9. Januar 2024 – Milch und Brot

Schreibtischtag, Eichhörnchenhirn. Meh.

Ich lerne seit wenigen Wochen mit Duolingo Hebräisch. Dort gibt es einen Reiter für die üblichen Lektionen, aber auch einen, mit dem man nur die Buchstaben üben kann, die dann für größtenteils komplett sinnfreie Übungsworte zusammengestellt werden. Am Anfang haben mich die ganzen Punkte, Striche und Dinge, die wie Ts aussehen, wahnsinnig gemacht, weil sie manchmal einen Vokal darstellen (aber nicht immer denselben) und manchmal genau das Gegenteil (nach diesem Konsonant bitte keinen Vokal dazudenken). Aber man gewöhnt sich dann doch an diese lustigen Nupsis.

In den Lektionen stehen die Worte nun aber ohne diese Auszeichnungen, denn die werden nicht mitgeschrieben – nur in Kinderbüchern, wie mir jemand auf Masto erzählte. (Ich brauche Kinderbücher.) Man muss sich einfach merken, dass dieses Wort nach A klingt und dieses nach E. Die meiste Zeit liest Duolingo einem die Worte ja auch vor, sonst wäre ich völlig verloren. Aber im Übungsreiter, wo man alle Vokabeln nochmal auffrischen kann, die einem bisher in den Lektionen untergekommen sind, gibt es nur bei wenigen die Option, sie sich noch einmal anzuhören. Was mich jetzt genauso wahnsinnig macht wie vorher die Nupsis, weil ich mir nicht sofort alles merken kann bzw. gerne mal wieder vergesse.

Also bin ich inzwischen dazu übergegangen, neben dem trendy Handy noch meine guten alten Vokabelkarten zu nutzen, auf deren Vorderseite ich jetzt sehr krakelig hebräische Buchstaben male (Bambi learning to walk) und wo auf den Rückseiten nicht nur die hoffentlich korrekte Übersetzung steht, sondern auch lautmalerisch Dinge wie „chalav“ für „חלב“ (Milch). Das klingt so. Oder „lechem“ für „לחם“, was Brot bedeutet, das ich mir immer damit merke, dass es nicht Milch heißt, was für mich vom Klang her viel logischer wäre.

Die FAZ über die erste Gesamtausgabe von Marlen Haushofer, hier ohne Paywall: „Schrei nur, meine Tochter.“

„Es beginnt mit „Eine Handvoll Leben“ (1955), ihrem Debütroman, auf den „Die Tapetentür“ (1957) folgt, in welchem die Erzählerin zwischen Verdrängen und Erinnern oszilliert und auf die verschütteten Traumata der Nachkriegsgeneration anspielt. Dann schreibt sie „Die Wand“ und schließlich, dem Spätwerk zuzuordnen, ihren Kindheitsroman „Himmel, der nirgendwo endet“ (1966), der lähmende weibliche Sozialisation, Domestikation und letztlich Mortifikation durch die Erziehungsinstanz Mutter erzählt. Haushofers letzter Roman heißt „Die Mansarde“ (1969): Eine überangepasste Ich-Erzählerin akzeptiert darin die Vergeblichkeit aller Ausbruchbewegungen.

Wie bei Adorno gibt es auch bei Haushofer kein richtiges Leben im falschen. Die Ausbruchsversuche ihrer Protagonistinnen werden nie zu Erfolgsgeschichten. Im Gegenteil: Der Aktionsradius ihrer Figuren vom ersten bis zum letzten Roman nimmt kontinuierlich ab. Am Ende bleibt nur „Die Mansarde“, direkt über der Küche, um persönliche Bedürfnisse und Eigenheiten auszuleben. […]

Die Werkausgabe ist die zweite Wiederentdeckung der Autorin. In den Achtzigerjahren wurden ihre Romane von der Frauenbewegung entdeckt und darüber hinaus mit Blick auf atomare Aufrüstung und Weltuntergangsszenarien gelesen. Selten wies man darauf hin, dass sie, insbesondere in „Die Tapetentür“, auch über die unbewältigte NS-Vergangenheit schrieb, über eine Nachkriegsgeneration, die unter den Dogmen des Schweigens und Vergessens zu innerer Leblosigkeit erstarrt.“

8. Januar 2024 – Meal Prep und Architektur

Steuer vom vierten Quartal 2023 vorbereitet und für die Steuerberaterin eingetütet. Hausaufgaben meiner Studierenden korrigiert. Das war’s. Mehr habe ich nicht geschafft. Der Unijob ist so dermaßen zeitaufwendig und unterbezahlt, aber wem sag ich das.

Dafür war der Late Lunch wieder ganz hervorragend. Ich habe mir zu Jahresbeginn einen veganen Meal Plan gegönnt, den meine Lieblings-Vegan-Bloggerin für recht wenig Geld anbietet. Bisher habe ich von ihrem Blog noch kein Rezept nachgekocht, das mir nicht geschmeckt hat, daher vertraue ich dem Angebot mal.

Generell mag ich Essenspläne überhaupt nicht, ich koche gerne nach Lust und Laune. In den letzten Monaten war ich aber im Kopf so müde, dass es kaum noch zu Neuem gereicht hat und das hat mich selbst genervt und frustriert und ich kann ja nicht ewig Käsebrot essen, wenn ich partout keine Lust auf gar nichts habe. Daher hoffe ich auf Inspiration und bessere Laune.

Die drei Gerichte des ersten Wochenplans haben schon mal voll ins Schwarze getroffen. Zuerst gab es einen Linseneintopf mit Pilzen und Palmkohl, vorgestern erfreute ich mich an cremiger Pasta mit Brokkoli und dazu einem Salat aus Fenchel, Rucola und Äpfeln, und gestern gab es eine Bowl mit Quinoa, den restlichen Linsen, dem restlichen Tofu-Ricotta, aus dem schon die Pastasauce geworden war, getoppt mit einer wilden Mischung aus Kürbiskernen, Koriandersamen, Panko und Chili, dazu eingelegte Jalapenos und Schalotten. Klingt vielleicht alles eher unspektakulär, hat mir aber sehr gut geschmeckt. Vermutlich weil in allem Miso und Knoblauch und Chili drin ist, was ja bekanntlich alles immer besser macht.

Mit den Rezepten bekommt man noch eine Einkaufsliste, entweder nach Supermarktkategorien oder nach Rezept geordnet. Die Rezepte in einer Woche sind so aufgebaut, dass mehrere Komponenten überlappen, man aber trotzdem nicht fünfmal Nudeln hintereinander hat because blergh and boring. Außerdem kann man einen großen Teil der Zutaten schon preppen, wie wir cool people sagen, zum Beispiel am Wochenende, und muss dann wochentags nur noch 30 Minuten am Herd stehen statt 60. Ich mag ja meal prep, ich werfe gern Dinge in Gastro-Container. Mein Schatz sind die Plastikboxen, die ich aus dem Sparkling Bistro habe, das zu Corona-Zeiten mal ein einziges Außer-Haus-Menü angeboten hat.

Die Rezepte sind mit wenigen Ausnahmen nicht auf dem Blog oder YouTube, aber selbst wenn: Dass mir jemand Rezepte raussucht und einen Einkaufszettel schreibt, ist Gold wert. Vor allem, weil ich gemerkt habe, dass ich so ziemlich alles eh im Haus habe. Palmkohl musste ich kaufen, Jalapenos, Fenchel und Kapern, Rest war da.

Nicht ganz so optimal für mich ist, dass die Rezepte immer für vier Personen sind. Ich könnte alles halbieren und hätte dann sechs Mahlzeiten, aber mich langweilt es, mehrfach in der Woche haargenau dasselbe zu essen. Also viertele ich, was geht (den Tofu-Ricotta zum Beispiel konnte ich nur halbieren) und nutze die wenigen Reste für neue Gerichte oder greife an den Tagen, für die ich kein Rezept habe, auf meine Klassiker zurück. Frühlingszwiebel-Pfannkuchen oder scharfen Tofu kann ich nämlich doch dauernd essen.

Andrea Diener schreibt einen Newsletter zu Street Photography.

Mike Novotny über politisch motiviertes Architekturgemecker: „Warum sich rechte Gruppen plötzlich mit Architektur beschäftigen“.

„Ganz weit vorn: @culture_crit, eine Million Follower. Barocke Skulpturen, Opernhäuser, Kathedralen, dazu Bibelverse und Sprüche wie “Architektur und Kunst sollen Ehrfurcht erzeugen”. Bauten der Moderne fehlen ebenso wie die gesamte arabisch-islamische Kultur. Der Gipfel menschlichen Schaffens, wird deutlich suggeriert, sei ausschließlich der westlichen Kultur zu verdanken, insbesondere gottesfürchtigen Männern, deren Hände heroisch Stein auf Stein schichteten. […]

Was ist das Problem daran? Zum einen, dass es so etwas wie “klassische” und “traditionelle” Architektur nicht gibt. Unterschiedlichen Baustilen liegen unterschiedliche Haltungen zugrunde. Gotik, Barock und Historismus durchliefen Phasen, in denen sie als hässlich galten, und die anonyme Alltagsarchitektur ist ein ganz eigenes Kapitel. Die Boulevards von Paris und das Wien der Gründerzeit zerstörten die Stadt des Mittelalters und Biedermeiers, waren also im Grunde antitraditionell. Der sich als modern verstehende Otto Wagner hätte sich gegen eine Einordnung als Traditionalist mit Händen und Füßen gewehrt.

Auch die Moderne lässt sich nicht in einen Topf werfen: Die Massenproduktion des Bauwirtschaftsfunktionalismus, der bildhauerische Brutalismus, die bunt-verspielte Postmoderne, der wilde Dekonstruktivismus, das regionale Bauen oder der Holzbau haben nur wenig gemeinsam. Auch die Kritik an der Moderne und dem städtebaulichen Kahlschlag der Nachkriegszeit ist bereits 50 Jahre alt.

Sich im Jahr 2024 an Le Corbusier, Mies van der Rohe und dem Bauhaus abzuarbeiten und Barrikaden an Frontlinien aufzustellen, die längst obsolet sind, ist, als würde man heute noch Beethoven gegen “langhaarige Beatmusiker mit Stromgitarren” ausspielen. Fast könnte man den Eindruck gewinnen, dass sich manche Rebellen gar nicht wirklich für Architektur interessieren.“

Sondermention für diese zwei schönen Sätze:

„Doch die Kritik an der Banalität des gebauten Alltags beschränkt sich meist auf das Einsortieren der gesamten Baugeschichte in zwei Töpfe: traditionell und modern. Befeuert von einem Grundton aggressiver Dauererregung: Menschen schreien Fotos im Internet an.“

7. Januar 2024

Nach Anne Rabe las ich gestern in einem Zug die nächste Familiengeschichte durch, die ähnlich wenig gute Laune mitbringt, aber mir dafür ebenfalls sehr gut gefallen hat: Bov BjergsSerpentinen“ (2020, hier Kritiken beim Perlentaucher). Ich hatte 2018 beim Bachmann-Wettbewerb schon einen ersten Eindruck erhalten, aber damals war ich nicht in Stimmung für dieses Buch. Jetzt anscheinend schon. Eigentlich hatte es nach Seite 14 schon gewonnen:

„In der Ferne hörten wir die Autobahn. Ich wusste, wo sie verlief, doch wir konnten sie kaum erkennen. Tausende von Autowanderern in blitzeblanken Volkskraftwagen, die stolz vorüberrollten und hinaufblickten zur schönen, schönen Alb.

Ich sah eine Autobahn und dachte: Nazis.
Ich sah Gleise und dachte: Deportationen.“

Außerdem abends im Bett im Dos Passos weitergelesen. Mir war schon aufgefallen, dass das Buch nicht neu war und auch einige Unterstreichungen aufwies, aber dass das meine waren und ich das ganze Buch anscheinend bereits gelesen hatte, verstand ich erst, als ich Notizen am Seitenrand fand, die eindeutig meine Handschrift waren. Und die gingen bis zum Schluss.

Ich bin mir unschlüssig, ob ich das Buch ins Altpapier werfen sollte (Bücher mit meinen Anmerkungen und meinem Namen vorne drin lege ich nicht in den Hausflohmarkt) oder als Klassiker wieder ins Regal stellen sollte. Ein Klassiker, an den ich absolut null Erinnerung habe.

Ich habe nichts dagegen, Bücher aufzubewahren, obwohl ich sie nie (wieder) anfassen werde, ich wohne sehr gerne mit und zwischen ihnen, sie sind meine allerliebste Tapete. Aber ein Buch, das mir anscheinend total egal war? Hm.

6. Januar 2024

Feiertag, Lesetag. Das hatte ich natürlich mal wieder verschwitzt, dass in Bayern an diesem Samstag auch der Lieblingsbäcker nicht geöffnet hat, aber wenn ich mir meine Vorräte so anschaue, müsste ich davon drei Monate leben können.

Das nächste Buch nach „Die Möglichkeit von Glück“, das ich in einem Zug durchlas: Friedrich Anis „Letzte Ehre“. Von Ani stehen bei mir über zehn Bücher im Schrank, alle mit Kommissar Tabor Süden. Irgendwann hatte ich dann genug von deprimierten Kriminalern und vergaß Ani, aber seit einiger Zeit schreibt er anscheinend über eine weibliche Beamtin. „Letzte Ehre“ ist nicht das erste Buch in der Reihe mit Fariza Nasri, aber halt das erste, das mir in der Stadtbibliothek unterkam.

Ich haderte erneut mit Gewaltdarstellungen gegenüber weiblichen Körpern und Seelen, da half auch die weibliche Hauptfigur nicht und dass so ziemlich alle Männer im Buch Unsympathen bis armselige Deppen sind. Aber wie immer bei Ani unwiderstehlich geschrieben, las sich in wenigen Stunden runter. Muss meinem Körper nach der Urlaubswoche nun wieder antrainieren, nicht mehr einfach weiterzulesen, auch wenn es weit nach Mitternacht ist.

Dass Rebekka Habermas im Dezember verstorben ist, erfuhr ich erst heute durch den wie immer empfehlenswerten Newsletter von Nils Minkmar. Ich lege euch ihr Buch „Frauen und Männer des Bürgertums. Eine Familiengeschichte (1750–1850)“ ans Herz, aus dem ich viel über das 19. Jahrhunderts gelernt habe, das uns auch heute noch in unseren Geschlechtervorstellungen im Hinterkopf sitzt. (Scan, Perlentaucher)

Minkmar schrieb den Nachruf in der SZ, aus dem ich den Kampfruf „Ab ins Archiv“ mitnehme. Wobei ich mir den auch schon vorher aufs Kissen hätte sticken können. Das ist vermutlich für mich das größte Geschenk, das ich aus dem Studium mitgenommen habe: wie spannend und aufschlussreich Archivarbeit ist und dass man mit immer neuen Fragen in den Kisten wühlen darf und sollte.

5. Januar 2024

Das erste Mal die neue Jahreszahl geschrieben, muss die 4 noch üben, vorne im ersten ausgelesenen Buch des Jahres, „Die Möglichkeit von Glück“ von Anne Rabe. Große Empfehlung; hat mir in seiner Mischung aus Roman, Essay und Dokumentation sehr gefallen.

Im Buch geht es zunächst um die eigene (fiktive?) Familiengeschichte, dann weitet sich der Blick aber auf die NS-Zeit, die der DDR und die der Wiedervereinigung, welche Wunden und Narben ein bis drei Generationen mit sich herumtragen und wie sie damit umgehen.

Dazu passt der Text von Max Czollek gut, der sich mit dem „Versöhnungstheater“ von Bundesrepublik und DDR beschäftigt: „Deutsche Erinnerungskultur. Vom Ausbleiben der Selbstkritik“. (Via @teresabuecker@social.dev-wiki.de)

„Die zweite Einsicht über die Grenzen der Erinnerungskultur wuchs über den Sommer 2023, als die Alternative für Deutschland (AfD), die ein völkisches Weltbild vertritt und vom Verfassungsschutz in mehreren Bundesländern als gesichert Rechtsextrem eingestuft wird, sich bei deutschlandweiten Wahlumfragen bei über zwanzig Prozent Zustimmung festsetzte. Es wäre zu erwarten gewesen, dass diese Situation zu einer Infragestellung der deutschen Erzählung von der eigenen Aufarbeitung geführt hätte – ob nun der westdeutschen Vorstellung von einer bürgerlichen Mitte als Garant für die plurale Demokratie oder der ostdeutschen Erzählung vom Antifaschismus als ideologische Verkörperung eines Nie Wieder. Diese Krise des durch der erinnerungskulturellen Selbstbilder blieb weitgehend aus. Auf die Spitze brachte es Markus Söder, der gerade noch seinen Vizechef Hubert Aiwanger für sein antisemitischen Flugblatt entschuldigt hatte und wenige Wochen darauf der jüdischen Gemeinschaft in der Jüdischen Allgemeinen Zeitung mit großer Anzeige zum Neujahrsfest Rosh Hashana gratulierte. Dieses Fehlen jeglicher Selbstkritik verweist auf die Grenzen der deutschen Erinnerungskultur. Es unterstreicht auch eine ihrer zentralen Funktionsweisen: dass sie aktuell weitgehend unabhängig von der Realität stattfindet, die sie umgibt.

Und das ist keine neue Entwicklung, sondern war eigentlich schon immer so.“

In diesem Zusammenhang ein Beitrag von Thomas Stadler, der das Nicht-Verbot der NPD mit der heutigen Situation vergleicht: „AFD-Verbotsantrag jetzt?

„Für die Frage, wann eine Partei die Voraussetzungen von Art. 21 Abs. 2 GG erfüllt, muss man sich zunächst damit beschäftigen, was das BVerfG überhaupt unter dem Begriff der freiheitlich demokratischen Grundordnung versteht. Das Bundesverfassungsgericht meint damit nicht das gesamte Grundgesetz, sondern vielmehr nur zentrale Grundprinzipien, die für den freiheitlichen Verfassungsstaat schlechthin unentbehrlich sind.

Das ist in erster Linie die Würde des Menschen (Art. 1 Abs. 1 GG). Die Garantie der Menschenwürde umfasst insbesondere die Wahrung personaler Individualität, Identität und Integrität sowie die elementare Rechtsgleichheit.

Außerdem betrachtet das Gericht das Demokratieprinzip und das Rechtsstaatsprinzip als elementar. Die Menschenwürde als zentraler und elementarer Wert unserer Verfassung, weist auch den Weg zur verfassungsrechtlichen Bewertung der AfD. […]

Ob die Stellung eines Verbotsantrags politisch klug ist, kann man sicherlich diskutieren. Denn das Verfahren wird Jahre dauern und die AfD wird diese Phase nutzen, um sich noch stärker als Opfer eines Systems der „Altparteien“ zu inszenieren, die nur einen unliebsamen Kontrahenten loswerden wollen. Der Ansatz, man müsste die AfD ausschließlich politisch bekämpfen, hat daher sicherlich seine Berechtigung.

Andererseits stellt sich die Frage, ob uns die Verfassung nicht sogar den Auftrag erteilt, ihre Feinde mit denjenigen juristischen Mitteln zu bekämpfen, die sie selbst bereitstellt.“

4. Januar 2024

Den Weihnachtsbaum abgeschmückt, drei Lichterketten und (geschätzt) fünfzig Kugeln wieder in ihre jeweiligen Behältnisse und diese dann in inzwischen zwei Umzugskisten gepackt, das ist über die letzten Jahre auch irgendwie eskaliert. Ich kann den Baum in so ziemlich jeder Farbkombination schmücken – in diesem Jahr war es rot, pink, violett –, aber immer wenn ich dann in der alten Heimat den Baum mit Dingen behänge, denke ich, ach, so rot-gold isses doch am schönsten. Werde mir das für das nächste Jahr vormerken.

Anschließend den Baum an die nächstgelegene Ablagestelle geschleppt, an der man eigentlich erst ab dem 6. Januar Bäume hinterlassen soll, aber mein Baum war der ungefähr dreißigste, weswegen mein schlechtes Untertanengewissen beruhigt war.

Lecker Reste-Süppchen mit Gelbe-Bete-Chips gekocht und einen langen Mittagsschlaf gemacht. Diese Woche ist noch selbstverordneter Urlaub angesagt, weil ich gerade im letzten Viertel von 2023, das bis auf wenige lange Wochenenden quasi urlaubsfrei und außerdem unerwartet anstrengend gewesen war, gemerkt habe, dass es nicht mehr viel braucht, um mich zum Weinen oder Schreien zu bringen. Daher jetzt: nicht am Schreibtisch sitzen, nicht nachdenken, nur Romane lesen und Zeitung und Netflix gucken und Reste wegkochen.

Durch ein 25-Euro-Lockangebot auf Insta bin ich wieder für ein halbes Jahr FAZ-Abonnentin, dieses Mal aber nur digital. Wenn in der FAZ das Wort „gendern“ in der Überschrift auftaucht, weiß man eigentlich, dass man den Text nicht lesen sollte. Diesen Artikel (Bezahlschranke, auf archive ohne) fand ich dann aber doch bis auf kleine Ausreißer recht ausgewogen. Es geht darum, dass auch das mächtige Bayern das böse Gendern nicht verbieten kann. Es kann höchstens, wie schon Sachsen, Sachsen-Anhalt und demnächst Hessen, darauf hinweisen, dass die Sternchen, Unterstriche und ähnliches nicht in der Rechtschreibordnung stehen und an die habe man sich zu halten.

„Angesprochen auf ein „Gender-Verbot“ kommt aus dem sachsen-anhaltischen Bildungs­ministerium jedoch eine einigermaßen schmallippige Antwort: „Das in der medialen Berichterstattung immer wieder erwähnte ,Gender-Verbot‘ an Sachsen-Anhalts Schulen trifft so nicht zu.“

Es sei im Schulleiterbrief zum Schuljahresbeginn lediglich „ein klarstellender Hinweis“ ergangen, „dass Sonder­zeichen wie Asterisk, Gender-Gap oder Doppelpunkt nicht Teil des amtlichen Re­gelwerks der deutschen Rechtschreibung (Duden) sind, und dass sich das Ministerium für Bildung Sachsen-Anhalt an die Empfehlungen des Deutschen Rechtschreibrates vom 14. Juli 2023 hält“, teilt der Sprecher des Ministeriums mit. Man komme damit dem „vielfachen Wunsch aus Schulen und Lehrkräfte-Kollegien nach, für Klarheit zu sorgen“.

Der Rechtschreibrat hatte zuletzt eine „geschlechtergerechte“ Sprache befürwortet, Gender-Zeichen im Wortinneren aber nicht „empfohlen“; eine abschließende Entscheidung darüber wurde vertagt, da man die Entwicklung weiter beobachten wolle.

Auch in Sachsen weiß man nichts von einem Gender-Verbot. „In Sachsen gibt es kein ‚Gender-Verbot‘, sondern Rechtschreibregelungen“, heißt es ebenfalls auf F.A.Z.-Anfrage aus dem dortigen Kultusministerium. Eine gendergerechte Sprache werde vom Ministerium aber ausdrücklich befürwortet. Genannt werden dafür Paarbildungen wie Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer oder auch geschlechtsunabhängige Formulierungen wie „Lehrkräfte“. […]

Was heißt das nun für das von Söder geplante „Gender-Verbot“ in Bayern? Und kann man das Gendern überhaupt noch verbieten? „Es ist de facto schon verboten, denn das amtliche Regelwerk der deutschen Sprache ist für uns verbindlich“, sagte dazu der Sprecher des bayerischen Kultusministeriums der F.A.Z. In dem von den Freien Wählern geführten Ressort stieß Söders Ankün­digung auf Befremden. Kultusministerin Anna Stolz teilte mit, man habe erst im Sommer die Schulaufsichten abermals darauf aufmerksam gemacht, dass nach den Regeln der Amtlichen Rechtschreibung zu unterrichten sei; das gelte auch für das Unterrichtsgespräch.

Lehrpläne und Lehrmittel seien „eindeutig auf das Amtliche Regelwerk ausgerichtet“, hieß es in einem Schreiben des Ministeriums an die Schulaufsichten im vergangenen Juli. Lehrer sollten demnach nicht gendern, und Schüler dürften nicht dazu gedrängt werden. Das Ministerium sehe darum derzeit keinen Handlungsbedarf, werde aber prüfen, ob weiterer Änderungsbedarf bestehe. […]

Die Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV) und stellvertretende dbb-Bundesvorsitzende, Simone Fleischmann, hingegen ist überzeugt, dass die Diskussion nicht mehr zurückzudrehen ist: „Was hier diskutiert wird, ist Spiegel einer gesamt­gesellschaftlichen Entwicklung. Die jungen Leute wollen, dass Diversität abgebildet wird“, sagte sie der F.A.Z. Jedes Kollegium denke zurzeit darüber nach, wie Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte und Eltern angesprochen werden sollten; „Angesagte“ Lehrkräfte seien in den Augen der Kinder und Jugendlichen oft gerade diejenigen, die gendern.

Für bestimmte Personen, beispielsweise ältere Menschen, sei das Gendern natürlich schwierig und gewöhnungsbedürftig, gibt Fleischmann zu. Ein Verbot werde aber ihrer Meinung nach vor allem bei den Lehrkräften auf Unverständnis und Widerstände stoßen. „Lehrkräfte haben und beanspruchen für sich die pädagogische Kompetenz, mit den Themen und den Fragen der Schülerinnen und Schüler angemessen umgehen zu können und diese im Rahmen angemessener Freiräume zu moderieren. Diese Freiheit ist enorm wichtig, und das wollen sie sich auch nicht verbieten lassen.““

Kleine Anmerkung: In Nordrhein-Westfalen, wo ich derzeit an der Uni unterrichte, gab es Rundmails, in denen Gendern als zeitgemäß erwähnt wurde; man möge auf geschlechtergerechte Sprache achten. Wie man das mache, also zum Beispiel durch „Schülerinnen und Schüler“ oder „Schüler*innen“, sei den Lehrenden überlassen.

Noch eine Anmerkung: Die Stadt München nutzt die Sternchen ganz offiziell in ihrer Kommunikation im Internet, so zum Beispiel das Lenbachhaus als Städtische Galerie auf seiner Website. Da bin ich jetzt doch gespannt, ob die Kommune sich das verbieten lassen wird.

3. Januar 2024

Es mussten ein paar Bücher in die Unibib zurück. Und weil ich schon mal dort war, schaute ich mir gleich noch interessiert die Ausstellung „Ingolstadt Landshut München. Stationen einer 550-jährigen Bibliotheksgeschichte: Die UB der LMU München 1473–2023“ an.

Zwei der drei zurückgegebenen Bücher lieh ich mir zuhause sofort wieder aus, die brauche ich derzeit dauernd, will sie aber nicht kaufen (beide jeweils knapp 40 Euro, verdammte Wissenschaft).

Danach marschierte ich zur Packstation, wo ein freundliches Geschenk auf mich wartete. Vielen Dank an Christin für Anne Rabes „Die Möglichkeit von Glück“. Das versuche ich seit Monaten aus der Stadtbibliothek zu leihen, es ist aber nie da. Vor wenigen Tagen konnte ich es immerhin als E-Book für März vormerken. Das kann ich nun schön wieder löschen, denn nun habe ich es sogar auf Papier. Vielen Dank für die Überraschung, ich habe mich sehr gefreut! Und etwas ungeplant bis halb zwei Uhr nachts gleich mal die ersten 165 Seiten gelesen.

Direkt nach der Packstation schaltete ich mein Hirn ab und ging bei der Stadtbücherei vorbei, nur mal gucken, ich habe ja gerade nichts zu lesen. Dass ich das doch hatte, merkte ich erst, als ich drei neue Bücher zum gerade abgeholten Bücherpäckchen im Rucksack steckte.

Abends erreichte mich eine Reply auf Mastodon, die mich für eine Stunde in ein Kaninchenloch schickte. Mercedes-Benz macht seit Jahrzehnten Werbung damit, dass sie das Auto erfunden haben. Anscheinend gab es aber einen jüdischen Ingenieur, der zumindest Komponenten eines Fahrzeugs schon vor ihnen … genutzt? patentiert? hat. Und ebenfalls anscheinend gab es eine Anweisung aus dem Reichsministerium für Propaganda, dass dieser Herr, Siegfried Marcus, ab 1940 nicht mehr im Brockhaus oder in Meyers Konversationslexikon als Erfinder des Autos geführt werden solle, sondern die Herren Daimler und Benz.

In einer Stunde Googeln und Suchen beim Bundesarchiv konnte ich das Schreiben aus dem Ministerium nicht verifizieren; es wird überall im Kaninchenloch online zitiert, auch in der Wikipedia, aber niemand gibt eine Archivsignatur an, was mich etwas misstrauisch macht. Das Technische Museum in Wien bewahrt den sogenannten Marcus-Wagen auf und setzt sich im kurzen Text zum Objekt mit vielen der Fragen auseinander. Im Eintrag zum Benz’schen Motorwagen „Modell I“ wird die Kontroverse auch erwähnt; anscheinend hatte das Technische Museum den Marcus-Wagen als „erstes Automobil der Welt“ ausgestellt.

Die Lexika sind leider in den Ausgaben aus den 1930er Jahre nicht online, soweit ich das gesehen habe, was mich etwas irritiert hat, da war ich mir eigentlich sicher, dass ich sie als Scan irgendwo finde. Da muss ich wohl doch mal in die Bibliothek gehen, das interessiert mich jetzt doch, wie Marcus in den Lexika geführt wurde.

2. Januar 2024

Im NS-Dokuzentrum die Ausstellung „Wichtiger als unser Leben. Das Untergrund-Archiv des Warschauer Ghettos“ angeschaut bzw. eher durchgelesen. Sie läuft nur noch bis zum 7. Januar, also bitte noch schnell vorbeischauen. Oder das Storytelling online anschauen.

Am längsten habe ich vor diesen fünf Seiten gestanden.

Von der Yad-Vashem-Website:

„Dieses Dokument wurde von Oneg Schabbat erstellt. Es basiert auf dem Bericht von Szlama (Szlamek) Ber Winer (Pseudonym: Jakub Grojanowski), den die Nazis in Chełmno gezwungen hatten, Totengräberdienste zu verrichten. Es gelang ihm, aus dem Lager zu entkommen und das Warschauer Ghetto zu erreichen, wo Hersz Wasser und seine Frau Bluma, Mitarbeiter des Oneg Schabbat, Szlamas detailliertes Zeugnis über die Massenvernichtung von Menschen in Gaswagen in Chełmno niederschrieben.

Szlamek wurde im April 1942 in Zamość gefasst und in Bełżec ermordet. Dies war der erste Bericht über die Massenvergasung von Juden. Von diesem Zeitpunkt an änderte sich die Arbeit des Archivs: man begann jetzt auch, alle Informationen über den Massenmord zu sammeln, u.a. mit der Absicht, Beweismaterial für eine eventuelle Strafverfolgung der Täter nach dem Krieg zur Verfügung stellen zu können.“

Es waren schlichte Sätze im Dokument, die mich beschäftigten:

„Um die Lebensbedingungen in Kulmhof genau kennenzulernen, entsendeten sämtliche Gemeinden deutsche und polnische Boten. Diese sollten konkrete Nachrichten über Kulmhof bringen. Die erhaltenen Nachrichten hatten gleichen Wortlaut: die Juden werden im kulmhofer Schloss untergebracht, von wo sie nicht mehr herauskommen. Ins Schloss werden keine Lebensmittel gebracht. Die dortigen Bauern beobachten oft ein graues Lastauto, das mehrmals am Tag ins Schloss fährt und es verlässt und dann in die Lubrodzer Wälder fährt. Sie äusserten die Meinung, dass die Juden vergast werden. Man glaubte dem nicht und behandelte diese Nachrichten als ein Produkt bäuerlicher Phantasie.“

(1. Seite unten.)

1. Januar 2024

Ich lese gerade „Manhattan Transfer“ (1925) von Jon Dos Passos. Über ihn bin ich in Uwe Neumahrs „Das Schloss der Schriftsteller. Nürnberg ’46. Treffen am Abgrund“ gestolpert und mir fiel auf, dass ich noch nie etwas von ihm gelesen habe, „Transfer“ aber seit Ewigkeiten bei mir im Regal steht.

Ich bin erst zu einem Drittel durch, aber mir fallen des Öfteren Worte auf, die ich nicht kenne, oder Begrifflichkeiten, die sich verschoben haben. So nutzt eine Figur mal ein „cab“, und es hat ein paar Zeilen gedauert, bis ich gemerkt habe, dass damit kein Auto, sondern eine Pferdekutsche gemeint war. Was ein „cuspidor“ ist, konnte ich anhand des Kontextes erraten, habe es aber trotzdem einmal nachgeschlagen. Ebenfalls nachgeschlagen: „surface car“, eine Tram, im Gegensatz zu einer U-Bahn, die halt nicht auf der Oberfläche fährt. „Streetcar“ kannte ich, „surface car“ noch nicht.

31. Dezember 2023

Was schön war: ein paar Tage lang nichts zu tun außer sich um das Silvestermenü zu kümmern. Das stammte in diesem Jahr komplett aus Katharina Seisers Winter-Kochbuch, das ich sehr mag. Es gab Gänseleber-Süßweintörtchen, Rinderfilet im Blätterteigmantel mit Linsengemüse und Kürbispüree, als Nachtisch Lebkuchenmousse. Dazu buk ich zwei Brioches und setzte erstmals Rinderjus an; bisher hatte ich mich um diese Arbeit gedrückt, aber da der Schwager einen hervorragenden Jus zu Weihnachten serviert hatte, wollte ich es einmal ausprobieren. Also holte ich Knochen aus der Metzgerei, zerkleinerte Gemüse und ließ literweise Rinder- und Gemüsebrühe sowie Rotwein einkochen, und nach nur guten sechs Stunden hatte ich ein winziges Töpfchen gallertartiger Masse, die ich gestern nur aufwärmen musste.

Zum mitternächtlichen Anstoßen gab es den Lieblingschampagner plus Kaviar und nochmal Brioche. Wir entzündeten zwei Wunderkerzen auf dem Balkon, winkten den wenigen nicht auswärtig feiernden Nachbarn und begannen das neue Jahr mit einem herzhaften „Mir ist kalt, lass uns wieder reingehen“.

2023 revisited

(2022, 2021, 2020, 2019, 2018, 2017, 2016, 2015, 2014, 2013, 2012, 2011, 2010, 2009, 2008, 2007, 2006, 2005, 2004, 2003.)

1. Der hirnrissigste Plan?

Zu glauben, dass wir alle dasselbe Internet kennen.

2. Die gefährlichste Unternehmung?

E-Mails schreiben.

3. Die teuerste Anschaffung?

Zwei neue Billy-Regale mit Aufsatz fürs Arbeitszimmer, damit ich nicht weiter über Bücherstapel stolpere. Oder die drei Frühstücke in Amsterdam für F. und mich. Müssten ungefähr genauso viel gekostet haben, du schöne, überlaufene Touristadt.

4. Das leckerste Essen?

Der erste Krug-Champagner im Brothers. Der Oger-Champagner von Benoit Marguet im Waltz, von dem ich ernsthaft geträumt habe. Die zwei, drei Hellen mit Schwester und Schwager im Obacht. Alle Cocktails in der Bar Tantris. Der Volnay, mit dem uns das Tantris DNA ins Burgund schickte, aus dem wir nicht wieder herauskommen.

Der frittierte Blumenkohl in der Schreiberei. Alle Saucen im Tantris und im Tantris DNA. Jeder einzelne Gang bei Tohru und im Alois. Das Kaiseki-Menü im Masa in Frankfurt. Das vegetarische Menü im Flore in Amsterdam. (You had me at Kohlrabi.) Jede Erdnusssauce, die ich über meinen Gemüsereis geschlotzt habe. Das bei Niedrigtemperatur gegarte Rindfleisch, das der Schwager zu Weihnachten servierte.

5. Das beeindruckendste Buch?

Sachbuch:
– Anatol Regnier: Jeder schreibt für sich allein. Schriftsteller im Nationalsozialismus
– Gregor Hofmann: Mitspieler der „Volksgemeinschaft“. Der FC Bayern und der Nationalsozialismus
– Steffen Mau: Lütten Klein. Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft

Fiktion:
– Klaus Mann: Mephisto. Roman einer Karriere
– Colson Whitehead: The Nickel Boys
– Bernardine Evaristo: Girl, Woman, Other

6. Der ergreifendste Film?

Die Frage könnte ich auch mal streichen. Ich schaue kaum noch Filme, gehe quasi überhaupt nicht mehr ins Kino, weiß nicht mehr, was gerade angesagt ist. Ich gucke Serien, das war’s, gerne Altbekanntes, das nebenbei läuft. Ich merke da aber auch, dass sogar die Lieblinge mich nicht mehr so mitnehmen. Selbst „Masterchef Australia“, jahrelang ein Garant für gute Laune, war mir in diesem Jahr irgendwie egal.

Ich ersetze die Frage durch:

6. Was hast du 2023 gelernt?

Dass ein Job, der wie ein Traum klingt, nicht immer ein Traumjob sein muss. Dabei aber auch festgestellt, dass ich bisher von dieser Erkenntnis verschont wurde, das ist ja auch mal schön, das zu merken. Dass unverhofft Pläne um die Ecke kommen, von denen ich nicht mal wusste, dass ich sie habe, weil ich mit Menschen geredet habe anstatt alleine auf dem Sofa vor mich hinzuhadern. Dass ich nie genug Bücherregale haben werde. Okay, das wusste ich vermutlich schon vor diesem Jahr.

7. Die beste Musik?

Die 80er-Jahre-Playlist, die ich auf dem Weg von Düsseldorf nach Hause immer höre.

8. Das schönste Konzert?

Moderne Musik mit „Der gelbe Klang“, Mahlers 2. Sinfonie in der Isarphilharmonie, natürlich die Wiener Philharmoniker, vor allem weil Dvořák, Daniil Trifonov und Igor Levit, beide eine Liga für sich und doch absolut unterschiedlich. Aber eigentlich ist jedes Konzert mit F. toll, weil wir meist über Neues sprechen können und manchmal, nur manchmal, danach noch irgendwo auf ein bis fünf Getränke einkehren.

9. Die tollste Ausstellung?

Die ständige Sammlung im Dresdner Albertinum hat mir sehr gefallen, wobei ich mich da auf meine Zeit (20. Jahrhundert) beschränkt habe. Ignacio Zuloaga in der Kunsthalle. Charlotte Salomon und Turner im Lenbachhaus mochte ich sehr, das kann aber auch daran liegen, dass ich gerade bei Salomon dauernd unten war, weil’s halt ging, einfach in der Mittagspause kurz rein. In Amsterdam waren wir für Vermeer, das war schön, aber noch mehr beeindruckt hat mich Keith Harings „Amsterdam Notes“, das nach Jahrzehnten mal wieder im Stedelijk hing. „(K)ein Puppenheim“ im Münchner Stadtmuseum war wild und bunt und zu groß, hat mich aber gut unterhalten. Porzellan im Zwinger geht immer, genau wie die Moritzburg in Halle, wo die Dauerausstellung zum 20. Jahrhundert zu meinen liebsten gehört. Geht da mal hin! Und ins Stadtmuseum Kaufbeuren, da kann man dauernd Dinge hochheben, aufdecken, an Zeug ziehen, Knöpfchen drücken und überhaupt ist das dort alles eine totale Entdeckungsreise. Vorsatz fürs nächste Jahr: öfter in Stadtmuseen gehen. Gibt ja genug davon.

10. Die meiste Zeit verbracht mit …?

… mir und dem Nachdenken darüber, wie ich in diese Welt passe.

11. Die schönste Zeit verbracht mit …?

… backen und kochen und essen und Wein trinken. Das ist meine Komfortzone und aus der muss ich mal so überhaupt gar nicht raus.

12. Vorherrschendes Gefühl 2023?

Hä, was?

13. 2023 zum ersten Mal getan?

An einer Universität gelehrt. In einem Museum gearbeitet. Einen Forschungsantrag … fast fertig ausformuliert; hier hätte ich gerne „abgeschickt“ eingetragen, aber ich bastele lieber noch ein paar Wochen. Eine Fortbildung zu Provenienzforschung absolviert. In Sterneläden den Wein flaschenweise geordert und nicht mehr gläserweise. Champagner auch. Ein armenisches Kochbuch besessen. Koriander in Bohnensalat geworfen. Die guten weißen Stoffservietten im Alltag benutzt, denn wozu habe ich sie sonst, mache ich mit dem Silber ja auch. Hebräisch gelernt. Meinen Patenonkel beerdigt.

14. 2023 nach langer Zeit wieder getan?

Wochenlang nicht gebloggt. Zweimal erkältet gewesen (immer noch kein Covid gehabt, darf gern so bleiben, es ist inzwischen pure Glückssache, glaube ich, trotzdem: Tragt Masken). Regelmäßig Romane aus der Stadtbibliothek geliehen anstatt sie zu erwerben. Eine KZ-Gedenkstätte besucht. Vorstellungsgespräche gehabt. Festangestellt gewesen. Geflogen (erstmals nach März 2020). In Berlin, Amsterdam, Düsseldorf und Dresden gewesen. Dafür nach Jahren regelmäßiger Besuche mal nicht in Wien, das fehlt total.

15. Drei Dinge, auf die ich gut hätte verzichten können?

[Kann ich hier nicht schreiben 1]. [Kann ich hier nicht schreiben 2]. Selbstzweifel, schlaflose Nächte und überflüssige Tränen durch [Kann ich hier nicht schreiben 1 und 2].

Wasser im mütterlichen Keller zu Weihnachten.

Das Erstarken rechter und rechtsextremer Parteien in Deutschland und dass einige demokratischen Parteien gefühlt nur zugucken und manche Medien Öl ins Feuer gießen. Wie dünn muss das Drahtseil über dem Abgrund denn noch werden? (Ich habe wochenlang nicht gebloggt, hier liegen noch ein paar Metaphern und Verallgemeinerungen rum.)

16. Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte?

Mich selbst, dass Kapitalismus halt so funktioniert und ich gut gelaunt mitspielen muss, um nicht unter einer Brücke zu enden.

17. Das schönste Geschenk, das ich jemandem gemacht habe?

Das Mütterchen regelmäßiger anzurufen, auch wenn’s eigentlich gerade nichts zu erzählen gibt. Gibt es dann nämlich doch immer.

18. Das schönste Geschenk, das mir jemand gemacht hat?

Besuch von Schwesterchen und Schwager in München sowie alle Essens- und Konzerteinladungen durch F. Ich würde ohne ihn verhungern (naja) und verblöden.

19. Der schönste Satz, den jemand zu mir gesagt hat?

„Bei dir fühle ich mich sicher.“

20. Der schönste Satz, den ich zu jemandem gesagt habe?

„Danke für deine Hilfe.“

21. 2023 war mit einem Wort …?

Verwirrend.

What Anke ate in 2023

(2022, 2021, 2020, 2019, 2018, 2017, 2016, 2015, 2014, 2013, 2012, 2011, 2010)

Leseliste 2023

2022, 2021.

Bücher, die ich euch empfehlen möchte, haben einen Stern (kann man gut machen) oder zwei Sterne (kann man sehr gut machen).

1. Han Kang (Ki-Hyang Lee, Übers.): Die Vegetarierin *
Ein anstrengendes Frauenbild, was aber Sinn ergibt, denn genau das wird angeprangert. Faszinierend zu lesen, aber definitiv kein Gute-Laune-Buch.

2. Max-Jacob Ost: Aus Liebe zum Spiel. Uli Hoeneß, das Geld und der deutsche Fußball **
Auch wenn man sich wie ich null für Hoeneß interessiert, sehr spannend und lesbar. Viel über die Bundesliga und ihre Entwicklung in den letzten 50 Jahren gelernt.

3. Don DeLillo: White Noise *
Erste Hälfte fand ich großartig, auch die Schilderung des Chemieunfalls und die unmittelbaren Folgen auf einzelne Figuren. Dann glitt es für mich ab in zu viel Gequatsche und ab da hatte mich das Buch verloren. Die letzten 40 Seiten quergelesen.

4. Barbara Bloemink: Florine Stettheimer. A Biography *
Bisschen viel erklärbärig, was die Werkbeschreibungen angeht, zu viel Poesie. Aber: tolle Abbildungen, schöner Gesamtbogen.

5. Karl Jakob Hirsch: Kaiserwetter *
Schöne moderne Sprache (1931), leider aber, wie zu erwarten gewesen war, zu viele männliche Figuren. Mich hätten ein paar der Damen mehr interessiert, die einfach so aus dem Plot fielen.

6. David de Jong (Michael Schickenberg/Jörg Pinnow, Übers.): Braunes Erbe. Die dunkle Geschichte der reichsten deutschen Unternehmerdynastien *
Spannend erzählt, mir manchmal zu journalistisch und zu wenig akademisch-historisch, aber das will das Buch ja auch gar nicht sein. Macht logischerweise nie gute Laune.

7. Joseph Roth: Die Kapuzinergruft **
Roth halt. Roth geht immer.

8. Anatol Regnier: Jeder schreibt für sich allein. Schriftsteller im Nationalsozialismus **
Bin über den maskulinen Untertitel gestolpert, konnte aber befriedigt feststellen, dass es auch Schriftstellerinnen gab, mit denen es sich zu beschäftigen lohnt. Sehr lesbares Kompendium, sehr viele Schlaglichter, sehr viele Fäden, die man auch nach dem Buchende verfolgen möchte.

9. Margret Greiner: Charlotte Salomon *
Nerviger Stil, zu viel Roman, trotzdem die Geschichte mitgenommen, lese aber doch deutlich lieber Sachbücher zu Künstler*innen.

10. Joseph Roth: Die Legende vom heiligen Trinker **
Roth halt. Roth geht immer.

11. Hans Fallada: Der Trinker **
Fallada halt. Fallada geht immer.

12. Sayaka Murata (Ursula Gräfe, Übers.): Das Seidenraupenzimmer **
Von Murata hatte ich im letzten Jahr Die Ladenhüterin gelesen, was zu meinen Lieblingen gehörte. Das hier fängt etwas behäbig an und dreht dann völlig durch.

13. Clemens Meyer: Als wir träumten **
Die NZZ meinte, 300 Seiten zu lang, ja, vielleicht, aber ich habe auch diese 300 Seiten gerne gelesen.

14. Benjamin von Stuckrad-Barre: Noch wach? *
In sich und die eigene Stimme total verknallt , aber dann doch so verführerisch runtergeschrieben, dass ich es in einem Zug durchgelesen habe.

15. Joseph Roth: Hiob **
Ihr wisst schon.

16. Anne Enright: The Green Road **
Verschiedene Personen erhalten verschiedene Stimmen, um sich im letzten Kapitel zusammenzufinden. Gerade das letzte Kapitel fand ich am beliebigsten, aber für alle anderen lohnt es sich.

17. Lipika Pelham: Jerusalem on the Amstel *
Sehr viel gelernt über die jüdischen Einwander*innen aus dem Spanien und Portugal der Inquisition und wie diese mithalfen, das Goldene Zeitalter der Niederlande zu begründen. Manchmal wiederholt sich einiges, manche Abzweigungen habe ich nicht verstanden. Trotzdem eine Empfehlung.

18. Jörg Johnen: Warhol und das schreckliche Kind **
Johnen erzählt, wie er als schwuler Mann in der alten Bundesrepublik aufwuchs und wie Kunst und Literatur ihn nicht am Leben verzweifeln ließen. Außerdem ein bisschen Kunstmarkttratsch. Runtergelesen.

19. Wolfgang Koeppen: Eine unglückliche Liebe *
Von Koeppen habe ich bisher alles verschlungen und geliebt, mit diesem schmalen Band von 1934 habe ich gehadert. Vielleicht weil es noch nicht nach dem Koeppen klang, den ich so mag.

20. Franny Moyle: Turner. The Extraordinary Life and Momentous Times of J.M.W. Turner **
Wurde mir von einer Kuratorin aus dem Lenbachhaus geliehen, weil ich für das Museum einen Newsletter und einen Blogeintrag über den Maler schreiben sollte. War manchmal sehr kleinteilig, was für die Kuratorin natürlich toll war, für mich, die eher einen Überblick suchte, der über die Wikipedia hinausgeht, war es irgendwann etwas zu viel. Trotzdem klare Empfehlung für alle, die mehr über den Maler wissen möchten.

21. Gregor Hofmann: Mitspieler der „Volksgemeinschaft“. Der FC Bayern und der Nationalsozialismus **
Große Empfehlung, nicht nur für Fans dieses Vereins. Ja, es geht um Fußball und Trophäen, aber noch mehr geht es um den nationalsozialistischen Staat bzw. die „Hauptstadt der Bewegung“ München und wie man sich beidem anpasst oder verweigert. Sehr detailreich und für ein wissenschaftliches Buch sehr lesbar geschrieben.

22. Michiko Aoyama (Sabine Mangold, Übers.): Frau Komachi empfiehlt ein Buch *
Keine große Literatur, aber ein charmantes kleines Buch, das mich ein paar Tage begleiten konnte. Ich habe die Story der Bibliothekarin, deren Buchempfehlungen weit mehr sind als nur Lesetipps, gerne verfolgt.

23. Alena Schröder: Bei euch ist es immer so unheimlich still **
An einem Vormittag runtergelesen. Wie Schröders erstes Buch sehr dicht geschrieben, wenn mir auch manche Klischees der Dorfbewohner*innen zu klischeeig geworden sind.

24. Klaus Mann: Mephisto. Roman einer Karriere **
Zu Recht ein Klassiker. Teilweise anstrengend, wenn es um Schilderungen einer Schwarzen Person geht, und dicke Menschen mochte Mann wohl auch nicht, aber das nehme ich in Kauf.

25. Ernst Wiechert: Das Totenhaus **
Wiechert war 1937 für einige Monate in Buchenwald interniert. Nach seiner Entlassung schrieb er den Roman Das einfache Leben, was ein großer Erfolg in Deutschland wurde, bevor er die Kraft hatte, im Totenwald über Buchenwald zu schreiben. Er vergrub das Manuskript; das Buch wurde erst 1946 veröffentlicht. Es kolportiert etwas Sprache und Inhalt der NS-Zeit, es hat kaum Abstand zu den Geschehnissen, wie denn auch, und das kann man ihm durchaus vorwerfen. Mich hat das Buch verstummen lassen. Absolute Empfehlung.

26. Colson Whitehead: The Nickel Boys **
Die Geschichte über einen Schwarzen Jugendlichen, der in einer Besserungsanstalt im Florida der 1960er Jahre landet, beruht auf einer wahren Begebenheit. Ähnlich hervorragend lesbar wie Whiteheads The Underground Railroad. Wichtige Details der Geschichte des Schwarzen Amerikas, die ich so noch nicht kannte oder wahrgenommen habe.

27. Ernst Wiechert: Das einfache Leben **
Überrascht gern gelesen und hier verbloggt.

28. Steffen Mau: Lütten Klein. Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft **
Sehr viel gelernt, sehr viel nachgedacht.

29. Bov Bjerg: Der Vorleser *
Schöne Grundidee, aber hört für mich irgendwie mittendrin auf. Trotzdem gern gelesen.

30. Michael Wildt: Die Ambivalenz des Volkes. Der Nationalsozialismus als Gesellschaftsgeschichte **
Aufsatzsammlung, weswegen sich manches wiederholt. Trotzdem sehr aufschlussreich.

31. Jörg Skriebeleit: Erinnerungsort Flossenbürg. Akteure, Zäsuren, Geschichtsbilder **
Sehr vieles über die Orte von Konzentrationslagern nach 1945 gelernt. Auch noch nie darüber nachgedacht, was nach der Befreiung mit diesen Stätten, Häusern, Geländen passierte.

32. Tobias Rüther: Herrndorf. Eine Biographie **
Viel über Herrndorfs Kunst erfahren, bevor es zur Literatur ging. Macht eine schöne Schleife ums Gesamtwerk.

33. Ina Seidel: Das Wunschkind *
Halb gelesen, halb quergelesen, weil man nach 300 Seiten irgendwann ahnt, wie es endet und das macht es dann nach weiteren 300 Seiten auch.

34. Wolfgang Herrndorf: In Plüschgewittern *
Klingt nach Anfang der 2000er, ist okay gealtert, aber mein Liebling von Herrndorf ist es nicht geworden. Und Anfang der 2000er kam halt auch Kracht, und von dem liebe ich alles.

35. Ernst Wiechert: Die kleine Passion *
Angelehnt an die Passion Jesu und ein bisschen zu sehr ins Leiden der Hauptfiguren verliebt. War mir fast unangenehm, ihnen beim Schmerz zuzusehen.

36. Wolfgang Herrndorf: Arbeit und Struktur **
Hätte ich mich an das Buch oder das Blog, das ich regelmäßig las, vor drei, vier Jahren erinnert, wäre mir Papas Zustand vielleicht verständlicher gewesen. Nach der Veröffentlichung hatte ich mich gefragt, wieso man das Blog als Buch rausgeben muss – jetzt weiß ich es: Es liest sich auf Papier, geringfügig lektoriert und vor allem mit einem Nachwort versehen, doch anders. Oder ich habe inzwischen viel dazugelernt, das mag auch immer sein.

37. Keiichirō Hirano (Nora Bierich, Übers.): Das Leben eines Anderen *
Tolle Idee, für mich zu schwafelig umgesetzt.

38. Matthew Perry: Friends, Lovers and the Big Terrible Thing *
Lag ewig auf der „Lese ich irgendwann“-Liste, dann las ich es an Perrys Todestag komplett durch. Hat mich in seiner Schonungslosigkeit und mit den ewigen Wiederholungserscheinungen seiner Sucht, der Perry nicht entrinnen konnte, etwas verstört. Goodbye, Mr. Bing. We’ll try to keep it down.

39. Bernardine Evaristo: Girl, Woman, Other **
Toller Stil, spannende Geschichte, mich hat das Buch sehr abgeholt und mir gesagt, dass ich nicht alleine bin.

40. Emma Cline: The Guest **
Mochte ich noch lieber als den Erstling The Girls von Cline. Ich fragte mich zwar zwischendurch, warum ich mich für die Hauptfigur interessieren sollte, aber genau das hat mich dann am Buch gereizt.

41. Gabriele Tergit: So war’s eben *
Anstrengend, weil kaum lektoriert, aber genau deshalb hat man die Möglichkeit, der Autorin sehr nahe zu kommen. Wenn man sich ein bisschen in der Zeit auskennt, kann man zwischen den Zeilen viel entdecken.

42. Christoph Zuschlag: Einführung in die Provenienzforschung **
Einführung halt. Kommt in das Fach mit den Überblickswerken.

43. Raphaela Edelbauer: Die Inkommensurablen **
Fing toll an, hing im Mittelteil etwas durch, hatte mich zum Schluss aber wieder. Eine wilde Mischung aus historischem Roman und totalem Spinnertum, was ich eigentlich überhaupt nicht mag, aber hier hat es funktioniert. Muss jetzt alles andere von Edelbauer lesen.

44. Uwe Neumahr: Das Schloss der Schriftsteller: Nürnberg ’46. Treffen am Abgrund **
Neumahr hangelt sich an der Chronologie der Nürnberger Prozesse entlang und schreibt über die Schriftsteller*innen, die den Prozess beobachteten. Jede*r kriegt ein Kapitel; manche habe ich verschlungen, andere waren mir im Nachhinein komplett egal. Trotzdem sehr interessiert gelesen.

Nicht beendet:
– Tom Drury: Hunts in Dreams. Will clever sein, nervt aber nur.
– Mithu Sanyal: Identitti. Zu drei Vierteln durchgehalten, obwohl ich es schon nach 100 Seiten weglegen wollte. Das Nachwort habe ich lieber gelesen als den Rest des Buchs. Identitätspolitik bleibt für mich eher ein Sachbuchthema.
– Charles Frazier: Thirteen Moons. Sein Cold Mountain fand ich großartig, das hier hatte mir zu viele Kerle, die mich nicht interessiert haben.

„In jener Zeit erließ Kaiser Augustus den Befehl an alle Bewohner seines Weltreichs, sich in Steuerlisten eintragen zu lassen. Es war das erste Mal, dass solch eine Erhebung durchgeführt wurde; damals war Quirinius Gouverneur von Syrien. So ging jeder in die Stadt, aus der er stammte, um sich dort eintragen zu lassen.

Auch Josef machte sich auf den Weg. Er gehörte zum Haus und zur Nachkommenschaft Davids und begab sich deshalb von seinem Wohnort Nazaret in Galiläa hinauf nach Betlehem in Judäa, der Stadt Davids, um sich dort zusammen mit Maria, seiner Verlobten, eintragen zu lassen. Maria war schwanger. Während sie nun in Betlehem waren, kam für Maria die Zeit der Entbindung. Sie brachte ihr erstes Kind, einen Sohn, zur Welt, wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Futterkrippe; denn sie hatten keinen Platz in der Unterkunft bekommen.

In der Umgebung von Betlehem waren Hirten, die mit ihrer Herde draußen auf dem Feld lebten. Als sie in jener Nacht bei ihren Tieren Wache hielten, stand auf einmal ein Engel des Herrn vor ihnen, und die Herrlichkeit des Herrn umgab sie mit ihrem Glanz. Sie erschraken sehr, aber der Engel sagte zu ihnen: „Ihr braucht euch nicht zu fürchten! Ich bringe euch eine gute Nachricht, über die im ganzen Volk große Freude herrschen wird. Heute ist euch in der Stadt Davids ein Retter geboren worden; es ist der Messias, der Herr. An folgendem Zeichen werdet ihr das Kind erkennen: Es ist in Windeln gewickelt und liegt in einer Futterkrippe.“ Mit einem Mal waren bei dem Engel große Scharen des himmlischen Heeres; sie priesen Gott und riefen: „Ehre und Herrlichkeit Gott in der Höhe, und Frieden auf der Erde für die Menschen, auf denen sein Wohlgefallen ruht.“

(Neue Genfer Übersetzung)

Ich wünsche euch allen ein friedliches, fröhliches, besinnliches, schönes, gesegnetes Weihnachtsfest. Danke fürs Lesen, auch wenn es derzeit eher mein Mastodon-Account ist.

Ein anderes Dankeschön …

… an eine*n unbekannte*n Schenker*in, denn dem geöffneten Bücherpaket lag kein Zettel mit Absender oder Grußbotschaft bei – ob das nun Absicht war oder der Zettel beim Transport verloren gegangen ist, kann ich leider nicht sagen. Aber immerhin ist das Buch unbeschadet bei mir angekommen, und ich kann nun „Deutschland aus jüdischer Sicht. Eine andere Geschichte vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart“ von Shulamit Volkov lesen (übersetzt von Ulla Höber). Vielen Dank für die Überraschung, ich habe mich sehr gefreut!

Nebenbei kann ich Volkovs hebräischen Namen schon ansatzweise in der Wikipedia entziffern; ich hatte vor wenigen Wochen die brillante Idee, mit Duolingo Hebräisch zu lernen. Mehr als die Hälfte des Alphabets kann ich noch nicht, aber das macht bisher großen Spaß. Und wenn man in der Provenienzforschung unterwegs ist, kann es (leider) nicht schaden, ein paar hebräische Buchstaben lesen zu können.

Edit, 30 Minuten nach Veröffentlichung: Schenkerin hat sich gemeldet. Internet ist super.