Dienstag, 23. Januar 2024 – Brahms und Brahms

Wir saßen schon wieder in einem Konzert, das ballt sich gerade etwas. Und es gab, genau wie Samstag, Brahms, dieses Mal nicht nur Klavier, sondern Klavier und Orchester vor der Pause (1. Klavierkonzert) und danach nur noch Orchester (4. Sinfonie). Die Münchner Philharmoniker hatten sich Zubin Mehta als Dirigent eingeladen und spielen seit Tagen mit ihm alle Sinfonien durch, wenn ich das richtig gesehen habe. Auch wegen des Dirigenten hatte F. die Karten erworben, denn wer weiß, wie lange man den Herrn noch sehen kann, und Yefim Bronfman hatte ich zumindest auch noch nie live gehört. Jetzt weiß ich: gerne wieder.

Mehta hatten wir gemeinsam in Wien gesehen, als wir noch sehr spontan Karten für den Musikverein bekamen. Wegen dieser Spontaneität saßen wir in der letzten Reihe im seitlichen Rang und überblickten nur ein Drittel der Bühne. War im Prinzip egal, denn der Klang war unglaublich und wunderschön, das Konzert rangiert in meinem Kopf ganz oben bei den besten, aber ich hatte Mehta halt noch nie bei der Arbeit gesehen. Als wir gestern in der Isarphilharmonie Platz nahmen, wo der Flügel mittig auf der Bühne stand, meinte F.: „Heute siehst du ihn auch nicht. Zumindest in der ersten Hälfte.“ Und ja, der aufgeklappte Deckel verdeckte das Dirigentenpult fast. Aber ich sah ihn immerhin ein bisschen: die sich nicht übermäßig bewegenden Hände und ab und zu seinen Kopf. Netterweise sah ich aber Bronfman, dem ich sehr gerne zuschaute und noch lieber zuhörte.

Für mich überraschend mochte ich die erste Hälfte lieber, beim Klavierkonzert von 1859 hatte ich mich seelisch auf was Nettes, Unaufgeregtes eingestellt, bei der Sinfonie, die 1885 uraufgeführt wurde, dann auf gefühlt Neueres, wir sind ja schon auf dem Weg ins 20. Jahrhundert. Es war aber, für mich Laiin, genau umgekehrt. Beim Klavierkonzert entfleuchte mir direkt im Schlussapplaus ein „Wow“, bei der Sinfonie stieg ich geistig irgendwann im dritten Satz etwas aus und ließ den vierten dann eher milde interessiert an mir vorbeiziehen. (Edit 30 Minuten nach dem Posten: Die oben verlinkte Aufnahme läuft gerade, und momentan finde ich den 3. Satz super.) Aber alleine für die ersten beiden Sätze hat es sich, es hat sich wie immer gelohnt, im Konzertsaal zu sitzen. Und wenn diese Abendveranstaltungen noch etwas früher begännen, könnte man danach noch auf einen Cocktail … aber so stiegen wir in unsere U-Bahnen und Trams und waren brav um 23 Uhr im Bett.

Montag, 22. Januar 2024 – Arolsen und Antifa

Ein Schreibtischtag, Zeug erledigen, Ablage, lesen, schreiben. Neu: Vom letzten Besuch in der norddeutschen Heimat hatte ich ein paar alte Kerzenhalter mitgenommen, die nun auf meiner Fensterbank im Arbeitszimmer stehen. Und gestern arbeitete ich nicht nur mit angeschalteter Schreibtischlampe, sondern zusätzlich mit Kerzenlicht. Das war schön.

Fridays for Future München zeigt beeindruckende Drohnenaufnahmen der Menschenmassen vom Sonntag. Das ist mir erst durch einen Kommentar zu einer meiner Storys aufgefallen, dass wir an gewissen historischen Orten unterwegs waren: Angefangen von der Feldherrnhalle, die zwischen 1933 und 1945 ein besonderer Platz für NS-Propaganda war, bis zur Uni am Geschwister-Scholl-Platz. Ich sehe die ganze Vergangeheit der „Hauptstadt der Bewegung“ manchmal gar nicht mehr, weil ich mich dauernd mit ihr befasse. (Ja, der Satz klingt sinnlos, ich weiß.)

Die Arolsen Archives brauchen (wie immer) eure Hilfe: „Neue #everynamecounts-Challenge zum Holocaust-Gedenktag.“

Copypaste:

„Anlässlich des internationalen Holocaust-Gedenktags am 27. Januar rufen die Arolsen Archives dazu auf, bei #everynamecounts mitzumachen und starten eine neue Challenge: Ziel ist es, in einer Woche gemeinsam mit Freiwilligen 30.000 Dokumente von Überlebenden der NS-Verfolgung zu digitalisieren. Es geht um Karten aus der sogenannten „Auswandererkartei“ Bremen, die im Staatsarchiv Bremen aufbewahrt wird.“

Das, vorsichtig formuliert, Schöne an dieser Arbeit ist, dass man mal keine KZ-Orte eingeben muss oder Daten von der Ankunft im Lager. Stattdessen gibt man Schiffsnamen ein, die Überlebende aus Europa fuhren. Ist nicht ganz so fürchterlich wie das, was man sonst bei #everynamecounts macht.

Meine Masto-Timeline fühlt sich gerade ein bisschen wie Twitter an: Wir albern rum und machen Quatsch, indem wir Antifa-Sticker basteln.

Das ganze fing am Wochenende an, wo mehrfach auf die kühlen Temperaturen bei den Demos hingewiesen wurde, die aber niemanden davon abhalten sollten zu kommen. Sprüche wie „Scheiße kalt und trotzdem da – winterfeste Antifa“ machten die Runde, schön optisch aufbereitet mit dem Antifa-Logo.

Anderen Gruppen waren andere Dinge als die Kälte wichtig und so las man Sätze wie „Hibbelig, verspätet da – ADHS-Antifa“ oder „Trotz Menschenmassen immer da – introvertierte Antifa“ und ähnliches.

Gestern kippte es in meiner Timeline dann komplett ins Gaga, was dazu führte, dass auch ich zum Logo-Generator griff.

ichichich:

YrlaNor:

Suchen Sie auf Masto mal nach #antifasticker, das macht ziemlich gute Laune.

Sonntag, 21. Januar 2024 – Levit, Teil 2 und Demo

F. und ich saßen am Sonntag morgen um 11 schon wieder im Prinzregententheater, das wir doch erst vor guten zwölf Stunden nach einem Abend mit Igor Levit verlassen hatten. Und auch der Künstler auf der Bühne war derselbe, aber dieses Mal hatte er Verstärkung in Form von Markus Becker mitgebracht. Die beiden Herren nahmen an den zwei Flügeln Platz und erfreuten mich mit den Haydn-Variationen B-Dur op. 56b für zwei Klaviere von Brahms, der Sonate D-Dur KV 448 für zwei Klaviere von Mozart und der Variationen und Fuge über ein Thema von Mozart für zwei Klaviere op. 132 von Max Reger. Im Programm stand noch ein Beethoven, aber der fiel aus, was mir gar nicht unrecht war. Denn gestern wollte ich nicht nur zu Igor, sondern direkt danach um 14 Uhr zur Demo für Demokratie am Siegestor. (Mir fällt ernsthaft erst jetzt beim Tippen der gleiche Wortanfang auf.)

Ich hatte die halbe Nacht mit Nachdenken über die richtige Kleiderwahl zugebracht, denn ich ging davon aus, dass die Zeit nicht reichen würde, nach dem Konzert nochmal nach Hause zu fahren, um mich demogerecht umzuziehen. Daher stand ich schon in dunklen Jeans, den gefütterten Stadionschuhen und einem Longsleeve unter immerhin einem halbwegs konzertfeinen Blüschen rum, als ich merkte, dass mir das total gegen den Strich ging, so aufzulaufen. Ich hatte vor zwei Jahren begonnen, meine Garderobe etwas aufzuhübschen mit Dingen, in denen ich mich bei eleganteren Anlässen nicht mehr underdressed fühlte, und genau so wollte ich auch aus dem Haus und in einen Konzertsaal gehen. In dem ich vermutlich eh irre geschwitzt hätte mit den Thermotights unter der Jeans.

Also zog ich mich wieder um und verließ das Haus in schwarzem, langen Oberteil (immerhin ein dickeres Top darunter), den nicht allzu dicken Konzerthosen, festen, aber ungefütterten Schuhen und dem schicken Mantel in Teal, dazu auch gnadenlos das kleine Handtäschchen und nicht die praktische Schultertasche, fest entschlossen, dann eben so für Demokratie, Menschenrechte und ein freundliches Miteinander zu demonstrieren. Dann bleibe ich halt nur so lange, bis ich friere, dachte ich.

Im Konzert konnte ich mich dann entspannen und verwundert über den Mozart freuen. Dort schlich sich die Demo nämlich wieder in meinen Kopf. Ich bin bekannterweise nicht die größte Mozart-Freundin, aber der zweite Satz erwischte mich total und ich dachte, wie kann eine Spezies, die so etwas Wundervolles hervorbringt, auch viel zu viele Idioten und Spinnerinnen in ihrer Mitte haben. Hmpf. Das war aber nur ein kurzer Gedanke, dann konnte ich mich wieder auf die Musik konzentrieren und das auch viel besser als am Samstagabend. Wenn ich Ihnen noch den letzten Teil von Reger ans Ohr legen dürfte?

Wie erwähnt, der Beethoven fehlte, das Konzert war schon um 13 Uhr vorbei, woraufhin ich umplante und doch noch nach Hause fuhr bzw. mich fahren ließ, die U4 vom Prinzregentenplatz über Odeonsplatz bis zum Hauptbahnhof, dann in die U2. In der Station Odeonsplatz, wo ich auf dem Rückweg aussteigen wollte, war um kurz nach eins noch nicht viel Demopublikum unterwegs, und ich hatte schon Angst, dass doch lieber alle beim Schweinebraten sitzen anstatt auf die Straße zu gehen.

Zuhause entledigte ich mich des feinen Zwirns und zog Jeans, Longsleeve, Shirt, die gefütterten Schuhe und den Alltagsmantel an, keine Thermotights, es war prima Demowetter, knapp über Null, Sonne, das ging schon. Wieder zurück in die U2, die deutlich voller war als noch vor 15 Minuten, als ich ihr entstiegen war, und spätestens beim Umstieg am Hauptbahnhof war mir klar, dass sich doch ein paar mehr Menschen auf den Weg gemacht hatten. In die U4 kam ich nur mit Schieben und Quetschen rein, das kenne ich von den Bahnfahrten nach Fußballspielen, da steht man dann auch sehr, sehr, sehr eng, aber das muss anscheinend so. Apropos Fußballspiel: Gestern fand auch noch ein Heimspiel des FC Bayern statt, dessen Arena man genau mit der U-Bahn erreicht, die auch über Odeonsplatz, Universität (die Station, die am nächsten zum Siegestor liegt) und Münchner Freiheit fährt. Daher mischten sich auf dem Bahnsteig und in der Bahn Demoplakate mit roten Schals, aber alle waren freundlich und gut gelaunt.

Die Rolltreppen am Odeonsplatz nach oben waren dann eine einzige Menschenmasse, kein Vergleich zum Anblick vor einer knappen Stunde. Man spazierte auch, an der Oberfläche angekommen, direkt in die Menschentrauben rein, die sich vom einen Ende der Ludwigstraße zu ihrem anderen aufmachen wollten, nämlich dem Siegestor. Die Lautsprecher standen bis zum Odeonsplatz, so bekam ich alle Reden in guter Tonqualität mit, jedenfalls meistens, denn irgendwann hatte ich beim Gehen eine Gruppe jüngerer Menschen neben mir, die ein bisschen Stromgitarrenmusike aus dem mitgebrachten Bluetooth-Dingsi liefen ließen. Aber noch war die Masse luftig genug, um von dieser Gruppe wegzugehen.

Unterwegs sah ich aber nicht nur junge Menschen, sondern, was mich sehr freute und mich alte Pesssimistin auch etwas überraschte, viele Menschen, die auch neben uns bei Levit hätten sitzen können, das klassische Bildungsbürgertum, jetzt statt im Anzug mit der Allwetterjacke.

Eine Rede erwischte mich dann sehr auf dem richtigen Fuß und sorgte dafür, dass ich danach in keine Sprechchöre einstimmen wollte, auch nicht die, in denen wir alle die AfD hassen. Was ich tue, ich verachte den Haufen so sehr, aber ich wollte nicht brüllen. Auf der Bühne am Siegestor, in deren Nähe ich nicht mal ansatzweise kam, waren Verwandte der Jugendlichen, die 2016 im Olympia-Einkaufszentrum erschossen wurden. Ich zitiere die SZ, die die Rednerinnen zitiert:

„Wozu rechtsextreme Gesinnung führen kann, zeigt der Anschlag am Olympia-Einkaufszentrum im Juli 2016. Angehörige der neun Ermordeten kommen auf die Bühne. “Der Anschlag am OEZ war kein Amoklauf”, sagt Sibel Leyla, Mutter von Can. Er war “rechter Terror. Ich werde das so lange wiederholen, bis es in das kollektive Gedächtnis dieser Stadt übergegangen ist.” Zehntausende danken mit lautem Applaus. Yasemin Kılıç, Mutter von Selçuk, erinnert daran, dass der Rechtsterrorist AfD-Anhänger gewesen sei. Gisela Kollmann, Oma von Guiliano, sagt, dass Angehörige im Konzentrationslager vergast, Nachbarskinder 1980 beim Oktoberfestanschlag getötet wurden. “Ich werde so lange für Erinnerung, Gerechtigkeit und Aufklärung kämpfen, wie es mir gesundheitlich möglich ist.”“

Je näher ich dem Siegestor kam – ich war mindestens noch 500 Meter weg –, desto enger wurde es. Und ich merkte, dass ich mich nicht mehr wohlfühlte, auch weil mir die Ausweichmöglichkeiten fehlten. Ich schaffte es, mich bis zur Kreuzung Theresienstraße vorzuwühlen, alle machten brav Platz, als ich meinte, ich würde mich nicht wohlfühlen, danke! und konnte so irgendwann nach einer knappen Stunde vor Ort nach links abbiegen. Ich wäre auch in Konzertklamotten vermutlich nicht ins Frieren gekommen, so voll war es inzwischen. Auch aus der Seitenstraße stömten die Menschen noch auf die Ludwigstraße, aber es lichtete sich dankenswerterweise schon bei der nächsten Querstraße, der Amalienstraße, wo auch wenige Polizei stand und absperrte bzw. durchwinkte. Die Demo musste kurz danach wegen viel zu vieler Menschen abgebrochen worden, das bekam ich aber erst zuhause mit, als ich schon wieder auf dem Sofa saß und auf Masto las, wo noch überall Leute in Deutschland unterwegs gewesen waren. Hier in München sollen es zwischen 100.000 (Polizeiangaben) und 250.000 (Veranstalter*innen) gewesen sein. Auf einem Video, das gestern durch mein Insta ging, sah man Menschen vom Odeonsplatz bis zur Münchner Freiheit stehen. Laut Google Maps sind das gute zweieinhalb Kilometer.

Mir hat es sehr gut getan zu sehen, dass es so viele, viele Menschen gibt, denen unsere Demokratie und die allgemeinen Menschenrechte anscheinend ebenfalls ein Anliegen sind. Dass es die Correctiv-Recherche gebraucht hat, um vielen klarzumachen, dass die AfD ein Fascholaden ist, verwundert mich etwas, aber besser spät als nie. Auch die vielen Demos im Osten machen mir Hoffnung, dass sich auch die Wahlergebnisse nicht ganz so brutal entwickeln wie es die Demoskopinnen dräuend voraussagen. Wobei ich hiermit keinesfalls auf Ostdeutschland rumhacken will, gerade in Bayern wählen die Leute in Massen ja auch gerne seltsame Leute und Parteien.

Mir hat es auch gut getan, mich nicht mehr so alleine zu fühlen. Im Vorfeld hatte ich überlegt, ob ich echt auf eine Demo muss, damit meine antifaschistische Haltung deutlich wird, ich meine, ich blöke das hier ja seit Jahren ins Netz. Aber das mache ich halt alleine vor dem Rechner. Daher wollte ich vor Ort sein, präsent sein, Gesicht zeigen, mitgezählt werden. Ich hoffe ernsthaft, dass diese Massen an Menschen vielleicht einigen Unentschlossenen doch noch den entscheidenden Ruck geben, nicht die Blauen zu wählen. Gerade die AfD behauptet ja gerne, für die schweigende Mehrheit zu sprechen. Das letzte Wochenende sollte diesem Märchen ein Ende bereitet haben. Sie sprechen nicht für die Mehrheit. Und diese schweigt anscheinend nicht länger.

Samstag, 20. Januar 2024 – Levit, Teil 1

Im Prinzregententheater spielte Igor Levit auf, den wir damit zum wiederholten Male sahen; auf der Rückfahrt versuchten wir uns zu erinnern, was wir alles schon von ihm gehört hatten und mussten feststellen, dass wir neben Schostakowitsch und Stevenson ein anderes Solokonzert mit ihm nicht mehr ganz zusammenbekamen. Danke, Blog, du Chronistin: 16. Februar 2023. (Das hat mir während meiner Pause Ende letzten Jahres gefehlt: dass ich nicht mehr nachgucken konnte, was ich eigentlich so erlebt habe.)

Gestern gab’s ausschließlich Brahms, genauer gesagt, die Fantasien für Pianoforte op. 116 sowie drei Intermezzi für Pianoforte op. 117, nach der Pause dann die Klavierstücke op. 118 und op. 119. Ich habe hier ausschließlich Hélène Grimaud verlinkt, weil ich die Dame auch sehr schätze. Gleichzeitig merkte ich gestern aber, leider erst nach einer gewissen Zeit, wie sehr mich Levits Spiel immer wieder kriegt, ganz gleich, wie doof gerade alles ist.

Denn die erste Hälfte zog irgendwie an mir vorbei, der Donnerstag hallte immer noch nach, was mich selbst wahnsinnig machte, ich nervte mich die ganze Zeit damit, mir selbst zu sagen, nicht so genervt zu sein. Half komischerweise nicht. Außerdem war das Publikum wieder äußerst hustig drauf, ich meinte zu F.: „Das ist aber auch risikoreich, ausgerechnet im Winter Stücke mit so vielen Pianostellen zu spielen.“ In die man prima reinhusten kann, logisch, und wenn man sich während des Satzes halbwegs im Griff hat, hustet man halt in den Satzpausen, was fast genauso nervt, alles muss raus, bevor wieder Musik kommt.

Ähnlich empfand das wohl auch Levit, der irgendwann mit einer Handbewegung in Richtung Publikum darum bat, das ganze etwas leiser stattfinden zu lassen. Vor der Zugabe meinte er auch ähnliches, wenn ich es akustisch richtig verstanden habe (Edit, danke): „Ein Konzertabend ist immer eine prima Gelegenheit, eine Erkältung zu bekommen. Die Erkältungssaison ist nicht ideal geeignet, um leise Stücke zu spielen … deswegen spiele ich als Zugabe noch ein leises Stück.“ Es waren dann sogar zwei aus Schumanns „Kinderszenen“, und zusammen mit der zweiten Hälfte, in der ich mich deutlich besser konzentrieren konnte, hat es mich wieder mit der Welt versöhnen können.

Freitag, 19. Januar 2024 – Hope

Im Prinzip ein weiterer Scheißtag, weil das Vorkommnis, das mir den Donnerstag zerschossen hatte, auch gestern noch nachwirkte. Aber dann erinnerte ich mich daran, dass Gemüse super ist und ich es einkaufen und verarbeiten kann, weswegen ich einen längeren Einkaufsfußmarsch einlegte (Wut rauslaufen), schwer beladen wieder heimkam und dann einfach ewig am Herd stand. Beim Kochen und Backen kann ich an nicht viel anderes denken, das war gestern ganz gut.

Beim Einkaufen auch mein Hebräisch-Lehrbuch aus der Packstation geholt. Sorry, Duolingo, aber du bist nicht how I roll. Ich brauche Grammatik, ich will nicht stumpf lernen, wie eine bestimmte Verbform aussieht und klingt, ich will wissen, warum sie so aussieht und klingt. Ich bin keine Intuitivlernerin, ich muss mir alles erarbeiten, ich kann mir kaum irgendetwas einfach so merken, ich brauchte immer Kontext. Ich lerne in (Kunst-)Geschichte ja auch nicht einfach Jahreszahlen auswendig, sondern will und muss wissen, warum da was passiert ist und was vorher und nachher war.

Was mir irgendwann auch aufgefallen ist: Bei vielen Fakten, die ich in der Diss oder sonstwo unterbringe, weiß ich meist, aus welchem Buch ich sie habe und wo das Buch steht, ich merke mir Dinge anscheinend auch, indem ich sie verorte. Deswegen hat es mich auch so irre gemacht, in meiner eigenen wissenschaftlichen Bibliothek keine Ordnung mehr zu haben, weil mir Regale fehlten – mein Kontext war durcheinander.

Tausende von Menschen demonstrieren gegen die Arschlochpartei in blau. Das mitzubekommen, hat überraschenderweise gestern auch sehr gut getan. Herr Buddenbohm berichtet aus Hamburg, und ich hatte spontan etwas Heimweh:

„Die Demo beginnt um 15.30, es ist schon ab 15:00 und schon ab kurz vor unserer Haustür voll auf dem Weg zum Jungfernstieg, die Leute strömen herbei. Eine stark überfüllte U-Bahn voller Menschen mit Pappschildern und Fahnen. Der Rückstau unten in der Station Jungfernstieg dann schon so, dass es für klaustrophobe Menschen sicher zur Umkehr gereicht hat. Oben dann die erstaunlichen Massen, die Sie mittlerweile vermutlich irgendwo auf Bildern gesehen haben.

In welcher Gesamtzahl auch immer die Menschen da erscheinen, es sind verdammt viele, wir sind alle da. Wir sind gefühlt vollzählig angetreten, von den längst ergrauten Demo-Veteraninnen bis zu den frisch aufgebrachten Schülerinnen.“

Sonntag ist hier in München um 14 Uhr Demo am Siegestor – und ich weiß noch nicht, ob ich nach dem Konzert mit Igor Levit im Prinzregententheater, das um 11 beginnt, überhaupt noch nach Hause komme oder schon alles gesperrt ist. Notfalls stakse ich halt im Konzertoutfit über die Leopoldstraße.

Donnerstag, 18. Januar 2024 – Nope

Veritabler Scheißtag. Kein weiterer Kommentar.

Mittwoch, 17. Januar 2024 – Ein sozialistisches Dankeschön

Vorgestern pingte nachmittags mein Handy, als ich gerade in Arbeit vertieft am Schreibtisch saß: Ein Päckchen warte auf mich in der Packstation. Da ich nichts bestellt hatte, sah ich auf meinen Amazon-Wunschzettel und stellte fest, dass von dort etwas geordert wurde. Ich freute mich, hatte aber nicht wirklich Lust, mich aus den Tiefen der wissenschaftlichen Arbeit zu reißen, also dachte ich, holste morgen vormittag, kannste gleich einkaufen.

Aber dann kam die Warnung vor dem schlimmen Blitzeis, das ich gestern natürlich auf keine Fall betreten wollte. Daher raffte ich mich abends noch auf, stapfte dick eingepackt die Treppen hinunter und sah erstaunt, dass auch in meinem Briefkasten ein Buchpaket steckte. Toll!

Beiden Sendungen lag kein Absender bei, daher bedanke ich mich mal wieder bei Unbekannt für gleich drei Bücher. Carolin Würfels Drei Frauen träumten vom Sozialismus. Maxie Wander – Brigitte Reimann – Christa Wolf kam bei der geschätzten Hanna Engelmeier in der SZ zwar nicht ganz so gut weg, aber die Besprechung hatte mich trotzdem neugierig gemacht. Daher landete das Buch auf dem Wunschzettel. Besser besprochen wurde das Buch bei der Literaturkritik.

Was auch mal auf dem Wunschzettel lag, aber irgendwann zugunsten der üblichen NS-Bücher wieder runterflog, waren die beiden Bücher von Maxie Wander, von der ich noch nichts gelesen habe: Guten Morgen, du Schöne, das mich konzeptuell interessierte (Wiki), und Leben wär’ eine prima Alternative. Eigentlich wollte ich gerade wirklich kein Krebs-Tagebuch lesen, aber genau damit fing ich einfach an – und las gleich mal 50 Seiten weg, so unwiderstehlich lesen sich die Tagebucheinträge und Briefe einer mir noch völlig unbekannten Frau.

Vielen Dank für das dicke Geschenk, ich habe mich sehr gefreut!

Dienstag, 16. Januar 2024 – E-Gelb

Mein erstes E-Rezept vom Hausarzt erhalten, sehr aufregend. Man trägt jetzt also keinen Zettel mehr zur Apotheke, sondern zückt die Krankenkassenkarte, die aber, wie vorher auch, natürlich beim Arzt eingelesen werden muss. So ganz überzeugt mich das Konzept von der Bequemlichkeitsseite noch nicht, aber dass nun alle Infos auf der Karte sind, finde ich persönlich praktisch.

In der Apotheke hat das Einlesen dann auch noch etwas länger gedauert als der frühere kurze Blick auf das Papierrezept, aber laut Apothekerin muss sich das halt noch einspielen, sie müsse sich erst selbst an die ganzen neuen Schritte gewöhnen. Sehe ich auch so, aber gestern war es dann doch wieder eher ein Fall für „Digitalisierung in Deutschland (Symbolbild)“. Vor allem, weil vorsichtshalber nochmal nach Name und Medikament laut gefragt wurde, man weiß ja nie, was dieser Computer einem da anzeigt. Das fand ich dann doch eher unschön.

Außerdem stieg ich gestern aus der U-Bahn am Sendlinger Tor aus und konnte nun erstmals das neue Sperrengeschoss bewundern, an dem gefühlt 100 Jahre gebaut wurde. Ich bewunderte weniger Baustellenschilder, weniger Zäune, die im Weg stehen, und gleich zwei Bäckereien, bei denen man sich Zeug holen kann, die übrigens direkt gegenüber voneinander platziert wurden, weiß nicht, wie sinnvoll das ist. Aber generell ist das schon schön. Was mir am besten gefallen hat, waren die Deckenverkleidungen über einer bestimmten Rolltreppe. Dort starrte ich jahrelang auf staubige Kabelage, gucke nun aber wieder auf hübsche, (noch) saubere, alles verdeckende quietschgelbe Paneele. Die innere Prusseliese ist zufrieden. Und ich verrentnere total, denn ich fand das wirklich interessant, mir eine umgebaute U-Bahn-Station genauer anzuschauen. Das nächste Mal nehme ich Karamellbonbons mit.

Montag, 15. Januar 2024 – Feedback und Freude

In der letzten Sitzung meines Kurses hole ich mir gerne Feedback von den Studis, wie auch in Kurzfassung am Ende jeder Stunde.

Die Kurzfassung ist meine sogenannte Emo-Folie, auf der zwei Fragen stehen. Erstens: „Wie geht es Ihnen gerade?“ Müde, motiviert, hungrig …? Meist kommt da nur „gut“, aber das ist ja auch schon was. Und zweitens: „Was haben Sie heute gelernt? IN ZWEI SÄTZEN!“ Das klappt nie, Studis können sich nie kurz fassen, aber ich versuche es immer wieder, denn genau das will ich ihnen ja unter anderem beibringen: sich kurz zu fassen. Die Forschungsfrage in einen Satz zu kriegen anstatt in einen Absatz. Die Forschung möglichst knapp und präzise auf den Punkt zu bringen anstatt zwei Seiten dafür zu verschwenden. Generell: weniger Schwafel, mehr Substanz. Aber ich glaube, die Uni bringt den Schwafel erst so richtig hervor; alle wollen auf einmal irre klug klingen und blubbern nur rum. Damit meine ich nicht meine Studis, sondern alle, mich eingeschlossen. Man gerät halt gerne ins Plaudern, das auf Konferenzen im Klassiker gipfelt: „This is more a comment than a question“, wo man geistig entspannt abschalten kann, denn nach sowas kommt Schwafel, hundertpro.

Die gestrige Kritik fand ich sehr gut und für mich äußerst angenehm, denn ich bekam mehrfach zu hören, dass gewisse Unterrichtsinhalte schon gewirkt hätten. Man liest anders, man schreibt anders, man geht anders an Texte heran, sowohl eigene als auch fremde. Das ist genau das, was ich erreichen wollte und das hat mich sehr gefreut.

14. Januar 2024 – MUCDUS

Ereignislos von München nach Düsseldorf gekommen für die letzte Unterrichtseinheit in diesem Semester. Per Flugzeug, weil ich der Bahn nicht mehr getraut habe seit der Streikankündigung. Hätte vermutlich auch funktioniert und sehr wahrscheinlich wäre ich ähnlich schnell am Ziel gewesen, weil am Flughafen München gerade an der S-Bahn gewerkelt wird, weswegen es einen kleinen Schienenersatzverkehr gab und ich deswegen viel zu früh aus dem Haus gegangen bin. Aber das wusste ich vorher nicht. Auf den letzten Bahnfahrten hatte ich gerne immer eine Stunde Verspätung; ich habe selten so oft Fahrgastformulare auf der App ausgefüllt wie im letzten halben Jahr und darauf hatte ich einfach keine Lust mehr. Wenn ich privat unterwegs bin, ist es mir eher egal, wenn ich nicht pünktlich ankomme oder länger im Zug sitze, aber wenn ich beruflich reise, will ich es exakt und genau und very German haben, weil ich dann halt im Profimodus unterwegs bin. Und wenn ich pünktlich und gut vorbereitet vor einer Klasse stehe, will ich, dass auch alle anderen pünktlich und gut vorbereitet sind. Da bin ich doch leider sehr Wirtschaftsboss der 1950er Jahre. Nur ohne Zigarre.

13. Januar 2024 – Au … to … bahn

Gestern lief im Werkstattkino der Film Reichsautobahn von Hartmut Bitomsky, der netterweise auch vor Ort war und ein bisschen erzählte. Vielen Dank an alle, die mich per Mail darauf aufmerksam gemacht haben, das wäre mir sonst entgangen.

Ich hatte von dem Film natürlich während der Diss gehört, fand ihn aber nirgends online oder als DVD. Er wurde allerdings auch erst 2020 digitalisiert und hat vermutlich kein irre großes Publikum mehr, aber gestern war der Laden immerhin fast voll. Okay, das Kino hat ungefähr 50 Plätze, aber trotzdem! Ich hatte mit drei Leuten plus mir gerechnet.

Viel Neues, was die Geschichte der Autobahn und ihre Propagandawirkung anging, konnte mir der Film nicht erzählen, aber ich fand die Aufnahmen vom Bauen an sich spannend, da kannte ich bisher nur Fotos. Und: Ich sah endlich mal immerhin in Ausschnitten ein paar der Filme, bei denen die neuen Straßen Kulisse oder Teil der Handlung waren. Die Titel waren mir manchmal bekannt, nicht immer, aber ich hatte noch nie auch nur Schnipsel aus ihnen gesehen. Alleine dafür hat sich der Abend schon gelohnt.

Man sieht Bitomsky in Fotobänden oder Büchern blättern, da nickte ich oft: „Steht in der Stabi … steht im ZI … hatte ich im Archiv in der Hand …“ Und: Sobald irgendeine Bücke im Bild war, murmelte ich innerlich: „Ah, Limburg … ah, Köln … Saalebrücke … Werra … hat Mercker gemalt … hat Protzen gemalt … hat Heise gemalt (MANGFALLBRÜCKEN ULTRAS!) … hat Vollbehr gemalt.“ Der Herr Vollbehr durfte auch was sagen, das war auch spannend, über den Mann habe ich ein 800-Seiten-Buch zuhause, aber ich kannte seine Stimme noch nicht. Dass Herr Todt lispelt, war mir auch neu. Ah, die Herrenmenschen.

Mein kleiner innerer Reichsparteitag war die Szene am Irschenberg. Wir erinnern uns: Ich liebe die Auffahrt zum Irschenberg, weil sie wunderschön ist, alle anderen hassen sie, weil man da angeblich immer im Stau steht. Als F. mich das erste Mal rüberfuhr, war kein Stau. Als ich im Januar mit den Kolleginnen des Lenbachhauses zu einer Klausur drüberfuhr, war kein Stau. In den Filmbildern, die einen ganzen Tag umfassen – laut Bitomsky der staureichste Tag, vermutlich Ende Sommerferien – WAR KEIN STAU. Ihr wollt mich doch alle veralbern. Irschenberg rules!

12. Januar 2024 – Schaubuden-Ausrufer und Taschenspieler

„Im ersten Drittel dieses Jahrhunderts wurde ein großes und begabtes Volk das Opfer eines bedauernswerten Irrtums. Ein Mann aus dem Nachbarland, ein Abenteurer, ein Habenichts, der sich an der Menschheit für sein verpfuschtes Leben rächen wollte, hatte aus bestimmten, bisher noch nicht ganz geklärten Gründen eine bis an die Zähne bewaffnete Anhängerschaft um sich zu versammeln gewußt, die entschlossen war, den Kampf um die Macht mit der Rücksichtslosigkeit einer einfallenden Armee durchzuführen. Unterstützt durch Verbündete in allen Lagern, die in ihm das Werkzeug ihrer eigenen, oft einander widersprechenden und bekämpfenden Ansprüche und Interessen sahen, war es ihm gelungen, sich das Vertrauen der Masse unter falschen Versprechungen zu erschleichen und das Land, das noch unter den Nachwirkungen eines verlorenen Krieges litt, durch die Hoffnung auf eine bessere Zukunft für sich einzunehmen. Ihr habt Hunger, sagte er. Gut, ich werde euch zu essen geben. Ihr seid machtlos, sagte er. Gut, ich werde euch Macht geben. Ihr seid arm, sagte er. Gut, ich werde euch Reichtum bringen. Er versprach jedem das Seine: dem Bauern die Kuh, dem Winzer den Weinberg, dem Soldaten das Gewehr. Er versprach auch die Kühe und Weinberge und Gewehre aller andern Länder der Welt.

»Heil!« rief die Menge. »Heil!« riefen die Hungrigen und die Satten im Chor, die Reichen und die Habenichtse, die Mächtigen und die Machtlosen. Der Mann reiste durch das Land, von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf. Er sprach eine Sprache, die man bisher noch nicht auf öffentlichen Plätzen gehört hatte, die Sprache all derer, die zu kurz gekommen waren und die nun ihren Selbsthaß, ihren Zorn auf das Bestehende, ihre Lust an der Zerstörung zur Würde einer Religion erhoben sahen. Er trug keinen Zylinderhut und keine weißen Handschuhe. Er stand im Regenmantel auf Fabrikhöfen und in Bierkellern, sein Gesicht war rot vor Zorn, seine Stimme überschlug sich, und sein rollendes Auge begegnete Blicken, die in ihm ein Spiegelbild ihrer eigenen Erniedrigung, aber auch ihrer Sehnsucht nach Größe und Auferstehung sahen. »Erlöse uns!« schrien sie ihm entgegen. »Erlöse uns von uns selbst!« – »Ja, ich werde euch erlösen!« sagte der Mann. »Von nun an wird sich niemand mehr seiner Schlechtigkeit zu schämen brauchen.

Es gab aber viele im Lande, die nicht an den Erfolg des Mannes im Regenmantel glaubten. Ihre Vorstellungen von Macht und geschichtlicher Größe waren den Lesebüchern eines Jahrhunderts entnommen, das die Helden vergangener Epochen im Licht magischer Verklärung zu sehen gewohnt war. Sie hatten verlernt, noch an jene Magie zu glauben, die den Betrogenen an den Betrüger, den Unterdrückten an seinen Unterdrücker fesselt, die Magie der Zirkusdompteure, der Schaubuden-Ausrufer und Taschenspieler. Sie lachten über den Regenmantel und verstanden nicht, daß es die Uniform einer neuen Klasse von Enterbten geworden war, die sich anschickte, die Welt nach ihrem Ebenbild umzuformen. »Laßt sie nur lachen!« schrie der kleine Mann im Dialekt des Nachbarlandes. »Ich werde ihnen die Maske vom Gesicht reißen. Ich werde eine Religion des Bösen verkünden wie Christus eine Religion des Guten. Ich werde zeigen, daß die Schlechten schlecht und die Korrupten korrupt sind, und die Guten und Gerechten werde ich erschlagen. Ich werde euch alle zu Mitwissern meines Anschlages machen, und selbst wenn mein Plan scheitern sollte, wird niemand mehr da sein, der sich rühmen könnte, besser zu sein als ich …« »Heil!« riefen die Regenmäntel. »Wir wollen sein wie du. Segne uns, erlöse uns. Wir warten. Unsere Zeit wird kommen! UnsereZeit wird kommen!«“

Hans Sahl: Die Wenigen und die Vielen. Roman einer Zeit, Frankfurt am Main 1959, S. 69/70.

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„Sinnvoll wäre ein Verbot, weil die AfD politisch nicht zu schlagen ist. All die öffentlichen Versuche der Entzauberung in Talkshows haben nur ihre Sichtbarkeit erhöht. Die AfD ist nur in der Struktur anzugreifen, sie muss zerschlagen werden. Ist sie doch vor allem Plattform und Netzwerk: Hier versammeln sich unterschiedlichste rechtsradikale Milieus, von Waffennarren und Männerrechtlern über alte Nationale bis zu jungen Marktradikalen und identitären Instagram-Kaspern. Die AfD ist eine Ansammlung von Sektierern und Selbstdarstellern, die, auf sich allein gestellt, schnell ins rechte Paralleluniversum auf Social Media verschwinden würden. Die Partei gibt ihnen Legitimität, Ressourcen, Kontakte. Diese zu erhalten und zu mehren, darauf können sich die rechten Milieus, untereinander oft spinnefeind, immer einigen. Die AfD als Partei hat fast nichts zu sagen, sie interessiert nur als Label, als Marke.“

Leo Fischer: „AfD-Verbot: Fulminante Scheindebatte“, in: Neues Deutschland, 5.1.2024.

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„Aber nur, weil wir im Prinzip von staatlicher Willkür frei sind, steht es uns noch lange nicht frei, alles zu tun, wonach uns gerade ist. Der soziale Aufstieg bleibt vielen verwehrt, weil die ökonomische Macht nach wie vor höchst ungleich verteilt ist (manche, wir etwa, sprechen deshalb von einer Klassengesellschaft). Wir müssen bei Rot an der Ampel halten, Steuern zahlen und als Kinder zur Schule gehen. Es gibt also in jeder Gesellschaft Regeln, die die Freiheit einschränken. Regeln, die einen offiziellen und formellen Charakter haben und vom Staat durchgesetzt werden, beispielsweise die Straßenverkehrsordnung. Es gibt auch Normen, die eher informeller Natur sind: Wenn eine ältere Person Sie bittet, ihr beim Überqueren der Straße zu helfen, müssen Sie das nicht tun und können weiter Ihres Weges ziehen. Sie können auch einen Döner im vollbesetzten Zugabteil verspeisen, wenn Ihnen die entgeisterten Blicke der Mitreisenden nichts ausmachen.

In der Gegenwart wird oftmals ein libertäres Freiheitsverständnis sichtbar, das gewandelte gesellschaftliche Übereinkünfte als äußere Beschränkungen betrachtet, die die eigene Selbstverwirklichung auf illegitime Weise eingrenzen. Die Anhänger*innen eines solchen Verständnisses empfinden das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes oder gendersensible Sprachkonventionen als Blockade, die sie in ihrer Entfaltung hemmt. Manche gehen sogar noch weiter und richten sich auch gegen die Voraussetzungen, die Freiheit ermöglichen. Sie wollen keine (oder nur sehr niedrige) Steuern bezahlen, fahren aber selbstverständlich auf den Straßen, die aus Steuermitteln finanziert werden. Sie ignorieren, dass medizinische Spitzenforschung ohne staatliche Gelder nicht denkbar wäre und dass Bildung in öffentlichen Schulen die Grundlage individueller Selbstentfaltung ist.

In heutigen Freiheitskonflikten kulminiert eine Entwicklung, die sich in den letzten Jahrzehnten angedeutet hat. Sichtbar wird sie mit der Rückkehr des intervenierenden Staates, der das individuelle Handeln einschneidend limitiert. Anders als klassische Rechte wollen die Menschen, die nun auf die Straße gehen, keinen starken, sondern einen schwachen, geradezu abwesenden Staat. Ihre zuweilen frivole Subversion und die rabiate Ablehnung anderer Ansichten zeugen jedoch zugleich von autoritären Einstellungen. Sie verneinen die Solidarität mit vulnerablen Gruppen, sind verbal martialisch und hoch aggressiv gegen jene, die sie als die Verursacher von Einschränkungen ihrer Freiheit identifizieren. Sie tragen rechte Verschwörungstheorien vor, aber den Vorwurf, rechts zu sein, weisen sie entschieden von sich. Dieser Autoritarismus, der auf der unbedingten Autonomie des Individuums beharrt, ist ein Symptom dafür, dass die etablierten politischen Koordinaten in Unordnung geraten sind.“

Carolin Amlinger, Oliver Nachtwey: Gekränkte Freiheit. Aspekte des libertären Autoritarismus, Sonderausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2023, S. 12/13.

11. Januar 2024 – Wiki und Würzburg

In der SZ stand vor kurzem ein Artikel über die sogenannten menschlichen Überreste in deutschen Museen; speziell ging es um das Grassi-Museum in Leipzig. (Paywall, Archive.is)

„Die deutschen Museen haben viele Leichen im Keller: Nazi-Raubkunst, Plündergut aus den Kolonien. Und dann sind da noch die buchstäblichen Leichen: In Pappschachteln, ganz unten, ganz hinten in den Depots gestapelt, liegen die Überreste von mindestens 17 000 Menschen aus “kolonialen Kontexten”. Das ist das Ergebnis eines Berichts, der im Auftrag von Bund, Ländern und Kommunen erstellt und am Freitag veröffentlicht wurde. Es ist der erste Versuch, einen Überblick über diese verdrängte Hinterlassenschaft von Kolonialismus und Rassenlehre zu bekommen.

“Menschliche Überreste”: Schon dieser spitzfingrige Begriff sagt viel über die albtraumhafte Last aus der Vergangenheit und wie sie aus dem Bewusstsein geschoben wurde. Er suggeriert, sie seien ohne irgendjemandes Zutun in den Depots gelandet. Er trennt die Menschen von ihren Resten und macht sie zu Dingen. Und er verschleiert, worum es sich konkret handelt: Skelette, Schädel, sogar Gewebe und Organe – Teile toter Menschen, deren Nachfahren oft bis heute unter dem Verlust leiden. Spätestens jetzt, da erstmals über die deutsche Kolonialvergangenheit diskutiert wird, können die Museen und ihre Träger diese unbestatteten Toten in ihren Sammlungen nicht länger verdrängen. Eine neue Ethik für den Umgang mit ihnen ist überfällig. Am weitesten ist man im Leipziger Grassi-Museum, in dessen Sammlung sich 3000 Skelette aus Kolonialkontexten befinden.“

Der Artikel beschreibt die Anthropologie sowie die unseligen Theorien zu angeblich unterschiedlichen menschlichen „Rassen“, denen man durch Skelettvermessungen auf die Spur kommen wollte, wozu man erst einmal viele Skelette brauchte, um vergleichen zu können.

„Ihre Forschung sollte die Legitimation für den Kolonialismus liefern, aber sie speiste sich auch aus diesem. Außer Masken, Waffen und Kultobjekten schafften die Kolonialsoldaten Tausende Skelette nach Hause. Sie produzierten ja reichlich Tote. Sie raubten Gräber aus; nahmen Leichen nach Überfällen und Hinrichtungen mit; im berüchtigten Lager auf der Haifischinsel in Namibia mussten die lebenden Häftlinge die Schädel der toten auskochen. So füllten sich Museen und anthropologische Institute mit Knochen.“

Ein Bericht, den auch der SZ-Artikel verlinkt, gibt Hinweise für einen respektvollen Umgang mit den vielen Toten, die in deutschen Depots liegen.

Bei der Fortbildung zur Provenienzforschung, die ich im vergangenen Vierteljahr absolvierte, ging es in einem Block auch um die kolonialen Kontexte. Eine Dozentin erzählte von ihrer Arbeit, Skelette wieder ihren Ursprungsorten zuzuordnen, denn meist waren die Objekte – über dieses Wort darf man hier gerne stolpern – nicht gut beschriftet, beschrieben, katalogisiert oder inventarisiert, wenn überhaupt. Ein Skelett konnte sie nicht weiter zuordnen als „Südamerika“. Ein anderes konnte sie immerhin annähernd datieren: Es stammte aus Indonesien und war in eine niederländische Zeitung eingewickelt – seit 100 Jahren. Bisher hatte sich anscheinend noch niemand im Museum für diese Knochen interessiert.

Eine der Dozentinnen des Einführungsblocks war Bénédicte Savoy, die einen sehr begeisternden Vortrag hielt. Sie erwähnte ein Forschungsprojekt, an dem sie in den letzten Jahren beteiligt gewesen war und aus dem die Veröffentlichung „Atlas der Abwesenheit. Kameruns Kulturerbe in Deutschland“ entstanden ist. Die Publikation ist Open Access verfügbar und ich kann sie euch sehr empfehlen.

Eine Rechtfertigung für das museale Sammeln war stets die Wissenschaft, der Erkenntnisgewinn. Savoy beschreibt in einem Kapitel, wie wenig allerdings wirklich geforscht wurde. Sie bezieht sich auf die ethnografischen Sammlungen in Berlin.

„Vor diesem Hintergrund und angesichts der Tatsache, dass deutsche Museen seit etwa 1920 den größten Bestand an kamerunischen Kulturgütern in öffentlicher Hand weltweit aufbewahren, drängt sich die Frage auf, welchen wissenschaftlichen Ertrag die Zehntausende von Statuen, Thronen, Masken, Trommeln, Glocken, Reliquiaren, Bauelementen, Betten, Gefäßen, Speeren, Schildern, Gewändern, Puppen und Textilien überhaupt generiert haben, die von ca. 1884 bis zum Ende der deutschen Kolonialzeit 1919 aus dem heutigen Kamerun nach Berlin, Stuttgart, Leipzig, Hamburg usw. verbracht wurden. Welche Rolle spielten deutsche Museen in der internationalen Rezeption der spätestens ab Mitte der 1950er-Jahre in Kamerun selbst, in den USA und in Frankreich unter dem Oberbegriff »Arts from Cameroon« immer intensiver erforschten Kunst-, Kult- und Kulturgüter? Oder zugespitzt gefragt: Hat die materielle Anhäufung von Objekten aus Kamerun in deutschen öffentlichen Museen in den vergangenen 100 Jahren der Wissenschaft genutzt, und welcher Wissenschaft?“

Sie kommt zu einem sehr ernüchternden Ergebnis:

„Auf den Punkt brachte dies Christine Stelzig in ihrer bahnbrechenden Studie „Afrika am Museum für Völkerkunde zu Berlin 1873–1919“ bereits 2004, als sie nach akribischer Auswertung aller Fachzeitschriften des Museums konstatierte: »Das Anwachsen der Afrikabestände […] hatte keinen Einfluß auf die Anzahl der Veröffentlichungen in den Museumsperiodika«. Die Museumsethnologen nutzten kaum das Potential der Sammlung für Publikationen und diese »in weit geringerem Maße als Mitteilungsforum, als eigentlich angestrebt worden war.«

Sucht man nun gezielt nach Studien, die sich mit Objekten aus Kamerun befassen, fallen die Ergebnisse noch dünner aus. Insgesamt wurden bis einschließlich 1939 weniger als 25 Objekte aus Kamerun – von den 6044, die sich 1919 im Museum befanden – von Mitarbeitern des Berliner Museums präzise besprochen bzw. abgebildet. […]

Doch auch außerhalb der Institution publizierten die Berliner Museumswissenschaftler kaum eine objektbezogene Studie zu Kamerun. Eine einzige, von der Forschung bislang kaum wahrgenommene Ausnahme bildet ein fünfseitiger Beitrag mit Abbildungen aus dem Jahr 1903 in der „Zeitschrift für Ethnologie“. […]

Nach 1929 gab das Berliner Völkerkundemuseum kein allgemeines Museumsverzeichnis mehr heraus. Bis heute warten die scientific community und Interessierte auf die Veröffentlichung eines verlässlichen Bestandskatalogs der Afrika-Abteilung. Eine wissenschaftliche Übersicht des Kamerun-Sammlung ist ebenso überfällig wie die Einrichtung einer online zugänglichen Datenbank.“

Savoy erwähnt auch den Kunsthistoriker Eckart von Sydow, der sich immerhin mit der Kunst aus Kamerun bzw. wenigen Objekten aus dem Land auseinandersetzte und auch darüber publizierte. Bis heute sind seine nicht veröffentlichten Notizen und Unterlagen eine wichtige Quelle zu den Beständen im Haus. In seinem 1921 erschienenen Bändchen „Exotische Kunst. Afrika und Ozeanien“ heißt es allerdings:

„‚Das Schöpfertum ist hier noch unmittelbare Angelegenheit: nahe dem Blut, eindringend in das Blut, aufquellend aus dem Blut und mit dem Blut […]. Ahnungsvoll regt sich das schöpferische Blut der Ahnen.‘

Afrikanische Kunst und die frühe deutsche Blut-und-Boden-Rhetorik gingen in dieser Studie eine unheilige Allianz ein. Sie stand für Sydow am Anfang einer sich über zwei Jahrzehnte hin präzisierenden, an fachlicher Expertise gewinnenden Beschäftigung mit den Afrika-Bestände deutscher Museen, insbesondere mit denen aus Kamerun in Berlin. Zwei monumentale Publikationen von Sydow werden bis heute in diesem Zusammenhang zitiert: „Die Kunst der Naturvölker und der Vorzeit“ von 1923 sowie das 1930 im Reimer Verlag publizierte „Handbuch der afrikanischen Plastik: Erster Band: Die westafrikanische Plastik“. Davor und danach publizierte Sydow eine lange Reihe von Aufsätzen in internationalen Zeitschriften sowie Monografien, in denen auch kamerunische Gegenstände sporadisch Erwähnung finden.“

Sydow war frühes NSDAP-Mitglied und konnte auf Kameraden in den Museen zurückgreifen:

„Dass „Die Kunst der Naturvölker“ und das „Handbuch der afrikanischen Plastik“, diese bis heute immer wieder zitierte Studien, aus der Feder eines Wissenschaftlers stammen, dessen Forschungen durch nationalsozialistische Netzwerke erleichtert, wenn nicht sogar ermöglicht wurden, mindert deren wissenschaftliche Qualität gewiss nicht. Doch ist gerade im Zusammenhang mit der Aufarbeitung afrikanischer Werke die Affinität eines Wissenschaftlers zur auf rassistische Diskriminierung und Vernichtung von »Anderen« ausgerichteten NS-Ideologie ein besonderer Umstand.“

Ich konnte anhand von Savoys Aufsatz mal wieder eine Mitgliedsnummer in der Wikipedia eintragen.

Wo wir gerade bei Savoy und der Wikipedia sind: Von heute bis Sonntag findet in Berlin ein Barcamp „Provenance loves Wiki“ statt. Die Eröffnungsdiskussion, an der unter anderem Savoy und die von mir sehr geschätzte Meike Hopp teilnehmen, kann ab 18.15 Uhr per Zoom verfolgt werden.

Und in Würzburg findet nächste Woche am Freitag und Samstag eine Ringvorlesung zum Thema Provenienzforschung statt. Auch dort ist einiges online mitzuverfolgen.

10. Januar 2024 – Dank und Verachtung

Kurz vor Silvester erreichte mich eine Mail einer Verlagsmitarbeiterin, die mich fragte, ob ich das Buch mit dem etwas umständlichen Titel „Der Gauleiter. Das Amt ‚Willkür‘. Adolf Wagner (1890–1944). Eine Biografie“ haben wolle, eine Dissertation von Brigitte Zuber. Ich freute mich sehr und bejahte, denn das Buch liegt seit einigen Wochen als Leihgabe meines ehemaligen Doktorvaters bei mir, was einerseits nett ist, weil es ich lesen kann, andererseits aber doof, weil ich nichts im Buch anstreichen kann. Gestern kam das Werk bei mir an – vielen Dank, ich habe mich sehr über die Nicht-Überraschung gefreut! Und gleich in ihr rumgemalt.

Mitarbeitende aller wissenschaftlichen Verlage – falls bei Ihnen noch ein Buch über München zur NS-Zeit rumliegt, dürfen Sie mir das gerne schicken. Echt! Überhaupt kein Problem!

Besprechung bei der SZ.

Durch mein gestriges Netz ging die Correctiv-Recherche zu einem Treffen der rechtextremen Szene, darunter auch Mitglieder der AfD. Selbst meine sonst unpolitische Insta-Timeline war voll mit Screenshots aus dem Artikel.

Sellner ergreift das Wort. Er erklärt das Konzept im Verlauf des Vortrages so: Es gebe drei Zielgruppen der Migration, die Deutschland verlassen sollten. Oder, wie er sagt, „um die Ansiedlung von Ausländern rückabzuwickeln“. Er zählt auf, wen er meint: Asylbewerber, Ausländer mit Bleiberecht – und „nicht assimilierte Staatsbürger“. Letztere seien aus seiner Sicht das größte „Problem“. Anders gesagt: Sellner spaltet das Volk auf in diejenigen, die unbehelligt in Deutschland leben sollen und diejenigen, für die dieses Grundrecht nicht gelten soll.

Im Grunde laufen die Gedankenspiele an diesem Tag alle auf eines hinaus: Menschen sollen aus Deutschland verdrängt werden können, wenn sie die vermeintlich falsche Hautfarbe oder Herkunft haben – und aus Sicht von Menschen wie Sellner nicht ausreichend „assimiliert“ sind. Auch wenn sie deutsche Staatsbürger sind. Es ist gegen die Existenz von Menschen in diesem Land gerichtet.

Das wäre ein Angriff auf das Grundgesetz – auf das Staatsbürgerrecht und auf den Gleichheitsgrundsatz.“

Oder anders: Die AfD hat sich die nächste Seite aus dem NS-Playbook durchgelesen. „Deutschland den Deutschen, und wer deutsch ist, bestimmen wir“ hat seit den Nürnberger Gesetzen Tradition.

Gegen ein Verbot dieser Partei gibt es ja gerne das Nicht-Argument „Wir lassen die mal regieren, dann entzaubern sie sich schon selbst.“ Jedem, der diesen Quatsch von sich gibt, möchte ich 33 bis 45 Kilo Geschichtsbücher an den Kopf werfen.

9. Januar 2024 – Milch und Brot

Schreibtischtag, Eichhörnchenhirn. Meh.

Ich lerne seit wenigen Wochen mit Duolingo Hebräisch. Dort gibt es einen Reiter für die üblichen Lektionen, aber auch einen, mit dem man nur die Buchstaben üben kann, die dann für größtenteils komplett sinnfreie Übungsworte zusammengestellt werden. Am Anfang haben mich die ganzen Punkte, Striche und Dinge, die wie Ts aussehen, wahnsinnig gemacht, weil sie manchmal einen Vokal darstellen (aber nicht immer denselben) und manchmal genau das Gegenteil (nach diesem Konsonant bitte keinen Vokal dazudenken). Aber man gewöhnt sich dann doch an diese lustigen Nupsis.

In den Lektionen stehen die Worte nun aber ohne diese Auszeichnungen, denn die werden nicht mitgeschrieben – nur in Kinderbüchern, wie mir jemand auf Masto erzählte. (Ich brauche Kinderbücher.) Man muss sich einfach merken, dass dieses Wort nach A klingt und dieses nach E. Die meiste Zeit liest Duolingo einem die Worte ja auch vor, sonst wäre ich völlig verloren. Aber im Übungsreiter, wo man alle Vokabeln nochmal auffrischen kann, die einem bisher in den Lektionen untergekommen sind, gibt es nur bei wenigen die Option, sie sich noch einmal anzuhören. Was mich jetzt genauso wahnsinnig macht wie vorher die Nupsis, weil ich mir nicht sofort alles merken kann bzw. gerne mal wieder vergesse.

Also bin ich inzwischen dazu übergegangen, neben dem trendy Handy noch meine guten alten Vokabelkarten zu nutzen, auf deren Vorderseite ich jetzt sehr krakelig hebräische Buchstaben male (Bambi learning to walk) und wo auf den Rückseiten nicht nur die hoffentlich korrekte Übersetzung steht, sondern auch lautmalerisch Dinge wie „chalav“ für „חלב“ (Milch). Das klingt so. Oder „lechem“ für „לחם“, was Brot bedeutet, das ich mir immer damit merke, dass es nicht Milch heißt, was für mich vom Klang her viel logischer wäre.

Die FAZ über die erste Gesamtausgabe von Marlen Haushofer, hier ohne Paywall: „Schrei nur, meine Tochter.“

„Es beginnt mit „Eine Handvoll Leben“ (1955), ihrem Debütroman, auf den „Die Tapetentür“ (1957) folgt, in welchem die Erzählerin zwischen Verdrängen und Erinnern oszilliert und auf die verschütteten Traumata der Nachkriegsgeneration anspielt. Dann schreibt sie „Die Wand“ und schließlich, dem Spätwerk zuzuordnen, ihren Kindheitsroman „Himmel, der nirgendwo endet“ (1966), der lähmende weibliche Sozialisation, Domestikation und letztlich Mortifikation durch die Erziehungsinstanz Mutter erzählt. Haushofers letzter Roman heißt „Die Mansarde“ (1969): Eine überangepasste Ich-Erzählerin akzeptiert darin die Vergeblichkeit aller Ausbruchbewegungen.

Wie bei Adorno gibt es auch bei Haushofer kein richtiges Leben im falschen. Die Ausbruchsversuche ihrer Protagonistinnen werden nie zu Erfolgsgeschichten. Im Gegenteil: Der Aktionsradius ihrer Figuren vom ersten bis zum letzten Roman nimmt kontinuierlich ab. Am Ende bleibt nur „Die Mansarde“, direkt über der Küche, um persönliche Bedürfnisse und Eigenheiten auszuleben. […]

Die Werkausgabe ist die zweite Wiederentdeckung der Autorin. In den Achtzigerjahren wurden ihre Romane von der Frauenbewegung entdeckt und darüber hinaus mit Blick auf atomare Aufrüstung und Weltuntergangsszenarien gelesen. Selten wies man darauf hin, dass sie, insbesondere in „Die Tapetentür“, auch über die unbewältigte NS-Vergangenheit schrieb, über eine Nachkriegsgeneration, die unter den Dogmen des Schweigens und Vergessens zu innerer Leblosigkeit erstarrt.“