung auf Insta) veröffentlich: „Wichtiger als unser Leben“. Das Untergrundarchiv des Warschauer Ghettos.

Mehr zum Ringelblum-Archiv bei der BPB, bei Yad Vashem oder der Wikipedia. Kann man ja nicht oft genug verlinken.

Auch darüber haben wir gestern kurz im Zoom gesprochen: wie man trotz aller Betroffenheit die Distanz zur eigenen Forschung behält und gleichzeitig, wie man sich diese wichtige Betroffenheit erhält, ohne komplett irre zu werden. Meine Gesprächspartnerin erwähnte eine Studie, die ich gerade nicht finde, aber ich habe mir das hier ergoogelt: „‘We too find it difficult’: A consideration of site-based Holocaust education as emotional labour“. Hier geht es um Lehrende, die in KZ-Gedenkstätten arbeiten, was aus meiner Laiensicht noch eine Ecke anstrengender ist als sich wie ich durch die ganze NS-Literatur bzw. dementsprechende Archivstücke zu wühlen. Und das ist schon anstrengend genug.

Urlaubsfeelings damit schön selbst ruiniert. Schon ist der Kopf wieder beim Arbeitsthema.

Tagebuch Donnerstag, 3. August 2023 – #KORGER

Die DFB-Frauen sind erstmals bei einer WM in der Vorrunde ausgeschieden. Annika Becker schreibt in ihrem kurzen Thread, warum Häme unangebracht ist und vor allem Sätze wie „Jetzt ist der Hype endlich vorbei“. Was für ein Hype? Frauen spielen immer noch vor deutlich weniger Zuschauer*innen als die Herren und leiden bis heute unter einer weniger gut ausgebauten Ligastruktur und Förderung. Becker:

„There are tough discussions to be had for sure – not about selfies, but Germany’s youth system falling behind now for years and only producing certain types of players, about the women’s league system, about creativity and coaching quality in the women’s game, just to name a few. […]

In Germany, it’s a big jump between Wolfsburg, Bayern and the rest of the league when it comes to international experience and the level at their clubs. If some of those players aren’t available, what do you do?
So I think that should show (if very roughly not to make this too long on here) where the problems really are and that things are more complex than blaming pictures of a knitted koala.“

Ich gebe zu, den selbstgehäkelten Koala Waru von Klara Bühl werde ich vermissen.

Mehr zur WM wie immer beim Rasenfunk, gestern ausnahmsweise aus Wacken. Schlamm und Lärm sind gerade noch in der Insta-Story von Max zu bewundern.

Wie ich gestern nach dem Spiel schrieb: „Einerseits habe ich mich total darüber gefreut, dass ich wieder Spaß an Fußball habe, den ich über die offizielle Pandemiezeit verloren hatte. Andererseits hatte ich vergessen, wie sinnlos weh Fußball tun kann. #korger #fifawwc“

In „quoted – Der Medienpodcast“ diskutiert Nadia Zaboura mit Nils Minkmar darüber, wie Journalismus sich gegenüber anti-demokratischem Populismus und illiberalen Parteien behaupten kann. Als Gast: Pia Lamberty, Geschäftsführerin von @cemas_io.

In den Shownotes verbergen sich spannende Dinge wie zum Beispiel die frei zugängliche Studie „Radikalisiert und etabliert. Die AfD vor dem Superwahljahr 2024“ der Otto-Brenner-Stiftung.

Schöner Beitrag des MoMA über Fotografie und Identität.

Tagebuch Mittwoch, 2. August 2023 – Die Unbeugsamen

Ben war beim Vortrag von Ronen Steinke über Fritz Bauer im NS-Dokuzentrum, den ich leider verpasst habe: „Anschauliche Geschichtsvermittlung“. Er schreibt:

„Es war ein hervorragender Vortrag! Inhaltlich schlüssig, rhetorisch vollendet. Wissen und das in wichtige Arbeit zu investieren, sind das eine, das vermitteln zu können […], das andere.
Wenn Sie die Gelegenheit haben, einem Vortrag oder einer Lesung Ronen Steinkes zu Fritz Bauer, Klassenjustiz oder Verfassungsschutz beizuwohnen, nutzen Sie sie! Sie müssen nicht Jura oder Geschichte studiert haben, weil Steinke sehr anschaulich und den Zuhörenden zugewandt sein Wissen vermittelt. Geschichtsvermittlung, wie man sie sich nur wünschen kann.“

Der Vortrag ist inzwischen online.

Ach, und folgen Sie doch bitte dem Fritz-Bauer-Institut auf Mastodon.

In der ZDF-Mediathek ist eine Doku über die ersten weiblichen Bundestagsabgeordneten zu sehen, die seit Tagen durch meine Timeline gereicht wird. Ich wollte sie zunächst gar nicht ansehen, weil ich so dermaßen überhaupt keine Lust auf Alte-Männer-Zitate hatte, die liebevoll lächelnde, vorsichtig formulierende Damen mit akkurater Frisur und Kleidung dann irgendwie widerlegen müssen, denn ihnen bleibt halt nichts anderes übrig. Diese Zitate waren netterweise nur in kleinen Dosen vorhanden, aber die wenigen Sprüche reichten dann auch wieder, um die Hälfte der Menschheit erneut kurzfristig richtig scheiße zu finden. Aber für die Frauen und die Themen, mit denen sie sich beschäftigten, ist „Die Unbeugsamen“ (2020) sehr sehenswert.

(via alle)

Konrad Klapheck ist gestorben. Hier ein Vierminüter von West ART. Das Städel hat immerhin zwei Werke online, die Hamburger Kunsthalle ebenfalls. Bei der Pinakothek der Moderne darf mal wieder gar nichts gezeigt werden. Hurra, Bildrechte! (Hass.)

Tagebuch Dienstag, 1. August 2023 – Kurt Katch

Schreibtischtag.

Wenn ihr einen Stadtbibliotheksausweis habt, könnte ihr bei Filmfriend umsonst gucken. Zum Beispiel „Ex Libris“, einen Film über die NY Public Library, den ich sehr mochte.

Via @wortfeld. Ich wollte sofort mitschauen, als mir auffiel, dass ich erstmal meinen Ausweis verlängern muss. Ähem.

Narzissmus und Selbstzerstörung – die zwei Seiten von Populismus, Radikalisierung, Trumpismus und Fakenews

Dieser Satz aus dem leider noch aktuellen Artikel von 2017 macht mir erneut Angst: „Wir haben als Demokratie keine Antwort auf Wähler, denen die Fakten egal sind.“

Via die Autorin @meta_blum.

Durch das sehr empfehlenswerte Buch „Mitspieler der ‚Volksgemeinschaft.‘ Der FC Bayern und der Nationalsozialismus“ habe ich den Schauspieler Kurt Katch kennengelernt. Er war Mitte der 1920er Jahre in München und berichtete in seinen Memoiren über die Betriebsmannschaft der Münchner Kammerspiele, von der ich noch nie gehört hatte. Wie von so vielen Details der Stadtgeschichte in diesem Buch.

Ich zitiere:

„Etliche jüdische Sportbegeisterte trieben Breitensport beim FC Bayern, etwa in einer Betriebsmannschaft. Eine solche unterhielten auch Unternehmen, die später von den Nationalsozialisten als jüdische Geschäfte bedrängt und beraubt wurden, so die Kaufhäuser Uhlfelder oder Hermann Tietz, dessen Mannschaft dem Verein auch über die ersten Schritte der „Arisierung“ hinaus angehörte. Die schillerndste dieser Betriebsmannschaften war die der Kammerspiele – auch wenn sich ähnliche Teams bei anderen Vereinen fanden, etwas die Staatstheater-Elf des TSV 1860 oder die Mannschaft des Württembergischen Landestheaters beim VfB Stuttgart. Die Kammerspiele, die in dieser Form seit 1912 in Schwabing bestanden und 1926 in die Maximilianstraße umzogen, genossen einen „beinahe legendären Ruf, der weit über die Grenzen Münchens hinausreichte“ und bewahrten trotz Konzessionen an den Publikumsgeschmack ihre „literarisch und schauspielerisch progressive Linie“. Sie gerieten daher schon während der Republik ins Visier rechter Agitation und mussten Aufführungsverbote hinnehmen. An den Kammerspielen wirkten unter anderem die Juden Julius Gellner, Josef Glücksmann und Kurt Horwitz – alles auch Mitglieder der Betriebsmannschaft. Am 8. März 1933 griff der „Völkische Beobachter“ Regisseur Gellner wegen seines „programmäßig betriebenen Kulturbolschewismus“ an. Gellner floh noch im selben Monat – nachdem man ihn während eines Fußballspiels vor der drohenden Verhaftung gewarnt hatte.

Das wohl eindrücklichste Zeugnis der Kammerspiele-Kicker verdanken wird den Memoiren des Schauspielers Kurt Katch, der Mitte der 1920er Jahre in München tätig war. Er wuchs in ärmlichen Verhältnissen im russischen Grodno auf. Zwar war seine Mutter eine fromme Frau, doch waren es Pogrome, die ihn lehrten, „was es heisst, ein Jude zu sein“. Noch als Kind zog er mit der Familie ins habsburgische Lemberg. Dort fand Katch als Gymnasiast zum Fußball und war an der Gründung eines dezidiert jüdischen Klubs namens Hasmonäa beteiligt. Er war ein begabter Schüler, dessen Interesse sich aber vor allem auf den Fußball richtete. Zunächst verdingte er sich als Profispieler in Czernowitz und Budapest, dann als Weinhändler. Sein abenteuerlicher Weg führte ihn nach dem Ersten Weltkrieg zu Max Reinhardt nach Berlin, wo er seine Schauspielausbildung genoss. Katch wurde ein geachteter Schauspieler und blieb ein leidenschaftlicher Fußballer.

Gerade deshalb begeisterten ihn die Kammerspiele: „Eine Brutanstalt für originelle Begabungen, mochten es Schauspieler oder Dichter sein. Zudem ein ästhetischer Debattier- und Fußballklub. Eine phantastische Angelegenheit.“ Den FC Bayern als Träger der Betriebsmannschaft erwähnte Katch nicht, wohl aber schilderte er deren Fußballbegeisterung:

„Nach den Proben zogen die männlichen Mitglieder des Ensembles zusammen mit Mitgliedern des technischen Personals […] auf den Fußballplatz. […] Kurz vor der Première von ‚Troilus und Cressida‘ kam es zu einem besonders heftigen Fußball-Turnier. […] Zur Prèmiere erschienen die trojanischen Helden, als kämen sie in der Tat gerade aus dem männermordenden Kampfe um Ilion. Troilus-Donath hatte eine Verletzung am rechten Schienbein. […] Ich hatte mir bei der Torwacht den kleinen Finger gebrochen und trug den Arm in der Binde.“

Einer unglücklichen Liebesbeziehung wegen verließ Katch die Kammerspiele und nahm ein Engagement in Zürich an; 1926 verzeichnete ihn der FC Bayern als „ins Ausland abgemeldet“. Die Machtübernahme erlebte der mittlerweile populäre Schauspieler in Frankfurt, wo er gerne das Stadion besuchte. Katch war ein säkulärer Jude, „ich liebte Deutschland […], in dem ich den Schmutz und das Elend meiner Kindertage von mir abgewaschen habe“. Umso einschneidender empfand er den Moment, in dem er im Rundfunk vom Aprilboykott erfuhr:

„In diesem Augenblick kam mein Judentum, das mir schon fast in Vergessenheit geraten war, mit tausendfältiger Kraft erneut zum Durchbruch. […] Vor meinen Augen tauchte es wieder auf, das Haus in Grodno, mit den Juden in Kaftan und Peies. […] Ich sah die geschlagenen Juden nach den Tagen der russischen Revolution.“

Gregor Hofmann: „Mitspieler der ‚Volksgemeinschaft.‘ Der FC Bayern und der Nationalsozialismus“, Göttingen 2022, S. 191/192.