Tagebuch KW 12 – E-Mail-Signatur geändert

Am Montag spazierte ich ein vermutlich letztes Mal ins Prüfungsamt und holte mir meine Promotionsurkunde ab. Hier im Bild mit dem BA- und dem MA-Zeugnis. Der etwas schickere blaue Ordner ist für den Doktortitel.


Im Anschluss änderte ich meine E-Mail-Signatur bzw. trug den Titel vor meinem Namen ein. Komischerweise hat sich das wichtiger und bedeutungsvoller angefühlt als ein Stück Papier aus der Uni zu tragen.

Auf Twitter stellte eine Historikerin eine gute Frage, ich zitiere den Tweet:

„Liebe #twitterstorians, kennt ihr Tipps zum Umgang mit psychisch belastenden Quellen? Wie grenzt ihr euch ab? Wir arbeiten im SoSe mit Gewaltdarstellungen. Möchte die Studis damit nicht allein lassen und würde gern auch eine Einheit “Selbstfürsorge für Historiker*innen” anbieten.“

In den Replys waren einige schlaue Dinge, von denen ich mir ein paar merken bzw. andere anwenden werde. Ich kam mir meist wie eine totale Memme vor, wenn mich NS-Quellen zum Weinen gebracht haben. Ich erinnere mich besonders an einen Tag im Bundesarchiv, eh eine gute Quelle fürs Heulen, als ich in den Unterlagen, die ich als Mikrofiche einsah, plötzlich lauter Schreiben hatte, die sich mit der Aktion „Entartete Kunst“ befassten. Die hatte ich gar nicht gesucht, aber weil das Speicherformat Mikrofiche halt mehr Platz bietet als die Originalquelle, waren die Dokumente schlicht an meine Bestellung angedockt. Ich zitiere meinen eigenen Blogeintrag:

„Und dann stolperte ich noch über die ersten Entwürfe zur staatlich legitimierten „Einziehung von Erzeugnissen entarteter Kunst“, also dem Raubzug durch deutsche Museen der heute so genannten Klassischen Moderne. Darauf war ich überhaupt nicht vorbereitet gewesen; ich hatte mich doch gerade nur durch Briefwechsel von einzelnen Künstlern oder Künstlergruppen gewühlt, die irgendwelche Nachlässe, Werke oder Kompositionen dem „verehrten Führer und Reichskanzler“ überlassen wollten, woraufhin die Kanzlei meist sehr höflich formulierte, dass Herr Hitler gerade echt was Besseres zu tun hätte. Allerdings nicht immer: Gerade die Münchner Künstler konnten sehr häufig auf persönliche Unterstützung oder finanzielle Hilfen hoffen. Auch deswegen wollte ich in diesen Beständen rumwühlen; die Sekundärliteratur war da gerne etwas blumig-vage geblieben, aber jetzt konnte ich einzelne Schreiben zitieren und Vorgänge nachvollziehen. Und so war ich im Kopf bei Bettelbriefen und Huldsbezeugungen und dann kamen auf dem Monitor plötzlich die ersten Unterlagen darüber, wie man am besten deutsche Kunst einzieht, aber die Ausländer nicht verprellt, die diesen Kram ja so mögen. Es fiel auch der Begriff „nicht unbeachtliche Vermögensobjekte“; den Deppen war durchaus klar, was sie da an den Wänden hatten, sie wollten es bloß nicht anschauen oder sich damit auseinandersetzen, dass es mehr als ihre beschissen eng gefasste Weltsicht gibt, sondern lieber banalste Genreszenen aus dem 19. Jahrhundert wieder aufleben lassen, weil’s da ja so schön war.

Zuerst war ich pissig und dann sehr nah am Wasser, was mich selbst überraschte. Ich weiß ja so gaaanz langsam, mit was ich mich da seit Jahren befasse, aber manchmal überwältigt es mich dann doch noch. Diese Engstirnigkeit, dieser Hass, dieser Wille zur Macht auf der einen und zur Vernichtung auf der anderen Seite. Die Sprache, das Bürokratische, die ständig neuen Regeln, die gefühlt willkürlich gemacht wurden, weil sie es konnten. Manchmal ist es zu viel und dann heult man kurz im Bundesarchiv. Weil es eben nicht nur um ein paar bunte Bilder ging. Ich bin nicht hart genug für die Kunstgeschichte.“

Das ist ein anderer Schnack als wenn man sich mit Genozidforschung befasst, schon klar. Aber ich merkte und merke es immer wieder, dass ich dünnhäutiger werde, je tiefer ich in dieses Thema einsteige. Im den letzten beiden Semestern hörte ich einer Vorlesung von Michael Wildt an der Humbold-Uni zu, die tollerweise per Zoom stattfand. Im Sommersemester ging es um die Entwicklung der Vernichtungspolitik im „Dritten Reich“, angefangen mit der Aktion T4 über die Wannseekonferenz nach Auschwitz. Im letzten Semester ging es um populärwissenschaftliche Bücher (oder Werke von Ruth Klüger und Anne Frank), die unser Bild vom Nationalsozialismus prägten. Nach jeder der 90 Minuten war ich fertig, obwohl ich nur zuhörte und nicht selbst durch Akten blätterte. Dieser ganze Hass frisst sich irgendwann in einen hinein, und ich ahne langsam, dass meine Witze über meine Fassungslosigkeit darüber eine völlig angemessene Reaktion der Überforderung und Hilflosigkeit waren. Gut zu wissen, dass ich mit dieser Hilflosigkeit nicht allein bin und dass es in Ordnung ist, nach einer konzentrierten wissenschaftlichen Arbeit, bei der man sich um Distanz und Emotionslosigkeit bemüht, zu weinen, mit Dingen zu werfen oder viel Kuchen backen zu müssen.

(Hat sich seltsam angefühlt, Anne Franks Wikipedia-Artikel zu verlinken, denn eigentlich weiß man ja, wer das ist.)

The Art of Working in Social at a Museum

Dieses Interview mit JiaJia Fei fand ich recht spannend. Danke an @simply_hande für den Link.

„RK: Why do you love working in social within the arts?

JF: I used to joke that following me on Instagram could give you an honorary degree in art history. By design, the art world is built on exclusion and hierarchy. Objects that end up in museums and galleries have cultural (and financial) value because they pass through a vigorous selection process that basically declare other objects do not hold such value. The power that social media provides in the possibility of opening up the art world and bringing art to more people beyond these structures is what’s motivated me to do this work over the last 15 years. […]

RK: I’ve noticed a lot of Link in Bio readers work at museums. What are a few tips you have for social media professionals who work in this field?

JF: The most important thing to know when managing social media for a museum is the museum itself. More important than the latest trends or optimal times to post, it is critical to internalize the mission, collection, and program of your institution first, in order to properly interpret that story (in an engaging way) to a broader public online. For this reason, it’s often a mistake to delegate social media to the most inexperienced person (which often happens) at your organization. Think about it: you are handing over the most publicly visible channels to the person who understands your institution the least. For that reason, anyone working in this role should do the work of getting to know every aspect (and person) at the museum first. […]

We are living in a time of unprecedented access to information and images, and art should be at the forefront, as long as we can make it more accessible to more people. People are often intimidated by art because they think it requires so much prior knowledge and experience to appreciate, but I like to compare it to developing one’s taste for music or movies. The more you see, the more you can decide for yourself what you like (or dislike). Art is a reflection of our world, and the more people (of all backgrounds) participate in the discourse of art, the more it will be truly reflective of the world we actually live in.“

Ich höre gerade Herrn Krömer beim Spazierengehen zu. Gibt’s zum Beispiel auf Spotify.

Choose Enjoyment Over Pleasure

An manchen Tagen leichter gesagt als getan, aber: im Prinzip ja.

„This creates a puzzle for the happiness seeker, who must navigate between the twin perils of puritanism and indulgence, leading to the much-dreaded rule of moderation, which is more or less the philosophy of leaving any party as soon as it gets really good. Fortunately, there is a better way to solve the puzzle: To stay at the party without letting it get out of control, choose enjoyment instead.

Enjoyment and pleasure are terms often used interchangeably, but they are not the same thing. Pleasure happens to you; enjoyment is something that you create through your own effort. Pleasure is the lightheadedness you get from a bit of grain alcohol; enjoyment is the satisfaction of a good wine, properly understood. Pleasure is addictive and animal; enjoyment is elective and human. […]

Enjoyment is better than pleasure because it is more conscious and permanent. […] everyone gets pleasure from eating when they’re hungry, but it takes some knowledge and cultivation to enjoy food. After you finish lunch, the pleasure is gone, and in fact, the idea of eating is no longer appealing because your physical need has been satisfied. Meanwhile, the memory of a meal enjoyed with friends transcends the immediate experience and can bring good feelings long after it is over.“

Ich habe mir ein bisschen Enjoyment selbst gebastelt und gekocht. Zum Beispiel Rote Bete à la Bourguignonne mit Kartoffelbrei (nur echt mit Brocken) oder Confit Byaldi. Und generell erfreut mich meine Biokiste weiterhin, aber das ist ja nichts Neues. (Trotzdem aufschreibenswert.)




Tagebuch KW 11 – Dunkelgrau, Schokotorte und E-Mail vom Prüfungsamt

Mit meiner Bibliothek (aka dem Wohnzimmer) war ich seit Längerem unzufrieden. Die Wände waren hellgrau, die sechs Billys mit Aufsätzen sind aus Buche und haben einen ähnlich orangefarbenen Ton wie der Holzfußboden, den ich sehr mag. Nur nicht in Kombi mit den Regalen und der Wandfarbe. Seit Wochen überlegte ich hin und her, ob es sinnvoller wäre, die Regale zu streichen oder die Wände und entschied mich schließlich für die Wände, weil ich noch nie beschichtete Ikea-Regale gestrichen hatte und bei meinen DIY-Fähigkeiten davon ausgehen kann, dass es ein Desaster werden würde. Und eigentlich möchte ich keine weiteren Regale mehr kaufen, wenn ich die hier versaue; die sechs quellen über, immer wenn ich ein neues Buch kaufe oder geschenkt bekomme, bemühe ich mich, ein, zwei alte rauszuwerfen. Aber ganz auf Papierbücher werde ich nicht verzichten, ich wohne einfach sehr gerne mit und zwischen ihnen.


Ich schob mein weißes Ecksofa in die Zimmermitte, zerrte den grauen Sessel und das halbe weiße Kallax nach nebenan und räumte von den sechs Regalen, die haargenau eine Wand bedecken, das erste und das sechste leer, damit ich mit der Farbe in die Ecken kommen konnte. Elf Bücherkisten wurden voll, mit denen ich in den Flur vollstapelte. Dann schob ich die beiden leeren Regale vor die anderen vier vollen und bedeckte die Seitenfläche an der Wand, an die Grau sollte, halbwegs ordentlich mit Malerplane, weil ich ja weiß, dass es beim Farbeauftragen gerne mal spritzt. Die Plane wurde von einem Buch am Platz gehalten, wie sich das gehört. Am Samstag abend schaffte ich es noch, die Kanten von Decke und Fußleisten abzukleben und weiß vorzustreichen, am Sonntag kam dann dunkelgraue Farbe an die Wand.

Schon am Sonntag abend wurden die Regale wieder eingeräumt. Zunächst schob ich eins der leeren Regale wieder an seinen Platz (Nummer 6), dann räumte ich alles aus Regal Nummer 5 (das links daneben) in die 6, dann alles aus der 4 in die 5 und zerrte dann die nun leere 4 aus der Reihe. Die schob ich nun ans Fußende des Sofas, die bisher ungerührt rumstehende 1 ans Kopfende, und so standen nun vier Regale an der Wand mit einer Lücke zwischen der neuen Nummer 2 und Nummer 3, in die ich den Sessel schieben wollte. Das tat ich auch, aber das ging mir alles Sonntag schon auf die Nerven. Montag früh räumte ich erneut das Regal am Sofakopfende aus, schob es in die Lücke, schloss damit die Bücherwand wieder, räumte es erneut ein (seufz) und sortierte dabei ungefähr 15 Bücher aus.

Am Kopfende steht jetzt das kleine Kallax statt des großen Billy, ich habe wieder eine Wand – zwar nur aus fünf Regalen, aber immerhin –, am Donnerstag kam noch ein cremeweißer Teppich, neben dem Sessel auf dem Fußboden steht gerade eine Vase mit weißen Tulpen, für die ich noch einen winzigen Tisch erwerben werde, aber jetzt mag ich das Zimmer wieder sehr. Die Buchenregale knacken jetzt so richtig schön im Kontrast, auch weil das Grau, Verzeihung, die Kunst der Linie bei Tageslicht sehr blaustichig ist.

Über dem Fenster wurde die Wand weiß, weil die Wand hinter den sechs Regalen auch weiß geblieben war, die hatte ich nie gestrichen, und auch jetzt wollte ich sie nicht streichen. Neben dem Fenster ist noch ein weiterer schmaler Streifen Wand, den hatte ich, genau wie die Fläche über dem Fenster, beim Einzug hellgrau gestrichen, aber das sah beknackt aus, sobald ich das erste Regal vom Fenster wegzog. Und da nun kein Regal mehr steht, strich ich diese beiden Flächen halt weiß wie die Wand. In der Lücke des ersten Regals am Fenster steht nun eine Lampe, die dort mehr reflektiert als bisher vor dem matschigen Grau, und jetzt ist der Raum wirklich hübsch und ich freue mich jedesmal über ihn, wenn ich auf dem Sofa liege.

Die Küche hatte ich schon davor umgeräumt und endlich mal sinnvoll angeordnet. Ich weiß nicht, warum das dreieinhalb Jahre gedauert hat, bis ich die geniale Idee hatte, einfach alles links und rechts an die Wand zu stellen, aber so steht es jetzt und auch darüber freue ich mich momentan jedesmal, wenn ich morgens reinkomme, um Kaffee zu machen oder tagsüber fürs Mittagsmüsli oder die abendliche Gemüseschlacht.

Links sind endlich die Arbeitsflächen fast frei. Das einzige, was noch auf ihnen steht, ist ganz links, nicht im Bild, ein kleines Tablett mit zweimal Essig (die Flaschen sind zu hoch für das Schrankfach, in dem alle anderen Essige und Öle stehen) sowie Salz- und Pfeffermühle und das Salztöpfchen, in das ich mit den Fingern greife. Daneben noch ein Gefäß mit den üblichen Utensilien wie Pfannenwender, Schaumlöffel etc. Ganz rechts stehen Wasserkocher (brauche ich jeden Tag), Messerblock und Bretter (dito) und ein Besteckkasten. Ich erwähnte bereits, dass meine einzige Besteckschublade ganz links unter der Arbeitsfläche ist, ich aber immer ganz rechts stehe beim Vorbereiten, weil da halt Platz ist (und gutes Fotolicht). Da ich aber gerne, gerade beim Backen, 10 Teelöffel griffbereit habe, steht die Hälfte des Bestecks halt da. Vorher hatte ich drei Gläser, jetzt ist es nur noch ein Kasten, und schon ist alles ordentlicher. Und wo bisher am Waschbecken eine Flasche mit Spülmittel, ein Seifenspender und eine Box für Schwämme und Bürsten standen, steht letztere jetzt unter der Spüle im Schrank, und Spülmittel und Seife habe ich in zwei Spender umgefüllt. Zweck = Hübschizität.

Rechts neben dem Kühlschrank steht mein komisches Ikea-Buffet, in dem fast alle meine Töpfe und Pfannen sind sowie die ganzen Dinge wie Teigschaber, Korkenzieher, große Kellen, Pürierstab, Saftpresse, Reibe, Gemüsehobel, der ganze Kram halt, der nicht in die normale Besteckschublade passt. Auf den Regalen stehen in Boxen Nudeln, Kaffee, Tee und Servietten. Glaube ich jedenfalls, die habe ich neulich gesucht und mir fiel nicht ein, wohin ich sie geräumt habe. Auf dem Brett darunter sind meine Lieblingsteller sowie alles an Hülsenfrüchten, Reis, Chilis etc. in Gläsern.

Die hellgraue Wandfarbe ist übrigens genau die, die ich in der Bibliothek überstrichen habe. Hier bei Licht aus Süden sieht sie elegant und unaufdringlich aus, gegenüber bei Nordlicht einfach nur matschig und doof.

Das Bild an der Wand im schwarzen Rahmen ist auch neu. Ich wollte ja eigentlich nur noch echte Kunst kaufen und keine Drucke mehr, aber „Nach dem Ball“ mag ich so gerne. Eine Frau mit Buch auf dem Sofa ist genau meins.

Im Kallax steht in Körben das ganze Geschirr, das sonst nirgends hinpasst und das ich kaum verwende: Omas Goldrand, die ganzen Sammeltassen, etc. Was ich dauernd nutze, steht offen im Regal. Außerdem im Kallax und nebenan auf der Heizung: die ganzen Gewürze, die mich bisher auch wahnsinnig gemacht habe, weil sie immer fürchterlich aussehen, außer man füllt alle in Dosen oder Gläschen, wozu ich keine Lust habe. Jetzt sind sie halbwegs thematisch in leere Mövenpick-Plastikdosen geordnet, die wiederum in den grauen Körben stehen: Ich habe eine Packung „Italien“ (Oregano, Thymian, Fenchel etc.), eine „Scharf“ (Chili, Knoblauch, Zwiebeln, Cayennepfeffer etc.) und eine „Ottolenghi“ (Kurkuma, Kreuzkümmel, Koriander etc.). Alles andere ist ungeordnet, aber das kann ich jetzt überblicken. Im offenen schwarzen Korb stehen die ganzen asiatischen Saucen, die philippinischen Silver-Swan-Produkte vorne, weil ich die Labels gerne mag.

Ich hatte über ein weiteres Regal über der Heizung nachgedacht, wollte aber nicht noch mehr einkaufen, und da ich die Heizung eh nie andrehe, kann auf ihr auch Zeug stehen.

Themenwechsel. Am Mittwoch stellte ich meinen ersten Wikipedia-Artikel online, am Freitag meinen zweiten. Einer liegt hier noch auf Halde, und zusätzlich ergänzte und korrigierte ich mehrere weitere Artikel zu Künstlern der NS-Zeit. Das ist ein noch ungewohntes Arbeiten, aber gerade bei diesen Künstlern (ich gendere hier bewusst nicht) ist der Wissensstand so unterirdisch, dass ich einfach alles anlege, was mir in den letzten Jahren untergekommen ist.

Da diese Artikel meist nur von sehr wenigen Menschen aufgerufen werden, weil es nur sehr wenige Menschen gibt, die sich für diese Ecke der Kunstgeschichte interessieren, hoffe ich, dass mir Edit Wars erspart bleiben.

Ich buk diese Woche eine kleine Geburtstagstorte, in deren Inneren sich Zuckerstreusel befanden. Der Kuchen war beim Backen so fies in der Mitte eingesunken, dass ich ihn einfach teilte, die eine Hälfte (ohne Loch) als Deckplatte nahm, einen dritten Boden als, genau, Boden, und das löcherige Ding kam in die Mitte. Alles wurde mit Schokoganache verbunden, die auch noch um den Kuchen herum aufgetragen wurde. Dabei merkte ich, dass ich mittig ruhig hätte großzügiger sein können, aber mei. Ich wünschte mir beim Kerzenauspusten in Corona- und Kriegszeiten naheliegende Dinge und bekam ein schönes Buch geschenkt.


Ich verbrachte den Geburtstag bis auf abends alleine und wanderte eigentlich nur schokokuchensatt durch meine Wohnung und erfreute mich an Bibliothek und Küche.

Einen Tag später meldete sich das Prüfungsamt der Uni per Mail: „Sehr geehrte Frau Dr. Gröner, ich freue mich, Ihnen mitteilen zu können, dass Ihre Doktorurkunde fertiggestellt wurde und Sie jetzt berechtigt sind, den akademischen Grad Dr. phil. zu führen.“

Das hätten sie jetzt echt ein bisschen besser timen können! Ich hole die Urkunde am Montag ab, aber ihr dürft schon jetzt ENDLICH OFFIZIELL Doktor Anke zu mir sagen. Puh.

Ein Werbejob wurde anscheinend so nett von mir erledigt, dass ich eine sehr begeisterte Mail bekam. Das hat mich gefreut.

Freitag führte mich F. ins Sparkling Bistro aus, in dem wir bereits einmal waren und von wo F. vor einem Jahr mein Geburtstagsmenü außer Haus geholt hatte. Das war erneut herrlich und ich fühlte mich sehr umsorgt. Nichts fotografiert, nichts notiert, nur genossen.

Ein Gang bestand unter anderem aus Foie gras, Brioche und schwarzen Trüffeln. Ich war etwas skeptisch, weil ich Trüffel nicht mag, woraufhin F. meinte, vielleicht hätte ich nur noch keine guten gegessen. Ich probierte – und war schockverliebt in den Teller (wie in so ziemlich alle anderen auch). Ich mag anscheinend Trüffel.

Und heute morgen musste ich mir ernsthaft einen Wecker stellen, was ich Sonntags sonst natürlich nie mache. Denn um 11 Uhr arbeitete sich Igor Levit an Ronald Stevensons Passacaglia on DSCH (1960/62) ab. Das gut 75 Minuten lange Stück überforderte mich streckenweise total und mittendrin fand ich es kurz ernsthaft körperlich unangenehm. Innerlich quengelte ich in Richtung Bühne, dass ich jetzt wirklich dringend gerne mal einen Akkord hätte, den ich kenne, aber niemand hörte auf mich. Macht aber nichts. Das war Gehirntraining der besten Sorte. Standing ovations, und ich war danach erstmal 20 Minuten platt und sprachlos.

Hier eine Version mit Noten, Levit spielt.

Tagebuch, KW 10 – Musike, Eis und Schleifchen drum

F. machte mich auf ein schönes Schleifchen um mein Studium aufmerksam. Ganz zu Beginn, also 2012 OMG, meldete sich eine Kuratorin der Städtischen Galerie im Lenbachhaus bei mir und outete sich als Blogleserin. Sie freute sich, dass ich nun in München sei, ausgerechnet Kunstgeschichte studierte und bot mir an, mich durch das frisch renovierte Haus zu führen, was ich natürlich gerne annahm. (Ich stelle gerade fest, dass ich das nicht verbloggt habe. Unglaublich.) Damals wusste ich noch nicht, was die Neue Sachlichkeit ist, was mir bis heute peinlich ist. Davon hängt im Lenbachhaus nämlich einigermaßen viel, weniger als vom üppig vorhandenen Blauen Reiter, klar (Münchenbezug, städtische Galerie usw.), aber immerhin, ich ging vorbei, fand alles toll und hätte vielleicht damals schon merken können, dass mir die italienische Renaissance irgendwann egaler sein und mein kunsthistorisches Hirn in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Deutschland enden wird. Das wusste ich damals aber noch nicht. Aber heute bin ich Doktor in diesem Themengebiet und genau dazu gibt es demnächst im Lenbachhaus eine Ausstellung und auf Anfrage eben dieser Kuratorin darf ich ein winziges bisschen am Katalog mitarbeiten.

Die Woche war in meiner Freizeit gnadenlos von Musicals geprägt. Ich hatte mich geweigert, mir die Neuverfilmung der „West Side Story“ von Spielberg im Kino anzuschauen, aber als sie für lau auf Disney+ rumlag, klickte ich doch mal vorsichtig rein. Und, Überraschung: Ich fand sie gut.

Sie korrigiert quasi die Dinge, die heute bei der Verfilmung von 1961 Cringe erzeugen wie das Dubbing von Richard Beymer (Tony) und Nathalie Wood (Maria), die beide nicht selber sangen; wir hörten die Stimmen von Jimmy Bryant und Marni Nixon. Oder dass Nathalie Wood keine Latina war. Oder auch Songzeilen, die heute missverständlich sind wie bei „I feel pretty“, wo es eigentlich hieß: „I feel pretty and witty and gay“. Heute erklingt „pretty and witty and bright“, es reimt sich auf „tonight“ und nicht mehr auf „today“. Auch die Lyrics von „America“ bekamen ein Update, das ich noch nicht kannte. Wie mir die Website des Musicals verriet, wurden Textfassungen der Broadway-Version von 1957 wieder hervorgeholt. Anita singt nämlich nicht mehr von Hurricanes und Überbevölkerung, sondern von Ananas und Kaffeeblüten. Den Song kann man netterweise auch online anschauen und kann so prima vergleichen (1961, 2021). Hier mochte ich auch, dass die Sharks nicht mehr auf einem Dach tanzen, sondern sich alles in die Straßen von New York ergießt. Überhaupt, die Stadt: Sie kommt in der alten Verfilmung nur als Kulisse vor; in der Neuverfilmung wurde stärker spürbar, warum die Story im sprichwörtlichen Melting Pot so gut funktioniert. Und ja, sie funktioniert immer noch, wenn man akzeptiert, dass junge Menschen wegen sehr wenig total durchdrehen.

Und natürlich ist es fantastisch, dass Rita Moreno in beiden Verfilmungen dabei ist. Auch dass sie den Song „There’s a place for us“ singt, den sonst Maria dem angeschossenen Tony hinterherhaucht. Das war eine meiner persönlichen Cringe-Szenen im alten Film: dass Tony ewig rumsterben muss, damit der Song Zeit hat. Hier singt Maria etwas anderes, Tony darf wortlos gehen und das passte hervorragend.

Ein bisschen muss man sich an eine andere Atmosphäre gewöhnen, manchmal fehlten mir Bruchstücke oder Details der Songs, aber das liegt daran, dass ich den Soundtrack ewig gehört habe, seit ich, keine Ahnung, 14 bin und alle Songs mitsprechen kann. Zusammengefasst: Ja, kann man gucken, fand ich gut. Wobei ich bei Ansel Elgort ein bisschen gebraucht habe, um ihn okay zu finden. Mich hatte er erst bei „One Hand, One Heart“. Dann aber richtig.

Und weil ein Musical so schön war, guckte ich gleich noch zwei: „In the Heights“ von Lin-Manuel Miranda, bei dem sehr deutlich wurde, warum „Hamilton“ so gut funktioniert: weil Miranda hier schön üben konnte. Mir war der Film viel zu lang, auch wenn die Darstellenden alle durch die Bank niedlich und sympathisch waren. Und es ein wirklich schönes Easter Egg gab: The one and only Jimmy Smits hängt in einer Szene in der telefonischen Warteschleife von Stanford, und es erklingt: „I’ll be back“ aus „Hamilton“. Das habe ich peinlicherweise nicht erkannt, ich wusste, ich kenne den Song, aber auf diesen naheliegenden und charmanten Gag bin ich nicht gekommen, den musste ich ergoogeln.

Ebenfalls geguckt und deutlich mehr gemocht: „Tick, Tick … Boom!“, eine Art autobiografische Musicalszene von Jonathan Larson, dem Schöpfer von „Rent“. Läuft auf Netflix und ist sehr empfehlenswert. Ich hatte überhaupt keine Ahnung, was da auf mich wartete und war freudig überrascht.

Ich gab sogar „Newsies“ eine Chance, aber: nein. Wirklich nicht.

Am Mittwoch radelte ich endlich mal wieder ins ZI, unter anderem für den kleinen Katalogjob. Dabei stöberte ich in der wenigen Literatur über Henny Protzen-Kundmüller, die Ehefrau des Herrn, über den ich promoviert habe. Ich hatte mich in der Diss sehr wenig mit ihr befasst, auch weil ihr Anteil am gemeinsamen Nachlass geradezu lächerlich winzig ist im Vergleich zu der Überlieferung seiner malerischen Tätigkeit. Mpf. Ich stieß beim Rumlesen auf eine Dissertation von 2005, die sich mit mit der GEDOK befasste, einer Überorganisation, in der sich seit den 1920er Jahren Künstlerinnenverbände zusammengeschlossen hatten. (Die ist in der Wikipedia noch nicht mal als Literatur angegeben, werde ich nachtragen, wenn ich mich endlich an diese Website rantraue.) Dort fand ich ein Detail, das mich überraschte, netterweise mit Quellenangabe des Bundesarchivs.

Ab 1933 wurde Kunstschaffenden im „Dritten Reich“ sehr deutlich nahegelegt, in die Reichskammer der bildenden Künste einzutreten. Bis heute hält sich die in meinen Augen zu sehr verallgemeinerte Aussage, dass man ohne diese Mitgliedschaft nicht künstlerisch tätig sein konnte. Ich selbst fand in den Beständen zur GDK noch Anlieferungsunterlagen von 1944, wo Maler und Malerinnen statt ihrer RKK-Mitgliedsnummer angaben, noch kein Mitglied zu sein. Ich meine mich an Begriffe wie „Kriegszulassung“ zu erinnern, aber ich bin mir selbst nicht sicher. Ich hatte dazu eine ewig lange Fußnote verfasst, die ich schließlich doch rauskippte, aber vielleicht hätte ich sie drinlassen sollen, um eben dieser Verallgemeinerung noch einen Gegenbeleg zu liefern. Wie dem auch sei: Laut den Unterlagen des Bundesarchivs stellte Protzen-Kundmüller erst im November 1938 einen Aufnahmeantrag – nachdem sie jahrelang problemlos arbeiten und ausstellen konnte, zum Beispiel auf der ersten GDK 1937, und sie auf der Weltausstellung 1937 sogar mit einer Silbermedaille ausgezeichnet wurde, wo im Deutschen Pavillon ein Werk von ihr hing.

Gestern sahen F. und ich uns endlich die John-Heartfield-Ausstellung im NS-Dokumentationszentrum an. Ich war überrascht, wie viel ich von ihm kannte, aber auch, wie wenig ich über seine Biografie wusste. Die Schau empfehle ich gerne weiter, kostet nicht mal Eintritt, läuft noch bis Ende April.

Viel Gutes gekocht und genossen und mich immer gefreut, wenn ich gut gekocht und genossen habe.


Seit ich einen Reiskocher habe, esse ich deutlich mehr Reis, weil ich immer gleich zwei Portionen mache. Eine gibt’s gleich, aus der anderen, inzwischen trockenen wird einen Tag später herrlich knuspriger Bratreis mit allem, was halt aus dem Gemüsefach wegmuss.

Cannoli Cake. Auf den hatte ich letzten Samstag unbändige Lust – aber so gar keine Lust, auf die Suche nach Pistazien in den umliegenden Supermärkten zu gehen. Also orderte ich Amazon Fresh, was ich bisher nur einmal 2020 gemacht hatte, als ich mich ungeimpft nicht so recht vor die Tür getraut hatte. Es gab sogar noch ein Lieferfenster am selben Tag, ich bestellte, wartete … und wartete … und sah irgendwann die Nachricht, dass ich den Laden bitte kontaktieren solle, die Lieferung sei verspätet. Ach was. Ich ließ mich anrufen und sah eine Londoner Nummer auf dem Handy-Display. Eine indisch klingende Dame las die üblichen Floskeln brav vom Blatt ab: „Danke, dass Sie sich an uns wenden … danke für Ihre Geduld … vielen Dank, dass Sie kurz gewartet haben …“ Schon gut. Sie musste mich schlussendlich doch weiterverbinden, weil ich ihr nicht klarmachen konnte, worum es ging. Der nächste Herr, dessen Nummer ich nicht zuordnen konnte, verstand mich besser, buchte meine Bestellung auf ein späteres Zeitfenster, entschuldigte sich mehrfach, schon gut, ich freute mich auf die Lieferung zwischen 18 und 19 Uhr statt auf die zwischen 15 und 16 Uhr – und wartete. Um 17.59 klingte es, ich bekam mein Zeug und begann, in der Küche Tüten auszuräumen, als es erneut klingelte. Huch, hatte der gute Mann irgendwas vergessen? Nee, alles da. Ich öffnete erneut die Tür und stand einem weiteren Amazon-Lieferanten gegenüber, der mir die gleiche Lieferung wie eben übergeben wollte. Er war genauso verwirrt wie ich, musste aber leider mit allem wieder abziehen, und ich hatte nicht mal mehr Kleingeld fürs Trinkgeld.


Pastinakenpuffer mit Kräuterdipp und zu enthusiastisch verteiltem Korianderöl. Das war überraschend gut, wo es eigentlich nur eine Notidee für „Die Pastinaken müssen jetzt aber WIRKLICH weg“ war.


Gestern eröffneten F. und ich die Eisdielensaison, natürlich beim Ballabeni. Es gab Cappuccino, Pistazie und einen Probierlöffel Banane-Kokos, das ich demnächst dringend in Kugelform brauche.


Abends landeten die allerletzten Pastinaken als Chips auf einem Topinambursüppchen, für das ich eine Flasche Malzbier gekauft hatte, wie es die Jahreszeiten-Kochschule haben möchte. Auch das war ganz hervorragend.

Tagebuch Ende Februar, Anfang März 2022 – Very mixed bag

Ich weiß nicht, wie ich diesen Eintrag anfangen soll und vermutlich weiß ich auch nicht, wie er aufhören wird. Es fühlt sich falsch, fast frivol an, auf Insta Mahlzeiten zu posten und auf Twitter die Artbots zu retweeten, während nicht wirklich weit von mir weg Menschen in einem Krieg sterben. Ich hatte in meinem Leben bisher das Glück, noch nicht persönlich von einer derartigen Katastrophe betroffen zu sein bzw. kenne persönlich keine Menschen, die fliehen mussten, höchstens den Mann aus dem damals noch existierenden Jugoslawien, mit dem ich ein Einstellungsgespräch führte, als ich in den 1990er Jahren ein Kino in Hannover leitete. Dieser Krieg war entfernungsmäßig sogar noch näher an mir dran, fühlte sich aber bescheuerterweise wie ein lokaler Konflikt an, den ich schön ignorieren konnte. Dass es das Internet noch nicht in der heutigen Form gab, half vermutlich auch. Aber heute habe ich halt Twitter, das ich zwischendurch immer wieder vom Handy werfe, um es drei Stunden später wieder zu installieren. Auch um Artbots zu retweeten, um dem Strom aus Katastrophennachrichten etwas entgegenzusetzen, aber ich weiß selbst nicht, ob das albern ist oder irgendjemandem außer mir hilft.

Einige Menschen habe ich stumm geschaltet oder bin ihnen entfolgt, weil sie minütlich Dinge aus dem Krieg posten und ich weiß nicht, was ich damit anfangen soll, kann, muss, müsste.

(Edit, halbe Stunde nach Veröffentlichung:

Klar kenne ich Flüchtende, nämlich meine Mutter und meine Omi. Meine Omi hat nie über Ostpreußen gesprochen und ist auch nie nach Polen gefahren, während ihre Schwester sich das in den 1980er Jahren nochmal angeschaut hat. Mit meiner Mutter. Muss mal die Fotoalben anschauen, wenn ich wieder im Norden bin. Meine Mutter hat selten über ihre Fluchterfahrungen gesprochen, sie verarbeitet die Zeit anders. Sie kann zum Beispiel kein Essen wegwerfen, nie. Sie friert den Saft einer viertel Zitrone ein und isst steinhartes Brot. Und sie ist vor Jahren mal nicht mit nach Bayreuth mit mir gefahren, als wir Karten für den „Lohengrin“ hatten, in dem Menschen als Ratten auftreten. Ratten gehen gar nicht. Auch hier ist sie nicht in Detail gegangen, sondern erwähnte nur ungern Leichen am Weg, als sie flohen. Und eben Ratten.)

Ich lenke mich ab, indem ich über Kunstgeschichte oder Werbung nachdenke, beides ist gerade sehr willkommen. Außerdem hat mein Kopf mal wieder Zeit, über meine Wohnung nachzudenken, Wandfarben, neue Möbelanordnungen, was sich genauso frivol anfühlt, weil nicht wirklich weit von mir weg Menschen keine Wohnungen mehr haben, weil sie von sinnlosen Gefechten zerstört wurden.

Letzte Woche räumte ich meine Küche mal wieder um, was ich seit meinem Einzug turnusmäßig mache, weil ich nie glücklich mit ihr war. 2019 strich ich eine Wand, was kurz half, dann schob ich ständig Regale hin und her, zog den Tisch ein oder aus, überlegte Farbkonzepte und Ordnungsstrukturen, aber irgendwie sah die Küche immer aus, als ob jemand vor fünf Minuten eingezogen war und irgendwo Möbel hingeräumt hätte. Jetzt zum ersten Mal nicht. Links von der Tür ist die eingebaute Küchenzeile, an deren Anordnung ich nichts ändern kann und über die ich mich weiterhin aufregen werde, weil die einzige Besteckschublade ganz links ist und die einzige größere Arbeitsfläche vier Meter weiter rechts. Alles andere – freistehender Kühlschrank, komisches Ikea-Küchenmöbel aus Edelstahl (2012), Kallax (2018?) – steht jetzt rechts von der Tür und in der Mitte der komplett ausgezogene Tisch. Den Tipp hatte ich in Hamburg mal von einer Innenausstatterin bekommen, als ich mit dem Tisch im Esszimmer haderte, der irgendwie verloren rumstand: Tische so groß wie möglich, dann sieht der Raum auch größer aus. Wenn alle ausziehbaren Platten drin sind, passiert genau das, was mein Problem war: Der Tisch steht verloren in der Mitte, und um ihn rum ist sinnloser Platz, der nur nervös macht. Jetzt muss ich zwar beim Kochen noch längere Wege zurücklegen als vorher, weil ich halt um den Tisch muss, um an meine Pfannen und Töpfe zu kommen, aber mir gefällt der Raum jetzt erstmals wirklich. Mal sehen, wie lange das hält.

Halten werden nun auch die beiden schwarzen Regalbretter, die ich mit meiner eigentlich guten Bosch nicht angedübelt bekommen habe, im Gegensatz zur kleineren Wohnung einen Stock über mir, wo ich beide alleine und sogar halbwegs gerade an die Wand dengelte. Dieses Mal musste der Mann mit der Hilti vorbeikommen, was aber auch nett ist.


Die beiden Tabletts hat Papa vor Jahrzehnten von den Philippinen mitgebracht, als der geschäftlich dort war. Als ob er geahnt hätte, dass ich heute einen Halb-Filipino an meiner Seite habe. Die Schüssel davor ist auch von ihm, ich finde den Blogeintrag dazu nicht mehr (falls ich ihn je geschrieben habe): Er hat mal Holz zur Kirche im Dorf gebracht, die von diesen Spenden Schalen hat herstellen lassen. Das ist eine davon.

Es gab gutes Essen in den letzten Tagen, aber auch viel Schokolade.

Bibimbap mit Zucchini, Spinat, Tempeh, eingelegter Möhre und Ei drüber, das all das schöne Zeug darunter verdeckt. Dazu Gochujang und Korianderöl, im Prinzip wie Schnittlauchöl.

Rote Bete im Päckchen mit Linsen und Mozzarella.

Spaghetti mit Tomatensauce, nach Frau Hazan, natürlich.

Baked Beans mit Salat.

Gestern und vorgestern lief ich zum ersten Mal mit einem Audiobook auf den Ohren durch die Gegend anstatt mit der hundertsten 80er-Jahre-Playlist auf Spotify. Es ist ein Sachbuch, über das beim Videokurs öfter gesprochen wurde, ich hätte mich sonst nicht damit beschäftigt. Der Autor liest selbst, das ist nett, ich höre ihm auch gerne zu und bin erstaunt darüber, wie wenig mir das Rumlaufen ausmacht, weil ich mich auf die Inhalte konzentriere, die ich auf die Ohren bekomme, aber ob wirklich viel hängenbleibt, wage ich noch zu bezweifeln. Bei einem Punkt, der vorkam, dachte ich sofort an mein verändertes Essverhalten in den letzten gut zehn Jahren im Vergleich zum Leben davor und ich dachte, ach, guck, könnteste bloggen, aber jetzt weiß ich schon nicht mehr, welcher Satz mich genau angesprochen hatte und da es kein Papierbuch ist, kann ich nicht nachschlagen. Hm. Vielleicht für mich doch eher ein halbgares Konzept.

Ich habe die ganzen Belegexemplare an Museen und Archive verschickt, damit diese mir Rechnungen für ihre abgebildeten Gemälde schicken können, für die ich schon Nutzungsgebühren bezahlt habe.

Meine Omi hätte heute Geburtstag. Ich denke immer an sie, wenn ich Tee aus ihrem Service trinke.

Ich habe meinen Schreibtisch um 90 Grad gedreht und gucke nun nicht mehr auf Sofa und blaue Wand, sondern auf Luise. Und seit gestern auch noch auf Tulpen. Jede Kleinigkeit hilft (mir).

Bolani mit scharfem Chutney

Seit dem Videokurs von Casey Neistat lungere ich deutlich öfter auf YouTube rum. Dabei interessieren mich weniger die ganzen Jungs-Vlogs, die Neistat imitieren möchten, sondern so ziemlich alles, was Frauen mir erzählen. Ich folge derzeit einer Tänzerin aus Wien, die viel näht, einer Frau aus Singapur, die mit ihrem Mann in München lebt und gerne ihre Wohnung um- und aufräumt, wobei ich interessiert zuschaue, und einer Frau aus Kanada, deren Eltern aus Afghanistan stammen. Bei den beiden letzten ist mir am meisten der Unterschied zu den Tipps von Neistat aufgefallen. Da gibt es keine Anweisungen à la „Du hast nur fünf Sekunden, um die Leute ins Video zu ziehen“ und „Nimm alles aus drei Perspektiven auf, damit du ständig neue Ansichten bieten kannst.“ Nö, es geht auch langsam und ruhig und mit vermutlich nur einer Kamera. Cloudyhills nahm zum Beispiel ein Q&A auf, bei dem ihr Mann die Fragen stellte und sie antwortete. Im Bild war dabei 20 Minuten lang zu sehen, wie sie Omelettes mit verschiedenen Füllungen herstellt, die ihr Mann und sie dann bei einem Picknick verspeisen. Sowas ist für mich inzwischen Meditation. Gefällt garantiert nicht jeder, aber mir zur Zeit sehr.

Und natürlich musste ich sofort was nachkochen, auch wenn es bei Pick up Limes hübscher und grüner geworden ist. Ihr könnt das Rezept auch nachlesen statt ihr zuzuschauen.

Wir fangen mit dem Teig an. Während der ruht, machen wir die Füllung und kümmern uns um das Chutney.

In einer Schüssel
1 Cup (240 ml) lauwarmes Wasser mit
1 1/2 EL (22 ml) pflanzlichem Öl (bei mir Sonnenblume),
1 1/2 TL (9 g) Salz und
1/2 TL Trockenhefe mischen. Alles verrühren, dann
3 Cups + 1 EL (423 g) Mehl, Type 550, dazugeben. 405er geht angeblich auch. Alles vermischen und mehrere Minuten kneten, bis ein dehnbarer, gleichmäßiger Teig entstanden ist. Zu einer Kugel formen und in einer abgedeckten Schüssel 30 Minuten lang gehen lassen.

Für die Füllung der Bolani, also der Teigtaschen, wir ihr vermutlich geahnt habt,
2 große Kartoffeln schälen, würfeln und kochen. Was „groß“ hier bedeutet, weiß ich nicht, bei mir haben für die Hälfte des Rezepts ca. 100 g gereicht, es hätte aber auch mehr sein können. Ich sag mal so: Was ihr von der Füllung nicht in die Taschen bekommt, schmeckt auch einfach so. Und wenn die Füllung nicht reicht, sind reine Teigfladen mit Chutney auch super.

1 Cup (52 g) Frühlingszwiebeln in feine Ringe schneiden.
1 Cup (16 g) frischen Koriander hacken.
1 grüne Chili in feine Ringe schneiden oder hacken, Kerne drinlassen, wer’s mag.

Die gekochten Kartoffeln mit einer Gabel oder einem Kartoffelstampfer zu Püree verarbeiten, das eben geschnittene Gemüse dazugeben und zusätzlich noch
1 TL gemahlenen Koriander,
1 TL Salz,
1/2 TL Kurkuma und
1/2 TL schwarzen Pfeffer. Alles erneut mischen bzw. zerstampfen.

Jetzt das Chutney, das geht am schnellsten, weil nichts groß geschnitten werden muss. In einem Zerkleinerer

3 dicht gepackte Cups (48 g) glatte Petersilie,
3 dicht gepackte Cups (48 g) frischen Koriander, mit Stielen und allem,
5 Knoblauchzehen,
1/2 Cup (58 g) Walnüsse,
3 grüne Chilis (entkernt, wer es nicht ganz so scharf mag),
1 TL Salz und
1/4 TL schwarzen Pfeffer kurz mixen, nicht zu flüssig werden lassen. Alles mit
1 Cup (240 ml) Weißweinessig aufgießen. Nicht alles auf einmal, eher nach und nach, bis euch die Konsistenz gefällt. Bei mir waren es vermutlich eher 200 ml. Das Chutney in ein Glas füllen und nicht fest verschließen, angeblich rülpst es noch einen Tag lang. Erst nach diesem einen Tag im Kühlschrank den Deckel aufschrauben. Hält sich monatelang, aber come on, das Zeug ist doch nach zwei Tagen aufgegessen.

Zurück zu den Bolani. Den Teig auf einer bemehlten Arbeitsfläche in acht Teile teilen, diese zu Kugeln formen und möglichst dünn ausrollen. (Tipp: Wer keine Lust auf Teigherstellung hat, kauft fertige Tortillas.) Auf die eine Hälfte eines Teigkreises nun 1/3 Cup der Füllung geben (oder wie ich: frei Schnauze). Die Ränder mit in Wasser gestippten Fingern anfeuchten, die andere Hälfte drüberklappen. Von der Mitte her vorsichtig die Luft zu den Rändern hin herausdrücken und die Ränder verschließen.

Eine Pfanne mit
2 1/2 EL Pflanzenöl auf mittlere bis höhere Hitze erhitzen und jeweils zwei der Bolani in ihr anbraten, bis sie goldig-braun sind, das dauert nur zwei, drei Minütchen. Die Oberfläche mit Öl bestreichen, wenden, fertig braten. Die Halbkreise dritteln und mit dem Chutney servieren. Aus eigener Erfahrung kann ich berichten: Die schmecken sogar kalt.

Termin im Prüfungsamt

Die letzte Amtshandlung der Promotion stand an: Gestern radelte ich in der vorgezogenen Mittagspause, weil das Prüfungsamt natürlich nur bis 12 geöffnet ist, in eben dieses und überreichte dem Sachbearbeiter, der seit vier Jahren meine verwirrten Mails beantwortet, drei Exemplare meiner gedruckten Dissertation sowie die vom Doktorvater unterzeichnete Druckgenehmigung. Ich verstehe nicht, warum ich die jetzt noch einreichen muss, schließlich liegt das Ding da gedruckt rum, aber wie ich vor wenigen Tagen schon twitterte: Ich hinterfrage meine Promotionsordnung nicht mehr, ich arbeite sie ab. Und das war gestern das letzte, was noch abgearbeitet werden musste.

Beim Rückweg zum Fahrrad schlenderte ich noch ein wenig durchs Hauptgebäude. Der erste Weg ging natürlich zum Lieblingshörsaal, wo ich meine allererste Vorlesung hatte, wo auf der ersten Folie der Aachener Dom zu sehen gewesen war und ich innerlich dachte, oh, stimmt, Architektur, das gehört dann ja wohl auch zur Kunstgeschichte. Toll. In diesem Hörsaal hörte ich Spannendes über stilbildende Ausstellungen seit den 1950er Jahren, lernte die französische Romanik kennen und die altniederländische Malerei, erfuhr Wissenswertes über Klöster, Schlösser und Salzspeicher, bewunderte US-amerikanische und feministische Kunst des 20. Jahrhunderts, schwitzte im Sommer und fror dann, als es eine Klimaanlage gab oder sie mal benutzt wurde, drängelte mich durch Reihen von Senior*innen, die stets früher da waren als ich und überall die „Süddeutsche“ ausgebreitet hatten, und freute mich immer, wenn ich einen Klappsitz erwischte, der nicht nach unten durchhing. Irgendwann weiß man ja auch, in welchen Reihen die sind. Ich lernte, mich nicht hinter Leute zu sitzen, die sich Notizen auf dem Laptop machen anstatt per Hand, denn irgendwann checken sie Facebook und ich muss dann mitlesen, weil ich halt neugierig bin. Ich lernte, mich nicht hinter Grüppchen zu setzen, weil die gerne quatschen, und ich lernte, von wo man die Folien vernünftig lesen konnte und wo eher nur mit Interpretationsfähigkeiten. Das hört sich jetzt an, als wäre der Saal fürchterlich gewesen, aber warum auch immer war er mein liebster, vielleicht weil er der erste war. Die Sitze stammen gefühlt aus den 1960er Jahren, und ich mochte das „Rauchen verboten“-Schild an der Stirnseite, das mir sagte, dass das wohl irgendwann mal erlaubt gewesen war. Gestern wurde ausgerechnet in diesem Hörsaal eine Klausur geschrieben, die Türen standen offen, die wenigen Studis saßen Corona-gerecht verteilt, aber ich konnte natürlich kein Foto machen.

Dann eben vom anderen Hörsaal, in dem ich vermutlich ebenso viele Vorlesungen hörte wie im Liebling. Hier lernte ich unter anderem Cézanne kennen und schätzen, verstand, wie toll Fotografie sein kann und wie viele Kirchen in Rom rumstehen. Wenn ich mich richtig erinnere, schrieb ich hier meine letzte Klausur.

Über die große Treppe an der Rückseite des Gebäudes gelangt man ins Innere, wo sich der bekannte Lichthof befindet. Unten ist ein kleines Denkmal für die Weiße Rose, direkt vor der Denkstätte (kein Schreibfehler). Ich war in neuneinhalb Jahren nicht ein einziges Mal drin und auch gestern wollte ich nicht.



Der letzte Blick galt dem Speerträger, an dem man als LMU-Absolventin traditionell das Foto mit der Promotionsurkunde macht. Die liegt in vier bis sechs Wochen in meinem Briefkasten, und dann komme ich nochmal vorbei.

Ein bisschen musste ich weinen, war klar, ich wohne quasi am Wasser. Ich habe so irrsinnig gern studiert und ich bin sehr stolz auf den Titel, der sofort in den Perso kommt, sobald die Urkunde da ist.

Es fühlt sich etwas irreal an, weil die Welt bzw. zwei Staaten, die nicht wirklich weit von mir weg sind, gerade mit sehr anderen Dingen beschäftigt sind. Es fällt mir ein bisschen schwer, mich so richtig zu freuen, aber das ist eh nicht das Hauptgefühl, was ich gerade spüre. Es fühlt sich anders an als direkt nach der Abgabe der im Copyshop gebundenen Diss an die Prüfenden. Das war der dicke Brocken. Das hier ist quasi nur noch Pflichterfüllung. Aber es ist jetzt trotzdem die Ziellinie, auf die ich seit der Verteidigung im November 2020 zugelaufen bin. Der Schlusspunkt. Das war’s.

Ich werde noch ein bisschen vor mich hinwimmern und, wenn ich ehrlich sein darf, den Rest der Welt soweit wie möglich ignorieren, weil mich schlicht alles überfordert. Ich dachte, die Pandemie wäre das Schlimmste, was uns passieren kann, aber hey, nein, da kann man noch ein Schippchen draufpacken. Auch deswegen fühlt sich diese Ziellinie so seltsam und klein und unbedeutend an. Und ich ahne, dass dieser Blogeintrag auch eher für mich ist, um mir zu sagen, dass meine Leistung in den letzten gut vier Jahren alles andere als klein und unbedeutend ist.

Kentucky Butter Cake

Im Prinzip ein simpler Rührkuchen, aber ich mochte den leichten Whisky-Hauch in der Buttersauce gerne, die kein Guss ist, aber den Kuchen saftig hält und außen ein winziges bisschen knusprig macht. Im Rezept der NYT wird eine irrsinnige Menge von Zucker verlangt, die habe ich sowohl im Kuchen als auch in der Sauce halbiert. Aber mach bitte mit deinem Kuchen, was du möchtest.

Für eine Gugelhupf- oder Springform mit 24 cm Durchmesser. Diese ordentlich buttern und bemehlen, überschüssiges Mehl ausklopfen.

Den Ofen auf 160° Ober- und Unterhitze vorheizen.

Im Rezept wird Buttermilch verlangt; wer die gerade nicht da hat (wie ich), gibt einen Esslöffel Weißweinessig (bei mir der gute philippinische destillierte Essig) in ein Gefäß und gießt es mit simpler Vollmilch bis zur Gesamtmenge von 240 ml auf. Zehn Minuten stehen lassen: Buttermilch.

Jetzt haben wir alles. Los geht’s.

225 g zimmerwarme Butter mit
400 g Zucker (bei mir 200) schaumig rühren. Nach und nach
4 Eier sowie
240 ml Buttermilch unterrühren. Anschließend
385 g Mehl, Type 405,
2 TL Vanilleextrakt (weggelassen),
1 TL Backpulver,
1 TL Salz sowie
1/2 TL Natron unterrühren. Alles in die Form füllen, glattstreichen und für ca. 60 bis 70 Minuten backen. Stäbchenprobe durchführen.

Zehn Minuten, bevor der Kuchen aus dem Ofen muss, die Buttersauce ansetzen.

In einem kleinen Topf
75 g Butter,
150 g Zucker (bei mir 75),
3 EL Wasser und
3 EL Bourbon erwärmen. Die Butter soll schmelzen, die Mischung sollte aber nicht kochen, damit sich der Zucker nicht auflöst. Sonst knackt nachher nix an der Kruste. Aus den drei Esslöffel Bourbon werde ich nächstes Mal fünf machen. Im Originalrezept stehen zwei TL Vanilleextrakt statt Schnaps. Die NYT bzw. die dortigen Kommentierenden meinen, auch Rum oder Sherry wären super. Ich mag Bourbon.

Sobald der Kuchen aus dem Ofen kommt, mit einem Schaschlikspieß oder ähnlichem 15 bis 20 Löcher in den Kuchen bohren, der brav weiter in seiner Form bleibt. Nun langsam alles mit der Buttersauce übergießen, die total malerisch vom Kuchen aufgesogen wird. Den Kuchen mindestens drei Stunden lang in der Form auskühlen lassen, dann vorsichtig stürzen. Mit Puderzucker bestreut servieren. Ein Klecks Jogurt oder säuerliches Beerenobst passt dazu prima. Oder halt Bourbon.

Tagebuch und Links der letzten Tage: Der große Brocken

Am Montag erschien die überarbeitete Fassung meiner Dissertation in Buchform. An diesem Tag hatte ich Zugang auf mein Autoren-PDF, das stark gekürzt, nämlich nur in Form der Einleitung, hier zu finden ist. Am Dienstag kam dann die schwere Kiste mit den 15 Belegexemplaren, die ich jetzt an diverse Museen und Archive verteilen muss, von denen ich Bildmaterial veröffentlichen durfte. Hier große Vorfreude auf die noch ausstehenden Rechnungen dafür vorstellen. (Nicht.) Hier außerdem Belustigung darüber vorstellen, wieviel ich aus dem Videokurs im Januar mitgenommen habe und so in drei Minuten Musik aussuchen, iMovie öffnen und das mitgefilmte Unboxing auf den Beat schneiden konnte. (Jetzt echt. Man sieht den einzigen Schnitt, den ich machen musste, nicht mal.)

Natürlich rumoren die beiden Ideen, die ich für den zweiten Film im Kurs hatte (Bücher, Essen) noch im Hinterkopf rum. Ich filme mich derzeit bei der Essenszubereitung, habe aber noch keine Ahnung, was ich damit anfangen werde. Außerdem freue ich mich über das Licht in der Bibliothek, mit dem so simple Dinge wie Bratreis großartig aussehen. Ach ja, neuer Teller, von hier, wie alle Lieblingsteller.

Ich habe die Kiste nach dem Auspacken und dem Reinlesen ins eigene Werk erstmal liegen gelassen. Erst gestern griff ich zu Papas Füller, um einige Exemplare mit Widmungen zu versehen. Mein eigenes Exemplar hat meinen guten, alten „Meins“-Stempel bekommen.


Ich bin die ganze Woche über schon komisch drauf, vermutlich weil der große Brocken, der die letzten viereinhalb Jahre mein Denken bestimmt hat, jetzt endlich abgearbeitet ist. Das Buch ist raus, jetzt hoffe ich auf freundliche Rezensionen. Währenddessen sitze ich an einem Aufsatz aus Spaß, weil ich auch dieses Thema endlich mal zuende denken will. Aber es schwingt noch etwas anderes im komischen Bauchgefühl mit.

Einen weiteren Aufsatz habe ich letzte Woche abgegeben. Der musste auf Englisch eingereicht werden, wofür mir netterweise F. seine Hilfe angeboten hatte. Der Mann hat in den USA promoviert und seine Diss dementsprechend auf Englisch geschrieben, daher traue ich seinen akademischen Formulierungskünsten in dieser Sprache weitaus mehr als meinen. Aber, und das ist das Bauchgefühl, F. hatte arg mit dem Text zu kämpfen. Nicht wegen der Übersetzungstätigkeit an sich, sondern weil im Text diverse Zitate von NS-Größen auftauchten. Ich wunderte mich, dass ihn einige der Sätze so schmissen, aber er – und Hamburg – meinten, dass es etwas ganz anderes ist, wenn ich von meiner Forschung erzähle, gerne in meinem üblichen Blogplauderton, als wenn man diesen fürchterlichen, rassistischen, wahnwitzigen und gleichzeitig kühl durchdachten Rotz im Original liest. Ich erwähnte im Blog öfter, dass ich während des Schreibens sehr oft sehr schlechte Laune hatte. Die hatte F. jetzt auch, aber ich war darauf gar nicht vorbereitet. Eben weil ich dachte, ich hätte das doch alles schon tausendmal erzählt. Es ist aber anscheinend doch eine andere Nummer, sich selbst damit direkt befassen zu müssen. Ich fühle mich nachträglich in meiner schlechten Laune und dem „Alles anzünden“-Gefühl bestätigt.

(Edit: Eintrag teilweise gelöscht, weil schlechte Laune erzeugend.)

Auch wegen des vor dem genervten Edit angesprochenen Themas verlinke ich einen Film aus der ARD-Mediathek, den ich gestern sah. Das Thema ist mir leider aus meiner Forschung bzw. aus den Doktorandenseminaren nicht unbekannt, aber vielleicht hilft es auch hier, sich direkt damit zu befassen und nicht nur im Blog darüber zu lesen: „Die Versteigerer – Profiteure des Holocaust.“ Sehr sehenswert. (Via Twitter-Account der Niedersächsischen Gedenkstätten.)

Für einen versöhnlichen Abschluss: F. und ich haben uns nach November das erste Mal wieder in die Innengastronomie gewagt. Am vergangenen Freitag genossen wir das Menü bei Tohru Nakamura und waren danach den halben Samstag noch damit beschäftigt. Wie damals beim ersten Tantris-Besuch konnten wir uns nicht sattreden an den Herrlichkeiten, die wir serviert bekommen hatten. Das war das dritte Mal bei diesem Koch; das erste Mal saßen wir 2019 im Werneckhof, der 2020 wegen Corona schloss. Nakamura eröffnete daraufhin einen Streetfood-Laden, machte hochwertiges Hähnchen-Fast-Food und Burger, bot Sterne-Menüs zum Mitnehmen an und hatte im letzten Jahr für mehrere Monate ein Pop-up, wo wir auch waren. Jetzt hat der Mann endlich ein eigenes Restaurant, und man sieht und schmeckt die Entwicklung. Alles war fokussierter, präziser und selbstbewusster. F. hat uns für sein Geburtstagswochenende bereits erneut einen Tisch reserviert und ich kann es kaum erwarten.

„‚Ziehet die Bahn durch deutsches Land.‘ Gemälde zur Reichsautobahn von Carl Theodor Protzen (1887–1956)“

Heute ist die überarbeitete Fassung meiner Dissertation erschienen. Auf der Verlagsseite können Sie das wunderbare Werk als formschönes Buch oder handtaschenkompatibles PDF bestellen. Ich warte noch auf meine Belegexemplare, von denen ich drei in die Uni-Bibliothek schleppen muss, damit ich endlich meine Promotionsurkunde bekomme. Denn erst wenn ich die habe, darf ich den „Dr.“ auf meine Visitenkarten drucken lassen, was ich total tun werde.

Der Verlag bietet leider keine Leseprobe an, also erledige ich das mal händisch. Hier steht die Einleitung minus die Danksagung. Enjoy.

Filmschule mit Casey Neistat, Teil 2

Nach den ersten zwei Wochen Filmschule per vorgefertigten Videos von Neistat ging es an den zweiten Film. Wo der erste noch „spontaneous“ sein sollte, bezeichnete Neistat den zweiten nun als „pre-meditated“. Also: Überleg dir vorher eine Geschichte und geh nicht einfach so mit der Kamera oder dem Handy raus. Drehe vielleicht an mehr als nur einer Location. Nutze, wenn du hast, mehr als nur dein Handy, sondern vielleicht eine bessere Kamera. Versuche, filmischer zu denken, weniger vloggig. Überleg dir vorher, was du aufnehmen willst anstatt das Geschehen um dich herum zu beobachten und spontan zu entscheiden, was wichtig ist. Oder wie die Kurswebsite es ausdrückte:

„In this part of the class, you’ll create a second film, this time a more ambitious and cinematic movie. Instead of choosing a story spontaneously, you’ll try to create a movie based on something meaningful and important to you, and you’ll elevate your story with more sophisticated filmmaking techniques. […] You can make a movie about one of your hobbies or interests, a relationship, a personal struggle, an issue you care deeply about, or anything else that comes to mind while brainstorming.”

Die erste Idee, die ich hatte, war, etwas über meine Beziehung zu Büchern zu machen. Dass sie mehr sind als Zeitvertreib oder Tapete und dass ich sie im Laufe des Studiums immer mehr und neu schätzen gelernt habe. Dafür fielen mir aber nicht wirklich spannende filmische Perspektiven ein, also weg damit. Die zweite Idee war, fast klar, etwas über Essen zu machen, Kochen, meine persönliche Reise zum Genuss. Die Idee scheiterte daran, dass ich mit meinen derzeitigen filmischen Möglichkeiten nicht mal annähernd in der Lage bin, die Bilder zu reproduzieren, die ich in 1000 Kochshows, Werbespots und Netflix-Specials gesehen habe. Das fängt schon mit meiner unfassbar hässlichen Mietwohnungsarbeitsplatte an, die ich auf Insta immer verdecke, außer ich vergesse es. Und das hört damit auf, dass ich zwar von oben auf meine Hände filmen kann, wie ich ausprobierte, aber alle seitlichen Shots meinen Bauch und meine Küche zeigen und das ist beides eher langweilig, wenn’s länger als zehn Sekunden dauert.

Also kam ich auf eine Idee zurück, die ich schon für den ersten Film hatte – die Rekonstruktion der Alten Pinakothek nach Bombentreffern im Zweiten Weltkrieg – und die Hamburg mir für den Erstling ausgeredet hatte. Zum Glück, denn wie ambitioniert das Projekt war, merkte ich in den letzten Tagen. Ehrlich gesagt, erst beim Schneiden. Aber zu allem, woran ich haderte, hatte Casey in seinen Videos etwas zu sagen: “If you manage you get through your edit without getting frustrated – why didn’t I shoot it some other way –, you’re probably doing it wrong.” Die Sätze, die ich in den letzten Tagen dauernd vor mich hinquengelte, waren erstens: „HALT DOCH MAL DIE KAMERA RUHIG!“ Und zweitens: „BLEIB DOCH MAL DRAUF!“ Weil ich es dauernd schaffte, Handy oder Kamera oder Kamera auf einem Stativ, verdammt, erstens nicht ruhig zu halten und zweitens die Aufnahme immer zu früh abzubrechen anstatt das Schlussbild einfach mal fett fünf Sekunden stehen zu lassen, wer weiß, wozu man es noch mal brauchen kann. Zum Beispiel für ruhige Anschlüsse bzw. Überblendungen oder weniger hektische Voice-Overs, wie ich jetzt weiß.

Ich schrieb drei bis vier Textfassungen runter, bis ich auf Papier hatte, was ich sagen wollte. Dann schaute F., dessen amerikanisches und wissenschaftliches Englisch besser ist als meins, über den Text und verbesserte an einigen Stellen. Ein paar Verbesserungen ignorierte ich, weil sie nicht mehr nach mir klangen, aber das meiste wurde freudig übernommen. Mit diesem Script begann ich, mir Bilder zu überlegen. Alte Pinakothek außen – logisch. Weitere Außenaufnahmen: Haus der Kunst, Front und Rückseite (weil da ein Kunstwerk steht, das ich brauchte), Universitätsbibliothek außen, Zentralinstitut für Kunstgeschichte innen bzw. die Bibliothek, weil ich da in mindestens einem Buch blättern wollte. Dann noch ein paar Dinge, die ich am heimischen Schreibtisch machen konnte. Und den Vorspann, der mir fast als erstes einfiel. Ich hatte schließlich noch Casey im Ohr: Grab them. Hol die Leute irgendwie ins Video rein. Und da ich als Werberin ahnte, dass alle wegklicken, wenn ich das Video mit einer Aufnahme der Pinakothek beginne und total wissenswerte Fakten drüberspreche, überlegte ich mir etwas anderes. Der Anfang ist mit mein Favorit im Video, weil der ungefähr so aussieht, wie ich ihn haben wollte. Mit dem Rest hadere ich, aber nach mehreren Tagen draufgucken immer weniger. Besser kann ich es halt noch nicht und dann ist das eben so. (Bitte stellen Sie sich hier vor, wie ich verzerrt grinse und so tue, als würde ich souverän über allem stehen.)

Ich stellte beim Sichten des ersten Materials fest, dass mein iPhone 12 bessere Bilder macht als meine Sony Alpha 5000, trotz Stativ und vernünftigem Zoom-Objektiv, das ich auch quasi nur in Zeitlupe bediente. Die Sony-Bilder sehen in meinen Augen total matschig aus, fast verpixelt, und haben nicht die tolle Farbigkeit des iPhones. Warum die Bilder trotz Stativ (ich komme da echt nicht drüber weg) auch noch wackeln – keine Ahnung. Erstes Learning – oder eher eine Frage: schwereres, stabileres Stativ kaufen? Die Kamera NOCH ruhiger bewegen? Oder besser gar nicht? Oder einen Gimbal fürs Handy kaufen? Das Wort bzw. das Produkt habe ich im Monthly-Forum kennengelernt, ich wusste nicht mal, dass es sowas gibt, und im Prinzip habe ich mich schon damit abgefunden, dafür Geld auszugeben.

Immerhin nahm ich dieses Mal, trotz mehrerer Drehorte, nicht so irre viel Zeug auf wie beim ersten Video. Ich guckte besser vorher, bevor ich aufnahm, hatte aber natürlich trotzdem noch zu viel Material. Aber blöderweise auch des Öfteren genau das nicht, was ich beim Schneiden gerne haben wollte. Ich erwischte mich beim Dreh dabei, denselben Fehler zu machen wie beim Friedhofsvideo, nämlich eher zu fotografieren als zu filmen. Also zwang ich mich, nach Bewegungen zu suchen oder eben selbst welche zu machen. Wobei die genau für die Wackelbilder sorgten, die mich jetzt im Film so wahnsinnig machen.

Ich habe es immerhin geschafft, mich wirklich ans Skript zu halten. Meine Voice-overs bzw. die Sprachaufnahmen, die ich vor Ort machte, sind genau die, die im Word-Dok stehen. Zweites Learning: Wenn du vor Ort Ton aufnimmst, sorg dafür, dass es in München nicht gerade scheißwindig ist. Oder nimm halt nicht draußen auf. Oder kauf dir ein Richtmikrofon. Ich habe den Rausschmeißertext, also die letzten Zeilen im Film, an mehreren Orten aufgenommen, weil ich sie zusammenschneiden wollte, um eine schöne Location-Schleife um alles zu binden. Es ist dann doch fast nur eine Location geworden, weil alle anderen schlicht zu laut waren. Drittes Learning: Nimm das gesamte Voice-Over, was du am Schreibtisch einsprichst, in einem Rutsch auf. Die Tonspur auseinanderzuschneiden ist kein Problem, aber an 25 Schnipseln den Ton einzeln einzustellen, weil ich am Dienstag die Kopfhörer mit dem Mikrofon anders halte als am Mittwoch, hat schwer genervt. Und es ist immer noch nicht einheitlich, aber besser habe ich es nicht hinbekommen.

Viertes Learning: Ja, das ist super und toll, dass du so ambitioniert bist, nach gerade einem Video von iMovie auf die Trial-Version von Final Cut Pro X umzusteigen. Es ist aber gleichzeitig total bescheuert, weil du das erste Programm wenigstens so halbwegs kapiert hast, während du beim zweiten wieder von Null anfängt. Oder von Drei bis Vier, ein paar Dinge kennst du ja. Final Cut kann so viele Dinge, von denen ich nicht mal weiß, was sie sind; ich habe gefühlt 90 Prozent des Drop-Down-Menüs bzw. der vielen, vielen Buttons und Icons nicht verstanden.

Es hatte aber seinen Grund, warum ich umgestiegen bin. Ich wusste, ich würde an mindestens einer Stelle im Film Texteinblendungen brauchen, und die sind in iMovie fürchterlich umständlich. Ich habe dazu einen Umweg über Keynote genommen, also die Texte auf eine Art Greenscreen geschrieben und die dann in iMovie eingefügt. Die Texte zu schreiben, zu formatieren und dann an beliebige Stellen im Bild (nicht im Film, im Bild) einzufügen, ist in Final Cut ein Kinderspiel. Aber im Nachhinein bin ich mir nicht sicher, ob es nicht auch die hässlichen Untertitel in iMovie getan hätten. Ich musste mir sehr vieles ergoogeln, was ich mir schon für iMovie ergoogelt hatte. Dabei habe ich zwar viel gelernt, aber trotzdem ist dieses Programm für meinen derzeitigen Kenntnis- und Fähigkeitsstand komplett überdimensioniert.

Mein Verhältnis zum eigenen Film war ein ganz anderes als beim ersten. Beim ersten Video hatte ich quasi Narrenfreiheit, weil ich wusste, ich kann eh noch nix, also kann es auch fürchterlich aussehen. Das will ich zwar nicht, aber das Ding steht auch deshalb auf YouTube, weil ich es wirklich – für einen Erstling – gut finde. Beim zweiten Video hatte ich von vornherein eingeplant, es auf YouTube zu posten, jetzt weiß ich ja, was ich kann, ich Supertopchecker. Und beim Schneiden merkte ich natürlich: einen Scheiß kann ich. Zwischenzeitig haderte ich so sehr, dass ich einen neuen Film drehen wollte. Auch weil ich mich fragte, wer außer mir sich bitte für die Fassade der Alten Pinakothek interessieren sollte. Aber hier hatte Casey genau die richtigen Sätze im richtigen Moment:

Das zweite Video, bei dessen Erstellung wir ihm folgten, ist auf den ersten Blick eine Tech Review zu der Ray-Ban-Sonnenbrille, die filmen kann. Aber er selbst meinte: Nobody wants to watch tech reviews. Was er macht, damit die Leute ihm zuschauen, und das fiel mir wirklich erst bei seinem Video auf, ist dasselbe, was jede halbwegs erfolgreiche Bloggerin und jeder YouTuber genauso machen: Er wird persönlich. Und so funktioniert auch mein Video: Ich erzähle zwar was über eine Fassade, aber im Prinzip erzähle ich, warum ich persönlich das spannend und wichtig finde. Also versuche ich, die wackeligen Bilder, den lauter und leiser werdenden Ton und den handwerklich eher rustikalen Schnitt zu ignorieren und hoffe, dass noch jemand außer mir sich das Ding bis zum Schluss anschauen möchte. Ich glaube, ich kann eine interessante Geschichte erzählen, ich finde den Text gut, und die Reaktionen im Monthly-Forum waren auch eher positiv. Dort standen auch viele Verbesserungsvorschläge, die ich aber vermutlich erst beim nächsten Video umsetzen werde. Das hier bleibt jetzt so.

Vielleicht generell noch was zum nun beendeten Kurs und ob sich das Geld gelohnt hat. Meine Meinung: für mich persönlich schon, aber generell hat das Konzept Macken. Ich habe ein neues Medium in unfassbarer Geschwindigkeit kennengelernt – kennenlernen müssen, weil wir halt Deadlines hatten. Die hätte ich natürlich ignorieren können, aber dann hätte ich auch gleich das Geld verbrennen können. Mein ambitionierter Kopf konnte ernsthaft vier Wochen Pandemie halbwegs ausblenden, weil er mit etwas ganz anderem sehr ausführlich beschäftigt war. Ich persönlich habe auch Caseys Videos gerne angesehen, in denen er einfach anhand seines eigenen Videos erzählt, wie er sich Storylines überlegt, warum er wie schneidet, auf was er bei der Musik achtet und sehr oft, warum er bestimmte Dinge nicht macht. Während er redete, tippte ich brav Notizen in ein Word-Dokument, fast wie in der Uni. Wir haben weiterhin Zugriff auf alle Videos, aber ich bin mit der Verschriftlichung der wichtigsten Punkte zufrieden.

Der Kurs funktioniert nur durch das Feedback der anderen Teilnehmer in deinem jeweiligen Classroom, also das, was ich hier Forum nenne. Von den 20 Peers, mit denen ich anfing, haben 14, wenn ich richtig gezählt habe, das erste Video veröffentlicht und sich an Diskussionen und Reviews beteiligt. Beim zweiten Film passierte im Forum deutlich weniger, es gab kaum noch Feedback auf einzelne Posts und wenn, dann meistens von immer denselben Teilnehmern. Das Feedback selbst war gemischt: Manche Anmerkungen zu meinen Videos fand ich äußerst hilfreich, andere weniger, wenige komplett nutzlos. Ich habe auch immer bei den anderen mitgelesen, um dort Kritikpunkte nachvollziehen zu können. Das Ganze war also eher ein angeleitetes Selbstlernen, womit ich eigentlich klarkomme. Aber gerade als komplette Anfängerin war das Projekt vielleicht doch etwas zu überambitioniert; ich merkte beim zweiten Film, dass ich bei den wirklichen Grundbegriffen des Filmens und Schneidens gerne jemanden gehabt hätte, der mir quasi auf jede Szene Feedback gibt bzw. bei jedem Schnitt Vorschläge macht. Insofern ist der Kurs, wie so vieles, das, was du draus machst. Der nächste Kurs startet am 21. Februar, bis zum 18. könnt ihr euch einschreiben.

Ich bin sehr angefixt von diesem neuen Medium, aber gleichzeitig auch froh, erstmal nicht wieder vor eine Kamera zu müssen. Und: Der Zeitaufwand erschlägt mich. Ja, Schreiben ist auch aufwendig, aber dafür braucht man theoretisch nur Stift und Zettel und man sollte mal das Alphabet gelernt haben. Für ein filmisches Projekt brauche ich von vornherein eine gewisse Ausrüstung und damit es irgendwie ansehnlich wird, am besten gleich noch mehr davon. Und auch die Korrektur bzw. das schlichte Anfertigen des schlussendlichen Produkts ist ungleich aufwendiger. Wo mir beim Texten die Backspace-Taste oder notfalls ein Radiergummi reicht, muss ich hier eventuell nochmal nachdrehen, was wieder viel Zeit kostet.

Wer nach der langen, laaaangen Vorrede mein zweites Video sehen möchte: Hier geht’s lang. Wer noch mehr lange, laaaange Anmerkungen zum Video lesen will – quasi der Regiekommentar auf DVD –, kann das unterhalb des folgenden Fotos tun.

Der Film beginnt mit einer Montage von München-Klischees: die erleuchtete Allianz-Arena, das Olympia-Gelände, die Eisbachsurfer, die BMW-Welt, das Hofbräuhaus und natürlich das Oktoberfest. Alles endet mit meinem Satz: Nee, Kinnings, das ist nicht das München, über das ich reden will. Ich hoffe, dass die lustige Bilderflut neugierig macht – und die dräuende Musik aber verdeutlicht, dass es eben genau nicht um was Lustiges geht. F. findet den Ton total doof, ich finde ihn großartig.

Ich wollte mich eigentlich mit dem Handy eine halbe Stunde an die Arena stellen, um eine Zeitrafferaufnahme zu machen, und Freund*innen fragen, ob sie Videos vom Oktoberfest haben, ich selber habe nämlich nur Fotos, aber damit waren meine anderen Motive noch nicht geklärt: Woher bekomme ich Aufnahmen vom Olympiagelände, die besser aussehen als das, was ich vom Olympiaberg produziere, und muss ich jetzt echt noch ins Hofbräuhaus? Beim Rumsuchen nach Oktoberfest-Footage auf YouTube kam mir der naheliegende Gedanke: Wenn das Oktifest auf YouTube ist, dann vermutlich auch alles andere. Und natürlich ist alles da. Immerhin den Eisbach-Surfer habe ich selbst gefilmt, denn ich war ja eh am Haus der Kunst. Ich bin mir nicht sicher, ob die dort fehlende YouTube-Optik die Sequenz verkompliziert oder stört oder total egal ist.

Ich mag die Sequenz auch deshalb, weil ich dort erstmal mit externen Sounds gearbeitet habe. Wenn man einen YouTube-Kanal hat, kann man auf das dortige, sogenannte Studio zugreifen, das ein paar Toneffekte bereit hält. Ich habe mich außerdem bei AudiYou bedient, was aber eher unkomfortabel ist. Unter dem Clip der BMW-Welt liegt ein Motorengeräusch, unter dem Hofbräuhaus Humtatamusik, und das Wo-hoo beim Oktoberfest ist eigentlich eine Zuschauerin eines Hamburger Konzerts, die gerade das Ende eines Auftritts bejubelt.

Was mich an den 15 Sekunden wahnsinnig gemacht hat: Ich habe es auch in tagelanger Arbeit nicht geschafft, die Schnitte perfekt an den Beat der Musik anzugleichen. Also dass sich das Bild auf einem Taktschlag ändert. Keine Ahnung warum. Ich kann Markierungen setzen und ich behaupte von mir, Taktgefühl zu haben, aber ich hab’s einfach nicht hingekriegt. Es ist nah dran, aber nicht so perfekt, wie meine Kollegen das im Forum bei ihren Filmchen hinkriegen. Ich bin sehr neidisch, weiß aber jetzt, was ich als nächstes mache: auf den Beat schneiden üben.

Die längere Sequenz mit den Büchern, die ich auf meinem wackeligen Ikea-Schreibtisch gefilmt habe, wollte ich eigentlich noch mit irgendwas aufpeppen, aber mir ist partout nichts eingefallen, was sie sinnvoll besser gemacht hätte. Natürlich wären alte Aufnahmen von mir toll gewesen – die kleine Anke in bunten Werbeagenturen und die große Anke an der Uni –, aber die habe ich schlicht nicht.

Von Casey habe ich gelernt, dass Ortswechsel prima durch Fahrten visualiert werden können; so weiß die Zuschauerin, dass wir anscheinend nicht mehr am heimischen Schreibtisch sind. Zeitraffer ist herausfordernder, als ich dachte, und ein Handy am Fahrradlenker anzubringen, war auch mit dem kleinen Äffchenstativ schwieriger als erwartet. Die meisten meiner Bilder zeigen eher den Radweg als die Umgebung, daher hatte ich trotz mehreren Fahrten kaum Bilder, die ich gerne sehen oder zeigen wollte. Die Sequenz, wo ich dem Auto ausweiche, ist nicht besonders hübsch, aber links ist die Mauer vom Alten Nordfriedhof, wo das erste Video spielte. Weiß niemand außer mir, aber ich mochte das. (Na gut, ihr wisst das jetzt auch.) Und generell wollte ich Aufnahmen von mir und dem Fahrrad bzw. einer U-Bahn, weil in den meisten Videos aus den USA die ewig gleichen Bilder von „Autotür auf, irgendein Blick auf Mittelkonsole oder Instrumententafel, Blick auf die Straße über die Motorhaube“ sind.

In der Sequenz mit der Alten Pinakothek sehe ich den Unterschied zwischen iPhone und Sony massiv, aber vielleicht nur, weil ich es weiß. Die Aufnahmen von der Front mit der Eingangstür sind das iPhone, die lange Rückseite ist die wackelige Sony auf dem wackeligen Stativ. Okay, es war sehr windig. Direkt danach der Schwenk über das Hauptgebäude der Uni, der so richtig schön unwackelig ist? iPhone ohne Stativ. Knurr. Und hier mag ich besonders den Übergang von Pinakothek zu Uni, das sieht fast wie ein genau so gemeinter, längerer Rechtsschwenk aus. War aber reines Glück, über Anschlüsse habe ich vorher nicht nachgedacht. (Was denn noch?!?)

Bei der kurzen Einblendung meines Buchs hätte ich gerne mein Buch gehabt, aber es ist noch für wenige Tage im Druck. Und danach sind wir in der schönsten Bibliothek aller Bibliotheken, nämlich meinem Bällebad im ZI. Ich stolpere selbst darüber, dass ich über München als Hauptstadt der Bewegung spreche und wir Buchreihen sehen, aber ich wollte partout keine historischen Schwarzweißaufnahmen haben. So sind diese Bilder schlicht der Weg zur Kunst, die wir am Ende der Sequenz sehen. Und ja, das ist Absicht, dass der Ausstellungskatalog, in dem ich blättere, auf dem Kopf steht. Ich will diese Bilder nicht ohne Kontext im Netz haben. Wobei mir durchaus klar ist, dass die Hakenkreuze auch auf dem Kopf deutlich sichtbar sind.

Dann gibt’s wieder Unterwegs-Bilder, die ich beide sehr mag. Das erste, weil die Ludwigstraße mit den goldenen Gebäuden und dem knallblauen Himmel einfach toll aussieht und die Dame auf dem Trottinette so malerisch an der Filmenden vorbeifährt, die brav an einem Sonntagmorgen an der roten Fußgängerampel wartet. Das Bild ist schräg, weil ich nicht fahre, sondern mein Rad schräg an mir lehnt. Sieht aber so gerade noch okay aus, finde ich.

Die Aufnahme an der Ampel mit dem Haus der Kunst im Hintergrund war sehr spontan und Beleg meiner totalen Unerfahrenheit, mich selbst zu filmen. Ich wollte gerne eine Aufnahme von mir, wie ich auf dem Rad irgendwo langfahre. Dazu muss ich mein Handy irgendwo hinstellen, was mir ein bisschen unsympathisch ist, weil ich alleine unterwegs bin und niemand auf das gute Stück aufpasst. Es war Sonntagmorgen, bis auf die Dame im Bild war niemand in der Nähe, und an der Ampel stand ein Streusandkasten. Handy auf dem Stativ abgestellt, geguckt, ob das Haus der Kunst im Bild ist, denn darum ging’s mir ja, und gerade noch die grüne Ampel erwischt. Dann auf der anderen Straßenseite den totalen geistigen Aussetzer gehabt, denn dort stellte ich das Fahrrad ab, hüpfte über die Straße, um das Handy wieder an mich zu nehmen – und dann wurde die Ampel rot. Jetzt hatte ich mein Handy wieder, aber bibberte nun 30 Sekunden, ob drüben jemand mein Fahrrad klauen würde, was nicht möglich gewesen wäre, wenn ich einfach wieder zurückgefahren wäre, ich Huhn.

Für die zwölf Sekunden Text auf der Eingangstreppe des Museums habe ich ungefähr 20 Minuten gebraucht. Ich habe den Text mehrfach eingesprochen und den Rest der Zeit auf eine Verkehrspause gewartet.

Bei den Radfahrenden habe ich überlegt, ob die erste Szene nötig ist, aber ich fand die ganze Sequenz von der Länge her gut. Was ich von Caseys Edits mitgenommen und hoffentlich beherzigt habe: immer schön abwechseln in Tempo, Bild und Musik. Nachdem ich eben recht viel Text hatte und demnächst noch ein Berg Text kommt, darf die Zuschauerin gerne kurz Luft holen. Die halbe Sekunde gönne ich ihr, auch wenn sie filmisch nicht nötig wäre. Und ich mochte die Vespa gerne, auf die ich auffahre und die mich dann überholt.

Beim Eröffnungsshot für die lange Pinakothekssequenz habe ich brav darauf geachtet, nicht wieder schlicht den Eingang zu filmen, sondern mir eine Position zu suchen, wo ich vielleicht ein interessantes Detail habe, das die Zuschauerin noch nicht kennt. In diesem Fall die Skulptur, die ich mir kurz ergoogeln muss: Sie sehen Fritz Königs „Große Biga“ von 2000. Dann kommt wieder blöder Pixelmatsch, damn you, Sony.

Und noch eine Büchersequenz bzw. eine mit Fotos. Das antiquarische Buch „Häuser zeichnen“ (1957) von Hans Döllgast, dem Architekt, der die Pinakothek restaurierte und für das herrliche Treppenhaus verantwortlich ist, hatte mir F. mal zu Weihnachten geschenkt; ihm liegen mehrere Fotos bei, von denen eins eine Seitenansicht der Pinakothek von 1957 zeigt, die bei mir gerahmt im Schlafzimmer steht. Die anderen beiden Ansichten sind im Film zu sehen. Im Buch liegt außerdem eine von Döllgast unterschriebene Karte: „Lieber Kollege! Aug um Aug, Buch um Buch. Um milde Beurteilung wird gebeten.“ Ich weiß leider nicht, welchem Kollegen das Buch mal gehörte, aber ich liebe es sehr. Es steht, wenn ich es nicht gerade abfilme, neben dem Foto auf einer Bilderleiste, obwohl Orange ü-ber-haupt nicht in das Farbkonzept des Schlafzimmers passt. Bei der Sequenz fällt mir leider immer auf, dass ich meinen schlumpfigen Ringelpulli trage und nicht mein übliches Dunkelblau. Die abschließenden Bilder von der Pinakothek sind auf halbe Geschwindigkeit verlangsamt, damit DAS VERDAMMTE WACKELN nicht so nervt.

Jetzt kommt die zweite Lieblingssequenz nach dem Einstieg: Schöne iPhone-Farben, neue Musik und dann geht’s endlich mal irgendwo rein, wo es Gemälde zu sehen gibt. Die Pinakothek wurde in den vergangenen Jahren renoviert und das hat sich total gelohnt. Das Rot der Wände knackt so super, das Licht ist toll, ach herrlich. Mir ist zum ersten Mal aufgefallen, dass die Metallschnüre (?), an denen die Werke hängen, für eine gewisse Länge mit farbigem Stoff ummantelt sind, damit es keinen Kontrast zur farbigen Wand gibt. Auch hier hätte ich noch ein paar Sekunden rausschneiden können, aber ich wollte die Raffaels so lange wie möglich im Bild haben, und Rubens schadet ja auch nie. Mein geliebter Lotto ist gerade ausgeliehen oder abgehängt, der Columba-Altar schien mir zu kleinteilig, das „Schlaraffenland“ ist in ein Seitenkabinett verbannt und spiegelt, der Botticelli hatte irgendwie komisches Licht und vorm Dürer standen Leute, daher gibt’s nur Raffael und Rubens. Und: Hier habe ich es endlich mal geschafft, auf den Beat zu schneiden: Das Bild wechselt, wenn sich die Musik danach anhört.

Im Forum kam die Anmerkung, die Raumflucht sähe total nach Kubrick aus, ob da nicht auch „ epic Kubrick music“ drunter passen würde? Das mag sein, aber ich wollte die Musik so unaufdringlich wie möglich haben, eher einen Plink-Plonk-Klangteppich, nichts Episches. Als weitere Anmerkung zum generellen Film kam, dass ich etwas „teachy“ klingen würde; ob es nicht auch möglich wäre, quasi gemeinsam mit der Zuschauerin die Dinge zu entdecken, die ich präsentiere? Also: „Ich komme aus Hamburg, ich wusste vorher nicht, dass es in München dies und das gibt.“ Oder: „Ich frage mich, warum die Steine an der Fassade verschiedene Farben haben.“ Klingt nach einer guten Idee, aber sie ist, meine ich derzeit, nicht für mich. Ich weiß ja, was ich weiß und will daher auch nicht so tun, als ob ich es nicht wüsste. Aber ich finde die Idee gut, auf eine Reise zu gehen und die Zuschauerin mitzunehmen.

Vom tollsten Treppenhaus der Welt wollte ich eigentlich eine Zeitrafferaufnahme machen, wie die Menschenmengen dort hoch- und runterwogen, aber es ist Pandemie und in meinem Fall war es Mittwochmittag, da waren einfach nicht so irre viele Menschen im Treppenhaus unterwegs. Genauer gesagt, habe ich lausige vier Personen auf mehrere Aufnahmen verteilt einfangen können und mich dann doch lieber für eine komplett leere Treppe entschieden.

Die Skulptur nenne ich im Film nicht namentlich, hätte ich vielleicht als Einblendung machen sollen, aber ich wollte das nicht überfrachten. Wir sehen den „Rossebändiger“ (1931) von Bernhard Bleeker.

Bei den drei Tafeln zu den „Wunden der Erinnerung“ ist mir aufgefallen, dass die Zuschauerin nichts mit der Ortsangabe der Universitätsbibliothek anfangen kann. Daher ist der Schwenk zur Uni vorhin im Video drin, damit wenigstens der Begriff „Universität“ schon mal gefallen ist. Das Bild fiel mir spontan ein, als ich auf dem Weg zum Haus der Kunst war; der Himmel war so toll blau, das Licht gut und ich dachte, vielleicht kann ich die Unibilder vorne in die erste Büchersequenz schieben, wenn ich über mein Studium spreche. Habe ich dann nicht gemacht, aber beim Schnitt war ich froh über diese Eingebung, weil die Szenen später gut passten.

Die Sequenz mit der U-Bahn ist natürlich nicht der richtige Anschluss; vom Haus der Kunst kommt man nicht so direkt mit der U-Bahn weg, aber Fahrrad hatten wir jetzt genug. Ihr fahrt jetzt von meiner Heimathaltestelle mit mir zum geliebten Königsplatz, weil ich ins ZI muss. Und mir ist jede Ausrede recht, den Platz zu zeigen. Die Bilder von dort sind übrigens nicht im Zeitraffer aufgenommen, ich schwenke mal wieder zu hektisch. Verlangsamen wollte ich die Sequenz aber auch nicht, weil sie mir dann zu lang wurde.

Mit der kompletten Sequenz ab dem Königsplatz hadere ich, ich finde sie zu wackelig, vor allem die abschließenden Aufnahmen des ZIs. Die habe ich ewig umgeschnitten und mich zum Schluss in mein Schicksal ergeben, dass diese Bilder halt sehr meh sind. Auch die Szenen, in der wir gemeinsam wieder nach dem Blättern aus dem ZI rausgehen, gefällt mir nicht, aber hier hatte ich nur diese eine Aufnahme. Während ich für das erste Video insgesamt viermal losgezogen bin, um an einer Location zu filmen, habe ich mir hier untersagt, irgendwas nachzudrehen. Deal with it, move on.

Dass der große Schwenk zum Schluss so perfekt in der Länge zum Voice-over passt, ist reines Glück. Nichts geschnitten, keinen Text gekürzt oder verlängert, das passte einfach. Und hier sind dann endlich die Texteinblendungen, für die ich mich an Final Cut gewagt habe. Hat sich total gelohnt. Inneres Augenrollen, aber dann doch nicht, weil die Worte „Alte Pinakothek“ so schön einfach in die Ecke zu schieben waren. Ich hatte kurz überlegt, die Schriftgröße zu verkleinern, damit es perspektivisch besser stimmt, aber das war mir zu albern.

Den Rausschmeißertext habe ich, wie oben erwähnt, an mehreren Orten eingesprochen: am Haus der Kunst, vor dem ZI, in der ZI-Bibliothek und zuhause am Schreibtisch. In der Pinakothek war mir das zu peinlich, ich hatte den Text aber in der Hosentasche. Schlussendlich geworden ist es die ZI-Bib, weil dort der Ton am besten war, aber ich wollte zum Schluss nochmal das Bild davor aufgreifen, also das Haus der Kunst, und deswegen ist der letzte Satz dann wieder mit Verkehr und Wind.

Und jetzt legen wir den Film zu den Akten und machen den nächsten, wo ich wieder brav alles Gelernte anwende. Und danach mit allem hadere. Also alles wie immer.

Filmschule mit Casey Neistat

In den letzten zwei Wochen habe ich mich nicht nur mit Kunstgeschichte und Werbung beschäftigt, sondern auch noch mit der Videofunktion meines iPhones. Und das kam so.

Im Dezember lungerte ich mal wieder auf YouTube herum und sah, dass Casey Neistat ein neues Video gepostet hatte. Ich hatte sein Vlogging ewig verfolgt, aber ihn irgendwann nicht mehr so richtig auf dem Schirm, als er sein tägliches Videotagebuch beendete. In seinem neuen Beitrag erzählte er, dass er eine Art Filmschule anbiete, einen Kurs bei Monthly, der einen Monat dauern, ungefähr acht Stunden Zeit pro Woche verschlingen und 250 Dollar kosten würde. Als User bekommt man Zugriff auf vorgefertigte Videos, in denen Neistat seinen Arbeitsprozess erklärt: wie er Ideen im Alltag findet, wie er daraus einen klassischen Dreiakter macht, wie er schneidet, wie er aus Material einen Film schafft eben. Ich schlief ein paar Nächte darüber und klickte dann auf „Kauf ich, gib her“. Oder ähnlich.

Am 10. Januar ging es dann los. Der sogenannte Classroom ist eine Art Forum, das man mit 20 Mitstudis befüllt. Am ersten Tag ging es um Ideenfindung; seine Idee sollte man mit einem Foto illustrieren und beschreiben. Danach begann das Filmen, auch hier sollte man seine Peer Group schön auf dem Laufenden halten, indem man den ersten Akt postete. Auf den mussten dann drei Peers Feedback geben, daraufhin hatte man noch einen Tag Zeit für Reshoots – deswegen war ich gestern nochmal im Schnee –, und morgen muss der fertige Film online sein. Ich habe ihn bereits heute hochgeladen wie einige andere auch, damit ich nicht noch länger an ihm rumdengele. Manche luden das Ding auch nicht aktweise, sondern gleich komplett hoch, jeder wie er mag. Hier gendere ich bewusst nicht, denn, totale Überraschung, es sind quasi nur Kerle an Bord.

Nachdem ich meinen Film hochgeladen hatte, gelangte ich in eine Übersicht, die anscheinend allen offen steht, nicht nur den Menschen, die für den Kurs bezahlt haben (man kann seinen Film auf „unsichtbar“ stellen). Ihr könnt euch also mal durchklicken. Dort sind etwas mehr Frauen erkennbar, aber die große Masse sind die Jungs, vor denen ich ein bisschen Angst hatte: die Casey-Klone. Was schon in der Kursbeschreibung deutlich wird: Neistat bringt einem hier nicht bei, wie generell Filmemachen funktioniert, sondern wie seine Art zu filmen funktioniert. Daher wusste ich, was auf mich wartet, aber dass dann doch so viele Menschen dabei sind, die ihn teilweise bis zur Schrifttype in der Titelfolie kopieren, fand ich etwas anstrengend.

Ich hatte gehofft, mich geistig etwas aus allem rauszuziehen und so zu lernen, wie ich die letzten Jahre am besten gelernt habe: Jemand erzählt mir was, ich mache Notizen und setze es dann für mich passend um. Das ging nicht so ganz, weil ich es dann doch nett fand, wie freundlich meine Peer Group untereinander war. Das Feedback war grundsätzlich lobend und erst in Nachsätzen kamen manche Kritikpunkte. Daher fühlte ich mich bemüßigt, auch positives Feedback zu hinterlassen. Die ganze Interaktion hat mich geistig mehr beschäftigt als erwartet; genau wie das Gefühl, mit etwas absolut Unperfektem an die Öffentlichkeit zu gehen. Man sollte meinen, dass ich das nach 100 missratenen Kuchen lockerer wegstecke, aber ich war und bin total nervös mit diesem Videoding. Einfach, weil ich es noch nie gemacht habe. Deswegen der Kurs. Schlau, oder?

Aber vielleicht fange ich mal von vorne an.

Die Diss ist quasi durch, das Buch ist im Druck. Ich sitze schon an weiteren Kunstgeschichtsprojekten, aber nichts, was mich (derzeit) 40 Stunden die Woche fordert, und da die doofe Pandemie immer noch nicht vorbei ist, kann ich auch gerade nicht für eine Woche nach Nürnberg und im Kunstarchiv wohnen. Die Werbung läuft gut und fordert mich und erfreut, aber auch da ist noch Luft. Und daher dachte ich im Dezember, ach, lässte dir doch mal von Casey erzählen, wie er so arbeitet, um den Kopf in einem neuen Bereich etwas anzustrengen. Was ich ja gerne mache, wenn mir langweilig wird. Aus dem letzten dieser Anflüge ist ein Doktortitel geworden.

Daher hatte ich in der Weihnachtszeit bei meinen Eltern auch des Öfteren das Handy quer vor der Nase und testete die Videofunktion. Mit den vielen Schnipseln aus Tannenbäumen, beladenen Tellern, einer Zugfahrt durch Deutschland und Papa im Pflegeheim, der dem Handy die Zunge herausstreckt, bastelte ich mit iMovie, das auf dem Mac vorinstalliert ist, einen Dreiminüter; davor hatte ich ein paar Tutorials für dieses Programm auf YouTube gesehen. Ich ergoogelte mir eine kosten- und lizenzfreie Musikdatenbank, legte ein bisschen Weihnachtsmusik drunter und hatte meinen ersten Film gemacht. (Den ich nicht online veröffentlichen werde wegen Papa.)

Halbwegs gut vorbereitet startete ich also das erste Video, in dem Neistat uns eine halbe Stunde lang an seiner Ideenfindung teilhaben ließ. Ein Kamerateam ging mit ihm durch New York, und er spuckte im Minutentakt Ideen aus, die sich daran entzündeten, was er sah, hörte, wer ihm über den Weg lief. Er erklärte, aus welcher Idee sich welche Art Film machen ließ, verwarf, dachte neu, und hatte schließlich eine Idee. Unser Job war es am ersten Tag nun, selbst eine Idee zu finden. Als Ratschlag hieß es: Nimm einen Ort, an dem du dich wohlfühlst oder auskennst – deine Wohnung, dein Weg zur Arbeit, setz dich ins Auto und fahr rum, räum deinen Keller auf und guck, was du findest. Irgendwas.

Das kenne ich ja aus der Werbung, aus Luft eine Idee machen zu müssen, daher hatte ich relativ schnell sieben runtergeschrieben und fuhr zu der Location, die mir als erstes eingefallen war. Der Job beim ersten Film war nicht, mit einem Script loszulegen, sondern spontan zu filmen. Genau daran scheiterte meine erste Idee schon, denn vom morgendlichen Gedankenblitz bis zum abendlichen Feedbackgespräch mit der besten Freundin hatte ich im Kopf schon ein Script und mir auch überlegt, wo ich was shooten müsste, um meine Story zu erzählen. Die Dame aus Hamburg wies mich freundlich-bestimmt darauf hin, dass das nicht der Job sei, für den ich 250 Dollar bezahlt hätte und ob ich mal aus meinem Kopf und meiner Komfortzone (IMMER ALLES ZU OFT DURCHDENKEN!) rauskommen könnte.

So entschied ich mich für meine zweitliebste Idee, die in meinen Augen nicht mal eine war, sondern nur eine Location, nämlich der Alte Nordfriedhof, über den ich dauernd rübergehe, um auf dem Weg zum Bäcker meinem Lieblingsgrab Hallo zu sagen. Und da war der Anfang einer Idee: Ich zeig den Jungs eine schöne Skulptur. Jetzt muss ich nur noch ein bisschen sinnvolles Fleisch drumrumbasteln.

Wir sahen Neistat in einem weiteren Film beim Drehen zu: Wie komme ich an gute Orte, wie mache ich das Bild interessant, wieviel B-Roll sollte ich aufnehmen? Dabei erwähnte er, dass er zum Schluss, als er sein eigenes Vlog-Format verinnerlicht hatte, meist nur 20 Minuten Film für sein zehnminütiges Video brauchte. Ich konnte das noch nicht, ich habe viel zu viel zu viel zu viel gefilmt. Learning: Du brauchst wirklich nicht jeden Grabstein.

Was ich auch nach dem ersten Shooting (von ingesamt vieren) lernte: warum so viele Menschen plötzlich zu totalen Gearheads werden. Die einzige erforderliche Ausrüstung für den ersten Film war ein Handy und eine Videoschnittsoftware. Ich sehe an vielen Filmen, dass da garantiert schon Systemkameras und Richtmikros im Spiel waren, aber egal, wenn ich die hätte und mit ihnen umgehen könnte, würde ich die auch nutzen. Denn das war das zweite Learning: Die Bilder, die ich im Kopf hatte, habe ich mit einem Handy und einer wackeligen Hand nicht hinbekommen. Ich wollte schon nach einer Stunde mindestens ein Stativ und nach der zweiten Stunde eine anständige Kamera mit einem anständigen Zoom. Den habe ich nur einmal genutzt und dann nach weiteren Versuchen davon Abstand genommen; ich kann mein Handy nicht ruhig halten und gleichzeitig zoomen.

Drittes Learning: Die Kamera ist mobil. Wer hätte es gedacht. Nach der Sichtung meines ersten Materials stellte ich fest, dass ich eher fotografiert als gefilmt hatte. Das mag an meinen Motiven gelegen haben – Grabsteine, meist unbeweglich –, aber auch daran, dass ich mehr auf Bewegung im Hintergrund geachtet hatte, um das Bild interessanter zu machen anstatt darauf, eine Kamerafahrt zu nutzen.

Ich wusste am Anfang noch nicht genau, was ich eigentlich sagen wollte, weswegen ich viel zu viel Zeug aufnahm. Die Grundidee war schlicht, dass ich es spannend finde, dass ein Platz für die Toten heute einer für die Lebenden ist; der Friedhof ist ein Quasi-Park, auf dem Leute joggen gehen oder ihre Kinder auslüften. Daher nahm ich viele Menschen beim Joggen auf und merkte auch da erst nach der ersten Durchsicht, dass ein Platz auf dem Weg total langweilig ist und die Bilder viel spannender sind, wenn ich aus dem Gräberfeld rausfilme. Generell war das der größte Lerneffekt und der, der mich wirklich wachhielt in einigen Nächten: wie anders es ist, eine Geschichte mit Bildern zu erzählen anstatt mit Worten. Klar hatte ich schon Werbefilme geschrieben, aber noch nie selbst einen gedreht. Die Leistung, erst einmal Worte zu finden, die einen Inhalt transportieren, und diesen dann in ein Bild zu übersetzen, fand ich durchaus herausfordernd.

Die größte Herausforderung war allerdings eine andere. Mir war im Vorfeld, wie erwähnt, klar, dass ich nicht wie Casey filmen wollte. Daher war mir auch klar, dass ich nicht vor die Kamera wollte. Im Laufe der Filmentwicklung verstand ich aber, dass ein Film, in dem ich anderen etwas zeigen möchte, überzeugender oder attraktiver wird, wenn ich, die Zeigende, auch mal zu sehen bin und nicht nur zu hören. Das ist jetzt ein sehr verkürzter Gedankengang; die Idee, selbst im Bild zu sein, musste über mehrere Tage reifen. Das hat ein bisschen Überwindung gekostet, aber dann doch nicht so viel, wie ich dachte. Ich will hier nicht schon wieder das große Fass der Körperlichkeit aufmachen und der konventionellen Attraktivität und des Hasses auf dicke Menschen, der im Internet immer sehr schnell da ist. Die Peer Group erschien mir okay genug, um das zu wagen, also wagte ich es. So weit war ich selten aus der Komfortzone, möchte ich kurz nach Hamburg vermelden.

In weiteren Videos erläuterte Neistat dann seinen Schnittprozess, den ich mit am spannendsten fand – allerdings auch für mich nur bedingt anwendbar. Ich kann seinen Gedankengang nachvollziehen, wenn er sagt: Du hast auf YouTube nur zehn Sekunden, um Leute dazu zu kriegen, dein Video anzuschauen, also: grab them. Hol sie mit irgendwas rein. Diese Art Clickbait ist mir zutiefst zuwider, ich hasse, wirklich hasse auch seine peinlichen Videotitel, die nie das sagen, was im Video zu sehen ist, aber genau nach dieser Schiene funktionieren: grab them. Mein Video beginnt mit einer zehnsekündigen Fahrt über einen Grabstein und basta. Ich gebe aber zu, dass sie mal 16 Sekunden lang war.

Ich meine, ich kann das Interesse an der Story wachhalten, kann es aber wirklich nicht mehr beurteilen, weil ich den Film – natürlich – ungefähr 50mal gesehen und geändert habe. Irgendwann gestern, nach dem vierten Shooting, beschloss ich für mich, dass ich an diesem Film genug gelernt hätte, machte den finalen Edit und legte ihn damit geistig zu den Akten. Es gibt vieles, was ich gern anders hätte, aber dafür hätte ich nochmal losziehen oder mir eine Steadycam kaufen müssen, und irgendwann ist es auch mal gut.

Ich hoffe, ich kann das Gelernte weiter im zweiten Film umsetzen, den wir, wenn ich unseren Stundenplan richtig im Kopf habe, am Mittwoch beginnen, dieses Mal mit Script und mehr Vorbereitung. Die genauen Kursinhalte, also die Lehrvideos, sind für diesen Film noch nicht freigeschaltet, daher kann ich dazu noch nichts sagen. Ich weiß aber jetzt schon, dass ich vermutlich nicht in ein Richtmikro investieren werde; ein Handystativ habe ich mir gegönnt und auch gerne benutzt, und wie meine Systemkamera Videos dreht, habe ich auch schon ausprobiert. Das Medium Video verlangt von mir irrwitzig viel Zeit; Schreiben geht eindeutig schneller, auch wenn dieser Blogeintrag schon wieder ähnlich viel Zeit kostet wie eine Runde Shooting auf dem Friedhof. Daher ahne ich, dass es bei diesem Kurs bleiben wird und ich nicht zu einer YouTuberin mutieren werde. Aber das war ja eh nie der Plan. Ich habe auf jeden Fall sehr viel Spaß und lerne im Zeitraffer Dinge, die sich wirklich erst noch setzen müssen. Wenn ich auch nicht auf YouTube ende, möchte ich auf jeden Fall für den Privatgebrauch weiter mit Videos rumspielen.

Und jetzt komme ich noch weiter aus der Komfortzone raus und verlinke das Video, das bei YouTube nicht gelistet ist, aber es hat eine URL. Die Kommentare sind selbstverständlich deaktiviert, wie sich das gehört. Enjoy. (Hoffentlich.)

„Ziehet die Bahn durch deutsches Land“

Am 14. Februar erscheint mein Buch über Protzen und die Malerei zur Reichsautobahn. Es ist jetzt auch in der Reihenübersicht des Verlags zu finden. Ich ahne, dass es dort keine Leseprobe geben wird, aber ich versuche, zu gegebener Zeit hier eine hochzuladen. Bis dahin dürfen Sie gerne schon bei der wissenschaftlichen Bibliothek Ihrer Wahl einen Anschaffungswunsch hinterlegen. Sobald es dort steht, können Sie nämlich auch ein formschönes E-Book herunterladen.

Was schön war, Jahresanfang 2022

Eigentlich wollte ich diese Woche schon konzentriert anfangen zu arbeiten, aber es ist eher eine Woche von konzentriertem Kochen, Lesen und Ausruhen geworden. Mir ist erst in den vergangenen Tagen klargeworden, wie anstrengend inzwischen die Zeit in der alten Heimat ist, auch wenn Papa nicht mehr zuhause lebt. Auch das Mütterchen ist eben keine 25 mehr und ich beschäftige mich mehr mit ihrem Zustand als jemals zuvor.

Pastinaken, Möhren, Edamame, Sprossen, ordentlich Butter und Knoblauch.

Kung-Pao-Tofu. Ich sollte öfter mit Szechuanpfeffer kochen. Oder wenigstens kurz die Nase ins Döschen stecken, das duftet herrlich!

Bohnensuppe mit Tomaten und gerösteten Zwiebeln, Ottolenghi im Guardian. Im gleichen Link das Rezept zum folgenden Bild: Sauerscharfe Suppe mit Sprossen, im Rezept mit Kohl, bei mir mit Zucchini und Rettich.

Seit längerer Zeit, quasi seit Beginn der Diss, suchte ich ein Buch, das in München nur in der Stabi steht und auch dort nur in den Lesesaal geliehen werden kann. Es ist ein Überblickswert über Darstellungen von Arbeit und Industrie, ich das ich ewig reingeschaut habe, aber nie am heimischen Schreibtisch. Deswegen suchte ich auf archivalischen Plattformen, aber das Ding war meist jenseits von Gut und Böse bepreist. Bis letzte Woche, wo ich ein angebliches Bibliotheksexemplar für 50 Euro fand (sonst fingen die Angebote für die Hardcoverausgabe jenseits der 100 an; das Softcover wollte ich nicht, das hat eine eher bescheidene Abbildungsqualität und um die geht es mir ja vorrangig). Die Rezensionen machten mich etwas nervös; anscheinend verschickte der Verkäufer öfter mal Ware, die nicht dem Zustand entspricht, mit dem er sie angeboten hat. In meinem Fall traf aber alles zu: Das Buch sieht quasi unberührt aus. Danke, Institut für Kunstgeschichte der Uni Karlsruhe, dass sich bei euch anscheinend niemand für den Titel interessiert hat.

Pinkfarbene Tulpen in meiner Bibliothek. Dort dachte ich ewig über eine neue Wandfarbe nach, Gardinen, vielleicht die Regale lackieren, dämliche Buchen-Billys? Im Endeffekt schob ich ein Regal wieder dorthin, wo es schon beim Einzug gestanden hatte, drehte ein weiteres aus dem Raum spießig wieder an die Wand zurück, obwohl wir ja wissen, dass „Alles an der Wand lang“ eine total langweilige Einrichtungsart ist. Im Moment möchte ich aber Langeweile und Übersicht in diesem Raum. Und Tulpen.

In der Küche dachte ich ebenfalls über Veränderungen nach, hielt mich aber zurück und bestellte keine breiten Unterschränke, sondern schichtete Zeug in Körbe um, die jetzt im weiterhin zu flachen und zu niedrigen Regal stehen. Immer noch nicht perfekt, aber aufgeräumter und ruhiger.

Die Inhalte der ganzen angebrochenen Packungen aus dem Vorratsschrank wurden in Gläser und Flaschen umgefüllt. Wodurch im Schrank Platz wurde für die eher unahnsehnlicheren Dinge in meiner Küche (Gewürzdosenchaos). Ich betrachte meinen Frühjahrsputz verfrüht als erledigt.

Bei der Date Night mit F. einen Sauvignon blanc für besser als erwartet entdeckt. Generell ein sehr schöner Abend. Sollten wir öfter machen. (Verpiss dich endlich, Virus.)

Zuwendungen von Leserinnen erhalten: einmal eine 1-Kilo-Tüte Quaxi aus Bonn, einmal zweihundert Seiten Trost aus Berlin. Vielen Dank für beides!

Am Freitag kam nach fürchterlich langen drei Wochen endlich wieder meine Gemüsekiste. Am Heiligabend hatte ich sie abbestellen müssen, weil ich nicht in der Stadt war, und letzte Woche machte der Versender wohlverdienten Urlaub. Zur Feier des Tages bestellte ich deutlich mehr als sonst und habe nun Tempeh (noch nie gegessen) und Lauchzwiebeln, deren Grün gefühlt dreimal so lang ist wie bei der Supermarktware. Sehen so Frühlingszwiebeln aus? Egal, Spring Onion Pancakes für alle!

Die ebenfalls mitbestellten Franzbrötchen konnten nicht vollständig überzeugen, aber auch ein mieses Franzbrötchen ist besser als gar kein Franzbrötchen.

Mit dem neuen Rechner kamen ein paar Einschränkungen, wie immer, wenn man gefühlt vier Betriebssystemversionen überspringt, weil die alte Kiste einfach nicht mehr mitkommt: Mein Photoshop lief nicht mehr. Ich könnte jetzt natürlich weiterhin meine wenigen Fotos fürs Blog auf dem alten Rechner bearbeiten und sie mir per Mail schicken. Oder weiter, wie in den letzten Wochen, mit Vorschau und Gimp rumstümpern. Oder ich abonniere für 11 Euro im Monat ein Adobe-Paket und darf entspannt an meinem neuen Rechner arbeiten. Dafür werde ich vermutlich Amazon Prime kündigen, ich versuche eh, dort nicht mehr so oft zu bestellen. Auch die drei Probemonate AppleTV werde ich nicht verlängern, dort gibt es quasi nichts, was mich interessiert.

Von Gabriele Tergit ist ein weiterer Roman erschienen: „So war’s eben.“ Der DLF berichtete.

Erneut einer Vorlesung aus der Berliner Humboldt-Uni gefolgt. Wenig Neues für mich – es ging um Raul Hilbergs Standardwerk –, trotzdem wichtig.

Mich vor einem Aufsatz gedrückt und stattdessen einen langen Blogeintrag verfasst. Meine Lust zum Bloggen geht seit Monaten immer mehr zurück. Vielleicht liegt es an der Situation mit Papa, vielleicht auch einfach damit, dass ich es schon so lange mache. Jahrelang habe ich damit kokettiert, dass Bloggen für mich wie Zähneputzen ist, das mache ich halt einfach. Aber so langsam habe ich das Gefühl, dass meine Blogeinträge auch immer mehr dieses Niveau haben: wie einfach nebenbei gemacht (so entstehen sie halt derzeit). Deswegen freuen mich Einträge wie der vom Mittwoch, weil ich über den nachdenken musste. Dieser hier ist Pflichterfüllung, weil Menschen mir Süßigkeiten und Bücher schicken oder mich auf Patreon unterstützen. Ich ahne trotzdem, dass dieses Jahr vielleicht das letzte sein wird, in dem ich diese Tagebuchform mit Kochblogeinsprengseln weiterführen werde. Ich habe am 1. Juli 2002 meinen ersten Blogeintrag in dieser Form veröffentlicht; vielleicht sollte ich das nach 20 Jahren einfach mal lassen oder ändern. Ich werde mir das bis Ende Juni überlegen.

Diskontinuität und Konsensfiktion

Ich denke gerade über zwei Begriffe nach, die mir gestern in verschiedenen Medien untergekommen sind. Sie stehen beide in der Überschrift.

In einem Artikel im NYT Magazine zeigt sich die Autorin Elizabeth Weil über die vielen Waldbrände in Kalifornien irritiert: „This Isn’t the California I Married.“ Bevor sie und ihr Ehemann in diesen US-Staat zogen, war ihnen theoretisch klar, dass Waldbrände eine immer wieder auftretende Gefahr waren. Nun aber sind sie ständig präsent: „Living in California now meant accepting that fire was no longer an episodic hazard, like earthquakes. Wildfire was a constant, with us everywhere, every day, all year long, like tinnitus or regret.“ War der orangefarbene Himmel, der 2020 öfter vertwittert wurde, ein Hinweis auf die drohende Apokalypse? Alex Steffen, laut seiner Twitter-Bio und dem Artikel ein „climate futurist“, erklärt:

„We have this idea that the world is either normal and in continuity with what we’ve expected, or it’s the apocalypse, it’s the end of everything — and neither are true,” he said. That orange sky in 2020? “We’re all like, Wow, the sky is apocalyptic! But it’s not apocalyptic. If you can wake up and go to work in the morning, you’re not in an apocalypse, right?”

The more accurate assessment, according to Steffen, is that we’re “trans-apocalyptic.” We’re in the middle of an ongoing crisis, or really a linked series of crises, and we need to learn to be “native to now.” Our lives are going to become — or, really, they already are (the desire to keep talking about the present as the future is intense) — defined by “constant engagement with ecological realities,” floods, dry wells, fires. And there’s no opting out. What does that even mean?

We’re living through a discontinuity. This is Steffen’s core point. “Discontinuity is a moment where the experience and expertise you’ve built up over time cease to work,” he said. “It is extremely stressful, emotionally, to go through a process of understanding the world as we thought it was, is no longer there.” No kidding. “There’s real grief and loss. There’s the shock that comes with recognizing that you are unprepared for what has already happened.”

Der letzte Absatz ließ mich an den derzeitigen Umgang mit Corona denken bzw. im Nachgang auch über mein verändertes Denken über deutsche Politik und, auch durch die Dissertation, generell mit meinem Gefühl, in diesem Land zu leben. Wo ich mich jahrelang durchaus als Verfassungspatriotin bezeichnet habe, suche ich derzeit wieder etwas festeren Boden unter den Füßen. Ich weiß noch, wo ich stehe, aber ich spüre, dass sich der Boden unter mir verändert hat. Oder anders: dass der Boden nie der war, für den ich ihn hielt.

Ich lese gerade das Buch Ganz normale Organisationen. Zur Soziologie des Holocaust von Stefan Kühl (hier eine gute Rezension bei hsozkult). Kühl belegt, dass der Großteil der Täter im NS-Staat innerhalb bestimmter Organisationen funktioniert hat (SA, SS, Wehrmacht), was für ihn der Hauptgrund für die Teilnahme an Tötungsaktionen war. Innerhalb einer Organisation besteht von vornherein eine gewisse Übereinkunft über ihre Grundlagen und Ziele; genau deshalb schließt man sich ihr an. In Bezug auf die immer schwerwiegenderen Einschränkungen der jüdischen Bevölkerung im „Dritten Reich“ und ihrer medialen Begleitung benutzt Kühl den Begriff der

„antisemitischen Konsensfiktion, die sich während der Dauer des NS-Regimes immer weiter verfestigt hat. Konsensfiktion heißt, so der Definitionsvorschlag Niklas Luhmanns, dass man ‚bei einer Begegnung mit anderen zunächst von der Gemeinsamkeit wechselseitiger Erwartungen ausgehen‘ kann, ‚ohne jeweils im Einzelnen abklären und aushandeln zu müssen, wie weit die Zustimmung wirklich geht.‘ Ein Angehöriger der Ordnungspolizei, der in einem Gespräch in Übereinstimmung mit der NS-Propaganda verkündete, dass die Juden das ‚Unglück des deutschen Volkes‘ seien, konnte etwa davon ausgehen, sich im Rahmen einer abgesicherten Konsensfiktion zu bewegen. Die Zustimmung basiert nicht vorrangig auf der Internalisierung von Normen oder Überzeugungen, sondern kann sich auf die ‚ungeprüfte Unterstellung‘ verlassen, dass ‚alle anderen zustimmen.’“ (S. 102/103)

Da ich von Soziologie keine Ahnung, aber dafür Google habe, was Sie bitte nicht mit einer ernsthaften wissenschaftlichen Auseinandersetzung verwechseln sollten, fragte ich die allwissende Müllhalde nach dem Begriff der Konsensfiktion und stellte interessiert fest, dass er nicht auf mörderische Organisationen begrenzt ist, sondern auch Paarbeziehungen und Businessmeetings mit ihr funktionieren oder dass über sie im Bezug auf Demenzkranke und ihre Pflege geforscht wurde.

Ich stieß aber auch auf eine Publikation, die sich genau mit der Frage beschäftigt, die ich hatte: ob sich nämlich die sogenannten Spaziergänger auf ihren Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen innerhalb einer Konsensfiktion des Widerstands befänden. Der Artikel stammt vom Juli 2020 und nennt überraschend genau diese Maßnahmen bzw. die zustimmenden und warnenden Berichte und Tweets über sie eine Konsensfiktion. Also genau das Gegenteil von meiner Annahme:

„An die Stelle demokratischer Aushandlung und Debatte traten dagegen zunehmend Konsensfiktionen, also sprachliche und andere symbolische Praktiken, die einen gesellschaftlichen Konsens lediglich behaupteten, inszenierten oder manipulativ einforderten, um damit politische Entscheidungen gegen Kritik zu immunisieren. Hierzu gehör(t)en vor allem Einheitsparolen verbunden mit moralischen Appellen, Ermahnungen und Belehrungen mit latenten sozialen oder explizit-[wider]rechtlichen Sanktionsandrohungen bei nonkonformem Verhalten (vgl. etwa zwischenzeitlich populäre Twitter-Hashtags wie #wirbleibenzuhaus nebst allen Varianten, #FlattenTheCurve, #ApplausFuerDieHelden etc.; […]). Wir-Rhetoriken nahmen temporär genauso sukzessive zu wie etwa die Adjektive gemeinsam (ein Schlagwort der Unionsparteien) und solidarisch (einst Fahnenwort linker/Arbeitnehmer-bezogener Interessensgruppen). […]

Konsensfiktionen und Alternativlos-Rhetoriken sind in vielerlei Hinsicht problematisch: Erstens verhindern sie eine offene und kritische Debatte; zweitens ver- oder überdecken sie tatsächliche soziale Unterschiede, Problemlagen und Bedürfnisse (etwa die Abhängigkeit von Gesundheit und sozialer Herkunft); drittens befördert sich schwelende Unzufriedenheit, die sich früher oder später Bahn bricht, den sozialen Frieden gefährdet und/oder Orientierung in allem sucht, was nach ‚Nicht-Establishment‘ aussieht (langfristig dürfte die AfD daher von der Corona-Diskurskonstellation profitieren).“

Die AfD scheint mir bisher glücklicherweise nicht überproportional von diesen Debatten profitiert zu haben; ihr Ergebnis bei der Bundestagswahl 2021 lag unterhalb dem von 2017 (10,3 vs. 12,6%). Profitiert haben eher die außerparlamentarischen Gruppierungen, für die ich nicht mal einen gemeinsamen Oberbegriff habe. Der eben verlinkte Artikel zeigt sich pikiert über Begriffe wie Covidioten oder Aluhüte und kommt zu einer in meinen Augen gefährlichen Folgerung:

„Der Ausdruck Verschwörungstheoretiker (u.ä. wie Aluhutträger) wurde und wird im Pandemie-Diskurs äußerst flexibel gegen alle Akteure eingesetzt, die sich von der jeweiligen Mehrheitsposition (insb. von politischen Maßnahmen gegen die Pandemie) zu weit entfernen. Eine diskursspezifische Variante sind etwa die Neologismen Coronademo und Covidioten, die teilweise pauschalisierend jeglichen öffentlichen (Straßen-)Protest abwerten und Unterstützung oder gar (An)Teilnahme verunmöglichen. Das heißt freilich nicht, dass einige der so referierten Äußerungen oder Diskursakteure ob ihrer Substanz- bzw. Evidenzmängel nicht zurecht zu kritisieren wären. Aus diskursanalytischer Perspektive ist der Punkt vielmehr, dass der Einsatz von Kontaminationswörtern nicht das Ende einer argumentativen Auseinandersetzung bildet, sondern umgekehrt die ‚Sinnlosigkeit‘ jeglicher Kritik oder Befassung bereits unterstellt (vgl. dazu Vogel 2018 sowie Knobloch 2018; eine genauere Einordnung von Kontaminationswörtern auf empirischer Grundlage ist derzeit Gegenstand laufender Forschung).“

Und da sind wir wieder bei dem schwankenden Boden, mit dem ich derzeit hadere. Das mag sein, dass der Begriff „Covidiot“ einem partnerschaftlichen Diskurs im Wege steht, aber Pappgalgen, auf denen „Für Merkel“ steht, Telegram-Kommunikationen, in denen zu Tötungen aufgerufen werden, Fackelaufmärsche vor Privatwohnungen von Politiker*innen und Gewalt gegen Polizist*innen, die die Demonstrationen der sogenannten Spaziergänger begleiten, die sich stur über derzeitiges Recht hinwegsetzen, sind in meinen Augen auch nicht gerade offenherzige Gesprächsangebote.

Die Gewalt, die ich derzeit aus sicherer Entfernung über das Internet verfolge und der ich persönlich nicht ausgesetzt bin, beunruhigt mich mehr als das Virus oder die Maßnahmen, die zu seiner Bekämpfung gelten und ständig neu verhandelt werden. (Weswegen sie meiner Meinung nach gerade keine Fiktion eines Konsens erzeugen; von Anfang an wurden sie von der Mehrheit der Bevölkerung mitgetragen.) Mich beunruhigt es sehr, dass sich inzwischen ein gewisser Teil der Bevölkerung vom gemeinschaftlichen Konsens nicht nur abgewandt hat, sondern ihn aktiv bekämpft – und dazu noch der Meinung ist, im Recht zu sein. Dass sich diese Menschen ausgerechnet mit der jüdischen Bevölkerung im „Dritten Reich“ gleichsetzen, ist für mich äußerst schwer verständlich. Allerdings: Der Begriff der Konsensfiktion hat mich immerhin dazu gebracht, über diese Gleichsetzung nachzudenken. Wenn man von seiner Umgebung immer wieder signalisiert bekommt, im Widerstand zu sein, gegen eine Diktatur aufzustehen und keine Korrektive wie andersklingende Medien mehr zulässt, kann ich diese Denkart sogar nachvollziehen. Mir ist nur immer noch nicht klar, wie man diese Fiktion auflösen kann bzw. den ihr Anhängenden klarzumachen, dass sie sich in einer fiktiven Welt mit fiktiven Gegnern bewegen.

Was mich wieder zum Anfang des Blogeintrags und dem Begriff der Diskontinuität bringt. Ich zitiere: Diskontinuität bedeutet, dass alle Erfahrungen und Expertisen, die ich mir in den vergangenen Jahren angeeignet habe, auf einmal nicht mehr stimmen, und dass ich nicht angemessen auf diesen Zustand der Unsicherheit vorbereitet bin.

Ich ahne, dass viele Spaziergänger und ich gar nicht so weit voneinander entfernt sind. Ich bin im – vielleicht naiven, weißen, mittelschichtlichen – Bewusstsein aufgewachsen, dass der Staat und seine Organisationen für mich da sind. Ich halte mich an Regeln, zahle Steuern, fahre nicht zu schnell Auto und verprügele niemanden, weil mir seine Nase nicht passt. Dafür erwarte ich zum Beispiel, dass der Staat mir eine Schulbildung zukommen lässt, in Krankenhäusern Platz für mich ist und ich vor Menschen geschützt werde, die mich verprügeln wollen, weil ihnen meine Nase nicht passt. Seit fast zwei Jahren ist dieses Vertrauensverhältnis allerdings angeknackst. Schule scheint inzwischen mehr ein Glücksspiel zu sein, das auf den Schultern von Lehrenden, Eltern und Kindern ausgetragen wird. Wie schlecht der Zustand des Gesundheitssystems ist, war mir in diesem Ausmaß nicht klar. Aber am meisten bin ich davon überfordert, dass der Staat sein Gewaltmonopol aus den Händen gibt, das er bei Demonstrationen linker Gruppierungen, G20-Gipfeln oder Fußballspielen doch immer sicher beherrschte. Ich bin davon überfordert, dass Menschen sich in deutlich wahrnehmbaren Zahlen gegen den Staat wenden, dass sie kurz davor sind, den Reichstag zu stürmen, dass ihnen in meinen Augen sinnvolle Regeln des Zusammenlebens – Rücksicht, Solidarität, Ansteckungsvermeidung – schon zu viel und eine Einschränkung ihres persönlichen Freiheitsbegriffs sind. Ich bin davon überrascht, mehr Staatsgewalt gegenüber den Spaziergängern zu fordern, wo ich sonst überhaupt keine Freundin von eben dieser Staatsgewalt war. Ich bin überfordert davon, dass meine kleine Welt nicht mehr so funktioniert wie noch vor zwei Jahren, und ich komme aus dieser Fassungslosigkeitsschleife kaum wieder heraus. Und ich fange gar nicht erst an, über die drohende Umweltkatastrophe nachzudenken, weil diese mich in ihrer Unfasslichkeit noch mehr überfordert.

Ich ahne, dass auch einige der Spaziergänger eher aus Fassungslosigkeit und der daraus folgenden Wut demonstrieren und (hoffentlich) nur ein kleiner Teil gewaltbereit und offensichtlich staatsfeindlich ist. Aber auch hier greift mein Gefühl der Diskontinuität: Früher hätte ich vehement dafür plädiert, zu reden, zu diskutieren, Fakten zu kommunizieren, um Menschen zu überzeugen. Aber das hat sich spätestens mit dem Einzug der AfD in diverse Parlamente erledigt. Ich komme sehr schwer damit zurecht, dass ein Teil der Menschen in meinem Staat sich freiwillig und anscheinend bewusst und wissentlich in Konsensfiktionen begibt, die theoretisch mit gutem Willen und Lesekompetenz widerlegt werden könnten. Ich hätte schlicht nicht damit gerechnet, dass das passiert. Und ich weiß immer weniger, wie ich meine ehemals halbwegs heile Welt wieder zusammenstückeln kann, ohne ständig das Gefühl zu haben, in einer Apokalypse zu leben, die keine ist, sondern ein Dauerzustand.

Cannoli-Kastenkuchen

Genau wie der Insta-Account von NYT Cooking macht mich der von Smitten Kitchen wahnsinnig: Sobald ein Bild einer Köstlichkeit gepostet wird, will ich sie nachkochen oder -backen. So wie diesen Kastenkuchen. Ich habe noch nie Cannoli gegessen, aber die Zutaten Zitrone, Orange, Schokolade und Pistazie haben gereicht, um mich in die Küche sprinten zu lassen. Völlig zu Recht.

Ich hatte keinen Ricotta im Haus, sondern habe griechischen Jogurt verwendet und einige Mengenangaben geändert. Unten steht das Rezept wie bei Smitten Kitchen, danach kommen meine Änderungen.

Eine Kastenform von 20 cm Länge fetten und mit Backpapier auslegen, den Ofen auf 180° Ober- und Unterhitze vorheizen.

In einer Schüssel die trockenen Zutaten mischen:
190 g Mehl, Type 405,
2 TL Backpulver,
eine ordentliche Prise Salz,
1/2 TL Zimt,
eine gute Prise Allspice,
170 g zartbittere Schokolade, fein gehackt, und
60 g Pistazien, ebenfalls eher fein gehackt.

Ich habe nur einen halben Teelöffel Backpulver verwendet, ich mag den metallischen Geschmack nicht, der manchmal davon zurückbleibt. Der Kuchen ist trotzdem gut aufgegangen. Wer kein Allspice, aber eine Gewürzmühle besitzt: Einfach zu gleichen Teilen Nelken, Zimtstangen und Muskatnüsse pulverisieren (oder die Muskatnuss reiben, sie ölt dann doch etwas mehr als irgendjemand gedacht hatte, ich nenne keine Namen).

Außerdem habe ich die Schokoladenmenge auf 100 g reduziert, das reicht locker. Sie ist selbst dann noch sehr dominant; beim nächsten Backen – denn das wird es geben – verringere ich vermutlich auf 70 g.

In einer zweiten Schüssel
200 g Kristallzucker sowie
die abgeriebene Schale einer Orange und
die abgeriebene Schale einer Zitrone mit den Fingern verreiben. Der Zucker färbt sich gelborange und duftet herrlich.

In diese Schüssel nun
250 g Ricotta,
120 ml Olivenöl,
1 EL Marsala und
2 Eier geben.

Ich hatte keinen Ricotta, sondern habe griechischen Jogurt verwendet, der etwas mehr Flüssigkeit mitbrachte. Daher habe ich nur 90 ml Olivenöl verwendet. Statt Marsala gab’s Sherry.

Alles mit einem Schneebesen verrühren, die trockenen Zutaten untermischen, nicht zu lange rühren, nur so, dass alles gut vermischt ist. In die Form füllen und für 55 bis 65 Minuten bei 180° backen. Stäbchenprobe machen, lieber etwas zu lange im Ofen lassen. Nicht zu früh aus der Form heben oder stürzen, der Kuchen ist herrlich locker, aber anfangs arg instabil.

Ich merke gerade, dass ich klinge wie manche der Chefkochkommentator*innen: „Und dann habe ich Steak mit Fleischwurst ersetzt und die Kartoffeln mit Wackelpudding und es hat echt mies geschmeckt! Scheiß-Rezept!“ Mein Fazit lautet netterweise anders: tolles Rezept. Trotz des Schokobergs kommen die Zitrusfrüchte gut durch, und die Konsistenz hat mir außerordentlich gut gefallen.